Inhaltsverzeichnis
1 Einführung 2
2 Konzeptionelle Grundlagen 4
2.1 Konzept einer Wissensgesellschaft 4
2.2 Wissensformen und Technik als angewandte Wissenschaft 5
3 Wurzeln im Mittelalter 7
3.1 Das Verhältnis von Wissenschaft und Technik in Antike und Mittelalter 7
3.2 Entdeckung der Natur im Hochmittelalter 8
3.3 Technisches Wissen im Mittelalter. Fallbeispiel: Gotische Kathedralen -
Hightech des Mittelalters? 9
4 Aufbruch - Die Schwellenzeit der Renaissance. Künstleringenieure,
Humanisten , gelehrte Dilettanten - Anfänge eigentlicher Naturwissenschaft
sowie wissenschaftliche und literarische Entdeckung der Technik 11
5 Wissenschaftliche Revolution - Ansätze, Institutionen, Strukturen nützlicher
Wissenschaften in der Frühen Neuzeit 13
5.1 Programmatische Konstruktion der wissenschaftlich-technischen Moderne -
Fortschrittsglaube und Wandel der Leitbilder von Wissensproduktion 13
5.2 Die Erfindung der modernen Naturwissenschaft im 17. Jahrhundert 14
5.3 Erfindung der technischen Experten: Ingenieure - Entstehungskontexte und
Institutionalisierungsformen 15
5.4 Konkurrierende technische Wissenschaftsprojekte und ihre Kontexte 17
5.4.1 Naturwissenschaftliche Lösungsversuche technischer Probleme 17
5.4.2 Frühneuzeitliche Technologie 18
5.4.3 Erfindung genuiner Technikwissenschaften - Motivation, Ansätze, Akteure
19
5.5 Technisches Wissen im Spiegel der technischen Fachliteratur 20
5.6 Technische Praxis - Fallbeispiele 21
6 Schlussbetrachtung 23
7 Literaturverzeichnis 25
2
1 Einführung
„Ich lebe in einer Wissensgesellschaft!“ - das liest und hört sich angenehm neutral und verführerisch fortschrittlich, zwingend technologisch und fern jedes politischen oder
instrumentellen Interesses an. 1 Doch warum leben wir heute in einer Wissensgesellschaft? Wo sind ihre Wurzeln zu suchen? Was verbindet uns Heutige mit ihrer Evolution, was hängt uns an, was hängt uns im negativen Sinne nach? Das sind Fragen, mit denen sich ein Hauptseminar zur Erfindung der Wissensgesellschaft in der Frühen Neuzeit im Wintersemester 2006/2007 auseinanderzusetzen hatte.
Im Folgenden werden in einer Art Retrospektive zwei bis heute äußerst wirksame Bestimmungsstücke, Wissenschaftsgläubigkeit und Nützlichkeitsdenken, im Verlauf der Seminarinhalte verfolgt. Das heißt, nur die Kernaussagen der einzelnen Seminarsitzungen können hier herausgestellt werden, vieles musste wegfallen, manches kann nur gestreift werden. Diesem Vorhaben ist auch die eher essayistische Form und die Anlage der Arbeit geschuldet. Sowohl eine inhaltliche als auch eine chronologische Komponente enthalten die Überschriften. Dagegen zielen die ihnen nachfolgenden, kursiv gesetzten Fragen auf die Schwerpunkte der jeweiligen Seminarsitzung und werden in den entsprechenden Abschnitten beantwortet. Sicherlich ungewöhnlich, aber in der Erarbeitung des Gesamtstoffes des Seminars für den Verfasser didaktisch extrem hilfreich. Insgesamt soll mit diesem Aufbau verdeutlicht werden, dass die Wurzeln der Wissensgesellschaft bis tief in das europäische Hochmittelalter zurückreichen und ihr Entstehen in einem Prozess zu suchen ist, der noch keineswegs seinen Abschluss gefunden hat - der Durchdringung der Welt mit Wissen. Stark rekurriert wird dabei auf die Bedeutung des Schauens und Sehens als einen konstruierenden Vorgang für die „Produktion, Organisation und Kommunikation
von Wissen“ 2 , waren doch Mittelalter und Frühe Neuzeit ausgesprochen visuell 3 geprägt. Dem Bild kommt dabei eine wichtige Mittlerfunktion zwischen illiterater und literater
Fachkultur zu. 4 Bilder vermitteln Informationen affektiver, detailreicher und anschaulicher
1 Vgl. Kübler, Hans-Dieter: Mythos Wissensgesellschaft. Gesellschaftlicher Wandel zwischen Information, Medien und Wissen. Eine Einführung, Wiesbaden 2005, S. 9.
2 Hänseroth, Thomas: Gelehrte Bilder: Geometrisierte Wissensrepräsentationen in der Bauliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts als symbolische Einlösung des Nützlichkeitsversprechens frühneuzeitlicher Wissenschaft. In: Meyer, Torsten/Popplow, Marcus (Hrsg.): Technik, Arbeit und Umwelt in der Geschichte, Münster u. a. 2006, S. 201-220 [202].
3 Wie sehr sich bereits die Visualität der Frühen Neuzeit schon von der des Mittelalters unterschied wird aus dem Brief Petrarcas von der Besteigung des Mont Ventoux im April 1335 deutlich. Vgl. Wyss, Beat: Vom Bild zum Kunstsystem, Köln 2006, S. 121.
4 Vgl. Hänseroth, Gelehrte Bilder (wie Anm. 2), S 203f.
3
sowie nachhaltiger als Texte, dies macht jedoch auch ihren Nachteil aus. 5 Der Inhalt von Bildern, ihre Wahrheit, ist Verhandlungssache. Das Bild selbst ist eine „Partitur für
gemeinsame Deutungsarbeit“ 6 - Ausgangspunkt für die Wissensproduktion, -organisation und -kommunikation.
5 Vgl. ebd., S. 202. Zu den Nachteilen von Bilder vgl. ebd.
6 Wyss, Bild (wie Anm. 3), S. 9 (Hervorhebung durch M. R.).
4
2 Konzeptionelle Grundlagen 2.1 Konzept einer Wissensgesellschaft
Nach Martin Heidenreich 7 war es wohl Peter Lane, der 1966 erstmals von einer Gesellschaft als Wissensgesellschaft (knowledgeable society) sprach. Wirkmächtig wurde dieser Begriff jedoch erst mit Daniel Bells Konzept der Wissensgesellschaft (knowledge society), die die technokratische Industriegesellschaft nach deren Niedergang im Lauf der Gesellschaftsevolution ablösen sollte. Bell verhieß mit der zunehmenden wissenschaftlichen Durchdringung aller Lebensbereiche in der Wissensgesellschaft das
Versprechen, dass die Gesellschaften immer besser, immer zivilisierter werden würden. 8 Ein auch im Umfeld des Modernisierungsbegriffes der 1960/70er Jahre entstandenes Konzept, das erfolgsorientiert auf einen zielgerichteten sozialen Wandel, auf Höherentwicklung gesellschaftlicher und staatlicher Strukturen blickt - eine teleologische
Sichtweise. 9 Wir müssen uns also durchaus fragen, ob diesem Konzept der Wissensgesellschaft und damit unserer Zeit nicht immer noch Nützlichkeitsdenken und -versprechen sowie Wissenschaftsgläubigkeit inhärent sind. Die reflexive Moderne zumindest hat eingesehen, dass dieses Versprechen von Bell nicht einzuhalten war, ist und sein wird.
Als heuristisches Modell beschreibt das Konzept der Wissensgesellschaft allgemein die westlichen Gesellschaften, in denen die individuelle Lebensführung, gesellschaftliche Aushandlungsmechanismen und staatliches Ordnungshandeln zunehmend von einer Verwissenschaftlichung und durch Wissenschaft geprägt sind. Arbeit und Produktion verlieren ihre gesellschaftsbildende und -orientierende Bedeutung, die Technik ist wissenschaftsorientiert angelegt. Zugleich verschiebt sich die Wertschöpfung der Gesellschaft in den Bereich der immateriellen Produktion (Dienstleistung) von und durch Wissen. Produktion, Verteilung und Reproduktion von Wissen erfolgt polyzentrisch. Damit aber bugsiert sich die Gesellschaft selbst in eine strukturelle Kalamität. Zum einen
7 Vgl. Heidenreich, Martin: Die Debatte um die Wissensgesellschaft, in: Böschen, Stefan/Schulz-Schaeffer, Ingo (Hrsg.): Wissenschaft in der Wissensgesellschaft, Wiesbaden 2003, S. 25-52 [34].
8 Vgl., ebd., S. 34f.
9 Mittlerweile hat die modernisierungstheoretische Forschung dies jedoch revidiert. Sie verweist auf die Existenz verschiedener nebeneinander existierender Entwicklungspfade und -ziele. Sozialer Wandel verläuft keineswegs zielgerichtet oder gar intendiert in eine Richtung. Vgl. Schorn-Schütte, Louise: Konfessionalisierung als wissenschaftliches Paradigma?, in: Bahlcke, Joachim/Strohmeyer, Arno (Hrsg.): Konfessionalisierung in Ostmitteleuropa. Wirkungen des religiösen Wandels im 16. und 17. Jahrhundert in Staat, Gesellschaft und Kultur, Stuttgart 1999, S. 63-77 [66-68].
5
werden Risiken der Wissensproduktion vergesellschaftet, zum anderen stellt sich mit der
exponentiellen Zunahme von Nicht-Wissen die Frage, wie mit diesem umzugehen sei. 10 Nicht nur mit der Verbindung von Wissen und Globalisierung gewinnt die
gesellschaftliche Entwicklung des Menschen an ungeheurer Komplexität. 11 Überforderung des Menschen durch die Wissensgesellschaft ist die Folge, was sich unter anderem in drei Verweigerungshaltungen ausdrückt: 1) der romantischen Verweigerung; 2) dem Kult der Ignoranz und 3) den modernen Formen der Esoterik. Historisch wird der Beginn der Wissensgesellschaft in den 1880er Jahren verortet.
2.2 Wissensformen und Technik als angewandte Wissenschaft
Kann Wissenschaft die eine Wahrheit finden? Wie sind Technikwissenschaften orientiert?
Auf Wissen gründet die Wissensgesellschaft, aber was ist Wissen überhaupt? Unterscheiden lassen sich unter anderen implizites, explizites, ästhetisches und technisches Wissen sowie Nicht-Wissen. Handlungen, die dem Menschen mit der Sozialisierung
vertraut werden 12 , nennt man implizites Wissen. Nur geringen Anteil an der Kognition des Menschen besitzt das explizite Wissen 13 . In technisches Können, funktionale und strukturelle Regeln sowie technologische Gesetze und soziotechnologisches Systemwissen
gliedert sich technisches Wissen. 14 Nicht-Wissen bezeichnet Wissenslücken, bestimmbar oder nicht, sowie das „Nicht-gewahr-werden“ bzw. „-können“. 15 Im Rückblick auf das Seminar ist folglich zu fragen, ob die permanente Zunahme von Nicht-Wissen nicht zwangsläufig wieder eine neue „Iliteralität“ produziert, vergleichbar der Iliteralität des Mittelalters oder der Frühen Neuzeit. Wir können Wissen nicht mehr aufschlüsseln und
lesen, wissen nicht einmal, wo und wann wir suchen sollen 16 - die Orientierung im
10 Vgl. Heidenreich, Debatte (wie Anm. 7), S. 38.
11 Vgl. ebd., S. 39-42.
12 Es ist weder verbalisierbar noch begründbar, intuitiv, unbewusst, sehr persönlich und nur durch das Prinzip learning by doing zu erwerben. Vgl. Kübler, Mythos (wie Anm. 1), S. 125.
13 Dieses kann verbalisiert, formalisiert, strukturiert vermittelt werden und ist intersubjektiv, wissenschaftlich begründbar. Vgl. ebd. Ästhetisches Wissen bewegt sich zwischen impliziten und expliziten Wissen: zwar verbalisierbar aber nicht wissenschaftlich erklärbar. Vgl. ebd., S. 98 und S. 137-139.
14 Vgl. Ropohl, Günter: Wie die Technik zur Vernunft kommt. Beiträge zum Paradigmenwechsel in den Technikwissenschaften, Amsterdam 1998, S. 91-96.
15 Nicht-Wissen ist objektiv (bekannt vs. unbekannt), intentional (vermeidbar vs. nicht vermeidbar) und temporär (absichtlich vs. nicht absichtlich). Vgl. Wehling, Peter: Die Schattenseite der Verwissenschaftlichung, in: Böschen, Stefan/Schulz-Schaeffer, Ingo (Hrsg.): Wissenschaft in der Wissensgesellschaft, Wiesbaden 2003, S. 119-142 [125].
16 Vgl. ebd., S. 123.
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Dschungel der Informationen geht verloren. Unser Wissen erscheint als Konstrukt, es bestimmt, was wir sehen oder beobachten. Was ist aber dann mit dem von der Wissenschaft vertretenen Anspruch der Objektivität und der von ihr vertretenen Wahrheit? Was ist wissenschaftliche Wahrheit und wodurch ist diese zu erkennen? Wahrheit ist historisch. Nur Wissen, das nach bestimmten Methoden und Kriterien wie Nachprüfbarkeit, Reproduzierbarkeit, begriffliche Klarheit, Intersubjektivität der
Ergebnisse; 17 einer gewissen moralischen Bedeutung etwa Uneigennützigkeit und Ethos des Wissenschaftlers versehen ist und entsprechend eruiert wurde, wird als ‚wahr’ angesehen. Von hier spannt sich der Bogen zur Technik, die man „lange Zeit als
angewandte Naturwissenschaft“ 18 verstand, aber Naturgesetze werden in
Technikwissenschaften nicht angewandt, sondern sind Hilfsmittel, um „ein originär
technologisches Gesetz“ 19 zu gewinnen. Die Orientierung der Technikwissenschaften als Interdisziplinwissenschaften 20 liegt eindeutig auf dem praktischen Nutzen und Erfolg, nicht unbedingt an der wissenschaftlichen Wahrheit 21 - Ausdruck sowohl von Nützlichkeitsversprechen als auch Wissenschaftsgläubigkeit in der Technik.
17 Vgl. Mittelstraß, Jürgen: Wissen und Grenzen. Philosophische Studien, Baden-Baden 2001, S. 19.
18 Ropohl, Technik (wie Anm. 14), S. 88.
19 Ebd., S. 92.
20 Vgl. ebd.
21 Vgl. ebd., S. 92f.
Arbeit zitieren:
Matthias Rekow, 2007, Die Wurzeln der Wissensgesellschaft - Wissenschaft in der Technik, München, GRIN Verlag GmbH
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