Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkungen 3
Der Entscheider 5
Handlungsintensit ät 6
Tragweite der Entscheidungen 8
Entscheidungshemmnisse 9
Kognition und Emotion 12
Symbol und Heuristik 14
Kulturhistorische und gegenwärtige Formen der Entscheidungsfindung mittels
Symbolsystemen 16
Alternative Beratungsformen - Risiken und Nebenwirkungen? 21
Empirische Implikationen - ein Ausblick 23
Literaturliste : 26
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Vorbemerkungen
Der Alltag ist erfüllt von Entscheidungssituationen mannigfaltiger Art. Verschiedene Lebenssituationen und damit verbundene Rollen erfordern Entscheidungen mit unterschiedlichen Auswirkungen bzw. Reichweiten und einhergehenden Verant-wortungen. Die nachfolgende Arbeit will sich in einem ersten Teil kurz mit den verschiedenen Grundlagen der Entscheidungsfindungsprozesse 1 auseinander-setzen. So geht es um die Fragen: Wer entscheidet? In welcher Intensität wird die Entscheidung getroffen? Welche tatsächlichen oder vermeintlichen Auswirkungen können Entscheidungen entfalten? Und: Welche Faktoren können Entscheidungen hemmen?
Insbesondere der letzte Aspekt ist bedeutsam für die Betrachtung, warum und in welchen Situationen Menschen (für sich) Entscheidungen nicht zu treffen vermögen. An diesen Stellen wird Urteils- und Handlungsvermögen defizitär. 2 Dies kann zum einen durch Persönlichkeitsmerkmale weiter bedingt werden, sich aber auch durch soziale oder kognitive Einflüsse verstärken. In solchen Situationen werden dann vielfach Berater in Anspruch genommen, denen Kompetenz in dieser Frage zugetraut wird. 3 Die Lebensaspekte, die dabei berührt werden, reichen thematisch von der Ernährung über die Partnerschaft und Sexualität, bis hin zu Erziehungs- und Gesundheitsfragen, Schuldenberatung und vielen anderen mehr. 4
1 Wie an verschiedenen Stellen deutlich werden wird, steht der Begriff des 'Entscheidungsfindungsprozesses' hier auch teils analog zu dem Begriff 'Problemlösungsprozess'.
2 Bspw. HILL 2002: 39 weist hierzu auf die Funktion der Schemata und Skripte hin und "erst wenn die eingehenden Wahrnehmungsdaten nicht in ein Schema passen, kommt es zum Nachdenken, Vergleichen, bewussten Erkennen und Entscheiden."
3 Siehe SCHÜTZEICHEL 2004: 276. "Beratungen setzen eine (wie auch immer unterstellte) Wissensasymmetrie voraus, sonst müsste man sich nicht beraten lassen." Dies behandelt ähnlich NOWOTNY 2005: 41, die von einer "epistemischen Asymmetrie" spricht, die Experten und Laien voneinander unterscheidet. Eine kritischere Betrachtung der 'Beraterzunft' findet sich bei GIGERENZER 2007.
4 So weist die Online-Datenbank der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Erziehungsberatung (DAJEB e.V.) mit Stand vom 21.06.2010 insgesamt 12.579 Beratungsstellen nach, die sich mit den folgenden Themen beschäftigen: Aidsberatung, Beratung alleinerziehender Mütter/Väter, Ehe-, Familien-, Partnerschafts- und Lebensberatung (einschließlich Beratung bei Trennung und Scheidung), Familienplanungsberatung, Hilfe und Beratung für Frauen,
Krisenintervention, Kinder- und Jugendberatung, Beratung für Migranten und Spätaussiedler, Beratung für psychisch Kranke, Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung, Sexualberatung, Sozialberatung, Suchtberatung. Dies stellt nur einen Ausschnitt der vielfältigen Alltagsthemen dar, zu denen Menschen Beratungen ersuchen. Spezielle Fachberatungen, wie sie bei konkreten Lebenssituationen des Einzelnen oder als Beratungsbedarf für Organisationen erforderlich werden können (bspw. Bauberatung, Rechtsberatung, Personalberatung, Steuerberatung), sind hier noch nicht berücksichtigt. Neben der Online-Quelle siehe auch die Printfassung von DORENBERG/GAMP/MOESER-JANTKE 2010. Weiter SCHÜTZEICHEL 2004: 273.
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Um Entscheidungshemmnisse aufzulösen, ist der Blick auf die maßgebenden Fak-toren wichtig, die sowohl die kognitive, als auch die emotive Seite betreffen. Dazu wird die Symbolik als Heuristik, wie sie in verschiedenen (tiefen-) psychologischen und soziologischen Theorien des letzten Jahrhunderts entwickelt worden ist, verstärkt in den Fokus genommen. Dies wird deshalb als wesentlich angesehen, weil sich in der kulturgeschichtlichen Entwicklung verschiedene Beratungsformen ausprägten, die auf einer symbolischen Basis entweder der konkrete Zukunftsdeutungen dienten oder aber zumindest Assoziationsmedien bereitstellten. 5 Und so drückt KLEINING es für diese Arbeit brauchbar aus: "Daß bei der Bildung und der Entschlüsselung von Symbolen gesellschaftliche und individuell-psychische Bedingungen
6 wirken, macht den Symbolbegriff zu einem zentralen sozialwissenschaftlichen Konzept." Ein Teil dieser symbolischen Techniken und Methoden, die noch heute zum Spektrum der so genannten Lebensberatung gehören, soll dann nachfolgend Gegenstand der Betrachtung sein.
Inwieweit die aufgeführten historischen und gegenwärtigen Beratungsformen tatsächlich als heuristische Problemlösungsstrategien dienen können und Entscheidungskompetenz vermitteln, soll abschließend - aufgrund der bislang unzureichenden Datenlage - mehr unter dem Aspekt der „Empirischen Implikationen“ als Ausblick auf mögliche Forschungsprojekte betrachtet werden.
Als wesentlich vorausgesetzt werden muss für die Arbeit daher zunächst die Definition des Begriffs 'Entscheidung':
"Entscheidung ist [...] die bewusste Auswahl unter Alternativen." 7 Konstitutiv ist für Entscheidungen dann „erstens ein Sondieren des Alternativenspektrums“ und zweitens das „Relativieren der gewählten Alternative im Hinblick auf die nicht gewählten Alternativen“. 8
5 SCHÜTZEICHEL - 2004: 282 - unterscheidet hier prototypisch drei Beratungskonstellationen: Expertenkommunikation, Gemeinsames Problemlösen, Maieutischer Dialog. Diese Einteilung kann hier auch zugrunde gelegt werden. 6 KLEINING: 1995: 160
7 BIRKER, 1997: 22 (Hervorhebung wie im Original).
8 SCHIMANK 2005: 40 (Hervorhebung wie im Original).
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Der Entscheider
Vom Inneren zum Äußeren vorgehend, finden wir auf der Mikroebene das Individuum als Entscheider mit einer mehr oder weniger umfangreichen Autonomie 9 und Autarkie 10 ausgestattet. Der Mensch als Individuum entscheidet in erster Linie für sich selbst, aber auch für andere.
Im Hinzutreffen weiterer Individuen, wie beispielsweise in Familien und Klein-gruppen, bildet sich im unmittelbaren Zusammentreffen die (Notwendigkeit der) Abstimmung von Entscheidungsvorgängen heraus. Das kann auch im Rahmen einer stellvertretenden Entscheidung geschehen, wie dies exemplarisch Eltern für Kinder tun oder Betreuer für Betreute 11 etc., oder als delegierte Entscheidung, wie beispielsweise einer mittels Handlungsvollmacht erteilten Befugnis oder einer arbeitsteiligen Vereinbarung. Bereits in den Interaktionen wird ersichtlich, dass Autonomie und Autarkie des Individuums Beschränkungen durch einen jeweiligen Gegenüber oder institutionelle wie juristische Maßgaben unterliegen können.
Auf der Mesoebene - der im Allgemeinen Organisationen und Institutionen wie Verwaltungen, Firmen, Verbände, Vereine u.ä. zugerechnet werden - betrachtet, erhalten Entscheidungen noch weitergehende Komplexität durch institutionell oder strukturell vorgegebene Hierarchien und verfahrenstechnische Beteiligungsprozesse. Entscheiden wollen, entscheiden können und entscheiden dürfen fallen hier mitunter bereits auseinander oder sind gar nicht miteinander zu vereinbaren. 12
Die sozialen Kontextbedingungen, auch als framing bezeichnet, spielen eine nicht unmaßgebliche Rolle im Entscheidungsfindungsprozess. 13 So ist es also denkbar, dass das Individuum auf der Mikroebene bestimmte Entscheidungen trifft, die ihm auf
9 Gr. autonomia = sich selbst Gesetze gebend
10 Gr. autarkeia = Selbstgenügsamkeit, Selbständigkeit
11 So bei SCHÜTZEICHEL 2004: 279 „’Betreuungen’ sind dadurch gekennzeichnet, dass ein Akteur A für einen Akteur B die Entscheidungen trifft. Betreuungen zeichnen sich dadurch aus, dass die Selektions- und Entscheidungsmöglichkeiten eines Akteurs beschnitten werden.“
12 SCHIMANK 2005: 117 schreibt dazu "Nicht nur entscheiden zu müssen, sondern auch entscheiden zu wollen - was voraussetzt entscheiden zu können - macht somit die Entscheidungsgesellschaft aus." (Hervorhebungen wie im Original) Dies lässt jedoch außer Acht, dass auf gesellschaftlicher Ebene (der Meso- oder Makroebene) gesetzte Regeln der Entscheidungsbefugnis, also dem 'Dürfen', Grenzen aufweisen können, auch wenn das Individuum entscheiden 'will' und grundsätzlich 'könnte'.
13 KLEINING 1995: 353/354; BIRKER 1997: 61; HILL 2002: 23, 35 (verweist auf die Verwendung des Begriffes bei Goffman), 73; ASSMANN 2005: 35-39; NOWOTNY 2005: 37; SCHIMANK 2005: 131, 143ff.; MIEBACH 2006: 419 (verweisend auf Kahneman & Tversky), 420; SELLMAIER 2007: 11; GIGERENZER 2007: 9
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der Mesoebene nicht erlaubt sind - oder umgekehrt. Abstimmungsprozesse zu Entscheidungen auf der Mesoebene können daher eine konkretere Auseinandersetzung erfordern, als dies beispielsweise auf der Makroebene (des Kollektivs/der Gesellschaft) geschieht. Hier werden vielfach - wie beispielsweise bei politischer Wahl, Gremienabstimmungen, Votings etc. - Einzelentscheidungen zu einer Gesamtentscheidung zusammengefasst. Nach Außen hin verliert sich die Entscheidung des Individuums in der Kollektiventscheidung, denn 'gewählt hat das deutsche Volk', 'der Vorstand hat entschieden' und 'die Versammlung hat die Resolution verabschiedet' - also die Mesoebene. Für die nachfolgenden Betrachtungen wird lediglich die Mikroebene von Interesse sein.
Handlungsintensität
Die Bereitschaft Entscheidungen zu treffen hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Zwischen dem ‚Aussitzen’ von Problemen, dem reaktiven Handeln und der ‚proaktiven’ Gestaltung von Situationen und deren (geplanten) zukünftigen Verläufen, liegt eine große Bandbreite von Handlungsmöglichkeiten. In einer interessanten Auseinandersetzung mit diesen polarisierten Handlungsvorstellungen entwi-ckelte beispielsweise CUNNINGTON die Unterscheidung zwischen dem "magician" und dem "logical mind":
"The magician decides what she wants to have happen and then goes about manifesting it. The logical mind, that can only operate out of what has been achieved in the past as being possible in the future, decides what is feasible and
limits itself to that." 14
In einer fatalistischen Sicht des eigenen Handlungsvermögens wird die Situation an sich, wie auch deren weitere Entwicklung als 'vom Schicksal' gegeben aufgefasst. Der Mensch handelt in der Situation, aber er handelt nicht aus freiem Willen oder aufgrund einer eigenen Entscheidung, sondern aufgrund einer 'Vorsehung', einer 'Vorherbestimmung' - oder, wie bei CUNNINGTON festgestellt, aus der Redu-zierung auf Erwartungshaltungen, die aus vergangenen Erfahrungen resultieren. Die Entscheidung bzw. Nicht-Entscheidung liegt damit nicht in der Verantwortung des Individuums, sondern in der einer 'unsichtbaren Hand', die gleichsam 'hinter den
14 CUNNINGTON, 2000: S. 19
6
Kulissen' das Geschehen steuert 15 , Regelmäßigkeit bewirkt und durch Erwartungswerte das Zukünftige gleichsam vorgibt. 16 Streng den Regeln der Logik folgend, geht ein "logical mind" (jedoch weniger fatalistisch als mehr deterministisch) von den Gesetzmäßigkeiten aus, die sich in bestimmten Formen und Strukturen wiederholen.
Dem gegenüber steht die Auffassung, dass der Mensch 'seines Glückes Schmied' sei - also einen unmittelbaren Einfluss auf das aktuelle und zukünftige (Wohl-) Ergehen habe. Folglich können von außen herangetragene Ereignisse durch richtiges und gelungenes Handeln (und die diesen zugrunde liegenden Entscheidungen) positiv bewältigt werden. Der "magical mind" würde also in einem solchen Falle von der grundsätzlichen Beeinflussbarkeit der Geschehnisse ausgehen, wie auch die Kraft und Zuversicht, wie das Vermögen zur Veränderung des Situativen für sich beanspruchen. Wie späterhin zu zeigen sein wird, ist dies für die Entstehung und Verwendung der so genannten 'Weisheitslehren' von Bedeutung. 17
Setzen wir auf dieser Basis also voraus, dass die Annahme und Bereitschaft einer eigenen Einflussnahme auf aktuelles und zukünftiges Geschehen, das hier als 'aktives Entscheiden' verstanden werden soll, damit dem "magical mind" entspricht. 'Passiv' ist eine Entscheidung dann, wenn Entscheidungsoptionen nicht wahrgenommen werden und somit das Geschehen quasi von außen an das Individuum herangetragen oder ihm die Entscheidungsgewalt abgenommen wird. 18 Inwieweit dies, als ‚sekundärer Gewinn’ 19 , im Interesse des Individuums liegt - die ‚passive’
15 In der griech. Philosophie bereits mit dem Begriff der 'Heimarmenê' bezeichnet. Zur Begriffsgeschichte und philosophischen Ausdeutung siehe ZIERL 2002: 183-184. Zu 'unsichtbaren Hand' bspw. auch bei KUNZ 2004: 73 (verweisend auf den Begriff bei Adam Smith); SCHIMANK 2005: 286, 405.
16 Dies ist bspw. in der Betrachtung des angenommenen Entscheidungsverhalten aufgrund der 'Prospect Theory' von Relevanz.
17 Interessant ist insofern auch, dass (historische) Divinationstechniken gemeinhin mit einem gewissen Fatalismus in Beziehung gesetzt werden. Aber an dieser Stelle muss schon deutlich werden, dass der Fatalismus - in komplexen, kontingenten Situationen - eher in einer nicht-ergebnisoffenen Herangehensweise zu suchen ist. Dazu aber unten stehend mehr. S.a. zur ‚wisdom divination’ bei ZUESSE 1987: 376, 379; SCHILLING 2009: 9.
18 Diese Einteilung ist idealtypisch zu verstehen und weist daher situative und/oder graduelle Abstufungen auf. Dem Grunde nach geht es hier also darum weder entscheiden zu können, zu wollen oder zu dürfen.
19 Vgl. hierzu den Hinweis auf Burgess und die „Bedeutung des sekundären Krankheitsgewinns bei Depression“ - es werden „Symptome instrumentell [benutzt], um Sympathie, Mitleid und Aufmerksamkeit zu gewinnen.“ SELIGMAN 1999: 97
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Arbeit zitieren:
Marion Röbkes, 2010, Entscheidungsfindungsprozesse und alternative Formen der Beratung, München, GRIN Verlag GmbH
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