Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Die Ursprünge von Wallersteins Konzept 3
3 Die Theorie des modernen Welt-Systems 4
4 Eine kritische Betrachtung oder Wo ist die Kultur geblieben? 8
5 Literaturverzeichnis 14
2
1 Einleitung 1
Immanuel Wallerstein hat mit seiner Welt-System-Theorie eine Entwicklungstheorie geschaffen, die vor allem eine Einbindung sozialer Phänomene in ihren historischen Kontext anstrebt. Er verfolgt mit seinem Denkansatz konsequent eine globale Leitidee, bei der die Entwicklung einzelner Gebiete niemals unabhängig verläuft. Die Entwicklung dieses Konzeptes hat für neue Diskussionen und Debatten in der Wissenschaft über die einzelnen Fachdisziplinen hinweg gesorgt. Mehr als 30 Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Bandes von Wallersteins Theorie ist sie in dem sozialwissenschaftlichen Diskurs über globale Entwicklungen fest verankert und darf sich der Tatsache bewusst sein, bestimmte Phänomene weit vor dem Aufkommen der aktuellen Globalisierungsdebatte angesprochen zu haben. Ein weiteres bemerkenswertes Phänomen ist die erstaunliche Souveränität, mit der Wallerstein sämtliche Kritik an seinem Konzept ignoriert. Nichtsdestotrotz soll diese Arbeit sich mit konzeptionellen und methodischen Defiziten der Welt-System-Theorie befassen. Einleitend erfolgt ein kurzer Exkurs über die geistigen Anleihen denen sich Wallerstein für die Entwicklung seines Konzeptes bedient (2). Im Anschluss daran wird vor allem auf Grundlage des ersten Bandes seiner Theorie das Grundgerüst des Welt-Systems vorgestellt (3), bevor ein abschließendes Kapitel sich eingehend der Kritik widmet. Ein besonderer Fokus liegt hier auf der Rolle der Kultur, die m.E. aufgrund des einseitig ökonomisch geprägten Zugriffs durch Wallerstein vernachlässigt wird.
2 Die Ursprünge von Wallersteins Konzept
Wallerstein bezieht sich in der Entwicklung seiner Theorie auf drei verschiedene Ursprünge. Bereits auf der ersten Seite von „Das moderne Weltsystem I“ wird durch ein Zitat von Karl Marx die ideologische Nähe zu den Ideen des Marxismus deutlich. Beide verstehen unter Kapitalismus „ein System, das auf der endlosen Akkumulation von Kapital beruht“ (Balibar & Wallerstein, 1990, S. 180). Führt diese Akkumulation bei Marx zu einer ungleichen Verteilung des Mehrwertes zwischen einzelnen Klassen, erweitert Wallerstein die Konfliktsituation auf die Makroebene. Demnach sind nicht die Klassen und die
1 Bei der Schreibweise von Welt-System orientiere ich mich an der Englischen und nicht der Deutschen. Die deutsche Schriftweise ist m.E. falsch, da Wallerstein sehr bewusst World-System mit Bindestrich getrennt
schreibt. Ihm geht es in seinem Konzept nicht darum, ein zwangsläufig die ganze Welt umfassendes System zu
beschreiben. „Es ist ein Welt-System, nicht weil es die ganze Welt umschließt, sondern weil es größer ist als jede
juridisch definierte politische Einheit“ (Wallerstein, 1986, S. 27). Und es können, wie das weiter unten
aufgezeigte Beispiel der Imperien zeigt, mehrere Welt-Systeme gleichzeitig existieren.
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Produktionsverhältnisse von primärer Bedeutung, sondern der ungleiche Tausch (Vgl. Antweiler, 1999,7 S. 253). Der französische Historiker Fernand Braudel als Vertreter der Annales-Schule stellt einen weiteren Einflussfaktor auf die Theorie Wallersteins dar und bildet den historischen Zugang für die Welt-System-Analyse. Braudel beschreibt weit gespannte Netzwerke in historischen Großreichen. „Lange Handelsketten verknüpften weit entfernte Regionen und deren Dynamiken, und diese […] Wirtschaftsnetzwerke der Imperien bestanden, bevor es zur Herausbildung von Nationalökonomie kam“ (Antweiler, 1999, S. 253). Dieser Grundgedanke wird von Wallerstein aufgenommen und er analysiert, darauf aufbauend, die Entstehung und die Konsequenzen eines solchen wirtschaftlichen Systems. Die dritte Quelle seiner Theorie bilden Arbeiten der Dependenztheorien. Er wendet sich, gleichermaßen wie ihre Vertreter, gegen die Erklärungen und Rezepte nachholender Entwicklung der Modernisierungstheorie, bei der Unterentwicklung mit Hilfe von ausreichendem Kapital und einer fundierten ökonomischen Analyse beseitigt werden könne. Vielmehr übernimmt er die Hauptidee, „dass ‚Unterentwicklung‘ in einigen Weltteilen das Resultat der ‚Entwicklung‘ in anderen, nämlich das Ergebnis ungleichen Tausches zwischen Zentren und Peripherien“ (Antweiler, 1999, S. 254) sei. Zusätzlich hat er die Vorstellung von Kern- und Peripherieländern übernommen und sie, wie sich im Folgenden zeigen wird, noch erweitert.
3 Die Theorie des modernen Welt-Systems
Nachdem im ersten Teil dieser Arbeit die Quellen der Theorie Wallersteins aufgezeigt wurden, sollen im Weiteren grundlegende Annahmen das moderne Welt-System rekapituliert werden. Zunächst lässt sich konstatieren, dass er mittels seiner Theorie die weltgeschichtliche Entwicklung seit dem 16. Jahrhundert zu beschreiben versucht. Dies geschieht auf einem bestimmten Abstraktionsniveau, nämlich auf dem der Evolution der Strukturen des gesamten Systems. Dementsprechend sind für ihn direkte Beispiele nur dort von Interesse, wo sie einen bestimmten Mechanismus des Systems näher beleuchten, oder wichtige, institutionelle Veränderungen entscheidende Wendepunkt markieren (Vgl. Wallerstein, 1986, S. 20). Der souveräne Staat oder die nationale Gesellschaft stellen demzufolge keine geeigneten Analyseeinheiten dar, da sie nicht als soziale Systeme begriffen werden können und entsprechend nicht von sozialem Wandel gesprochen werden darf. 2 Veränderungen innerhalb eines souveränen Staates werden von Wallerstein somit immer als Konsequenz der Evolution und Interaktion des sozialen Systems begriffen (Vgl. Wallerstein, 1986, S. 18). Daneben
2 Wallerstein verweist darauf, dass nur im Angesicht von sozialen Systemen von sozialem Wandel gesprochen werden kann (Vgl. Wallerstein, 1986, S. 18).
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erachtet er auch die Untersuchung sozialer Organisationen als unzulänglich, da sie rechtliche und politische Rahmenbedingungen, innerhalb derer sowohl die Organisationen als auch ihrer Mitglieder tätig werden, unberücksichtigt lassen (Vgl. Wallerstein, 1986, S. 16). Die einzig relevanten Analyseeinheiten sind für Wallerstein somit soziale Systeme. Diese lassen sich in zwei verschiedene Arten unterteilen. 3 Zum einen Mini-Systeme, d.h. relativ kleine, aber autonome Subsistenzwirtschaften, mit einer einheitlichen, eigenständigen Kultur. 4 Zum anderen Welt-Systeme, welche sich dadurch auszeichnen, dass sie relativ groß sind und ihre Selbstgenügsamkeit als ökonomisch-materielles Gebilde auf einer umfassenden Teilung der Arbeit beruht sowie dadurch, dass sie eine Vielzahl von Kulturen enthalten (Vgl. Wallerstein, 1986, S. 518). Die politischen, ökonomischen und sozialen Strukturverflechtungen untereinander und ihre gegenseitigen Abhängigkeiten erreichen einen derart hohen Grad, dass die dabei ablaufenden Prozesse nicht mehr nur innerhalb von Teilgebieten interpretiert und analysiert werden können, sondern nur im Kontext der Logik des gesamten Welt-Systems. Dieses ist definiert als „ein soziales System, dass Grenzen, Strukturen, Mitgliedsgruppen, Legitimationsgesetze und Kohärenz hat“ (Wallerstein, 1986, S. 517). Bedeutend ist jedoch, dass es sich beim Welt-System nicht um die Summe von Eigenschaften und Beziehungen einzelner relevanter Staaten handelt, sondern es eine eigene und emergente Entwicklungslogik beinhaltet. Bisher existierten lediglich zwei Arten solcher Welt-Systeme. So genannte Weltreiche oder Imperien, in denen sich ein einziges politisches System über den Großteil eines Gebietes ausbreitete. Sie hatten jedoch keine globale Reichweite, beschränkten sich auf den Austausch von Luxusgütern und gingen letztlich zu Grunde, da das von ihnen akkumulierte Kapital begrenzt war und nicht zur politischen Stabilisierung ausreichte. Weltwirtschaften hingegen besitzen kein den Raum überspannendes politisches System, sondern gewinnen ihren Zusammenhalt dadurch, dass „die Verbindung zwischen den Teilen des Systems vor allem eine ökonomische ist“ (Wallerstein, 1986, S. 27). Eine Besonderheit von Weltwirtschaften ist ihre arbeitsteilige Struktur, die sich nicht nur auf die Tätigkeiten, sondern auch auf die Geographie bezieht. „Zum Teil ist dies natürlich eine Folge ökologischer Rücksichten, doch zum größten Teil ist es eine Funktion der sozialen Organisation der Arbeit, einer die die Fähigkeit einiger Gruppen innerhalb des Systems, die Arbeit der anderen auszubeuten, das heißt einen größeren Anteil am Überschuss zu erhalten, vergrößert und legitimiert“ (Wallerstein, 1986, S. 519). „Wenn man so will, ist es eine soziale Errungenschaft der modernen Welt, das Verfahren erfunden zu haben, das eine Erhöhung des
3 Soziale Systeme bleiben für Wallerstein allerdings auf die Sphäre des Austauschs und Handels beschränkt und sind durch ein System der Arbeitsteilung zwischen den einzelnen Teilgebieten charakterisiert.
4 Minisysteme existierten vor allem in archaischen Gesellschaften und sind heute nicht mehr vorhanden.
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Arbeit zitieren:
Stefan Lippmann, 2010, Wo ist die Kultur geblieben?, München, GRIN Verlag GmbH
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