I n h a l t s v e r z e i c h n i s
I. Einleitung 3
II. Das Familienunternehmen Topf Söhne 4
a) Die Geschichte des Unternehmens 4
b) Die Zusammenarbeit mit der Lager-SS 5
III. Täter: Forschung, Motive und Moral 7
a) Täterforschung 7
b) Tätermotive und ihre Anwendung auf die Firma Topf 9
c) Gegen Rechtssprechung und Moral 13
IV. Nach 1945: Der Umgang mit der Vergangenheit 16
a) Der Werdegang einzelner Täter: Prüfer, Sander, Messing und die Gebrüder Topf 16
b) Das Gelände der Firma Topf als Ort des Gedenkens? 19
V. Schlussteil 20
Literatur - und Quellenverzeichnis 22
2
I. Einleitung
Die deutsche Industrie lieferte zur Zeit des Nationalsozialismus die technischen Grundlagen für die Maschinerie des Holocaust. Nicht nur die großen Firmen wie Thyssen oder Volkswagen trugen ihren Teil, z.B. durch Zwangsarbeit, dazu bei. Auch kleine handwerkliche Betriebe wurden in die Vielzahl der Verbrechen involviert. Beispielhaft für die Beteiligung am Holocaust erweist sich die Firma Topf & Söhne aus Erfurt - ein mittelständisches Unternehmen, welches für die Herstellung von Mälzereianlagen, über Entlüftungssysteme bis hin zu Krematoriumsöfen verantwortlich war.
Um die Involvierung dieser Firma in den Holocaust zu verstehen, wird im der Einleitung folgenden Kapitel versucht, die Geschichte des Unternehmens zu skizzieren. Hierbei kommt es vor allem auf die Frage an, wie es zur Zusammenarbeit mit der SS kam und welche Gründe die Firmeninhaber hatten.
Da die Rolle der deutschen Industrie im Nationalsozialismus in Bezug auf das KZ-System in der geschichtswissenschaftlichen Forschung ein lang ausgegrenztes Thema war 1 , versucht diese Arbeit im dritten Kapitel durch eine überblicksartige Darstellung, den Charakter der spät einsetzenden Forschung zu erfassen. Ein besonderer Hinblick zielt dabei auf die Täterforschung. Die Täter sind auch genau diejenigen, welche im dritten Kapitel den Untersuchungsgegenstand ausmachen sollen. Inwieweit waren sich die Mitarbeiter der Firma Topf über die Folgen ihrer Arbeit bewusst? Wurden sie gezwungen? Welche Anreize boten sich, um für die Vernichtung Tausender Menschen die technische Grundlage zu schaffen? An dieser Stelle soll der Frage nach der Motivation der Täter nachgegangen werden, um Antworten auf diese und weitere Fragen zu bekommen.
Weiterhin wird im gleichen Kapitel untersucht, inwieweit die Topf-Angestellten gegen die damalige Rechtssprechung und die Moral verstießen. Hatten Recht und Moral einen Einfluss auf das Handeln der Ingenieure und Monteure? Welche Firmenphilosophie und Betriebskultur herrschte in diesem Unternehmen vor, welche Mentalität und Motivationsstruktur prägte den Einzelnen? Stets soll die Frage im Hinterkopf behalten werden, ob von einer „normalen“ Gesellschaft gesprochen werden kann oder ob das Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus eine Art Ausnahmezustand aufzuweisen hatte. Kapitel IV befasst sich schließlich mit der Zeit nach 1945 und dem Umgang mit der Geschichte bis hin zur Gegenwart. Hierin soll zum einen der Werdegang einzelner Ingenieure
1 Herrmann Kaienburg: Konzentrationslager und die deutsche Wirtschaft 1939-1945. Sozialwissenschaftliche Studien. Heft 34. Leske+Budrich, Opladen 1996. S.4. [Folgend: Kaienburg, 1996]
3
und deren Umgang mit ihrer Vergangenheit dargestellt und zum anderen die heutige Problematik der Nutzung des Firmengeländes aufgezeigt werden. Bisher liegt das Gelände in Erfurt brach. Kapitel IV b zeigt ausgewählte Positionen und Meinungen über die mögliche Nutzung des Areals.
II. Das Familienunternehmen Topf & Söhne
a) Die Geschichte des Unternehmens
1878 wurde von Johann Andreas Topf, der Vater von Ludwig und Ernst-Wolfgang Topf, der beiden namentlich bekannten Geschäftsführer der Firma zur NS-Zeit, in Erfurt eine Bierbrauerei gegründet. Bald schon meldete dieser ein Patent auf eine verbesserte Feuerungstechnik beim Bierbrauen an, welches sich für die Geschichte der Firma als maßgeblich erwies. In den Jahren 1885 bis 1887 stiegen alle vier Söhne Topfs in die Firma ein, wobei sich Ludwig Topf besonders an den Aufgaben der Firma verdient machte und sie schließlich 1904 übernahm. Unter ihm wurde die Firma zum internationalen Marktführer in der Herstellung von Malzdarren und Mälzereianlagen. Die Erfahrung in der Bierherstellung ermöglichte eine Produkterweiterung auf Dampfkesselanlagen, den Schornsteinbau sowie Saugzuganlagen. Bereits ab 1912 gehörten ebenfalls Krematoriumsöfen und Müllverbrennungsanlagen zur Produktpalette. 2
„Die Legende vom fähigen Unternehmer, der aus eigener Kraft gemeinsam mit seiner Belegschaft - als nur mit „schaffendem Kapital“ - die Firma aufbaute, ist in der deutschen Firmengeschichte weit 3 verbreitet.“
Im Ersten Weltkrieg wurde die Produktion parallel zur gesamten Industrie auf die Kriegsansprüche angepasst. Granaten, Geschützprotzen und andere Kriegsfahrzeuge wurden hergestellt. Die Firma erwies sich im Hinblick auf die Restriktionen des Versailler Vertrages 4 als innovativ, indem sie auf die Braunkohlefeuerung umstellte, welche halb- und vollautomatisch funktionierte. 5
Zwei der vier Söhne, Ludwig und Ernst-Wolfgang, übernahmen 1931 die Geschäftleitung. 1933 verloren sie kurzzeitig ihr Anrecht auf die Geschäftsführung, da sie ein gewisser Dr. Ing.
2 Annegret Schüle: Technik ohne Moral, Geschäft ohne Verantwortung. Topf & Söhne - die Ofenbauer von Auschwitz. In: Fritz Bauer Institut (Hg.): Im Labyrinth der Schuld. Täter - Opfer - Ankläger.
Jahrbuch 2003 zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Campus Verlag. Frankfurt a m M ain. 2003. [Folgend: Schüle, Ofenbauer] S.200. 3 Schüle, Ofenbauer. S.201.
4 Vertrag von Versailles 1919: Dieser untersagte…
5 Schüle, Ofenbauer. S.202.
4
Spindler auf einer am 30.01.1933 einberufenen Betriebsversammlung als Judengenossen betitelte. Den Verlust ihrer Position konnten die Gebrüder nur umgehen, indem sie am 30.April 1933 der NSDAP beitraten. 6
b) Die Zusammenarbeit mit der Lager-SS
Den ersten Auftrag erhielt das Familienunternehmen 1939 vom SS-Hauptamt „Haushalt und Bauen“. Für die Auftragsvergabe waren weder Parteinähe noch Systemtreue ausschlaggebend. Eher dürfte die Stellung der Firma auf dem internationalen Markt und ihre Qualität eine große Rolle gespielt haben. Topf & Söhne war Markt führend und technisch auf dem neuesten Stand. 7
Einer Epidemie im Konzentrationslager Buchenwald zu Beginn der Zweiten Weltkrieges sollte schnellstmöglich entgegengewirkt werden. Die Firma Topf & Söhne lieferte die benötigten Verbrennungsöfen und trat damit seinen Dienst als Handlanger des Holocaust an. 8 Der Beitritt zur NSDAP sowie die anfängliche Geschäftsbeziehung zur SS können teilweise mit der Angst der Gebrüder um den Verlust des väterlichen Betriebes erklärt werden. Vermutlich sollte auch die Position als Marktführer gegenüber der Konkurrenzfirma Kori aus Berlin verteidigt werden. Sollte dieser Erklärungsansatz für die Jahre 1939/40 ausreichen, so stellt sich spätestens 1941 erneut die Frage nach der Motivation der Firma für die Zusammenarbeit mit der SS und für den Entwicklungsehrgeiz einzelner Ingenieure, denn im Oktober 1941 wurden die Pläne für die erste Verbrennungsanlage des späteren Vernichtungslagers Auschwitz bekannt. 9
Topf & Söhne entwarf ein riesiges Krematorium mit insgesamt fünfzehn Verbrennungskammern. Der Auftrag der SS unterschied sich nicht nur hinsichtlich der Größe von den üblichen Aufträgen. Zu den Lieferungen gehörten auch Entlüftungsanlagen für den als Leichenkeller bezeichneten Raum. Jedem Beteiligten hätte aufgrund der technischen Ausstattung hätte klar sein müssen, dass dort keine Leichen aufbewahrt, sondern Menschen vergast werden sollten. 10 Die Lagerleitung Auschwitz hatte weniger Probleme mit dem Morden als mit den dadurch entstehenden Leichenbergen. 11 Schnelle Abhilfe war gefragt,
6 Ebd.
7 Peter Hillebrand: Auf Montage in Auschwitz. Taz. Nr.7688 vom 13.06.2005, Contrapress media GmbH. www.taz.de/pt/2005/06/13/a0219.nf/text. [Folgend: Hillebrand, Montage. 2005]
8 Hillebrand, Montage. 2005.
9 Schüle, Ofenbauer. S.203.
10 Hillebrand, Montage. 2005.
11 Prof. Dr. Volkhard Knigge: Unschuldige Öfen. Techniker der „Endlösung“. Topf & Söhne - Die Ofenbauer von Auschwitz. Einleitung zum Begleitband. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. 2005. www.topfundsoehne.de/downlod/medienmappe_ef_dt.pdf. [Folgend: Knigge, Unschuldige Öfen. 2005]
5
wodurch die SS auf die Entwicklungsarbeit der Firma angewiesen war. Deutsche Wertarbeit und Erfindergeist waren gefragt, um eine reibungslose Tötungsmaschinerie zu installieren. Die wichtigsten Fragen für die SS waren:
„In welchen Öfen brennt man, möglichst ohne Unterbrechung und Brennstoff sparend, abertausende Leichen? Ist es nicht hilfreich, Gaskammern, um sie in möglichst kurzen Abständen zu nutzen, mit einem 12 Be- und Entlüftungssystem auszustatten?“
Für die Lösung dieser Aufgaben waren zivile Experten wie die Ingenieure der Firma Topf & Söhne notwendig, die keine Skrupel hatten, sich intensiv in die praktische Seite der Vernichtung hineinzudenken und entsprechende Vorrichtungen zu entwickeln, aufzubauen und zu warten. 13 Topf & Söhne lieferte während des Krieges Krematoriumsöfen und Teile der Gaskammertechnik für die Konzentrations- und Vernichtungslager. Damit schuf sie technische Voraussetzungen für die Vernichtung von unzähligen Juden und anderen Verfolgten.
„Die Brüder Ernst-Wolfgang und Ludwig Topf waren Hitlers Erfüllungsgehilfen bei seinem 14 mörderischen Plan. Getreu dem Firmenspruch: Stets gern zu Ihren Diensten.“
Das Verhalten der Fa. Topf & Söhne kann als symptomatisch für das Verhalten der deutschen Bevölkerung während des Nationalsozialismus gesehen werden. Die Gebrüder waren weder fanatische Nationalsozialisten, noch war die Herstellung der Krematoriumsöfen finanziell von Bedeutung. In Bezug auf den Holocaust waren stillschweigende Zustimmung, aber auch aktive Beteiligung vorherrschend. 15
Diese Erklärung reicht jedoch nicht, um den Charakter der Zusammenarbeit mit der SS vollständig zu erklären. Die Ingenieure und Monteure hatten durch ihre Tätigkeit genaueste Kenntnisse über den Einsatz und die Konsequenz ihres Produktes und dennoch bemühten sich Einzelne darum, die „Effizienz“ der Öfen noch zu steigern. Wie soeben dargestellt, arbeitete die Firma nicht auf Zwang, sondern eher aus Eigeninitiative. Es ergaben sich nur wenige persönliche Vorteile, wie eine Statusverbesserung, Prestigegewinn, kleine Prämien oder eine Freistellung von der Wehrmacht. Jedoch reichen all diese Dinge nicht aus, um die Ereignisse zwischen 1939 und 1945 zu erklären. 16
12 Knigge, Unschuldige Öfen. 2005.
13 Ders. 14 Hillebrand, Montage. 2005.
15 Redebeitrag zur Kundgebung „Gegen deutschen Opfermythos“ am 07.05.2005. http://topf.squat.net/texte/texteeshauses/2005_05_07.html.
16 Knigge, Unschuldige Öfen. 2005.
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Arbeit zitieren:
Bianca Saupe, 2006, Die Firma Topf und Söhne, München, GRIN Verlag GmbH
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