Vorwort
Wir leben in einer Zeit, in welcher mehr und mehr unser Leben von Problemen, Stress und Hektik aber auch sozialer Benachteiligung geprägt ist. Den daraus resultierenden Variationen an Defiziten steht die Erlebnispädagogik gegenüber. In dieser Arbeit soll ein Überblick gegeben werden. Ein Überblick der Wurzeln sowie der derzeitigen Anwendungsmethoden.
Mit Wurzeln umschreibt man allgemein die Ursprünge, d.h. es soll der Frage nachgegangen werden: Woraus hat sich unser heutiges Verständnis von Erlebnispädagogik entwickelt? Wer waren die geistigen Väter einer heutzutage so wichtigen sozialpädagogischen Institution? Insbesondere soll hierbei natürlich auf Kurt Hahn eingegangen werden, welcher als Urvater gilt. Seine Gedanken und Methoden werde ich kurz darstellen und erläutern. Im Anschluss daran werde ich einen Blick in die Gegenwart riskieren. Was ist aus den Grundideen geworden? Lassen sich Vergleiche ziehen? Ich werde mich insbesondere des Outward Bound widmen, da dieses ebenfalls auf Hahn zurückzuführen ist. Hierbei werde ich auch versuchen untereinander vergleichbare Konzepte dieses Modells darzulegen. Den Abschluss soll ein Blick auf die Probleme von Erlebnispädagogik bilden. Hierbei werde ich insbesondere die Aspekte des Kommerzes und des Transfers aufgreifen.
Diese Arbeit wird keine neuen Erkenntnisse hervorbringen. Ich werde lediglich darum bemüht sein, aus dem Dschungel an Literatur einen erlebnispädagogischen Überblick zu gestalten.
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1. Was ist Erlebnispädagogik ?
Bevor es möglich sein wird einen Überblick der Erlebnispädagogik zu geben, sollte man sich die Frage stellen, was überhaupt darunter zu verstehen ist. Zunächst handelt es sich hierbei um ein einfaches zusammengesetztes Wort, bestehend aus den Begriffen ‚Erlebnis’ und ‚Pädagogik’. Doch bereits an dieser Stelle endet die zuvor postulierte Schlichtheit und weicht einem nahezu undurchdringlichen Gewirr aus Definitionen und Postulaten, was der in der Überschrift formulierten Frage zu keiner Antwort verhelfen wird. Beide sind definitorisch mehrfach besetzt, je nach betrachtender Fachrichtung und erlauben keine exakte allgemeingültige Formulierung einer Bestimmung. Hier sei nun die Frage gestattet, inwieweit sich überhaupt eine Definition für ‚Erlebnispädagogik’ finden lassen wird. Je nach Erfahrungswerten der entsprechenden Wissenschaftler wird für die Terminologie auch eine äquivalente Definition zum Tragen kommen. Es ist für mich also nur möglich eine Zusammenstellung von Begriffsbestimmungen verschiedenster Wissenschaftler anzubieten und mich der einen oder anderen mehr oder weniger verbunden zu fühlen, da mir die praktische Erfahrung auf dem Gebiet der Erlebnispädagogik fehlt und ich somit nur einen theoretischen Einblick in dieses sozialpädagogische Arbeitsfeld aufweisen kann. Für Jörg ZIEGENSPECK ist Erlebnispädagogik „eine recht junge erziehungswissenschaftliche Teildisziplin, die bisher nur langsam entwickelt werden konnte“ 1 . Daraus folgert ZIEGENSPECK, dass Erlebnispädagogik auf eine eigene Methodenlehre zurückgreifen kann 2 und ein Integrationspotential innerhalb einer Vielzahl von sozialwissenschaftlichen und pädagogischen Richtungen aufweisen kann 3 .
Diesem Verständnis widersprechen Bernd HECKMAIR und Werner MICHL: Für sie ist Erlebnispädagogik eine handlungsorientierte Methode unter vielen, wie zum Beispiel außerschulische Bildungsarbeit, das Planspiel, Theater- und Reisepädagogik 4 . „Erlebnispädagogik ist eine handlungsorientierte Methode und
1 Zitat: ZIEGENSPECK S.998
2 Vgl.: ZIEGENSPECK S.996
3 Vgl.: FISCHER/ZIEGENSPECK S.281
4 Vgl.: HECKMAIR/MICHL S.72f
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will durch exemplarische Lernprozesse, in denen junge Menschen vor physische, psychische und soziale Herausforderungen gestellt werden, diese in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern und sie dazu befähigen, ihre Lebenswelt verantwortlich zu gestalten“ 5 .
Ein gänzlich anderes Verständnis von Erlebnispädagogik wurde von Willi
KLAWE entwickelt: „Erlebnispädagogik ist keine Methode, sondern eine
pädagogische Grundeinstellung die darum bemüht ist, den pädagogischen Alltag in seinen Bezügen möglichst erlebnisintensiv zu gestalten“ 6 .
Diese drei Definitionsversuche sollen exemplarisch für die in der Fachliteratur vertretenen Auffassungen stehen. Ich selbst kann mich am ehesten den Aussagen von HECKMAIR und MICHL anschließen, da sie bereits per Definition einräumen, dass es sich hierbei nur um eine Methode unter vielen handelt. Sie erklären somit, dass Erlebnispädagogik keine Monopolstellung im Bezug auf Effektivität besitzt und somit nicht als Rettungsanker verstanden werden darf wenn andere Konzepte versagen. Des weiteren ist die explizite Herausstellung der Persönlichkeitsentwicklung als besonders positiv anzusehen, da sie sich nicht auf defizitäres Verhalten Jugendlicher beschränkt.
2. Die Ursprünge der Erlebnispädagogik
Im folgenden soll ein kurzer Überblick gegeben werden, aus welchen pädagogischen Strömungen sich die Erlebnispädagogik zusammensetzt, wo ihre Wurzeln zu finden und welche Namen mit ihr untrennbar verbunden sind. Zunächst sei an dieser Stelle vermerkt, dass Erlebnispädagogik keine Erfindung unserer Zeit ist, welche sich über Nacht etablierte und auf einen einzigen Erziehungswissenschaftler, Sozialpädagogen oder Psychologen zurück zu führen ist. Sie war von jeher eine Methode der Pädagogik, die versucht hat den drängenden Fragen der jeweiligen Zeit etwas entgegenzusetzen.
5 Zitat: HECKMAIR/MICHL S.75
6 Vgl.: KLAWE/KUNSTREICH/ KRÄTZSCHMAR, S. 9
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2.1 Die Alten Griechen 7
Schon die alten Griechen hatten mit Platon (427 – 347 v. Chr.) einen Mann in ihren Reihen, der mit seinem ganzheitlichen Menschenbild erkannte, dass zur inneren und äußeren Wohlgestimmtheit neben der Vernunft und dem damit verbunden Erwerb von Wissen, der Einsatz musischer und gymnastischer Kräfte notwendig ist. Zugegeben dies klingt etwas antiquiert, doch recht hatte er mit seiner Ansicht. Denn der pädagogischen Geschichte können wir den Ruf nach einer ganzheitlichen Erziehung seit dieser Zeit verfolgen.
2.2 "Erziehung zurück zur Natur" 8
Ganz bedeutende Grundlagen der Erlebnispädagogik finden wir dann, mit einem riesigen Sprung in die neuere Zeit, bei Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778). Sein Erziehungsroman "Emile" richtet sich in erster Linie gegen die restriktiven Erziehungsbestimmungen seiner Zeit. Er plädiert – ganz gegen den damaligen Zeitstrom – dafür, Kind Kind sein zu lassen. Mit seinem Ruf "zurück zur Natur" fordert er, die Natur als Erziehungsmittel zu nutzen. "Einfachheit", natürliche Bewegung in der Natur, unmittelbares Erleben durch die Sinne, Lernen aus eigenen Erfahrungen und der Erwerb von Selbständigkeit waren die Grundsäulen seiner Erziehungsphilosophie.
2.3 "Gesellschaft- und Konsumkritik" 9
Als weiterer bedeutender Vertreter ist David Henry Thoreau (1817 – 1862) zu nennen. Er zieht sich, sozusagen im Eigenexperiment, in die Wälder Kanadas zurück, um seinen Landsleuten, die gerade zu Beginn des 19. Jahrhunderts buchstäblich im "american way of life", geprägt von Luxus, Technik, Mode, Bequemlichkeit und Naturbeherrschung schwelgten, etwas entgegenzusetzen. Seine Devise war die Einfachheit in der Lebensweise. Er wollte beweisen, dass ein Leben mit einfachen Mitteln, wenig Geld und dem Zurückschrauben von überzogenen Bedürfnissen durchaus möglich ist. Unmittelbarkeit des eigenen
7 Vgl.: BAUER S.8f
8 Vgl.: HECKMAIR/MICHL S.4f
9 Vgl.: HECKMAIR/MICHL S.9f
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Erlebens. Lernen durch Versuch und Irrtum in möglichst realen Situationen und die Natur als Lehrmeisterin waren seine Prinzipien.
2.4 "Kritik am verkopften Lernen und neue Ideen für die Schule" 10
Kritik an der bestehenden Gesellschaft beschäftigte aber nicht nur Thoreau. Vor allem die Reformpädagogik (1890 – 1933) war dann die pädagogische Richtung, die mit Begriffen wie Erlebnis, Augenblick, Unmittelbarkeit, Gemeinschaft, Natur, Echtheit und Einfachheit die bestehenden pädagogischen Konzept und Methoden in Frage stellte. Sie verweist auf ein handlungsorientiertes Konzepte, das sich in der Praxis durch die Errichtung der ersten Landerziehungsheime, der thematischen Erweiterung der Pädagogik durch die Kunsterziehung und letztlich auch durch die Frauen- und Jugendbewegung wiederspiegelte. Sich-Finden-und- bewähren-können in der Auseinandersetzung mit der Umwelt galt als oberstes Prinzip. Oftmals werden die Reformpädagogen heute auch als die eigentlichen Väter der Erlebnispädagogik bezeichnet. Sie bauten auf individuelle Lerngelegenheiten statt starrem Stundenplan, auf praktische Tätigkeiten, sei es im Schulgarten oder auf einer gemeinsamen Wanderung.
John Dewey 11 (1859-1952) prägte in den USA ein neues Schlagwort: "Learning by doing". Er setzte auf das selbständige Denken und Handeln des Kindes und auf die Lebensnähe des Unterrichtes, die letztlich eine positive Sozialerziehung versprach, die als Grundlage für eine demokratische Gesellschaft gesehen werden konnte. Rasch gelangten diese Ideen auch über den großen Teich und fanden Befürworter und Anhänger in Europa. Vertreter dieser Richtung waren Paul Geheeb (1870 – 1961) mit seinem Landschulheim "Odenwaldschule" bei Heppenheim, Georg Kerschensteiner (1854 – 1932), der als Vater der Berufsschulen geistiges und manuelles Tun verbinden wollte.
10 Vgl.: FISCHER/ZIEGENSPECK S.105f
11 Vgl.: HECKMAIR/MICHL S.31f
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Stephan Zein, 2001, Erlebnispädagogik - Ein Überblick, Munich, GRIN Publishing GmbH
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