Inhaltsverzeichnis
Einleitung 4
Der Regisseur 4
Film -Facts 5
Filmhandlung 6
Gang - Versuch einer Definition 6
Historischer Hintergrund 9
Szenenanalyse 10
Menschen unter der Erde 10
Blutige Schlacht 12
Exkurs : Kameraeinstellungen 15
Das Häusermeer 16
Neue Zeiten 16
Neue Menschen 17
Veränderungen 17
Die Hand, die dich füttert 18
Gangs in den Straßen 19
Feuer 20
Die Ordnung des Krieges 21
Chaos ist Leben, Ordnung ist Krieg? 21
Schauspiel Hinrichtung 22
Ganovenball 23
Spuren der Gewalt 23
Quecksilber -Masse 24
Masse Kultur Massenkultur? 25
Grenzen verschwimmen 26
Die Einsamkeit des Monstrums 27
Verrat 27
Im Reich der Toten 29
Wiedergeburt 29
Der Glaube und die Masse 30
2
Einleitung
Wie entstehen „Massen“? Wie verhalten sie sich? Und wie werden sie im „Monumentalfilm“ (und in anderen Filmen) dargestellt? Mit welcher Intention?
Diesen Fragen ist die Veranstaltung, in deren Rahmen diese Hausarbeit entstanden ist, in vielschichtiger, umfassender Weise nachgegangen.
Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit einem etwas kleineren „Ausschnitt“ der obigen Betrachtungsebene, nämlich mit der Masse als ein aus sich selbst heraus organisierter, hierarchischer Zusammenschluss, der seinen wertkonservativen Status Quo auch mit Gewalt zu verteidigen bereit ist - die Gang.
Die Gang an sich unterscheidet sich von anderen Formen der Masse in vielerlei Hinsicht, wie im Folgenden noch aufgezeigt werden wird. Gleichzeitig hat die „Gang“ eine historische Entwicklungsgeschichte und scheint als ein soziales Konstrukt der Gesellschaft immanent zu sein: Je nach Blickwinkel vermuten Betrachter in der Gang den Ursprung heutiger politischer Systeme 1 oder global operierender Unternehmen 2 .
Der Ende 2002 in die Kinos gebrachte Film „Gangs of New York“ von Regisseur Martin Scorsese schildert die Geschichte der Gangs in den „Five Points“, den Elendsvierteln in der wachsenden Großstadt New York im 19. Jahrhundert.
Anhand dieses auf der gleichnamigen historischen Abhandlung von Herbert Asbury basierenden Films lassen sich sowohl sozialpsychologische Strukturen von Banden aufzeigen, ebenso wie typische, funktionalisierte filmische Darstellungsweisen von Masse und Massenanführern.
Entsprechend der thematischen Ausrichtung des Seminars wird sich diese Hausarbeit an diesem Film wie an einem „roten Faden“ orientieren und für die Schlüsselszenen deren sozialpsychologischen und filmischen Besonderheiten herausarbeiten, mit einem klaren Schwerpunkt auf dem letzteren Aspekt.
Der Regisseur
Bereits zuvor hatte der vom neorealistischen italienischen Film beeinflusste Scorsese 4 in einigen anderen Filmen das Leben und die Menschen in „Little Italy“ in New York dargestellt. Seine Protagonisten, etwa in „Who’s Knocking on my Door“ (1967), “Mean Streets” oder im halbdokumentarischen “Italianamerican” (1974, mit Scorsese und seinen Eltern als Hauptdarstellern) oder „Raging Bull“ (1980) spiegeln seine eigene Herkunft als New Yorker mit italienischen Wurzeln.
1 Vgl. Pohrt, a.a.O.
2 Vgl. Nace, a.a.O.
3 Deutscher Titel: „Hexenkessel“
4 Scorsese hat darüber sogar mit „Mia Viaggio in Italia“ (My Voyage to Italy) 1999 einen autobiografischen Film gedreht, in dem er 24 italienische Filme vorstellt, die ihn als Regisseur maßgeblich beeinflusst haben.
4
Mit „Gangs of New York“ kehrte Scorsese 2002 schließlich auch historisch zu den Wurzeln seiner Herkunft zurück, indem er das New York in der Mitte des 19. Jahrhunderts als einen „Melting Pot“ verschiedenster Einwanderer beschreibt, in dessen Elendsquartieren die verschiedenen Banden mit allen Mitteln um die Vorherrschaft stritten 5 .
Film-Facts
„It’s a movie about New York, being shot in Rome with English and Scottish actors playing Americans, American actors playing Irishmen, and a cast of Italian extras playing Americans. So it’a a bit of a circus.” 6
5 In einem Interview sagte Scorsese 2002, dass „Gangs of New York“ für ihn in gewisser Weise das Fundament für alle seine in New York spielenden Filme darstelle, etwa „GoodFellas“, „Taxi Driver“, „Raging Bull“ oder „Mean Streets“, vgl. Anbinder, a.a.O.
6 vgl. Scorsese, S. 82
7 Hauptverantwortlich für die Story war Jay Cocks, der auch schon die Drehbücher zu „Zeit der Unschuld“ und „Strange Days“ verfasste.
5
Stuntmen, Schauspieler und Statisten aufeinander losgehen 8 . „Gangs of New York“ kam am 20. Dezember 2002 in die US-Kinos und spielte dort etwa 77,6 Mio. US-Dollar ein. Weitere 12,3 Mio. US-Dollar kamen durch den VHS-Verleih hinzu. Als DVD erschien der Film erst 2004, so dass noch keine weiteren Zahlen vorliegen 9 .
Filmhandlung
Die Handlung setzt im Jahr 1846 ein. In diesem Jahr kommt es zu einer Straßenschlacht zwischen den „Native Americans“, einer Straßengang „eingeborener“ Amerikaner, und einer Koalition mehrerer kleiner Einwanderer-Gangs, allen voran der „Dead Rabbits“, die von „Priest Vallon“ (gespielt von Liam Neeson) angeführt werden. Während der Straßenschlacht wird Priest Vallon vor den Augen seines kleinen Sohnes „Amsterdam“ vom Anführer der Natives, „Bill the Butcher“ (Daniel Day-Lewis), umgebracht. Der kleine Amsterdam landet in einem Waisenhaus.
Nach seiner Entlassung 1861 kehrt er in die Five Points zurück mit dem festen Vorsatz, den Tod seines Vaters zu rächen. Amsterdam verheimlicht seine wahre Identität vor „Bill the Butcher“ und steigt in den engsten Kreis um den Gangleader auf, der inzwischen unumschränkter Herrscher der Gangs in den Five Points ist. Aber Freunde aus der Kindheit erkennen ihn. Als es mit seinem Freund Johnny im Buhlen um eine Frau zu einer Entscheidung für Amsterdam kommt, verrät ihn Johnny an Bill. Der Versuch Amsterdams, Bill mit einem Messerwurf zu töten, misslingt. Verletzt und entstellt überlebt er die Rache des Mafiosi. Seine Geliebte (Cameron Diaz) pflegt ihn gesund und Amsterdam entschließt sich zum Kampf gegen Bill the Butcher, indem er die „Dead Rabbits“, die seit dem Tod seines Vaters aufgelöst sind, wiederbelebt. Schließlich kommt es zu einem Showdown in den Five Points während der Aushebungsaufstände, die von der Armee niedergeschlagen werden.
Gang - Versuch einer Definition
Die „Gang“ als ein „Massenphänomen“ ist bei näherer Betrachtung ein zeitgeschichtlich unterschiedlich aufgefasstes Konstrukt, das außerdem von anderen Konstrukten wie etwa dem „Mob“ abzugrenzen ist.
Mitglieder.
8 Vgl. Scorsese, S. 149
9 Quelle: www.rottentomatoes.com (Dezember 2005)
10 Vgl. Asbury, S. 147
11 Vgl. Asbury, S. 139
6
Nach dieser Blütezeit des Verbrechens und nach dem Ende der großen Gangs wandelte sich das Bild der Gangs in der Öffentlichkeit. Durch die Wiederherstellung der gesetzlichen Ordnung wurden sie in ihrer Größe beschränkt. So genannte Gangs, die in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts auftraten, waren manchmal nicht mehr als ein halbes Dutzend Männer stark und hielten sich meist kaum länger als ein paar Monate, bevor sie von der Polizei zerschlagen und die Anführer verhaftet wurden 12 .
Subjekte zur schlimmen Tat. Sich beteiligen heißt, eine Entscheidung zu treffen. (...) Nun aber kehrte sich dieses Verhältnis um, weil es in den großen Städten Gebiete gab, wo die Bandenbildung zum Normalfall wurde. Die Banden der 20er Jahre waren in der großen Überzahl mehr gesellschaftliche Naturprodukte als Konstrukt, weniger organisiert als organisch.“ 13 Nach massenpsychologischer Definition unterscheidet sich allein an der Zahl die Gang noch nicht vom Mob: Jegliche Masse zeichnet sich durch die Entindividualisierung des Einzelnen aus; die Mitglieder einer Menschenmenge gehen in der Masse auf und verhalten sich darin wie ein Tier in einer Herde. Dabei scheinen die individuellen geistigen Fähigkeiten der einzelnen in der Masse auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert zu werden 14 . Gemeinsam werden die Menschen zu einem „sozialen Tier“ mit einem kollektiven Willen 15 . Ein zu berücksichtigender Aspekt ist dabei die Entstehung dieses kollektiven Willens, der über eine Suggestion vermittelt wird 16 . Der suggerierte Willen teilt sich allen Menschen in der Masse mit und sie interpretieren diese Suggestion als ihren eigenen Willen. Moscovici sagt: „Jeder glaubt die Ursache dessen zu sein, dessen Wirkung er nur ist, die Stimme zu sein, der er doch nur Echo ist; jeder hat die Illusion, alleine zu besitzen, was er in Wahrheit doch mit allen teilt.“ 17 Daran schließt sich ein Realitätsverlust an, der in eine Verringerung des Selbstvertrauens mündet 18 . In der Folge vertraut der Mensch in der Menge bereitwillig den Suggestionen der Anführer oder schließt sich der Masse an 19 .
Aufschlussreich ist die Klassifizierung für „typische Massen“, die Donelson R. Forsyth vorgenommen hat 20 :
12 Vgl. Asbury, S. 10f.
13 Vgl. Pohrt, S. 45
14 Vgl. Moscovici, S. 25f.; Le Bon, S. 4f.
15 Vgl. Moscovici, S. 28
16 Vgl. Le Bon, S. 6
17 Vgl. Moscovici, S. 31
18 Die in diesem Zusammenhang häufiger verwendeten Begriffe „Selbstvertrauen“ („self-confidence“) oder „Selbstbewusstsein“ („self-awareness“) sind möglicherweise missverständlich. Sie beschreiben hier die Verringerung des Individualbewusstseins zugunsten eines Gruppenbewusstseins, des Vertrauens in die eigene Individualität zugunsten eines Vertrauens in die Gruppe.
19 Brehm, Kassin & Fein weisen darauf hin, dass dies keineswegs immer ein negativer Aspekt sein muss. Der Verlust des Individualbewusstseins könne auch in größere Sensibilität für die Nöte anderer münden, etwa bei Krankenschwestern, Sanitätern etc. (vgl. Brehm et al., S. 258)
20 Übersetzung einer Tabelle (vgl. Forsyth, S. 428)
7
Im Grunde fungieren in „Gangs of New York“ die Banden („Rackets“) und Gangs als kleinste soziale Einheiten in einer Sub-Gesellschaft, in der Familien keine besondere Rolle zu spielen scheinen 26 .
Der Soziologe Charles Horton Cooley schlug schon 1933 vor, Gruppen generell danach zu unterscheiden, ob es in ihnen Beziehungen von Angesicht zu Angesicht gibt oder nicht. Entsprechend unterschied er nach primären und sekundären Gruppen 27 . Eine Gang wäre demnach - wie eine Familie - eine primäre Gruppe mit Beziehungen von Angesicht zu Angesicht, ein Mob dagegen eine sekundäre Gruppe.
Historischer Hintergrund
Die Entstehung von Massen markiert einen historischen Wendepunkt, nämlich die Wandlung der traditionellen Gesellschaft in die moderne Gesellschaft, die Ablösung der „Gemeinschaft“ durch die „Gesellschaft“, wie es der deutsche Soziologe Toennies einmal sagte 28 . War die traditionelle Gesellschaft „von der Verbindung des Blutes“ geprägt, von der Nachbarschaft im Zusammenleben, „getragen von der Bindekraft der Anschauungen“, steht die moderne Gesellschaft für eine künstliche, aufgezwungene Kollektivität, motiviert durch eine Gemeinsamkeit der Interessen und „durch die Vorteile, die die einen aus den anderen ziehen können“ 29 .
Viele der Einwanderer kamen offenbar nicht viel weiter als bis in die Armenviertel Manhattans - in die „Five Points“ 30 .
26 Selbst die Vater-Sohn-Konstellation zwischen Priest Vallon und Amsterdam hat in erster Linie eine dramaturgische Funktion, um für Amsterdam ein starkes Rachemotiv gegen Bill Cutting zu liefern und die „familiäre“ Annäherung Amsterdams an Cutting und umgekehrt noch dramatischer, spannender, monströser wirken zu lassen.
27 Vgl. Pohrt, S. 102
28 Zitiert nach Moscovici, S. 34
29 Vgl. Moscovici, S. 34
30 Auch der vermutlich berühmteste Gangsterboss aller Zeiten, Al Capone (1899-1947), war in seiner Jungend bis etwa 1914 in den Five Points Mitglied der „Forty Thieves Juniors“, einer zu den „Five Pointers“ zählenden Jugendgang (vgl. Pohrt, S. 63).
31 Vgl. Pohrt, S. 49: „Immer weist die Bandenbildung auf eine Trennlinie hin - zwischen Kolonien von Einwanderern verschiedener Nationalität oder verschiedener ethnischer Gruppen.“
9
überbevölkerten „Gangland“, dessen Straßen und Blöcke nach Nationalitäten und Gangs aufgeteilt sind. Die Überbevölkerung scheint charakteristisch: „Keiner hat sich die Gegend ausgesucht, keiner will dort bleiben, die Bevölkerung ist Treibsand.“ 32 Die Menschen leben „in einer mittelalterlichen Welt, denn Gangland mit seinem komplizierten Tribalismus ist eher feudal aufgebaut als modern und städtisch. Der Treffpunkt einer Gang, ihr ‚hang-out’, entspricht der Ritterburg. Von hier aus herrschen die Gangleader wie die alten Barone.“ 33
Szenenanalyse
Nachfolgend sollen einige der im Film vorkommenden Massenszene besonders betrachtet werden. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf jenen Szenen, die für die Besonderheiten von Gangs relevant sind. Daneben sind einige Szenen hervorgehoben, bei denen die Massendarstellung von sonst gängigen Schemata abweicht. Die Zeitangaben sind ungefähre Sprungziele, basierend auf der im Medienverzeichnis angegebenen DVD-Ausgabe.
Szene 1 (ab 00:01:45)
Menschen unter der Erde
Hier bedient sich Scorsese zweier interessanter Möglichkeiten, Masse darzustellen und darin auch inhaltlich etwas zum Ausdruck zu bringen.
32 Vgl. Pohrt, S. 47
33 Vgl. Pohrt, S. 47f.
34 Der Name der Gang geht offenbar auf eine Verballhornung durch einen Journalisten zurück, der in den Five Points recherchierte und die irische Bezeichnung „ded rabid“, die für einen grobschlächtigen, brutalen Kerl steht, missverstand. Später adaptierte die Gang diesen Namen und trug angeblich tatsächlich einen toten Hasen an einer Stange vor sich her, wenn es in eine Schlacht ging (vgl. „Die wahren Gangs von New York“, a.a.O.)
10
Arbeit zitieren:
Holger Pinnow-Locnikar, 2006, Gangs of New York - Eine filmanalytische Betrachtung unter Berücksichtigung historischer und sozialpsychologischer Aspekte, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
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