1. Einführung
Kaum ein Drama unserer Literatur hat ebenso die Geltung der Klassizität erworben wie es als
Zeugnis eines gebrechlichen, das Furchtbare aufschönenden Idealismus verdächtigt wurde,
gescholten als Dokument einer Lebensanschauung, die vor den Abgründen des Daseins die Augen
verschließt. 1
Die Betrachtungen über Goethes Iphigenie auf Tauris sind zwar nicht immer einstimmig dafür jedoch sehr vielfältig. Die Kontroverse beginnt schon bei der Bestimmung der Art dieses Schauspiels, auf der einen Seite wird es als das Drama des Klassischen schlechthin gefeiert 2 auf der anderen wird ihm der Anspruch auf das Dramatische entzogen, indem Goethe die Vermeidung einer Tragödie vorgeworfen wird. 3 Welche Aussage hat Goethes Drama, welche Ziele verfolgt es?
Ist Goethes Iphigenie ein Drama der weiblichen Aufklärung? Es lässt sich etliche Literatur finden, die in diese Richtung tendiert. 4 Jedoch ist dabei nicht ein Drama über die aufgeklärte Iphigenie gemeint, sondern eines über die sich innerhalb des Dramas aufklärende Iphigenie. Da Aufklärung auch Entwicklung bedeutet, stellt sich die Frage, in welche Richtung sich Goethes Iphigenie entwickelt. Ist sie am Ende des Dramas eine humanere Figur, ist sie verteufelt human wie man es ihr oft nachsagt oder hat sie lediglich die Kraft gefunden, ihre eigenen Wünsche und Ziele anzugehen? Kann sie das Menschliche dem Mythischen entgegen- und vor allem auch durchsetzen?
Ein Vergleich mit Euripides Tragödie über die Iphigenie 5 zeigt gerade anhand der Unterschiede zwischen diesen beiden Stücken den Schwerpunkt der Goethe’schen Iphigenie auf. Trennt Euripides noch klar die Welt der Götter von derer der Menschen, vereint Goethe diese beiden Lebensbereiche. Seine Figuren werden nicht mehr von den Göttern fremdbestimmt oder sind unausweichlich an ihr Schicksal gebunden, sondern handeln letztendlich frei nach eigenem Wissen und Gewissen.
Goethes Figuren sind jedoch nicht schon am Anfang des Dramas autonom, die Emanzipation erfolgt erst durch und innerhalb der Interaktion mit den Göttern. Diese Entwicklung ist am deutlichsten bei der Hauptprotagonistin des Dramas zu erkennen. Iphigenie entfaltet sich innerhalb des Schauspiels, befreit sich von ihren mythischen Fesseln und handelt human. Dies geschieht zum einen durch die gegeben Umstände und zum anderen durch die Konfrontation mit den Göttern aber auch ihrer eigenen Familie. Anhand der folgenden, ausgewählten Situationen
1 Henkel, S. 61.
2 Vgl. Müller, S. 7.
3 Siehe Heller, Erich: Die Vermeidung der Tragödie.
4 Siehe Reed, Terence James: Iphigenies Unmündigkeit.
5 Euripides: Iphigenie bei den Taurern
2
wird aufgezeigt, wie sich Iphigenie charakterlich entwickelt, angefangen bei den ersten Jahren auf Tauris bis hin zum Verlassen der Insel und damit dem Ende der Gefangenschaft. In der Schlussbetrachtung wird die Frage gestellt, ob Goethes Iphigenie tatsächlich so verteufelt human ist, ob sie in der Tat Moral und Wahrheit erkennt. Kann sie allen Forderungen gerecht werden und dennoch ihre eigene Welt und die ihrer Gefährten verbessern?
3
2. Iphigenies Entwicklung auf Tauris
2.1 Vorgeschichte: Der Tantalidenfluch
Iphigenie lebt in Verbannung auf Tauris, da auf ihrem Geschlecht ein Fluch lastet. Tantalus, Mensch und Vorfahre Iphigenies provozierte die Götter indem er ihnen seinen eigenen Sohn zum Mahl vorsetzte, um die Allwissenheit der Götter zu prüfen. Dies wurde jedoch bemerkt, die Götter verstießen Tantalus aus ihrer Gemeinschaft und erlegten seiner Familie und seinen Nachkommen einen Fluch auf, den Tantalidenfluch. Dieser bewirkte, dass die Nachfahren des Tantalus meist zu Mördern an ihren eigenen Familienmitgliedern wurden. Auch die Generation vor Iphigenie erleidet dieses Schicksal. Sie lebt in Verbannung auf Tauris, da ihr Vater sie an die Göttin Diana opferte um den Krieg gegen Troja zu gewinnen. Iphigenies Mutter Klytaimnestra lässt ihn in dem Glauben, er hätte ihr gemeinsames Kind töten lassen, ermorden. Dies führt jedoch dazu, dass Iphigenies Geschwister Orest und Elektra ihre Mutter aus Rache töten, so dass auch Iphigenies eigener Bruder dem Fluch verfallen ist und er aus Angst vor seinem eigenen Tod flüchtet. Iphigenie indes konnte jedoch dem Opfertod entgehen, indem sie von der Göttin Diana gerettet wurde und ihr nun als Priesterin in ihrem Tempel auf Tauris dienen muss. In ihrem Amt als Priesterin konnte sie jedoch bewirken, dass die lang gehegte, taurische Tradition der Menschenopferung unterbrochen wurde.
2.2 Iphigenies 1. Konflikt: Begegnung mit dem König Thoas
Gleich zu Beginn, im ersten Aufzug wird der Konflikt vor dem Iphigenie steht und in dem sie lebt deutlich. Zwei entgegengesetzte Handels- und Denkströme zeichnen sich in den Monologen und Dialogen ab. Im Eingangsmonolog schildert sie zunächst ihre Lage, die Verbannung und spricht von Heimweh. Dies ist jedoch nicht der zentrale Aspekt dieses Selbstgesprächs, sondern das Exil an sich in dem sie lebt. „Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher“ (V. 6), denn trotz der lange anhaltenden Gefangenschaft, hat sie sich nicht dem Willen Gottes und ihrem Schicksal unterworfen, zwar spricht sie von dem „hohe[n] Willen“ (V. 8) dem sie sich ergeben hat, relativiert diese Aussage jedoch in dem sie sich dennoch „fremd“ (V. 9) fühlt. Sie hat sich nicht an die gegebene Situation angepasst und sie als solche angenommen, sondern leistet Widerstand. Auch die folgende, zunächst aufgrund scheinbar fehlender Zusammenhänge irritierende Klage über die grundsätzlich minderwertige Situation der Frau an sich zeigt ihr Widerstreben gegen ein vom Schicksal bestimmtes Dasein. „Der Frauen Zustand ist beklagenswert“ (V. 24) da deren Leben an das des Mannes eng gebunden ist. Sowohl hier als auch im späteren Handlungsverlauf, insbesondere im 5. Auftritt, zeigt sich, dass Iphigenie von der traditionellen Auffassung der
4
Frauenrolle radikal abweicht und im ständigen Protest gegen diese festgelegte Daseinsform lebt. 6 Selbstbestimmung anstelle von Fremdbestimmung, ob mythisch oder menschlich, ist ihr Ziel. Dies ist auch in ihrem Verhalten gegenüber den Göttern zu erkennen. Am Ende des Monologs richtet sie ihr Gebet an Diana und bittet sie, sie von den „heilʼgen Sklavenbanden“ (V. 34) und somit dem Leben auf Tauris, das Iphigenie als den „zweiten Tod“ (V. 53) bezeichnet, zu erlösen. Jedoch bittet sie nicht demütig um eine gnädige Erfüllung dieses Wunsches, die Hinwendung zur Göttin gleicht einem Anspruch, den sie versucht geltend zu machen. 7 Die Forderung „So gib auch mich den Meinen endlich wieder“ (V. 51) argumentiert sie mit dem Ruhm Agamemnons, ihres Vaters. Iphigenie beschreibt Agamemnon als „göttergleich“ (V. 45) und bringt ihr menschliches Dasein dem der Götter näher. Nicht Demut oder blinde, göttliche Frömmigkeit begründet im Mythischen sprechen aus ihr, sondern der Wunsch und die Forderung nach Menschlichkeit anstelle von Willkür und Grausamkeit.
Doch Iphigenie ist noch nicht in der Lage ihr Schicksal selbst zu bestimmen, sie ist dazu verdammt, der Göttin des Tempels zu dienen und dieses Dasein verschuldet der Familienfluch aus dem kein göttliches Eingreifen oder Wunder ihr hinaus helfen kann. In diesem Zustand findet sich Iphigenie auch in der nächsten Szene wieder. Der König der Insel, Thoas, schickt seinen Boten Arkas um sein Heiratsbestreben anzukündigen. Auch diesem gegenüber beklagt sie, dass ihr die Fremde nicht zum Vaterland werden kann (vgl. V. 76), sie nur „ein Schatten“ (V. 89) ihrer selbst sei. Für Iphigenie bedeutet das Werben des Königs eine Bedrohung für ihre Rückkehr ins Heimatland, da sie als Königin auf Tauris verbleiben müsste und somit ihre Selbstbestimmung bedroht ist. Im dritten Auftritt wird Iphigenie mit Thoas selbst und seinem Heiratswunsch konfrontiert. Sie versucht seinem Antrag auszuweichen, „der Unbekannten bietest du zu viel“ (V. 251), doch dieser bleibt beharrlich, so dass Iphigenie gezwungen ist, ihre Ablehnung weiter auszubauen. Nach Thoas Drängen hin, ihre Identität - die ihm bisher unbekannt ist - zu offenbaren, flüchtet sie sich in den Fluch. In dieser Szene wird deutlich, dass Iphigenie noch nicht die von ihr postulierte Autonomie in ihrer vollen Entfaltung lebt. Denn zuvor deutete sich an, dass Iphigenie von ihrer Vergangenheit und vor allem dem Fluch innerlich nicht belastet ist. Ihr Wunsch auf die Rückkehr in ihr Heimatland zeigte keine Angst vor möglichen Konsequenzen und resultierte einzig und allein aus ihrer eigenen, nicht an den Mythos gebundenen Wesen. Die einzigen Fesseln die sie abzulegen hoffte, waren die des Dienstes an der Göttin und der Verbannung. Auch dass sie Diana um die Erlaubnis bittet zurückzukehren, zeigt, dass sich mit einem von den Göttern bestimmten Schicksal nicht abfindet und es auch nicht lebt. Doch im Dialog mit Thoas gliedert sie sich wieder in den Fluch und dessen Auswirkungen ein. Die von ihr zuvor monologisierte und geforderte
6 Vgl. Rasch, S. 93.
7 Vgl. Rasch, S. 97.
5
Arbeit zitieren:
Olga Glinski, 2009, Iphigenies Entwicklung auf Tauris, München, GRIN Verlag GmbH
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