Vorwort
Der Pluralismus ist ebenso wie der Liberalismus ein entscheidendes Kennzeichen der Demokratie. Wie sie es schafft trotz der verschiedenen pluralistischen und liberalen Strömungen ihre Stabilität zu wahren, ist eine zentrale politische, philosophische und moralische Frage.
In der vorliegenden Arbeit soll RAWLS‘ Antwort auf diese Frage, die Konzeption des übergreifenden Konsenses, eruiert werden.
Den Schwerpunkt setze ich auf das Kapitel „Die Idee eines übergreifenden Konsenses“ seines Buches „Politischer Liberalismus“.
Nachdem ich sein Leben und die Bedeutung seines Werkes kurz vorstellen werde, möchte ich erklären, wie es überhaupt zu einem übergreifenden Konsens kommt, wie RAWLS diesen definiert und worin Unterschiede zu einem modus vivendi bestehen. Ein mir besonders wichtiger Teil dieser Arbeit ist der dritte Gliederungspunkt: „Der übergreifende Konsens zur Diskussion“, in dem ich RAWLS Konzeption analysieren werde.
Die Hausarbeit soll einen Überblick über RAWLS Idee schaffen, wichtige Aspekte klären und anregen sich weiter und tiefer mit der Thematik zu beschäftigen. In Anbetracht der Kürze der Arbeit können sich meine Ausführungen nur auf die wichtigsten Punkte RAWLS‘ Theorie beschränken und erheben in keinem Fall den Anspruch die gesamten Facetten des übergreifenden Konsenses widerzugeben. Auch die angeführte Kritik am Schluss wird nur Argumente und offene Fragen behandeln, die mir besonders interessant erscheinen und die ich hervorheben möchte.
1. John Rawls und die Bedeutung seines Werkes
1.1 John Rawls‘ Leben
John RAWLS muss den einflussreichsten Vertretern der liberalen politischen Philosophie zugeordnet werden. Die Harvard University bezeichnet ihren Emeritus im Nachruf als den “most important political philosopher of the 20th century”. 1
RAWLS wurde 1921 in Baltimore (Maryland, USA) in ein politisch aktives Elternhaus geboren. Während sein Vater als möglicher Kandidat für den Senat der Vereinigten Staaten galt, kämpfte seine Mutter für die Gleichberechtigung der Frau. In Princeton nahm er ein Philosophiestudium auf, das er 1950 mit der Promotion abschloss. Später lehrte er als Professor an der Cornell Universität in Ithaca (New York, USA) und am MIT in Cambridge (Massachusetts, USA) bis er 1961 an die Harvard University in Cambridge wechselte, an der er zuerst als Philosophieprofessor arbeitete. Als Nachfolger des Nobelpreisträgers Kenneth Arrow hatte er dort ab 1979 die Position eines Harvard University Professors inne. Im Alter von 81 Jahren verstarb RAWLS 2002 infolge mehrerer Schlaganfälle. 2
1.2 Die Bedeutung des Werkes „Politischer Liberalismus“
In die Ränge der wichtigsten Vertreter der politischen Philosophie stieg der Philosoph 1971 mit seinem Buch „Theorie der Gerechtigkeit“ auf und schuf die bedeutendste politische Theorie der Gegenwart. Die Arbeit widmet sich der Konzeption der Gerechtigkeit als Fairness und deren Prinzipien für eine gerechte Grundstruktur der Gesellschaft. Sein zweites Hauptwerk „Politischer Liberalismus“ von 1998 ist zur Basis der Debatte über die Grundlagen demokratischer Verfassungsstaaten geworden und erweitert das Konzept der Gerechtigkeit als Fairness unter anderem um das für liberale Gesellschaften wesentlich kennzeichnende Faktum des Pluralismus. 3
1 Vgl. Gewertz, Ken, 2002: John Rawls, influential political philosopher, dead at 81: Author of "A Theory of
Justice" was James Bryant Conant University Professor Emeritus, in
http://www.news.harvard.edu/gazette/2002/11.21/99-rawls.html, eingesehen am 01.05.2009
2 Vgl. Hinsch, Wilfried, 2002: Realistische Utopie des Liberalismus. Zum Tod des Philosophen John Rawls, in
http://www.nzz.ch/2002/11/26/fe/newzzD8ZT4QD5-12.html, eingesehen am 01.05.2009
3 Vgl. Hinsch, Wilfried, 2002: Realistische Utopie des Liberalismus. Zum Tod des Philosophen John Rawls, in
http://www.nzz.ch/2002/11/26/fe/newzzD8ZT4QD5-12.html, eingesehen am 01.05.2009
2. Was ist der übergreifende Konsens?
2.1 Vom Pluralismus zum übergreifenden Konsens
Der liberale, demokratische Staat zeichnet sich durch Grundwerte wie der freien Entfaltung der Persönlichkeit, Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz und Pluralismus der Meinung aus. Die Fülle der Rechte stellt hohe Anforderungen an die Gerechtigkeitskonzeption. Der neuzeitliche Pluralismus, also die ungleichen Weltanschauungen, entsteht durch die verschiedenen Menschen mit ihrem unterschiedlich kulturellen, religiösen, philosophischen und moralischen Hintergrund. In unserer Gesellschaft prallen die verschiedensten Ansichten aufeinander. Nur in wenigen Punkten haben wir, die Bürger, gleiche Ansichten. Selbst unsere sozialen Netze, wie berufliche Umgebung und unsere Freundeskreise, die aus Gleichgesinnten bestehen, sind durch Meinungsverschiedenheiten geprägt. Dass wir in moralisch wie politischen Fragen meist nicht zum gleichen Ergebnis kommen, ist nicht unbedingt Folge unserer Unwissenheit oder Boshaftigkeit, sondern es sind vielmehr vernünftige Meinungsverschiedenheiten, die für sich rechtfertigbar, aber dennoch nicht mit den anderen Haltungen vereinbar sind. 4
„Die Vielfalt vernünftiger umfassender [...] Lehren, die wir in modernen demokratischen Gesellschaften finden, [ist] kein vorübergehender Zustand [...], der bald verschwinden wird. Sie ist ein dauerhaftes Merkmal der öffentlichen Kultur einer Demokratie. Unter den durch die Grundrechte und Freiheiten freier Institutionen gesicherten Bedingungen wird immer eine Vielfalt konträrer und nicht miteinander zu vereinbarender [...] Lehren entstehen und bestehen bleiben, falls eine solche Vielfalt nicht bereits bestehen sollte.“ 5
Dieses Auseinanderklaffen unserer Anschauungen gefährdet aber in gewisser Weise unsere politische Stabilität und soziale Einheit. 6 Das gesellschaftliche System, unsere Grundstruktur, muss den Wandel der Zeit überdauern, darf nicht nach jeder Laune verworfen werden. Was nützt das scheinbar beste Gerechtigkeitsmodell, wenn es nicht dauerhaft ist? Ein wichtiges Merkmal eines konsensfähigen Systems ist nicht zuletzt, dass es stabil ist, um seinen Bürgern
4 Vgl. Wallner, Jürgen, 2001: Freiheit und Gerechtigkeit: Entwurf eines eschatologischen Liberalismus. Hamburg,
S.103
5 Rawls, John, 1998: Politischer Liberalismus (übersetzt von Hinsch, Wilfried). Frankfurt am Main, S.106
6 Vgl. Lütge, Christoph, 2007: Was hält eine Gesellschaft zusammen? Ethik im Zeitalter der Globalisierung.
Tübingen, S. 151
Arbeit zitieren:
Theresa Huber, 2009, John Rawls - Der übergreifende Konsens, München, GRIN Verlag GmbH
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