1. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit zum Thema „Philipp Jacob Spener“ soll die Person und das Werk von eben diesem deutschen lutherischen Theologen und bekannten Vertreter des deutschen Pietismus dargestellt werden. Zu diesem Zweck wird zunächst eine Definition des Begriffes „Pietismus“ gegeben und eine kurze Einführung in diese Thematik geboten. Weiter soll dann das Leben und das Werk Philipp Jacob Speners beschrieben werden. Behandelt werden sollen daher Biographie, Tätigkeiten, Werke sowie Ziele Speners. Die Schrift, die den Ausgangspunkt des deutschen Pietismus bildet, die „Pia Desideria“ aus dem Jahr 1675, wird ob ihrer enormen Bedeutung für diese Reformbewegung, in einem folgendem Punkt gesondert thematisiert und behandelt.
2. Zur Definition des Pietismus
„Der Pietismus ist eine Bewegung zur Erneuerung des frommen Lebens und zu einer solchen
Erneuerung dienenden Reform der Kirche gewesen.“ 1 Diese Bewegung, welche nach der Reformation die wichtigste Reformbewegung im Protestantismus darstellt, ist eine Epoche der
neueren protestantischen Kirchengeschichte die von 1675- 1750 dauerte. 2 Die Erneuerung des frommen Lebens und die dazu notwendige Reform der Kirche stellt das Hauptaugenmerk dieser Bewegung dar. Der Ausgangspunkt des deutschen Pietismus stellt die 1675 veröffentlichte
Schrift „Pia desideria“ von Philipp Jacob Spener dar. 3
Drei Merkmale gehören zur engeren Definition des Pietismus. Diese sind die religiöse private Erbauung im kleinen Kreise, die eigene geistliche Tradition sowie die Bruderschaft der
Gläubigen. 4 Diese sollen im Folgenden näher erläutert werden: Die religiöse Erbauung im kleinen Kreis, wie etwa Erbauungsstunden oder Privatversammlungen, wurde im Pietismus neben oder auch über die Gottesdienste, die in der Kirche stattfinden, gestellt. Für die Pietisten galt als Glied der Gemeinde Gottes derjenige, der sich der Gemeinschaft der bewussten und strengen Christen anschloss. Die freiwillige, lokale Vereinigung der Gläubigen ersetzte und
verdrängte teilweise auch die Amtskirche als Organisation und Heils- und Gnadenanstalt. 5 Ihre privaten religiösen Zusammenkünfte führten dazu, dass sich die Gemeinde der Christen in zwei verschiedene Gruppen teilte. Auf der untersten Ebene der Kirche kam es so zu einer subjektiven Scheidung der Gläubigen. Im Zentrum des pietistischen Lebens standen die
Erbauungsstunden. 6 Im Pietismus entstand bereits nach wenigen Jahrzehnten eine feste geistige
1 Hirsch in: Greschat 1977, S. 34
2 Vgl. Lehmann in: Greschat 1977, S. 82
3 Vgl. Hirsch in: Geschat 1977, S. 34
4 Vgl. ebd., S. 86
5 Vgl. ebd., S. 83
6 Vgl. ebd., S. 84
3
Tradition, die man anerkennen mußte, um Pietist zu sein. Nur wer sich der pietistischen Interpretation der Kirchengeschichte anschloss, konnte nach 1700 Pietist sein. „Das hieß, er mußte Spener als den Mann, der die Reformation fortführte und den Pietismus begründet hatte,
gleichberechtigt neben Luther stellen...“ 7
Um als Pietist in eine Privatversammlung aufgenommen zu werden, spielte neben einer bestimmten religiösen Überzeugung und einer bestimmten Art der Lebensführung auch ein subjektives Element eine Rolle: „Pietist war noch nicht, wer sittsam lebte und sich als Wiedergeborener betrachtete, sondern nur, wer auch von den Mitgliedern eines Konventikels als
„Bruder“ bezeichnet und als Wiedergeborener akzeptiert wurde.“ 8 Innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen bezeichnete die Anrede „Bruder“ ihre Seelengemeinschaft und wurde in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten benutzt. Auch die Mitglieder anderer Konventikel bezeichneten die Gläubigen als Bruder. Teilweise waren die religiösen Privatversammlungen in einigen Gegenden weit verbreitet und die Mitglieder pflegten einen engen Kontakt untereinander, der per Brief oder Besuch stattfand. So spannten sich ihre Verbindungen wie ein Netz über die gesamte Gesellschaft. Es entstanden enge, vertrauensvolle Beziehungen der Brüder untereinander, die oft weit entfernt lebten. Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Brüder wurde vertieft dadurch, dass sie ihrer Ansicht nach von der „Welt“ und den „Weltkindern“, wozu auch andere Christen gehörten, getrennt waren. „Sie lebten in dem Bewußtsein, sich in Lebenswandel und Glauben von der Welt abgesondert zu haben, und hatten den festen Willen, sich auch künftig von der Masse der lauen Gelegenheitschristen, der Kirche und den anderen Formen des öffentlichen Lebens zu
unterscheiden.“ 9 Dieses drückten sie zeitweilig auch durch ihre Kleidung und ihr gesamtes Auftreten aus. Ungeachtet der göttlichen Gnade, glaubten die Pietisten daran, dass durch Reue und Buße die Sünde überwunden werden kann und das Heil durch Bekehrung und persönliche
„Heilung“ erlangt werden kann. 10
3. Leben und Werk Philipp Jacob Speners
Philipp Jacob Spener war sachlicher Begründer des Pietismus. Er wurde am 13.01.1635 in Rappoltsweiler am Oberelsaß als Sohn von Johann Philipp Spener, einem gräfischem Rat und Archivar, und dessen Ehefrau Agathe Spener, geborene Saltzmann, geboren. Den Grundstein seiner späteren Richtung legten die fromme Erziehung seines Elternhauses, ähnliche Einflüsse seiner Patin Agathe von Rappoltstein sowie die Lektüre des Werkes „Wahrem Christentum und
7 Ebd., S. 84
8 Ebd., S. 85
9 Ebd., S. 86
10 Vgl. ebd., S. 86
4
puritanischen Erbauungsschriften“ von Johann Arndt, 11 mit welchem er aufwuchs. 12 Vor allem seine Patin Agatha von Rappoltstein, die letzte Erbherrin des Grafen von Rappoltstein, die über Jahrhunderte im Ort Rappoltsweiler ansässig waren, kümmerte sich viel um den jungen
Spener. So lernte dieser bereits in jungen Jahren sich auf adeligem Parkett zu bewegen. 13 Der Hofprediger Joachim Stoll, der 1647 nach Rappoltsweiler gerufen wurde, hatte einen großen Einfluss auf den jungen Spener. Dieser wies ihm früh den Weg zu nichttheologischen, jedoch
zeitgenössischen Elementen der Bildung. 14
Im Alter von dreizehn wurde Spener 1648 an der philosophischen Famkultät von Straßburg immatrikuliert. Stoll leitete weiterhin die Studien Speners und legte ihm die Lektüre der
Niederländer Justus Lipsius (1547-1606) und Hugo Grotius (1583-1645) nah. 15 1651 trat er zur Theologischen Fakultät über, an der er bis 1658 mit Fleiß und Weitblick studierte. 16 Auch trieb er neben dem Hauptfach historische, philosophische und sprachliche Studien. Im Jahr 1653 legte er unter der Obhut seines Lehrers Jacob Schaller eine Dissertation „De conformatione creaturae rationalis ad creatorem“ ab. Diese Schrift, die gegen Thomas Hobbes gerichtet war, erwies die Zugehörigkeit des Menschen zu Gott. Durch seine Vorliebe für Genealogie und Heraldik kam er früh mit dem Adel in Berührung. Die Lehrer Speners gehörten der lutherischen Spätorthodoxie an und vertraten auch den Reformwillen dieser. Johann Konrad Dannhauer (1603-1666) wurde unter seinen Lehrern zu seinem Förderer und väterlichem Freund. „Von ihm wurde Spener
nachdrücklich zum Lutherstudium verpflichtet und sinnvoll angeleitet.“ 17 Dannhauer war ein Gelehrter, der unermüdlich auf dem Feld der Polemik streitete und auch für die Verbesserung der kirchlichen Verhältnisse sowie die Förderung der „Gottseligkeit“ eintrat. Dannhauer zeigte sich reserviert gegenüber dem Werk von Johann Arnd „Wahres Christentum“, war dabei selber jedoch ein sehr frommer Mensch. Spener stand seinem Aristotelismus als Baugesetz dogmatischen Systemswillens skeptisch gegenüber. Jedoch wurde Dannhauers Dogmatik zu Speners eigener
und blieb dies auch. 18 Ebenso wurde Spener durch Sebastian Schmidt (1617-1696) beeinflusst. Dieser kann als Vorbereiter der „Biblischen Theologie“ bezeichnet werden, der die Bindung an
die Verbalinspiration gelockert hat. 19 Sein Studium unterbrach Philipp Jacob Spener für zwei Jahre für eine Privatunterrichtstätigkeit bei den Söhnen des Pfalzgrafen Christian von
11 Vgl. Schmidt, Jannasch 1965, S. 1
12 Vgl. Beyreuther 1978, S. 62
13 Vgl. ebd., S. 61
14 Vgl. ebd., S. 62
15 Vgl. Beyreuther 1978, S. 62
16 Vgl. ebd., S. 70
17 Schmidt, Jannasch, S. 1
18 Vgl. Beyreuther 1978 S. 70-71
19 Vgl. ebd., S. 71
5
Arbeit zitieren:
Linda Gryger, 2010, Der Pietismus des Philipp Jacob Spener, München, GRIN Verlag GmbH
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