In dem folgenden Essay möchte ich mich mit der Frage nach dem Ende des deutschen Kapitalismus auf Grundlage des Textes von Werner Plumpe auseinandersetzen. Dabei wird zunächst überblicksartig die Argumentation Plumpes wiedergegeben, während dessen im zweiten Teil eine kritische Auseinandersetzung mit der Hauptaussage folgt. Ausgangspunkt seiner Überlegungen, ist die sich seiner Meinung nach verändernde deutsche Unternehmerlandschaft sowie die Auflösung traditioneller Unternehmensstrukturen. Er belegt diese Behauptungen mit der Tatsache, dass große deutsche Traditionskonzerne zerschlagen werden, z.B. die Hoechst AG und parallel dazu Aktienfonds zunehmenden Einfluss auf die Unternehmensentscheidungen erlangen. Gleichzeitig werden die Unternehmen immer internationaler und richten sich in ihrer Unternehmensstruktur, ihrem wirtschaftlichen Profil und ihrer Unternehmenspolitik sowie der Selbstdarstellung immer weniger am Modell des rheinischen Kapitalismus aus. Die theoretische Grundlage seiner Überlegungen geht auf die Kapitalismustheorie von Marx zurück, der festgestellt hat, dass die wirtschaftliche Entwicklung im Kapitalismus zwangsläufig zur Globalisierung führen muss. Somit sei die Entwicklung der Wirtschaft Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland als ein Sonderfall zu betrachten, der auf politische und militärische Katastrophen und die sozialen Kämpfe im Rahmen des Systemwettbewerbs zurückzuführen ist. Des Weiteren bezieht er sich auf den britischen Ökonomen James McCulloch der in einer Art biblischer oder transzendenter Weise behauptet, „die Vorsehung habe es auf einen allgemeinen Markt abgesehen“. Bei Betrachtung der historischen Genese des deutschen Kapitalismus, stellt Plumpe fest, dass sich dieser nicht zwangsläufig aus den Interessen in der jeweiligen Bourgeoisie ergeben hat, sondern viel mehr durch den Stand der Produktions-und Informationstechnik sowie den Marktbedingungen beeinflusst wurde. Grundsätzlich kristallisiert er vier Phasen der Unternehmensgeschichte heraus: zwischen 1800 bis etwa 1880 mit der Durchsetzung des Unternehmertums, anschließend die Verbreitung des Großbetriebes, zwischen 1960 und 1980 Diversifikation und Divisionalisierung und schließlich die Auflösung der traditionellen Unternehmensstrukturen aufgrund sich global durchsetzende Konkurrenzformen. Die Herausbildung der Spezifika der deutschen Wirtschaft bis 1970, zum Beispiel die enge Verbindung von Banken und Industrie, führt Plumpe auf die im Gegensatz zu Amerika kleinen und heterogenen Märkte für Großunternehmen zurück. Diese unterschiedlichen nationalen Märkte mit zum Teil erheblichen Zugangsbarrieren, dienten als Ausgangspunkt für eine entsprechende Produktions- und Organisationsstruktur. Die eintretenden Veränderungen im deutschen Kapitalismus haben nach Plumpe eine Vielzahl von Ursachen. Ein wichtiger Aspekt ist die sich wandelnde Wirtschaftsstruktur durch die Öffnung der Finanzmärkte in den siebziger
Jahren, wodurch die deutschen Spezifika zusehends an Bedeutung verloren, der schrumpfende Industrieanteil an den wirtschaftlichen Gesamtleistung, politische Störungen und das Abflachen der Wachstumsdynamik der Wiederaufbaujahre. Die Politik versuchte darauf mit antizyklischen Finanzinvestitionen zu reagieren, um die Konjunkturwellen zu glätten. Allerdings war der Erfolg sehr mäßig, die Arbeitslosigkeit war weiterhin sehr hoch, und die Staatsverschuldung stieg, woran auch der Wirtschaftsaufschwung nach 1975 nichts änderte. Unternehmen stellten als Reaktion auf diese Entwicklung ihrer Strategien und Strukturen zur Diskussion und versuchten mithilfe des Beratergewerbes diesen Wandel erfolgreich zu vollziehen. Zwei weitere wichtige Aspekte für die Änderung des deutschen Kapitalismus sind nach Ansicht Plumpes, wirtschaftspolitische und institutionelle Entwicklungen. Mit dem Ende des Wiederaufbaubooms endete auch die liberale Wirtschaftspolitik der Nachkriegsjahre, Wirtschaftspolitik wurde gleichzeitig auch Sozialpolitik. Dies äußerte sich darin, dass die Institutionen der Wirtschaft zum Abbau sozialer Ungleichheit genutzt werden sollten, wodurch die Unternehmensautonomie erheblich eingeschränkt wurde und sich Entscheidungsfindungsprozeduren veränderten. Da sich der Staat immer mehr als Garant der alltäglichen Lebensvoraussetzungen verstand, stieg gleichzeitig der Staatsanteil am Bruttosozialprodukt. Die wachsenden Staatsausgaben wurden durch die Kosten der Arbeit finanziert, mit dem Ergebnis, Arbeit wurde immer teurer, arbeitsintensive Produktion faktisch unmöglich und viele Arbeitsplätze wurden wegrationalisiert. Außerdem veränderte sich seit 1960 immer wieder die institutionelle Lage, dabei ist insbesondere die Europäische Union hervorzuheben, die mittlerweile circa 50% der Wirtschaftsregeln innerhalb Europas bestimmt. Zusätzlich wird die globale ökonomische Struktur durch den Aufstieg von großen ost- und südasiatischen Volkswirtschaften beeinflusst.
All diese Entwicklungen hatten, so Plumpe enorme Auswirkungen auf die Unternehmen, mit der Folge das sich neue Lösungsstrategien herausbildeten. Anfangs verlief die Entwicklung in der BRD nur schleppend, da eine starke Verflechtung von Industrieunternehmen, Banken und Versicherungen bestand. Die erste potentielle Lösungsstrategie war die Produktdiversifikation Anfang der siebziger Jahre sowie die Weiterentwicklung zur regionalen Diversifikation. Allerdings waren Unternehmen mit diesem Strukturprinzip gegenüber der japanischen Konkurrenz schlanker Unternehmen nicht konkurrenzfähig. Dies führte dazu, dass sich die Strategien stärker an der japanischen Produktion orientierten, z.B. mit der Einführung des Just-in-Time Prinzips oder der Leanproduction. Der häufige Wechsel des Organisationsmodells erhöhte die Bedeutung kurzfristiger Unternehmensplanung und des Kapitalmarktes. Gleichzeitig werden dauerhafte und stabile industrielle Beziehungen
aufgelöst, da sie die Unternehmen innerhalb der globalen Konkurrenz zu unflexibel machen würden. Die Diversifikation hatte weit reichende Folgen in der Unternehmenslandschaft. So wurde das operative Geschäft separierten Geschäftsbereichen überlassen, die Konzernspitze trifft demzufolge nur noch strategische Entscheidungen und überwacht einzelne Teilbereiche finanziell. Die dadurch entstehenden Konglomerate sind allerdings der Gefahr der Zerschlagung oder Übernahme ausgesetzt. Die Situation der mittleren und kleinen Unternehmen hat sich seit den Siebzigern stark verändert. Während sie bis in die Siebziger dominanter Arbeitgeber und Spitzenreiter im Umsatz waren, wurden sie insbesondere bei Handel und Handwerk durch Filialbetriebe verdrängt. Das Credo der Analyse durch Plumpe ist, dass sich das kapitalistische System immer stärker dem Liberalismus wie er Ende des 19. Jahrhunderts existierte, annähert und Sonderwege, wie der rheinische Kapitalismus einer war, nicht mehr existieren können.
Im zweiten Teil meines Essays möchte ich mich nun kritisch mit dem Leitgedanken Plumpes am Beispiel von Deutschland auseinandersetzen. Die von Plumpe dargestellte Entwicklung hat dafür gesorgt, dass Deutschland, um weiterhin als Wirtschaftsnation erfolgreich zu sein, entsprechende Veränderungen und Reformen innerhalb der Wirtschaftspolitik durchführen musste. Die Begriffe Reform des Sozialstaates oder Modernisierung des Wirtschaftssystems, um wirtschaftliches Wachstum für die Zukunft zu ermöglichen, sind in Deutschland sehr eng mit der Agenda 2010 der SPD Regierung unter Gerhard Schröder verbunden. Diese sieht neben Steuererleichterungen, Kürzungen des Arbeitslosengeldes auch Änderungen des Kündigungsschutzes vor. Gleichzeitig werden viele Bereiche, die früher in öffentlicher Hand waren, privatisiert, um den Wettbewerb zu fördern und die Versorgungsqualität zu steigern. Als Beispiele sind hier die Privatisierung der Post und der Telekom sowie die geplante Privatisierung der Bahn anzuführen. Diese Aspekte geben der These Plumpes zunächst einmal recht und erwecken den Eindruck, dass wir uns wirklich auf den Weg in die totale Liberalisierung des Wirtschaftssystems befinden und das deutsche Wirtschaftsmodell ein Auslaufmodell ist. Dabei wird allerdings außer Acht gelassen, dass in Deutschland, speziell im Osten der Republik, eine sehr starke Verankerung mit der Wirtschaftsform des rheinischen Kapitalismus (als Alternative zum sozialistischen Vollversorgungsmodell) mit seiner sozialen Absicherung und Stabilität existiert. Die Sozialisation der Menschen in der ehemaligen DDR, mit einem sehr gut ausgebauten Wohlfahrtssystem, sowie das in den Siebzigern entstandene Selbstverständnis der BRD, sich als Garanten für die alltäglichen Lebensvoraussetzungen seiner Bürger zu definieren, hat dafür gesorgt, dass eine sehr hohe Anspruchshaltung entstanden ist. Als Reaktion auf die neuesten Reformen der Wirtschaftspolitik kann man
Arbeit zitieren:
Stefan Lippmann, 2008, Über Werner Plumpes "Das Ende des deutschen Kapitalismus", München, GRIN Verlag GmbH
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