Inhalt
Inhalt 2
Einf ührung 4
Thematische Bestimmung 4
Anmerkungen zur Gegenwartskultur Indiens 5
Zur Geschichte des indischen Mainstream-Films 6
Über die Besonderheiten der indischen Film- und Kinokultur 7
Ein Wort zur Zensur 9
Kabhi Khushi Kabhie Gham - eine kurze Inhaltsangabe. 9
Über den typischen Aufbau eines indischen Mainstream-Films 10
Typische dramaturgische Elemente 12
Exkurs : Das Sanskrit-Drama im Beispiel 13
Weitere dramaturgische Elemente 14
Gesang und Tanz 14
Hintergrundmusik 15
Die „rasas“ 15
Das Schicksal 15
Die Verbundenheit im Geist 16
Die Hochzeit 16
Das religiöse Ritual 17
Wetter 17
Tr änen 18
Dramaturgische Funktion und Konzeption 18
Traditionelle Rollenverteilungen 18
Handlungsraum „Familie“ 18
Figurennamen als Charakterstereotypen 19
Die Figur der Mutter 19
Das Adoptivkind 19
Klassische dramatische Struktur 20
Kabhi Khushi Kabhie Gham -Vorbemerkungen 21
Kabhi Khushi Kabhie Gham - Szenen und Kommentare 22
Grundkonstellation 22
01 Vorspann (00:00:55 - 00:04:20) 22
02 London, Manor House College (00:04:20 - 00:07:31) 23
Anmerkungen (Szenen 01 und 02) 24
03 Hardwar, in einem Tempel (00:07:31 - 00:13:05) 25
Anmerkungen (Szene 03) 26
04 Rückblende: Das Lichterfest (00:13:06 - 00:20:29) 26
Anmerkungen (Szene 04) 27
05 Familienleben / Das Versprechen (00:20:30 - 00:26:30) 27
Anmerkungen (Szene 05) 28
06 Anjali (00:26:30 - 00:30:36) 28
Anmerkungen (Szene 06) 28
07 Rahul und Naina / Ein erster Disput (00:30:37 - 00:33:16) 29
Anmerkungen (Szene 07) 29
08 Anjali und Rahul (00:33:17 - 00:40:59) 29
Anmerkungen (Szene 08) 30
09 Der 50. Geburtstag (00:41:00 - 00:51:57) 31
10 Die Entschuldigung (00:51:58 - 00:54:46) 31
11 Schulstress (00:54:47 - 00:55:42) 31
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12 Die Versöhnung (00:55:43 - 00:58:14) 31
13 Volksfest in Ägypten (00:58:15 - 01:10:14) 32
Anmerkungen (Szene 13) 32
14 Dissonanzen (01:10:14 - 01:14:15) 32
15 Die Hochzeit (01:14:16 - 01:20:41) 32
16 Naina gibt Rahul frei (01:20:42 - 01:23:27) 33
17 Liebe oder Gehorsam (01:23:28 - 01:24:52) 33
18 Die Liebe und der Tod (01:24:53 - 01:27:28) 33
Anmerkungen (Szenen 14 bis 18) 33
19 Verstoßen (01:27:29 - 01:37:25) 33
Anmerkungen (Szene 19) 34
20 Abschied von Rohan (01:37:26 - 01:38:47) 34
Anmerkungen (Szene 20) 34
21 Zurück in der Gegenwart (01:38:48 - 01:39:06) 34
22 Der Entschluss (01:39:07 - 01:40:59) 34
Anmerkungen (Szene 22) 34
23 Veränderungen (01:41:03 - 01:41:50) 35
24 Nachforschungen (01:41:51 - 01:43:55) 35
25 Abschied (01:43:45 - 01:46:34) 35
26 London (01:46:34 - 01:49:01) 35
27 Rahuls neues Leben (01:49:02 - 01:54:35) 35
28 Das Wiedersehen (01:54:36 - 02:04:52) 35
29 Der Fremde (02:04:53 - 02:11:49) 35
30 Annäherung (02:11:50 - 02:17:51) 35
31 King’s College Party (02:17:52 - :02:27:40) 35
32 Väter (02:27:41 - 02:32:21) 36
33 Karwa Chauth (02:32:21 - 02:36:43) 36
34 Das Fest (02:36:44 - 02:42:20) 36
35 Schulfest (02:42:21 - 02:57:01) 42
36 Brüder (02:57:02 - 03:00:28) 42
37 Der Lockvogel (03:00:28 - 03:01:50) 42
38 Bluewater Einkaufszentrum (03:01:50 - 03:07:12) 42
39 Starrköpfigkeit (03:07:13 - 03:11:45) 37
40 Höhere Gewalt (03:11:45 - 03:13:31) 37
41 Abrechnung (03:13:32 - 03:19:30) 37
42 Happy End (03:19:31 - 03:28:05) 44
43 Abspann (03:28:06 - 03:30:04) 38
Schlussbetrachtung und Ausblick 38
Literaturverzeichnis 47
Medienverzeichnis 47
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Einführung
Wer nur einmal - zufällig oder absichtlich - einen modernen Film des indischen Populärkinos gesehen hat, dem wird eine eigentümliche Erfahrung zuteil. Diese Erfahrung besteht aus mehreren mit einander konkurrierenden Eindrücken: Zunächst stellt man beim Verlassen des Kinosaals fest, dass man soeben gut drei Stunden darin verbracht hat, ohne es recht bemerkt zu haben. Außerdem hat man das Gefühl, einen Film gesehen zu haben, zu dem im ersten Moment nur negativ konnotierte Beschreibungsformeln einfallen wollen: „Schmonzette“, Tanzfilm, Heimatfilm, Liebesmärchen, „Soap Opera“ - und sich dabei dennoch köstlich amüsiert zu haben. Salman Rushdie nannte das einmal die „episch-mythisch-tragisch-komisch-super sexy-hohe-Masala-Kunst“ 1 . Gegenwärtig ist ein Trend zu beobachten, vermehrt „indische Elemente“ auch in westlichen Film- und Theaterproduktionen zu verarbeiten 2 . Diese als „Bollywood-Chic“ bezeichnete Tendenz hat Züge des Orientalismus des 19. Jahrhunderts oder, vereinfacht gesagt: Wenn man das Exotische einer fremden Kultur für die westlichen Sehgewohnheiten auf Hochglanz poliert, wird es für eine Gesellschaft, die des eigenen kulturellen Mainstreams überdrüssig wird, erst richtig interessant.
Was macht diese eigentümliche Faszination eines so genannten indischen Mainstream-Films aus? Was reizt an einem Film, in dem „die Protagonisten unversehens und ohne Not und direkten Anlass ins Singen und Tanzen geraten“, wie es die Schweizer Filmwissenschaftlerin Dr. Alexandra Schneider ausdrückt 3 ? Diese Arbeit will den Versuch wagen, diesem Phänomen nachzuspüren und insbesondere die Dramaturgie zu beleuchten, den Spannungsbogen, der dieses Konglomerat von stilistischen Mitteln zusammenschweißt zu einen rezeptiven Erlebnis, das den Betrachter über gut drei Stunden fesselt und auch hinterher einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Als Beispiel soll dafür in erster Linie der Film Kabhi Khushi Kabhie Gham dienen, der 2001 gedreht wurde und als erster Film aus „Bollywood“ - der indischen Filmindustrie, verballhornt als das „Hollywood“ vom Bombay 4 - in die deutschen Programmkinos kam. Nachdem der Film dort nur mit deutschen Untertiteln zu sehen war, brachte ein Privatsender 2004 eine nun vollständig synchronisierte Fassung mit dem deutschen Titel „In guten wie in schweren Tagen“ ins Fernsehen 5 . Damit dürfte „Kabhi Khushi Kabhie Gham“, was richtig übersetzt „Manchmal glücklich, manchmal traurig“ heißt, der bis jetzt international erfolgreichste indische Film sein, der übrigens auch in Indien selbst mit seinem enormen Staraufgebot zu einem „Gassenhauer“ wurde. Ende Februar 2005 sendete außerdem „arte“ anlässlich des 100sten Geburtstags des indischen Films eine ganze Reihe neuerer indischer Filme und auch mehrere Dokumentationen, die auch in dieser Arbeit berücksichtigt werden.
Thematische Bestimmung
Wie schon in der Einführung angedeutet, sollen die dramaturgischen Elemente des modernen indischen Kinofilms im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Um diese nicht nur zu erkennen, sondern auch nach ihrer Funktion zu definieren, ist ein zumindest kurzer Blick auf die mannigfaltigen Ursprünge dieser Elemente erforderlich. In der Dramaturgie des modernen Hindi-Kinos haben nicht nur die antike indische Literatur, das indische Sanskrit-Theater oder das klassische Drama griechischer Prägung ihre Spuren hinterlassen. Es finden sich auch Einflüsse aus dem populären amerikanischen und europäischen Film, aus der eigenen indischen Filmgeschichte und nicht zuletzt aus der kulturellen und religiösen Tradition Indiens, eines Landes, in dem weit über eine Milliarde Menschen leben, mit verschiedensten Sprachen, Religionen und lokalen Kulturen. Auch die indische Gegenwartskultur hat erheblichen Anteil an der Dramaturgie der modernen Filme.
Somit wird diese Arbeit sich nicht allein auf einen kultur- oder medienwissenschaftlichen Blickwinkel beschränken können, wenn sie ihrer thematischen Ausrichtung gerecht werden will. Ihre große Herausforderung besteht
1 Zitiert nach Schneider, a.a.O. (Masala ist eine indische Gewürzmischung, u.a. mit Pfeffer, Kardamom, Zimt, Nelken, Kreuzkümmel und Koriander, manchmal auch mit Lorbeer und Muskat, und ist die Grundlage von Curry; Anm. d. Verf.)
2 Z.B. im Musical Bombay Dreams von Andrew Lloyd Webber, an dem indische Spezialisten für Tanz und Choreographie mitwirkten, oder in der aktuellen Verfilmung von Vanity Fair, einem englischen Roman von W. M. Thackerey unter der Regie der Inderin Mira Nair, die durch Monsoon Wedding bekannt wurde (vgl. z.B. Knörer, a.a.O.).
3 Vgl. Schneider, a.a.O.
4 Offiziell wurde Bombay (portugiesisch: Bom Bahia = guter Hafen) 1996 in den ursprünglichen Namen Mumbai, nach der indischen Göttin Mumbadevi, zurückbenannt. Seither ist dieser Name im Westen gebräuchlich, während die Einheimischen die Stadt aus Gewohnheit nach wie vor Bombay nennen.
5 Im November 2004 sahen etwa 1,82 Millionen Zuschauer „In guten wie in schweren Tagen“ auf RTL II als Deutschland-Premiere in synchronisierter Fassung. Das entsprach einem Marktanteil von 6,9%. Unter den 14- bis 49-jährigen betrug der Anteil dabei 11,9%. Quelle: RTL 2.
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darin, die für die Dramaturgie des modernen indischen Mainstream-Films wichtigen Aspekte herauszuarbeiten und in ihrem Kontext darzustellen, ohne sich in der vielfältigen Materie zu verlieren. Es wäre durchaus möglich, außerdem in ausführlicher Weise z.B. die Produktionsbedingungen indischer Studios, den Einfluss von Staat und Politik auf die Filmproduktion oder deren religiösen und kulturellen Aspekte zu beleuchten, aber das würde den Rahmen dieser Arbeit in unangemessener Weise sprengen. Für eine weitere Beschäftigung mit dem Thema ist insbesondere das kompakte Buch Bollywood - a guidebook to popular Hindi cinema von Tejaswini Ganti empfehlenswert.
Anmerkungen zur Gegenwartskultur Indiens
Für die Annäherung an den indischen Film und seine Eigenheiten ist ein kurzer Blick auf die Kultur dieses von über einer Milliarde Menschen bevölkerten Landes sinnvoll. Die indische Kultur ist ohne Zweifel stark von der Geschichte des Landes und von seiner multireligiösen Gesellschaft geprägt.
Bis 1947 war der indische Subkontinent eine Kolonie Großbritanniens und hieß British India. Als das Land in jenem Jahr in die Unabhängigkeit entlassen wurde, spaltete es sich in die Staaten Pakistan und Indien auf, was eine Massenflucht in beide Richtungen bewirkte, da sich Pakistan als muslimischer Staat gründete, Indien als hinduistischer. Etwa sieben Millionen Muslime und fünf Millionen Hindus verloren ihre angestammte Heimat; rund eine Million Menschen verloren bei den begleitenden, bürgerkriegsähnlichen Unruhen ihr Leben. Die beiden neuen Staaten kamen bis heute zu keiner wirklich friedlichen Nachbarschaft, wie die immer wieder aufflammenden Konflikte um die von beiden Seiten beanspruchte Region Kaschmir zeigen.
In Indien besteht die Bevölkerung derzeit zu etwa 82 bis 86% aus Hindus, aber es leben auch um die 100 Millionen Muslime im Land und bilden damit die größte muslimische Population eines einzelnen Landes auf der Welt 6 . In den letzten zwei Jahrzehnten war ein Erstarken fundamentalistischer Tendenzen zu beobachten, in deren Folge es auch immer wieder zu religiös motivierten Unruhen kam, so etwa 1993 in Bombay 7 . Insgesamt soll es, so eine Schätzung, seit der Unabhängigkeit Indiens zu rund 12.000 religiös motivierten kommunalen Ausschreitungen und Massakern gekommen sein 8 .
Ein prägendes Element der hinduistischen Gesellschaft ist das Kastensystem, eng verbunden mit dem Glauben an die Wiedergeburt: Je nach den Verdiensten im vorigen Leben wird man im nächsten Leben belohnt oder bestraft, je nachdem, in welche Kaste, d.h. soziale Schicht, man „hineingeboren“ wird. Dieses für die unteren sozialen Schichten nachteilige Glaubensverständnis hat zeitweilig zu Abwanderungen benachteiligter Hindus in andere Religionen - Buddhismus und Christentum - geführt 9 .
Während diese Angaben den Eindruck erwecken, Indien könnte sich in einer Art „religiöser Zeitschleife“ befinden, die eine Entwicklung hin zur Modernität nach westlichen Maßstäben verhindert, zeigt ein Blick auf Politik, Kultur und Wirtschaft, dass es auch eine andere Seite Indiens gibt: die des aufstrebenden Industriestaats, politisch eine Demokratie mit pluralistischer Prägung, in der die Bevölkerung aus Hindus, Moslems, Sikhs, Jains, Parsen, Christen und Buddhisten für einen kulturellen Reichtum steht, der in der Welt seinesgleichen sucht. Wirtschaftlich ist die indische Bevölkerung in drei Schichten unterteilt: die „Business Class Economy“, die „Motorcycle Economy“ und die „Ox-Wagon-Economy“. Etwa 2% der Bevölkerung, rund 25 Millionen Menschen, gehören zur Klasse der Geschäftstätigen, zu der auch die Oberschicht zu rechnen ist, während die bürgerliche Mittelschicht durch das weit verbreitete Transportmittel des Mopeds oder Motorrads gekennzeichnet ist. Zur Mittelschicht zählen etwa 250 Millionen Menschen, die sich einen Fernseher, Radio, Telefon und auch einen Gasanschluss leisten können. Der große Rest, fast eine Milliarde Menschen, erledigt seine Transporte nach wie vor mit dem Ochsenkarren, wie in uralten Zeiten. Insbesondere für diese Landbevölkerung hat das Kastenwesen eine hohe Bedeutung. Je stärker entwickelt und moderner die Ökonomie entwickelt ist, desto geringer ist der Einfluss der Religion auf das tägliche Leben und Denken.
Die regionale Verteilung der Wirtschaftskraft ist sehr unterschiedlich. Während im Nordwesten um die Zentren Bombay und Delhi sowie im Süden mit dem aufstrebenden Hyderabad 10 und dem „indischen Silicon Valley“ Bangalore der Boom deutlich spürbar ist, stagnieren die ländlichen Regionen im Norden und Osten 11 . Das tägliche Leben in Indien ist religiös geprägt; entsprechend verhält es sich mit der Kultur und auch den kulturellen Produkten des Landes, wie etwa dem Film. Der in dieser Arbeit zu untersuchende Film Kabhi Khushi
6 Vgl. Uhl/Kumar, S. 125 f.
7 Vgl. Uhl/Kumar, S. 133
8 Vgl. Uhl/Kumar, S. 134
9 Vgl. Uhl/Kumar, S. 137
10 In den letzten Jahren hat sich gerade in Hyderabad eine mit Bombay konkurrierende Filmindustrie entwickelt. Die Filme aus dieser Region werden in der Sprache Telugu gedreht (vgl. Münchmeyer, a.a.O.).
11 Quelle: www.globaldefence.net/deutsch/asien/indien/dossier.htm
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Kabhie Gham etwa setzt sich unter anderem mit gesellschaftlichen Klassenunterschieden auseinander, die in der modernen indischen Gesellschaft, insbesondere auch unter den vielen im Ausland lebenden Indern, allmählich an Bedeutung verlieren und eher für ein antiquiertes Indien stehen. Obwohl sich der moderne Film also durchaus kritisch mit der indischen Gegenwartsgesellschaft auseinander setzen kann, unterliegen gerade Filme auch einer Art moralischer, kulturell und religiös geprägter Zensur, wie nachfolgend noch zu sehen sein wird 12 . Dabei handelt es sich nicht einmal um eine staatlich oktroyierte Zensur, sondern gewissermaßen um eine überwiegend selbst verordnete Einhaltung kultureller und religiöser Wertmaßstäbe und Moralvorstellungen 13 . Entsprechend der Wertigkeit der Religion im indischen Alltag hat diese auch im Film ihren nicht wegzudenkenden Platz 14 . Kino und Film haben für die indische Bevölkerung nicht zuletzt deshalb einen sehr hohen Freizeitwert, weil sie Abwechslung und Zerstreuung inmitten eines rauen, anstrengenden Alltags bieten.
Zur Geschichte des indischen Mainstream-Films
Im Rahmen dieser Arbeit wäre es unangebracht, die Geschichte des indischen Films in ihrer Gesamtheit erfassen oder darstellen zu wollen. In Bezug auf die thematische Setzung soll darum das Augenmerk auf dem populären Hindi-Film seit Beginn der 90er Jahre liegen.
Etwa Anfang bis Mitte der 80er Jahre veränderte sich die Medienpräsenz in Indien nachhaltig. Bis zu diesem Zeitpunkt spielte Fernsehen in der indischen Medienlandschaft eine sehr untergeordnete Rolle. Seit 1976 gab es zwar mit Doordarshan einen staatlich betriebenen Fernsehkanal, der aber nur in geringer Verbreitung zu empfangen war. Das änderte sich erst mit der Ausrichtung der „Asiad Games“ 15 1982. Das gesteigerte Publikumsinteresse führte zu einer stärkeren Verbreitung von Farbfernsehen, Kurzwellensendern und Satellitenanlagen 16 . Ab 1983 wurde Fernsehen auch von der Wirtschaft gesponsert, ab 1984 verbreitete sich, ausgehend von Touristen-Hotels, das privatwirtschaftliche Kabelnetzwerk. Im Mai 1990 gab es in Indien rund 3.450 voneinander unabhängige Kabelnetzwerke, vorwiegend in den Städten Bombay, Kalkutta, Delhi und Madras. In diesen schwer kontrollierbaren Kleinkabelnetzen versorgen die privaten Betreiber meist eine überschaubare Anzahl von Haushalten über angeschlossene Videorecorder und DVD-Player mit Inhalten. Dabei werden vielfach Raubkopien indischer Mainstream-Kinofilme eingespeist, oft noch während diese Filme in den indischen Kinos zu sehen sind, ja manchmal sogar noch vor deren Erstausstrahlung im Kino 17 .
Ab 1991 wurden Kabelnetzwerke immer häufiger per Satellit an überregionale Anbieter angeschlossen und sendeten jetzt auch das Programm von STAR TV, BBC und CNN 18 .
Die zunehmende Verbreitung von Home Entertainment speziell in den großen Städten musste auch die Filmwirtschaft beeinflussen. Aufgrund der sich ausdehnenden Filmpiraterie betrachtete die Filmwirtschaft das Fernsehen zwar zunächst als Gefahr, aber sie begann auch, das Fernsehen als Werbemedium für ihre Filme zu nutzen und schließlich über die legalen kommerziellen Sender auch eine weitere Einnahmequelle über den Verkauf von Zweitverwertungsrechten zu erschließen.
Gleichzeitig wurde das Fernsehen aber auch zu einer starken Konkurrenz im inhaltlichen und finanziellen Bereich, denn für die durchschnittliche indische Familie mit normalem Einkommen stellte nun das Fernsehen eine wesentlich kostengünstigere Unterhaltung als der Gang ins Kino dar. Auch deshalb musste das Kino jetzt einfach mehr bieten, als es das Fernsehen vermochte.
Daneben wurden die Vermarktungswege ständig ausgebaut. Seit 1997 werden indische Filme zum Beispiel sehr intensiv im Internet beworben 19 . Außerdem wird die Musik zum Film grundsätzlich schon drei Monate vor dem Filmstart veröffentlicht, damit das Publikum auf den Film neugierig wird und die Songs bereits verinnerlicht hat, wenn er in die Kinos kommt 20 .
12 Diese Art von kultureller und religiöser Zensur ist nicht zuletzt einer der Gründe des Erfolgs der indischen Filme, die nach China, Ostasien und in die gesamte islamische Welt von Marokko bis Indonesien exportiert werden können, weil keine Küsse auf den Mund, keine explizite Sexualität oder Nacktszenen zu sehen sind (vgl. Krüger, S. 4).
13 Vgl. Uhl/Kumar, S. 129ff.
14 Eine eindringliche Beschreibung der indischen Alltagskultur, ihrer Unterschiede zur abendländischen Kultur und zur diesbezüglichen Bedeutung der Religion findet sich bei Wagner (s. Literaturverzeichnis).
15 Eine Art asiatischer Olympiade, die 1982 in Delhi ausgetragen wurde.
16 Vgl. Ganti, S. 35
17 Vgl. Ganti, S. 36f.
18 Seit 1992 sendet Rupert Murdochs STAR TV in Indien. Im gleichen Jahr nahm ZEE TV die Arbeit auf, der mittlerweile beliebteste Hindi-Privatsender (vgl. Ganti, S. 35).
19 Vgl. Ganti, S. 37
20 Vgl. Münchmeyer, a.a.O.
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Im TV gibt es inzwischen unzählige Talk-Shows und Magazine wie Filmfare, Stardust oder Screen, die über die Filme und die Stars informieren 21 .
Mit der gewachsenen Konkurrenz und der Professionalisierung der Vermarktungswege stiegen die Ansprüche an die technische und inhaltliche Umsetzung der Filme, so dass seit Mitte der 90er Jahre die populären Hindi-Filme mit digitalem Sound, bester Bildqualität, Drehorten im Ausland und natürlich extravaganten Tanz- und Gesangspassagen aufwarten können 22 . Entsprechend stiegen die Kosten für die Produktionen enorm. Auch die Gehälter der Stars nahmen fast schon Hollywood-Ausmaße an.
Gegenwärtig unternehmen die indischen Filmgesellschaften verstärkte Anstrengungen, ihre Filme auch international zu positionieren. Viele Unternehmen haben bereits Büros in New York, London oder New Jersey gegründet. Außerdem werden die Filme vermehrt mit internationalen Untertiteln ausgestattet oder sogar von Partnerunternehmen synchronisiert, um ein breiteres Publikum in aller Welt ansprechen zu können. Auch die Positionierung indischer Filme auf den bekannten Filmfestivals in Cannes, Venedig oder Toronto hat die Popularität des indischen Mainstreams gesteigert 23 .
Inzwischen sind vermehrt Echo-Effekte zu beobachten: In letzter Zeit gewannen Gesang und Tanz durch den Einfluss des indischen Mainstreams auch im europäischen Film wieder größeren Raum, wie etliche neuere Produktionen, etwa Baz Lurmanns Moulin Rouge, Ghost World (Regie: Terry Zwigoff) oder Dancer in the Dark (Regie: Lars von Trier), beweisen.
Umgekehrt tauchen vermehrt so genannte „Hinglish-Produktionen“ auf, also Filme mit einem Sprachgemisch aus Hindi und Englisch, die nicht in Indien gedreht sind, sondern an Schauplätzen in „Diaspora-Städten“ wie London oder New York entstanden 24 . In diesen Filmen wird auch vermehrt die veränderte Lebensart der Diaspora-Inder thematisiert - die westliche Kultur beeinflusst also auch den indischen Film. Ein gutes Beispiel ist Indian Love Story (Kal Ho Naa Ho). In diesem in New York spielenden Film tauchen nach wie vor Gesangs- und Tanzeinlagen auf, aber diese erinnern teilweise eher an populäre westliche Musicals, etwa an Hair.
Über die Besonderheiten der indischen Film- und Kinokultur
Indien ist ein Land, in dem die Verbreitung von Massenmedien bislang noch in keinem adäquaten Verhältnis zur Bevölkerungszahl steht - allerdings mit beeindruckenden Wachstumsraten. Bis zum Jahr 2000 gab es in Indien bei rund einer Milliarde Menschen weniger als 800.000 Internetanschlüsse. Bis 2003 stieg diese Zahl immerhin auf 8 Millionen, bis 2008 sollen es 35 Millionen sein 25 . Dabei ist die Relation zum Bevölkerungswachstum zu beachten: Indien hat eine Geburtenrate von rund 24 Millionen neuen Erdenbürgern pro Jahr. Zum Vergleich: In Deutschland sind es pro Jahr nur etwas mehr als 700.000 26 .
Zwar liegen vergleichbare Zahlen über die Verbreitung von Fernsehgeräten nicht vor, aber es wird verständlich, warum in Indien die Kinokultur einen hohen Stellenwert besitzt. Das Kino gilt als die Freizeitbeschäftigung Nummer eins 27 . Neben der angesprochenen Minderverbreitung von Home Entertainment hat dies noch einige weitere Ursachen.
Zum Beispiel ist es in den großen Kinosälen angenehm kühl. Kühlaggregate sorgen dafür, dass die Menschen aus der flirrenden Hitze und Hektik des Tages entfliehen können in einem abgedunkelten, behaglichen Raum. Allein das Betreten des Kinosaals ist schon der Beginn einer bewussten „Realitätsflucht“. Die durchschnittlich großen Kinos fassen etwa 500 bis 600 Besucher, die großen Kinos fassen bei jeder Vorstellung bis zu 1.000 Menschen 28 . Die alten Gebäude stammen größtenteils noch aus der Kolonialzeit. An den Kassen der Kinos herrscht regelmäßig großer Andrang. Überwiegend geduldig warten die Besucher gut eine halbe Stunde, bis sie ihre Karten haben und in den Saal gehen können. Besser gestellte Inder schicken ihre Hausangestellten zur Kasse, um sich das Anstehen zu ersparen.
So besuchen in Indien täglich etwa 10 bis 15 Millionen Menschen die rund 13.000 öffentlichen Kinos. Angesichts dieses großen Interesses ist es nicht verwunderlich, dass Indien auch über eine enorm produktive Filmin-
21 Vgl.Wenner, a.a.O.
22 Vgl. Ganti, S. 36f.
23 Vgl. Ganti, S. 37f.
24 Das Sprachgemisch verringert dabei nicht einmal die Absatzchancen in Indien selbst, denn selbst dort sprechen über 60 Millionen Menschen, besonders aus der urbanen Mittelklasse, in erster Linie Englisch, abgesehen davon, dass die Filme auch in jeder beliebigen Sprache untertitelt werden können. Oft entstehen Filmskripte erst in englischer Sprache und werden dann ins Hindi übersetzt. (vgl. Krill, a.a.O.; Ganti, S. 69).
25 Quelle: www.globaldefence.net/deutsch/asien/indien/dossier.htm
26 Quelle: www.welt-in-zahlen.de
27 Vgl. Uhl/Kumar, S. 11
28 Vgl. Uhl/Kumar, S. 11. Nach Ganti (S. 231, Anm. 18) können auf einen Kinosaal auch bis zu 2.500 Sitzplätze kommen.
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dustrie verfügt. In den Filmstudios des ganzen Landes entstehen rund 800 bis 1000 Kinofilme pro Jahr, was die Produktion anderer Länder weltweit klar übertrifft 29 . Dabei kommt es öfter zu der Verallgemeinerung, dass „Bollywood“ derartig viele Filme produziere, aber in den Studios in Bombay werden tatsächlich im Schnitt jährlich nur etwa 150 bis 200 Hindi-Filme gedreht, was in etwa auch dem Produktionsausstoß der großen Hollywood-Studios entspricht 30 . Die meisten Filme entstehen in Südindien in tamilischer Sprache 31 . Dennoch ist die Hindi-Filmproduktion aus Bombay überregional bedeutsamer, denn diese Filme werden in fast allen Landesteilen ausgestrahlt und rezipiert. Die indische Fotografin Dayanita Singh drückte das in ihrem Aufsatz „Das Kino ist unsere zweite Religion“ so aus: „Der Grund, weshalb Hindi als Sprache in diesem vielsprachigen Land so populär geworden ist, liegt beim Kino. Abgesehen davon gäbe es für einen Bengali überhaupt keinen Grund, Hindi zu verstehen.“ 32
Neben den einheimischen Produktionen laufen in den Kinos aber auch noch internationale Produktionen, meist aus Hollywood, in englischsprachigen Fassungen. Der Heimanteil indischer Filme im indischen Kino liegt dabei aber bei überwältigenden 95% 33 .
Die Nachfrage nach Kinokarten ist groß genug, um einen Schwarzmarkt zu etablieren, auf dem die Billets für teils moderate, teils satte Aufschläge gehandelt werden. Dabei ist das Kino zumindest aus hiesiger Sicht ein eher billiges Vergnügen 34 . In den älteren Kinos kosten Karten für einheimische Produktionen in der Regel zwischen 25 und 60 Rupien, was etwa 50 Cent bis etwas mehr als ein Euro wären. Teurer wird es nur bei Hollywood-Produktionen und in den etwa ein Dutzend modernen Multiplex-Kinos, in denen eine Karte 100 bis 150 Rupien kosten kann, also etwa zwei bis drei Euro 35 . Entsprechend können sich die meisten Inder den regelmäßigen Kinobesuch leisten 36 .
Bei indischen Filmen beginnt die erste Vorstellung des Tages in aller Regel gegen 12 Uhr mittags; folgende Vorstellungen sind meist gegen 16 und 20 Uhr, denn die Filme sind selten weniger als drei Stunden lang. Vor Beginn des Hauptfilms gibt es etwas Werbung und einen staatlich vorgeschriebenen Dokumentarfilm; außerdem gibt es häufiger so genannte „Newsreels“, die über halbwegs aktuelle Geschehnisse informieren 37 . Es folgen Vorankündigungen neuer Filme - dann kommt der Hauptfilm.
Was jetzt geschieht, hängt sehr davon ab, ob der Film brandneu ist, oder ob er schon etwas länger läuft. Erstvorstellungen sind besonders im jüngeren Publikum sehr begehrt, denn so weiß man als erster, worum es in dem Film geht, kennt die Darsteller, die Lieder usw. - ein unschätzbarer Vorteil für die Gespräche mit Gleichaltrigen 38 .
Bei Erstvorstellungen folgt das Publikum in aller Regel gebannt und gespannt der Handlung, um möglichst nichts zu versäumen und alle Details zu verinnerlichen. Das so erworbene „Wissen“ kommt zum Tragen, wenn man den Film ein zweites oder drittes Mal im Kino sieht. Die Situation im Kino ist bei einer solchen Vorstellung eine völlig andere: Die „Eingeweihten“ sprechen die Dialoge der Personen leise mit und erheben die Stimmen, um die Songs mitzusingen. Wenn ein Hauptdarsteller erstmals im Film ins Bild kommt, wird dies mit Applaus begrüßt - eine Tatsache, die den Regisseuren der Filme durchaus bekannt ist, weshalb sie solche Szenen in manchmal geradezu kathartischer Weise aufbauen.
Zunehmend verstehen sich die Zuschauer mit ihrer Filmkenntnis auch als Kritiker und kommentieren die Filmszenen. Trägt etwa ein Protagonist ein Gedicht oder ein Lied vor, ist oft ein anerkennendes „wahwah“ im Kino zu hören, was auf Hindi soviel heißt wie „großartig“.
So wird der Kinobesuch von einem im Ursprung rezeptiven Ereignis zu einer interaktiven Angelegenheit. Das macht zu einem großen Teil das Vergnügen des Kinobesuchs aus. Was man in Deutschland nur gelegentlich bei
29 Von 1988 bis 1998 wurden in Indien im Durchschnitt 839 Filme jährlich produziert (vgl. dazu auch Ganti, S. 228, Anm. 3). Damit liegt Indien einsam an der Weltspitze, gefolgt von China/Hongkong mit 469 Filmen. Die USA liegt mit durchschnittlich 385 Filmen jährlich auf Platz 4. Quelle: UNESCO-Statistik, zitiert nach Hepp, Andreas, a.a.O. (statistisch nicht erfasst ist die Videoproduktion auf dem afrikanischen Kontinent, z.B. aus Nigeria)
30 Vgl. Schneider, a.a.O.; Ganti, S. 3
31 Vgl. Schneider, a.a.O. Nach anderen Angaben (vgl. Münchmeyer, a.a.O.) entstehen die meisten Filme in Hyderabad in der Sprache Telugu.
32 Zitiert nach Schneider, a.a.O., aus: Schneider, Alexandra (Hg.): Bollywood: Das indische Kino und die Schweiz, Zürich 2002.
33 Vgl. Schneider, a.a.O.
34 Allerdings ist das Lohnniveau in Indien nicht annähernd so hoch wie etwa in Deutschland. Zum Vergleich: Die Lohnkosten in der Maschinenindustrie lagen in Deutschland 2004 durchschnittlich bei 33,8 US-$ pro Stunde, dagegen in Indien bei 0,9 US-$. Quelle: Economist Intelligence Unit survey, August-September 2004, Link: www.kpmg.de.
35 Vgl. Uhl/Kumar, S. 12
36 Vgl. u.a. Krill, a.a.O.
37 Vgl. Uhl/Kumar, S. 13
38 Diese Wissbegier macht sich die Filmindustrie auch für die Vermarktung im Vorfeld der Filmausstrahlung zunutze, indem etwa die Musik bereits drei Monate vorher auf CD veröffentlicht wird und ständig im Radio zu hören ist (vgl. Münchmeyer, a.a.O.)
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Arbeit zitieren:
Holger Pinnow-Locnikar, 2005, Die Dramaturgie des indischen Films, München, GRIN Verlag GmbH
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