Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 Die ABC-Vermutung 4
2.1 Grundlegende Definitionen 4
2.2 Das polynomiale Analogon der ABC-Vermutung 7
2.3 Spezielle Folgerungen aus der ABC-Vermutung 10
2.4 Gute Tripel 14
3 Der LLL-Algorithmus 17
3.1 Einf uhrung in die Gitter-Reduzierung 17
3.2 Reduzierte Basis eines Gitters 18
3.2.1 Verbesserung des LLL-Algorithmus nach Schnorr 29
3.3 Faktorisierung von Polynomen im Gitter 33
3.3.1 Beschreibung des Algorithmus 38
4 Konstruktion guter ABC-Tripel mit dem LLL-Algorithmus 43
4.1 Vorbemerkungen 43
4.2 Das L osen der Relation mit dem LLL-Algorithmus 44
4.3 Konstruktion guter ABC-Tripel 47
4.4 Erweiterung der Konstruktion durch Kettenbruchentwicklung 50
5 Anhang 63
1
Kapitel 1
Einleitung
In der Mathematik gibt es eine Reihe zentraler Aussagen, deren Beweis ¨ uber Jahre
brauchte. Zudem gibt es noch heute viele Annahmen, die weder bewiesen noch widerlegt sind. Dazu z¨ ahlt auch die ABC-Vermutung.
Man spricht von einem ABC-Tripel, wenn die Zahlen des Zahlentripels (a, b, c) paarweise teilerfremd sind und zus¨ atzlich die Summe von a und b den Wert von c ergibt mit der Eigenschaft, dass das Radikal aus dem Produkt der drei Zahlen kleiner ist als die gr¨ oßte der drei Zahlen.
Bisher ist unbekannt, ob die Anzahl der Zahlentripel endlich ist. Gilt die ABC-Vermutung, so folgen hieraus eine Reihe weiterer Aussagen, beispielsweise eine schwache Formulierung des letzten Satzes von Fermat, der ¨ uber 300 Jahre ungel¨ ost war und erst 1993 von Wiles bewiesen wurde.
Eine Versch¨ arfung der Aussage ¨ uber Zahlentripel ergibt sich, wenn zus¨ atzlich die Eigenschaft gut verlangt wird. Von guten Zahlentripeln spricht man, wenn der Quotient aus dem Logarithmus der betragsgr¨ oßten Zahl und dem Logarithmus des Radikals vom Produkt der drei Zahlen gr¨ oßer als 1,4 ist.
Die ABC-Vermutung ist eine 1985 von Masser und Oesterl´ e formulierte Aussage. Die Berechnung von ABC-Tripeln erfolgt dabei stets ¨ uber einen Algorithmus, der individu-
ell geschrieben werden kann. Diese Arbeit besch¨ aftigt sich speziell mit der Konstruktion von (guten) ABC-Tripeln mittels des LLL-Algorithmus. Der LLL-Algorithmus ist ein bedeutsames Instrument und wurde von A. K. Lenstra, H. W. Lenstra und Lov´ asz 1982 ver¨ offentlicht. Der Ursprungsgedanke dieses Algorithmus war die Zerlegung eines Polynoms in irreduzible Faktoren. Dazu wird f¨ ur die Koeffizienten eine reduzierte Basis berechnet. Dies wird auch bei der Berechnung der ABC-Tripel verwendet. W¨ ahlt man beliebige, teilerfremde Zahlen und berechnet mit dem LLL-Algorithmus bei gegebener Basis eine reduzierte Basis, so erh¨ alt man f¨ ur die gegebenen Startwerte zugeh¨ orige
2
Koeffizienten, so dass die Eigenschaft f¨ ur ABC-Tripel - man spricht auch von ABC-Treffern - erf¨ ullt ist. Im Anschluss wird dann die Eigenschaft gut gepr¨ uft.
In dieser Arbeit wird zun¨ achst die ABC-Vermutung beschrieben und in diesem Zusammenhang werden einige Folgerungen aufgezeigt. Das zweite Kapitel stellt die Grundlage f¨ ur die Berechnung guter ABC-Tripel dar. Der LLL-Algorithmus bildet das Instrument f¨ ur die Berechnung der ABC-Tripel. Daher wird im dritten Kapitel dieser Algorithmus auf Basis des urspr¨ unglichen Artikels von A. K. Lenstra, H. W. Lenstra und Lov´ asz beschrieben und anhand von Beispielen erl¨ autert. Dabei wird auch auf die haupts¨ achliche Bedeutung - die Zerlegung von Polynomen - eingegangen.
Den Abschluss der Arbeit bildet die Konstruktion der Zahlentripel mittels des vorher beschriebenen Algorithmus. Zur Erg¨ anzung ist im Anhang eine Liste aller bisher bekannten Zahlentripel beigef¨ ugt.
3
Kapitel 2
Die ABC-Vermutung
Die ABC-Vermutung wurde - wie bereits in der Einleitung erw¨ ahnt - 1985 von Masser und Oesterl´ e formuliert. Dabei werden Eigenschaften des Zahlentripels (a, b, c) untersucht, die paarweise teilerfremd sind. Von ABC-Treffern spricht man genau dann, wenn rad(a·b·c) ≤ c gilt. Wir betrachten dabei o. B. d. A. nat¨ urliche Zahlen. Als das Radikal einer nat¨ urlichen Zahl n bezeichnen wir den quadratfreien Kern dieser Zahl. Zun¨ achst formulieren wir die ABC-Vermutung und gehen dann in diesem Kapitel noch auf einige wichtige Folgerungen ein, die zutreffen, falls die ABC-Vermutung gilt.
2.1 Grundlegende Definitionen
Die ABC-Vermutung ist eine 1985 von J. Oesterl´ e und D. Masser aufgestellte Vermutung. Sie beschreibt eine Zahl c, die sich aus der Summe zweier nat¨ urlichen Zahlen (a + b) zusammensetzt. Sind a, b und c teilerfremd, so heißt das Tripel (a, b, c) ein ABC-Tripel.
Diese Vermutung ist bisher weder bewiesen noch widerlegt. Weiterhin wurde das Verh¨ altnis rad(abc) eingef¨ uhrt. Man spricht dann von ABC-Treffern,
c
falls dieser Quotient kleiner oder gleich 1 ist, d. h. rad(abc) ≤ c. Dar¨ uber hinaus gibt es bereits eine Vielzahl zahlentheoretischer Ergebnisse, die die G¨ ultigkeit der ABC-Vermutung voraussetzen. Wir gehen auch teilweise auf diese Ergebnisse ein und setzen stets voraus, dass die ABC-Vermutung gilt.
Wir beginnen zun¨ achst mit einigen Definitionen, die wir f¨ ur die Berechnung von ABC-Tripeln ben¨ otigen:
Definition 2.1 (Radikal einer nat¨ urlichen Zahl)
1 · . . . · p e k Sei n ∈ N von der Form n = p e 1 k mit p i Primzahl f¨ ur alle i = 1, . . . , k und e i die zugeh¨ orige Vielfachheit. Dann definieren wir das Radikal von n wie folgt:
4
rad(n) = p 1 · . . . · p k und rad(1) := 1
Das heißt, dass rad(n) der gr¨ oßte quadratfreie Teiler von n ist.
Unter Betrachtung der Hypothese ber¨ ucksichtigen wir alle nicht-trivialen Tripel ganzer Zahlen (a, b, c) mit der Eigenschaft, dass a + b = c und ggT(a, b, c) = 1. Die Annahme ggT(a, b, c) = 1 ist offensichtlich, da wir andernfalls die Gleichung a + b = c durch den gr¨ oßten gemeinsamen Teiler k¨ urzen k¨ onnen.
Weiterhin k¨ onnen wir annehmen, dass a, b, c > 0, so dass wir im Folgenden mit nat¨ urlichen Zahlentripeln (a, b, c) arbeiten k¨ onnen.
Oesterl´ e f¨ uhrte im Zusammenhang mit der Vermutung den Quotienten
ein. Wir werden sp¨ ater noch genauer auf die Eigenschaften von L eingehen.
Masser formulierte diese Aussage in einer mehr gew¨ ohnlichen Form. Er zeigte zun¨ achst, dass das Verh¨ altnis rad(abc) beliebig klein werden kann. Hierf¨ ur
c
wurde die Konstante ε > 0 eingef¨ uhrt:
F¨ ur jedes ε > 0 existiert eine Konstante µ(ε) > 0, so dass gilt:
max{| a |, | b |, | c |} = c ≤ µ(ε) · rad(a · b · c) 1+ε . (2.2)
Die nachfolgenden Ergebnisse stellen grundlegende Resultate dar und werden sp¨ ater wiederholt Anwendung finden.
Lemma 2.2
rad(n) eine multiplikative Funktion.
Beweis: Unmittelbar aus der elementaren Zahlentheorie unter dem Kapitel zahlentheoretische Funktionen.
Bemerkung 2.3
F¨ ur alle n ∈ N gilt: rad(n) ≤ n (2.3)
Beweis: Sofort aus der Definition von rad(n).
Zu betonen ist die Wichtigkeit von ε in der Version der ABC-Vermutung von Masser. Dies l¨ asst sich anhand des Beispiels von W. Jastrzekowski und D. Spielman, wie es bei S. Lang [7] nachzulesen ist, zeigen.
Wir werden zeigen, dass es kein µ ∈ R gibt, so dass c ≤ µ · rad(a · b · c) gilt f¨ ur alle a, b, c, die die Hypothese erf¨ ullen.
Als Beispiel w¨ ahlen wir a n = 3 2 n −1, b n = 1 und c n = 3 2 n mit n ∈ N. Dieses Zahlentripel
erf¨ ullt offenbar die geforderten Bedingungen:
5
a) a + b = c
b) ggT (a, b, c) = 1
Das folgende Beispiel ben¨ otigen wir, um zu zeigen, dass die Formulierung der ABC-Vermutung von Masser ohne die Einf¨ uhrung von ε falsch ist:
Beispiel 2.4
Es gilt: 2 n | (3 2 n − 1)
Beweis: Wir zeigen dies induktiv ¨ uber n:
Induktionsanfang: n = 1 : 2 | (3 2 1 − 1), d. h. 2 | 8
Induktionsvoraussetzung: Die Aussage gelte f¨ ur k.
Induktionsschluss: k → k + 1
gilt 2 k | (3 2 k − 1). Wegen 3 2 k + 1 gerade gilt 2 | (3 2 k + 1).
Damit folgt insgesamt 2 k+1 | (3 2 k+1 − 1).
Damit k¨ onnen wir nun die Notwendigkeit von ε in Massers Formulierung zeigen:
Proposition 2.5
Ohne die Einf¨ uhrung von ε > 0 in der ABC-Vermutung von Masser ist die Aussage falsch.
Beweis: Angenommen, es existiert ein µ ∈ R, so dass c n ≤ µ·rad(a n ·b n ·c n ) f¨ ur a n , b n , c n wie im Beispiel 2.4 gew¨ ahlt, d. h. ε = 0. Dann gilt:
max{| a n |, | b n |, | c n |} = 3 2 n Annahme ≤ µ · rad((3 2 n − 1) · 1 · 3 2 n )
Multiplizieren wir nun beide Seiten mit 2 n und teilen durch 3 2 n , so erhalten wir:
Lassen wir nun n gegen ∞ laufen, erhalten wir einen Widerspruch.
Bemerkung 2.6
Wie wir eben gesehen haben, ist in der Version der ABC-Vermutung von Masser µ(ε) von der Wahl von ε abh¨ angig. Setzen wir ε = 0, so l¨ auft µ(ε) gegen ∞. Je gr¨ oßer die Wahl von ε > 0, desto kleiner muss µ(ε) gew¨ ahlt werden.
6
2.2 Das polynomiale Analogon der ABC-Vermutung
Bevor wir uns mit den Ergebnissen und Konsequenzen, die bei G¨ ultigkeit der ABC-Vermutung resultieren, besch¨ aftigen, gehen wir noch kurz auf die Hintergr¨ unde der ABC-Vermutung ein. Masser erhielt die Idee f¨ ur seine Definition durch den Satz von Mason, den wir nun zeigen m¨ ochten. Zun¨ achst ben¨ otigen wir noch die nachfolgende Definition:
Definition 2.7 (Radikal eines Polynoms)
Sei K ein algebraisch abgeschlossener K¨ orper mit Charateristik 0. Sei p(x) =
mit a k ∈ K. Dann ist n 0 (p) die Anzahl der paarweise verschiedenen Nullstellen von p(x), d. h. jede Nullstelle wird nur mit der Vielfachheit 1 gez¨ ahlt, analog zum Radikal einer nat¨ urlichen Zahl.
Nun k¨ onnen wir den Satz von Mason formulieren:
Satz 2.8 (Satz von Mason)
Seien a(x), b(x), c(x) Polynome mit Koeffizienten in K, K ein algebraisch abgeschlossener K¨ orper mit char (K) = 0. Seien a(x), b(x), c(x) teilerfremd und a(x) + b(x) = c(x). Dann gilt:
max deg{a(x), b(x), c(x)} ≤ n 0 (a(x) · b(x) · c(x)) − 1 (2.5)
Beweis: Nach Voraussetzung gilt a(x) + b(x) = c(x). Wir teilen beide Seiten durch c(x) und erhalten
Nun setzen wir f (x) := a(x) und g(x) := b(x) , d. h. f (x) + g(x) = 1. Durch Differentia-
c(x) c(x)
tion nach x erhalten wir f (x) + g (x) = 0 (2.7)
Durch Erweitern des Bruches erhalten wir dann
f
(x)
Wegen a(x) = f (x) · c(x) und b(x) = g(x) · c(x) folgt schließlich
Sei nun h(x) eine rationale Funktion und ρ i die paarweise verschiedenen Wurzeln des Z¨ ahlers und Nenners. Dann ist
7
Der letzte Ausdruck hat den Vorteil, dass die Vielfachheit verschiedener Wurzeln genau 1 ist.
Einsetzen liefert nun:
Ein gemeinsamer Hauptnenner f¨ ur den Nenner und Z¨ ahler dieses Ausdrucks ist, da a(x), b(x), c(x) teilerfremd sind,
D(x) :=
Wegen deg
deg
deg
Durch Erweitern des Bruchs erhalten wir nun
Wegen ggT(a(x), b(x)) = 1 gilt a(x) |
Analog folgt nun auch deg(b(x)) ≤ n 0 (a(x) · b(x) · c(x)) − 1.
Wegen deg(c(x)) ≤ max{deg(a(x)), deg(b(x)), deg(c(x))} folgt nun die Behauptung.
Der Satz von Mason impliziert nun den Fermatschen Satz f¨ ur Polynome:
8
Korollar 2.9 (Fermatscher Satz f¨ ur Polynome)
Seien p(x), q(x), r(x) ∈ K[x] teilerfremde Polynome, K ein algebraisch abgeschlossener K¨ orper mit char (K) = 0 und mindestens eines der Polynome p(x), q(x), r(x) hat einen Grad > 0. Dann hat die Gleichung
(p(x)) n + (q(x)) n = (r(x)) n (2.13)
f¨ ur n ≥ 3 keine L¨ osung.
Beweis: Nach dem Satz von Mason gilt
deg(p(x)) n = n · deg(p(x)) ≤ deg(p(x) + q(x) + r(x)) − 1. (2.14)
Ersetzt man sukzessive p(x) auf der linken Seite durch q(x) und r(x) und summiert dann, so erh¨ alt man
n · [deg(p(x) + q(x) + r(x))] ≤ 3 · [deg(p(x) + q(x) + r(x))] − 3. (2.15)
Dies ist offensichtlich ein Widerspruch f¨ ur n ≥ 3.
Wir schließen den Abschnitt noch mit einer Bemerkung ab, die f¨ ur die Algebra von gr¨ oßerer Bedeutung ist:
Bemerkung 2.10
Der Fermatsche Satz f¨ ur Polynome gilt nicht, falls char K = p > 0. Sei hierzu beispielsweise f (x) = x + 1, g(x) = x und h(x) = 1. Dann gilt (f (x)) p = (g(x) + h(x)) p und nach Frobenius-Homomorphismus
2.3 Spezielle Folgerungen aus der ABC-Vermutung
Unter der Voraussetzung, dass die ABC-Vermutung gilt, k¨ onnen wir eine Reihe zah-lentheoretischer Ergebnisse zeigen. Die ABC-Vermutung impliziert beispielsweise eine schwache Form von Fermats letztem Satz:
Hypothese 2.11 (Das asymptotische Fermat-Problem)
Sei ggT(x, y, z) = 1. Dann existiert ein N ∈ N, so dass f¨ ur alle n > N die Gleichung
x n + y n = z n (2.17)
nur die triviale ganzzahlige L¨ osung 1 besitzt.
Wir werden nachfolgend zeigen, dass diese Aussage folgt, falls die ABC-Vermutung gilt. Daf¨ ur ben¨ otigen wir noch die folgenden Notation:
Wir benutzen das Symbol ”” 2 f¨ ur die folgende Ausssage ¨ uber Funktionen f (x) und g(x):
f (x) g(x), falls es ein c ∈ R gibt, so dass f (x) ≤ c · g(x) f¨ ur alle x ∈ R gilt.
Satz 2.12
Gilt die ABC-Vermutung, so impliziert diese das asymptotische Fermat-Problem. Beweis: Sei die ABC-Vermutung g¨ ultig. O. B. d. A. seien x, y, z ∈ N. Nach der ABC-Vermutung gilt
Damit folgt
3 =| x · y · z | 3+ε . | x · y · z | 1+ ε (2.19) 3
Hiermit erhalten wir, dass n ∈ N beschr¨ ankt ist, da | x · y · z |> 1. Damit n ∈ N nicht beschr¨ ankt ist, muss | x · y · z |≤ 1 gelten. Somit folgt, dass eine der drei Zahlen x, y, z Null sein muss.
1 Der Satz von Fermat (nach Pierre de Fermat, 1608-1665) wurde erst 1993 von Wiles und Taylor bewiesen.
2 Wir f¨ uhren sp¨ ater die Definition der Landau-Symbole ein, die die gleiche Bedeutung haben.
10
Bemerkung 2.13
Die Wahl von ε legt auch den Wert von N aus Hypothese 2.11 fest.
Gilt die ABC-Vermutung, so impliziert diese auch eine weitere klassische Vermutung, die Vermutung von Hall. Hierf¨ ur ben¨ otigen wir noch die folgende Definition:
Definition 2.14 (Wieferich-Bedingung)
Sei p ∈ P. Dann erf¨ ullt p die Wieferich-Bedingung, falls 2 p−1 ≡ 1 mod p 2 .
Nun gilt folgende Vermutung:
Hypothese 2.15 (G¨ ultigkeit der Wieferich-Bedingung f¨ ur Primzahlen) Sei p eine Primzahl. Dann existieren unendlich viele p ∈ P, die die Wieferich-Bedingung erf¨ ullen.
Die Vermutung l¨ asst sich bisher nicht beweisen, es gilt aber der folgende Satz:
Satz 2.16
Gilt die ABC-Vermutung, dann gibt es auch unendlich viele Primzahlen p, die die Wieferich-Bedingung erf¨ ullen.
Bevor wir den Satz beweisen, f¨ uhren wir noch eine Definition ein und zeigen eine weitere Behauptung, die wir f¨ ur den Beweis des Satzes ben¨ otigen:
Definition 2.17
Mit S := {p ∈ N | 2 p−1 ≡ 1 mod p 2 } bezeichnen wir die Menge aller Primzahlen, die die Wieferich-Bedingung erf¨ ullen.
Behauptung 2.18
Sei n ∈ N, p ∈ P, so dass 2 n ≡ 1 mod p und 2 n ≡ 1 mod p 2 . Dann ist p ∈ S. Beweis: Sei d = ord 3 (2) in Z und | Z |= p − 1. Dann gilt d | (p − 1) und d | n. Sei
pZ pZ
n = d · a f¨ ur ein a ∈ Z.
Wegen 2 n ≡ 1 mod p 2 folgt erst recht 2 d ≡ 1 mod p 2 . Sei nun p − 1 = d · b f¨ ur ein b ∈ Z. Wegen d ≤ p − 1 gilt b < p − 1 < p. Da p ∈ P folgt nun ggT (b, p) = 1. Da , gilt 2 d ≡ 1 mod p. d = ord(2) in Z
pZ
Folglich existiert ein k ∈ Z mit p · k = 2 d − 1 ⇔ 2 d = p · k + 1. Wegen 2 d ≡ 1 mod p 2 ⇒ p k. Daher gilt
2 p−1 = 2 dm = (2 d ) m ≡ 1 m mod p ⇒ 2 p−1 ≡ 1 mod p. (2.20)
3 Als Ordnung einer ganzen Zahl a bezeichnen wir die kleinste Zahl d ∈ N, f¨ ur die a d ≡ 1 mod m f¨ ur ein m ∈ N gilt mit ggT(a, m) = 1
11
Andererseits gilt
2 p−1 = 2 dm = (2 d ) m = (1 + pk) m =
Hieraus folgt nun ein Widerspruch und die Behauptung ist bewiesen.
Nun k¨ onnen wir den Satz beweisen. Der Beweis geht auf Silverman [8] zur¨ uck: Bew. von Satz 2.16: Angenommen, S ist endlich. Sei 2 n − 1 = u n · v n , so dass f¨ ur alle p i ∈ S gilt: p i | u n und f¨ ur alle p k ∈ S gilt p k | v n . Nach Annahme ist S endlich, daher ist u n beschr¨ ankt.
Sei p ∈ P, p | v n . Nach der eben bewiesenen Behauptung 2.18 ist 2 n ≡ 1 mod p 2 , d. h. p 2 | (2 n − 1) und damit gilt auch p 2 | u n v n . Wegen p u n gilt p 2 | v n . Setzen wir nun (2 n − 1) + 1 = 2 n , so gilt nach ABC-Vermutung
| 2 n − 1 |= u n v n ≤ µ(ε) · rad(u n v n ) 1+ε
Insgesamt gilt also u n v n v
erhalten wir v
der v n f¨ ur n → ∞ beschr¨ ankt ist. Dies ist ein Widerspruch zur Annahme.
Ber¨ ucksichtigen wir nun die Wieferich-Bedingung, dann gibt es nur zwei m¨ ogliche Ausnahmen. Dar¨ uber hinaus, nach der Lang-Trotter-Vermutung 4 , sollte die Wahrscheinlichkeit, dass 2 p−1 ≡ 1 + pk mod p 2 f¨ ur ein festes k mod p ist, von der Gr¨ oßenordnung O 5 1 sein. Somit sollte die Anzahl der Primzahlen p bis zu einer festen Schranke x
p
mit der Eigenschaft 2 p−1 ≡ 1 + pk mod p 2 von der Gr¨ oßenordnung
sein, d. h. die meisten Primzahlen erf¨ ullen die Wieferich-Bedingung.
Wir wollen nun noch eine weitere Vermutung zeigen, die auch folgt, falls die ABC-Vermutung gilt:
4 Die Lang-Trotter-Vermutung sagt etwas ¨ uber die Asymptotik f¨ ur die Anzahl der Primzahlen p ≤ x mit λ E (p) = r ∈ R fest voraus, wobei λ E (p) die sog. Frobeniusspur ist.
5 Mit O(n) wird das sog. Landausymbol einer nat¨ urlichen Zahl n bezeichnet. Dabei gilt: Sind f (x) und g(x) reelle oder komplexe Funktionen, so gilt:
f (x) = O(g(x)) :⇔ es gibt eine Konstante c > 0, so dass | f (x) |≤ c · g(x). Nach Vinogradov gilt: f (x) g(x) :⇔ f (x) = O(g(x)), d. h. f (x) ist die Menge aller Funktionen, die durch g(x) beschr¨ ankt sind.
12
Hypothese 2.19 (Halls urspr¨ ungliche Vermutung)
Seien o. B. d. A. 6 u, v teilerfremd, u, v = 0 und u 3 − v 2 = 0. Dann gilt:
| u 3 − v 2 ||| u |
2
Satz 2.20
Gilt die ABC-Vermutung, so impliziert dies Halls urspr¨ ungliche Vermutung.
Beweis: Der Beweis geht zur¨ uck auf auf Lang [7].
Wir wollen abschließend noch den Zusammenhang zu einer weiteren Vermutung zeigen. Oesterl´ e gewann die Idee f¨ ur seine Vermutung aus der Szpiro-Vermutung. Bevor wir den Zusammenhang von Oesterl´ es und Szpiros Vermutung herstellen, ben¨ otigen wir noch folgende Vorbereitungen:
Sei K ein K¨ orper mit char(K) = 0. Dann k¨ onnen wir die elliptische Kurve in Weierstraß-Form
E := y 2 = x 3 − ux + v mit u, v ∈ Z (2.22)
schreiben. Damit k¨ onnen wir nun die Diskrimante ∆ = 16(4u 3 − 27v 2 ) von E definieren sowie D := 4u 3 − 27v 2 die Diskriminante des kubischen Polynoms. Weiterhin definieren wir Folgendes:
Definition 2.21
Sei E eine Weierstraß-Gleichung. Dann heißt
mit δ p eine beschr¨ ankte Konstante unabh¨ angig von der Kurve und δ p = 0 f¨ ur p ≥ 5 der Konduktor von E.
Bemerkung 2.22
Es gilt: rad(D) ≤ c(E) (2.24)
Die Formulierung der Szpiro-Vermutung lautet dann wie folgt:
6 Diese Annahme wurde urspr¨ unglich nicht getroffen. Falls u, v nicht teilerfremd sind, so teile durch den ggT. Die Beweisf¨ uhrung ¨ andert sich dadurch nicht.
13
Hypothese 2.23 (Original Szpiro-Vermutung)
Sei E eine Weierstraß-Kurve mit Diskriminante D und c(E) der Konduktor von E. Dann gilt: | D || rad(D) 6+ε c(E) 6+ε . (2.25)
Nun k¨ onnen wir den Zusammenhang von Oesterl´ es und Szpiros Vermutung herstellen:
Satz 2.24
Gilt die ABC-Vermutung, dann gilt auch die Original Szpiro-Vermutung. Beweis: Sei ε > 0 und ε = 1 ε. Weiterhin sei D = 4u 3 − 27v 2 .
3
Im Beweis von Halls Vermutung haben wir gezeigt
| u | 3 [(rad(D)) 2+ε ] 3 (2.26)
und
| v | 2 [(rad(D)) 3+ε ] 2 . (2.27)
Einsetzen liefert nun das Gew¨ unschte.
Bemerkung 2.25
Die Umkehrung gilt auch. Der Beweis kann bei Serge Lang[7] nachgelesen werden.
2.4 Gute Tripel
Wir wollen nun den Begriff des guten ABC-Tripels einf¨ uhren. Dazu erinnern wir uns zun¨ achst an den Quotienten in Oesterl´ es Version der ABC-Vermutung:
Offen war die Frage, ob L beschr¨ ankt ist. Damit werden wir uns im Folgenden besch¨ aftigen.
Satz 2.26
Die ABC-Vermutung gilt, genau dann wenn lim sup{L} ≤ 1. Beweis: ”=⇒”
Sei die ABC-Vermutung g¨ ultig. Dann gilt
L(a, b, c) =
Arbeit zitieren:
Matthias Mahl, 2009, Konstruktion guter ABC-Tripel mit dem LLL-Algorithmus, München, GRIN Verlag GmbH
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