Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Funktionssysteme in der Systemtheorie 4
2.1 Das Wirtschaftssystem 6
2.2 Das Gesundheitssystem 8
3 Das Spannungsfeld zwischen den Systemen 10
4 Die Rolle von Organisationen in einer funktional differenzierten Gesellschaft 11
4.1 Der Erklärungsansatz von Niklas Luhmann 11
4.2 Die intersystemische Organisation nach Bode und Brose 12
4.2.1 Hybride Strukturen 13
4.2.2 Universalistische Leistungserwartungen oder Zweckbindungen 13
4.2.3 Intermediärer Charakter 14
5 Detailbetrachtung der Organisation Krankenhaus 14
5.1 Die Entwicklungsgeschichte des Krankenhauses 15
5.2 Der intersystemische Charakter des Krankenhauses 15
6 Schluss 18
7 Literaturverzeichnis 20
2
1 Einleitung
In der alltäglichen Kommunikation neigt man dazu, Organisationen oder Unternehmen in Schubladen zu stecken und einzelnen gesellschaftlichen Teilsystemen zuzuordnen, ohne sich über die Plausibilität der Kategorisierung Gedanken zu machen. In der Soziologie ist man dem Alltagsdenken zumindest einen kleinen Schritt voraus. Ihre Vertreter haben sich differenziertere Gedanken über die Rolle von Organisationen in modernen Gesellschaften gemacht und verschiedene Theorien entwickelt. Zum einen besteht die Annahme, dass verschiedene Organisationstypen existieren und diese sich den ausdifferenzierten Subsystemen der Gesellschaft zuordnen lassen (Differenzannahme). Zum anderen herrscht eine Sichtweise vor, dass sich Organisationen in ihrer Funktionsweise immer stärker annähern (Isomorphismusannahme), d.h. die Logiken von Funktionssystemen immer weniger Bedeutung haben. 1 Beide Positionen sind jedoch mit Mängeln hinsichtlich ihrer Erklärungsleistung unserer modernen funktional differenzierten Gesellschaft und der Rolle von Organisationen in ihr behaftet, d.h. können die Wirklichkeit nicht vollständig abbilden. Grundlage der nachfolgenden Organisationsanalyse ist die daran anknüpfende Behauptung, dass es sehr wohl strukturell unterschiedliche Organisationen gibt, sie aber nicht immer und eindeutig einem spezifischen Funktionssystem zugerechnet werden können. Dies soll anhand des Beispiels der Organisation Krankenhaus eingehender erörtert werden. Deswegen wird der Analyserahmen für die Betrachtung durch die von Ingo Bode und Hanns-Georg Brose beschriebene intersystemische Organisation gebildet. Sie definieren diese als zwischen den (System-)Grenzen liegend und dem unterschiedlichen systemspezifischen Funktionslogiken vermittelnd (Vgl. Bode & Brose, 2001, S. 113). Die Autoren verweisen darauf, dass insbesondere durch Privatisierungs- oder Deregulierungsprozesse der jüngeren Vergangenheit die gesellschaftliche Vermittlungsfunktion deutlicher zu Tage getreten ist. Eine Entwicklung, die insbesondere für das Gesundheits- und Wirtschaftssystem von Bedeutung war und spürbare Auswirkungen auf die Organisation Krankenhaus hatte. Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, das Spannungsfeld herauszuarbeiten, in dem Organisationen gefangen sind, die sich nicht eindeutig einem Funktionssystem zuordnen lassen. Zunächst gilt es festzustellen, was man unter Funktionssystemen versteht und wie insbesondere das Wirtschafts- und Gesundheitssystem konstituiert sind (2) und welche Spannungslinien
1 Die These isomorpher Entwicklungstendenzen von Organisationen ist besonders stark durch DiMaggio, P. J., & Powell, W. W. geprägt wurden und bildet ein derzeit häufig verwendetes Analysekonzept organisationaler
Entwicklungs- und Veränderungsprozesse innerhalb des Neoinstitutionalismus. Dabei wird institutionellen
Faktoren ein strukturprägender Einfluss auf die Angleichung von Organisationsmustern zugeschrieben (Vgl.
DiMaggio & Powell, 1991).
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vorhanden sind (3). Die theoretische Grundlage der Betrachtung bildet die Systemtheorie Niklas Luhmanns. Daran anknüpfend soll die Rolle von Organisationen in den Funktionssystemen aus systemtheoretischer Perspektive und die alternative
Betrachtungsweise der ‚intersystemischen Organisation‘ dargestellt werden (4). Auf die gewonnenen theoretischen Kenntnisse aufbauend, erfolgt die Beantwortung der Frage, wie die Organisation Krankenhaus als intersystemische Organisation beschaffen ist und sich im Hinblick darauf das Spannungsfeld zwischen Wirtschafts- und Gesundheitssystem beschreiben lässt (5).
2 Funktionssysteme in der Systemtheorie
Die Systemtheorie Niklas Luhmanns trifft die generelle Unterscheidung zwischen System und Umwelt. Auf soziale Systeme angewandt, erhält man Systeme, die lediglich eine Operation kennen und die alles was außerhalb dieser Operation steht, als Umwelt betrachten. Operation bedeutet dabei immer Kommunikation, wohingegen Materielles oder Psychisches für soziale Systeme immer Umwelt bedeuten. Durch eine spezifische Kommunikation sind sie zwar operativ geschlossen, jedoch kognitiv offen und verfügen über die Fähigkeit zur Selbstreferenz. Luhmann unterscheidet eine Vielzahl verschiedener Funktionssysteme, wie z.B. Religion, Intimbeziehung, Wirtschaft, Wissenschaft, Gesundheit, Recht, Kunst, Massenmedien, Politik oder Erziehung. Jedes der Funktionssysteme zeichnet sich dadurch aus, dass sich eindeutige und nur durch es durchführbare Funktionen identifizieren lassen. Unter einer Funktion versteht Luhmann allerdings nichts Teleologisches oder Zweckhaftes, sondern „die Konstruktion eines wissenschaftlich interessierten Beobachters, der - bezogen auf sein jeweiliges Referenzsystem - ein plausibles Problem ‚erfindet‘, als dessen Lösung dieses System in einem alternativen Raum vergleichbare Lösungen gedeutet wird.“ (Fuchs, 2006, S. 22) Dadurch sind die Teilsysteme für bestimmte Sachfragen besonders sensibel, gegenüber allem anderen aber indifferent. Die zu lösenden Probleme sind auf der Ebene der Gesellschaft angesiedelt und nicht etwa auf der Interaktions- oder Organisationsebene, d.h. es muss sich um eine soziale Problemlagen handeln. 2 Die jeweiligen Funktionssysteme zeichnen sich neben ihrer Selbstreferenz durch Autopoiesis aus, d.h. dass sie sämtliche Elemente
2 Die Begriffe Interaktions- und Organisationsebene beziehen sich auf eine Unterscheidung die Luhmann in seinem Buch Funktionen und Folgen formaler Organisation (1964) entwickelte, aber nicht konsequent
weiterverfolgte. „Dieses Auseinandertreten von Interaktion, Organisation und Gesellschaft - als Typen von
Sozialsystemen unterschiedlicher Bauweise und Komplexität - nennt Luhmann später gern auch (mit
hierarchisierender Implikation) Ebenendifferenzierung. Diese besagt als Differenzierung und vom
Gesellschaftssystem her gesehen nicht zuletzt: die Gesellschaft, soweit sie die anderen Ebenen mitbeinhaltet, ist
kein intern (von der höchsten Ebene her) einheitlich bestimmtes Ganze; die Makrostrukturen greifen nicht
unmittelbar und determinierend durch auf die Ebenen der Organisation und Interaktion.“ (Tyrell, 2006, S. 296)
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(symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien) aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren (Vgl. Luhmann, 1988, S. 49). Dies bedeutet konkret, dass Macht für das politische System konstituierend ist und auch nur das politische System dazu in der Lage ist, Macht zu generieren.
Luhmann weist darauf hin, dass die Ausbildung von symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien, wie Schönheit im Kunstsystem, Glauben im Religionssystem, Wahrheit im Wissenschaftssystem, Liebe im System der Intimität, Macht im Politiksystem, etc. für Funktionssysteme typisch ist. 3 Daran schließt die Entstehung eines eigenen binären Schematismus an, der für jedes System eine eigene Form der Informationsbearbeitung vorsieht (Vgl. Luhmann, 1990, S. 184). Für das Rechtssystem ist dieser binäre Code Recht und Unrecht, für das Wissenschaftssystem Wahr und Nichtwahr. Es stellt dadurch ein Selektionsmerkmal für die Erkennung von Zuständigkeiten der Funktionssysteme dar und es kann abgeleitet werden, ob die eigenen Operationen und Programme anschlussfähig sind oder nicht. Gleichzeitig wird die Möglichkeit geschaffen, sich das eigene Verhalten als Kontingent vorzustellen. Die jeweilige binäre Kodierung definiert somit einen spezifischen Kommunikationsbereich für den es außerhalb des Systems keine Entsprechungen oder Äquivalente gibt. „An Hand ihrer Codes vollziehen die Funktionssysteme ihre eigene Autopoiesis, und damit erst kommt ihrer Ausdifferenzierung zu Stande.“ (Luhmann, 1997, S. 752) So wird innerhalb des Gesundheitssystems der Kranke zum Patienten, an dem sich Diagnose- und Therapiebemühungen anschließen lassen, im Wirtschaftssystem wird der Kranke zum Schadensfall, der Versicherungen zu Zahlungen veranlasst oder das Rechtssystem transformiert den Kranken zum Klienten und überprüft, ob alle Schritte rechtmäßig abliefen. Dabei ist der Code so aufgebaut, dass es jeweils einen Positivwert und einen Negativwert gibt. Der positive Wert vermittelt die Anschlussfähigkeit der Operationen des Systems, wohingegen der negative Wert Kontingenzreflektion vermittelt (Vgl. Luhmann, 1990, S. 186).
Im Gegensatz zu Parsons, der den im AGIL-Schema vorhandenen vier Subsystemen mittels kybernetischer Kontrollhierarchie eine Rangordnung zuweist (bspw. wird dem kulturellen System eine hohe Steuerungswirkung zugeschrieben), vollzieht Luhmann in seiner Systemtheorie keine Hierarchiesierung der einzelnen Systeme. Es herrscht eine Pluralität autonom operierender Primärsysteme vor, d.h. die verschiedenen Funktionssysteme existieren gleichberechtigt nebeneinander her bzw. stehen über strukturelle Kopplung miteinander in Leistungsbeziehung. Das Wirtschaftssystem finanziert die anderen Funktionssysteme, wie
3 Die weiter unten folgende Analyse des Gesundheitssystems offenbart jedoch, dass das Vorhandensein symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien nicht obligatorisch ist.
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z.B. das politische System in Form von Steuern und Abgaben. Das politische System wiederum steht mit dem Wirtschaftssystem in Leistungsbeziehung, indem es die rechtlichen Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Handeln bestimmt. Dabei ist das Medium jeglicher struktureller Kopplung zwischen den einzelnen Funktionssystemen der Kommunikationstyp Entscheidung.
Aus der Tatsache der Pluralität autonom operierender Primärsysteme, leitet sich eine weitere grundlegende Prämisse der Luhmann´schen Systemtheorie ab. Jedes der Funktionssysteme wirft einen eigenen Blick auf auftretende Ereignisse. Dieser ist durch die Implikationen: Universalismus, Spezifität, Bereichsmonopol und Selbstbezüglichkeit geprägt (Schimank, Theorie der modernen Gesellschaft nach Luhmann - eigene Bilanz in Stichworten, 2001, S. 266). Einen Vorgang den Luhmann als Polykontexturalität bezeichnet. 4 Häufig wird zur Illustration dieses Phänomens das Beispiel eines Zugunglücks in Verbindung mit den verschiedenen Zugriffsweisen der einzelnen Funktionssysteme herangezogen. Das Wirtschaftssystem bewertet dieses Ereignis hinsichtlich finanzieller Folgeschäden und entsprechend seines binären Codes Zahlen/Nichtzahlen. Wohingegen das
Wissenschaftssystem mittels des binären Codes Wahr/Nichtwahr die Ursache für das Unglück herauszufinden versucht.
Nachdem zunächst einleitend ein grundlegender Überblick über die Konstitution von Funktionssystemen bei Luhmann geleistet wurde, sollen die gewonnenen Kenntnisse im Folgenden auf die zwei für die Beantwortung der Fragestellung relevanten Funktionssysteme angewandt werden.
2.1 Das Wirtschaftssystem
In der alltäglichen Wahrnehmung ist man fast schon geneigt, die Begriffe Wirtschaft und Gesellschaft gleichzusetzen. Gründe dafür könnten zum einen sein, dass die Geldwirtschaft für die Entstehung moderner Gesellschaften von eminenter Bedeutung war, zum anderen aber auch die offensichtlichen Beziehungen des Wirtschaftssystems mit anderen Funktionssystemen und die Omnipräsenz seines symbolisch generalisierten
Kommunikationsmediums. Luhmann unterscheidet jedoch in seiner Theorie strikt zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. „Sowohl die Gesellschaft als auch die Wirtschaft werden als soziale Systeme begriffen, und die Verbindung beider liegt in einer Theorie der Systemdifferenzierung, die Differenzierung als Wiederholung der Systembildung in Systemen auffasst.“ (Luhmann, 1994, S.8)
4 Schimank weist in einem Artikel daraufhin, dass die daraus resultierende Differenzierungsform nicht als Arbeitsteilung zu denken ist, sondern als Emergenz (Vgl. Schimank, 2001, S. 31).
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Arbeit zitieren:
Stefan Lippmann, 2010, Organisationen im Spannungsfeld von Funktionssystemen, München, GRIN Verlag GmbH
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