INHALT
Einleitung 1
Hauptteil
I. Theoretische Überlegungen: Form und Funktion von Genealogien
in der literarischen Tradition
1. Das Epos
1.1. Homer, Ilias
1.1.1. Aeneas, Asteropaios, Achill. 3
1.1.2. Glaukos: Das Blättergleichnis 7
1.2. Hesiod 8
2. Hekataios von Milet 11
II. Die Verwendung der Genealogien in den Historien
1. Parallelen: Die Griechen. Leonidas, Leutychides, Pausanias. 13
2. Nicht-Griechen
2.1. Gyges bis Kroisos: Die Mermnaden. 15
2.2. Kyros und Kambyses. 16
2.3. Dareios und Xerxes 17
3. Kandaules: Die Herakliden. Die Rolle des Schicksals. 19
Fazit 22
Appendix
Literaturverzeichnis i
1
EINLEITUNG
Die Form, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Einheit bilden, ist das K{RSN. Die Vorstellung, dass die eigene Person in einer
Abstammunslinie steht, die auf einen Ahnherrn zurückgeht und die sie selbst fortsetzt, verbindet im Bewusstsein des Individuums Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Alle Zeitstufen sind miteinander verknüpft. Ihren Ausdruck findet diese Vorstellung im Lied der Musen, prosaisch formuliert: in der Genealogie.
Betrachtet man die Grobstruktur des herodoteischen Geschichtswerks, fällt auf, dass es nach lydisch-persischen Herrschern aufgebaut ist. Da in einer Sukzession der Sohn dem Vater auf den Thron folgt, insofern die Herrschaft nicht mit Gewalt von einem fremden Gegner übernommen wird, liegt es nahe zu fragen, welche Rolle die Abstammung in den Historien spielt. Dabei soll nicht aufgeklärt werden, ob die Angaben historisch korrekt sind, sondern analysiert werden, welche Leistung die Genealogien in narrativer Hinsicht erbringen.
Die Auseinandersetzung mit solchen Abstammungslinien beginnt schon bei Homer: Die homerischen Helden stellen sich vor, indem sie ihre Vorfahren nennen. Exemplarisch sollen hier die Genealogien des Aeneas, des Asteropaios und des Achill untersucht werden. Zudem wird das Blättergleichnis des Glaukos näher besehen. Hesiod wählt sich den Gegenstand zum Hauptthema seines Werks: Er beschreibt die Entstehung der Welt und der drei Göttergenerationen vom Chaos an. Eine zentrale Rolle spielen Genealogien auch bei Hekataios in seinem gleichnamigem Werk.
Da diese drei Autoren als literarische Vorläufer Herodots betrachtet werden können, soll in einem ersten Schritt auf Grundlage ihrer Werke ein theoretisches Modell entwickelt werden. Es sollen drei Aspekte untersucht werden: Welche Form haben die Genealogien? Wie sind sie ausgerichtet? Welche narrative Funktion erfüllen sie damit?
1 übers. von T. von Scheffer in: Hesiod. Sämtliche Werke, E.G. Schmidt (Hrsg.), Leipzig 1965.
2
In einem zweiten Schritt soll dieses Modell auf die Historien des Herodot angewendet werden. Dabei wird der Frage nachgegangen, welche etablierten Anwendungsweisen abgerufen werden, auf welche verzichtet wird und welche Aspekte womöglich neu sind. Es werden zunächst die Stammbäume der griechischen Heerführer Leonidas, Leutychides und Pausanias betrachtet, um dann die Verwendung von Genealogien bei den Nicht-Griechen zu untersuchen. Eine Sonderstellung nimmt die Genealogie des Kandaules ein, die abschließend analysiert wird.
3
I. THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN: FORM UND FUNKTION
VON GENEALOGIEN IN DER LITERARISCHEN TRADITION
1. Das Epos 1.1. Homer, Ilias
1.1.1. Aeneas, Asteropaios, Achill
a) Genealogie des Aeneas, 20. Gesang, 200-258 Kontext
Zeus versammelt die Götter und erlaubt ihnen, wieder am Kampfgeschehen teilzunehmen (23-5). Sie stellen sich einander gegenüber, warten aber zunächst noch ab. Apollon treibt in Gestalt des Lykaon Aeneas zum Kampf mit Achill an (83-5). Dieser erhebt Einwände; der Gott kann ihn jedoch mit dem Hinweis auf seine Abstammung überzeugen, sich Achill zu stellen: Denn auch du, heißt es, bist von des Zeus (…)OEiiHäW{JEWMM(M¶NNOS»VLNN%JVSHfXLNN
zOKIKQIROIlRSNNHäGIVIlSRSNNzOOUISÁÁ
zWXfR QäRRKV(M¶NNzWUHz\PfSMSSK{VSRXSN (105-7)
Als Aeneas und Achill aufeinander treffen (158ff.), schmäht dieser ihn, indem er sagt, Priamos schätze ihn gering. Zudem erwähnt er dieselbe Geschichte, die schon Aeneas im Gespräch mit Apollon als Argument gegen den Kampf angeführt hatte: schon einmal sei Aeneas in einer Begegnung mit ihm unterlegen gewesen und nur durch die Hilfe eines Gottes gerettet worden. Deshalb solle er ihn nicht herausfordern und sich zurückziehen. In seiner Antwort legt Aeneas nun seine Abstammung dar; er spiegelt damit die Argumentation Apollons knapp 100 Verse zuvor.
4
Aeneas’ Rede
Aeneas beginnt seine Antwort mit der Äußerung, Achill könne ihn nicht mit Worten einschüchtern. Apollon hatte vorausgesehen, dass er dies versuchen würde (108-9). Nach dem Vergleich ihrer jeweiligen Eltern greift er das Motiv „Waffen statt Worte“ noch einmal auf und rundet so den ersten Teil seiner Rede ab.
Darauf folgt die Genealogie (213-41). Sie ist nicht unmittelbar durch die vorausgehende Rede Achills motiviert - üblicherweise geht der Angabe des eigenen Stammbaums die Frage „Wer bist du und woher von den Männern (…)?“ (bspw. 21,150; s.u.) voran. Allerdings reagiert Aeneas mit der Darlegung seiner Verwandtschaft mit Priamos und dem Verhältnis seiner Vorfahren zu den Göttern direkt auf die beiden Vorwürfe Achills, die Götter hätten ihn bei ihrem letzten Treffen gerettet und er stehe den Söhnen des Priamos an Ehre nach.
Die Genealogie wird eingerahmt von den gleichen Formeln, derer sich auch Glaukos gegenüber Diomedes bedient, um sich vorzustellen:
IeeHzU{PIMNOEiiXEÁXEHEQIREMµJVzY Wenn du aber auch dieses erfahren willst, auf
IeH¢MN dass du unser Geschlecht gut weißt: und viele
QIX{VLR KIRIR TSPPSi Hä QMR RHVIN Männer wissen dies.
hWEWM (20, 213-14 = 6, 150-1) und
XE»XLNNXSMMKIRI¢NNXIOEiiEgQEXSNN
Aus diesem Geschlecht und Blut rühme ich
I½GSQEMMIREM
mich dir zu stammen.
(20, 241 = 6, 211)
Aeneas führt seine väterliche Abstammungslinie auf Zeus zurück. Dieser habe Dardanos gezeugt, der Dardanie gründete und wiederum Erichthonios zeugte. Ihm werden gleich 10 Verse gewidmet, um seinen Reichtum, insbesondere an Pferden, auszuführen; mit ihnen habe Boreas zwölf Fohlen gezeugt. Erichthonios Sohn Tros habe drei Söhne gehabt, unter ihnen Aeneas’ Urgroßvater Assarakos, dessen Bruder Ganymedes von Zeus auf den Olymp geholt worden sei, um ihm als Mundschenk zu dienen. Sein zweiter Bruder Ilos habe als Gründer des trojanischen Fürstenhauses Laomedon und dieser Priamos neben vier anderen Söhnen gezeugt. Von Assarakos stamme eine Reihe einzelner Söhne ab: Assarakos, Kapys, Anchises, Aeneas. Die Aufzählung schließt mit der Nebeneinanderstellung von Hektor und Aeneas: den Aeneas habe Anchises gezeugt, Priamos aber den Hektor.
5
Die beiden Hauptargumente seiner Rede sind die Nähe seiner Vorfahren zu den Göttern (Boreas, Zeus, Aphrodite) und der gemeinsame Stammbaum mit Hektor, der beide gemeinsam auf eine Stufe stellt. Zudem zeichnen sich seine Vorfahren durch große Besitztümer aus. Aeneas widerlegt damit Achill’s Warnung, ein ihm nicht ebenbürtiger Gegner zu sein. Er verwendet seine Genealogie als Legitimation, gegen Achill zu kämpfen. Indem er noch einmal das Motiv „Waffen statt Worte“ aufgreift, fordert er deshalb Achill zum Kampf heraus:
Die beiden Helden schleudern ihre Lanzen aufeinander. Aeneas’ Lanze bleibt im Schild Achills stecken; Achills Lanze jedoch durchschlägt Aeneas’ Schild und bleibt im Boden stecken. Als Aeneas zu unterliegen droht, beschließt Poseidon, ihn zu entrücken, da es ihm bestimmt sei, die Linie des Dardanidengeschlechts fortzuführen (300-8). Achill sieht ein, dass Aeneas sich zurecht seiner Vorfahren und ihrer Nähe zu den Göttern gerühmt hat - ein weiteres Mal hat ihm ein Gott beigestanden:
b) Asteropaios und Achill, 21. Gesang, 149-199
Kontext
Achill treibt einen Teil der Troer in den Fluss Skamandros. Er wütet und mordet unter ihnen, sodass sich das Wasser des Flusses rot färbt (21). Lykaon, ein Sohn des Priamos, fleht Achill an, ihn zu verschonen; dieser erbarmt sich jedoch nicht, sondern erschlägt ihn, mit der Begründung, auch ein Heroe mit vorzüglicher (göttlicher) Abstammung sei dem Schicksal letztendlich ergeben (PP}TMMXSMMOEizQSiiUREXSNNOEiiQSlVEOVEXEM110). Darüber erzürnt, legt der Flussgott dem Asteropaios „Q{RSN(…)zRRJVIWi“ „Kraft (…) in die Sinne“ (145), als er sich Achill entgegenstellt. Er rettet ihn jedoch nicht vor dem Tod.
2 übers. von W. Schadewaldt
3 ders.
Arbeit zitieren:
Juliane Dienemann, 2010, Genealogie als Narrativ, München, GRIN Verlag GmbH
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