Inhaltsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis 2
Abbildungsverzeichnis 3
1 Einleitung 4
1.1 NPO und IT - nicht immer eine Liebesbeziehung 4
1.2 Entwicklung der Informationstechnologie 6
1.3 WfbMs - Außenseiter in der NPO Gemeinde 7
1.4 Auf dem Weg zur Partnerschaft 8
2 Untersuchungsschwerpunkte und Design der Arbeit 8
2.1 Fokus und Themeneingrenzung 9
2.1.1 Untersuchungsumfeld 9
2.1.2 Untersuchungsschwerpunkte 10
2.1.2.1 IT-Alignment in WfbM 10
2.1.2.2 IT-Staffing in WfbM 10
2.2 Datenerhebung 11
2.2.1 Datenquellen 11
2.2.2 Erhebungsmethode 11
2.2.3 Teilnehmerauswahl 11
2.2.4 Erhebungszeitraum 11
2.2.5 Gestaltung des Fragebogens 11
2.2.6 Rücklauf 12
2.2.6.1 Repräsentativität der Befragung 12
3 Auswertung 13
3.1 Struktur der untersuchten Einrichtungen 13
3.1.1 Alter und Standorte der Einrichtungen 13
3.1.2 Rechtsform und Träger 14
3.1.3 Unternehmensgröße 14
3.1.3.1 Zahl der Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung 15
3.1.3.2 Umsatz 15
3.1.4 Infrastruktur 17
3.2 IT-Alignment 18
3.2.1 IT-Infrastruktur 18
3.2.1.1 Arbeitsplatzarchitektur 19
3.2.1.2 Betriebssysteme 19
3.2.2 IT-Nutzung 20
3.2.2.1 Betriebswirtschaft und Buchhaltung 21
3.2.2.2 Planung und Steuerung 22
3.2.2.3 Interne und externe Kommunikation 26
3.2.2.4 Unternehmensdarstellung im Web 28
3.2.3 IT-Services und Outsourcing 29
3.2.4 IT-Kosten und Finanzierung 33
3.2.4.1 IT-Wartung und Modernisierung 33
3.2.4.2 IT-Refinanzierung 35
3.3 IT-Staffing 35
1
3.3.1 Einbindung der IT in die Organisationsstruktur 36
3.3.2 Stellenanteile und Personalkosten 38
3.3.3 Personalqualifikation 39
4 Zusammenfassung 41
4.1 Status quo 41
4.2 Ausblick auf die weitere Entwicklungen 42
4.2.1 Neue Kommunikationswege und Darstellung im Web 42
4.2.2 Refinanzierung der IT-Kosten 42
4.2.3 Personalstruktur und Qualifizierung 43
4.3 Weiterführende Fragestellungen 43
5 Schlussbemerkung 44
Literaturverzeichnis 45
Quellenverzeichnis 47
Glossar 48
Abstract 50
Anhang 51
Abkürzungsverzeichnis
AWO
Arbeiterwohlfahrt
BW
Betriebswirtschaft
CRM
Customer Relationship Management
DCV
Deutscher Caritas Verband
DRK
Deutsches Rotes Kreuz
EDV Elektronische Datenverarbeitung
(veralteter und zu enger Begriff für IT)
ERP
Enterprice Resource Planing
e.V.
Eingetragener Verein
ICNPO
International Classification of Non-Profit Organisations
IT
Informationstechnologie
LH
Lebenshilfe
MA
Mitarbeiter
MmB
Menschen mit Behinderung
NPO Non Profit Organisation
NPOs Non Profit Organisationen
PPS Produktionsplanung und -steuerung
SGB Sozialgesetzbuch
VoIP Voice over IP
VZÄ VollZeitÄquivalent (Umrechnung von Stellenanteilen auf Vollzeitstellen)
WCA Web Controlling und Analytics
WfbM
Werkstätten für behinderte Menschen
2
WfbMs
Werkstätten für behinderte Menschen (Plural)
WVO
Werkstattverordnung
WWW
World Wide Web
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1 Beschäftigte in NPOs nach Arbeitsgebieten
Abb. 2 Entwicklung der IT
Abb. 3 Stakeholder einer WfbM
Abb. 4 Organisationsgrad und Verteilung der WfbM in Deutschland
Abb. 5 Rücklauf: Regionale Verteilung
Abb. 6 Rücklauf: Einrichtungsgrößen nach Zahl der Beschäftigten
Abb. 7 Alter und Standorte
Abb. 8 Rechtsform und Träger
Abb. 9 Einrichtungsgrößen - Zahl der Arbeitsplätze
Abb. 10 WfbM Verteilung nach Umsatzvolumen
Abb. 11 Werkstattgröße und Umsatzvolumen
Abb. 12 Umsatzanteile WfbM
Abb. 13 Infrastruktur der WfbM
Abb. 14 Verteilung von Haupt- und Nebenwerkstätten in Deutschland
Abb. 15 IT-Plätze und Anbindungsquote
Abb. 16 Betriebssysteme
Abb. 17 Server Betriebssysteme in Unternehmen der Sozialwirtschaft
Abb. 18 IT-Nutzung nach Einsatzgebieten
Abb. 19 IT-Einsatz im Bereich Betriebswirtschaft und Buchhaltung
Abb. 20 Einsatz von Software zur Spendenverwaltung.
Abb. 21 IT-Nutzung in QM und ERP
Abb. 22 IT Nutzung in der Produktion
Abb. 23 Eingesetzte IT-Lösungen im Vergleich zum Umsatzanteil aus Produktionserlösen
Abb. 24 IT Nutzung im Rehabilitationsbereich
Abb. 25 Nachfrageentwicklung für Branchensoftware
Abb. 26 IT Nutzung im Bereich interne und externe Kommunikation
Abb. 27 Technikdistanziertheit in Deutschland
Abb. 28 Vielfalt elektronischer Wechselbeziehungen
Abb. 29 Unternehmensdarstellung im Web
Abb. 30 Zuordnung eines Webauftritts zu Web 2.0
Abb. 31 Nutzwert und Zieldefinition eines Webauftritts
Abb. 32 Externe IT-Dienstleistung
Abb. 33 Externe IT-Dienstleistung und Kosten
Abb. 34 Outsourcing in internationalen NPOs (Quelle: N-TEN 2008, S.23)
Abb. 35 IT-Ausgaben in Bezug zu WfbM Größe nach Plätzen
Abb. 36 IT-Ausgaben in Bezug zu WfbM Größe nach Umsatz
Abb. 37 Prognose IT-Kosten
Abb. 38 Refinanzierung der IT Kosten
Abb. 39 Zuordnung der IT-Verantwortung
Abb. 40 Zuordnung der IT-Verantwortlichkeit (NPOs international)
Abb. 41 Verantwortung für IT in Unternehmen der Sozialwirtschaft.
Abb. 42 Personaldaten bezogen auf Werkstattgröße nach Platzzahlen
3
Abb. 43 Personaldaten bezogen auf Werkstattgröße nach Umsatz ........................................ 38 Abb. 44 IT Gehälter Privatwirtschaft ...................................................................................... 39 Abb. 45 Gehaltsvergleich international ................................................................................... 39 Abb. 46 Qualifikation der Administratoren ............................................................................. 40 Abb. 47 Offene Stellen in der IT-Branche ................................................................................ 40
1 Einleitung
Vor 47 Jahren! „Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt.“ Thomas Watson, Chef von IBM 1943
Vor 33 Jahren! „Es gibt keinen Grund dafür, dass jemand einen Computer zu Hause haben wollte.“ Ken Olson, Präsident von Digital Equipment Corp. 1977 (beide Zitate aus: Pagel 2009, S.20)
Vor 2 Jahren! Die Zahl der in Gebrauch befindlichen PCs hat im Jahr 2008 weltweit die Marke von einer Milliarde Geräten überschritten. Bei einer Wachstumsrate von jährlich 12% fällt im Jahr 2014 die zwei Milliardengrenze. (Gartner, 2008)
Die Aufreihung dieser Aussagen führt das Entwicklungstempo und die Verbreitung der Informationstechnologie (IT) in den letzten fünfzig Jahren deutlich vor Augen. IT hat sich mittlerweile jeden Winkel unseres Arbeitslebens erobert, und die Frage, ob IT im Unternehmen stattfinden soll oder nicht, ist längst obsolet. Allein die Entscheidung über die Intensität der Zuwendung bleibt den Unternehmen noch offen. Aber auch diese Schere scheint sich zunehmend zugunsten erzwungener Standardisierungen zu schließen.
„Wir befinden uns heute mitten in der Transformation von einer Industriegesellschaft zur Informations- und Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Dabei ist Informationstechnologie (IT) die Veränderungstechnologie, die wie keine andere Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft beeinflusst.“ (Kirchner 2007, S.1) Herbert Kirchner begründet diesen Einfluss mit dem Zusammentreffen von fundamentalen Neuerungen auf dem Gebiet der IT-Technik, der Globalisierung der Märkte und der weltweiten Vernetzungsmöglichkeit durch das Internet. Mit diesen Veränderungen und den daraus resultierenden Anforderungen sehen sich auch Unternehmen der Sozialwirtschaft konfrontiert. Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) spielen mit ca. 800 Einrichtungen in Deutschland (Quelle: REHADAT) eine wesentliche Rolle in diesem Sektor. Die vorliegende Arbeit untersucht den Stand der IT-Technologie, deren Einsatztiefe und Ausstattung in WfbMs in Deutschland.
1.1 NPO und IT - nicht immer eine Liebesbeziehung
Der Begriff der Non Profit Organisationen (NPO) ist nicht einheitlich definiert. In einer weiten Auslegung umfasst er alle nichtstaatlichen Organisationen und Unternehmen, die, meist unter der Trägerschaft der großen Wohlfahrtsverbände, ergänzende Dienste zur Bedarfsdeckung in sozialen, wissenschaftlichen oder kulturellen Sektoren oder im Sinne einer Interessenvertretung anbieten. Oder anders ausgedrückt erhalten all diejenigen Organisationen, deren Zweck nicht erwerbswirtschaftlich ist, die also nicht gegründet und geführt werden mit dem Zweck, für die Kapitalgeber einen Gewinn zu erwirtschaften, das Etikett NPO. (Bea, Göbel 2002, S.478) Der weitaus größte Sektor, dessen Bedarf über die Leistungen von NPOs abgedeckt wird, ist mit einem Anteil von mehr als 60 % (Abb. 1) der Sozial- und Gesundheitssektor. Im Zusammenhang
4
mit der vorliegenden Arbeit soll dieser Bereich der NPOs im Allgemeinen und der Bereich der WfbM im Speziellen betrachtet werden.
Abb. 1 Beschäftigte in NPOs nach Arbeitsgebieten (Quelle: JH-PROJEKT)
In der historischen Betrachtung lassen sich viele Beispiele finden, die die anfängliche Skepsis sozialer Organisationen und deren Mitarbeiter verdeutlichen. So kann man heute nur darüber schmunzeln, wenn etwa Matthias Frommann noch 1987 schreibt: „[...] mag die Befähigung der Grund-, Haupt-, Real- und Gymnasialschüler(innen) zum Umgang mit dem Computer [...] unter Gesichtspunkten der Bildungseffizienz noch plausibel erscheinen, so fragt sich doch, wieso der Computer dem Nutzen sein soll, der sich der sozialen Arbeit verschrieben hat.“ (Frommann 1987, S.2)
Im gleichen Sammelband findet sich eine ähnlich skeptische Einschätzung von Rainer Dringenberg: „Die allgemeine gesellschaftlich-technologische Herausforderung des Computers mag dazu führen, dass sich der einzelne Sozialarbeiter entscheidet, die antizipierten Gefahren einer unkontrollierten Computerisierung des Arbeits- und Privatlebens mit persönlicher Verweigerung zu beantworten. Eine solche Entscheidung ist auch für die einzelne Dienststelle der sozialen Arbeit denkbar, abgesehen davon, dass der Computer aus heutiger Sicht gar nicht in allen Bereichen sinnvoll einsetzbar ist.“ (Dringenberg 1987, S.355)
1993 geht Eberhard Bolay in seinem Buch - Wilde PC am Arbeitsplatz - der Frage nach, auf welchem Weg IT in der Sozialarbeit Einzug gehalten hat. Als Überschrift für diesen Abschnitt wählt er: „Da habe ich halt meinen privaten PC mitgebracht.“ (Bolay 1993, S.5) Auch dieser Schmunzler macht deutlich, wie zaghaft und oft unbeholfen die Annäherung vonstatten ging.
Eine allgemeine, also nicht auf die NPO beschränkte Darstellung der Entwicklung zeigt kurz zusammengefasst der folgende Abschnitt.
5
1.2 Entwicklung der Informationstechnologie
In einer sehr gerafften Chronologie lässt sich die Entwicklung der IT wie folgt skizzieren:
1950-1960 Mechanisierung der IT
Lochkarten und Tabelliermaschinen zu deren Auswertung 1960-1970 Zentralisierung der IT
1970-1980 Rechenzentren
1975-1985 Minicomputer
1985-1995 PC
1995-2000 Client-Server
1995-2000 Internet
Abb. 2 Entwicklung der IT (vgl. Masak 2005, S.4ff)
Heute, 2010, beherrschen virtuelle Netzwerkarchitekturen und ein schier unüberschaubarer Markt an Hard- und Softwarelösungen das Geschehen. Die Zyklen für IT Produkte werden immer kürzer. "Wir haben Kunden, die alle zwei Jahre ihre Desktop-PCs austauschen. Das sind die innovativen Unternehmen. Das andere Ende der Fahnenstange ist bei 7 Jahren erreicht - die Mehrheit liegt dazwischen, also bei etwa 3 bis 4 Jahren.", sagt Klaus Tschanerl ein Technologieberater bei Microsoft. (Geiger 2008, S.1)
Das Tempo dieser Entwicklungen mitzuhalten ist für gemeinnützige Unternehmen des Nonprofit Sektors nicht immer machbar und je nach Betätigungsfeld nicht immer nötig. Beschränkt sich die IT-Nutzung im Wesentlichen auf die Steuerung und Abwicklung von binnenorientierten Verwaltungsvorgängen mit wenigen Schnittstellen in den freien Markt oder zu Kooperationspartnern, kann die eine oder andere Entwicklungsgeneration von Hard- und Softwareprodukten
6
übersprungen werden. Werkstätten für behinderte Menschen bilden hier, aufgrund ihrer vielfachen Beziehungsebenen, eine Ausnahme.
1.3 WfbMs - Außenseiter in der NPO Gemeinde
Um den Unterschied und in der Folge die Auswirkungen auf die Frage der IT-Ausstattung zu verdeutlichen, erfolgt zunächst ein Blick auf die Kernaufgabe einer WfbM. Diese besteht in der Bedarfsdeckung nach Rehabilitations- und Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung, die nach § 53 SGB XII Anspruch auf Eingliederungshilfe haben. Konkret fordert der Gesetzgeber von WfbM Folgendes:
Sie hat denjenigen behinderten Menschen, die wegen Art oder Schwere der Behinderung nicht, noch nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt werden können, 1. eine angemessene berufliche Bildung und eine Beschäftigung zu einem ihrer Leistung angemessenen Arbeitsentgelt aus dem Arbeitsergebnis anzubieten und
2. zu ermöglichen, ihre Leistungs- oder Erwerbsfähigkeit zu erhalten, zu entwickeln, zu erhöhen oder wiederzugewinnen und dabei ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln. (s. SGB 12-Einzelnorm 2010)
Die Forderung in Absatz eins, nach einer Beteiligung der Rehabilitanden am Arbeitsergebnis 1 der Einrichtung, unterscheidet Werkstätten wesentlich von anderen NPO im sozialen Sektor. Hier fordert der Gesetzgeber, dass der Leistungsanbieter (WfbM) Erlöse erwirtschaftet, die als Lohn ausgeschüttet werden können. Im Gegensatz zu den meisten Rehabilitationseinrichtungen wird also hier eine marktwirtschaftliche Betätigung erwartet, die sich außerhalb der Finanzierung durch Kostensätze oder Leistungsentgelten 2 bewegt.
Als Folge dieser Betätigung als Wettbewerbsteilnehmer auf dem produzierenden und dienstleistenden Markt sind WfbMs gezwungen, den Stand der aktuellen IT abzubilden. Hinzu kommt, dass WfbMs in der Absicht, eine möglichst hohe Vielfalt an Arbeitsplätzen für Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen und Berufswünschen anzubieten, gleichzeitig eine Vielzahl von Sparten im Dienstleistungsgewerbe, im Handel und im produzierenden Gewerbe betreibt. Jede Sparte fordert z. T. eine eigene Form der IT. Hinzu kommt eine Vielzahl von Stakeholdern (Abb. 3), die weiterer Varianten von elektronischen Austauschplattformen erwarten.
1 Hier ist nicht das Gesamtergebnis der WfbM, sondern nur ein Teilergebnis aus den Produktions- oder Dienstleistungserlösen gemeint. Näheres hierzu regeln §138(2) SGB IX und §12(5) WVO. (Bereitgestellt unter www.gesetzeim-internet.de)
2 Auf eine ausführliche Erklärung zur Finanzierungsform mit Leistungsentgelten wird hier verzichtet, weil im Rahmen der Arbeit dafür keine Notwendigkeit besteht. Den Interessierten sei Littich (2007) oder Cramer (2006) empfohlen.
7
Abb. 3 Stakeholder einer WfbM
Wirtschaftspartner aus der Industrie erwarten schnelle, großvolumige Datenverbindungen und effiziente Anwendungsprogramme, um etwa Konstruktionsdaten auszutauschen. Menschen mit Behinderung erwarten als Kunde, der Rehabilitationsleistungen „kauft“, ein möglichst vielfältiges Angebot von Informations- und Kommunikationsplattformen. Um allen Formen von Kompetenzminderungen gerecht zu werden, sollten Informationen gleichzeitig in Wort, Sprache, Bild oder durch Piktogramme gestützt angeboten werden. Eine derart redundante Darstellungsform würde einen Industriekunden eher befremden.
1.4 Auf dem Weg zur Partnerschaft
Die Zeit der kategorischen Ablehnung von IT ist wohl bei einem Großteil der NPOs längst überwunden und die Vorteile einer IT-gestützten Organisationsstruktur sind erkannt. Ein kleiner Vorgriff auf die folgende Auswertung macht dies deutlich. 100 % der WfbMs in Deutschland konnten im Rahmen der Adressrecherche über Email erreicht werden und alle, die sich an der Befragung beteiligt haben, betreiben eine eigene Homepage. Alle sind sozusagen mit im Boot. Wie weit der Einzelne sich bereits rudern traut, und wohin die Reise geht, soll die vorliegende Arbeit zeigen.
2 Untersuchungsschwerpunkte und Design der Arbeit
Kern und Motivation dieser empirischen Untersuchung liegt in der Schaffung von Grundlagendaten zur Frage der Ausstattungs- und Anwendungstiefe von IT und zur Einbindung von IT-Bereichen in die Organisationsstrukturen einer WfbM. Die Untersuchung ist angelehnt an die Erhebungen von Helmut Kreidenweis (IT-REPORT 2007/8 und 2008/9) und Chris Bernard (N-TEN), die beide in Ausschnitten den IT-Status von nationalen (Kreidenweis) und internationalen (Bernard) Unternehmen der Sozialwirtschaft betrachten. Soweit möglich, werden die erhobenen Daten mit den Studien in Beziehung gesetzt und interpretiert.
Um das Spektrum des Möglichen zu verdeutlichen, werden in den verschiedenen Kapiteln der Auswertung die theoretisch möglichen Einsatzgebiete beleuchtet.
8
2.1 Fokus und Themeneingrenzung
2.1.1 Untersuchungsumfeld
Die Erhebung und Auswertung beschränkt sich auf WfbMs innerhalb Deutschlands. Angefragt wurden alle Hauptwerkstätten. Als Hauptwerkstatt wird die Unternehmenszentrale bezeichnet. Viele WfbMs bilden um diese Zentralen mehr oder weniger eigenständige Satellitenwerkstätten. Begründet ist diese Organisationsstruktur durch die Absicht, wohnortnahe Beschäftigungsmöglichkeiten für MmB zu schaffen. Je nach Trägerstruktur und zum Teil auch historisch begründet werden diese Organisationen von den Hauptwerkstätten aus gesteuert. Vor allem Bereiche wie Verwaltung und Qualitätsmanagement werden als zentrale Funktionen angesiedelt. WfbMs sind über ganz Deutschland verteilt und in jedem Bundesland befinden sich mindestens vier Einrichtungen. Es besteht eine kaskadenförmig aufgebaute Verbandstruktur mit Bezirks-, Landes- und Bundesverbänden. Z. T. werden diese Strukturen doppelt abgebildet. Einmal als Verbandsstruktur der Werkstätten und einmal parallel dazu als Verbandsstruktur der Träger, also der Wohlfahrtsverbände. Die trägerübergreifende Dachorganisation der Werkstätten in Deutsch-land ist die Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten (BAG-WfbM). Dort sind derzeit ca. 93 % (BAG STATISTIK) der WfbMs organisiert.
Bundesland
Baden Württemberg 102 93 91 % Bayern 107 105 98 % Berlin 17 17 100 % Brandenburg 28 25 89 % Bremen 4 4 100 % Hamburg 4 4 100 % Hessen 51 45 88 % Mecklenburg -Vorp. 24 22 92 % Niedersachsen 72 63 88 % Nordrhein-Westf. 103 102 99 % Rheinland-Pfalz 36 36 100 % Saarland 10 3 30 % Sachsen 60 42 70 % Sachsen-Anhalt 33 33 100 % Schleswig-Holstein 33 31 94 % Thüringen 31 30 97 % Bundesrepublik 715 661 92 %
Abb. 4 Organisationsgrad und Verteilung der WfbMs in Deutschland (Quelle: BAG STATISTIK, Stand 1. 1. 2009)
Häufig spezialisieren sich WfbMs auf bestimmte Behinderungsarten und richten ihre Strukturen entsprechend der Bedürfnisse der MmB aus. Das Spektrum der angebotenen Tätigkeitsfelder richtet sich an den Bedürfnissen und Fähigkeiten oder Berufswünschen der MmB aus, wird aber in der Praxis entscheidend von den regional vorhandenen Wirtschaftsstrukturen bestimmt.
9
Im Gegensatz zu einem Unternehmen des freien Marktes, das bei steigender Produktionsauslastung nach und nach die Mitarbeiterzahl aufstockt, ist eine WfbM damit konfrontiert, ständig neue Mitarbeiter (Schulabgänger) aufnehmen und für diese ausreichende und passende Aufträge akquirieren zu müssen.
Seit den 1970er Jahren befinden sich WfbMs im Wachstum (s.a. Detmar 2008). Die Altersstruktur der Mitarbeiter mit Behinderung ist, bedingt durch die Ermordung behinderter Menschen im Zweiten Weltkrieg, sehr jung, sodass erst im Jahr 2020 ein Gleichmaß von Zugängen (Schulabgänger) und Abgängen (Rentner) zu erwarten ist. Diese Dynamik des stetigen Wachstums wirkt sich letztendlich auch auf die Strukturen der im Unternehmen eingesetzten IT aus.
2.1.2 Untersuchungsschwerpunkte
Die ursprüngliche Absicht der Arbeit, die qualitative und quantitative Personalausstattung in IT Bereichen der WfbM zu untersuchen, wurde aufgegeben, nachdem die Vorrecherchen zur Arbeit gezeigt haben, dass wenig bis keine Grundlagendaten zu den IT-Bereichen in WfbMs zur Verfügung stehen. Zwar liegen mit N-TEN und IT-REPORT Untersuchungen für den IT-Sektor der Sozialwirtschaft vor, aber es lassen sich daraus keine spezifischen Daten für WfbM extrahieren. Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit liegt deshalb in der Erhebung von Grundlagendaten für den IT-Bereich der WfbM. Erhebung und Auswertung gliedern sich in die zwei Schwerpunktfelder IT-Alignment und IT-Staffing. Beide Begrifflichkeiten finden Anwendung in der IT-Branche und benennen einen sehr umfassenden Blick auf den jeweiligen Bereich. Für die vorliegende Arbeit finden diese Begrifflichkeiten in folgender Definition und mit folgenden Fragestellungen Anwendung.
2.1.2.1 IT-Alignment in WfbM
Alignment beschreibt den Grad der gemeinsamen Ausrichtung von IT und Organisation, und wie passgenau Organisationsstruktur und vorhandene IT aufeinander abgestimmt sind, sodass alle Potentiale der Technologie ausgenutzt werden. (Masak 2006, S.10) (s. a. Heye 2009, S.7-8) Im Rahmen der Arbeit soll Alignment im Sinne des zweiten Abschnitts der Definition von Masak betrachtet werden und die vorhandenen IT-Strukturen und deren Anwendungstiefe in Bezug zur vorhandenen Organisationsstruktur setzen. Daraus ergeben sich folgende Fragestellungen:
Welche Strukturvoraussetzungen liegen für den Einsatz von IT in WfbMs vor? - WelcherIT-Ausstattungsgrad mit welcher Aktualität ist in den WfbMs derzeit vorhanden - undin welcher Tiefe wird sie eingesetzt?
Lassen sich Beziehungen zwischen Trägerform, Unternehmensform, Unternehmensgröße - unddem Stand der eingesetzten IT-Technik erkennen? In welchen Bereichen findet IT-Outsourcing statt? - Wieist IT-Ausstattung finanziert? - 2.1.2.2IT-Staffing in WfbM
„Als IT-Staffing werden alle Maßnahmen zusammengefasst, die sich mit der Beschaffung, Weiterbildung und Einsatzplanung von Fachpersonal beschäftigen.“ (Lange, 2009) Im Rahmen der Arbeit werden Fragen der Personalausstattung, -beschaffung und -qualifikation und der strukturellen Einbindung mit folgenden Fragestellungen diskutiert.
Wo ist die Verantwortung für den IT-Bereich in der Unternehmensstruktur verortet? - Lassensich Abhängigkeiten zwischen Personalquote und Unternehmensdaten wie Größe, - Trägeroder Standort darstellen? Welche Personalqualifikationen liegen vor? -
10
Lassen sich Vergleichswerte mit Unternehmen der allgemeinen Sozialwirtschaft darstel- - len?
2.2 Datenerhebung
2.2.1 Datenquellen
Die Erhebung erfasst 709 WfbMs (jeweils Hauptwerkstätten) in Deutschland. Datengrundlage ist das offizielle Verzeichnis der Werkstätten für behinderte Menschen der Bundesagentur für Arbeit in der online zur Verfügung gestellten Form (REHADAT) mit Stand vom 17. 3. 2009. Aus diesem Datenbestand wurden alle Hauptwerkstätten, soweit dies aus der Eintragung ersichtlich war, in die Befragung einbezogen.
Die zur Interpretation und zum Vergleich der Ergebnisse verwendeten Quellen finden sich im Quellenverzeichnis der Arbeit und werden im Text durch Quellenangaben (IN GROSSBUCH-STABEN) gekennzeichnet.
2.2.2 Erhebungsmethode
Als Erhebungsmethode wurde eine schriftliche Vollerhebung unter allen 709 Hauptwerkstätten in Deutschland gewählt. Die Fragebögen (s. Anlage) wurden per Post und Mail an die Teilnehmer versandt. Den Befragten stand die Art der Rücksendung per Post, Mail, Fax oder über einen online-Fragebogen frei. Alle Befragten erhielten ein einseitiges Anschreiben (s. Anlage), das zum Ausfüllen der Bögen motivieren sollte. Um höhere Rücklaufquoten zu erreichen, wurde auf eine konsequente Anonymisierung geachtet, was leider auch zur Konsequenz hatte, dass keine Anreize wie etwa eine kostenlose Zusendung der Auswertung etc. für diejenigen, die den Bogen zurücksenden, angeboten werden konnten. Alle 709 Teilnehmer wurden darauf hingewiesen, dass sie per Mail über das Erscheinen der Arbeit informiert werden.
2.2.3 Teilnehmerauswahl
Aus Kostengründen konnte nicht allen Teilnehmern ein Postanschreiben zugesandt werden. Es wurden deshalb 244 (entspricht 1/3 aller Befragten) Werkstätten per Post und 465 per Mailanschreiben zur Teilnahme aufgefordert. Die Auswahl der per Post angeschriebenen Werkstätten erfolgte anhand der Länderproportionalitäten. D. h., die 244 Postanschreiben verteilen sich über die Bundesländer so, wie die Gesamtzahl der Werkstätten. Die Werkstätten, die per Post angeschrieben wurden, wurden nicht gleichzeitig per Mail angeschrieben.
2.2.4 Erhebungszeitraum
Die Fragebögen wurden in einem Zeitraum vom 2. 12. 2009 bis 5. 12. 2009 per Post und Mail versandt. Die angeschriebenen Einrichtungen wurden um Rücklauf bis zum 23. 12. 2009 gebeten.
2.2.5 Gestaltung des Fragebogens
Der Fragebogen wurde in Papierform und als online ausfüllbares Formular inhaltsgleich erstellt. Aufgrund eines Übertragungsfehlers wurde bei der Papierversion die Abfrage nach dem Bundes-land vergessen. Dieser Fehler konnte allerdings dadurch kompensiert werden, dass bei den per Post oder Fax zurückgesandten Bögen das Bundesland über den Poststempel oder die Absenderfaxnummer rekonstruiert werden konnte, sodass kein Datenverlust entstand. Die 32 Fragen wurden in vier Themenkomplexe untergliedert. a) Struktur der Einrichtung b) IT-Struktur
11
c) IT-Investition und Refinanzierung d) IT-Staffing
Die ersten Versionen des Fragebogens umfassten mehr als 50 Fragen und 10 Seiten. Nach drei durchgeführten Pretests mit Mitarbeitern verschiedener WfbMs wurden die Fragen auf 32 und die Seitenzahl auf 5 Seiten reduziert.
2.2.6 Rücklauf
Bis zum 24.12.09 waren 43 Fragebögen termingerecht eingegangen. 3 Fragebögen wurden bis zum 10. 1. 2010 nachgereicht und in die Erhebung mit einbezogen. Ein Fragebogen kam unausgefüllt zurück und wurde nicht in die Auswertung einbezogen. So konnten insgesamt 46 Fragebögen ausgewertet werden. Dies entspricht einer Quote von 6,49 %. Der Rücklauf der Fragebögen fand 13 mal (28 %) per Post, 5 mal (11 %) per Fax und 28 mal (61 %) über den im Internet zur Verfügung gestellten Onlinefragebogen statt. Zwei der befragten Einrichtungen haben telefonisch Kontakt aufgenommen und ließen sich versichern, dass die weitere Verarbeitung der Daten anonymisiert wird. Dies konnte bestätigt werden.
Eine Verfälschung der Rückläufe dadurch, dass Einrichtungen die verschiedenen Rücklaufmöglichkeiten mehrfach genutzt haben könnten, ist nicht auszuschließen aber unwahrscheinlich, da sich für die Einrichtung kein Vorteil aus einer Mehrfachnennung ergäbe.
2.2.6.1 Repräsentativität der Befragung
Die regionale Verteilung der Rückläufe spiegelt die tatsächliche Länderverteilung der WfbMs angemessen wieder. Aus sechs Bundesländern kamen keine Rückmeldungen, bei zwei Rückmeldungen wurde das Bundesland nicht angegeben.
Abb. 5 Rücklauf: Regionale Verteilung (Quelle: BAG STATISTIK und Erhebungsdaten der Arbeit)
Die durchschnittliche Unternehmensgröße, gemessen an der Zahl der Beschäftigten liegt laut BAG STATISTIK bei 416 Beschäftigten. Diese Gruppe (121 bis 500) bildet auch in der Erhebung den größten Anteil mit 68 %.
12
Abb. 6 Rücklauf: Einrichtungsgrößen nach Zahl der Beschäftigten
Alle fünf Freien Wohlfahrtsverbände, die WfbMs als Träger betreiben, sind in den Rückläufen (s. Abb. 8) als Träger vertreten. Hier ist anzumerken, dass der Verband der Lebenshilfe kein eigenständiger freier Wohlfahrtsverband, sondern Teil des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ist. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland als sechster Wohlfahrtsverband betreibt keine WfbM. Leider konnte keine Statistik über die proportionale Trägerverteilung der Grundgesamtheit gefunden werden.
3 Auswertung
3.1 Struktur der untersuchten Einrichtungen
Die Kategorisierung der Einrichtungen erfolgt nach Größenbereichen und nicht nach exakten Angaben im Bereich der Umsatz- oder Beschäftigtenzahlen. Zum einen ist für die Beantwortung der Fragestellungen der Arbeit diese Zuordnung ausreichend. Zum anderen zeigte sich bei Pretests, dass die exakte Abfrage dieser oft als „heikel“ empfundenen Unternehmensdaten, eine negative Auswirkung auf die Rücksendequote erwarten ließ.
3.1.1 Alter und Standorte der Einrichtungen
Ein Großteil der Einrichtungen (61,4 %) wurde in den Jahren 1960 - 1989 gegründet, zwei Einrichtungen sind jünger als fünf Jahre. Die älteste rückgemeldete WfbM wurde mit dem Gründungsjahr 1899 angegeben. Dies bezieht sich aber zweifelslos auf die Gründung der Trägerorganisation. WfbM im heute verstandenen Sinn gibt es erst seit etwa Mitte der Sechziger Jahre und erst 1974 wurden entsprechende Rahmenbestimmungen in die Gesetzgebung eingefügt.(Cramer 2008, S.1)
13
Arbeit zitieren:
Dipl.Ing(FH) Alfons Regler, 2010, Stand der Informationstechnologie in Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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