In dem folgenden Essay möchte ich mich mit der Frage auseinander setzen, was unter dem „rheinischen Kapitalismus“ bzw. „Neo-amerikanischen Kapitalismus“ zu verstehen ist. Hauptbezugspunkt meiner Analyse wird dabei der Artikel von Michel Albert „Kapitalismus kontra Kapitalismus“ sein. Nachdem zunächst überblicksartig die nach Ansicht Alberts unbekannte Version des Kapitalismus in seinen Grundzügen vorgestellt werden wird, soll im Anschluss daran, diese Arbeit unter persönlichen Gesichtspunkten gewürdigt und kritisiert werden.
Mit einem etwas plakativen Einstieg in die Problematik des Kapitalismus, dem Verweis auf die idealisierte und wirklichkeitsfremde Darstellung des Lebens in kapitalistischen Gesellschaften analog zu US-amerikanischen Fernsehserien, leitet Albert direkt auf den Aspekt über, das Kapitalismus in zahlreichen Varianten existiert. Dabei stellt er besonders den rheinischen Kapitalismus und den Neo-amerikanischen bzw. angelsächsischen heraus. Während Ersterer insbesondere in Nord- und Mitteleuropa sowie in Japan verbreitet, typischerweise durch Marktwirtschaft, Privateigentum und freies Unternehmertum charakterisiert ist und als entscheidende Vorteile Dynamik und Stabilität aufweist, wird Letzterer seit 10 bis 15 Jahren immer populärer und stellt kurzfristige Gewinne über langfristige Planung und Entwicklung. Die Gegenüberstellung dieser beiden Modelle kann auch durch das Duell des klassischen Industrieunternehmers versus modernen Spekulanten beschrieben werden. In einer ersten Unterscheidung untersucht Albert den Platz des Marktes in beiden Modellen. Dabei geht er insbesondere auf die Aspekte Religion, Unternehmen, Gehälter, Wohnungen, Nahverkehr, Medien, Bildungswesen, Gesundheit ein und stellt fest, dass für das Neo-amerikanische Modell handelbare Güter eminent wichtig sind, während im rheinischen Modell gemischte bzw. nicht handelbare Güter bedeutender sind. Die Problematik der Verwirtschaftlichung weiter Bereiche der Gesellschaft, wie im angelsächsischen Kapitalismusmodell zu beobachten, verdeutlicht er anhand der Berufszweige Medizin und Juristerei. Diese handeln, einmal den Kräften des freien Marktes ausgesetzt, nur noch im Dienste des kapitalistischen Geistes und führen zu einem Vertrauensverlust innerhalb der Gesellschaft, da ihr Streben nicht mehr dem Wohl der Menschen dient, sondern der eigenen Profitmaximierung.
In einem weiteren Schritt geht der Autor auf die Rolle der Banken innerhalb der jeweiligen kapitalistischen Wirtschaftsordnung ein. Während im angelsächsischen Modell Finanzmärkte und Börsen den Takt der Wirtschaft vorgeben, wird dieser im rheinischen Kapitalismus durch die Banken bestimmt. Dies liegt vor allem daran, dass in Deutschland Banken als Finanziers der Unternehmen auftreten und mit diesen eng verknüpft sind. Diese Verbindung wird durch
direkten Kapitalbesitz der Banken an den jeweiligen Unternehmen oder indirekt, durch Ausübung des Stimmrechtes der Aktionäre der Bankkunden, hergestellt. Daraus ergibt sich, dass die Banken gezwungen sind, sich um die langfristige Entwicklung von Unternehmen zu bemühen, Stabilität innerhalb der Unternehmen erzeugt wird und ein sehr dichtes und schwer zu durchdringendes Interessengeflecht entsteht.
Der nächste Aspekt der von Albert untersucht wird, ist die Machtstruktur und Organisation des Managements. Hierbei stehen die stark ausgeprägte Tendenz zum Konsens und die weit
ausgebaute Möglichkeit der Mitbestimmung im Vordergrund. Diese grundlegenden Eigenschaften des rheinischen Kapitalismus führen unter den Angestellten zu einem stärker ausgebildeten Zusammengehörigkeitsgefühl, insbesondere in Japan drückt sich dies durch den Wunsch nach Solidarität und Schutz durch das Unternehmen aus. Unternehmer und Angestellte stehen sich als gleichberechtigte Partner gegenüber, mit dem gemeinsamen Ziel die wirtschaftliche Prosperität des Unternehmens voranzutreiben. Betrachtet man die Gehaltsstruktur der beiden Kapitalismussysteme, so stellt man fest, dass die Gehälter in Deutschland homogener verteilt und höher sind, bei gleicher oder besserer Wirtschaftsleistung. Gleichzeitig orientieren sich die Karriereentwicklung und das Beförderungssystem an der Qualifikation und Betriebszugehörigkeit des Mitarbeiters, oftmals beginnen Karrieren in Deutschland mit einer Ausbildung in einem Unternehmen. Es steht damit im Gegensatz zum amerikanischen System, das die Philosophie der Mobilität vertritt, d.h. häufiger Arbeitsplatzwechsel als Kriterium für Mobilität und Anpassungsfähigkeit. Entstanden ist das deutsche Ausbildungssystem aus der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Beschäftigten und baut auf den folgenden drei Prinzipien auf. Erstens ist es sehr breitflächig gestreut und innerhalb der Gesellschaft wird der Lehrzeit eine große Priorität eingeräumt, zweitens richtet sich die Qualifizierung der Arbeiter weniger daran aus, eine kleine Elite heran zu züchten, sondern viel mehr das durchschnittliche Niveau konstant hochzuhalten und drittens wird das System durch Unternehmen und Bund gleichermaßen finanziert. Mithilfe dieses Ausbildungssystems wird erreicht, dass typische deutsche Tugenden wie Treue, Genauigkeit und Pünktlichkeit als Norm in dem Wirtschaftsethos implementiert werden, um so die Qualität und das Ansehen deutscher Produkte zu steigern. Wie der Quervergleich zwischen rheinischen und angelsächsischen Modell zeigt, wird im ersten Fall der Angestellte nicht als reiner Produktionsfaktor gesehen und versucht zerstörerische Rivalitäten vermeiden, während dessen im zweiten Fall die Maximierung der Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens, durch die Maximierung der Wettbewerbsfähigkeit eines jeden einzelnen Angestellten erreicht werden soll. Jedes Unternehmen versucht deshalb
Arbeit zitieren:
Stefan Lippmann, 2008, Über Michel Alberts „Kapitalismus contra Kapitalismus“ (Kap. 5), München, GRIN Verlag GmbH
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