geschärft hat. In seiner Wirkung auf die Selbstregulation bei Jugendlichen ist hier eher eine Zu- statt eine Abnahme zu verzeichnen. Erwähnenswert und klärend, in diesem Zusammenhang, sei ein Hinweis auf die Klientel beider Erzieher. Neill hatte keine Bedenken seine Pädagogik (vor allem in den Anfangsjahren von Summerhill) an Kindern und Jugendlichen zu praktizieren, die zum Teil als schwer erziehbar galten und von anderen Schulen und Internaten bereits abgewiesen worden waren. Bueb, hingegen, erwarb seine pädagogischen Erfahrungen als leitender Direktor von Deutschlands berühmtesten Internat „Schloss Salem“; einer internationalen Privatschule am Bodensee, welches der Nimbus elitärer Besonderheit umweht. Selbst Bueb räumt in einem Interview mit dem Magazin Focus ein, „kein sehr schweres Gymnasium“ geführt zu haben (vgl. Heft 6/1999 S. 54).
Autorität vs. Selbstregulation
„Wer Selbstbestimmung lernen will, muss Unterordnung gelernt haben.“ (Bueb, 2006: S. 55). Diese Aussage löst allzu sehr Assoziationen an Adornos „Autoritären Charakter“ aus, dessen Autoritäre Unterwürfigkeit/Autoritäre Aggression Konstellation (vgl. Dubiel, 2001: S. 56) Erich Fromm als Voraussetzung für autoritäre Dispositionen erkannt hat und auf eine sadomasochistische Charakterstruktur zurückführt (vgl. Fromm, 1949). Sie erinnert an das Ethos des wilhelminischen Bürgertums in dem Schlüsselworte wie „Disziplin“ und „Unterordnung“ ähnlich eng miteinander verschränkt waren wie bei Bernhard Bueb und er begeht den Fehler unserer Vorväter wenn er „nun aus solchen Symbolen einer selbstverständlichen Tradition […] Symbole reflektierter Prinzipien, Mittel der expliziten ideologischen Argumentation“ (Elias, 1989: S. 272) macht, wie Norbert Elias es formulierte.
Hierarchisch vs. dialogisch
„Eltern müssen zu der Macht und Verantwortung „ja“ sagen.“ (Bueb, 2006: S. 55). Ganz abgesehen von der äußerst bedenklichen Reihenfolge, proklamiert Bueb hier einmal mehr die subtile Abkehr von einer dialogischen Konfliktlösung. Nach Max Weber bedeutet Macht „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ (Weber, 1964: S. 38). Im Sinne dieser Definition kann es kaum einer gesunden Entwicklung des jugendlichen Charakters dienen, wenn jedes Hinterfragen, jedes „Warum?“ einer Norm generell und lapidar mit „Darum!“ beantwortet wird. Bueb rechtfertigt solch ein Verhalten des Erziehers wenn er diesbezüglich die Erziehungspraxis seiner Mutter lobt (vgl. Bueb, 2006: S. 80).
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Arbeit zitieren:
Richard Grünert, 2009, Buebs Streitschrift zwischen den Zeilen, München, GRIN Verlag GmbH
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