Danksagung
Herzlich bedanken möchte ich mich bei Herrn Joachim Scholz von der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT), der über die Bereitstellung von Statistiken zum deutschen und europäischen Reisemarkt die Themeneingrenzung erleichterte. Bedanken möchte ich mich auch bei Frau Ulrike Spangenberg vom Akademischen Auslandsdienst der Humboldt-‐Universität sowie Herrn Günter Lau und Frau Katrin Lanyi, die am Computer-‐ und Mediendienst der HU (CMS) arbeiten. Die technische Durchführung der empirischen Erhebung wäre ohne ihre Unterstützung nicht möglich gewesen.
Inhaltsverzeichnis i
Inhaltsverzeichnis i
Inhaltsverzeichnis i
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis…………………………………………………………………………………………………...... i
Abbildungsverzeichnis iv
Tabellenverzeichnis v
Tabellenverzeichnis v
Tabellenverzeichnis v
1 Einführung 1
2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen. 5
2.1 Vom Tourismus zu VFR- Reisenden 5
2.1.1 Begriffscharakteristika 5
2.1.2 Definitionen für die Untersuchung: Tourismus und Reisendentypen. 6
2.1.3 Unterschiede zwischen den Reisendentypen aus Sicht des Freizeitbegriffs 8
2.1.4 Die VFR- Reisenden. 11
2.1.4.1 Forschungsgeschichte 11
2.1.4.2 Typologie von VFR- Reisenden. 13
2.1.4.3 Merkmale von VFR- Reisenden 14
2.1.4.4 VFR- Tourismus und Migration. 23
2.1.4.5 Zusammenfassung 26
2.2 Von Migration zu HZB- Migranten 27
2.2.1 Begriffscharakteristika 27
2.2.2 Definitionen für die Untersuchung: Migration und Migrantentypen 28
2.2.2.1 Migrationstypisierungen nach Übertretung politischer Grenzen 29
2.2.2.2 Migrationstypisierungen nach Motiven: Bildungsmigration 29
2.2.2.3 Die gastgebenden Studierenden 30
2.3 Von Verwandten und Freunden 32
2.3.1 Verwandtschaft. 33
2.3.1.1 Begriffscharakteristika 33
2.3.1.2 Definition für die Untersuchung 35
2.3.2 Freundschaft 36
2.3.2.1 Begriffscharakteristika 36
2.3.2.2 Definition für die Untersuchung 37
2.3.3 Funktionen von Verwandtschaften und Freundschaften im Vergleich. 38
2.3.3 38
Inhaltsverzeichnis ii
Inhaltsverzeichnis ii
Inhaltsverzeichnis ii
3 Eine Handlungs- und Entwicklungstheorie: Die Theorie der Praxis 41
3.1 Die Theorie der Praxis. 41
3.1.1 Habitus. 42
3.1.2 Feld. 42
3.1.3 Kapital. 43
3.1.3.1 Ökonomisches Kapital. 44
3.1.3.2 Kulturelles Kapital 44
3.1.3.3 Symbolisches Kapital 45
3.1.3.4 Soziales Kapital. 46
3.2. Theorie der Praxis vs. Rational Choice in der Reiseentscheidung. 48
3.2.1 Theorie der Praxis vs. Rational Choice 48
3.2.2 Theorie der Praxis vs. Rational Choice in der Reiseentscheidung. 49
3.2.3 Relevanz der Theorie der Praxis vs. Rational Choice für die Untersuchung. 51
4 Untersuchungsmodell. 53
5 Methodik. 60
5.1 Auswahlverfahren der Untersuchungssubjekte. 60
5.2 Untersuchungsform und Datenerhebungsmethode. 60
5.3 Datenqualität. 63
5.3.1 Repräsentativität. 63
5.3.2 Reliabilität 64
5.3.3 Validität 64
5.4 Erhebungszeitraum. 65
5.5 Beteiligung an der Befragung 66
5.6 Teilnehmendenprofile 67
5.6 67
5.6 67
Inhaltsverzeichnis iii
Inhaltsverzeichnis iii
Inhaltsverzeichnis iii
6 Ergebnisse. 71
6.1 VFR- Tourismus und Migrationsbewegungen nach Berlin 71
6.1.1 Anzahl der Gäste. 71
6.1.2 Einfluss der Wohndauer und des Einladungsverhalten. 72
6.1.3 Einfluss der Wohnsituation der Gastgebenden 75
6.1.4 Einfluss weiterer Migrationsereignisse bei den Gastgebenden. 77
6.1.5 Vorhersagemöglichkeit der Herkunftsorte von VFR- Touristen 78
6.1.6 Einfluss der Herkunftsorte der Gastgebenden. 79
6.2 Die Bedeutung sozialer Beziehungen bei der Reiseentscheidung. 80
6.2.1 Von sozialem Kapital beeinflusste Entscheidungskriterien (nur kognitive Leistungen) 84
6.2.2 Vom kulturellem Kapital abhängige Entscheidungskriterien 88
6.2.3 Vom symbolischen Kapital abhängige Entscheidungskriterien 92
6.2.4 Vom ökonomischem Kapital abhängige Entscheidungskriterien 92
6.3 Potenziale und Effekte der Reiseereignisse für die Stadt Berlin. 96
6.3.1 Reisedauer 96
6.3.2 Reiseausgaben. 97
6.3.3 Zufriedenheit 100
6.3.4 Wiederkehrwahrscheinlichkeit 102
6.3.5 Potenzial weiterer VFR- Reiseereignisse. 103
6.4 Fazit 104
7 Schlussbetrachtung. 107
Literatur 108
Literatur 108
Literatur 108
Literatur 108
Literatur 108
Inhaltsverzeichnis iv
Inhaltsverzeichnis iv
Inhaltsverzeichnis iv
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Kategorisierung von Reisendentypen nach ihrem Hauptzweck im System des Tourismus 8
Abb. 2: Typologie von VFR- Reisenden. 14
Abb. 3: Beziehungen zwischen Tourismus und Migration: ein idealisiertes gesamtwirtschaftliches
Entwicklungsmodell. 25
Abb. 4: Untersuchungs- und Entwicklungsmodell im System des VFR- Tourismus. 53
Abb. 5: Zugriffe pro Tag innerhalb des Erhebungszeitraums. 66
Abb. 6: Beteiligung bei der Online- Umfrage. 67
Abb. 7: Anzahl der Gäste in den vergangenen zwölf Monaten 72
Abb. 8: Einladeverhalten der Gastgebenden 73
Abb. 9: Anzahl der Gäste in Abhängigkeit von der Wohndauer. 74
Abb. 10: Wohnsituation der Gastgebenden 75
Abb. 11: Anzahl der Gäste in Abhängigkeit von der Wohnsituation. 76
Abb. 12: Anzahl potenziell aufzunehmender Gäste in Abhängigkeit von der Wohnsituation. 77
Abb. 13: Anteil der Gastgebenden, die mit ihren Gästen bereits einmal am gleichen Wohnort lebten 79
Abb. 14: Verhältnis der Gäste nach Beziehung in Abhängigkeit vom Herkunftsort der Gastgebenden. 80
Abb. 15: Anteile der VFR- Touristen nach ihrem Hauptreisezweck, gruppiert nach gastgebenden Gruppen 81
Abb. 16a b: Anteil der Gäste, die ohne die Gastgebenden nicht nach Berlin gefahren wären 82
Abb. 17: Gefühlte Verbundenheit der Gastgebenden mit ihren Gästen 83
Abb. 18: Private Verpflichtung als Entscheidungskriterium bei VF- und VR- Reisenden 85
Abb. 19: Erzählungen über Berlin als reiseentscheidendes Kriterium in Abhängigkeit von der Wohndauer. 87
Abb. 20: Vorherige Besuche als reiseentscheidendes Kriterium 89
Abb. 21: Bewertung verschiedener Unterkunftstypen nach Preis und Komfort 90
Abb. 22: Wahl der Unterkunft bei VFR- Touristen nach Hauptzweck ihrer Reise und nach ihren gastgebenden
Gruppen 93
Abb. 23: Gemeinsam verbrachte Zeit der Gastgebenden mit ihrem Gast. 95
Abb. 24: Geschätzter Bruttoumsatz der durch die HU- Studierenden beeinflussten Reisen 100
Abb. 25: Zufriedenheit des Gastes mit dem Aufenthalt in Berlin 101
Abb. 26: Wiederkehrwahrscheinlichkeit von VFR- Touristen nach gastgebenden Gruppen 102
Abb. 27: Mehr oder weniger VFR- Touristen als erwünscht? 104
Abb. 104
Inhaltsverzeichnis v Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Funktionen sozialer Beziehungen ....................................................................................................................................................38
Tab. 2: Grundannahmen von ‚Rational-‐Choice’-‐Theorien und der ‚Theorie der Praxis’ ..........................................................49
Tab. 3: Studierendenprofile im SS 2006 und in der Befragung...........................................................................................................68
Tab. 4: Teilnehmende nach Land oder Bundesland der Bildungsherkunft ...................................................................................69
Kapitel 1 Einführung 1
1 Einführung
Fast keine Stadt und kein Landkreis verzichtet in Deutschland heute mehr darauf, in der eigenen Internetpräsenz auf die touristischen Vorzüge des eigenen Raumes zu verweisen oder fördert Infrastrukturmaßnahmen, die Reiseaktivitäten in ihre Region begünstigen (SCHWENDER & WEHLING 1998: 1; MWT 2001: 5; BBR 2006: 1). Zielgruppe sind Urlaubsreisende und Tagesbesucher, in größeren Städten zunehmend auch Geschäfts-‐ und Kongressreisende. VFR-‐Reisende, die in ihrer Hauptmotivation Freunde und Verwandte besuchen, bleiben in den strategischen Überlegungen ihrer Tourismuspolitik dabei bis heute unberücksichtigt.
Die Reiseereignisse selbst sind keine unbekannte Erscheinung. Auch wenn im Bereich des deutschen Tourismusmarketings ihr ökonomisches Potenzial seit Beginn des Jahrzehnts zuneh-‐ mend Wertschätzung findet und auch mehrfach darauf hingewiesen wird (OSGV 2003), fehlt ihnen bisher eine als Wirtschaftsfaktor entsprechende Anerkennung. Besonders geschätzt wird vor-‐ nehmlich die Zahl privat getätigter Übernachtungen, bei denen diese als ‚Sofatouristen’ identifi-‐ zierten Reisenden für einen „besseren Schlaf“ in kommerziellen Beherbergungsstätten gewonnen werden sollen (Magdeburg 2006) 1 . Standortdifferenzierte Analysen, die sich nicht nur auf die Bedeutung für den Beherbergungsmarkt beschränken, stehen weiterhin aus.
Dabei beeindruckt die Anzahl der Reisen. Etwa 40% aller im Inlandsverkehr jährlich gezählten Reisen, werden dem Hauptmotiv ‚Visiting friends and relatives’ (VFR) zugeordnet. Ein ebenso großer Anteil innerdeutscher Urlauber kombiniert diesen Zweck mit ihrer Reise (IPK 2005a). Bei Reisen aus europäischen Ländern ist noch jede fünfte Fahrt mit einem Besuch bei Freunden oder Verwandten in Deutschland verbunden. Außerordentlich hohe Anteile erreichen Reisen aus den direkten Nachbarländern Deutschlands, insbesondere aus der Schweiz, Österreich und Polen. Neben Polen sind auch Länder wie die Türkei oder Kroatien überdurchschnittlich vertreten, die aufgrund von früheren und aktuellen Migrationsereignissen über große ethnische Communities in Deutschland verfügen (IPK 2005b).
Wanderungsbewegungen sind die wichtigsten Auslöser, um VFR-‐Reisen zu unternehmen (JACKSON (1990) 2003: 17). Weil Binnenwanderungen in Deutschland häufiger durchgeführt werden als Wanderungen über die nationalstaatlichen Grenzen (STATISTISCHES BUNDESAMT 2006: 46ff.), nehmen auch inländische VFR-‐Reiseereignisse einen größeren Anteil ein. Mit der steigenden Zahl unternommener Wanderungen von und nach Deutschland, steigt jedoch die Zahl VFR-‐Touristen aus nicht-‐deutschen Ziel-‐ und Herkunftsgebieten. Mit der vorliegenden Diplomarbeit sollen diese Erscheinungen unter Verwendung einer Handlungs-‐ und Entwicklungstheorie des Soziologen Bourdieus aus wirtschaftsgeographischer Perspektive für den Berliner Raum untersucht werden. :::::::::::::::::::
1 So startete beispielsweise die Magdeburg Marketing Kongress und Tourismus (MMKT) GmbH im Jahr 2005 die Aktion „Mein Besuch schläft besser!“, um mehr private Übernachtungen in die ortsansässige Hotellerie zu verlagern. Ähnliche Initiativen finden sich auch in anderen Städten (AGHZ 2005, Stadt Aachen 2005).
Kapitel 1 Einführung 2
In Berlin gehören ökonomische Aktivitäten im Bereich des Tourismus mittlerweile zu den bedeutendsten Wirtschaftszweigen der Stadt (VUBB 2005: 3). Die Zahl der Tagesgäste in Berlin wird im Jahr 2003 auf 90 Millionen geschätzt. Fünf Millionen Besucher verbringen im gleichen Zeitraum mindestens eine Nacht im gewerblichen Beherbergungssektor. Insgesamt sind es etwa 11,5 Millionen Nächte (BTM 2005: 4, 10), die Berlin als europäische Gästemetropole Nr. 3 nach London und Paris etablieren (BERKEL 2004). Drei Jahre später registriert das Statistische Lan-‐ desamt im Hotelgewerbe bereits sieben Millionen Gäste mit knapp 16 Millionen Übernachtungen (ASBB 2007). 2
In Privathaushalten werden im Vergleich dazu fast dreimal so viele Gästeübernachtungen vermutet. Ihre Besucher verantworten etwa 19% der Bruttoumsätze im Bereich der Tourismus-‐ wirtschaft (VUBB 2005: 4.) 3 . Der Einfluss von Migrations-‐ und nachfolgenden VFR-‐ Reiseereignissen auf die Entwicklung der Tourismuswirtschaft in Berlin ist daher als beachtens-‐ wert einzuschätzen. In der Diplomarbeit werden dazu drei zentrale Fragestellungen im Rahmen eines zusammenhängenden Entwicklungsmodells beantwortet, die aufeinander aufbauen.
(1) Wie stark ist ein direkter Zusammenhang zwischen Migrationsereignissen und VFR- Reiseereignissen im Berliner Raum ausgeprägt? Dabei werden die Gastgebenden entsprechend ihres Migrationshintergrundes gruppiert und ihre Gästezahlen miteinander verglichen.
(2) Wie sehr werden die Reiseentscheidungen der Gäste von den Gastgebenden im Vergleich zu wichtigen Standortmerkmalen Berlins beeinflusst? Dieser Frage widmet sich der Hauptteil des vorliegenden Textes. In vorbereitenden Gesprächen zur Themeneingrenzung wurde die Vermu-‐ tung geäußert, dass VFR-‐Reisende hauptsächlich aufgrund der touristischen Attraktivität der Stadt nach Berlin kommen 4 . Eine Untersuchung am Beispiel Berlins eignet sich daher hervorra-‐ gend, die Bedeutung sozialer Beziehungen bei der Reiseentscheidung zu bewerten und ihnen Entscheidungskriterien gegenüberzustellen, die allgemein die touristische Attraktivität Berlins begründen. In dem Vergleich werden auch verschiedene Hauptmotivationen der Gäste für ihre Reise berücksichtigt.
(3) Inwieweit stellen Reisende, die nur Freunde und Verwandte besuchen, ein ökonomisches Potenzi- al dar? Ein Grund, wenn auch nicht der einzige Grund, für das bis heute bestehende Desinteresse findet sich in der geringen ökonomischen Attraktivität, die Reisenden unterstellt werden, die in erster Linie Freunde oder Verwandte statt Kongresse oder Strandbäder besuchen. Inwieweit der Hauptzweck der Reise die ökonomische Relevanz tatsächlich beeinflusst, zeigt ein Vergleich aller
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2 Im Jahr 2006 sind es bereits 7,08 Millionen Gäste und 15,9 Millionen Übernachtungen im gewerblichen Beherbergungssektor. Dabei steigt die Zahl ausländischer Gäste gegenüber dem Vorjahr um 18,7%, die Zahl inländischer Gäste nimmt um 5,5% zu (ASBB 2007). Das Amt für Statistik Berlin Brandenburg (ASBB) erhebt die Gästezahlen und Übernachtungen nur für Berliner Beherbungsstätten mit mindestens neun Betten und nur für Betriebe, die sich selbst beim Amt anmelden. 3 Der Anteil von 19% entspricht 1,12 Mrd. EUR (VUBB 2005: 4).
4 U.a. in einem Gespräch mit dem Marktforscher Joachim Scholz in der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT).
Kapitel 1 Einführung 3
in dieser Untersuchung Befragten. Auf Grund der begrenzt zur Verfügung stehenden methodi-‐ schen Mittel finden hauptsächlich kurzfristig messbare Effekte ihre Berücksichtung.
Aus dem gleichen Grund wird die Erhebung bei Studierenden der Humboldt-‐Universität zu Berlin durchgeführt. Universitäre Einrichtungen empfehlen sich für die Untersuchung einerseits besonders, weil eine kritische Masse potenzieller Teilnehmer existiert, die nach ihren Migrations-‐ hintergrund gruppiert befragt werden können. Andererseits erleichtert der eigene Studierenden-‐ status eine Kooperation mit diesen Einrichtungen, die eine Erhebung im Rahmen der Diplomar-‐ beit überhaupt erst in dem vorliegenden Umfang ermöglicht.
Mit dem Vorgehen sind bestimmte Besonderheiten verbunden. Die untersuchten Reisen zu Studierenden können nicht auf alle VFR-‐Reiseereignisse nach Berlin übertragen werden. In Abhängigkeit von ihrem Einkommen, dem Bildungsstatus, ihrem Alter oder dem Lebensstil stehen Gastgebende und ihre Gäste nur für einen bestimmten Ausschnitt der Gesellschaft. Die ungleich verteilten Ausprägungen soziökonomischer Merkmale stehen jedoch nicht im Mittelpunkt der Arbeit.
Die Arbeit beginnt mit der Erläuterung und Eingrenzung der Untersuchungssubjekte, die das gesamte Kapitel 2 einnimmt. Dazu zählen die Gäste, ihre Gastgebenden sowie die speziellen sozialen Beziehungen, die sie miteinander verbinden. Es werden die Begriffe (1) ‚Tourismus’, (2) ‚Migration’, (3) ‚Verwandtschaft’ und ‚Freundschaft’ definiert und erklärt.
Eine wichtige Frage beim Thema (1) ‚Tourismus’ ist, inwiefern VFR-‐Reisen überhaupt als ‚touri-‐ stisch’ bezeichnet werden können. Ein Problem, dass sich auch für andere Typen wie Geschäftsrei-‐ sen ergibt. Nach der Herausarbeitung einer geeigneten Definition für die Gäste als VFR-‐Touristen, folgt eine Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes zum Thema ‚VFR-‐Reisen’. Weil im deutschsprachigen Raum bisher wenig über diese Reisen erschienen ist, fällt sie für einen entsprechenden Überblick etwas ausführlicher aus. Die Zusammenfassung endet mit einem Verweis auf den Link zwischen ‚Tourismus’ und ‚Migration’. Der Link bildet die ausgehende Basis für das Untersuchungsthema der Diplomarbeit.
Ihm folgt die Beschäftigung mit dem Gegenstand der (2) ‚Migration’. Ausgehend von einer allgemeiner Charakterisierung dient sie im zweiten Teil des Kapitels dazu, die gastgebenden Studierenden als Bildungsmigranten für die Untersuchung präzise einzufassen. Im dritten Teil werden (3) ‚Verwandtschaften’ und ‚Freundschaften’ als soziale Beziehungen zwischen den Reisenden und ihren Gastgebenden charakterisiert. Der Abschnitt schließt mit einem Vergleich der Funktionen ab, die diese Beziehungen erfüllen.
Das anschließende Kapitel umfasst die theoretischen Grundlagen für ein Untersuchungsmodell, in denen die im vorhergehenden Kapitel beschriebenen Akteure um ihre Handlungsmotivationen im Rahmen einer Reise erweitert werden. Die Reiseentscheidungen der Gäste in Abhängigkeit von
Kapitel 1 Einführung 4
der Beziehung zu ihren Gastgebenden bilden den zentralen Bestandteil des Untersuchungsmo-‐ dells. Um diese Entscheidungen zu Gunsten Berlins nachzuvollziehen, wird mangels fehlender Alternativen in der wissenschaftlichen Tourismusforschung auf Bourdieus ‚Theorie der Praxis’ und der ihr untergeordneten Kapitaltheorie als Analysewerkzeug zurückgegriffen. Bourdieus Differenzierung nach kulturellem, sozialem und symbolischem Kapital erlaubt eine vereinfachte Operationalisierung möglicher Kriterien, die diese Reiseentscheidungen auslösen können.
Die Theorie der Praxis findet in der soziologischen Forschung vor allem Anwendung, um Struktu-‐ ren sozialer Ungleichheit innerhalb von Gesellschaften zu erklären. Für Bourdieu stellt sie in ihrer dynamischen Dimension jedoch ein Gegenentwurf zu Theorien des Rational Choice dar. Sie ist deshalb auch als Handlungstheorie zu verstehen. Das Kapitel fasst die Kernannahmen seiner Theorie zusammen und stellt ihr die wichtigsten Differenzen zu Rational-‐Choice-‐Theorien gegenüber, um ihre Eignung zur Untersuchung von Reiseentscheidungsprozessen zu bewerten.
Die in Kapitel 2 und 3 beschriebenen theoretischen Grundlagen werden im vierten Kapitel für die empirische Erhebung in einem Untersuchungsmodell zusammengeführt. Das fünfte Kapitel legt die methodische Vorgehensweise im Feld dar. Die Ergebnisse der Erhebung sind, entsprechend der drei zentralen Fragestellungen der Arbeit, im sechsten Kapitel dokumentiert. Die Diplomarbeit endet mit einem abschließenden Resümee und Fazit der Ergebnisse sowie dem Ausblick auf zukünftige Fragestellungen.
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 5
2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen
2.1 Vom Tourismus zu VFR-Reisenden
2.1.1 Begriffscharakteristika
Als Begriff ist Tourismus noch relativ jung. Er wird mit der zunehmenden Internationalisierung nach dem zweiten Weltkrieg in den deutschen Sprachgebrauch aufgenommen (OPASCHOWSKI 1996: 16). Im anglo-‐amerikanischen Sprachraum findet er um 1800 seine erste Erwähnung (SMITH 1995: 20) und ist eng mit dem adligen Erziehungsprogramm der „Grand Tour“ verbunden 5 .
Eine generelle Schwierigkeit, die sich mit dem Begriff ‚Tourismus’ verbindet, ist seine gleichzeitige Nutzung für verschiedene Handlungsebenen. Der Schweizer Geograph Claude KASPAR definiert ‚Tourismus’ als „Gesamtheit der Beziehungen und Erscheinungen, die sich aus der Reise und dem Aufenthalt von Personen ergeben, für die der Aufenthaltsort weder hauptsächlicher und dauerhafter Wohn-‐ noch Arbeitsort ist“ (KASPER 1984, S.18). Auf diesem Level wird die Makroebene betrachtet und ‚Tourismus’ als ein System mit eigener Logik und eigenen Gesetzen begriffen. VFR-‐Tourismus ist aus dieser Perspektive ein Teilbereich dieses Systems, bei der unabhängig vom Hauptzweck während der Reise Verwandte und Freunde am Aufenthaltsort besucht werden.
Auf der Mikroebene wird ‚Tourismus’ dagegen als Reiseaktivität einzelner Individuen aufgefasst. Das Suffix „-‐ismus“ (oder engl. „-‐ism“) bringen die beiden Soziologen Prahl/Steinecke (1979 vgl. bei ZIMMER 1995: 88) dabei mit der Reise als Selbstzweck in Verbindung. Wenn auch kein Bezug auf PRAHL UND STEINECKE genommen wird, so schreibt der Kulturwissenschaftler STAGL (1980: 379 vgl. bei SPODE 1993: 4), dass sich eine „sentimentale“ Reise als Spielart der Bildungsreise ab Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelt hat, die nicht an Verstandes-‐, sondern an Gefühlsbildung interessiert ist und auf die vom Fortschritt unberührte „Natur und deren Bewohner“ zielt - „man meint zu reisen um des Reisens willen [...], erst das vom humanistischen Bildungszweck ‚entlastete Reisen wandelte sich zum Tourismus’“ (STAGL 1980: 379, zit. bei SPODE 1993: 4) 6 . Zur weiteren Unterscheidung gegenüber früheren Reiseformen ergänzt der Tourismushistoriker SPODE (ebd.):
„Schon immer sind Menschen gereist. [...] In lose organisierten Gesellschaften war ein wichtiges Reise- motiv die Notwendigkeit der Festigung und Herstellung verwandtschaftlicher Beziehungsnetzwerke; [...] tribale Gesellschaften begegneten der prekären Gefährdung des Fremden (und der Gefahr, die von ihm ausging) mit dem ‚heiligen’ Gastrecht, das den Gast schützte und unter rituellen Vorkehrungen häufig
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5 In einer sprachgeschichtlichen Herleitung wird bei dem Soziologen OPASCHOWSKI (1996: 16) ergänzend auch auf das französische „tourisme“ (1816) und italienische „turismo“ verwiesen. Der erste Teil des Wortes hat seinen Ursprung im altgriechischen „tornos“, das später latinisiert wurde und mit Rundgang, Zirkel oder Wiederholung übersetzt werden kann: „Kennzeichnend für die gesamte Wortgruppe war der Begriff der Rundung, der eine zum Ausgangspunkt zurückkehrenden Wendung beinhalte-‐ te“ (OPASCHOWSKI 1996: 14). Spätestens im 17. und 18. Jahrhundert dominiert mit der „tour du propriétaire“, dem abendlichen Rundgang um den eigenen Besitz, oder der „Grand Tour of Europe“, dem adligen Erziehungsprogramm durch Europa, die Bedeutung des „Rundgangs“ im Sprachgebrauch (ebd.).
6 Spode (1988: 39) ergänzt, dass Ansätze dieses Charakteristikums bereits in der Antike zu finden sind.
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 6
zum Wahlverwandten machte. Bereits im Frühmittelalter war diese Institution brüchig und musste durch ein spezialisiertes Beherbergungswesen ergänzt werden. Hauptzweck der Reise war die Vermeh- rung oder Sicherung knapper Ressourcen, der Erwerb im weitesten Sinne. Oft eng verwoben waren Krieg [...], Handel, Entdeckung, Administration, ferner der Erwerb immaterieller Güter: Seligkeit, Ge- sundheit, Wissen. Elemente der Pilger- und der Bäderreise, sowie der Bildungsreise finden sich auch im Tourismus.“
Für SPODE sind diese Reisen ausschließlich mit einem bestimmten Zweck verbunden. Daraus schlussfolgernd bleibt für ihn das besondere Merkmal einer touristischen Reise ihre „(scheinbare) Zweckfreiheit“ (SPODE 1988: 39; 1993: 3). Die zentral herausgearbeitete Eigenschaft der „Zweckfrei-‐ heit“ weist auf den Freizeitcharakter dieser Reiseform hin. In der im 18. Jahrhundert in Europa einsetzenden Entstehungsphase bleibt sie noch eine exeptionelle Unternehmung, ab der im 19. Jahrhundert folgenden Ausbreitungs-‐ und Formatierungsphase wird sie zu einem möglichst jährlich praktiziertem Freizeitverhalten, das nach dem Zweiten Weltkrieg der Bevölkerungsmehrheit offen steht (SPODE 1993: 3).
2.1.2 Definitionen für die Untersuchung: Tourismus und Reisendentypen
Tourismusforscher verschiedener Fachdisziplinen vermissen bis heute eine interdisziplinär anzuwendende Tourismusdefinition. Allgemein verweisen sie auf staatlich-‐administrativ vorgege-‐ bene Definitionen, die zumindest eine Vergleichbarkeit im statistischen Bereich dieser Institutionen gewährleisten (BURKART UND MEDLIK 1981: 40; SMITH 1995: 20; OPASCHOWSKI 1996: 19; HALL UND WILLIAMS 2002: 5; HOPFINGER 2004: 2f.; HALL 2005: 16). Die World Tourism Organization (UNWTO) nimmt bei der Eingrenzung eine Leitfunktion ein (SMITH 1995: 21), beschränkt sich aber nicht auf ihren Freizeitcharakter.
Stattdessen werden bei der UNWTO unter Tourismus alle Aktivitäten von Personen verstanden, die sich an Orte außerhalb ihrer gewohnten Umgebung begeben, sich dort nicht länger als ein Jahr aufhalten 7 , wobei der Hauptreisezweck ein anderer ist als die Ausübung einer Tätigkeit, die vom besuchten Ort aus vergütet wird. Als Touristen werden Individuen bezeichnet, deren Reisedauer 24 Stunden überschreitet und deren Aufenthalt mit mindestens einer Nacht verbunden ist. (SMITH 1995: 22, 24; OPASCHOWSKI 1996: 21, HOPFINGER 2004: 1f.).
Mit der ‚gewohnten Umgebung’ werden periodisch auftretende Pendlerfahrten (zeitliche Frequenz) ebenso wie Reisen an Orte ausgeschlossen, die nicht sehr häufig besucht werden, sich jedoch innerhalb der gewohnten Umgebung befinden (räumliche Distanz). Da diese Distanz subjektiv unterschiedlich wahrgenommen werden kann, setzt die UNWTO für eine statistische Erfassung einen Radius von 100 Meilen fest (SMITH 1995: 22). In der Untersuchung ist sie auf die Überschrei-‐ tung der Berliner Stadtgrenzen festgelegt.
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7 Bei Touristen, die im selben Land wohnen, in dem der Reiseaufenthalt stattfindet, ist der maximale Aufenthalt für die Definition auf ein halbes Jahr eingeengt (SMITH 1995: 24).
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 7
Die Bestimmung „nicht länger als ein Jahr“ bestimmt für die UNWTO eine statistisch zu erfassende Grenze zwischen Touristen und Migranten und „Mindestaufenthalt von einer Übernachtung“ zwischen Touristen und Tagesbesuchern. Ein Ausschluss der ‚Ausübung einer Tätigkeit, die vom besuchten Ort aus vergütet wird’ erlaubt die Einbeziehung von Geschäfts-‐ und Kongressreisen, während sie Saisonarbeiter von der Erfassung statistisch fernhält (ebd.: 27).
Eine weitere Unterscheidung betrifft die Reiserichtung, in der In-‐ und Outboundtouristen voneinan-‐ der getrennt sind. Der Inboundverkehr richtet sich in ein Land, wenn die besuchenden Touristen im Ausland wohnen. Outboundverkehr ist der aus dem Land des Wohnsitzes eines Touristen gerichtete Verkehr. Weiterhin wird zwischen internationalen und inländischem Reiseverkehr differenziert (ebd.: 23). In der vorliegenden Arbeit wird ausschließlich der nach Berlin gerichtete internationale Inbound-‐ und inländische Reiseverkehr untersucht.
Auch die Gliederung dieser Reisen nach ihrem Hauptzweck ist von der UNWTO vorgegeben. Sie finden sich der vorliegenden Abb. 1 und sind bis heute unverändert in Gebrauch (UNWTO 2002). Unterschieden werden sechs Hauptgruppen von Touristen. Der Begriff des ‚Touristen’ meint ein Individuum, dass sich innerhalb des Tourismus-‐Systems bewegt. Bei der Beschreibung der einzel-‐ nen Typen nach ihrem Hauptzweck wird für die spätere Untersuchung jedoch der Begriff des ‚Reisenden’ vorgezogen und nur in ihrer Gesamtheit von Touristen gesprochen.
Die Diplomarbeit berücksichtigt dabei vier relevante Gruppen. Als Urlaubsreisende werden alle Touristen mit dem Hauptzweck unter Punkt 1 bezeichnet. Eine Ausnahme stellen Touristen dar, die ein sportliches oder kulturelles Ereignis besuchen. Weil angenommen wird, dass sie sich hinsichtlich Reisedauer, ihrem Ausgabeverhalten und der Reiseentscheidungskriterien deutlich von Urlaubsrei-‐ senden unterscheiden, werden sie in der Untersuchung als Eventreisende separat betrachtet. VFR- Reisende sind die unter Punkt 2 dargestellten Touristen, die mit Hauptzweck eines Besuches bei Freunden oder Verwandten reisen. Sie können nach Art des Besuchs zusätzlich in VF-‐ (visiting friends) und VR-‐Reisende (visiting relatives) unterschieden werden. Die in Punkt 3 beschriebenen Touristen gehen als Geschäftsreisende in die Untersuchung ein. Allen ist in der Diplomarbeit gemeinsam, dass sie während ihres Aufenthaltes unabhängig von ihrem Hauptzweck Bekannte, Freunde oder Verwandte in Berlin besuchen. Als Reisende im System des Tourismus werden sie daher in ihrer Gesamtheit als VFR-Touristen bezeichnet.
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 8
Abb. 1: Kategorisierung von Reisendentypen nach ihrem Hauptzweck im System des Tourismus
2.1.3 Unterschiede zwischen den Reisendentypen aus Sicht des Freizeitbegriffs
Eine insbesondere für das Reiseverhalten von VFR-‐Reisenden wichtige Differenzierung bleibt trotz der Definitionen bisher ungeklärt. Um den ‚Freizeit’-‐Charakter der einzelnen Reisendentypen beschreiben zu berücksichtigen, bieten sich einerseits positive Freizeitdefinitionen an. Diesen Darlegungen ist gemeinsam, dass sie ‚Freizeit’ als einen eigenen Lebensbereich definieren. Für den Soziologen OPASCHOWSKI (2006: 26) ist ‚Freizeit’ aus dieser Perspektive „eine noch zu gestaltende Zeiteinheit, [die] hinsichtlich [ihres] Inhaltes wenig besagt. [...] Freizeit ist das, was die Mehrheit als
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 9
Freizeit empfindet.“ 8 Er differenziert dabei Lebenszeit in Dispositionszeit, Obligationszeit und Determinationszeit:
Determinationszeit liegt für OPASCHOWSKI (1987: 86f.) vor, …
„…wenn das Individuum zu einer Tätigkeit gezwungen bzw. in der Ausübung der Tätigkeit zeitlich, räumlich und inhaltlich festgelegt ist. [Sie] ist vorwiegend, aber nicht ausschließlich mit Erwerbsarbeit („Beruf“) ausgefüllt. Nicht jede Berufsarbeit ist [...] weitgehend organisiert und fremdbestimmt. [...] Au- ßerdem können innerhalb der Familie oder des Freundeskreis bestimmte Rituale (z.B. Essenszeiten) so streng formalisiert sein, daß sie die Handlungszeit des Individuums fixieren.“
Obligationszeit ist der Zeitraum, in dem, …
„…sich das Individuum zu einer bestimmten Tätigkeit verpflichtet fühlt bzw. aus beruflichen, familiären, sozialen, gesellschaftlichen u.a. Gründen an die Tätigkeit gebunden ist. [...] In der Obligationszeit liegt zwar ein gewisser Freiheitsgrad bzw. ein gewisser Grad an Disponibilität vor, der sich aber meist nur auf die Art (z.B. Methode, Technik) und Zeit (z.B. Beginn, Dauer, Einteilung) bezieht. Pflichtcharakter und Zweckbindung bleiben davon unberührt.“
Dispositionszeit stellt für ihn die eigentliche freie Zeit, die Freizeit dar und besteht, …
„…wenn das Individuum über wahlfreie, selbst- und mitbestimmbare Zeitabschnitte verfügt. [...] Die [...] Beispiele zeigen, daß ein und dieselbe Tätigkeit ganz unterschiedlichen Qualitätscharakter haben kann.
Deshalb läßt sich auch freie Zeit nicht daran erkennen, was einer tut, sondern warum und wie er es tut, aus welchen Beweggründen, mit welcher Zielsetzung und inneren Anteilnahme.“
Auf Basis dieser theoretischen Sichtweise dürften für die einzelnen Reisendentypen unterschiedli-‐ che Annahmen formuliert werden. Weil Geschäftsreisen einer beruflichen Ausübung oder Perspek-‐ tive untergeordnet sind, unterliegt dieser Reisendentyp eher fremdbestimmten oder verpflichten-‐ den Hauptmotiven. Urlaubsreisenden und Eventreisenden ist hingegen zu unterstellen, dass ihre Aufenthalte außerhalb ihrer gewohnten Umgebung freiwilligen Charakter besitzen. Reisen mehrere Personen gemeinsam, können sie jedoch zunehmend als verpflichtend empfunden werden. Für Reisen zu Verwandten, Freunden und Bekannten wird in Abhängigkeit von der sozialen Beziehung und den verbundenen Aktivitäten das Hauptmotiv von VFR-‐Reisenden determiniert oder freiwillig begründet sein. Reisen zu Hochzeitsfeiern, Geburtstagen oder bestimmten religiösen Festen können als obligatorisch oder determiniert aufgefasst werden, insbesondere wenn es Personen aus der engen Familie betrifft. In jedem Fall sind sie potenziell fremdbestimmt. Wird gereist, um den zu besuchenden sozialen Beziehungen im Haushalt, bei der Pflege oder bei einem Umzug zu helfen, ist der deterministische Charakter wahrscheinlich noch stärker ausgeprägt. Andererseits wären auch zahlreiche andere Aktivitäten denkbar, die freiwillig unternommen werden und mit dem Haupt-‐
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8 Opaschowski (2006: 26) ergänzt: „ Das kann jeweils die Mehrheit der Bevölkerung oder die Mehrheit einer Bevölkerungsgruppe sein. So hat jede soziale Gruppe ihr eigenes Freizeitprofil. Einen ‚Roman lesen’ kann für Studenten Freizeitcharakter habe, für einen Industriearbeiter anstrengende Arbeit sein.“
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 10
zweck eines Besuches bei diesen sozialen Beziehungen verbunden sind - z.B. der Besuch eines Museums oder einer Sightseeingtour in der besuchten Stadt.
Da der Besuch bei Freunden und Verwandten auch als Teil einer Reise mit einem anderen Haupt-‐ zwecke stattfinden kann, sind für Urlaubs-‐, Event-‐ und Geschäftsreisende ähnliche Konstellationen vorzustellen. Wenn beispielsweise eine Geschäftsreise auch aus dem Grund wahrgenommen wird, weil sie einen Besuch einer dort wohnenden Person oder der Stadt selbst ermöglicht. Die Reiseent-‐ scheidung entspränge freiwilligen Motiven, hätte nach erfolgter Reiseentscheidung dennoch deterministischen oder verpflichtenden Charakter. Für die spätere Untersuchung sind diese Unterscheidungen insofern relevant, als das alle beschriebenen Reiseereignisse analysiert werden, die mit einem Besuch sozialer Beziehungen in Berlin kombiniert sind und diese Beziehungen die reiseentscheidenden Kriterien dementsprechend beeinflussen.
Eine andere Herangehensweise erlauben negative Freizeitdefinitionen zur Differenzierung der Reisendentypen. Ihre Vertreter verstehen ‚Freizeit’ als arbeitsfreie Zeit (u.a. VEBLEN 1993: 51f.; PRAHL 2002: 98; OPASCHOWSKI 2006: 3f., 35). Der Ökonom und Soziologe VEBLEN weist auf ihren unproduktiven Charakter hin, der Freizeit gegenüber Arbeit auszeichnet (VEBLEN 1993: 51f.) 9 . Für den deutschen Freizeit-‐Soziologen PRAHL (2002: 112) ist Freizeit „massenhafte Konsumzeit, [die] nicht länger eine physische Notwendigkeit zur Reproduktion der Arbeitskraft […] ist. […] Die Individuen konkurrieren durch Konsum, Statussymbole, Reisen usw. miteinander und zeigen auf diese Weise Freizeitleistung“(PRAHL 2002. 98).
Aus dieser Perspektive würden Geschäftsreisende insbesondere durch ihre produktiven Aktivitäten charakterisiert, während Urlaubs-‐ und Eventreisende vornehmlich als Konsumenten in Erscheinung träten. VFR-‐Reisende wären dagegen gleichermaßen produktiv wie konsumtiv tätig. Eine genaue Unterscheidung ist theoretisch nur schwer vorzunehmen und empirisch aufwändig zu belegen. Über das Ausgabeverhalten ist eine solche Einordnung nicht möglich. Eine weitergehende Auseinander-‐ setzung mit dieser Sichtweise wird innerhalb dieser Arbeit daher nicht angestrebt.
Es bleibt festzuhalten, dass das wirtschaftliche Potenzial von VFR-‐Reisenden nicht auf den konsum-‐ tiven Charakter ihrer Reisen reduziert sein muss, wie es folgend dargestellt wird. Auch ihre soziale oder kulturelle Bedeutung wird nur teilweise angedeutet. Ein Grund hierfür besteht im bisherigen Forschungsinteresse. In Deutschland wie international ist die Auseinandersetzung mit dem ‚VFR-‐ Reisenden’ im Bereich des Tourismusmarketing am intensivsten, das fach-‐ und finanzierungsbe-‐ dingt eine auf Teile der Tourismuswirtschaft beschränkte Sichtweise verfolgt. Weil ‚VFR-‐Reisende’ ein zentrales Untersuchungsobjekt für die empirische Untersuchung der Diplomarbeit darstellen und dieser Forschungsgegenstand noch relativ neu ist, folgt zunächst ein zusammenfassender
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9 Veblen beschreibt diese Eigenschaft ausgehend von seiner Schaffenszeit im späten 19. Jahrhundert in einem historischen Rückblick über die „besitzende Oberklasse“, die er als „Leisure class“ bezeichnet (ebd.). Demonstrative ‚Muße’ symbolisiert dabei für ihn Reichtum, der im Genuss arbeitsfreier Zeit geäußert wird. Durch den Industrialisierung-‐ und begleitenden Urba-‐ nisierungsprozess gewinnt der Konsum als Prestigemittel an Bedeutung (ebd.: 94).
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 11
Überblick über diese Arbeiten, um ein besseres Verständnis für den Forschungsgegenstand zu gewährleisten. Die Zusammenfassung wird neben Studien aus dem Bereich des Tourismusmarke-‐ tings durch Arbeiten aus der Geografie und Soziologie ergänzt.
2.1.4 Die VFR-Reisenden
2.1.4.1 Forschungsgeschichte
Die ersten wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit VFR-‐Reisenden als Forschungsgegenstand beschäftigen, entstehen Ende der 1980er Jahre in Australien und Neuseeland. Für den Tourismus-‐ forscher SEATON (1993: 316) sind sie jedoch wie bei SPODE (1993: 3) keine moderne Erscheinung, sondern existieren „since the ark“. Über die „Grand Tour“, bei der Mitglieder der Aristokratie ihre fernen Verwandten besuchen, sind VFR-‐Reisen ebenfalls mit der frühen Touristikgeschichte verbunden. Seit Gründung der UNWTO werden sie in privaten und öffentlichen Tourismus-‐ Statistiken erstmals quantitativ erfasst (ebd.), allerdings zählen nach JACKSON (2003 (1990): 17) bis 1990 nur 32 nationale Tourismusbüros diese Reiseaktivitäten oder fallen, wie SEATON (1993: 316) erklärt, in „a heterogeneous body of people travelling for ‚other’ purpose“.
Begründet wird das Interesse mit dem Abbau von Mobilitätshemmnissen im internationalen Verkehr, der in der Tourismusforschung auch eine höhere Bedeutung als der inländische erfährt. Mit der Reduktion politisch motivierter Barrieren im Zuge des endenden Ost-‐West-‐Konflikts, wie auch mit der Zunahme wirtschaftlich oder politisch motivierter Fluchtbewegungen steigt die Zahl internationaler Migrationsbewegungen und mit ihnen die Zahl von VFR-‐Reisenden (JACKSON 1990 (2003): 17f.; SEATON 1996: 7) 10 . Der australische Geograf JACKSON weist als einer der Ersten auf diesen Effekt aufmerksam und setzt sich in der Folge mit VFR-‐Reisen als eigenständiges Phänomen auseinander.
In der Folgezeit beschränkt sich die Resonanz und daraus resultierende Arbeiten auf den angloame-‐ rikanischen Sprachraum, insbesondere auf Australien, Neuseeland, die USA und Großbritannien. Die meisten Arbeiten sind als empirische Untersuchungen angelegt, ohne die Ergebnisse theoretisch zu modellieren. Eine wiederkehrende Struktur begleiten dabei fast alle anfänglichen Arbeiten. Zu-‐ nächst wird die Bedeutungslosigkeit des Forschungsgegenstandes festgestellt (z.B. JACKSON 1990, SEATON 1993, MORRISON/O’LEARY 1995), woraufhin einzelne Vorurteile identifiziert und mit den präsentierten Studien widerlegt werden. Bei den Vorurteilen resümiert SEATON (1993: 345) mit Verweis auf DENMAN (1988) erstens die Annahme, Tourismusplaner würden VFR-‐Reisende nur als Nischenwert mit geringen ökonomischen Effekten betrachten, zweitens beständen keine Möglich-‐
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10 Seaton (1996: 8) weist für den europäischen Raum neben den (ehemaligen) Kolonialbeziehungen bestimmter Länder oder den Gastarbeiterbewegungen auf vier neue Entwicklungen hin: (1) Die Liberalisierungen des Reisemarktes innerhalb der Europäi-‐ schen Union und der Aufnahmekandidaten, (2) Die Liberalisierung des Arbeitsmarktes innerhalb der Europäischen Union, (3) politisch forcierte Auswanderungsbewegungen z.B. in Folge ‚ethnischer Säuberungen’ (u.a. Ex-‐Jugoslawien) wie auch Einwan-‐ derungsbewegungen z.B. ethnisch oder wahlstrategisch motivierte Programme zur Anwerbung bestimmter Zielgruppen [u.a.
Spätaussiedler in Deutschland, die trotz rechtlicher Bestimmungen seit 1955 erst ab 1994 aktiv als Migranten aus dem polni-‐ schen und russischen Raum angeworben wurden, (4) andere zunehmend wirtschaftlich motivierte Migrationsbewegungen in den europäischen Raum, die teils legal, teils illegal erfolgen.
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 12
keiten, mittels Tourismusmarketing diese Reisebewegungen zu beeinflussen und drittens, selbst wenn, würden sie ausreichend über Mainstreamkampagnen erreicht. Noch wichtiger erscheint für SEATON jedoch die Tatsache, dass zunächst keine Lobbygruppe bei den nationalen oder regionalen Tourismuszentralen mit den Interessen von VFR-‐Reisenden harmoniert 11 . Auch die statistische Erfassung von VFR-‐Reisenden ist schwierig (SEATON 1993: 317). Mehrheitlich sind sie nicht, wie üblich, über kommerzielle Einrichtungen zu erfassen. Viele Reisende begreifen sich selbst auch nicht als ‚VFR-‐Reisende’ - manche besuchen nur Freunde oder nur Verwandte manche besuchen Freunde oder/und Verwandte, liegen aber tagsüber als Strandurlauber am Meer.
Mit der Zahl der Arbeiten wächst die Bedeutung des eigenen Forschungsgegenstandes, die Selbst-‐ darstellung fällt zunehmend selbstbewusster aus (z.B. MOSCARDO/PEARCE/MORRISON U.A. 2000, LEHTO/MORRISON U.A. 2001; DUVAL 2003: 269). Weil die Mehrheit der Arbeiten, wie bereits erwähnt, im Forschungsbereich des Tourismusmarketings entstehen, setzen sie ihren Fokus insbesondere auf Reisebewegungen innerhalb der OECD-‐Staaten. In den Bereichen der Geografie und Soziologie orientieren sich Tourismusforscher dagegen an frequenzstarken Im-‐ und Emigrationsströmen der Staaten, in dem die Forschungen stattfinden. In Australien und Neuseeland betrifft es hauptsächlich Bewegungen von und nach Südostasien (JACKSON 1990; GAMAGE/KING 1999; KYUNG-‐MI/PAGE 2000; LEE/WONG 2002; THU HUONG/KING 2002; DUVAL 2003; IVA 2004). Obwohl bereits in der Arbeit von JACKSON (1990) auf den Link zwischen Migration und (VFR-‐) Tourismus hingewiesen wird, beschäf-‐ tigen sich weitere der Geografie oder Soziologie verbundene Wissenschaftler erst seit Anfang dieses Jahrzehnts wieder verstärkt mit dieser Verbindung.
Deutschsprachige Forscher zeigen für VFR-‐Reisen ebenfalls zuerst im Bereich des Tourismusmarke-‐ tings Interesse an dieser Erscheinung und verfolgen seit Anfang 2000 erste eigenständige Untersu-‐ chungen 12 . Die meisten Beiträge entstehen als Auftragsarbeit des Deutschen Wirtschaftswissen-‐ schaftlichen Instituts für Fremdenverkehr e.V. (dwif) für den ‚Tourismusbarometer’ verschiedener Sparkassenverbände 13 . Im Jahresbericht 2002 der jährlichen Bestandsaufnahme des Beherber- gungsmarktes wird erstmals die Übernachtungsnachfrage im „Grauen Beherbungsmarkt“ 14 , inklusive der Übernachtungen bei Verwandten und Bekannten erwähnt und in Grundzügen reflektiert. Letzteres Segment bezeichnen die Autoren als „Sofatourismus“ (DWIF 2005: 28) Der Begriff etabliert sich seither bei verschiedenen regionalen Tourismusbüros als akzeptierte deutsche
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11 Häufig sind diese Tourist Boards als Public-‐Private-‐Partnership organisiert und werden neben der öffentlichen Verwaltung über örtliche Hotel-‐, Konferenz-‐ und Messeeinrichtungen unterstützt. Ein Beispiel ist die Berliner Tourismus Marketing GmbH (BTM 2006). Der hohe Anteil der Hotellerie erklärt, warum auch erste deutsche Projekte gegenüber VFR-‐Reisenden, wie in Magde-‐ burg, auf den Beherbergungsmarkt zielen.
12 Sofern die Arbeiten über ‚ethnic travel’ unberücksichtigt bleiben.
13 Das ‚Tourismusbarometer’ ist eine Auftragsarbeit für mehrere Sparkassenverbände, auf deren Basis die Tourismuswirtschaft in verschiedenen deutschen Regionen bewertet und für den internen Bankenbereich entsprechende Kreditaussichten abgeleitet und entschieden werden können (OSGV 2006). Über die Nutzung ihrer Infrastruktur werden teilweise auch Touristen-‐ bzw. Reisendenströmen zwischen verschiedenen Regionen für den Bericht erfasst. Dabei dienen Kredit-‐ und EC-‐Karten der genutz-‐ ten Geldautomaten zur Identifizierung von Herkunftsregionen (WOLBER 2006)
14 Dieser Markt wird in vier Segmente unterteilt. Dazu gehören Quartiere mit weniger als 9 Betten: Ferienwohnungen und -‐häuser sowie Privatzimmer, Übernachtungen im Rahmen des privaten Besucherverkehrs (VFR), Übernachtungen auf Campingplätzen sowie Freizeitwohnsitze durch Eigentümer oder Mieter (Second home). (DWIF 2005: 28)
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 13
Umschreibung für VFR-‐Reisen (z.B. GUTSCHE 2002; DTV 2004; BTM 2004; VBA 2005; AHGZ 2005; STADT MAGDEBURG 2005; IHK OSNABRÜCK 2006; NDS. MINISTERIUM FÜR WIRTSCHAFT, ARBEIT UND VERKEHR 2006) 15 , wenngleich der Begriff wegen seiner Reduktion auf ein Beherbergungssegment nicht alle VFR-‐Reisen umfassen kann, weil nicht alle VFR-‐Reisenden bei diesen Gastgebenden übernachten. Insofern steht ‚Sofatourismus’ auch als Symbol für den vom ‚Tourismusbarometer’ noch als unzurei-‐ chend bezeichneten Forschungsstand innerhalb des deutschen Tourismusmarketings.
Im Deutschen Reisemonitor, der jährlich die wichtigsten deutschen Statistiken über den deutschen Tourismusmarkt zusammenfasst und beim IPK International erscheint, werden VFR-‐Reisen, wie international üblich, mit dem Hauptzweck des Besuchs bei Verwandten und Bekannten aufgefasst (IPK 2006). Allerdings erfolgt diese Erfassung mit Ausnahmen ausschließlich in der Kategorie „sonst. Privatreisen“ (ebd.) Auch hier fehlt bisher eine statistisch differenzierte Auseinandersetzung des VFR-‐Marktes.
2.1.4.2 Typologie von VFR-Reisenden
Im anglo-‐amerikanischen Sprachraum ist diese Differenzierung bereits in den aufgeführten Arbeiten ausgearbeitet worden. Sie orientiert sich an standardisierten Typologien dieses Forschungszweiges, ist für den Untersuchungsgegenstand geringfügig angepasst und ausgehend von der UNWTO-‐ Definition für VFR-‐Reisende untergliedert worden (Abb. 2) 16 .
Unterschieden werden die Verhaltensmuster von VFR-‐Reisenden danach ob, (1) der Besuch bei Verwandten, Freunden und Bekannten das Hauptmotiv der Reise ist oder (2) z.B. mit dem Hauptmo-‐ tiv einer Urlaubs-‐ oder Geschäftsreise nur eine von mehreren Aktivitäten, (3) während der Reise nur ein oder mehrere Ziele besucht werden und (4) die Reise innerhalb der nationalstaatlichen Grenzen stattfindet oder solche überschreitet. Die Unterscheidung (5) zwischen ‚short-‐haul’ 17 und ‚long-‐haul’ basiert auf unterschiedlichen Reiseentfernungen und der Tatsache, dass z.B. nicht jede Inlandsreise auch mit einer Kurzstreckenreise gleichgesetzt werden kann (z.B. zwischen New York und Los Angeles) genau wie die Distanz zwischen Köln und Brüssel trotz des Nationalgrenzen überschrei-‐ tenden Charakters nicht als Langstrecke überzeugt. Weiterhin wird differenziert, ob (6) die Über-‐ nachtung ausschließlich bei Verwandten, Freunden oder Bekannten erfolgte (AFR) oder mindestens eine Nacht in einer kommerziellen Einrichtung verbracht wurde (NAFR) und letztlich (7) aus-‐ schließlich Verwandte (VR), ausschließlich Freunde (VF) oder Verwandte und Freunde (VFVR) besucht wurden.
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15 Auch wird in verschiedenen Marketingaktivitäten gezielt bei Gastgebern von ‚Sofatouristen’ für Hotelübernachtungen geworben (AHGZ 2006) - was den Begriff ‚Sofatourist’ bei einer tatsächlichen Übernachtung im Hotel obsolet erscheinen lässt, obwohl weiterhin Bekannte und Verwandte besucht werden.
16 Der in der Abbildung dargestellte Typ VFR als Aktivität wird in den meisten Studien nicht berücksichtigt oder in der Zusammen-‐ fassung extra erwähnt.
17 Weniger als vier Stunden Entfernung zwischen Wohnort und Reiseziel (Moscardo 2000: 251)
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 14
Abb. 2: Typologie von VFR-Reisenden
Für jede der einzelnen Typen gilt, dass in Abhängigkeit dieser Zuordnungen, signifikante Unter-‐ schiede im Reiseverhalten von VFR-‐Reisenden belegt werden können. Die Typologisierung erlaubt in den folgenden Zeilen, bestimmte Eigenschaften von VFR-‐Touristen zusammenzufassen, die in bisherigen Untersuchungen herausgestellt worden sind. Die methodisch differenzierten Vorgehen dieser Untersuchungen erschweren eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse zueinander. Auch sind die Ergebnisse wegen der unterschiedlichen Untersuchungsräume nicht generell zu verallgemeinern. Sie erlauben jedoch eine Orientierung, um überhaupt eine Unterscheidung von anderen Reisenden-‐ typen und innere Differenzierung vornehmen zu können. Wenn nicht anders erwähnt, stammen sie aus dem Forschungsbereich des Tourismusmarketings.
2.1.4.3 Merkmale von VFR-Reisenden
REISEDAUER
Bei der Analyse der Reisedauer sind signifikante Unterschiede zu Nicht-‐VFR-‐Reisenden festzustel-‐ len. Insbesondere in Abhängigkeit von der Reiseentfernung bzw. der Überschreitung nationalstaatli-‐ cher Grenzen werden diese Abweichungen deutlich. Im internationalen Langstrecken-‐Verkehr weisen VFR-‐Reisende eine längere Aufenthaltsdauer auf als Nicht-‐VFR-‐Reisende (SEATON UND TAGG 1995: 14; YUAN U.A. 1995: 23; SEATON UND PALMER 1997: 348; JACKSON 1990: 19; HU UND MORRISON
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 15
2001: 205). JACKSON (1990: 19) stellt für den internationalen Incoming-‐Markt in Australien fest, dass VFR-‐Reisende doppelt so lange wie Urlaubsreisende und dreimal länger als Geschäftsreisende am Aufenthaltsort verweilen. Autoren anderer Studien bestätigen die Ergebnisse in dieser Verhältnis-‐ ordnung (HU/MORRISON 2001: 205). YUAN U.A. (1995: 23) vermuten, dass die gegenüber Nicht-‐VFR-‐ Reisenden reduzierten Unterkunftskosten - die mehrheitlich als AFRs bei Freunden und Verwand-‐ ten übernachten - einen längeren Aufenthalt ermöglichen. SEATON (1993: 318) erkennt bei diesen Reisen einen überproportionalen Anteil von Besuchen bei Verwandten. Möglicherweise werden in verwandtschaftlichen Beziehungen bei Besuchen längere Reisedistanzen in Kauf genommen als bei Beziehungen, die auf Freundschaften basieren - oder müssen aus verpflichtenden Gründen in Kauf genommen werden. Dadurch steigt mit zunehmender Reisedistanz die Wahrscheinlichkeit, eher Verwandte als Freunde zu besuchen.
Im inländischen Kurzstreckenverkehr sind VFR-‐Reisende dagegen signifikant kürzer unterwegs als Nicht-‐VFR-‐Reisende, wie SEATON UND PALMER (1997: 348) am Beispiel Großbritanniens belegen. HAY (1996: 59) bestätigt diese Vermutung indirekt für den britischen Inlandsmarkt, aber differenziert sie nach dem Typ der sozialen Beziehung. Besuche von Verwandten nehmen wesentlich mehr Tage in Anspruch als Besuche von Freunden. Die längste Reisedauer weisen Personen auf, die Freunde und Verwandte besuchen. Er weist im Zusammenhang mit der kürzeren Reisedauer von VF-‐ Reisenden jedoch auf deren höhere Reisefrequenz hin. Freunde werden auch häufiger besucht als Verwandte. Zu einem anderen Ergebnis kommen Bischoff und Koenig-‐Lewis, die einen für diese Arbeit relevanten Sonderfall darstellen. In Ihrer Studie, die ausschließlich bei Studierenden (der University of Wales Swansea) als Gastgebende durchgeführt wurde, nehmen die Besuche von ihren Freunde mehr Tage in Anspruch als die ihrer Verwandten (BISCHOFF UND KOENIG-‐LEWIS 2006: 11) 18 . Ungeklärt bleibt, inwiefern neben den Gastgebenden auch die räumliche Lage und infrastrukturelle Ausstattung der Universitätsstadt dafür Ausschlag geben.
WIEDERKEHRWAHRSCHEINLICHKEIT (REPEAT VISITS)
Eine gegenüber anderen Reisendengruppen besonders hohe Wiederkehrwahrscheinlichkeit heben mehrere Untersuchungen hervor (PACI 1994: 36ff; MEIS U.A. 1995: 30f; NEW ZEALAND TOURISM 1986 vgl. bei MÜRI 2003: 30). Forscher einer Studie über „Repeat-‐Visitors“ aus den USA nach Kanada begründen ihr Ergebnis mit einem signifikanten statistischen Zusammenhang zu den Informations-‐ quellen. (MEIS U.A. 1995: 30f.). Da Informationsquellen, die Reiseentscheidung maßgeblich beeinflus-‐ sen, steht die Wiederkehrwahrscheinlichkeit in einem direkten positiven Zusammenhang mit der Qualität und Quantität der sozialen Beziehungen an potenziellen Destinationen 19 . Auch die Autoren :::::::::::::::::::
18 In der Studie werden auch Tagesbesuche berücksichtigt. Laut Definition gelten sie nicht als Reise. Während fast 50% aller Verwandtenbesuche aus Tagestrips bestanden, sind es bei Besuchen von Freunden nur knapp 8%.. (ebd.)
19 Einschränkend muss hinzugefügt werden, weist der Gebrauch des Begriffs ‚Visitors’ statt des ‚Travellers’ daraufhin, dass auch Tagesbesucher in die Untersuchung einbezogen wurden. Zweitens besteht ebenso ein direkter Zusammenhang zwischen Reiseentfernung und Reisefrequenz. Personen, die in den USA besonders nah an der Kanadischen Grenze leben, fahren mit einer höheren Frequenz nach Kanada. Auf einen existenten oder nicht-‐existenten Zusammenhang zwischen Reiseentfernung und VFR-‐Reisenden wird jedoch nicht hingewiesen.
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 16
des Tourismusbarometers schreiben für ihre untersuchten deutschen Regionen: „Die Einheimischen sind äußerst wichtige Adressaten und Multiplikatoren für das Tourismusmarketing; [...] weil man durch sie ihre Gäste, die Verwandten-‐ und Bekanntenbesuche, erreichen kann“ (OSGV 2003: 24).
In seiner Studie über den nordirischen VFR-‐Markt belegt Seaton den höheren Einfluss von Verwand-‐ ten auf die Wiederkehrwahrscheinlichkeit. Während knapp mehr als die Hälfte der Besuche bei Freunden schon dreimal oder öfter am Reiseziel verweilte, geben Dreiviertel der Besucher bei Verwandten an, bereits neun oder mehr Besuche im Untersuchungsgebiet absolviert zu haben. Noch höher ist dieser Anteil bei den Befragten, wenn Sie Freunde und Verwandte besuchen (VFVR) (SEATON 1996: 10).
REISEZEIT, SAISONABHÄNGIGKEIT UND REISEHÄUFIGKEIT
Ein besonderes Kennzeichen von VFR-‐Reisenden ist weiterhin ihre mit Ausnahme des Monats Dezember relativ gleichmäßige Verteilung ihrer Reisen über das Jahr (Jackson 1990: 23, HAY 1996: 60; SEATON 1996: 47; LEHTO U.A. 2001: 206) 20 . Die geringere Abhängigkeit von saisonalen Schwan-‐ kungen ermöglicht eine gleichmäßigere Auslastung der Infrastruktur in den besuchten Destinatio-‐ nen. VFR-‐Reisende gleichen dadurch Schwankungen aus, die mit anderen Reisendentypen, insbe-‐ sondere Urlaubsreisenden, korrelieren (SEATON UND PALMER 1997: 348; LEHTO U.A. 2001: 202).
Der Monat Dezember als Ausnahme weist aufgrund der christlichen Feiertage und der Jahreswende, kurzum der vielen auf soziale Beziehungen und insbesondere auf Verwandtschaften orientierten Feiertage, eine überdurchschnittliche Häufigkeit von VFR-‐Reisen in den von diesen Festivitäten betroffenen Räumen auf. Je nach Region sind kulturell bedingt entsprechende Verschiebungen zu erwarten. SEATON (1996: 10) spricht in diesem Zusammengang von Event orientierten Reisen bei VF-‐Reisenden, die eher an säkular begründeten oder wahrgenommenen Feiertagen stattfinden, während VR-‐Reisen auf heilige oder religiöse Feste gerichtet sind. Reisen zu Freunden werden ansonsten verstärkt an Wochenenden unternommen, die für VR-‐Reisenden bisher nicht belegt sind.
Die Zahl der empfangenen Reisenden ist aus Sicht der Gastgebenden stark abhängig vom Untersu-‐ chungsraum. BISCHOFF UND KOENIG-‐LEWIS (2006: 8) belegen in der untersuchten walisischen Univer-‐ sitätsstadt durchschnittlich 8,05 Besuche jährlich. BOYNE U.A. (2002: 251) können in Ihrer Studie im ländlich-‐peripheren Teil Schottlands 8,5 Besuche pro Jahr feststellen. Im Sparkassen-‐ Tourismusbarometer werden für das Saarland im Jahr 2004 dagegen nur 3,7 Besuche je Haushalt gemessen (DWIF 2004: 30). Die meisten Autoren der einbezogenen Studien verzichten jedoch auf eine solche Erhebung.
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20 Im innerbritischen Beispiel von SEATON UND PALMER (1996: 34) ist eine etwas schwächere Gewichtung in den Sommermonaten signifikant messbar. Nach LEHTO U.A. (2001: 206) ist der unattraktivste Reisemonat im Beispiel des US-‐Inboundmarkts der Januar.
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 17 ETHNISCHE VERBINDUNG
Bei VR-‐Reisen ist die ethnische Verbindung wenig überraschend und auch ein wichtiges Entschei-‐ dungskriterium (SEATON 1996: 10). Für Reisen zu Freunden ist dieser Zusammenhang bisher nicht belegt worden. In SEATONS nordirischem Beispiel gehören nur 13% der Befragten der gleichen Ethnie an, möglicherweise weil Freundschaften, anders als Verwandtschaften, als soziale Beziehun-‐ gen freiwillig gewählt werden können.
REISEAUSGABEN UND UNTERKUNFT (AFR, NAFR)
Ob international oder im Inland, VFR-‐Reisende tätigen signifikant weniger Ausgaben als Nicht-‐VFR-‐ Reisende während ihres Aufenthalts (HAY 1996: 63; SEATON 1997: 347; LEE U.A. 2005: 348; IPK 2005a 21 ). Besonders extreme Unterschiede finden sich bei der Reiseorganisation und den Kosten für die Unterkunft. Auf Inlandsreisen existieren ebenso beim lokalen Transport wie beim Essen signifikante Abweichungen. In diesen vier Kategorien ist der Bezug zu den besuchten Verwandten oder Freunden offensichtlich. Verwandte und Freunde stellen entweder Unterkunft und Informatio-‐ nen für oder während der Reise bereit. Wie eine Studie des English Tourism Council belegt, werden entstehende Kosten bei Essen und Transport teilweise ebenfalls direkt durch die Gastgebenden getragen und sind nicht in den Ausgabenstatistiken für die Reisenden aufgeführt (BRIGGS 2002: 2).
Im Fall des britischen Inlandsreisemarktes liegen die Gesamtausgaben der VFR-‐Reisenden bei etwa 50% der Kosten gegenüber Nicht-‐VFR-‐Reisenden (SEATON 1997: 347.). In einem Beispiel für den internationalen Langstrecken-‐Reisemarkt entsprechen die Ausgaben ungefähr 80% der Kosten, die Nicht-‐VFR-‐Reisenden entstehen (LEE 2005: 348). Die Anzahl der Nächte in kommerziellen Unter-‐ künften ist höher, auch die Ausgaben für den lokalen Transport weichen nur noch geringfügig ab. Werden Unterkunft und Organisation herausgenommen und die Ausgaben der Gastgebenden für Essen und Transport mit einbezogen, sind keine signifikanten Unterschiede pro Reise gegenüber anderen Reisendentypen mehr nachzuweisen (SEATON 1997: 347; LEE 2005: 348).
Wie bereits erwähnt, übernachten VFR-‐Reisende im Gegensatz zu anderen Reisegruppe am häufig-‐ sten bei Freunden oder Verwandten und sind am wenigsten auf eine kommerzielle Unterkunft an ihrer Destination angewiesen (SEATON UND TAGG 1995: 10; SEATON 1996: 10; HAY 1996: 62; HU UND MORRISON 2001: 206; LEHTO U.A. 2001: 206ff.; MOSCARDO U.A. 2001: 251; PENNINGTON-‐GRAY 2003: 361ff.; IPK 2005a 22 ; CORR 2005: 15; BISCHOFF UND KOENIG-‐LEWIS 2006: 11). Studien mit dem Focus auf VFR-‐Inlandsreisen ermitteln einen wesentlich niedrigen Anteil bei kommerziellen Unterkünften, als
VFR-‐Reisen, die nationalstaatliche Grenzen übertreten. Bei HAY (1996: 61) sind es für den britischen Inlandsmarkt etwa 4%, SEATON UND PALMER stellen etwa 8% für den gleichen Markt fest. Im US-‐ Beispiel für internationale Reisen in andere Länder von HU UND MORRISON (2001: 212) verbringen ca. :::::::::::::::::::
21 Im Deutschen Reisemonitor (DRM) sind VFR-‐Reisende unter ‚sonstige (Privat-‐)Reisen’ zusammengefasst, der Anteil von Reisenden mit dem Hauptzweck ‚Besuch bei Verwandten/Bekannten’ beträgt dabei 85% (IPK 2005a).
22 Im Deutschen Reisemonitor (DRM) sind VFR-‐Reisende unter ‚sonstige (Privat-‐)Reisen’ zusammengefasst, der Anteil von Reisenden mit dem Hauptzweck ‚Besuch bei Verwandten/Bekannten’ beträgt dabei 85% (DRM 2005a).
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 18
12% der VFR-‐Reisenden mindestens eine Nacht in einer kommerziellen Unterkunft. Mit zunehmen-‐ der Entfernung besuchen sie wahrscheinlich mehr Destinationen, die nicht alle von freundschaftli-‐ chen oder verwandtschaftlichen Beziehungen bewohnt werden (können). Der Aufenthalt bei Freunden oder Verwandten stellt nur eine Zwischenetappe oder Basis für weitere Unternehmungen dar und bewirkt höhere Ausgaben bei (lokalem) Transport, der Unterkunft und der Verpflegung.
In der Gegenüberstellung von VF-‐ und VR-‐Reisen sind keine extremen Unterschiede im britischen Inlandsreisemarkt zu erkennen (SEATON 1995: 10) 23 . BISCHOFF UND KOENIG-‐LEWIS (2006: 11), die Studierende als Gastgebende untersuchen, stellen dagegen signifikante Unterschiede zwischen Besuchen von Freunden und Verwandten fest. Verwandte nächtigen seltener in einer privaten Unterkunft. Mit höherem Alter, höherer Bildung und höherem Einkommen steigt ebenfalls die Wahrscheinlichkeit kommerzielle Einrichtungen für Übernachtungen zu nutzen, wie es eine Studie über den Short-‐Haul-‐Drive-‐Markt in Florida/USA von PENNINGTON-‐GRAY (2003: 364) darstellt. Bezogen auf die Studierenden könnte dieses Ergebnis einen Erklärungsansatz bieten, weil sie in einer jungen Altersgruppe dominieren, in der auch ihre Freunde zu vermuten sind.
AKTIVITÄTEN
Zu den Aktivitäten von VFR-‐Reisenden existieren zahlreiche Studien, die wegen der unterschiedli-‐ chen Ausstattung der untersuchten Destinationen jedoch keine sinnvolle Verallgemeinerungsmög-‐ lichkeit. In einem britischen Beispiel, in dem Seaton (1995: 13) innerhalb von VFR-‐Reisen nach den besuchten sozialen Beziehungen differenziert, unternehmen Reisende, die Freunde besuchen mit höherer Wahrscheinlichkeit unterhaltungs-‐ und bildungsorientierte Outdooraktivitäten, während Reisende zu Verwandten eher entspannende Aktivitäten außer Haus durchführen oder eher Event orientiert reisen. Im internationalen Reiseverkehr, bei denen lange Strecken zurückgelegt werden, sind nach YUAN U.A. (1995: 22) VFR-‐Reisende insbesondere in Städten gegenüber Nicht-‐VFR-‐ Reisenden mit einer höheren Wahrscheinlichkeit bei Outdooraktivitäten vertreten, in ländlichen Regionen oder traditionellen Urlaubsdestinationen (z.B. Seebädern) verkehrt sich dieses Verhältnis.
ALTER & LEBENSZYKLUS
In den Studien mit Fokus auf die Unterscheidung nach Altersgruppen dominieren die jüngeren Jahrgänge (15-‐34J.) als Hauptreiseakteure im VFR-‐Reisesektor (HAY 1996: 59, SEATON 1996: 10; IKP 2005a). Bei britischen Inlansdreisen zu Freunden findet sich ein extrem überproportionaler Anteil in der Altersgruppe der 15-‐24jährigen im Verhältnis zur Altersstruktur der Gesamtbevölkerung, der mit steigendem Alter bis 34 abflacht und ab der Altersgruppe der 35jährigen unterproportional ausfällt. Je älter die Personen, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine VF-‐Reise unter-‐ nehmen (HAY 1996: 59).
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23 VR-‐Reisende übernachten mit einer unwesentlich höheren Wahrscheinlichkeit bei ihren Gastgebern als VF-‐Reisende (SEATON 1995: 10) und kann wegen der Fehlertoleranz nicht als Resultat wiedergegeben werden.
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 19
Die Alterstruktur von VR-‐Reisenden im Inland stimmt dagegen mit dem der Gesamtbevölkerung überein. Eine Ausnahme bilden die 25-‐34jährigen. Auch hier sind verstärkte Reiseaktivitäten zu Verwandten nachgewiesen (ebd.). Es wird angenommen, dass die spätestens in dieser Phase vorgenommene Trennung von der Herkunftsfamilie mehrheitlich abgeschlossen ist, im Vergleich zu älteren Altersgruppen jedoch entweder noch keine eigene Familie gegründet wurde oder wegen der Sozialisation einer neu gegründeten Familie häufiger Reisen zu Verwandten, insbesondere zur Herkunftsfamilie unternommen werden. Der höhere Anteil von VF-‐Reisenden in jüngeren Alters-‐ gruppen ist ebenfalls in Bezug zur Sozialisation zu erklären. In dieser Lebensphase sind Freund-‐ schaften als soziale Beziehungen von besonderer Bedeutung. HAY (1996: 64) vermutet eine weiter steigende Zahl von VF-‐Reisen in europäischen Wohlstandsgesellschaften: „Given the changing
nature of family with later marriages and fewer children along the increase in single households, it is possible that friends are becoming more important than family in the socialisation process“. Für den internationalen Langstrecken-‐Reiseverkehr liegen keine Daten vor, die nach den sozialen Beziehun-‐ gen zum Gastgeber differenzieren. In einer Studie von YUAN U.A. (1995: 25) sind insbesondere die Altersgruppen der über 55-‐ und 65-‐Jährigen unterwegs. Allgemein gehören junge und alleinstehen-‐ de Erwachsenen sowie ‚aktive Ältere’ aufgrund ihres Lebenszyklus zu den mobilsten Populationen im Reiseverkehr (HALL UND WILLIAMS 2002a: 1).
REISEGRUPPENGRÖßE
Trotz ihres hohen Single-‐Anteils sind VFR-‐Reisende seltener allein unterwegs als Nicht-‐VFR-‐ Reisende (HU UND MORRISON 2001: 212). Dies gilt insbesondere bei Besuchen zu Verwandten (VR). Begründet werden diese Unterschiede bei SEATON (1995: 10) mit dem Familienstatus dieser Personen. Der Anteil von VR-‐Reisenden mit Partner und Kindern fällt definitionsbedingt höher aus als bei VF-‐Reisenden, damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit von einem Partner und/oder mehreren Kindern begleitet zu werden.
GESCHLECHT
Der Anteil von Frauen bei VFR-‐Reisenden gegenüber Nicht-‐VFR-‐Reisenden ist signifikant höher (SEATON 1996: 10; HAY 1996: 58; HU UND MORRISON 2001: 214; LEE U.A. 2005) 24 . Dabei sind keine Abweichungen in Abhängigkeit von der Reiseentfernung oder der Überschreitung nationalstaatli-‐ cher Grenzen zu finden. In einem nordirischen Beispiel führt Seaton dieses Ergebnis auf den hohen Frauenanteil bei Reisen zu Verwandten zurück und äußert als Motivation „to reinforce her family role“ (SEATON 1996: 10). Dagegen zeigen Reisen, die zu Freunden oder zu Freunden und Verwandten führen, keine geschlechtsspezifischen Differenzen (ebd.; HAY 1996: 58).
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24 Lee u.a. (2005: 346) bestätigen den höheren Frauenanteil. Sie stellen dabei insbesondere den hohen Männeranteil bei Geschäfts-‐ reisen innerhalb des Non-‐VFR-‐Segments im Vergleich zum VFR-‐Segment als Ursache heraus.
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 20
EINKOMMEN & BILDUNG
Studien in Inlandsmärkten von VFR-‐Reisenden zeigen ein signifikant geringeres Einkommen gegenüber Nicht-‐VFR-‐Reisenden (IPK 2005a 25 ; HU UND MORRISON 2001: 210; SEATON 1996: 10ff.), der nach Zahlen des European Travel Monitors (ETM) mit dem Einfluss von Geschäftsreisenden erklärt wird, die überproportional in höheren Einkommensgruppen vertreten sind. Beim Vergleich des sozialen Status, der im ETM mit der Typisierung in ‚Unterschicht’, ‚Mittelschicht’ und ‚Oberschicht’ zusammengefasst ist, bestehen gegenüber Urlaubsreisenden keinerlei Abweichungen (IPK 2005b). VFR-‐Reisende sind etwas seltener berufstätig als Urlaubsreisende, weisen im Vergleich zu ihnen jedoch ein signifikant höheres Bildungsniveau auf. Diese Zahlen lassen auf einen bedeutsamen Einfluss der Zahl von Studierenden (höheres Bildungsniveau, seltenere Berufstätigkeit, niedrigeres Einkommen) auf den VFR-‐Reisemarkt schließen, auf den auch SEATON (1996: 10) hinweist. Das niedrige Haushaltseinkommen erklärt sich auch dadurch, dass allgemein jüngere Altersgruppen überproportional bei VFR-‐Reisenden vertreten sind (HU UND MORRISON 2001: 210).
SEATON (1996: 13) belegt bei britischen VF-‐Inlandsreisen allgemein einen größeren Anteil höherer Einkommensschichten, die als ‚Short Breaks’ durchgeführt werden. Reisen zu Verwandten unter-‐ nehmen dagegen öfter untere Einkommensschichten 26 . Für sie ist es häufig gleichzeitig der Hauptur-‐ laub des Jahres. SEATON (1996: 16) schreibt dazu: „for lower income groups VFR travel may be an economic way of having a break that would otherwise be unaffordable. This tendency will increase as polarisation of wealth and income accentuates in Western Europe over the next decade”.
Nach dem Geografen DUVAL (2003: 270) sind mittlere und obere Einkommensgruppen auch eher in der Lage Freunde einzuladen. Als Fazit kann ein Unterschied beim Einkommensstatus zwischen VF-‐ und VR-‐Reisenden festgehalten werden. Die Differenz ist jedoch (noch) nicht stark ausgeprägt und verdreht sich vermutlich bei Reisen, die nur zu Studierenden erfolgen.
SICHERHEIT
VFR-‐Reisen zeichnen sich durch weitere Besonderheiten als nicht zu unterschätzendes Element der Regionalentwicklung aus. Anders als Personen, die ausschließlich als ‚Urlauber’ zu ihren Destinatio-‐ nen unterwegs ist, reagieren VFR-‐Reisende weniger empfindlich auf objektiv oder subjektiv veränderte Sicherheitslagen in potenziellen Reisezielen. Dazu meint der irische Tourismusmanager CORR (2005: 15):„In the ‚Worst of Day’ when IRA Bombs were exploding all over the North and the TV Screens, VFR was seen as a saviour of Irish Tourism”.
Anders als andere Wirtschaftszweige ist der Tourismus-‐Sektor auf Grund der kurzfristig zu beein-‐ flussenden Mobilitätsströme von Reisenden, die auf sicherheitspolitisch relevante Aspekte sofort reagieren, nicht nur von der langfristigen politischen Stabilität einer Region abhängig. Neben :::::::::::::::::::
25 Im Deutschen Reisemonitor sind VFR-‐Reisende unter ‚sonstige (Privat-‐)Reisen’ zusammengefasst, der Anteil von Reisenden mit dem Hauptzweck ‚Besuch bei Verwandten/Bekannten’ beträgt dabei 85% (DRM 2004).
26 Das bedeutet jedoch nicht, dass Personen oberer Einkommensschichten nicht zu ihren Verwandten reisen.
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 21
Naturkatastrophen und vereinzelt auftretenden Pandemien wirken sich auch einmalige oder wiederkehrende terroristische Ereignisse innerhalb kurzer Zeit negativ auf die Reisendenstatistik einer Region aus: „When a disaster strikes a region, the tourism customer base is often the first to leave and the longest to return (UNWTO 2004: 4). Der UNWTO-‐Bericht „Disaster Response - The Tourism Dimension“ sieht die Ursache dafür in dem Reiseentscheidungsprozess des Kunden, der weniger auf einer Kenntnis der realen Lage potenzieller Reiseziele, sondern vor allem auf emotiona-‐ len Faktoren, der Angst um die eigene Sicherheit basiert (UNWTO 2004: 4). Die Wahrscheinlichkeit wird auf Grund einer durch Medien verzerrten Wahrnehmung überbewertet, selbst von diesen Ereignissen bei einer Reise betroffen zu sein. Subjektiv oder objektiv wie indirekt oder direkt vor Reisen warnende Sicherheitshinweise müssen dabei nicht allein auf den im UNWTO-‐Bericht aufgeführten Ereignissen basieren. Als deutsches Beispiel seien rassistisch motivierte Überfälle in bestimmten Gebiete in Ostdeutschland oder Berlin angeführt, die von Zeitungen, Zeitschriften oder Reiseführer als „No-‐Go-‐Areas“ ausgewiesen sind (HÄUßERMANN 2006; SCHULZ 2006; GREVEN 2006). Damit verbindet sich nicht die Aussage, diese Gegebenheiten zu ignorieren. Es handelt sich nicht um Einzelfälle, sondern um Ereignisse mit einem systematischen Hintergrund. Gleichwohl stellt die Nutzung des Begriffs der ‚No-‐Go-‐Area’ eine unverhältnismäßige Prä-‐Kriminalisierung der gesamten dort lebenden Bevölkerung dar, die der realen Lage kaum standhält und auf Grund ihres diskrimi-‐ nierenden Charakters nicht nur von den Ursachen fremdenfeindlicher Aktivitäten ablenkt, sondern auch das Potenzial besitzt, dort auftretende Desintegrationsprozesse sozial benachteiligter oder von Abstiegsängsten betroffener Bevölkerungsgruppen weiter zu verstärken.
VFR-‐Reisenden zeichnen sich nun vermutlich durch zwei Besonderheiten aus. Erstens besteht ein besserer Kenntnisstand über die Lage in der potenziellen Destination, der über den Kontakt der dort wohnenden Verwandten oder Freunden vermittelt wird. Die bestehende Kommunikation innerhalb dieser sozialen Beziehungen wirkt für die betroffenen Regionen weniger stigmatisierend und relativiert die Botschaften von bestimmten Medien, die zugespitzt und auf Extreme reduziert kommuniziert werden oder nur Extreme kommunizieren. Zweitens überlagert die emotionale Bindung zwischen den Gästen und ihren gastgebenden Verwandten und Freunden andere Aspekte der Reiseentscheidung, die in der Diplomarbeit als Entscheidungskriterium ihre Berücksichtigung finden.
DESTINATIONEN
Für Reiseströme innerhalb eines Landes, stehen drei Quellen zur Verfügung. In SEATON UND PALMERS (1997: 35) britischer Studie über Inlandsreisen fährt ein überdurchschnittlicher Anteil von VFR-‐ Reisenden insbesondere in Städte: „The greater the population and population density of a destina-‐ tion, the greater the VFR factor“ und verweist dabei auf den hohen Anteil von VFR-‐Reisenden nach London und „The Heart of England“. HAY (1996: 57) stellt für das gleiche Untersuchungsgebiet fest, dass der Anteil von VF-‐Reisen in urbanisierte Gebiete höher ausfällt, in peripheren Gebieten dafür
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 22
anteilig die Zahl von Reisen zu Verwandten steigt. Innerhalb ihres Raumes erreichen peripher gelegene Regionen jedoch selbst einen überdurchschnittlich hohen Wert. Die Autoren des auf den Beherbergungsmarkt (AFR) orientierten deutschen Tourismusbarometer stellen fest, dass zwar gewerbliche Quartiere „keine bedeutsame Rolle spielen [...] dafür allerdings Verwandten-‐ und Bekanntenbesuche umso mehr“ (OSGV 2002: 40. „Eine Reihe von Regionen, die sich bei den gewerblichen Übernachtungen in der untersten Gruppe befinden, erzielen in den Segmenten des Grauen Marktes derartige Volumina, dass diese das 4-‐ bis 6-‐fache der gewerblichen Nachfrage ausmachen. Spitzenpositionen nehmen hier ein: Westsachsen (6,0), Ostthüringen (5,0), Niederlau-‐ sitz (4,9), Elbe-‐Elster-‐Land (4,5), Altmark (4,1), Saale-‐Unstrut (4,0) (OSGV 2003: 40). Verwandten-‐ und Bekanntenbesuche füllen in diesen Beispielen ca. 90% dieses Marktsegmentes aus (ebd.: 39). Ungeklärt bleibt in diesen Betrachtungen, ob die ‚Unattraktivität’ einer potenziellen Destination für touristische Reisen, die unter freien Marktbedingungen i.d.R. mit der Größe des gewerblichen Übernachtungsmarkts korreliert, ausschließlich für diese Situation verantwortlich ist. Die genann-‐ ten Regionen zeichnen sich auch durch eine hohe Abwanderungsquote aus (BERTELSMANN-‐STIFTUNG 2006) und verursachen wahrscheinlich auch einen höheren Anteil von VFR-‐Reisenden, die ihre Heimatorte besuchen. Auch dafür wäre die Unattraktivität anderer Märkte (Arbeitsmarkt, Bil-‐ dungsmarkt) verantwortlich, weil sie die Wanderungsbewegungen selbst erst initiieren.
SEATON UND PALMER (1997: 35) belegen in ihrem britischen Fallbeispiel, dass sich in touristisch attraktiven Gebieten wie z.B. an der Küste Britanniens der Anteil von VFR-‐Reisenden (12%) erheblich gegenüber Non-‐VFR-‐Reisenden (28%) und insbesondere gegenüber Urlaubsreisenden unterscheidet. Als Gesetzmäßigkeit fasst SEATON (1996: 14) zusammen: „The more attractive a
destination the smaller the proportion of VFR in its total, […] the more modest an area’s tourism development, the higher the ratio of VFRs to its total tourists number“. Die subjektiv oder objektiv wahrgenommene ‚Unattraktivität’ eines Ortes beeinflusst VFR-‐Reisende weniger als andere Reisendentypen.
Die Geografen BOYNE U.A. (2002: 253) betonen noch ein weiteres Potenzial von VFR-‐Reisen für diese Regionen, weil für sie keine kostenintensiven Infrastrukturen gestellt werden müssen. Hotels, Busparkplätze oder professionelle Informationssysteme lassen sich erst bei einem höheren Touri-‐ stenaufkommen refinanzieren.
Auf der Ebene des internationalen Reiseverkehrs stellt JACKSON nicht nur eine Beziehung zwischen Migration und Tourismus her, sondern berücksichtigt auch die Stärke der Wirtschaftsleistung eines Landes. Für sein untersuchtes australisches Beispiel schreibt er: „We might hypothesise that where
the CoB is much poorer in GDP/capita terms than Australia, the VFR flow will tend to be from Australia to that country“ (JACKSON 1990 (2003): 22). Jackson schränkt diese Vermutung dennoch um einen Zeitfaktor ein und fügt hinzu „that migrants to Australia who have not been here very long may have a greater tendency both to revisit their homeland or receive visitors from it than migrants who have been residents in Australia for a long period” (ebd.). Wie der nachfolgende Abschnitt
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 23
weiter ausführt, wären innerhalb des Links zwischen Tourismus und Migration Orte mit einer hohen Zuzugsquote als auch Orte, die durch eine hohe Fortzugsquote gekennzeichnet sind, für das Aufkommen von VFR-‐Reisen bedeutsam 27 . Die Verbindung soll an Hand eines theoretischen Entwicklungsmodells erläutert werden.
2.1.4.4 VFR-Tourismus und Migration
Ausgehend von einem ausgleichenden System zwischen Produktion und Konsumption entwickeln die Geografen HALL UND WILLIAMS ein gesamtwirtschaftliches Entwicklungsmodell, in dem sie die raumwirksamen Beziehungen zwischen Tourismus und Migration als miteinander in Verbindung stehende Systeme idealisiert herausarbeiten. ‚VFR-‐Reisen’ finden dabei eine besondere Berücksich-‐ tigung. Hall und Williams integrieren in diesem Zusammenhang diese Reiseereignisse in ihrem Modell (HALL UND WILLIAMS 2002a).
Bis zu diesem Zeitpunkt existieren kaum Forschungen über die wechselseitige Verbindung zwischen Tourismus und Migration und ihrem Einfluss auf ein Raumwirtschaftssystem. Eine Ausnahme sehen sie im Forschungsgegenstand der Suburbanisierung (HALL UND WILLIAMS 2002a: 3). In diesem Prozess, in seinen Anfängen durch touristische Reiseereignisse initiiert, migrieren Teile der urbanen Wohnbevölkerung zu Ausflugszielen ins Umland. Die wechselseitige Beziehung zueinander ist dennoch kein neues Phänomen und kann rückblickend in allen Zeiten nachgewiesen werden, in denen diese Reisen stattfinden (ebd.: 11).
Hall und Williams heben die fließenden Übergänge zwischen den beiden Systemen hervor, die entweder für empirische oder theoretische Zwecke eine definitorische Abgrenzung voneinander erschweren (HALL UND WILLIAMS 2005: 3f.). Mit Verweis auf die Geografen Bell und Ward begreifen sie deshalb „Tourism [as] one form of circulation, or temporary population movement. Temporary movements and permanent migration, in turn, form part of the same continuum of population
mobility in time and space“ (BELL UND WARD 2000: 88, zit. bei HALL UND WILLIAMS 2002a: 5). Auch sie betonen den Freizeitaspekt touristischer Reisen, ohne ihn als Eigenschaft in ihrer Definition aufzunehmen.
Grundsätzlich unterscheiden sie konsumptions-‐ oder produktionsorientierte Mobilität, wobei bei Touristen eine Produktionsorientierung nicht ausgeschlossen wird 28 . Ausgehend von diesen Grundannahmen akzentuieren sie in ihrem Modell drei besondere Beziehungen zwischen den beiden Bereichen, die sich gegenseitig beeinflussen: Tourismus und Arbeitsmigration, Tourismus und konsumorientierte Migration und VFR-‐Tourismus, der aus Migrationsströmen hervorgeht, jedoch selbst neue Reiseströme, Emigrationsströme, Remigrationsströme generiert (ebd.: 3).
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27 Für Orte, die sich durch beide genannten Merkmalsausprägungen auszeichnen, gilt dies im Besonderen.
28 Als Beispiel dient ihnen das Phänomen des „‚migrant tourist workers’ who combine goals and behaviour relating to leisure, discovery and work, as epitomized by young backpacker tourists. […] In practice, individual tourists may have several end objectives when they take holiday, including some that involve working in the destination if only for a short period” (HALL UND WILLIAMS 2002a: 5).
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 24
Ihr Modell konzentriert sich auf Mobilitätsereignisse von Individuen. Dabei verweisen sie darauf, dass diese Mobilität mit „a series of economic and cultural mechanisms, which influence search spaces, demand and investments“ zusammenhängt (ebd.: 8). Interessante Anwendungsmöglichkei-‐
ten erhält das Modell vor allem, wenn es nicht wie beispielhaft dargestellt, allein auf die Tourismus-‐ Industrie fixiert bleibt, sondern produktionsgeleitete Migrationsbewegungen berücksichtigt, die durch andere Wirtschaftsektoren ausgelöst werden. Unter diesen Bewegungen wäre auch die der Bildungsmigration zu fassen. Hall und Williams schlagen daher vor, ihr Modell in einem allgemeinen zirkulären Wachstumsmodell der Gesamtwirtschaft eines Raumes aufzugreifen (ebd.).
Ausgehend von ersten touristischen Reiseereignissen umfasst es vier Phasen. In der ersten Phase führen Touristenströme zur Entwicklung eines Tourismus-‐Sektors, in dem Arbeit in diesem Bereich nachgefragt wird, die meist informell und mit niedrigen Umsätzen verbunden ist und lokal befrie-‐ digt werden kann. In Abhängigkeit von den Attraktionen des Ortes kann die Entwicklung auf diesem Niveau stagnieren (ebd.).
Steigt die Zahl der Reiseereignisse, wird für weiteres Wachstum in der zweiten Phase nicht nur weitere Arbeit nachgefragt. Mit dem Wachstum geht auch eine Diversifizierung und Spezialisierung einher, für die vor Ort vorhandene Arbeitskräfte nicht ausreichend qualifiziert sind. Der Mangel initiiert einen Prozess der Arbeitsmigration, um den Bedarf nach entsprechend qualifizierten
Arbeitskräften zu erfüllen (MONK & ALEXANDER 1986, vgl. bei HALL UND WILLIAMS 2002a: 10). Weil der Bedarf nach Arbeit im Tourismus-‐Gewerbe häufig saisonabhängig ausfällt, werden sie möglicher-‐ weise nur temporär beschäftigt. Die Arbeitskräfte kehren in diesen Fällen in ihre Herkunftsregion zurück (ebd.: 10).
In der dritten Phase erreicht das Tourismus-‐Segment eines Ortes bei stabil eintreffenden touristi-‐ schen Reiseereignissen gegebenenfalls seine Reifephase. Dennoch entwickeln sich gegenüber vorherigen Phasen qualitative und quantitative Veränderungen. Aufgrund der Erfahrungen während des Aufenthalts in der Zielregion, entscheiden sich Touristen aus Herkunftsregion für eine perma-‐ nente oder temporäre (saisonale) Migration in die Zielregion. Diese Ströme werden als consumption- led migration zusammengefasst. Beispielhaft führen sie Migration von Rentnern zu einem Alterssitz oder die zunehmende Bedeutung von Zweitwohnsitzen (‚Second Homes’) an. Wegen ihrer Kenntnis-‐ se über die Zielregion können jedoch auch ehemalige Touristen als Arbeitsmigranten saisonal oder permanent in die Zielregion wandern, die unter dem Begriff production-led migration subsummiert sind. (ebd.). Nach Auffassung von Hall und Williams forcieren sie eine steigende Zahl von VFR-‐ Touristen in die Zielregion wie auch in die Herkunftsregion der Migranten -‐ unabhängig davon, ob die Migranten selbst als Touristen in die Region gereist sind oder nicht (ebd.: 10f.).
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 25
Abb. 3: Beziehungen zwischen Tourismus und Migration: ein idealisiertes gesamtwirtschaftliches Entwick- lungsmodell
Die vierte und letzte Phase hebt sich über die zunehmende Bedeutung zweier zusätzlicher Formen der Mobilität von den vorherigen ab. Zum einen besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass sich ehemalige VFR-‐Touristen wegen der Beziehungen und ihrer Kenntnisse über die Zielregion der Migranten, selbst für eine Migration an diesen Ort entscheiden und als VFR-‐Touristen zurückkehren oder Reiseereignisse ihnen bekannter Individuen in die Zielregion generieren, die nicht zwingend
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 26
mit dem Hauptzweck VFR erfolgen. Zweitens wechseln dort wohnende Migranten aus verschiede-‐ nen Gründen den Ort. Als Emigranten ziehen sie in eine neue Destination, als Re-‐Migranten kehren sie aus Gründen des Heimwehs, weil sie ihre wirtschaftlichen Ziele erfüllt sehen oder sich bei Freunden oder Verwandten zur Ruhe setzten möchten, in ihre Herkunftsregion zurück (ebd.: 11) 29 .
VFR-‐Reisen sind in diesem Vier-‐Phasen-‐Modell nicht nur Ausdruck der räumlichen Ausdehnung von Verwandtschafts-‐ und Freundesnetzwerken, sondern ebenfalls die dominierende Form migrations-‐ induzierter Reiseereignisse (ebd.: 38f.). Besteht Kenntnis über den Umfang von Migrationsbewe-‐ gungen in eine und aus einer Region, ermöglicht sie vermutlich Vorhersagen über zukünftige VFR-‐ Reiseereignisse.
Mit der Erscheinung setzen sich auch BOYNE U.A. (2002: 243) auseinander. Sie typisieren fünf Auslöser, die VFR-‐Reiseereignisse generieren: (1) Verwandte und Freunde migrieren, (2) man selbst migriert oder (3) Verwandte aus vorangegangenen Generationen sind gewandert. Darüber hinaus können auch (4) durch Freund-‐ und Bekanntschaften, die abseits des eigenen Lebensmittelpunktes, z.B. während einer Geschäfts-‐ oder Urlaubsreise, gemacht werden, VFR-‐Reiseereignisse verursachen und so in Wechselwirkungen mit anderen Reiseformen stehen. (5) Als letzten Grund sehen sie Reisen zu lang verlorenen Verwandten, die z.B. durch Adoptionen getrennt wurden. Die letzten beiden Punkte sind im Vergleich jedoch seltener zu erwarten.
2.1.4.5 Zusammenfassung
VFR-‐Reisende heben sich nach Darstellung vorgestellter Studien von anderen Reisendentypen, die keine Verwandten oder Freunde besuchen, in mehrfacher Weise ab. Sie kehren in eine Zielregion mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit wieder. Saisonale Schwankungen ihrer Reiseereignisse sind mit Ausnahme religiöser Feiertage geringer ausgeprägt. Sie begünstigen damit die gleichmäßi-‐ gere Auslastung der bereitgestellten touristischen Infrastruktur eines Ortes außerhalb des Hotelge-‐ werbes. Ein dritter Aspekt betrifft die Dauer ihres Aufenthaltes. Je weiter die Reiseentfernungen, desto mehr dehnt sich ihre Reisezeit gegenüber Nicht-‐VFR-‐Reisenden aus. Dieses Verhältnis verkehrt sich mit kürzeren Reisedistanzen. Am Beispiel einer Universitätsstadt sind sie jedoch nicht dokumentiert. Mit Ausnahme der reduzierten Kosten für Organisation und Unterkunft zeigen sich keine stark ausgeprägten Unterschiede zu Nicht-‐VFR-‐Reisenden im quantitativen Ausgabeverhalten. Die längere Reisedauer und ihre höhere Wiederkehrfrequenz gleichen Differenzen bei Unterkunft und Organisation aus oder verkehren sie in ein Verhältnis, bei der VFR-‐Reisende eine besonders attraktive Reisendengruppe darstellen.
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29 Nachfolgend werden Einflüsse auf dieses Modell beschrieben, die jedoch nur kurz genannt und nicht weiter erläutert werden. Dazu gehören der demografische und soziale Wandel, Innovationen im Transport-‐ und Kommunikationswesen, politisch beeinflusste Änderungen. Migrationsereignisse werden darüber hinaus beispielsweise durch Urbanisationsprozesse, zuneh-‐ mende Mobilität in den Arbeitsmärkten, der Neubewertung der Wohnumgebung und wandelnder nationaler und kultureller Identitäten sowie durch veränderte soziale Netzwerke beeinflusst (ebd.: 12ff.). Im Bereich des Tourismus-‐Sektors weisen Hall und Williams insbesondere auf den Wandel vom Massentourismus zu ausdifferenzierten Tourismusereignissen hin, bei denen auch Nischenmärkte bedient werden, die andere oder geringere Ansprüche an den Arbeitsbedarf in einer Region stellen, allerdings auch mehr Regionen als zuvor einbeziehen (ebd.: 22f.).
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 27
Im Vergleich verschiedener Regionstypen richten sich ihre Reisen in absoluten Maßstäben insbe-‐ sondere auf metropolitane Regionen. Abgesehen von traditionellen Urlaubsorten, sind sie innerhalb peripherer Regionen im relativen Verhältnis zu anderen Reisendentypen jedoch extrem überdurch-‐ schnittlich vertreten. VFR-‐Reisen unternehmen überproportional junge Altersgruppen zwischen 15 und 34 Jahren, die ihr Lebenszyklus mit der größeren Bedeutung von Freundschaften und dem Übergang von der Herkunftsfamilie bis zur Neugründung einer Familie begründet. Im Vergleich zu anderen Reisendentypen lassen sie sich seltener von möglichen Sicherheitsrisiken in einer potenzi-‐ ellen Destination beeinflussen. Im Geschlechtervergleich innerhalb dieser Gruppe, reisen Frauen signifikant häufiger zu Verwandten als Männer, bei Reisen zu Freunden sind keine Differenzen zwischen beiden Gruppen nachgewiesen.
Ihre herausragende Bedeutung erhalten VFR-‐Reisende in Zusammenhang mit Migranten. Weniger Migrationsereignisse bedeuten auch weniger VFR-‐Reiseereignisse. Dabei werden sie nicht nur vornehmlich durch vorangehende Migrationen angeregt, VFR-‐Reisen können umgekehrt auch zukünftige Migrationsbewegungen beeinflussen. In der Diplomarbeit wird vornehmlich die direkte Verbindung dieser Reisen mit Migrationsbewegungen in den Raum Berlin am Beispiel von Studie-‐ renden untersucht. Nachdem VFR-‐Reisende als Gäste beschrieben und Untersuchungsobjekte eingrenzt sind, folgen ihnen im nächsten Teil der Arbeit die gastgebenden Studierenden.
2.2 Von Migration zu HZB-Migranten
2.2.1 Begriffscharakteristika
Im Unterschied zu Definitionsdiskursen in der Tourismusforschung werden die Debatten bei der Begriffseingrenzung von ‚Migration’ nicht abhängig vom Zweck der Aktivität geführt. Migration kann zur Eingrenzung aus fremdbestimmten, verpflichtenden sowie mit-‐ oder. selbstbestimmten Motiven erfolgen (HAN 2005: 8). Der Begriff leitet sich vom lateinischen ‚migrare’ bzw. ‚migratio’ ab und bedeutet in diesem Sinne ‚wandern’, ‚wegziehen’ oder ‚Wanderung’. Erste Forschungsarbeiten entstehen mit dem auftretenden Industrialisierungsprozess, bei der insbesondere die Land-‐Stadt-‐ Wanderung Beachtung findet (HAN 2005: 42) 30 . Wie der Soziologe HAN (2005: 6) formuliert, sind Migrationsbewegungen jedoch„ein fester Bestandteil der Kulturgeschichte der Menschheit“ und in allen Zeiten zu beobachten. Im Unterschied zu nomadischen oder prähistorischen Wanderungen als Daseinsform von Jägern und Sammlern ist Migration für den Soziologen PRIES im kulturhistorischen Verständnis zeitlich befristet und stellt eine Form des Übergangs „von einem Vergesellschaftungszu-‐ sammenhang zum anderen“ dar (PRIES 2001: 6). Sie hat für das Individuum unmittelbaren Einfluss auf seinen Sozialisationsprozess und betrifft die Integration oder Exklusion in die ihn umgebende Gesellschaft.
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30 Die ersten Forschungsarbeiten über diese Erscheinung werden unter dem Titel „The Laws of Migration“ (1885-‐1889) durch den britischen Sozialwissenschaftler Ravensteins veröffentlicht. Eine systematische Auseinandersetzung mit diesem Phänomen
beginnt für HAN (2005: 6) jedoch erst in den 1920er Jahren innerhalb der Forschungen um die Chicago School (ebd.: 6f.).
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 28
2.2.2 Definitionen für die Untersuchung: Migration und Migrantentypen
HAN (2005: 7) sieht in den Sozialwissenschaften keinen begrifflichen Dissens und versteht unter dem Begriff: „allgemein solche Bewegungen von Personen und Personengruppen im Raum (spatial movement) [...], die einen dauerhaften Wohnortwechsel (permanent change of residence) bedin-‐
gen“. Für ihn ist der Wohnortwechsel zwar ein sichtbares Zeichen, dennoch hebt er hervor, dass „der zeitintensivere und schwierigere Teil der ‚inneren psychosozialen Migration’ erst nach der äußeren
physischen Migration’ beginnt“ (HAN 2005: 8) und weist damit wie PRIES auf den Übergang auf einen neuen Vergesellschaftungszusammenhang hin. Auch PRIES setzt nach dem Übergang von einem Wohnort zum anderen eine gewisse Sesshaftigkeit voraus, um ‚Migration’ von anderen Formen der Mobilität nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich abzugrenzen (PRIES 2001: 5f.). Dadurch unter-‐ scheiden sie sich von Reisenden bzw. Touristen, Pendlern oder Personen, die innerhalb ihrer politischen Gemeinde umziehen. Ein Problem bleibt die statistische Erfassung eines neuen Verge-‐ sellschaftungszusammenhangs, den der Wohnortwechsel verursacht. Auch hier sind es staatliche Organisationen, die, wie in der Tourismusforschung, erheblichen Einfluss nehmen. Die Ansätze sind weniger wissenschaftlich als politisch begründet. Für den Historiker KLEINSCHMIDT (2002: 13) 31 ist es ein „sozialwissenschaftlicher Begriff, der [von] den praktischen Bedürfnissen der Verwaltung abgeleitet und an die Staatsvorstellungen des 20. Jahrhunderts gebunden ist“.
Um die statistische Erfassung für den internationalen Vergleich zu harmonisieren, existieren Empfehlungen der UN, all jene Personen als Migranten zu erfassen, die mindestens für eine Zeit-‐ spanne von drei Monaten ihren Aufenthaltsort („Usual Residence“) verlegen. Dabei unterscheidet man zwischen Long-Term Migrants und Short-Term Migrants , je nachdem ob ein Ortswechsel für die Mindestzeiträume von einem Jahr oder drei Monate erfolgt. Für Short-Term Msigrants wird außer-‐ dem wegen der möglichen Ausklammerung der Wohnortswechselbedingung, auch der Zweck des
Ortswechsels zur Definition herangezogen 3233 (UN 2002: 1; 10f.). Ein Zweck wäre für alle in der Untersuchung einbezogenen Personen mit ihrem Studium an der HU Berlin gegeben, weshalb für die Begriffseingrenzung eine Mindestwohndauer von drei Monaten ausreichend erscheint.
Je nach Fachbereich und Untersuchungsziel existieren verschiedene Typisierungen, um die Untersu-‐ chungsobjekte voneinander abzugrenzen. Für die gastgebenden Studierenden werden in dieser Arbeit zur Typisierung zwei relevante Differenzierungen vorgenommen, erstens eine nach der Überschreitung politischer Grenzen, um den Wohnort-‐ bzw. Aufenthaltsortwechsel zu erfassen, zweitens eine nach dem Zweck und dort konkret eine zum Zwecke der Bildung.
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31 „Es kann beispielsweise sein, dass naturräumliche Grenzen, [...] verschiedene Wirtschaftsweisen und Sozialordnungen [...] von Migranten wichtiger gehalten werden als topographische oder politische Grenzen.“ (KLEINSCHMIDT 2002: 13f.)
32 Ausgeschlossen von der Definition sind alle Ortswechsel zum Zwecke der Erholung, Ferien, Besuch bei Freunden und Verwand-‐ ten, zu Geschäftszwecken, medizinische Behandlungen oder Pilgerungen, wenn diese nicht mindestens ein Jahr andauern. (UN 1998: 18 vgl. bei DÜVALL 2006: 6).
33 In Deutschland wird eine Migration statistisch erfasst, sobald ein Umzug polizeilich gemeldet und als Wohnortwechsel zwischen verschiedenen Gemeinden erkennbar ist - unabhängig vom Zweck und den dazwischen befindlichen Zeiträumen (HAN 2005: 7). Aus methodischen Gründen wird eine Überprüfung der polizeilichen Meldung abgelehnt. Weiterhin besteht die Annahme, dass nicht jeder Umzug einer Meldestelle mitgeteilt wird. Die UN-‐Definition wird daher bevorzugt und im Weiteren für die untersuchten Migrationstypen konkretisiert.
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2.2.2.1 Migrationstypisierungen nach Übertretung politischer Grenzen
Bei Übertretung politischer Grenzen trennt man allgemein interne bzw. Binnenmigranten von internationalen Migranten. Ein ‚interner Migrant’ oder ‚Binnenmigrant’ ist eine Person, die ihren ständigen Wohnsitz innerhalb der gleichen nationalstaatlichen Grenzen von einer politischen Gemeinde in eine andere verlegt. (LONGINO JR. 1992: 974; NEUNDÖRFER 1961: 497 vgl. bei HAN 2005: 9). Dabei erfolgt eine weitere Differenzierung nach ‚In-‐Migranten’ und ‚Out-‐Migranten’ in Abhängig-‐ keit davon, ob ein Zu-‐ oder Wegzug aus der Wohnbevölkerung registriert wird. Als internationale Migranten werden Personen begriffen, die ihren Wohnsitz dauerhaft oder vorübergehend über nationalstaatliche Grenzen hinweg verlegen (HEER 1992: 984; KRUSE 1961: 503 vgl. bei HAN 2005: 9). Die Differenzierung nach der Wanderungsrichtung zeigt sich hier in der Unterscheidung zwischen Immigranten (Einwanderer) und Emigranten (Auswanderer).
2.2.2.2 Migrationstypisierungen nach Motiven: Bildungsmigration
Migrationsbewegungen sind in einer Vielzahl von Motivationen begründet, die kultureller, politi-‐ scher, wirtschaftlicher, religiöser, demographischer, ökologischer, ethnischer und sozialer Art sein können. In der Regel wirken mehrere dieser Motivationen zusammen (HAN 2005: 8). Dennoch besteht innerhalb der Migrationsforschung, der Zwang mit motivationsspezifischen Typisierungen je nach Untersuchungsgebiet zu arbeiten. Eine Herangehensweise ist die Differenzierung nach Märkten, wie dem Arbeitsmarkt, dem Heiratsmarkt oder dem Bildungsmarkt. Wandern Personen den Bildungsmarkt betreffend, werden sie als Bildungsmigranten bezeichnet (HAN 2005: 123).
Verglichen mit der Zahl der wissenschaftlichen Arbeiten mit anderen Gebieten der Migrationsfor-‐ schung, besitzt er insbesondere in der deutschsprachigen Migrationsforschung keine herausragende Bedeutung. Allerdings ist ‚Bildungsmigration’ angesichts des Wettbewerbs um hochqualifizierte Arbeitskräfte im Gegensatz zu anderen Migrationsformen positiv besetzt und wird als Erscheinung vor allem aus wirtschaftspolitischen Motiven legislativ gefördert (BUDKE 2003: 26; HAN 2005: 124) 34 . National wie international konzentrieren sich die meisten Forschungsarbeiten auf das Gebiet des tertiären Ausbildungswegs 35 , also auf Migranten, die nach ihrer beendeten sekundären Ausbildung für ein Studium auf einer Hochschule oder hochschulähnlichen Einrichtung ihren Wohn-‐ bzw. Aufenthaltsort wechseln. Mit dem letzten Satz ist auch die Definition eines Bildungsmigranten dargelegt. Eine Auseinandersetzung findet zudem hauptsächlich über die internationale und weniger die nationale Ebene statt. Im Bereich der internationalen Migranten wird sie im For-‐ schungsfeld der ‚Austauschforschung’ untersucht 36 , in der „Anpassungsprobleme […] an die Kultur des Gastlandes“ ein besonderes Interesse finden (BUDKE 2003: 40).
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34 Die Förderung ist insbesondere auf die Studierendenelite gerichtet und unterliegt dementsprechenden Selektionsmechanismen.
35 International zählen die von der UNESCO dem ISCED-‐Level 5 und 6 zugeordneten Institutionen und Ausbildungen zum tertiären Bildungsbereich (UNESCO 1997.
36 Die meisten Arbeiten zu dem Thema werden in dem bedeutendsten Zielland für internationale Bildungsmigration verfasst -‐ in den USA. Aufgrund des stetigen Anstiegs der Zahl der internationalen Bildungsmigranten beginnt dort im Jahre 1952 mit der Vergabe von staatlichen Forschungsaufträgen über das Thema auch die Institutionalisierung dieses Forschungsbereiches
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 30
2.2.2.3 Die gastgebenden Studierenden
Eine Schwierigkeit in der konkreten Abgrenzung von Bildungsmigranten besteht für die Geografin BUDKE darin, dass die Definitionen für ‚In-‐Migranten’ und ‚Immigranten’ nicht einfach um den Zweck der Bildung erweitert werden können (BUDKE 2003: 32). Insbesondere bei Immigranten stellt sich dieses Problem. Wenn als Kind der Wohnortwechsel über nationalstaatliche Grenzen vorgenommen wurde, können sie formal als Immigrant definiert werden, jedoch auch wenn sie in Deutschland geboren werden und ihre Staatsbürgerschaft als Merkmal berücksichtigt wird. Das Bundesamt für Statistik löst dieses Problem, indem Studierende mit einer nicht-‐deutschen Staatsbürgerschaft, die ihre Hochschulzugangsberechtigung in Deutschland erwerben, als Bildungsinländer neben ‚Auslän-‐ dern’ und ‚deutschen Studierenden’ getrennt ausgewiesen sind (STATISTISCHES BUNDESAMT 2005). Nach der gleichen Methode verfährt das Deutsche Studentenwerk in seinen jährlichen Erhebungen, um die soziale und wirtschaftliche Situation der Studierenden in Deutschland zu erfassen (DSW 2006). Insofern scheint es sinnvoll, diese Herangehensweise bei der Definition für die Differenzie-‐ rung der einzelnen Untersuchungsgruppen zu übernehmen.
Die zu untersuchenden Bildungsmigranten werden wegen ihrem Bezug auf eine Hochschule in dieser Diplomarbeit jedoch als HZB-Migranten bezeichnet. Dazu gehören alle Personen, die ihre tertiäre Ausbildung nicht (oder nur teilweise) an dem Ort ihrer Hochschulzugangsberechtigung (HZB) wahrnehmen und dafür ihren Wohnsitz über politisch-‐administrative Grenzen für minde-‐ stens drei Monate verlagern.
HZB-In-Migranten sind alle Personen, die für ihre tertiäre Ausbildung ihren Wohnort über Gemein-‐ degrenzen hinweg innerhalb Deutschlands wechseln. Wegen der möglichen Berlin-‐Nähe werden HZB-Brandenburger getrennt erfasst. Bei ihnen, die im Bundesland Brandenburg die Hochschulreife ablegten, besteht teilweise die Erwartung, dass sie sich in ihren Vergesellschaftungsprozess in den Berliner Raum nicht von Personen unterscheiden, die in Berlin ein Gymnasium oder eine andere entsprechende Schule für die Hochschulzugangsberechtigung besuchten. Letztere werden als HZB- Berliner bezeichnet. Auch wenn möglicherweise ein anderer Migrationshintergrund besteht, ist ein Wohnortwechsel für HZB-‐Berliner zur Aufnahme des Studium ausgeschlossen, soweit sie nicht nach dem Abschluss des Gymnasiums wanderten und für ein Studium nach Berlin zurückkehrten.
Unter HZB-Immigranten werden alle Personen gruppiert, die für ihr Studium nationalstaatliche Grenzen überschreiten. Je nachdem ob die Immatrikulation in einen grundständigen Studiengang oder über ein Programmstudium erfolgt, werden diese Personen in HZB-Immigranten und (interna- tionale) Programmstudierende getrennt. Diese Trennung zwischen den genannten Typen ist nicht nur aus statistischen Gründen sinnvoll. Bei den sie besuchenden VFR-‐Touristen werden Unterschie-‐ de in deren Reiseentscheidungen und Reiseverhalten vermutet, die von der Gruppenzugehörigkeit
(BUDKE 2003: 39).Insgesamt gehen derzeit 70% aller internationalen Bildungsmigranten in nur sechs Länder. Den USA folgt mit Abstand Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Australien und Russland. (ebd.: 21). Dennoch ist auch Bildungsmigration kein neues Phänomen, sie ist schon in der Geschichte früher Hochkulturen zu finden (ebd.: 23).
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 31
abhängen. Der Aufenthalt von Programmstudierenden ist formal befristet. Aufgrund der kurzen Aufenthaltsdauer und der Ziele ihrer Programme, sind sie meist auf einen ‚Austausch’ beschränkt. Da er in der Regel auch bewusst befristet wahrgenommen wird, nimmt diese Gruppe eine Sonder-‐ stellung ein. Die soziologische Bedingung eines „dauerhaften Wohnortwechsels“ kann bei einem Wechsel, der vom Individuum bewusst nur befristet wahrgenommen wird, nicht erfüllt werden. Auf dieser Annahme erfolgt in zahlreichen Staaten auch die Ausgabe von entsprechenden Studierenden-‐ Visa, die sich von Immigranten-‐Visa hinsichtlich bestimmter Rechte deutlich unterscheiden (HAN 2005: 121f.). Bei Wohnortwechseln innerhalb der EU werden diese Formalitäten nur eingeschränkt berücksichtigt. Dies gilt insbesondere für Erasmus-‐ und Sokrates-‐Studierenden, die den größten Anteil bei Programmstudierenden an deutschen Hochschulen einnehmen. Dennoch wäre es
irreführend, sie trotz der Kürze ihres Aufenthaltes als Reisende zu bezeichnen. Im Rahmen der Programme verpflichten sie sich formal zu bestimmten (Studien-‐)Leistungen. Ihr Besuch im Gastland ist in der Regel auf das Hochschulleben ausgerichtet. Daher empfiehlt es sich empfiehlt, diesen Sonderstatus bei der Erhebung zu berücksichtigen und sie als eigene Untersuchungsgruppe mit besonderen Merkmalen aufzufassen.
Für internationale Studierende in grundständigen Studiengängen besteht ebenfalls die Wahrschein-‐ lichkeit eines formal befristeten Aufenthalts, der teilweise ein Studierenden-‐Visum voraussetzt. HAN weist jedoch auf ihre geringere Rückkehrbereitschaft in das Land ihres ursprünglichen Wohnsitzes hin (ebd.: 120, 123f). Die sinkende Bereitschaft ist im Akkulturations-‐ oder Vergesellschaftungspro-‐ zess begründet, bei dem sich die Studierenden mit der Länge des Aufenthaltes von „ihren heimatli-‐ chen Verhältnissen“ entfremden: „Wenn dieser Akkulturationsvorgang durch bessere berufliche Chancen und Arbeitsbedingungen im Gastland verstärkt wird, ist die Bleibewahrscheinlichkeit der Studierenden für das Gastland wahrscheinlicher“ (HAN 2005: 123). 37
Anders als im Abschnitt über VFR-‐Reisende, wird auf eine weitere differenzierte Beschreibung der gastgebenden Studierenden nach sozioökonomischen Faktoren oder der Dauer ihres Aufenthaltes verzichtet und stattdessen in allgemeiner Form zusammengefasst. Sie unterscheiden sich deutlich von anderen Bevölkerungsgruppen, verfügen über einen höheren Bildungsabschluss, sind vornehm-‐ lich der Mittel-‐ und Oberschicht zugehörig, hauptsächlich in einem Alter zwischen Anfang 20 bis Mitte 30 und nur in der Minderheit Angehörige einer Zeugungsfamilie mit eigenen Kindern (DSW 2006).
Einen für die Untersuchung relevanten Einfluss besitzt insbesondere die Bildung. Individuen mit einem hohen Bildungsabschluss weisen Netzwerke mit großer Reichweite, geringer Dichte und einer hohen Anzahl an heterogenen Kontakten auf (MARSDEN 1987: 129, vgl. BÜHRER 1997: 213), der nach dem Soziologen WILLMOTT (1987: 22 vgl. BÜHRER 1997: 213) auf den Verlauf ihres Bildungser-‐
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37 „Vorausgesetzt, dass das Gastland dies politisch und rechtlich zulässt“ (HAN 2005: 123)
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 32
werbes zurückzuführen ist. Sie sind ebenfalls räumlich mobiler, verfügen über mehr Zeit und ein höheres Maß nicht näher definierter ‚social skills’.
Empirischen Untersuchungen der Sozialpsychologen ARGYLE UND HENDERSON (1986: 106f.) zu Folge besitzen Menschen zwischen 18 und 29 die meisten Freunden. Ihre Zahl geht bei einer Heirat bzw. festen Partnerschaft und Kindern im Haus zurück 3839 . Nach MARSDEN (1987: 128ff. vgl. BÜHRER 1997: 216) sind die Netzwerke dichter, homogener und lokal konzentrierter je älter die Befragten werden.
Auf Basis dieser Beschreibung wird angenommen, dass bei den Reiseereignissen Freunde sowie Verwandte aus der Herkunftsfamilie einen höheren Anteil einnehmen als bei anderen, nicht untersuchten Bevölkerungsgruppen. Aufgrund der verwandtschaftlichen (Vererbbarkeit von Bildungs-‐ und Einkommenschancen) und freundschaftlichen Beziehungen (Gleichrangigkeit) zu ihren Gästen repräsentieren ihre Gäste ebenfalls nur einen bestimmten Ausschnitt der Bevölkerung, der sich im Vergleich zur Gesamtbevölkerung vermutlich durch einen höheren Bildungs-‐ oder Einkommensstatus auszeichnet. In der Auswertung sind ausgewählte Merkmale knapp dokumen-‐ tiert. Im folgenden Abschnitt werden die sozialen Beziehungen zwischen VFR-‐Touristen als Gäste und den Studierenden als Gastgebenden näher erläutert, um sie zu definieren und in ihrer reiseent-‐ scheidenden Funktion beschreiben zu können.
2.3 Von Verwandten und Freunden
Eine soziale Beziehung ist eine „seinem Sinngehalt nach aufeinander gegenseitig eingestelltes und dadurch orientiertes Sichverhalten mehrerer“ (WEBER 2006: 34). Die Eigenschaft des beiderseitig aufeinanderbezogenem Handelns bedeutet nicht, dass die Beteiligten im Einzelfall den gleichen Sinngehalt in sie legen müssen, also Reziprozität bedingt. Der mit der sozialen Beziehung verbunde-‐ ne Sinn forciert Erwartungen, die unterschiedliche Inhalte umrahmen. Soziale Beziehungen können beispielsweise als Feindschaft, Konkurrenz oder Freundschaft auftreten (ebd.: 34f.). Die in der Erhebung betreffenden sozialen Beziehungen zwischen den zu untersuchenden Gästen und Gastge-‐ benden betreffen Verwandtschaften und Freundschaften. In der Sozialpsychologie werden sie als dyadische soziale Beziehungen bezeichnet.
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38 Kinder führen zu einer starken Involvierung in Nachbarschafts-‐ und Verwandtschaftsnetzwerke. Vor allem wegen der reduzierten zeitlichen und emotionalen Ressourcen bestehen eher Kontakte zu Individuen in der gleichen Situation, also zu anderen Fami-‐ lien mit Kindern oder aber zu Verwandten (ALLAN 1979: 120, vgl. BÜHRER 1997: 215). Ob verheiratet oder nicht nimmt jedoch durch die zunehmende Zahl von Individuen in neuen Kernfamilien der Umfang und die Bedeutung von Freundschaftsverhält-‐ nissen zu Gunsten von Verwandtschaftsverhältnissen mit zunehmenden Alter tendenziell ab. Die Auswahl potenzieller Freunde wird geringer, es wird schwerer neue Freunde zu finden. Jedoch setzen Familien-‐ bzw. Partnerbildungen immer später ein (DIJ 2003: 4). Dadurch erfahren Freundschaften in Umfang und Qualität einen um diesen Zeitraum verlängerte Bedeutung.
39 Weitere Abhängigkeiten, wie die vom Sozialstatus und dem Geschlecht sollen ebenfalls nicht näher erläutert werden. Auch wenn sie als bedeutende Merkmale betrachtet werden, die Umfang und Qualität von Freundschaftsnetzwerken beeinflussen, stellen sie kein zentrales Untersuchungsthema der Diplomarbeit dar. Bei der Befragung werden dennoch damit verbundene Variablen zur Kontrolle erhoben und würden für differenziertere Auswertung bereitstehen.
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 33 2.3.1 Verwandtschaft
2.3.1.1 Begriffscharakteristika
Während in der Soziologie der Fokus verwandtschaftlicher Beziehungen auf dem Begriff der Familie liegt, finden sich insbesondere in der ethnologischen Forschung Ansätze, die ‚Verwandtschaften’ als soziale Beziehungen und Organisationsformen breiter aufgreifen. Die ersten Erklärungsmodelle werden von Lewis Henry MORGAN (1818-‐1881) entwickelt (PETERSEN 2000: 13; STONE 2006: 76). Mit seiner Theorie der Blutsverwandtschaft dominierte er die Verwandtschaftsforschung bis in die 1980er Jahre. ‚Verwandtschaften’ sind aus dieser Sicht genealogische Beziehungen, die universal auf dem Prozess der biologischen Reproduktion gründen, unauflösbar, stärker als alle anderen mensch-‐ lichen Beziehungen und nach dem Ethnologen Schneider, „deshalb durch eine instinktive Emotiona-‐ lität gekennzeichnet“ (SCHNEIDER 1984: 167, zit. bei PETERSEN 2000: 26). Auch wenn die Institution ‚Verwandtschaft’ wie dessen Kern, die „Familie“ verschiedene Entwicklungsstufen durchlaufen, sind sie jedoch kulturell und nicht natürlich determiniert 40 . Schneider gebührt die Anerkennung, ‚Blutsverwandtschaft’ nur noch als ein mögliches Erklärungsmodell zu betrachten (PETERSEN 2000: 26ff.). Er empfiehlt, sich dieser Form sozialer Beziehungen empirisch zu nähern, um die dahinter bestehende kulturelle Konstruktion offen zu legen. Zunächst sollen jedoch wichtige Charakteristika dieser Beziehungen zusammengefasst werden, die Forscher dazu veranlassen, sie unabhängig von ihrem kulturellen Kontext überhaupt erst als ‚verwandtschaftlich’ zu begreifen.
Die Anthropologin Stone verweist darauf, dass Verwandtschaften generell die Idee von institutiona- lisierten Rechten und Pflichten inne liegt. Teilweise sind sie rechtlich kodifiziert, in jedem Fall gesellschaftlich normiert (STONE 2006: 5). Auch bei den Soziologen HILL UND KOPP sind mit den konstruierten Rollen durch Regeln soziologisch bestimmte Handlungsweisen verbunden, zu denen, je nach Beziehung, ebenfalls ein Anrecht oder eine Verpflichtung besteht (HILL UND KOPP 2002: 17). Darauf bezieht sich der Bielefelder Soziologe Diewald und betont den hierarchisierten Aufbau von Verwandtschaftsnetzwerken (DIEWALD 1991: 108), selbst wenn sich die Rollenerwartungen
innerhalb des Lebenslaufes eines Individuums ändern oder umkehren 41 . Das heißt auch, dass sie potenziell reziproken Charakter annehmen können.
Reziprozität ist jedoch keine absolute Voraussetzung, weil verwandtschaftliche Beziehungen grundsätzlich unabhängig vom Willen und Handeln der teilnehmenden Individuen auf Dauerhaf- tigkeit angelegt sind (HILL UND KOPP 2002: 10, STONE 2006: 10f.). In dieser Beziehung verbleiben sie
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40 Um den Wandel verwandtschaftlicher Beziehungen zu erklären, steht die Anthropologin Stone in der Tradition dieser Empfeh-‐ lung: „Humans live in groups. To survive, they must be able to construct and maintain more or less cohesive groups. One reason kinship became and remains important in human societies is that it serves as a means of group formation. Indeed, kinship can be used efficiently to form discrete, stable groups that persist over time, beyond live and deaths of the people of a single gen-‐ eration.” (Stone 2006: 10f.). Da mit jeder Generation jedoch die Wahrscheinlichkeit zunimmt, miteinander verwandt zu sein, sind kulturell begründete Abgrenzungen nötig, um bei Verteilungskonflikten, effektiv in (verschiedenen) Gruppen (Netzwer-‐ ken) arbeiten zu können. Diese zunächst natürlich entstehenden und nachfolgend sozial anerkannten oder aberkannten (und dadurch kulturell abgegrenzten) Verwandtschaften sind daher auch die ersten Institutionen, auf denen erste Formen sozialer (und nicht natürlicher) Ungleichheitsprozesse basieren.
41 Die Hierarchisierung basiert u.a. auf den Generationsunterschieden.
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 34
ein Leben lang. Als weitere Merkmale wird auf ihre stark ausgeprägte emotionale Verbundenheit (SCHNEIDER 1984: 167, vgl. bei PETERSEN 2000: 26) sowie der reproduktive Charakter dieser Beziehungen verwiesen (HILL UND KOPP 2002: 10, STONE 2006: 6). Sie umfassen daher mehrere Generationen. Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Verwandtenkreis entscheidet über Ansehen, Besitz und Chancen im gesellschaftlichen Leben, die an folgende Generationen weitergegeben werden (HILL UND KOPP 2002: 17).
Gegenstand der Untersuchung dieser Diplomarbeit sind Teilnehmer, die hauptsächlich in Gesell-‐ schaften leben, die aus ethnologischer Perspektive als „euro-‐amerikanisch“ aufgefasst werden
(PETERSEN 2000: 31). Nach Jack GOODY (1983: 49, vgl. PETERSEN 2000: 31) liegt ihr die Idee der ambilinearen 42 Blutsverwandtschaft zu Grunde. Sie ist christlichen Ursprungs. Durch das im frühen Mittelalter ausgedehnte Heiratsverbot 43 auf weiter entfernte Grade, sowie das Verbot von Schei-‐ dung, Wiederverheiratung, Polygamie wie auch der Adoption von Kindern verhinderte die Instituti-‐ on der Kirche, den Besitz innerhalb einer Verwandtschaftsgruppe durch Heirat zusammenzuhalten.
Der Besitz dieser Familien ging in Fällen ohne leibliche Kinder auf die Kirche über (STONE 2006: 251). Zugleich wurde ein egozentriertes Schema eingeführt, dass die Berechnung der Grade erleichterte und damit die zunehmende Individualisierung aufgreift. Die Gruppenidentität und -solidarität der konkurrierenden Institution ‚Verwandtschaft’ konnte so geschwächt und für die der Kirche genutzt werden (GOODY 1983: 145f. vgl. PETERSEN 2000: 32) 44 . Indirekt prägte die Kirche durch diese Neukonstruktion die Vorstellung von Verwandtschaft bis in die heutige Zeit, in dem echte Verwandte nur noch die Blutsverwandten darstellen und die Kernfamilie eine zentrale Bedeutung erfährt. Nach SCHNEIDER (1968: 107 vgl. bei PETERSEN 2000: 33) werden aus dieser Grundannahme zwei Kategorien von Verwandten abgeleitet: „relatives by blood“ und „relatives by marriage“. Blutsverwandtschaft gründe sich auf der natürlichen Ordnung, die an den Körper gebunden ist und eine Trennung von anderen Blutsverwandten nicht möglich macht. Affinalver- wandtschaft basiert dagegen auf der rechtlichen Ordnung, die durch einen rechtlichen Vertrag, der Ehe, zusammenfinden, durch Scheidung jedoch wieder gelöst werden können. Aufgrund dessen erfährt die Blutsverwandtschaft eine höhere kulturelle Wertung, Affinalverwandte und fiktive Verwandte (z.B. Patenschaften) gelten dagegen nur als sekundäre Formen.
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42 Bei der ambilinearen Deszendenz werden beiderlei Geschlechts berücksichtigt, aber in ihrer Bedeutung unterschiedlich eingeschätzt. Sie ist neben der bilinearen Deszendenz eine Unterform der kognatischen Deszendenz: „Auf Basis von Deszen-‐ denzregeln bestimmen Individuen in der Generationsabfolge eine gemeinsame Abstammung [, die von] dem biologischen Verwandtschaftskriterium […] erheblich abweichen können. [Man unterteilt zwei Haupttypen]: kognatische und unilineare Deszendenz. Kognatische Deszendenz bedeutet die Ableitung der Abstammung über männliche und weibliche Vorfahren. [Bei] unilinearer Deszendenz sind patrilineare und matrilineare Abstammung [zu unterscheiden]. [Letztere begünstigt] die Entste-‐ hung von korporativen Einheiten. Sie sind vermutlich deshalb so häufig in nicht-‐staatlichen Gesellschaften anzutreffen. […] In einigen Kulturen nimmt z.B. nicht der biologische Vater, sondern der Onkel mütterlicherseits die Vaterrolle an. Der biologische Vater (Genitor) gehört weder zur engen noch zur weiteren Familie. […] Dennoch sind Verwandtschaftsregeln deutlich von Lokalitätsregeln, die Wahl des Wohnortes eines Ehepaars nach der Heirat, sowie Herrschaftsformen wie z.B. Matriarchat und Patriarchat zu unterscheiden, auch wenn empirische und theoretische Zusammenhänge existieren“ (Hill/Kopp 2002: 17ff.).
43 Die Ausdehnung wurde durch die ab dem 7. Jhdt. praktizierte Kombination der (patrilinearen) germanischen Zählweise neben der (bilinearen) römischen Zählweise ermöglicht.
44 Goody beschreibt, wie die Kirche gleichzeitig eine spirituelle Verwandtschaft einführt. Gott wird der ‚Vater’, Priester die ‚Väter’, die Mitglieder ‚Brüder’ und ‚Schwestern’, um neue Bindungen zwischen den Menschen einzuführen, die jedoch auch an die Kirche gebunden sind (Goody 1983: 283, vgl. bei Stone 2006: 256).
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 35
Herzstück der egozentrierten Verwandtschaft in euro-‐amerikanischer Perspektive bildet die Kernfamilie. Bei SCHNEIDER (1980: 38, vgl. PETERSEN 2000: 34) gründet sie noch auf dem rechtlichen Vertrag der Ehe und besteht aus einem verheiraten Paar und seinen Nachkommen 45 . Die Kernfamilie bilden zwei aufeinanderfolgende Generationen. Bei den Soziologen HILL UND KOPP (2002: 13) ist es eine auf Dauer angelegte Verbindung von Mann und Frau mit gemeinsamer Haushaltsführung und mindestens einem eigenen (oder adoptiertem) Kind. Weil die meisten Individuen im Laufe ihres Lebens Mitglied von verschiedenen Familien sein können, unterscheiden HILL UND KOPP (2002: 14) zwischen Herkunfts-‐ und Zeugungsfamilie. Da die Ehe aus dieser Definition herausfällt, erhalten Affinalverwandte im Gesamtkonzept der Verwandtschaft bei ihnen eine noch geringere Bedeutung. Eine Sonderstellung nehmen adoptierte Kinder ein, die leiblichen Kindern rechtlich weitgehend gleichgestellt sind - auch kann man sich von ihnen nicht so leicht scheiden lassen wie von Affinal-‐ verwandten. Andererseits werden alleinerziehende Elternteile sowie gleichgeschlechtliche Gemein-‐ schaften mit Kind aus dieser Definition ausgeschlossen und nicht in das Verwandtschaftskonzept integriert.
2.3.1.2 Definition für die Untersuchung
Zur Erfassung der Reiseereignisse von Verwandten wird in der Untersuchung daher nur zwischen „Personen aus der engen Familie“ und „andere Verwandte“ unterschieden. Der „engen Familie“ liegt im Grundsatz das euro-‐amerikanische Konzept der beschriebenen ‚Blutsverwandtschaft’ zu Grunde, es schließt jedoch auch enge Adoptivverwandte sowie alleinerziehende oder gleichgeschlechtliche Elternteile nicht aus - schon weil diese Besonderheiten des familiärem Hintergrunds nicht erhoben werden. Berücksichtigt finden alle rechtlichen Verwandten ersten und zweiten Grades. Dadurch können mehrere Kernfamilien umfasst werden. Verwandte ersten Grades sind Eltern und Kinder der Befragten. Zu den Verwandten zweiten Grades gehören Großeltern, Geschwister (Verwandte in der vertikalen Linie) und Enkel. Weil die Erhebung ausschließlich bei Studierenden erfolgt, ist darauf verzichtet worden, explizit nach ihren Kindern und Enkeln zu fragen. Treten diese Fälle ein, wird über den Begriff „enge Familie“ dennoch eine treffende Zuordnung erwartet. Zu anderen Verwandten werden alle Personen gezählt, die nicht zur ‚engen Familie’ zählen.
Nach den Ehe-‐ oder Lebenspartner als einzigen Affinalverwandten, die rechtlich nicht mit den Befragten (bluts-‐)verwandt, sondern nur verschwägert sind, aber dennoch zur engeren Familie zählen können, wird nicht explizit gefragt 46 . Bei einer Partnerschaft besteht die Annahme, dass beide über den gleichen Wohnsitz verfügen und Reisen zum Wohnsitz des Partners ausschließt. Bei Fernbeziehungen würden Partner zumindest periodisch oder episodisch den gleichen Wohnsitz :::::::::::::::::::
45 Entscheidend ist für ihn jedoch „der Geschlechtsverkehr, da dieser als Akt der Zeugung die Blutsbeziehung zwischen Eltern und Kind kreiere und das Ehepaar zu Genitor und Genetrix mache“ (SCHNEIDER 1980: 38 zit. bei PETERSEN 2000: 34), d.h. das auch andere Partnerschaften einbezogen werden können. Die Beziehungen zueinander sind in diesem Fall über das Kind rechtlich normiert.
46 Ehe bzw. Lebenspartnerschaften sind, sofern sie von beiden Personen freiwillig eingegangen oder akzeptiert werden, als Liebesbeziehungen eine Sonderform der Freundschaft, die über einen rechtlichen Vertrag in eine Affinalverwandschaft über-‐ gehen.
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 36
einnehmen und in ihrem Verhalten Pendlern und weniger Reisenden ähneln 47 . Einzige Ausnahme stellen die Programmstudierenden dar, die selbst nur für einen begrenzten Zeitraum in Berlin wohnhaft sind. In diesen Fällen wird eine Zuordnung durch die Teilnehmer erwartet, die ihrem Verständnis der Partnerschaft entsprechen und den Partner oder die Partnerin zur „engen Familie“
oder als „Freund/in“ zählen. Sind die Partnerschaften nicht rechtlich fixiert, ist zu erwarten, dass sie in diesem Lebensalter als Freundschaften gewertet werden. Alle anderen Personen, zu denen ein eben nicht aufgeführter Verwandtschaftsgrad besteht, werden als „andere Verwandte“ bezeichnet.
2.3.2 Freundschaft
2.3.2.1 Begriffscharakteristika
Freundschaft ist wie Verwandtschaft eine spezifische Form der sozialen Beziehung. Ansätze, Freundschaft theoretisch zu fassen, finden sich bereits in der Antike. Die Entstehungen von Freund-‐ schaften sind dabei Untersuchungsobjekt der meisten theoretischen Arbeiten 48 . Die Sozialpsycholo-‐ gin AUHAGEN (1991: 3) sieht dennoch bis heute keine theoretische Leitlinie für den Begriff gegeben und begreift ihn - ähnlich der Verwandtschaft - als empirisches und historisch wandelbares Phänomen. Wie in den Abschnitten zuvor, werden daher nur bestimmte Charakteristika des Begriffs herausgearbeitet, um sie für die empirische Erhebung zu präzisieren und in der Ergebnisauswer-‐ tung auf eventuelle Erklärungshilfen zurückgreifen zu können.
Dabei zeigt sich unabhängig vom zeitlichen Hintergrund eine wesentliche Eigenschaft, die Freund-‐ schaft auszeichnet: Gleichheit, die mit Wertegleichheit, Gleichrangigkeit, letztlich durch ein austa-‐ riertes Verhältnis des Gleichgewichts in der Beziehung präzisiert werden kann. Nach Aristoteles hat Freundschaft „Werte und Lust zum Ziel und beruht auf Wesensgleichheit“ (ARISTOTELES 1956: 174). In modernen Schriften wird statt der Gleichheit v.a. die Gleichrangigkeit wie beim Kommunikati-‐ onstheoretiker BELL (1981: 10) oder beim Soziologen ALLAN betont. Letzterer schreibt: „Of course this does not mean that those who are friends […] are equal in every respect. Difference is certainly sanctioned [but it] can be tolerated provided and does not undermine the sense that each party has of the other treating them as of equal social worth” (ALLAN 1998: 76f.)”. Ansonsten ist es problema-‐ tisch, eine freundschaftliche Beziehung zu erhalten. Allan ergänzt jedoch, dass „in practice, most friendship ties are between people who share similar social and economic location, thereby rendering the signification of equality easier” (ebd.: 77) 49 .
Mit der sozialen Gleichwertigkeit, sind nicht nur ähnliche Werte und Normen verbunden. Sie ist Bedingung für die Annahme von Reziprozität in der Interaktion und den sozialen Austauschprozes-‐
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47 Nur dass sie nicht zwischen Arbeit und Wohnsitz pendeln, sondern zwischen ihrem und dem Wohnsitz des Partners.
48 Sie werden als Attraktionstheorien zusammengefasst, dazu gehören Theorien der Informationsverarbeitung, Verstärkungstheori-‐ en, Austauschtheorien, Kognitive Konsistenztheorien und Komplementaritätstheorien. Für die Arbeit am relevantesten sind Austauschtheorien. Im Abschnitt „Funktionen von Verwandtschaften und Freundschaften im Vergleich“ wird knapp darauf Bezug genommen.
49 In der Sozialpsychologie wird es als menschliches, also natürliches Grundbedürfnis gesehen, die Meinungen und Einstellungen zu anderen Menschen in konsistenter Beziehung zu erhalten (SCHAUB 2002: 17).
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 37
sen: „Reciprocity is important in all forms of friendship.“ (ALLAN 1998: 77). Sie muss nicht kurzfristig erfolgen, „however, for how long the middle term extends, and how much ‚credit’ or ‚debt’ is permitted will vary from one relationship to another, depending in part upon its history and on the current circumstances of those involved” (ebd.) 50 .
Eine weitere wichtige Voraussetzung, ist die der Freiwilligkeit bzw. der freien Wahl auf der die Freundschaft basiert. Es wird von Autoren verschiedener Disziplinen betont, dass diese Beziehun-‐ gen rechtlich und gesellschaftlich nicht reguliert werden können (BELL 1981: 10, HILLMANN 1982: 224; NÖTZOLD-‐LINDEN 1994: 29; WINSTEAD U.A. 1997: 111; O’CONNOR 1998: 119) 51 . Sie sind ohne spezifische Rollenverpflichtung. Wie sie informell beginnen, können sie auch informell enden. ALLAN (1998: 71) unterstreicht allerdings, dass sie bei Beachtung der Norm der Reziprozität und Gleich-‐ rangigkeit auch nicht gänzlich ohne Verpflichtungen auskommen. Wegen sozioökonomischer, kultureller oder räumlicher Unterschiede grenzen diese Faktoren möglicherweise auch die freie Wahl von Freundschaften ein (ALLAN 1998: 71). 52
Ein letztes Charakteristikum ist das der Verbundenheit. Sie festigt die Einhaltung der Norm der Reziprozität. Die Reziprozität erfordert ein Vertrauensverhältnis 53 , das auf einem bestimmten Grad 54 der emotionalen Verbundenheit basiert, um als Sanktionsmechanismus zu dienen. Wird sie eingehalten, stärkt sie die freiwillig eingegangene Bindung.
2.3.2.2 Definition für die Untersuchung
Unter Freundschaften werden in der vorliegenden Untersuchung freiwillig eingegangene soziale Beziehungen begriffen, die auf Gleichrangigkeit und Reziprozität basieren und deren Interaktions-‐ partner sich in einem Mindestmaß einander vertrauen und verbunden fühlen. Davon unterscheiden sich Bekanntschaften. Letztere können, aber müssen nicht alle diese vier Eigenschaften erfüllen. Bekanntschaften sind soziale Beziehungen, deren einzige Voraussetzung ist, dass man diese Individuen kennt (WEBER 2005: 35) und dass keine andere Form der sozialen Beziehung mit ihnen geführt wird, die mit einer spezifischen Rollenerwartung verbunden wäre (z.B. Nachbar, Kollege etc.).
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50 Ist es aufgrund ungleich verteilter Ressourcen schwierig, die Norm der Gegenseitigkeit zu achten, werden die diese Freundschaf-‐ ten, sofern als Freundschaft gewollt, meist an Plätzen ausgelebt, die soziale und ökonomische Disparitäten weniger sichtbar erscheinen lassen (OXLEY 1974, vgl. bei ALLAN 1996: 77).
51 Auch wenn der Kontakt zueinander möglicherweise rechtlich oder gesellschaftlich sanktioniert wird.
52 „The forms which friendships take vary historically with changes in the dominant characteristics of the social and economic formation in which they occur [and] these impacts on each individual will depend on their specific location […]. Class, ethnicity, gender, caste, age, and whatever […] will impact on the ‘freedoms’ there a re to develop forms of informal relationship and shape the consequent solidarities that emerge” (ALLAN 1998: 71). In Großstädten begünstigen Bevölkerungsgröße und Bevöl-‐ kerungsdichte die Anzahl und die Intensität von Freundschaften. Daher setzt Freiwilligkeit auch erst freie Wahlmöglichkeiten voraus.
53 Vertrauen kann auch anderen sozialen Beziehungen entgegengebracht werden, ohne sich mit ihnen verbunden zu fühlen - z.B. Kollegen. In diesem Beispiel basiert Vertrauen jedoch auf einem Arbeitsverhältnis, das anders institutionalisiert ist und sank-‐ tioniert werden kann -‐ in der Regel mit einer rechtlichen Vereinbarung. Arbeitsverhältnisse oder Nachbarverhältnisse müssen ein freundschaftliches Verhältnis zueinander jedoch nicht ausschließen.
54 Ein konkreter Wert für den Grad der Verbundenheit kann nicht angegeben werden. Wichtig ist, dass sich Freunde überhaupt verbunden fühlen. Der Grad der Verbundenheit kann je nach Freundschaft dennoch variieren.
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 39
nach Autor sind sie unterschiedlich typologisiert. 55 . Art und Umfang der Unterstützungsleistungen hängen von den Charakteristiken der einzelnen sozialen Beziehungen ab, die ein Individuum unterhält, wie auch von der Qualität des Netzwerks, in denen sich diese Beziehungen befinden 56 . Die Dauerhaftigkeit, die Erreichbarkeit und die Verbundenheit einer Beziehung gehören zu den wichtigsten Merkmalen. Je ausgeprägter diese Eigenschaften, desto zuverlässiger können Unterstüt-‐ zungsleistungen mit wenigen Ausnahmen funktionalisiert werden.
Die meisten Studien stellen die enge Familie und andere Verwandte nach dem Ehe-‐ oder Lebenspart-‐ ner als die wichtigste und stabilste Unterstützungsinstanz innerhalb sozialer Netzwerke dar (DIEWALD 1991: 107). Neben den bereits erwähnten Merkmalen, sieht DIEWALD die institutionalisier-‐ ten, z.T. verrechtlichten Rollenverpflichtungen als Hauptgrund. Die Bedeutung von im Haushalt lebenden Angehörigen steht dabei in allen vorhergehend dargestellten Leistungsmerkmalen über den von räumlich getrennt wohnenden (ebd.: 108). Freundschaften sind vorrangig bei Geselligkeit, der Vermittlung von Anerkennung und Wertschätzung, beim Erwerb neuer Kompetenzen und Orientierungen, bei der Vermittlung von Normen und Informationen sowie für die motivationale Unterstützung maßgeblich (ebd.: 110). Die Informationsfunktion erhält nach dem australischen Geografen HUGO eine besonders hohe Bedeutung, je vertrauenswürdiger die Quelle und je ähnlicher die „Codes“ zwischen den Individuen sind. Außerdem sind in Abhängigkeit dieser Eigenschaften die Informationen besser auf die Bedürfnisse der Adressaten ausgerichtet (HUGO 1981: 200ff., vgl. BÜHRER 1997: 34) 57 .
Zu den genannten Funktionen sozialer Unterstützung, die als Teil der Austauschtheorien der Rational-‐Choice-‐Theorie-‐Familie angehören, finden sich Analogien in Sozialkapitaltheorien bei BOURDIEU, COLEMAN oder PUTNAM. Bei diesen Autoren wird soziales Kapital entsprechend des Kapitalbegriffs ebenfalls als soziale Ressource aufgefasst. Es ist jedoch nicht allein auf die Mikroebe-‐ ne beschränkt, sondern wirkt über die dyadischen Beziehungen hinaus (BOURDIEU 2005; COLEMAN 1991: 394, PUTNAM 2001). Eine wie in der Social-‐Support-‐Forschung ähnlich detaillierte Beschrei-‐ bung der unterschiedlichen Ausprägungen sozialen Kapitals auf der Akteursebene findet sich allerdings nur in Ansätzen. Für die Operationalisierung einzelner Variablen sei daher auf die Inhalte :::::::::::::::::::
55 Die Sozialwissenschaftlerin BÜHRER unterscheidet folgende Funktionen: (1) emotionale Unterstützung (Wertschätzung, Gefühlsaustausch, Vertrauen, Betroffenheit, Zuhören), (2) soziale Wertschätzung (Bestätigung, ‚feed-‐back’), sozialer Vergleich, (3) Informationen (Ratschläge, Informationen, Direktiven), (4) instrumentelle bzw. materielle Unterstützung (Geld, Arbeits-‐ vermittlung, Dienstleistungen), (5) Unterstützung in Form von Geselligkeit, soziale Partizipation, soziale Aktivitäten, Vergnü-‐ gen (BARRERA 1981, GRÄBE 1991, HOUSE U.A. 1985, vgl. BÜHRER 1997: 158). Ähnliche Typologien finden sich auch bei anderen Autoren. So verstehen die Sozialpsychologen Kahn und ANTONUCCI (1981: 255ff.) unter der englischen Entsprechung „Social Support“ ‚die drei A’: affect, affirmation und aid.
56 Um die Charakteristiken sozialer Netzwerke zu beschreiben, werden nach MITCHELL UND TRICKETT vier Hauptdimensionen unterschieden: 1. Strukturelle Merkmale (Größe, Dichte, Erreichbarkeit, Grad der Zentralität, Homo-‐ oder Heterogenität, Zusammensetzung), 2. Beziehungsmerkmale (Intensität, Initimität, Kontakthäufigkeit, Dauer, Stabilität, Vielgestaltigkeit (uni-‐ oder multiplexe Beziehungen), Reziprozität), 3. Normativer Kontext, 4. Funktionale Merkmale (soziale Integration, soziale Regulation und Kontrolle, soziale Unterstützung). Da eine Netzwerkanalyse zur Untersuchung der Fragestellungen nicht ange-‐ strebt wird, sollen nur einige dieser Aspekte für die Erhebung einbezogen werden, um den Einfluss der sozialen Beziehung zwischen den Gästen und ihren Gastgebenden auf die Reiseentscheidung zu untersuchen. Dazu gehören die Kontakthäufigkeit, die Dauer und die Verbundenheit.
57 Der Netzwerkanalytiker GRANOVETTER belegt dagegen in seiner Dissertationschrift „Getting a job“ (1973), dass Personen, mit denen man nur wenig Zeit verbringt, vor allem einen besseren Zugang zu neuen Informationen bieten, weil sie sich eher in anderen sozialen Zirkeln bewegen (BECKERT 2005: 293).
Kapitel 2 Tourismus, Migration und soziale Beziehungen 40
verwiesen, die im Untersuchungsmodell als Ausprägungen von sozialem Kapital aufgefasst werden und die Reiseentscheidung für eine Destination als Handlung eines Individuums beeinflussen. Im folgenden Kapitel wird eine geeignete Handlungstheorie für die Untersuchung dieser Reiseentschei-‐ dungen vorgestellt.
Kapitel 3 Eine Handlungs- und Entwicklungstheorie: Die Theorie der Praxis 41
3 Eine Handlungs- und Entwicklungstheorie: Die Theorie der Praxis
Handeln ist nach Max WEBER ein menschliches Verhalten, ein äußeres oder inneres Tun, Dulden oder Unterlassen, dem der Handelnde einen (subjektiven) Sinn gibt. Zu sozialem Handeln wird es, wenn sich der Handelnde in einer bestimmten Rolle in Interaktion auf einen konkreten oder abstraktem menschlichem Gegenüber richtet oder sich in seinem Ablauf daran orientiert (WEBER 2006: 30). Handlungstheorien möchten allgemein Ursache, Wirkung und Struktur dieses Handelns
verstehen und erklären -‐ wie und warum Menschen so handeln, wie sie handeln und mit welchen Folgen für sich, für Institutionen oder für die Gesellschaft. In der modernen Soziologie unterscheidet man mehrere Handlungsebenen, die je nach Theorierichtung einzeln oder in Verbindung miteinan-‐ der als Untersuchungsfeld dienen. Zur Mikroebene gehören Handlungen von Personen, Situationen oder Kleingruppen, auf der Mesoebene werden sie aus der Perspektive von Gruppen, Institutionen oder Organisationen betrachtet, in denen verschiedene Personen bestimmte Handlungsformen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit auch auf der Mikroebene zeigen. Die Analyse von Handlungen aus der Sicht eines Systems oder Teilsystems (wie z.B. der Gesellschaft) erfolgt ausgehend von der Makroebene. (SCHÄFERS 2001: 123)
In seiner Theorie der Praxis versucht Bourdieu Verknüpfungen zwischen diesen Ebenen herzustel-‐
len. Sie besitzt ihren Focus auf der Mesoebene, der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe. Bour-‐ dieu entwickelt seine Theorie jedoch, um die Struktur sozialer Ungleichheit innerhalb von Gesell-‐ schaften (Makroebene) zu begreifen. Diese Struktur reproduziert sich, ist dynamisch und entwickelt sich in einem Prozess, der auf Handlungen Einzelner (Mikroebene) basiert. Mit seiner „Philosophie des Handelns“ (BOURDIEU 1998: 7) arbeitet er sich kritisch an den Handlungstheorien des Rational Choice ab und nennt seinen alternativen Entwurf ‚Theorie der Praxis’ 58 .
3.1 Die Theorie der Praxis
Kernbegriffe der Theorie der Praxis sind die Begriffe ‚Habitus’, ‚Feld’ und ‚Kapital’ und die doppel-‐ sinnige Relation zwischen objektivierten Strukturen (Strukturen der sozialen Felder: und den verkörperlichten Strukturen (Strukturen des Habitus) (ebd.). Er kritisiert „am schmalspurigen Rationalismus, [dass mit ihm] jede Handlung oder Vorstellung als irrational [abgetan wird], die sich nicht auf die explizit als solche gesetzten Gründe eines autonomen, sich seiner Motivationen voll bewussten Individuums zurückführen lässt“ (ebd.). Die Handlungstheorien des Rational Choice stellen Handlungen als Resultat bewusster und freier Entscheidungen dar, ihnen stellt Bourdieu den Begriff des „Habitus als nicht gewähltes Prinzip aller Wahlen“ entgegen 59 . Im Folgenden sollen die
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58 Er lehnt dabei einen Allgemeingültigkeitsanspruch seiner Theorie insofern ab, als dass er nur von Wahrscheinlichkeiten ausgeht und auf die Differenz zwischen einer modellhaft konstruierten Theorie und der Praxis verweist, die sich durch die Modellie-‐ rung zwangsweise ergibt (ebd.: 25).
59 Bourdieu entwickelt den Begriff, um ein Forschungsproblem in seinen Studien über Algerien zu lösen: „Trotz Modernisierung und Ausbreitung des Kapitalismus blieben Handlungsmuster erhalten, die einer Logik der Ehre gehorchten und weder Lohnarbeit noch Kapitalakkumulation [im kapitalistischen Verständnis] verstanden“ (REHBEIN 2006: 88). Der Sozialwissenschaftler König
Kapitel 3 Eine Handlungs- und Entwicklungstheorie: Die Theorie der Praxis 42
grundlegenden Begriffe aus BOURDIEUS Theorie erklärt und im Anschluss die wichtigsten Differen-‐ zen gegenüber den Theorien des Rational Choice herausgestellt werden, um die Eignung der Theorie als Basis für die empirische Untersuchung zu überprüfen.
3.1.1 Habitus
‚Habitus’ ist der Schlüsselbegriff für BOURDIEUS Sozialtheorie. Er ist gesellschaftlich geprägt, wird während der Sozialisation erworben und automatisiert unbewusst mehrheitlich die Handlungen von Akteuren. Im Habitus manifestieren sich vorreflexive Orientierungen (Geschmack, Stil, Neigungen, Grundüberzeugungen), die gegenwärtige und zukünftige Handlungen determinieren und die sich nach Interpretation der Soziologen BOHN UND HAHN (2002: 259) „allenfalls ex post in rationale Begründungen übersetzen lassen“. Da die Akteure über ihr Handeln und daraus resultierende subjektive Erfahrungen auf die Gesellschaft wirken, ist auch der gesellschaftlich geprägte Habitus historisch wandelbar. Bourdieu verweist jedoch darauf, dass er Handlungen nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit erklärt (REHBEIN 2006: 95ff.). Sie können z.B. auch durch Zufall beeinflusst werden. Diese Einflüsse stellen dennoch nur in seltenen Fällen eine einzelne Erklärungsbasis dar. BOURDIEU geht in Anlehnung an LEIBNIZ davon aus, dass Menschen in Dreiviertel aller Handlungen Automaten seien. Er spricht von einem praktischen Wissen, das in praxi und nicht im Bewusstsein der Körper vorhanden ist, um diese Operationsweise des Habitus zu beschreiben. Nach BOHN UND HAHN (2002: 258) wird in seinen Überlegungen jedoch auch darauf verwiesen, dass der Habitus nicht nur entlastend wirkt und situatives Agieren und Reagieren erleichtert, sondern ebenfalls Basis für bewusst vorgenommene oder innovative Lösungen für bestimmte Probleme sein kann und den Habitus mit prägen. BOURDIEU nutzt den Begriff des Habitus, um die (verinnerlichte) Strukturierung eines Subjektes durch die objektive Struktur zu beschreiben, aber auch um die Rückwirkungen, die der Habitus auf diese objektive Struktur ausübt und sie verändert. Mit der objektiven Struktur sind die einzelnen Felder gemeint, in die der soziale Raum ausdifferenziert ist.
3.1.2 Feld
Jedes Feld hat seine eigene Logik. Sie unterscheiden sich durch Regeln, erforderlichen Fähigkeiten sowie durch Ziele und Einsätze voneinander. An dieser Stelle kann der Kapitalbegriff BOURDIEUS integriert werden, denn der Einsatz entspricht dem Kapital, das auf dem Spiel steht und um den sich aufgrund der Knappheit dieser Ressourcen die Akteure streiten: „Die Akteure streben nach den bestmöglichen Positionen auf dem Feld, dazu setzen sie alles ein, worüber sie verfügen und was auf dem Feld zählt“ (REHBEIN 2006: 107). Gleichzeitig versuchen sie die Regeln so zu ändern, dass ihr zur Verfügung stehender Einsatz am besten zur Geltung kommt (ebd.). Felder entwickeln sich daher dynamisch (weiter). Als Feld kann z.B. das System des Tourismus verstanden werden.
wertet Bourdieus recht deutliche Ablehnung der Theorien des Rational Choice jedoch auch als Stigmatisierungsversuch und Instrument innerhalb interner wissenschaftlicher Auseinandersetzungen (KÖNIG 2003: 93).
Kapitel 3 Eine Handlungs- und Entwicklungstheorie: Die Theorie der Praxis 43
Auch sind die Akteure in unterschiedlichem Maße befähigt bzw. unterschiedlich mit Kapitalarten ausgestattet, um das Feld mit diesen Machtmitteln zu beeinflussen und ihre Interessen zu vertreten. Der Kapitalbegriff verbindet Feld und Habitus: „Der Habitus ist abhängig vom Kapital, das ihm auf dem Feld zur Verfügung steht“ (REHBEIN 2006. 111) 60 . Die daraus resultierenden unterschiedlichen Handlungs-‐ und Profitchancen, bilden die soziale Ungleichheit der Akteure innerhalb eines jeden Feldes ab 61 und manifestieren sich in unterschiedlichen sozialen Positionen, die BOURDIEU auch zur Differenzierung verschiedener Lebensstile nutzt. Jede „Positionsklasse entspricht dabei einer Habitus-‐ (Geschmacks-‐) Klasse“ (BOURDIEU 1998: 20f.). Sie sind nur theoretisch konstruiert. Ihre Aufgabe ist es, die Realität nicht vollständig, jedoch mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu erfassen.
Der Wert jeder Kapitalart und deren Ausprägungen können sich je Feld unterscheiden. So kann ein akademischer Titel oder die damit verbundene Ausbildung, die am Geographischen Institut der HU Berlin erworben wurde, in Berufsfeldern der geographischen Wissenschaften bedeutend sein, im Bereich der Germanistik wäre die Ausbildung trotz des akademischen Titels dagegen nur noch eingeschränkt relevant, für den Beruf eines Bauarbeiters tendenziell bedeutungslos 62 . Die unter-‐ scheidbaren Kapitalformen und deren Ausprägungen stellen auch das theoretische Kriterium dar, um die Felder voneinander zu differenzieren. Jedes Feld ist Heim einer eigenen Ökonomie, die BOURDIEU als Teil seiner Soziologie begreift (SCHWINGEL 1995: 86). So unterliegt auch das Feld des Tourismus besonderen Spielregeln.
3.1.3 Kapital
Kapital definiert BOURDIEU als akkumulierte Arbeit. Er begreift sie als Handlungsressourcen, die entweder materiell oder in verkörperlichter Form in Erscheinung tritt. Jeder Einsatz oder jede Nutzung verfügbarer Kapitalformen ist mit einer zeitlich sich verändernden Kapitalausstattung verbunden. Über Transferprozesse steigt oder sinkt je nach Einsatz und Nutzung tendenziell das Kapitalvolumen im Anschluss an eine Handlung. Es ist für ihn ein individuelles Gut, das sich einzelne Gruppen oder Akteure aneignen: „Auf das Kapital ist es zurückzuführen, dass die Wechselspiele des gesellschaftlichen Lebens, insbesondere des Wirtschaftslebens, nicht wie einfache Glücksspiele verlaufen, […] in denen ein ganzes Vermögen gewonnen [und] im nächsten Augenblick […] dieser Gewinn wieder auf Spiel gesetzt und vernichtet [wird]“ (BOURDIEU 2005: 49). Das Kapital kann Profite produzieren, sich selbst reproduzieren oder auch wachsen und ist eine „Kraft, die dafür sorgt, dass nicht alles gleich möglich oder gleich unmöglich ist“ (ebd.). Dabei unterscheidet er ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital. Über diese Analysewerkzeuge beschreibt er die ungleiche Kapitalausstattung von Individuen innerhalb von Gesellschaften, die über den Habitus als soziale Gruppen zusammengefasst werden und über den gruppenspezifischen
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60 Damit möchte er den Gegensatz von Subjekt und Objekt überwinden, die er zwar auch mit den Begriffen „Habitus“ und „Feld“ trennt, jedoch ganzheitlich begreift. Sie bedingen sich gegenseitig.
61 Die sich ebenfalls von Feld zu Feld unterscheiden können.
62 Außer die Beschäftigung ist an die beschriebene Kapitalausstattung gebunden oder z.B. Teil einer wissenschaftlichen Studie.
Kapitel 3 Eine Handlungs- und Entwicklungstheorie: Die Theorie der Praxis 44
Habitus Unterschiede zwischen bestimmten Gruppen herleitet, denen die Individuen angehören 63 . Nur wenn man den Begriff des Kapitals in allen seinen Erscheinungsformen einführt, wird man der Struktur der gesellschaftlichen Welt gerecht. Der wirtschaftswissenschaftliche Kapitalbegriff reduziert für ihn die Gesamtheit der gesellschaftlichen Austauschprozesse auf den bloßen Waren-‐ austausch, „der objektiv wie subjektiv auf Profitmaximierung ausgerichtet und vom (ökonomischen) Eigennutz geleitet ist. Damit erklärt die Wirtschaftstheorie implizit alle anderen Formen sozialen Austauschs zu nicht-‐ökonomischen, uneigennützigen Beziehungen“ (ebd.: 50). BOURDIEU dehnt den Begriff über den ökonomischen Begriff aus, weil nach ihm jede erforderliche Ressource für soziales Handeln als Kapital fungiert (REHBEIN 2006: 111).
3.1.3.1 Ökonomisches Kapital
Nach Bourdieu ist ökonomisches Kapital unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar und eignet sich besonders zur Institutionalisierung in der Form des Eigentumsrechts (BOURDIEU 2005: 52). Er leitet es vom MARX’schen Kapitalbegriff ab. Im Unterschied zu MARX ist ökonomisches Kapital nicht allein auf das Eigentum über die Produktionsmittel bezogen, sondern umfasst alle Formen des materiellen Besitzes. Es ist für ihn die wichtigste Kapitalart, die allen anderen zu Grunde liegt (ebd.: 70). Dennoch lassen sich andere Kapitalarten nicht problemlos auf das ökonomische Kapital zurückführen. Allein schon weil der dahinter stehende ökonomische Wert mit erheblichem Aufwand verschleiert bzw. durch die Verneinung des Ökonomischen euphemisiert wird.
Andere Kapitelarten können über ökonomisches Kapital angeeignet werden, „aber nur um den Preis eines mehr oder weniger großen Aufwandes an Transformationsarbeit. […] So gibt es z.B. bestimmte Güter und Dienstleistungen, […] die nur aufgrund eines sozialen Beziehungs-‐ oder Verpflichtungs-‐ kapital erworben [und dann nur] kurzfristig, zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt werden können“ (ebd.: 70) Die Umwandlung in ökonomisches Kapital ist daher, wie die Umwandlung in andere Kapitalarten untereinander, mit mehr oder weniger hohen Transaktionskosten bzw. Transformati-‐ onsverlusten verbunden. Sie hängen vom jeweiligen Anwendungsbereich ab. Die Verschleierung des Ökonomischen ist mit höheren Kosten oder einem höheren Schwundrisiko verbunden (ebd.: 73). Eine „allgemeine ökonomische Praxiswissenschaft“ muss sich aus diesem Grund bemühen, „das Kapital und den Profit in allen ihren Erscheinungsformen zu erfassen“ (ebd.: 52).
3.1.3.2 Kulturelles Kapital
Kulturelles Kapital tritt für Bourdieu in drei Formen in Erscheinung (ebd.: 55): Als inkorporiertes kulturelles Kapital bezieht es sich auf die kulturellen Kenntnissen und Fertigkeiten und kann nicht durch Tausch, Kauf oder Vererbung kurzfristig weitergegeben werden. Es ist grundsätzlich körper-‐ gebunden, erlischt mit dem biologischen Zerfall des Trägers und setzt Verinnerlichung voraus. Die Akkumulation kostet Zeit, die vom Investor persönlich investiert werden muss (ebd.: 55). Die :::::::::::::::::::
63 Je nach Betrachtung der Ebene erlaubt diese Sichtweise auch, die ungleiche Kapitalausstattung zwischen verschiedenen Räumen als Zustand und Prozess zu erklären. Diese Perspektive erwähnt Bourdieu allerdings nicht explizit.
Kapitel 3 Eine Handlungs- und Entwicklungstheorie: Die Theorie der Praxis 45
erforderliche Zeit ist das Bindeglied zwischen ökonomischem und kulturellem Kapital. Es steht umso mehr Zeit für die Akkumulation von kulturellem Kapital zur Verfügung, je mehr sie von ökonomischen Zwängen befreit ist (ebd.: 58f.). Seine wahre Natur kommt auf allen Märkten zum Tragen, wo das ökonomische Kapital keine volle Anerkennung findet (z.B. Heiratsmarkt). Je seltener die Fähigkeiten oder Kenntnisse, desto wertvoller ist es 64 . Besondere Bedeutung misst er der Akkumulation während der Sozialisation in der Herkunftsfamilie zu. Inkorporiertes kulturelles Kapital bleibt immer von den Umständen seiner ersten Aneignung geprägt, z.B. die typische Sprechweise einer Klasse oder Region. Die Korrektur dieser Ausprägungen ist, wenn sie vorgenom-‐ men wird, wiederum mit einem Zeiteinsatz verbunden. Der Wert wird durch den Einfluss einer Epoche, der Gesellschaft oder einer sozialen Klasse bestimmt (ebd.: 57).
In objektiviertem Zustand ist es auf dem Wege über seine materiellen Träger auch materiell über-‐ tragbar und lässt sich tendenziell leicht in ökonomisches Kapital transformieren. Dazu gehören beispielsweise Gemälde, Bücher, technische Geräte. Übertragbar ist jedoch nur das juristische Eigentum (ebd.: 59). Dagegen setzt die eigentliche Aneignung, also das Interpretieren eines Gemäl-‐ des, das Lesen eines Buches oder das Fahren eines Autos, letztlich die Nutzung des objektivierten kulturellen Kapitals, die Aneignung inkorporierten kulturellen Kapitals voraus (ebd.).
In institutionalisierter Form wird der Mangel seiner begrenzten biologischen Haltbarkeit ausgegli-‐ chen. Schulische oder akademische Titel erkennen beispielsweise das Kulturkapital eines bestimm-‐ ten Trägers institutionell an. Formell wird es vom Träger gelöst. Dadurch können Besitzer dieser Titel miteinander verglichen und auch ausgetauscht werden, in dem sie füreinander die Nachfolge antreten. Der Titel kann auf dem Markt (z.B. dem Arbeitsmarkt) permanent gegen ökonomisches Kapital eingetauscht werden. Der Wert des Titels ist von seinem Seltenheitswert abhängig (ebd.: 63).
Vom Humankapitalbegriff unterscheidet sich kulturelles Kapital nach BOURDIEU insbesondere dadurch, dass beim letzteren nur in Geld direkt konvertierbare Profite einbezogen werden (ebd.: 54) 65 .
3.1.3.3 Symbolisches Kapital
Das symbolische Kapital ist die Form, in der eine der drei anderen Kapitalsorten auftritt und Anerkennung findet. Es ist ausgehend von der wahrgenommenen Struktur der Distribution dieser Kapitalsorten gegliedert, z.B. stark oder schwach, groß oder klein, arm oder reich usw. (BOURDIEU :::::::::::::::::::
64 In Abhängigkeit davon, in welcher Relation die Ressource nachgefragt wird und auf dem Markt (selten bzw. begrenzt) als Angebot zur Verfügung steht.
65 Er bescheinigt der Theorieschule des Humankapitals das Verdienst „Erziehungsinvestitionen […] durch ökonomische Investitio-‐ nen […] in ein Verhältnis [gesetzt zu haben] (BOURDIEU 2005: 54). Unberücksichtigt bleibt für ihn jedoch „die relative Bedeu-‐ tung, […] die die unterschiedlichen Aktoren und Klassen der ökonomischen und der kulturellen Investition beimessen, […] sie stellen die Struktur der unterschiedlichen Profitchancen nicht systematisch in Rechnung, die die verschiedenen Märkte auf-‐ grund der Größe und ihres Einzugsbereiches zu bieten haben. [Sie lassen] die sozial wirksamste Erziehungsinvestition [in der Familie] unberücksichtigt, den das Erziehungssystem zur Reproduktion der Sozialstruktur leistet [und] übersehen, dass ‚Fä-‐ higkeit’ […] auch das Produkt einer Investition von Zeit ist“ (ebd.: 54f.). Seine Äußerungen beziehen sich auf den Wirtschafts-‐ wissenschaftler Gary S. BECKER.
Kapitel 3 Eine Handlungs- und Entwicklungstheorie: Die Theorie der Praxis 46
1998: 109). Die Abhängigkeit von der Wahrnehmung erklärt er in Anlehnung an die verborgenen Mechanismen der Macht. Dabei existiert nach BOURDIEU symbolische Macht, in Abhängigkeit davon,
wie es ihr gelingt, sich anerkennen zu lassen: „Die eigentliche Wirkung dieser Macht entfaltet sich nicht auf der Ebene physischer Kraft, sondern auf der Ebene von Sinn und Erkennen“ (BOURDIEU 2005: 82). Dies setzt eine Kapitalausstattung voraus, die nicht unbedingt existiert, aber unbedingt als solche wahrgenommen werden muss 66 . Symbolisches Kapital ist daher eine Art Kredit, die den Ausprägungen anderer Kapitalarten in Form von sozialem Prestige gewährt wird. Dazu gehören nach den Soziologen FUCHS-‐HEINRITZ UND KÖNIG (2005: 169) z.B. „die Legitimierung des kulturellen Kapitals durch Bildungszertifikate, das Sponsoring, durch das Besitzer von ökonomischen Kapital Anerkennung finden können, sowie alle anderen Formen der Gewinnung und Erhaltung von Prestige [sowie] auch die Verfügbarkeit von Statussymbolen mit entsprechender Wirkung“. Symbolisches Kapital kann in verschiedener Weise in ökonomisches Kapital transformiert werden. Zum Beispiel wenn ein Waschmaschinenreparaturdienst den Namen ‚Christiansen Waschmaschi-‐
nendienst’ annimmt, weil ein deutscher Name bei gleicher Qualität mehr Vertrauen ausstrahlen und mehr Aufträge einbringen mag, der eigentliche Besitzer aber Chikhmous Kajjo heisst. Oder ein Werbespot vor Berliner Kulissen abgedreht wird, damit ein bestimmtes Image der Stadt auch für das beworbene Produkt in seiner Zielgruppe Anerkennung findet. Die symbolisch anerkannte Kapitalausstattung ist übertragbar, wenn der Bezug zum eigentlichen Träger hergestellt wird 67 .
3.1.3.4 Soziales Kapital
Unter dem Begriff des Sozialkapitals fasst BOURDIEU die „Gesamtheit der aktuellen und potenziellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder wenigen institutionalisier-‐ ten Beziehungen […] verbunden sind“ (ebd.: 63) zusammen. Es kann nur auf der Grundlage von materiellen und/oder symbolischen Tauschbeziehungen existieren, zu deren Aufrechterhaltung sie beitragen: „Für die Reproduktion von Sozialkapital ist eine unaufhörliche Beziehungsarbeit in Form von ständigen Austauschakten erforderlich, durch die sich die gegenseitige Anerkennung immer wieder neu bestätigt“ (ebd.: 67). Es ist an die sozialen Beziehungen der Individuen gebunden, daher ist nie gewiss, ob sie einen erwünschten Vorteil bieten: „denn es besteht immer die Gefahr, dass die Anerkennung einer Schuldverpflichtung, die angeblich aus einer derartigen vertragslosen Aus-‐ tauschbeziehung entstanden ist, verweigert wird. Nach dem Netzwerktheoretiker Albrecht ist sie insofern „viel weniger leicht handhabbar und kalkulierbar als z.B. das ökonomische Kapital (AL-‐ BRECHT 2002: 204f., zit. bei FUCHS-‐HEINRITZ / KÖNIG 2005: 168).
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66 Wahrnehmung und Wirklichkeit können aber müssen nicht übereinstimmen.
67 Häufig wird auch das identitätsstiftende kollektive soziale Kapital eines Raumes, das eine bestimmte Anerkennung findet, auf verhältnismäßig viel kleinere Organisationseinheiten übertragen, wenn sich z.B. Parteien mit ihrem Land oder Bundesland und Zeitungen mit ihrem Erscheinungsraum („Wir sind…“) gleichstellen, um von dieser Anerkennung zu profitieren. Ein bestimm-‐ tes Image kann auch die tatsächliche Kapitalausstattung eines Individuums oder Objekts widerspiegeln, sich möglicherweise aber auch länger als in der Realität halten.
Kapitel 3 Eine Handlungs- und Entwicklungstheorie: Die Theorie der Praxis 47
Die wichtigste Eigenschaft von sozialem Kapital sieht BOURDIEU in seinem Multiplikatoreffekt, den es auf ökonomisches, kulturelles und symbolisches Kapital ausübt (BOURDIEU 2005: 64). Er betrachtet Sozialkapital in Anlehnung an seine Perspektive aus der Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Aus dieser Zugehörigkeit ergeben sich „materielle Profite, […] vielfältige mit nützlichen Beziehungen verbun-‐ dene ‚Gefälligkeiten’ und symbolische Profite, die z.B. aus der Mitgliedschaft in einer erlesenen und angesehenen Gruppe entstehen“ (ebd: 65). Er spricht dabei explizit die höhere ‚Kreditwürdigkeit’ an, die sich aus solchen Mitgliedschaften ergeben. Das bedeutet nicht, dass dieser Effekt oder diese Leistungen bewusst angestrebt werden. Grundlage für Sozialkapital ist Solidarität, sie wird jedoch durch die Profite erst ermöglicht (ebd.: 64).
Der Begriff des Sozialkapitals ist der populärste Bestandteil aus der Theorie der Praxis 68 . Bekannt geworden ist der Begriff jedoch erst durch den Soziologen COLEMAN (ALBRECHT 2002: 199f., vgl. FUCHS-‐HEINRITZ UND KÖNIG 2005: 168), der ihn in eine Handlungstheorie des Rational Choice integrierte 69 . COLEMAN konkretisiert das bei BOURDIEU existente Sozialkapitalkonzept, jedoch nicht auf Basis seiner Arbeiten, sondern denen des Ökonomen LOURY (1977). Dennoch sind die Ähnlich-‐ keiten zu BOURDIEU unverkennbar. Die bei ihm genannte Voraussetzung der Solidarität und die ständigen Austauschakte werden bei COLEMAN auf ein Konzept aufgebaut, deren Grundlage die Norm der Reziprozität ist und deren Beziehungen auf Vertrauen basieren, um sie zu entwickeln und zu stabilisieren (COLEMAN 1991: 397). Eine empfundene Nichtbeachtung führt in der Regel zu Auflö-‐ sungserscheinungen, während Vertrauen und die Beachtung der Norm der Reziprozität die Aus-‐ tauschbeziehungen verstärken 70 . Bei BOURDIEU ist diese Beachtung bzw. Nichtbeachtung mit (fehlender) ‚Anerkennung’ etwas weniger konkret umschrieben. Nach COLEMAN müssen Leistungen nicht sofort durch Gegenleistungen ausgeglichen werden. In Vertrauen auf eine spätere Gegenlei-‐ stung werden sie als Kredit vergeben. Daraus ergibt sich für ihn aus Rational-‐Choice-‐Sicht eine direkte Analogie zum ‚Finanzkapital’ (ebd.). Die Leistungen brauchen sich dabei nicht ähneln. Der Vorteil liegt in dem subjektiv unterschiedlich bemessenen Wert der Leistungen, die ausgetauscht werden. Was dem einen lieb und teuer ist, ist dem anderen billig und einfach zu besorgen. Hier bietet die Feldtheorie BOURDIEU, mit dem unterschiedlichen Wert der Kapitalsorten und ihren Ausprägungen, einen besser modellierten Ansatz - gemeint ist jedoch das Gleiche.
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68 Erste Erwähnung findet der Begriff Sozialkapital schon vor Bourdieu. Er ist es jedoch, der ‚Sozialkapital’ in Anlehnung an seine empirischen Arbeiten als erstes in einem größeren theoretischen Konzept festhält (PAXTON 1999: 92).
69 Selbst Becker (1996), mit dem sich Bourdieu als einen Vertreter der Rational-‐Choice-‐Theoretiker in seiner theoretischen Arbeit häufig auseinandersetzt, nimmt den Begriff als analytisches Instrument in seine Handlungstheorie mit auf. Das Konzept des Sozialkapitals findet dabei vor allem bei Netzwerkforschern Anwendung und wird auch in diesem Arbeitsbereich weiterent-‐ wickelt. Neben Coleman gehören dazu insbesondere Putnam, Portes und Flap.
70 Aus Rational-‐Choice-‐Perspektive kann die Nicht-‐Beachtung oder ein möglicher Vertrauensbruch durch Sanktionskosten, also z.B. über die Auflösung der Beziehung, ökonomisch ungünstige Folgen bereiten. Den Erwartungen an die Erfüllung der Norm der Gegenseitigkeit stehen daher auch die Verpflichtungen gegenüber, die Kredite zu begleichen.
Kapitel 3 Eine Handlungs- und Entwicklungstheorie: Die Theorie der Praxis 48
3.2. Theorie der Praxis vs. Rational Choice in der Reiseentscheidung
3.2.1 Theorie der Praxis vs. Rational Choice
Neben dem Sozialkapitalbegriff finden sich auch andere Komplementärbegriffe zu Bourdieu in den Rational-‐Choice-‐Theorien wieder 71 . In der Wirtschaftsgeografie besitzen diese Theorien neben neoklassischen Ansätzen eine Leitfunktion, um vor allem Standortentscheidungen zu beschreiben (KULKE 2004: 66-‐81) 72 . Auch in den Sozialwissenschaften entwickeln sie sich zu einer dominieren-‐ den Forschungsrichtung (KUNZ 2004: 7). Im Folgenden werden nur die für die Untersuchung relevantesten Grundannahmen beider Theorien gegenübergestellt, um die Eignung der ‚Theorie der Praxis’ für die Erklärungen von Reiseentscheidungen nachvollziehen zu können. Sie besitzen weniger Unterschiede, als Bourdieus Abneigung gegenüber den ‚Rational-‐Choice’-‐Theorien zunächst vermuten ließe (Tab. 2).
Die ersten zwei Annahmen zu ‚Rational-‐Choice’-‐Theorien beziehen sich auf ihre strukturell-‐ individualistische Perspektive. Die nachfolgenden vier greifen Grundannahmen der Nutzentheorie auf, die im RREEMM-‐Modell 73 bei LINDENBERG (1985) zusammengefasst sind und sich insbesondere durch die beschriebenen Einschränkungen vom neoklassischen Konzept des homo oeconomicus unterscheiden (KUNZ 2004: 38ff., 174). 74 BOURDIEUS ‚Theorie der Praxis’ negiert nicht alle Grundan-‐ nahmen der ‚Rational-‐Choice’-‐Theorien. Die Nutzenmaximierung ist ebenso Grundlage für sein Modell, wie die Knappheit von Ressourcen als Voraussetzung für den Wettbewerb in den Feldern. Es können neben der strukturell-‐individualistischen Perspektive jedoch zwei wichtige Unterschiede zur Nutzentheorie hervorgehoben werden.
Erstens unterscheidet ‚Rational-‐Choice’-‐Theorien von der ‚Theorie der Praxis’ vor allem die Art und Weise wie Handlungen vorgenommen werden. Bourdieu bezweifelt die Bewertung jeder Situation und die anschließende Entscheidung einer Handlung zwischen zwei oder mehr Alternativen. Bei ihm werden 75% aller Handlungen durch den Habitus unbewusst und vorreflexiv, also automatisch vorgenommen, es kommt gar nicht erst zu einer Wahl (Choice). Dennoch zielen die Handlungen auch bei BOURDIEU unbewusst auf den Erhalt oder die Verbesserung einer Position ab. Dieses Interesse ist im Habitus verinnerlicht. Aus diesem Grund kann das Handeln auch nicht in ‚rationale’ oder ‚irrationale’ Kategorien unterteilt, jedoch das dahinter stehende Kosten-‐Nutzen-‐Kalkül bei
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71 Coleman erarbeitet seinen Sozialkapitalbegriff direkt an den Begriffen des Physischen Kapitals und des Humankapitals (COLEMAN 1994: 392ff.). Sie stehen in seinen „Grundlagen der Sozialtheorie“ (1991) in einem theoretischen Zusammenhang. Physisches Kapital ist Kapital in seiner materialisierten Form. Auf den Begriff des Humankapitals und deren Ablehnung durch Bourdieu ist bereits zu einem früheren Zeitpunkt eingegangen worden.
72 Theorien des Rational Choice werden begrifflich nicht explizit erwähnt. Sie sind stattdessen als „verhaltenswissenschaftliche Ansätze“ (KULKE 2004: 78ff.) eingeordnet. Jedoch entsprechen die Beschreibungen der Denkschule dieser Theorie. Dabei wird anders als bei neoklassischen Ansätzen u.a. auch die begrenzte Rationalität, die Quantität und Qualität des Kenntnisstandes sowie die Fähigkeit berücksichtigt, diese Informationen zu verarbeiten.
73 Die Abkürzung RREEMM steht für restricted, resourceful, expecting, evaluating, maximizing men.
74 Rational-‐Choice-‐Ansätze schließen daher „weder Altruismus, die Orientierung an internen oder ‚weichen’ Anreizen, wie ein schlechtes Gewissen oder das befriedigende Gefühl bei der Befolgung internalisierter Normen, noch […] unvollständige Infor-‐ mationen und selektives subjektives Wissen aus.“ (KUNZ 2004: 40) Auch Altruisten haben Ziele. Und es kann durchaus rational sein, auf vollständige Informationen zu verzichten, wenn bei der Gewinnung Kosten entstehen (ebd.).
Kapitel 3 Eine Handlungs- und Entwicklungstheorie: Die Theorie der Praxis 50
erklären (BRAUN 1993: 302). Seine zusammenfassenden Ausführungen weisen dennoch auf Ähnlich-‐ keiten hin, die eine Integration in ein Reiseentscheidungsmodell auf Basis der Theorie der Praxis erlaubt. Die Tourismuspsychologen HAHN UND HARTMANN (1972) zeigen in einer Untersuchung, „dass es eine Mehrzahl von Einzelentscheidungen nicht gibt, sondern dass Teilentscheidungen miteinan-‐ der zusammenhängen und einander bedingen oder dass gar keine Entscheidung getroffen wurde, weil von vornherein schon eine Festlegung bestand“ (ebd.: 302f.). Ein Versuch von HARTMANN (1978), die Teilentscheidung für ein Reiseland durch ein ‚Erwartung x Wert-‐Modell’ zu erklären, verläuft erfolglos. In dem Modell, das vom Bild eines rational handelnden Menschen ausgeht, werden intrapersonelle Vor-‐ und Nachteile verschiedener Alternativen gewichtet. Im Ergebnis erlaubt das auf einer Rational-‐Choice-‐Methode basierende Modell keine Vorhersagen. BRAUN stellt fest, dass diese Annahme nur unter besonderen Bedingungen zutreffend ist. Stattdessen „entscheiden sich Menschen [häufig] auf der Basis von Gewohnheiten, auf Empfehlung von Vertrauenspersonen, um kognitive Inkonsistenzen auszugleichen“ (ebd.: 305). Der Begriff der ‚Gewohnheit’ verweist deutlich auf Bourdieus Konzept des ‚Habitus’. Zu den Determinanten einer Reiseentscheidung, die BRAUN umfassend nennt, gehören:
„soziale Zugehörigkeiten, Einkommens- und Besitzmerkmale, Konjunkturlagen, persönliche Reisemotive (Werthaltungen, Erwartungen, Interessen, Neigungen, Wünsche), Reiseerfahrungen, soziale Normen, die Attraktivität und das Image verschiedener Urlaubsziele und Reiseformen und die Verfügbarkeit von Informationen. […] Allgemein wird von einem Modell ausgegangen, nach dem Reize auf Bedürfnislagen, Erwartungen, Werte und Ziele einer Person treffen und sie dazu anregen, sich mit dem Thema Reise […] zu beschäftigen. Die Person nutzt dann verschiedene Informationsquellen. […] Sie trifft Teilentscheidun- gen über Reiseziel, Reiseform [und erst anschließend über] Verkehrsmittel, Unterkunft, Verpflegung usw., die aber letztlich eine homogene Gesamtentscheidung darstellen müssen.“ (ebd.: 302)
Es ist daher davon auszugehen, dass bestimmte Vorentscheidungen schon unbewusst festgelegt sind, jedoch einzelne nachfolgende Teilentscheidungen bei Existenz verschiedener Alternativen (Wahl des Verkehrsmittels, der Unterkunft) auch bewusst vorgenommene Entscheidungen wahr-‐ scheinlicher lassen werden, die jedoch in späteren Phasen stattfinden und durch unbewusste Vorfestlegungen beeinflusst bleiben.
Hauptanstöße, um sich mit einer Reise zu beschäftigen, kommen in erster Linie von Freunden, Bekannten und Verwandten (ebd.: 305). Die meisten Arbeiten, die sich mit der Reiseentscheidung beschäftigen, untersuchen den Einfluss über die Informationsquellen der Reisenden. Dabei erhalten die eigenen Erfahrungen von früheren Reisen den höchsten Stellenwert. Zentrale Determinante ist dabei die Zufriedenheit mit dem Reiseziel. Je zufriedener die Person, desto höher ist die Wahr-‐ scheinlichkeit, diesen Ort wieder zu besuchen (ebd.: 306). Als zweitwichtigste Informationsquelle werden Freunde, Bekannte und Verwandte genannt. Diese Ergebnisse können in anderen Untersu-‐ chungen bestätigt werden (u.a. MEIS U.A. 1995: 32; BTM 2002: 28). Daher besteht die Annahme, dass Routinelösungen, auf Basis von eigenen Erfahrungen und den Erfahrungen von Vertrauenspersonen
Kapitel 3 Eine Handlungs- und Entwicklungstheorie: Die Theorie der Praxis 51
aus habituellen Gründen bevorzugt werden, nicht jedoch weil mit der Informationsbeschaffung Kosten verbunden wären. Erst nachrangig finden sich andere Medien (Reiseführer; Reiseberichte in TV, Internet; Reisewerbung, Reisebüro oder nationale und regionale Tourismusbüros) (BRAUN 1993: 304; BTM 2002: 28). Letztere nehmen an Bedeutung zu, wenn eine Entscheidung zum Reiseziel bereits getroffen wurde (BRAUN 1993: 304). Wichtig ist weiterhin, dass in Abhängigkeit von der Reiseform signifikante Unterscheidungen bestehen. So ist z.B. die Reiseentscheidung von Geschäfts-‐ reisenden aufgrund ihres dienstlichen Charakters erwartungsgemäß seltener vom persönlichen Interesse abhängig. BRAUN bezieht sich hauptsächlich auf ‚Urlaubsreisende’.
Bisher unerwähnt bleiben andere Faktoren, die nicht nur für VFR-‐Reisende ausschlaggebend sein dürften. Soziale Kontakte an einer Destination heben nicht nur ihren Wohnort als potenzielles Reiseziel in den Entscheidungsspielraum. Ihnen bekannte und vertraute Personen stellen auch einen Teil der ihnen gewohnten Umgebung und nehmen ihnen auf diese Weise potenziell die Angst vor bisher unbekannten oder weniger bekannten Orten. Ebenso können die Gastgebenden den Habitus ihrer Gäste besser einschätzen und den Aufenthalt ihren Interessen und Zielen entspre-‐ chend optimaler gestalten oder beeinflussen als fremde Personen (verschiedener dem Tourismus-‐ zweig verbundener Institutionen). Weiterhin erfüllt das Zusammensein von Reisenden und Gastge-‐ benden bestimmte soziale und kulturelle Funktionen, die eine Reiseentscheidung weit über die Abwägung ökonomischer Kosten und Nutzen beeinflusst.
3.2.3 Relevanz der Theorie der Praxis vs. Rational Choice für die Untersuchung
Neben diesen dargelegten Vorzügen bei der Untersuchung von Reiseentscheidungen, die im ‚Habitus’-‐Begriff begründet sind, bietet sich Bourdieus Modell aus weiteren methodischen Gründen für die Analyse der Reiseentscheidung gegenüber Rational-‐Choice-‐Modellen an, die im Rahmen der Untersuchung und ihrer Untersuchungssubjektive zweckmäßiger sind. Die Begründungen mögen banal erscheinen, erleichtern jedoch gerade deshalb das bewusste Verständnis für das empirische Vorgehen.
In der Diplomarbeit werden nicht mehrere Handlungsalternativen miteinander verglichen, sondern inwiefern bestimmte Kriterien die eine Handlung ‚Reise nach Berlin’ entscheiden. Daneben bieten die bei BOURDIEU beschriebenen Analysewerkzeugen die Möglichkeit, auch Handlungskriterien einzubeziehen, mit denen entweder kein direkter ökonomischer Nutzen oder Kapitaleinsatz
verbunden wäre oder die nicht leicht zu identifizieren sind, weil sie keine quantifizierbaren oder auf ökonomische Ausprägungen reduzierte Kapitalsorten darstellen. Die Kapitalarten in Rational-‐ Choice-‐Theorien sind allgemein auch zu unscharf formuliert, um sie operationalsieren zu können. 77
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77 Bei Bourdieu können unter kulturelles Kapital auch Agglomerationsvorteile, wie gute, schnelle Transportverbindungen, die Vielfalt der Einzelhandelsstruktur verstanden und dieser Kapitalart zugeordnet werden -‐ mit dem Verständnis der Unmöglich-‐ keit es kurzfristig zu übertragen, weil die Akkumulation Zeit kostet. Ein Pendant aus dem Angebot an Analysewerkzeugen bei ‚Rational-‐Choice’-‐Theorien existiert nicht. So sind Agglomerationsvorteile weder allein in den Produktionsfaktoren physisches Kapital, Humankapital oder der Zeit begründet.
Kapitel 3 Eine Handlungs- und Entwicklungstheorie: Die Theorie der Praxis 52
Auch werden die Unterschiede in Abhängigkeit bestimmter gruppenspezifischer Faktoren unter-‐ sucht. Für BOURDIEU sind Individuen über die Verinnerlichung eines gruppenspezifisch ausgeprägten Habitus bis zu einem bestimmten Punkt austauschbar. Der Habitus wird dabei über die ungleiche Verteilung verschiedener Ausprägungen sozioökonomischer Merkmale einer bestimmten Gruppe zugeordnet. Bei BOURDIEU geschieht es beispielsweise in dem Raum der Lebensstile. In der Diplom-‐ arbeit ist eine derart umfangreiche Erhebung dieser Merkmale nicht vorgesehen. Analysiert werden vornehmlich Abhängigkeiten vom Migrationshintergrund der Gastgebenden, vom Hauptreisemotiv der Gäste und teilweise von der Qualität und dem Typ der sozialen Beziehung zwischen Gastgeben-‐ den und Gästen, die gruppiert miteinander verglichen werden 78 . In der Diplomarbeit werden nur Wahrscheinlichkeiten für entscheidungsrelevante Kriterien analysiert, die eine Handlung, die Reise nach Berlin, in Abhängigkeit von den beschriebenen Merkmalen begünstigen. Ungleich verteilte Ausprägungen bei sozioökonomischen Merkmalen bleiben innerhalb dieser Untersuchung unbe-‐ rücksichtigt, auch wenn sie eine Erklärungsgrundlage darstellen.
Ob die Handlungen bewusst oder unbewusst zu Stande kommen, ist für die Untersuchung der Arbeit insofern ohne Interesse, als dass die Respondenten bewusst mit möglichen Kriterien konfrontiert werden, um deren Relevanz bei der Entscheidung ex post zu bewerten. Die Grundannahmen der Rational-‐Choice-‐Theorien werden nicht abgelehnt. In der Diplomarbeit wird jedoch davon ausge-‐ gangen, dass ihre Vorhersagemöglichkeit sinkt, je weniger Personen in die Entscheidung einbezogen werden müssen, je eher diese Entscheider nur einer bestimmten sozialen Gruppe angehören oder je weniger Personen von der Entscheidung betroffen sind.
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78 Es wäre vermessen, aus den in der Untersuchung analysierten Merkmalen auf die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Lebensstil, eines bestimmten Milieus, letztlich auf einen konkret umrissenen Habitus zu schließen und darüber Handlungen der Individu-‐ en bezüglich einer Reise nach Berlin -‐ bis zu einen bestimmten Punkt -‐ automatisch aus dieser Gruppenzugehörigkeit vorher-‐ sehen zu können.
Kapitel 4 Untersuchungsmodell 53 4 Untersuchungsmodell
Die Auswertung der Untersuchung erfolgt in drei Schritten. Die einzelnen Analyseschritte sind in dem folgenden Untersuchungsmodell dargestellt und umfassen den Kontext zwischen Migration und Tourismus in ihrer raumwirtschaftlichen Bedeutung. Ausgehend von der Theorie der Praxis werden neben dem Reiseentscheidungen, auch ausgewählte (potenzielle) Akkumulationseffekte dieser Handlungen in Hinsicht auf den untersuchten Raum integriert.
Abb. 4: Untersuchungs- und Entwicklungsmodell im System des VFR-Tourismus
Kapitel 4 Untersuchungsmodell 54
Dabei ist ein Reiseereignis selbst schon als ein akkumuliertes Ergebnis vorhergehender Handlungen zu betrachten. Inwieweit sie vom Migrationshintergrund der Gastgebenden abhängen, wird im ersten Schritt untersucht. Dafür sind die Befragten in fünf verschiedene Gruppen unterteilt. Ausge-‐ hend von der Hochschulzugangsberechtigung der Gastgebenden werden die Reiseereignisse bei HZB-‐Berlinern, HZB-‐Brandenburgern, HZB-‐In-‐Migranten aus anderen deutschen Bundesländern und HZB-‐Immigranten sowie Programmstudierende miteinander verglichen. Bei der Trennung der verschiedenen Ebenen sind Kleingruppen der Mesoebene statt der Mikroebene zugerechnet. Je nach Perspektive können sie, aber müssen die Individuen der Kleingruppen nicht die gleiche soziale Gruppenzugehörigkeit besitzen. Die Unterscheidung ist jedoch nicht Thema der Untersuchung.
Folgende Hypothesen werden angenommen und auf ihre Relevanz überprüft:
1. Die Anzahl von VFR-‐Reiseereignissen ist auch in Berlin von Migrationsereignissen abhängig. Gastgebende erhalten mehr Gäste, wenn sie einen Migrationshintergrund aufweisen.
2. Die Anzahl von Reisen, die mit einem Besuch von Verwandten und Freunden verbunden sind, nimmt bei Gastgebenden ab, je länger sie in Berlin wohnen. Sie ist Ausdruck des mit dem Migrationsprozess verbundenen Vergesellschaftungszusammenhangs, der sich mit der zunehmenden sozialen Integration zu Beziehungen im Berliner Raum äußert. Der Migrati-‐ onsprozess verursacht auf Grund der sozialen Verbindung zu anderen Orten jedoch auch nach mehr als zehn Jahren noch höhere Gästezahlen als bei Gastgebenden, die nicht migrier-‐ ten.
3. Um die Wohnsituation der Gastgebenden zu berücksichtigen, wird die Gästezahl auch in Abhängigkeit dieses Merkmals überprüft und ein Einfluss unterstellt.
4. Je mehr einzelne Migrationsereignisse die Gastgebenden in der Vergangenheit absolvierten, desto mehr VFR-‐Reisende empfangen sie.
5. Über vorangegangene Migrationsereignisse der Gastgebenden können die Ursprungsgebiete zukünftiger VFR-‐Reiseereignisse mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden. Je nä-‐
her das Herkunftsgebiet der Migranten an Berlin liegt, desto niedriger ist diese Wahrschein-‐ lichkeit allerdings ausgeprägt.
Eine bestimmte Schwelle für die Entfernung kann nicht konkretisiert werden, es wird jedoch angenommen, dass insbesondere Unterschiede bei Brandenburger Gastgebenden deutliche Differenzen zu HZB-‐In-‐Migranten aus anderen deutschen Bundesländern kenntlich gemacht werden können.
Im zweiten Teil wird untersucht, wie stark der Einfluss der Gastgebenden auf die Reiseentscheidung ihrer Gäste wirkt. Für VFR-‐Reisen und Reisen, die in anderer Form einen Besuch bei Verwandten, Freunden oder Bekannten einschließen, existieren bisher keine Studien, die die Bedeutung des
Kapitel 4 Untersuchungsmodell 55
Reisestandortes mit der Bedeutung der besuchenden Personen bei der Reiseentscheidung mitein-‐ ander vergleichen.
Dieser Teil umfasst den Hauptteil der Analyse und basiert auf der beschriebenen Theorie der Praxis und der ihr zu Grunde liegenden Kapitaltheorie, die als Handlungsentscheidungsmodell genutzt wird, um die Relevanz des Einsatzes und der Nutzung der verschiedenen Kapitalarten und ihren Ausprägungen bei der Reiseentscheidung miteinander zu vergleichen. Es wurde bereits darauf verwiesen, dass Reiseentscheidungen als Prozesse mehrere Phasen durchlaufen - insbesondere, wenn sie bewusst getroffen werden. In der Arbeit ist ausgehend von den Aussagen der Gastgeben-‐ den jedoch nur eine allgemeine Einschätzung möglich, inwiefern welche Kriterien, die Reise überhaupt beeinflussen. Eine Staffelung in mehrere Phasen ist nicht durchzuführen und ausgehend von der Theorie der Praxis auch keine vorraussetzende Bedingung, da relevante Kriterien mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits unbewusst zu einer Reiseentscheidung für den Standort Berlin führen.
6. Angenommen wird, dass eine Reiseentscheidung durch die soziale Beziehung zwischen Gast und Gastgebenden dominiert wird. Die touristische Attraktivität eines Standortes ist für die Reiseentscheidung ebenfalls von herausragender Bedeutung. Das den Beziehungen zwi-‐ schen potenziellen Gästen und Gastgebenden inne liegende soziale Kapital wirkt jedoch als Multiplikator dieser Attraktivität und besitzt darüber einen starken Einfluss auf die Anzahl von Reiseereignissen nach Berlin.
Ausgehend von dem handlungstheoretischen Analysemodell besteht weiterhin die Annahme, dass jede Entscheidung eines Individuums, wenn auch mehrheitlich unbewusst, über den Einsatz oder der Nutzung der vier bei Bourdieu zusammengefassten Kapitalarten getroffen wird. Bei der Reiseentscheidung nutzt das Individuum nicht nur die eigenen zur Verfügung stehenden Kapitalien, sondern verbindet je nach Hauptzweck der Reise seine Handlung auch mit der Kapitalausstattung der von ihm potenziell zu bereisenden Destination. Dazu gehören klimatische Bedingungen, die Übernachtungsmöglichkeiten und Unterkunftskosten aber auch andere Ausprägungen der beschrie-‐ benen Kapitalformen vor Ort. In einem Vergleich mit beispielhaften Ausprägungen ökonomischen, kulturellen und symbolischen Kapitals wird der Stellenwert sozialen Kapitals bei der Reiseentschei-‐ dung untersucht.
In dem Untersuchungsmodell sind dabei mehrere Ebenen voneinander zu trennen. Die Mikroebene, in der ein Einfluss individueller bzw. intrapersoneller, dydadischer Beziehungen untersucht wird. Zu ihnen gehören Ausprägungen sozialen Kapitals dieser Beziehungen. Die Ebene bildet den Schwer-‐ punkt der Erhebung. Inwiefern außerhalb dieser Beziehung stehende Individuen auf die Reiseent-‐ scheidung Einfluss nehmen, kann nicht berücksichtigt werden. Dafür wäre eine Netzwerkanalyse voraussetzend, auf die wegen der begrenzten Möglichkeiten innerhalb der Diplomarbeit verzichtet wird.
Kapitel 4 Untersuchungsmodell 56
Gleiches gilt für die Mesoebene, in der auch eine Gruppierung nach sozioökonomischen Merkmalen ausgeschlossen wird, auch wenn sie die Reiseentscheidung nicht unwesentlich beeinflussen. Allein die Merkmale des Migrationshintergrundes der Gastgebenden, die Hauptmotivation der Gäste und deren Beziehungstyp und -qualität zueinander wird zur Gruppierung und Unterscheidung berück-‐ sichtigt, um bestimmte Wahrscheinlichkeiten für eine Reise nach Berlin in Abhängigkeit dieser Merkmale festzustellen.
Auf der Makroebene werden ausgewählte Standortmerkmale Berlins in den Reiseentscheidungsbil-‐
dung einbezogen. Der Begriff der ‚Makroebene’ ist jedoch insofern nicht vollständig zutreffend, da sich ‚Berlin’ nur auf einen Teilaspekt dieser Ebene bezieht. Konkret gemeint sind kollektiv zur Verfügung stehende Güter und Leistungen, die nicht von einer individuellen Beziehung oder aus der Zugehörigkeit zu einer Gruppe direkt bereitgestellt werden. Dennoch beeinflusst die Zugehörigkeit zu einer dieser individuellen Beziehungen und Gruppen auch die Möglichkeit bestimmte Güter und Leistungen überhaupt erst in Anspruch nehmen zu können, die innerhalb der Diplomarbeit, wie beschrieben nur ansatzweise zur Kenntnis genommen werden.
Bei den Ausprägungen sozialen Kapitals sind zunächst nur emotionale und kognitive Funktionen erfasst. Dazu zählt die ‚Wertschätzung des Zusammenseins’, unter denen Wertschätzung und Geselligkeit verstanden werden. Weiterhin ‚private (freundschaftliche und verwandtschaftliche) Verpflichtungen’ zu einer Reise, ein ‚Sicherheitsgefühl’, das durch die Gastgebenden vermittelt werden kann sowie ‚Erzählungen von meinem Leben in Berlin’. Letztere sind einerseits als Zuhören zu begreifen, zweitens vermitteln sie zwischen Gastgebenden und Gast ein gemeinsames Zugehörig-‐ keitsgefühl, drittens liegt ihnen zusätzlich ein Informationspotenzial inne.
Die beschriebenen Funktionen sind interner Bestandteil dyadischer Beziehungen, können jedoch je nach Untersuchungsperspektive auch einer anderen Ebene zugeordnet werden, beispielsweise, wenn die Gastgebenden selbst als kollektives soziales Kapital der Stadt Berlin begriffen werden. Bestätigen sich die Annahmen in Hypothese (1) bis (4), bereichern Migrationsereignisse nach Berlin als Akkumulationseffekt die Kapitalausstattung der Stadt. Entscheidungen für Berlin, die sich in Zusammenhang mit der gleichzeitigen Reise mehrerer Personen freiwillig für ein Individuum ergeben, werden als „Gruppeneffekt“ erfasst.
Ausprägungen ökonomischen Kapitals sind neben potenziellen ‚beruflichen Verpflichtungen’ alle bei Tourismusuntersuchungen genutzten Ausgabekategorien, die in der Untersuchung als einzelne Merkmale überprüft werden. Zu diesen Gebieten gehören die Bereiche ‚Transport’, ‚Unterkunft’, ‚Verpflegung’, ‚Entertainment und Sightseeing’ sowie ‚Shopping’. Deren kulturelle Ausprägungen werden mit „bequem“, „gut“ oder „einfach“ verstanden. Um sie als ökonomische Kapitalausprägun-‐ gen zu operationalisieren, sind die betreffenden Aussagen, mit dem Adjektiv „günstig“ oder „preis-‐ wert“ verbunden 79 . Die Assoziation ermöglicht den Teilnehmern, selbst die direkte Konvertierbar-‐
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79 Der Unterschied zu den ökonomischen Kapitalausprägungen besteht darin, dass ‚gute Transportverbindungen’ - zumindest
Kapitel 4 Untersuchungsmodell 57
keit des Merkmals in Geld herzustellen und zu bewerten. Die Relevanz ‚preiswerter Transportmög-‐ lichkeiten nach und in Berlin’, ‚günstige Verpflegungsmöglichkeiten’, und ‚günstige Übernachtungs-‐ möglichkeiten’ werden dabei ebenso in den Vergleich einbezogen wie ‚preiswerte kulturelle Angebote’ und ‚preiswerte Shoppingmöglichkeiten’. Auch hier besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Merkmale erst über ihre Bereitstellung innerhalb individueller Beziehungen oder aufgrund einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit an reiseentscheidenden Einfluss gewinnen. Allein für die Übernachtungsmöglichkeiten wird in der Untersuchung jedoch eine Aussage darüber getroffen, inwiefern die Gastgebenden oder andere in Berlin vorhandene soziale Beziehungen auf dieses Entscheidungskriterium wirken.
Als Ausprägungen kulturellen Kapitals zählen in der Untersuchung die ‚vielfältigen kulturellen Angebote’ in der Stadt Berlin, der ‚Besuch eines bestimmten Events’, ‚vielfältige Shoppingmöglich-‐ keiten’, eine ‚gute oder bequeme Transportmöglichkeit nach und in Berlin’, ebenso wie die Tatsache, ob eine Person Berlin bereits besuchte. Auch die ‚Witterungsgegebenheiten zum Zeitpunkt der Reise’, sowie weitere ‚natürlich beeinflusste Ausstattungsmerkmale’ (z.B. Seen und Wäldern) 80 werden mit einbezogen, da sie insbesondere bei Urlaubsreisenden generell einen höheren Stellen-‐ wert besitzen können. Weiteren Ausprägungen kulturellen Kapital wird unterstellt, dass sie nicht ausschließlich jedoch insbesondere über individuelle Beziehungen oder die Zugehörigkeit zu einer Gruppe eine reiseentscheidende Bedeutung erlangen. Werden diese Leistungen über die Beziehung zwischen Gästen und Gastgebenden bereitgestellt, sind sie als Ausprägung sozialen Kapitals zu betrachten. Dazu gehören die ‚Orts-‐ und Sprachkenntnisse der Gastgebenden’ sowie ‚bequeme Übernachtungsmöglichkeiten’ und ‚einfache Verpflegungsmöglichkeiten’.
Mit dem ‚Image der Stadt Berlin’ wird eine Ausprägung symbolischen Kapitals als reiseentscheiden-‐ des Kriterium in den Vergleich aufgenommen. Es ist allein dem Raum Berlin zugeordnet und als Image nicht näher konkretisiert. Allein der Fakt interessiert, inwiefern überhaupt ein Image Einfluss auf die Reiseentscheidung nimmt. Welche bestimmte Kapitalausstattung Berlins konkret mit dem Image anerkannt wird, kann sich zwischen Befragten je nach Gruppenzugehörigkeit (z.B. Lebensla-‐ ge, Lebensstil) unterscheiden und wird nicht untersucht. Auch die Kapitalausstattung, die einem bestimmten Individuum oder einer bestimmten Gruppe in Berlin als Image zugeschrieben wird, bleibt unbewertet.
Um die Qualität der Beziehung zwischen Gastgebenden und Gästen bei der Untersuchung zu berücksichtigen, werden die Gastgebenden nach ihrer gefühlten Verbundenheit mit den Reisenden, dem Grad der Verpflichtung gegenüber ihnen sowie nach der Kontakthäufigkeit zueinander befragt
kurzfristig -‐ nicht für jedes potenzielle Reiseziel gegen Geld bereitstehen. Allgemein würden beispielsweise Flughäfen, die außerhalb von Agglomerationen gelegen sind, bei ausschließlich kommerzieller Nutzung unwahrscheinlich sein. Auch eine je nach Präferenz unterschiedlich gesuchte ‚bequeme Übernachtungsmöglichkeit’ ist nicht in allen Orten über den Transfer von Geld zu erhalten. Die Ausstattungsmerkmale werden daher als kulturelles Kapital verstanden.
80 Auf eine Unterscheidung, inwiefern naturräumliche Gegebenheiten kulturell überprägt sind, wird verzichtet, da sie in allen Fällen als kulturelle Kapitalausprägungen aufgefasst werden.
Kapitel 4 Untersuchungsmodell 58
und die Merkmalsausprägungen bei der Bewertung einzelner Ergebnisse einbezogen. Der unter-‐ schiedliche Einfluss des Beziehungstyps auf die Reiseentscheidung findet in der teilweise differen-‐ zierten Darstellung der VFR-‐Reisenden in VR-‐und VF-‐Reisenden seine Beachtung. Dieses Vorgehen ermöglicht, den Einfluss von ‚Verwandtschaft’ und ‚Freundschaft’ auf die Reiseentscheidung erstens zwischen diesen beiden sozialen Beziehungen und zweitens bei anderen Kriterien, wie beispielswei-‐ se dem Herkunftsort der Gastgebenden oder Gäste zu vergleichen. Bezogen auf den Beziehungstyp wird folgende Hypothese getroffen:
7. Die überwiegende Mehrheit der Reiseereignisse zu Verwandten kann Mitgliedern der engen Familie zugeordnet werden, enge Freunde überwiegen gegenüber Bekannten anteilig bei Reiseereignissen zu Freunden. Je nach Größe des Herkunftsortes der Gastgebenden unter-‐ scheiden sich jedoch die Anteile zueinander.
Inwiefern neben VFR-‐Reisenden auch Reisen mit anderen Hauptreisemotiven durch eine soziale Beziehung in Berlin beeinflusst werden, ist ein wichtiger Nebenaspekt der Untersuchung. Aus diesem Grund wird neben der Unterscheidung nach dem Migrationshintergrund der Gastgebenden auch ein Vergleich zwischen den verschiedenen Reisendentypen angestrebt. Geprüft wird folgende Hypothese in Gegenüberstellung mit Urlaubsreisenden, Geschäftsreisenden und Eventreisenden, die ebenfalls eine soziale Beziehung in Berlin besuchen.
8. Es besteht die Annahme, dass nicht nur VFR-‐Reisende durch eine soziale Beziehung an po-‐ tenziellen Reisedestinationen in ihrer Entscheidung beeinflusst werden. Auch bei anderen Reisendentypen besitzen Einsatz und Nutzung sozialen Kapitals einen herausragenden Stel-‐ lenwert. Bei Geschäftsreisenden wird der geringste Einfluss erwartet.
Im letzten Teil der Analyse werden einzelne Effekte herausgearbeitet, die mit den Reiseereignissen direkt zusammenhängen. Ausgehend vom eingesetzten und genutzten Kapital wären sie als Akkumulationseffekte zu betrachten, die durch die Reisen entstehen. Ausgewählt sind einzelne ökonomische Effekte für den Standort Berlin. Eine zu untersuchende Hypothese lautet:
9. VFR-‐Reisende unterscheiden sich in ihrem Gesamtausgabeverhalten auch bei einer Reise nach Berlin nicht wesentlich von anderen Reisendentypen, sofern diese Reisenden während ihres Aufenthaltes ebenfalls Verwandte oder Freunde in Berlin besuchen.
Es werden auch Effekte auf die Ausstattung sozialen, kulturellen und symbolischen Kapitals auf Ebene der Stadt vermutet, deren Untersuchung im Rahmen der Diplomarbeit jedoch ausbleibt.
Darüber, inwiefern die Reisen weitere Migrationsereignisse auslösen, sind nur ansatzweise Aussa-‐ gen zu treffen und bei der Wiederkehrwahrscheinlichkeit der Gäste mit enthalten. Neben dem Merkmal der Wiederkehrwahrscheinlichkeit wird auch die Anzahl der Reisetage und die Zufrieden-‐ heit der Gäste mit ihrem Reiseaufenthalt erhoben. Da vor allem ökonomische Effekte analysiert
Kapitel 4 Untersuchungsmodell 59
werden, erfolgt dies jedoch vor dem Hintergrund, dass die ökonomischen Effekte nicht einmalig, sondern wiederholt auftreten.
10. Generell wird vermutet, dass die Wiederkehrwahrscheinlichkeit, die Anzahl von Reisetagen und die Zufriedenheit während des Reiseaufenthalts mit einer gastgebenden sozialen Bezie-‐ hung in Berlin zunehmen.
Für die Untersuchung der Hypothese sind auch andere Studien, die sich mit dem Tourismusstandort Berlin auseinandersetzen, in einen Vergleich einbezogen. Auf Grund unterschiedlicher methodischer Herangehensweise bietet die Gegenüberstellung jedoch nur einschränkende Aussagemöglichkeiten und dienen vornehmlich der Orientierung.
Kapitel 5 Methodik 60 5 Methodik
5.1 Auswahlverfahren der Untersuchungssubjekte
In der Diplomarbeit werden die Kriterien der Reiseentscheidung von Gästen analysiert, die während ihres Besuches in Berlin Familienangehörige, Verwandte, Freunde oder Bekannte besuchen. Zunächst überprüft wird dabei, wie stark die Gästezahlen vom Migrationshintergrund der Gastge-‐ benden abhängen. Die für einen Diplomanden eingeschränkten Mittel erlauben eine Primärerhe-‐ bung ausschließlich bei den Gastgebenden. Neben an sie gerichteten Fragen beantworten sie indirekt auch Fragen über ihre Gäste.
Für die Erhebung ist eine universitäre Einrichtung gewählt worden, weil sie erstens bezüglich des Migrationshintergrundes über eine ausreichende Zahl potenzieller Respondenten verfügen, die gruppiert miteinander verglichen werden können. Zweitens besteht als Student ein einfacherer Zugang zu diesen Einrichtungen, die eine Erhebung im Rahmen der Diplomarbeit überhaupt erst ermöglichen. Um an organisierte Strukturen anknüpfen zu können, sind für die Befragung aus diesen genannten Gründen auch Studierende der Humboldt-‐Universität zu Berlin gewählt worden. Zur Grundgesamtheit der Untersuchung gehören alle, die im Sommersemester 2006 an der Hum-‐ boldt-‐Universität eingeschrieben sind. Als teilnehmende Untersuchungsgruppe wurden sie bereits unter Punkt 2.2.3 differenziert und definiert.
5.2 Untersuchungsform und Datenerhebungsmethode
Wegen bereits bestehender Vorkenntnisse, die vorangegangener Untersuchungen zu verdanken sind, sowie der Forschungsfrage wird eine quantitative Erhebung vorgezogen und in Form einer Querschnittsstudie geleistet. Die Teilnehmenden werden über Gäste befragt, die sie im Zeitraum der letzten 12 Monate in Berlin besuchten. Die Anspruchnahme eines Panels mit sinnvoll festgelegten Intervallen ist als Primärerhebung innerhalb der Diplomarbeit nicht möglich. Es werden keine Entwicklungen dokumentiert, die den Zeitraum der letzten zwölf Monate überschreiten und auch innerhalb dieses Zeitraums sind nur begrenzte Aussagen denkbar. So sind einige der befragten Studierenden, insbesondere die Programmstudierenden erst im September 2005 oder März 2006 für eine befristete Zeit hierher gezogen. Die Erinnerungsfähigkeit der Teilnehmer muss ebenfalls berücksichtigt werden. Nach allgemeinen Fragen über die letzten zwölf Monate beziehen sich die Interviews anschließend per Zufall entweder nur auf den letzten Besuch einer freundschaftlichen oder einer verwandtschaftlichen Beziehung. Empfingen die Teilnehmenden mehrere Besuche zur gleichen Zeit, werden die Befragten gebeten, den Gast zu wählen, der zuletzt Geburtstag hatte.
Die Untersuchung erfolgt in Einzelinterviews mittels eines standardisierten Online-‐Fragebogens. Die Reihenfolge der Fragen ist unter Ausnahme der eingesetzten Filter 81 für alle Teilnehmer gleich. In
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81 Die Filterung kann dem Fragebogen entnommen werden. Darüber hinaus gibt es sehr leichte Abweichung zwischen der ersten
Kapitel 5 Methodik 61
der Mehrheit schließen sich an die Fragen geschlossene Antwortvorgaben. Werden bestimmte Antwortkategorien vermisst, besteht in einigen Fällen die Möglichkeit, zusätzlich offen zu antworten (Hybridfragen). Ebenso kann am Ende der Befragung explizit auf fehlende Antwortmöglichkeiten oder den Wunsch nach passenderen Fragen zum Thema hingewiesen werden.
Der Fragebogen wurde in zehn mündlich geführten Gesprächen von je einer Stunde auf Inhalt und Verständnis der Fragen und Antwortvorgaben geprüft, die teilweise die Form eines Leitfadeninter-‐ views annahmen, um sie auf dieser Grundlage mehrfach zu überarbeiten. Die daraus entwickelte Onlinevariante testeten 15 willkürlich ausgewählte Teilnehmer. Bei diesen Pretests, die, wie alle späteren Befragungen ohne persönlichen Interviewer stattfanden, wurde der Fragebogen insbeson-‐ dere auf Ausfülldauer sowie auf mögliche Verständnisprobleme, Ausdruck, Rechtschreibung, Grammatik und logische Fehler in der Abfolge der Fragen begutachtet, dabei konnte zu jedem Fragefenster online ein Kommentar verfasst werden.
Die Entscheidung für diese Form der Datenerhebung basiert zum einen auf der Tatsache, dass bereits einige Studien mit diesem Thema für die Vorbereitung genutzt werden können. Es existiert ein Forschungsstand, der auf den Raum Berlin teilweise übertragen und in einer Erhebung unter-‐ sucht werden soll. Zweitens wird angestrebt, handlungstheoretische Überlegungen für Reiseent-‐ scheidungen, im speziellen für VFR-‐Touristen abzuleiten. In einer quantitativen Erhebung ist das erarbeitete Untersuchungsmodell (Kapitel 4) insofern am besten umzusetzen. Auch aufgrund des Zeitplans sind qualitative und explorative Schwerpunkte bei der Befragung hauptsächlich während der Pretests auf die Konzeption des Fragebogens begrenzt. Die grundlegende Struktur der Fragen basiert auf dem in der Vorbereitung hergeleiteten Untersuchungsmodell. Eine qualitative Nachbe-‐ trachtung der quantitativ erhobenen Ergebnisse ist ursprünglich als zweite Erhebungsphase geplant gewesen. Auf sie wird verzichtet, um die Datenbasis der quantitativen Erhebung auf andere gastgebende Gruppen erweitern zu können und einen Vergleich in Abhängigkeit der verschiedenen Migrationshintergründe der Studierenden zu vervollständigen. Die erste Befragung richtet sich an Programmstudierende, mit der zweiten Befragung werden dagegen vor allem Studierende in grundständigen Studiengängen erreicht. Auch wenn sie eine qualitative Schlussbetrachtung nicht ausgleichen, bietet die Zusammenfassung offener Fragen am Ende der Arbeit interessante Anknüp-‐ fungspunkte für weitere Forschungen zu diesem Thema.
Aus organisatorischen und finanziellen Überlegungen ist eine quantitative Vollerhebung nicht vorgesehen. Die Stichprobenziehung nach einem Zufallsprinzip wäre aus wissenschaftlichen Erwägungen wünschenswert. Um Zugang zu allen potenziellen Befragten zu gewährleisten, würde
Befragung und der Nachfassaktion über den Club Orbis sowie leichte Abweichungen zwischen dem Fragebogen bei Orbis und dem CMS. Diese Abweichungen sind im Fragebogen und bei der Auswertung ebenfalls gekennzeichnet. Der größte Unterschied zwischen dem Orbis-‐ und dem CMS-‐Fragebogen besteht im Wegfall des bilingualen Tools. Bei der Befragung über den CMS werden die Fragen nur in Deutsch gezeigt, um jegliche potenziell verwirrende Information zu vermeiden, die einen Abbruch der Befragung verursachen können. Außerdem wird auf die Frage „Wohnst du noch in Berlin?“ verzichtet.
Kapitel 5 Methodik 62
sie jedoch mindestens eine Befragung per Briefpost voraussetzen 82 . Neben den angesprochenen finanziellen Aspekten wäre sie jedoch ferner durch datenschutzrechtliche Probleme gefährdet oder durch einen zusätzlichen Aufwand für die Verwaltung der HU in Frage gestellt.
Als Alternative wird eine Online-‐Befragung in einer Teilerhebung vorgenommen. Nach Angaben des ‚(N)Onliner-‐Atlas’, einer Studie von TNS infratest, nutzen 88,7% aller Studenten das Internet. Es gibt Unterschiede in Abhängigkeit vom Geschlecht, die sich jedoch bei Studierenden bis zum Abschluss des Studiums vollständig ausgleichen (TNS infratest: 2006: 17, 44).
Die Durchführung einer Online-‐Befragung bietet gegenüber anderen Befragungsformen weitere Vorteile. Sie ist kostengünstiger als eine postalische oder telefonische Befragung und zeitgünstiger als eine persönliche Vor-‐Ort-‐Befragung. Auch ist auf den Umstand hinzuweisen, das Kosten-‐ und Zeitvolumen deutlich unterproportional mit der Anzahl der Teilnehmer steigt. Die Response-‐Rate entspricht in etwa der postalischen Befragung (Lütters 2004: 57ff.) - wobei diese Angaben auch von der Anzahl der Nachfassaktionen und der Betreuung der Probanden abhängt (Bosnjak 2003: 65; Lütters 2004: 63). Weitere Vorteile sind die Zeitersparnis bei der Dateneingabe, eine hohe Reliabili-‐ tät sowie eine hohe und schnelle Rücklaufkontrolle (Lütters 2004: 57).
Ein Vorteil für die Probanden ist der Umstand, dass sie wie bei postalischen Befragungen selbstbe-‐ stimmt über den Befragungsbeginn entscheiden können. Durch die Implementierung von Cookies im Web-‐Browser des Respondenten ist auch eine Wiederaufnahme der Befragung an der Stelle eines möglichen Abbruchs ausführbar. Werden sie nicht gelöscht, erschweren die Cookies auch eine Zweitbefragung der Respondenten 83 . Die Erhebung erfolgt auf Basis der Befragungssoftware Globalpark OPST 5.0.
Die potenziellen Respondenten werden per E-‐Mail über die Untersuchung informiert und gelangen über einen Link direkt zur Befragung. Das Schreiben erreicht die Programmstudierenden über den Newsletter den Clubs „Orbis Humboldtianus“, für Studierende die vornehmlich in grundständigen Studiengängen immatrikuliert sind, wird ein Newsletter über den Computer-‐ und Medienservice der HU Berlin (CMS) verschickt. Vermutet wird, dass nur wenige Programmstudierende über einen Konto beim CMS verfügen.
Der Club „Orbis Humboldtianus“ ermöglicht eine direkte Ansprache der Programmstudierenden. Etwa 1.400 Personen sind hier gelistet. Neue Programmstudierende werden automatisch in den E-‐ Mail-‐Verteiler aufgenommen, sofern sie eine E-‐Mail-‐Adresse angeben. Ehemalige Studierende aus den Austauschprogrammen werden geführt, bis selbstständig eine Abmeldung vom Newsletter erfolgt 84 . Im Sommersemester sind 1.152 Programmstudierende (mit einem nicht-‐deutschen :::::::::::::::::::
82 Für Studierende an der Humboldt-‐Universität ist eine Registrierung mit Telefonnummer oder E-‐Mail-‐Adresse keine Bedingung, um sich immatrikulieren zu können -‐ eine Postadresse dagegen schon, auch wenn sie gerade bei Programmstudierenden keine Garantie darstellt, um sie über den Postweg zu erreichen.
83 Die gültigen Cookies führen jedoch zu einer signifikant niedrigen Ausschöpfungsquote gegenüber Befragungen ohne Implemen-‐ tierung, da z.B. bestimmte Personen erst den Fragebogen durchschauen, bevor sie ihn tatsächlich ausfüllen. (Lütters 2004: 56)
84 Die Zahlen sind in einem persönlichen Gespräch mit Frau Spangenberg von der Abteilung Internationales der HU Berlin genannt
Kapitel 5 Methodik 63
Bildungsabschluss) an der HU immatrikuliert. Daher kann davon ausgegangen werden, dass ein deutlich geringerer Teil als der gelisteten 1.400 Personen für die Befragung zu erreichen ist.
Beim CMS sind ungefähr 18.000 Studierende der HU registriert - jedoch nicht alle mit einem aktiven Konto. Auch wenn die Zahl potenzieller Respondenten beeindruckend erscheint, ist aufgrund der Differenz zur Grundgesamtheit und der fehlenden Informationen über die nicht-‐registrierten Studierenden sowie den Gründen ihrer Nicht-‐Registrierung keine Repräsentativität im wissen-‐ schaftlichen Sinne (SCHNELL U.A. 2006: 305f.) möglich. Nach SCHNELL U.A. handelt es sich um eine Teilerhebung mit einer willkürlichen Auswahl 85 . Weiterhin ist davon auszugehen, dass nur ein sehr geringer Teil der beim CMS erfassten Studierenden über den Newsletter erreicht werden kann. Eine Anmeldung und Neuaktivierung des Kontos beim CMS erfolgt nicht automatisch mit der Immatriku-‐ lation, sie muss aktiv von den Studierenden vorgenommen werden. Nach der Anmeldung kann die Registrierung alle sechs Monate durch die Vergabe eines neuen Passworts verlängert werden, während dieses Prozesses wird auch der bestehende Immatrikulationsstatus überprüft. Ein Motiv für die Anmeldung ist hauptsächlich der Zugang zum WLAN-‐Netzwerk und zu anderen internetrele-‐ vanten Angeboten verschiedener HU-‐Institutionen. Mit der Anmeldung erhalten die Studierenden eine E-‐Mail-‐Adresse der Universität, die vom CMS für die Kommunikation mit den Studierenden genutzt wird. Wie bei jeder E-‐Mail-‐Adresse muss für den Empfang ein Mail-‐Programm entsprechend konfiguriert sein. Es besteht die Annahme, dass nicht alle Studierenden ihre Programme zum Empfang dieser E-‐Mails entsprechend einstellen, weil sie für die Nutzung der meisten CMS-‐ Leistungen nicht erforderlich ist. Der Newsletter, der über die Befragung informiert, wird in Folge dessen auch nicht allen registrierten Studenten innerhalb des Befragungszeitraums zukommen. Eine Schätzung dieses Anteils ist nicht möglich.
5.3 Datenqualität
5.3.1 Repräsentativität
Die genannten Gründe verhindern die Repräsentativität der erhobenen Daten. Eine Orientierung an bestimmten zur Verfügung stehenden Merkmalen der Grundgesamtheit und ihren Ausprägungen wird nicht vorgenommen. Selbst wenn das erhobene Datenmaterial beispielsweise entsprechend des Geschlechts, der Bildungsherkunft oder des Alters neu gewichtet in die Auswertung einbezogen würde, könnte dieses ‚Redressment’ eine Repräsentativität nicht garantieren. Weitere Merk-‐ malsausprägungen der Grundgesamtheit fehlen, um sie mit der Stichprobe zu vergleichen. So kann der Besitz eines Laptops mit WLAN-‐Karte zu einer höheren Wahrscheinlichkeit führen, an der Befragung teilzunehmen, während ein Urlaubsaufenthalt innerhalb des Erhebungszeitraums die Teilnahmewahrscheinlichkeit reduziert. Bei beiden Merkmalen wäre eine Abhängigkeit vom
worden.
85 „’Willkürliche Auswahlen’ sind Auswahlen, bei der die Entscheidung über die Aufnahme eines Elementes der Grundgesamtheit in die Stichprobe unkontrolliert durch einen Auswahlplan nur im Ermessen des Auserwählten liegt.“ (SCHNELL U.A. 2006: 297)
Kapitel 5 Methodik 64
sozioökonomischen Status nicht auszuschließen, der Einfluss auf die Untersuchungsergebnisse nimmt. Auch die Ursachen für einen Abbruch nach Befragungsstart oder eine Verweigerung der Respondenten, einzelne Variablen zu beschreiben, können vor einem systematischen und nicht zufälligen Hintergrund der Selbstselektion erfolgen und schließen repräsentative Ergebnisse aus (SCHNELL U.A. 2006: 470).
5.3.2 Reliabilität
Angaben über die Reliabilität der Befragung bzw. über die Verlässlichkeit einzelner Messinstrumen-‐ te können aus mehreren Gründen nicht getroffen werden. Als Maß für die Reproduzierbarkeit von Messergebnissen wäre eine wiederholte Befragung desselben Objekts voraussetzend (DIEKMANN 2004 vgl. bei WELKER 2005: 26; SCHNELL U.A. 2005: 151). Die Wiederholung einzelner Messinstrumenten mit inhaltlich identischen Items ist aus zeitlichen und motivationstechnischen Gründen innerhalb desselben Fragebogens nicht zu vertreten. Die Abbruchrate würde systematisch gesteigert und nähme einen negativen Einfluss auf die Validität der Befragung. Alternativ hätte der Umfang des Fragebogens reduziert werden können. In der Folge würden jedoch wesentliche Messinstrumente der Untersuchung fehlen.
Weitere Möglichkeiten bestehen in zwei vergleichbaren Messungen zum selben Zeitpunkt (WELKER U.A. 2005: 26) oder der Aufspaltung bestimmter Instrumente in jeweils der Hälfte ihrer Items (SCHNELL U.A. 2005: 152f.). Weil kein direkter Zugriff auf die Kontaktadressen oder Persönlichkeits-‐ profile potenzieller Respondenten besteht, um mindestens zwei Teilmengen zu bilden und mitein-‐ ander vergleichen zu können, muss davon abgesehen werden. Aus Gründen des Datenschutzes wird dieser Zugriff auch nicht angestrebt, um die Bereitschaft der an der Befragung beteiligten Institutio-‐ nen zu erleichtern. Stattdessen wird eine ‚Qualitätsvariabel’ über die Befragungssoftware OPST 5.0 generiert 86 . Sie basiert auf der Annahme, dass Fragen, die in sehr kurzer Zeit beantwortet werden und signifikant vom Median der benötigten Zeit abweichen, keine zuverlässigen Angaben darstellen. Diese Daten werden bei der Auswertung nicht berücksichtigt.
5.3.3 Validität
Die Validität dient als Maß, um die Gültigkeit der Messinstrumente auf ihre Messeigenschaften zu überprüfen (SCHNELL U.A. 2005: 154; WELKER U.A. 2005: 25). Der Unterschied zur Reliabilität besteht darin, dass falsch eingestellte Messinstrumente zuverlässig systematische Fehler produzieren
können, die Daten wären in diesem Fall reliabel jedoch nicht valide. Die Gültigkeit wird über drei verschiedene Validitätsformen beurteilt: ‚Inhaltsvalidität’, ‚Kriteriumsvalidität’ und ‚Konstruktvalidi-‐ tät’. In den Sozialwissenschaften wird häufig nur die Messung der ‚Konstruktvalidität’ zur Beurtei-‐
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86 Der Median dieser Qualitätsvariable (bzw. ihrer Ausprägung) beträgt 0,5. Alle Fragebögen, die einen Wert von 0,25 unterschreiten oder von 0,75 überschreiten, werden aus der Auswertung ausgeschlossen. Verweilen die Teilnehmenden mehr als fünf Minu-‐ ten in der Befragung, wird die Spanne auf 0,2 bis 0,8 ausgedehnt. Bei Programmstudierenden werden wegen möglicher Sprachbarrieren auch längere Antwortzeiten je Frage also ein höherer Wert als 0,8 berücksichtigt.
Kapitel 5 Methodik 65
lung der Gültigkeit vorgenommen 87 (SCHNELL U.A. 2005: 156). Um verschiedene Variablen, die zusammen als Konstrukte bezeichnet werden, auf Konvergenz oder Diskriminanz zueinander zu überprüfen, wird eine theoretische Beziehung zwischen ihnen hergestellt. Anschließend werden diese Beziehungen als gültig oder ungültig bestätigt, um abzusichern, nur die Sachverhalte sicher zu messen, die mit den jeweiligen Messinstrumenten gemessen werden sollen (SCHNELL 2005: 158). Dafür wären in der Befragung umfangreiche Pretests mit verschiedenen Variablen nötig, die auf Grund der begrenzt zur Verfügung stehenden Zahl von Respondenten, die Befragung selbst gefähr-‐ deten. Es wäre nicht auszuschließen, dass potenzielle Respondenten schon an den Pretests teilneh-‐ men und sich darüber ihre Ausfüllbereitschaft oder ihr Ausfüllverhalten ändert. Auch sind keine Daten über sie vorhanden, um gleiche Untersuchungsgruppen zu bilden. Auf eine Validitätsprüfung der Instrumente wird daher verzichtet. Die in der Untersuchung genutzten Variablen sind theore-‐ tisch hergeleitet, jedoch nicht methodisch auf ihre Messeigenschaft überprüft.
5.4 Erhebungszeitraum
Die per E-‐Mail zu erreichenden Mitglieder des Club „Orbis Humboldtianus“ werden inklusive einer Nachfassaktion zwischen dem 15.7.bis 28.7.2006 befragt (siehe Abb. 5). Aufgrund des geringen Männeranteils (28,45%) folgt eine Nachfassaktion, um zumindest ihre absolute Zahl zu erhöhen. Wegen des Endes ihrer Programmstudienzeit ist dieser Zeitraum einerseits besonders gut für eine Erhebung geeignet. Wegen des sommerlichen Wetters ist andererseits möglicherweise mit einer geringeren Rücklaufquote als in anderen Jahreszeiten zu rechnen.
Gewählt werden musste darüber hinaus ein Zeitraum, der nicht in die Klausurenphase am Ende des Semesters fällt. Der Sommer und die vorlesungsfreie Zeit ist auch ein Grund dafür, die Befragung über einen Link im Newsletter des CMS auf den Monat September zu verschieben. Sie erfolgt vom 8.9. bis 19.9.2006. Wegen der hohen Teilnehmerzahl und einer etwa dem HU-‐Durchschnitt entspre-‐ chenden Geschlechterverteilung wird auf eine entsprechende Nachfassaktion über den CMS verzichtet.
Beide Erhebungen starten am Beginn eines Wochenendes. Der geringere E-‐Mail-‐Verkehr in dieser Zeit erhöht vermutlich die Aufmerksamkeit für die jeweiligen Newsletter. Weiterhin verbleibt beim Lesen am Wochenende wahrscheinlich mehr Zeit zum direkten Ausfüllen des Fragebogens.
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87 Für die Messung der ‚Inhaltsvalidität’ gibt es keine objektiven Kriterien (SCHNELL U.A. 2005: 155). Sie wird über die Operationali-‐ sierung der theoretischen Begriffe bewertet - wie sie im Untersuchungsmodell festgehalten und im Vergleich dazu im Frage-‐ bogen wieder gegeben werden. Mit der ‚Kriteriumsvalidität’ wird der Zusammenhang zwischen zwei voneinander (vermute-‐ ten) abhängigen Variablen gemessen, die sich bei einer Untersuchung entweder sehr ähneln oder stark unterscheiden sollten. Hat ein Teilnehmer bei einer Befragung angegeben, Vegetarier (=Kriterium) zu sein, so würde er bei einer weiteren Frage, wie häufig er pro Woche Fleisch isst, die Frage mit ‚gar nicht’ beantworten müssen, um die Gültigkeit dieses Zusammenhang zu bestätigen. Diese Abhängigkeiten können jedoch nicht immer so eindeutig wie in diesem Beispiel zur Beurteilung der Gültigkeit genutzt werden (WEGENER 1983 95F. VGL. BEI SCHNELL 2005: 156).
Kapitel 5 Methodik 66
Abb. 5: Zugriffe pro Tag innerhalb des Erhebungszeitraums
5.5 Beteiligung an der Befragung
Über die versandten Newsletter erfolgen im Befragungszeitraum 706 Zugriffe auf die für diesen Zweck freigeschaltete Website. 671 Respondenten beginnen auch die Befragung, knapp zwei Drittel beenden sie (siehe Abb. 6) 88 . Um ihn auszufüllen benötigen die Respondenten im arithmetischen Mittel etwas weniger als 15 Minuten.
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88 Die Nettobeendigungsquote beträgt 66,02%. In der Bruttobeendigungsquote von 62,75% werden auch die Abbrüche auf der Startseite berücksichtigt. Die Startseite ist mit einleitenden Worten zur Befragung versehen, stellt jedoch selbst kein Bestand-‐ teil der Erhebung dar. Sie ist wie in dieser Onlineumfrage generell die Seite mit der höchsten Abbruchquote (Lütters 2004: 66).
Kapitel 5 Methodik 67
Abb. 6: Beteiligung bei der Online-Umfrage
In die Auswertung werden die Fragebögen von 430 Teilnehmenden einbezogen. Dazu gehören alle Fragebögen, die entweder zu mindest 90% ausgefüllt sind oder vom Median der Qualitätsvariable 89 nicht mehr oder weniger als 50% abweichen, um die Fragen zu beantworten. Eine Ausfüllquote von 90% können auch Teilnehmende erreichen, die in den letzten zwölf Monaten keinen Besuch von Freunden oder Verwandten während einer Berlin-‐Reise erhielten. Über einen Filter überspringen sie alle Fragen zu potenziellen Gästen. Diese Fragen werden bei der Berechnung der Ausfüllquote nicht als fehlend betrachtet.
5.6 Teilnehmendenprofile
Der Gruppe der Programmstudierenden sind 128 Fragebögen und den HZB-‐Immigranten 32 Fragebögen zuzuordnen. Bei den Teilnehmenden mit deutschem Bildungsabschluss haben 96 ihre Hochschulreife in Berlin erlangt, 32 im Land Brandenburg und 143 als HZB-‐In-‐Migranten in anderen deutschen Bundesländern (Tab. 3 und 4). Die Beteiligungsquote fällt bei den Programmstudieren-‐ den mit einem Anteil von 11,1% aller an der im SS06 an der HU immatrikulierten Programmstudie-‐ renden auf Grund der Ansprache über den Club Orbis sehr hoch aus 90 . In den anderen Untersu-‐
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89 Die Variable umfasst die durchschnittlich benötige Zeit zum Ausfüllen der einzelnen Fragen. Mehr dazu unter Punkt 5.3.2.
90 Der Anteil der nicht mehr an der HU immatrikulierter Programmstudierenden, die in dieser Untersuchungsgruppe an der Befragung teilnahmen, liegt unter 2%. Für die Teilnahme mussten sie in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung an der HU studiert haben.
Kapitel 5 Methodik 70
Die Frauenquote weicht nur bei den HZB-‐Brandenburgern und Programmstudierenden deutlich vom Anteil an der HU ab, beträgt jedoch auch in diesen Untersuchungsgruppen nicht mehr als zehn Prozentpunkte. Angaben zu Alter, Einkommen und Bildungsherkunft der Teilnehmenden sind abgebildet, um weitere, mögliche Differenzen gegenüber Durchschnittswerten der Grundgesamtheit aller HU-‐Studierenden dokumentieren zu können. Neben dem Geschlecht stehen für diese Diplom-‐ arbeit jedoch nur Daten über die Bildungsherkunft zur Verfügung, um sie mit der Grundgesamtheit zu vergleichen. Mit wenigen Ausnahmen finden sich hier keine deutlichen Abweichungen. 99 Wie beschrieben, erlauben sie keine Rückschlüsse auf die Repräsentativität der Erhebung.
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99 Aufgrund der kleinen Stichprobe wirken sich mögliche Abweichungen bei den HZB-‐Immigranten stärker aus, die drei wichtigsten Länder sind jedoch unter den ersten drei Rängen vertreten (Polen, Bulgarien und Russland). Bei den Programmstudierenden sind Teilnehmende aus den USA deutlich unterrepräsentiert. Bei den Teilnehmenden mit deutscher Bildungsherkunft weicht der Anteil der HZB-‐Berliner aus den bereits vermuteten Gründen stark vom HU-‐Durchschnitt ab. In der Auswertung werden sie jedoch als eigene Gruppe analysiert, so dass diese Unterschiede weniger berücksichtigt werden müssen.
Kapitel 6 Ergebnisse 71 6 Ergebnisse
Die Ergebnisse der Untersuchung werden entsprechend den Schritten des Analysemodells vorge-‐
stellt. Im ersten Abschnitt erfolgt die Prüfung des Zusammenhangs der Zahl von VFR-‐Reisen mit auf Berlin gerichteten Migrationsereignissen. Inwiefern das zwischen den Reisenden und ihren Gastgebenden inne liegende soziale Kapital, die Reiseentscheidung beeinflusst, wird anschließend herausgearbeitet. Ausgewählte Potenziale von VFR-‐Touristen, insbesondere ökonomische Effekte ihrer Handlungen bilden das Thema des dritten Teils der Untersuchung.
6.1 VFR-Tourismus und Migrationsbewegungen nach Berlin
6.1.1 Anzahl der Gäste
Eine zentrale Hypothese der Diplomarbeit ist, dass die Anzahl von VFR-‐Reisen nach Berlin stark von Migrationsereignissen in diesem Raum abhängen. Betrachtet werden in der Analyse nur Abhängig-‐ keiten von (HZB-‐)Migranten, die nach Berlin wanderten. Sie sind den HZB-‐Berlinern gegenüberge-‐ stellt. Auf die Frage, ob in den letzten zwölf Monaten überhaupt ein Besuch empfangen wurde, erreichen alle Gastgebenden einen höheren Anteil von VFR-‐Besuchen, wenn sie ihren Schulab-‐ schluss nicht in Berlin erwarben 100 . 99,3% aller HZB-‐In-‐Migranten, 93,8% aller Programmstudie-‐ renden und 90,6% aller HZB-‐Immigranten werden mindestens einmal besucht, während fast 25% aller HZB-‐Berliner in den letzten zwölf Monaten keine Gäste empfangen.
Diesen statistischen Zusammenhang verdeutlicht Abb. 7 mit der Anzahl der Gäste. HZB-‐In-‐ Migranten bekommen dabei mit 10,6 Personen und Programmstudierende mit 9,95 Gästen die meisten Besuche. Ein t-‐Test bestätigt die signifikante Abhängigkeit der Ergebnisse von der Zugehö-‐ rigkeit zu einer Untersuchungsgruppe 101 . Mit 5,46 Gästen pro Gastgebenden werden die HZB-‐ Berliner im Vergleich zu allen anderen Gruppen am seltensten frequentiert. Selbst gegenüber Programmstudierenden, die fünf oder weniger Monate in Berlin leben, erhalten sie weniger Besuche. Hypothese 1 kann daher nicht widerlegt werden. Die jährliche Anzahl der Gäste ist deutlich höher, wenn die Gastgebenden einen Migrationshintergrund aufweisen. Eine Teilnehmerin bezieht
sich auf das Thema des Fragebogens und beschreibt es so: „Gebürtige Berliner sollten diesen Link nicht zugesandt bekommen ;)“.
Ein auffällig hoher Wert der Varianz bei den HZB-‐Brandenburgern und HZB-‐Immigranten in der Abb. 7 soll ebenfalls nicht unerklärt bleiben. Viele aus dem Berliner Umland kommende Branden-‐ burger weisen vermutlich eine den Berlinern ähnliche Gästezahl auf. Während Brandenburger, die :::::::::::::::::::
100 Mit Ausnahme der HZB-‐Brandenburger, sie erreichen einen gleich hohen Anteil wie die HZB-‐Berliner.
101 Die Aussage bezieht sich auf den Vergleich von HZB-‐Berlinern zu den einzelnen anderen Gruppen. Gegenüber Programmstudie-‐ renden werden Werte von t = 3,43, Sig. (zweiseitig) = 0,001 erreicht, gegenüber HZB-‐In-‐Migranten liegt der Wert t bei 4,99, der Wert der zweiseitigen Signifikanz in einem Konfidenzintervall von 95% liegt bei = 0,000. Das heißt, es besteht eine Wahr-‐ scheinlichkeit von 0,1% und 0,0%, dass die Unterschiede ein Produkt zufälliger Verzerrungen sind. Gegenüber den HZB-‐ Immigranten und HZB-‐Brandenburgern ist der t-‐Wert niedriger ausgeprägt und die Wahrscheinlichkeit der Zufälligkeit mit je etwa 20% deutlich höher, im Umkehrschluss jedoch weiterhin zu 80% sehr unwahrscheinlich.
Kapitel 6 Ergebnisse 72
in der Uckermark oder der Lausitz ihre Schule beendeten, auf dem hohen Niveau von HZB-‐In-‐ Migranten liegen dürften 102 . Die unterschiedliche räumliche Distanz zu Berlin begründet so den hohen Wert der Varianz.
103 Abb. 7: Anzahl der Gäste in den vergangenen zwölf Monaten
Auch bei den Gästezahlen der HZB-‐Immigranten werden Distanzunterschiede vermutet 104 . Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Herkunftsländer von Programmstudierenden. Während letztere zuvor überwiegend in anderen EU-‐Ländern oder den USA wohnten, sind bei den Immigranten auch Teilnehmer aus Chile, Südafrika, der Ukraine oder Äthiopien vertreten, die im Vergleich miteinander ein differenzierteres kulturelles oder soziökonomisches Profil der Teilnehmer erwarten lassen, auch die Reisedistanz potenzieller Gäste aus dem Herkunftsland nach Berlin variiert stärker. Dagegen lässt die unterdurchschnittlich geringe Varianz bei den Programmstudierenden auf eine im Ver-‐ gleich zu den anderen Untersuchungsgruppen besonders gleichmäßig hohe Anzahl von Gästen je Befragten schließen, die nicht allein mit dem Herkunftsort begründet sein kann.
6.1.2 Einfluss der Wohndauer und des Einladungsverhalten
Dass Migrationsereignisse eine Form des Übergangs von einem Vergesellschaftungszusammengang in einen anderen darstellen, die sich in einer abnehmende Gästezahl bei zunehmender Wohndauer äußert, ist Annahme der zweiten Hypothese. Dafür wird die Wohndauer der Gastgebenden in
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102 Die Bildungsherkunft nach Landkreisen oder kreisfreien Städten wurde nicht erhoben.
103 Um die Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Untersuchungsgruppen zu gewährleisten, wird eine für alle Gruppen geltende Zeitspanne fixiert. Insbesondere für Programmstudierende, die nur für einen kurzen, befristeten Zeitraum in Berlin weilen, ist dieses Vorgehen problematisch. Für die Grafik werden innerhalb der Untersuchungsgruppe der Programmstudierenden daher drei weitere Gruppen gebildet, die zwischen dem zehnten und neunten Monat sowie dem sechsten und fünften Monat getrennt sind. Werden generell nur Teilnehmende berücksichtigt, die mindestens zwölf Monatein Berlin leben, ergeben sich keine signifikanten Änderungen. Während die Anzahl der Gäste bei den Immigranten steigt (8,51 Gäste), sinken sie - trotz des größe-‐ ren Zeitraums - etwas bei den Brandenburgern (7,4) und In-‐Migranten (10,55). Die zwei verbliebenen Programmstudierenden erhalten im arithm. Mittel 8 Gäste. Bei den HZB-‐Berlinern ändert ein fehlender Teilnehmender den Wert auf 5,52 Gäste.
104 Gemeint ist nicht nur die räumliche Distanz. In der Datenerhebung wurde jedoch aus methodischen Überlegungen darauf verzichtet, eine Vielzahl unterschiedlicher Faktoren zur Unterscheidung zu berücksichtigen. Einige sozioökonomische Merk-‐ malsausprägungen der Teilnehmenden sind dokumentiert. Distanzen können zudem verschiedene Qualitäten aufweisen
(Kosten etc.). Bei der räumlichen Distanz kann die Lage des Herkunftsortes (z.B. seine infrastrukturelle Einbettung) innerhalb eines Landes Einfluss bestimmend sein.
Kapitel 6 Ergebnisse 73
Verbindung mit ihren Gästezahlen sowie ihr Einladungsverhalten untersucht. Die Häufigkeit von Einladungen zu Reisen wird als ein Indikator für die Stärke der sozialen Integration in andere Räume begriffen 105 . Sie zeigen sich in deutlichen Unterschieden zwischen und innerhalb der gastgebenden Gruppen. 94% aller Besuche, die Programmstudierende empfangen, werden von
ihnen zu dieser Reise über eine Einladung ermutigt. Ein Anteil, der in keiner weiteren Gruppe erreicht wird. Eine Vertreterin des Akademischen Auslandsamtes der HU schätzt, dass der begrenzt zur Verfügung stehende Zeitraum für die Programmstudierenden dieses Phänomen erklärt: „Sie nutzen ihre Zeit intensiver“ 106 .
Abb. 8: Einladeverhalten der Gastgebenden
Die ein-‐ bzw. zweisemestrigen Studienprogramme enden in der Regel mit dem Sommersemester. Die Vertreterin verweist damit indirekt auf den Vergesellschaftungsprozess in den Berliner Raum, der bei ihnen aufgrund der beschränkt zur Verfügung stehenden Zeit vermutlich am geringsten ausgeprägt ist. Im Gegensatz dazu lädt nur eine knappe Mehrheit der Berliner auch die Gäste ein, die von ihnen besucht werden. Die geringere Zahl von Gästen bei den Berlinern ist auch in diesem Zusammenhang verständlicher. Es ist zu vermuten, dass das Einladungsverhalten der Gastgebenden die Zahl ihrer Gäste beeinflussen 107 , auch wenn es, z.B. auf Grund der unterschiedlich zurückzule-‐ genden Distanz der Gäste oder der Wohndauer der Gastgebenden, nicht alle Unterschiede zwischen den Gästezahlen der untersuchten Gruppen erklärt (Abb. 8).
Der statistische Zusammenhang zwischen dem Einladungsverhalten und der Wohndauer kann - bis auf einige Ausnahmen -‐ nicht widerlegt werden. Die Wahrscheinlichkeit, als Gast eingeladen worden zu sein, sinkt bei HZB-‐In-‐Migranten bis zu einer Wohndauer von vier bis sieben Jahren auf etwa :::::::::::::::::::
105 Gemeint ist die Qualität bestehender Kontakte außerhalb Berlins. Über die Stärke der sozialen Integration in den Berliner Raum erlaubt dieser Indikator dagegen keine Aussage, weil mit den ‚Einladungen’ nur auf die außerhalb Berlins wohnenden Kontakte Bezug genommen wird.
106 Persönliches Interview mit Frau Spangenberg von der Abteilung Internationales der HU Berlin. Die zum Ergebnis gehörende Antwort ist nur den Teilnehmenden gestellt worden, die auch besucht wurden.
107 Da nur Fragen zum letzten Besuch gestellt wurden, existiert keine Datenbasis, die eine Berechnung der Korrelation zwischen den Merkmalen ‚Einladung’ und ‚Anzahl der Gäste in den letzten zwölf Monaten’ erlauben.
Kapitel 6 Ergebnisse 74
65%, um anschließend wieder etwas anzusteigen. Bei Immigranten steigt sie generell mit der Wohndauer 108 .
Betrachtet man nur den statistischen Zusammenhang zwischen der Wohndauer der Gastgebenden
und der Anzahl ihrer Gäste, fällt das Ergebnis deutlicher aus. Die Wohndauer für sich allein steht, anders als ‚Einladungen’, nicht für die Stärke sozialer Integration in andere Räume, sondern für den Vergesellschaftungszusammenhang in den Berliner Raum 109 . Wie sie die Gästezahl beeinflusst, wird im Folgenden ausgehend von den HZB-‐In-‐Migranten dargelegt. Sie stellen nicht nur die zahlenmäßig am stärksten vertretene Gruppe in der Untersuchung, ebenso betreuen sie die höchste Zahl an Besuchern und ihre Wohndauer ist in den zu analysierenden gruppierten Zeiträumen am breitesten gestreut 110 .
Abb. 9: Anzahl der Gäste in Abhängigkeit von der Wohndauer
Die meisten Gäste erhalten sie mit durchschnittlich 15,64 Personen zwischen dem ersten und zweiten Jahr (Abb. 9) 111 . Mit zunehmender Wohndauer sinkt sie anschließend deutlich 112 . Dass die Zahl der Gäste von HZB-‐In-‐Migranten jedoch auch nach zehn Jahren mit jährlich 7,5 Besuchern 113 noch klar über dem Niveau der HZB-‐Berliner von 5,46 Gästen liegt, ist mit ihrem weiterhin stärker ausgeprägten Vergesellschaftungszusammenhang in Räume außerhalb Berlins zu erklären. Mit
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108 Allerdings wurde nicht gefragt, wie häufig die Gastgebenden Einladungen aussprechen, sondern nur untersucht, wie mit welcher Wahrscheinlichkeit der besuchende Gast eine Einladung erhalten hat. Der Indikator kann daher eher eine qualitative als quan-‐ titative Aussagekraft zu bestehenden Beziehungen treffen, die nach Berlin reisen.
109 Der Indikator ist auf den Wahrheitsgehalt dieser Aussage nicht überprüft worden, sondern als Annahme zu verstehen. Andere neben der Wohndauer bestehende Faktoren, die die Integration eines Individuums in seine soziale Umgebung beeinflussen, bleiben unberücksichtigt.
110 Bei den HZB-‐Brandenburgern und HZB-‐Immigranten ist die Anzahl der Teilnehmenden für eine Differenzierung zu gering. Die meisten Programmstudierenden verbleiben weniger als zwölf Monate in Berlin, während HZB-‐Berliner mehrheitlich schon mehr als zwanzig Jahre in Berlin wohnen. Bei Letzteren ergeben sich auch keine auffälligen Unterschiede in Abhängigkeit davon, ob es nun zwanzig oder dreißig Jahre sind. Sie sind in diesem Fall eher vom Lebensalter oder der Lebenslage abhängig zu betrachten. Die Merkmale sind jedoch für eine Analyse interessanter, wenn die Untersuchung nicht nur auf Studierende begrenzt wäre.
111 Berücksichtigt man die Tatsache, dass eine Wohndauer von unter zwölf Monaten, bezogen auf die Fragestellung, die Gästezahlen negativ beeinflusst, fällt die Besucherfrequenz in den ersten Monaten allerdings nicht geringer aus.
112 t-‐Test zwischen den Wohndauer-‐Gruppen ‚13 bis 24 Monate’ und ‚121 bis 240 Monate’: t = 2,79, Sig. (2seitig)= 0,011. 113 In dieser Gruppe sind die Werte der Varianz (11,4) und der Standardabweichung (3,37) sehr gering ausgeprägt.
Kapitel 6 Ergebnisse 75
zunehmender Wohndauer erleidet dieser nach außen gerichtete Zusammenhang einen Bedeutungs-‐ verlust gegenüber dem in Berlin bestehendem sozialen Netzwerk, in das die Gastgebenden inte-‐ griert sind. Die Besucherzahlen sinken entsprechend, womit auch Hypothese 2 nicht widerlegt wird. Das Einladungsverhalten zeigt allerdings, dass die über den Raum Berlin ausgedehnten sozialen Beziehungen weiterhin die Gästezahlen der HZB-‐In-‐Migranten positiv gegenüber den HZB-‐Berlinern beeinflussen.
6.1.3 Einfluss der Wohnsituation der Gastgebenden
75,3% aller untersuchten Gäste übernachten bei ihren Gastgebenden. Weil die Wohnsituation der Gastgebenden einen in Hypothese 3 vermuteten Einfluss auf die Anzahl der Gäste besitzt, ihr Migrationshintergrund die Wohnsituation jedoch auch teilweise beeinflusst, soll sie in den folgen-‐ den Zeilen Berücksichtigung finden. So wohnen HZB-‐Berliner häufiger mit ihren Eltern oder einem Elternteil zusammen (Abb. 10), während Programmstudierende auf Grund ihres befristeten Aufenthalts im Vergleich zu den anderen Untersuchungsgruppen öfter in einer Wohngemeinschaft oder in einem Studentenwohnheim (mit eigenem Zimmer) und am seltensten alleine leben.
Abb. 10: Wohnsituation der Gastgebenden
Wie nun Abb. 11 zeigt, erhalten Alleinwohnende generell signifikant weniger Besuche als Gastge-‐ bende, die in einer WG leben, unabhängig davon welche Untersuchungsgruppe man betrachtet. Da der Anteil von Alleinwohnenden bei Immigranten (29%) höher ist als bei Programmstudierenden (13,8%), begründet die Wohnsituation auch teilweise die signifikant geringere Zahl von Gästen bei Immigranten. Würden genauso viele Programmstudierende in WGs oder Studentenwohnheimen
leben wie Immigranten, bekämen sie auf Grundlage ihrer Gästezahlen 114 8,25 Gäste pro Jahr und
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114 D.h. 61,3% aller Programmstudierenden wären WG-‐Bewohner und bekämen durchschnittlich 9,06 Gäste, 29% wohnen alleine und erhalten 7,00 Besucher und 9,7% bekommen im Wohnheim 6,86 Personen zu Besuch -‐ bei Vernachlässigung der anderen
Kapitel 6 Ergebnisse 76
damit nur noch etwa 0,5 Gäste mehr als HZB-‐Immigranten. Der hohe Anteil von Berlinern (16,8%), die bei ihren Eltern wohnen sowie der im Vergleich geringere Anteil von WG-‐Bewohnern kann auch eine niedrigere Anzahl von Besuchen bei den Berlinern erklären.
Abb. 11: Anzahl der Gäste in Abhängigkeit von der Wohnsituation
Die Ergebnisse bestätigen jedoch, dass die Wohnsituation nicht die Unterschiede bei den Gästezah-‐ len zwischen den einzelnen gastgebenden Gruppen vollständig ausgleichen und der Migrationshin-‐ tergrund unabhängig von der Wohnsituation weiterhin eine herausragende Bedeutung besitzt. So
fallen die Gästezahlen bei den allein und in WGs wohnenden HZB-‐Berlinern geringer aus als in allen anderen Gruppen, während HZB-‐In-‐Migranten diese Vergleiche anführen und sich auch Programm-‐ studierende und HZB-‐Immigranten deutlich von den in der gleichen Wohnsituation befindlichen HZB-‐Berlinern abheben 115 .
Als unverhofftes Ergebnis verbleibt der positive Einfluss, den Wohngemeinschaften auf die Entwick-‐ lung der Gästezahlen ausüben. In allen Untersuchungsgruppen empfangen gastgebende WG-‐
Wohntypen.
115 Nur Brandenburger, die alleine wohnen, erhalten weniger Besuche (n=9). Die Aussage bezieht sich auf den Vergleich von HZB-‐ Berlinern zu den einzelnen anderen Gruppen bei der Anzahl von Gästen in WGs. Gegenüber HZB-‐In-‐Migranten werden Werte von t = 3,14, Sig. (zweiseitig) = 0,001 erreicht, gegenüber Programmstudierenden bei liegt der Wert t bei 2,01, der Wert der zweiseitigen Signifikanz in einem Konfidenzintervall von 95% liegt bei = 0,048. Gegenüber den HZB-‐Immigranten ist der t-‐ Wert niedriger ausgeprägt und die Wahrscheinlichkeit der Zufälligkeit mit etwa 32% deutlich höher.
Kapitel 6 Ergebnisse 77
Bewohner 116 mehr Gäste als Gastgebende in anderen Wohnsituationen. Gegenüber Alleinwohnen-‐ den erklärt wahrscheinlich ihr potenziell größeres Platzangebot teilweise die Unterschiede bei den Gästezahlen (Abb. 12). Die weniger hierarchisierte und mit den Besuchenden eher übereinstim-‐ mende Zusammensetzung einer WG beeinflusst die Gästezahlen vermutlich jedoch deutlicher, da Gastgebende, die bei ihren Eltern wohnen, trotz einer höheren Aufnahmefähigkeit, wesentlich weniger Besuche empfangen. Insofern beeinflusst auch der Anteil an WGs in einer Stadt ihre Gästezahlen - zumindest wenn Studierende die Gastgebenden stellen.
Abb. 12: Anzahl potenziell aufzunehmender Gäste in Abhängigkeit von der Wohnsituation
6.1.4 Einfluss weiterer Migrationsereignisse bei den Gastgebenden
Ausgehend von den bisher dokumentierten Ergebnissen, besteht die Frage, wie sich weitere Migrationsereignisse im Leben der Gastgebenden auf die Zahl ihrer Gäste auswirken. Hypothese 4 unterstellt einen positiven statistischen Zusammenhang. Die Respondenten werden gefragt, ob zwischen ihrem Herkunftsort, an dem sie den Großteil ihrer Schulzeit verbrachten, und ihrem derzeitigen Wohnort mindestens ein weiteres Migrationsereignis erfolgte 117 .
Die Teilnehmenden unterscheiden sich im Vergleich der arithmetischen Mittel ihrer Gästezahlen tatsächlich voneinander. Gastgebende, bei denen ein weiteres Migrationsereignis zwischen Berlin und ihrem Herkunftsort liegt, besitzen überraschenderweise geringere Besucherzahlen. Bei Immigranten sind es 24,6% und bei Brandenburgern durchschnittlich 30,9% weniger Gäste, bei In-‐ Migranten noch 9,1%. Programmstudierende zeigen mit 3% weniger Besuchen den geringsten Unterschied. Im Gegensatz zu den anderen Gruppen, erfolgt ihre Migration nach Berlin jedoch nur :::::::::::::::::::
116 Dabei wurde die Zustimmung etwaiger Mitbewohner für potenzielle Gäste berücksichtigt.
117 Konkret wurde nach der Einwohnerzahl des letzten Wohnortes gefragt. Anschließend erfolgte die Frage, ob die Respondenten dort auch den Großteil ihrer Schulzeit verbrachten. Wenn sie die Frage bejahten, erfolgte keine weitere Migration zwischen ihrem Herkunftsort, verneinten sie die Frage, ist mit Ausnahme der HZB-‐Berliner in jeder Untersuchungsgruppe mindestens von einem weiteren Migrationsereignis zwischen dem Herkunftsort und ihrem derzeitigen Wohnstandort auszugehen. Bei den HZB-‐Berlinern wird ein Migrationsereignis festgestellt, wenn sie nicht die Aussage „Ich bin in Berlin geboren und habe schon immer hier gelebt“ ankreuzen, ein weiteres, wenn sie darüber hinaus angeben, in dem stattdessen angegebenen Ort auch nicht den Großteil der Schulzeit verbracht zu haben.
Kapitel 6 Ergebnisse 78
für einen begrenzten Zeitraum. Auch die Wohndauer und die erfolgte soziale Integration an den anderen Zielorten der Migration wären aus diesem Grund für eine genaue Erklärung zu berücksich-‐ tigen. HZB-‐Berliner haben bei nur einem Migrationsereignis etwas mehr Gäste als Berliner ohne diese Erfahrungen. Bei einer weiteren Migration erhalten sie jedoch 41,8% weniger Besuche, als Personen, die gar nicht oder nur einmal migrierten. Die t-‐Tests weisen die dargestellten Unterschie-‐ de nicht als signifikant aus 118 . Jedoch üben weitere (oder bestimmte) Migrationsereignisse der Gastgebenden auch keinen positiven Einfluss auf die Zahl ihrer VFR-‐Touristen aus. Dagegen besteht der Verdacht, dass sie einen negativen Effekt besitzen, der insbesondere bei den HZB-‐Berlinern auffällt. Die Hypothese 4 wurde in jedem Fall widerlegt.
6.1.5 Vorhersagemöglichkeit der Herkunftsorte von VFR-Touristen
Mit der fünften Hypothese sind zwei Annahmen formuliert. Über vorangegangene Migrationserei-‐ gnisse können die Ursprungsgebiete zukünftiger VFR-‐Reiseereignisse mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden. Je näher das Herkunftsgebiet der Migranten an Berlin liegt, desto niedriger ist diese Wahrscheinlichkeit jedoch ausgeprägt.
Der erste Teil der Hypothese wird über die Häufigkeit eines in der Vergangenheit gemeinsamen Wohnortes überprüft. Bis auf die HZB-‐Berliner ist sie in allen gastgebenden Gruppen mit Werten zwischen 72,4% und 83,3% stark ausgeprägt (Abb. 13) 119 . Darüber ob dieser Ort auch mit dem letzten Wohnort der Gastgebenden übereinstimmt, bevor sie nach Berlin migrierten, erlaubt dieses Resultat keine Aussage. Jedoch wäre sie als Annahme bis auf die Gruppen der Programmstudieren-‐ den mit deutlicher Mehrheit zutreffend 120 . Unabhängig davon kann die mit der Hypothese vermutete Vorhersagemöglichkeit bestätigt werden. Etwa Dreiviertel aller VFR-‐Touristen bei den Gastgeben-‐ den mit Migrationshintergrund, kommen aus ihren ehemaligen Wohnorten.
Allerdings sinkt die Vorhersagemöglichkeit mit abnehmender Distanz zwischen Berlin und den aktuellen Wohnorten von VFR-‐Touristen. In der Analyse sind dafür ausschließlich Migranten mit deutscher Bildungsherkunft und deren Bundesland des Wohnsitzes berücksichtigt. Dabei reisen die wenigsten Gäste aus den Bundesländern an, in denen die Gastgebenden ihr Abitur ablegten und die von Berlin aus am schnellsten zu erreichen sind 121 : Brandenburg (52,4%), Sachsen-‐Anhalt (50%)
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118 Programmstudierende mit vs. ohne weiteres Migrationsereignis als unabhängiges Merkmal im Vergleich zu ihren Gästezahlen: t = 0,263, Sig. (zweiseitig) = 0,793; HZB-‐Immigranten: t = 0,705, Sig. (zweiseitig) = 0,487; HZB-‐In-‐Migranten: t = 0,622, Sig. (zweiseitig) = 0,536; HZB-‐Brandenburger: t = 0,834, Sig. (zweiseitig) = 0,413; HZB-‐Berliner: t = 1,79, Sig. (zweiseitig) = 0,078
119 Der überraschend hohe Anteil von 45,8% für die Gruppe der HZB-‐Berliner weist ebenfalls auf zahlreiche Migrationsereignisse hin, die mit den empfangenen VFR-‐Touristen in Verbindung stehen. Entweder sind die Gastgebenden vor ihrer Hochschulreife nach Berlin gezogen, wohnten zwischenzeitlich woanders oder ihre Gäste lebten einmal in Berlin und migrierten in andere Orte. Aufgrund der geringeren Migrationshäufigkeit dieser Gastgebenden liegt die Quote dennoch deutlich unter denen ande-‐ rer Gruppen. Auf dieses Merkmal wird in der folgenden Fußnote noch einmal hingewiesen.
120 Die Häufigkeit, dass kein weiteres Migrationsereignis zwischen Berlin und dem Wohnort existiert, in dem der größte Teil der Schulzeit verbracht wurde, ist bei Programmstudierenden aufgrund des programmbedingten Wechsels des Studienortes mit 53,7% am geringsten. Bei HZB-‐Immigranten beträgt der Anteil 61,3%, bei HZB-‐In-‐Migranten 67,8% und bei HZB-‐ Brandenburger und HZB-‐Berlinern knapp je 75%. Bei den Berlinern ist diese Quote gleichzeitig ein Hinweis dafür, dass knapp ein Viertel den größten Teil der für ihrer Schulzeit nicht in Berlinverbrachten.
121 Dieser Beurteilung liegt die räumliche Distanz zwischen der Berliner Landesgrenze und den Grenzen der genannten Bundeslän-‐ der zu Grunde. Eine differenzierte Erklärung der Distanz zwischen Berlin und den anderen Bundesländern kann nicht ange-‐ strebt werden. Es wären weitere Faktoren zur Distanzmessung (Verkehrsanbindung, Besiedlungsdichte, Kostendistanz, räum-‐
Kapitel 6 Ergebnisse 79
und Sachsen (58,3%), während bei den Gastgebenden, die in Baden-‐Württemberg oder Bayern ihr Abitur ablegten zu 85,7% auch Gäste aus diesen Bundesländern erhalten. Als Erklärung dient die Annahme, dass die schwindende Distanz einen Besuch eher als Tagestrip ermöglicht, mit der sich das Reiseverhalten grundlegend ändert. So schreibt z.B. eine HZB-‐Brandenburgerin: „Meine Familie besucht mich oft nur einen Tag. Da sie in der Nähe wohnen [übernachten sie] auch nicht bei mir“. Auch die höhere Fortzugsrate aus den erst genannten Bundesländern könnte die Unterschiede erklären. Wenn ihre Gäste selbst in andere Orte migrierten, werden sie aufgrund der sich verän-‐ dernden Distanz zu Berlin mit einer höheren Wahrscheinlichkeit als Reisende erfasst, wohnen jedoch gleichzeitig nicht mehr am alten Wohnort der Gastgebenden.
Abb. 13: Anteil der Gastgebenden, die mit ihren Gästen bereits einmal am gleichen Wohnort lebten
6.1.6 Einfluss der Herkunftsorte der Gastgebenden
Wenig überraschend überwiegt die Gästezahl aus dem Kreis der ‚engen Familie’ die Zahl der ‚anderen Verwandten’ bei den Gastgebenden ebenso deutlich, wie sie mehr Besuch von ‚guten Freunden’ als von ‚Bekannten’ erhalten. Jedoch ändert sich das Verhältnis in Abhängigkeit vom Herkunftsort der Gastgebenden. Ein Beispiel stellt die Abb. 14 dar. HZB-‐In-‐Migranten empfangen mehr Besuche von Familienangehörigen und Verwandten, je kleiner ihr Herkunftsort 122 ist. Unter einer Ortsgröße von 20.000 Einwohnern nimmt allerdings auch der Anteil von Bekannten deutlich zu, sogar der von zuvor Unbekannten steigt. Die Gästestruktur reflektiert vermutlich die soziale Konstellation dieser Orte. Aufgrund der geringen Bevölkerungszahl sinkt die Anonymität. Fast jeder kennt jeden. Die Gastgebenden kennen mehr Bekannte, je kleiner ihr Herkunftsort ist und besitzen
liche Barrieren etc.) aber andere abhängige Merkmale zu berücksichtigen, die nicht erhoben sind und dieses Resultat beein-‐ flussen können. Ein Chi²-‐Test, der die Signifikanz oder Zufälligkeit der Ergebnisse zwischen den Bundesländern mit der gering-‐ sten und größten Entfernung zu Berlin bestätigt, ist auf Grund der geringen Teilnehmendenzahl je Bundesland wenig vielver-‐ sprechend.
122 Herkunftsorte sind die Orte, an denen die Gastgebenden überwiegend oder ausschließend während ihrer Wohnzeit wohnten.
Kapitel 6 Ergebnisse 80
ein vertrauteres Verhältnis zueinander, ohne tatsächlich auch eng befreundet zu sein 123 . Der Sanktionsmechanismus innerhalb dieser Beziehungen basiert weniger auf emotionaler Nähe innerhalb der Beziehung zwischen Gast und Gastgebenden, sondern vielmehr auf der sozialen Kontrolle, die auf Grund geringerer Anonymität von außen auf diese Beziehung einwirkt.
Abb. 14: Verhältnis der Gäste nach Beziehung in Abhängigkeit vom Herkunftsort der Gastgebenden
Es sind es so viele Bekannte, dass sie eine weitere Besonderheit erklären. Eigentlich erhalten HZB-‐ In-‐Migranten weniger Gäste, je kleiner ihre Herkunftsorte sind. Während Gastgebende aus Metropo-‐ len von knapp zwölf Gästen (arithm. Mittel) jährlich besucht werden, und frühere Großstädter elf Gäste empfangen, fällt das Niveau bei einer Einwohnerzahl von 50.000 bis 99.999 Personen auf nur noch 6,5 Gäste jährlich. Sinkt die Bevölkerungsgröße weiter, desto eher steigen jedoch die Gästezah-‐ len. Bei Herkunftsorten von unter 5.000 Einwohnern erhalten HZB-‐In-‐Migranten wieder zwölf jährliche Besuche. Eine Ursache ist offensichtlich der erhöhte Anteil von ‚Bekannten’. Nicht nur, dass sich jeder irgendwie kennt, es kommen auch sehr viele von ihnen zu Besuch. Sie steigern die absoluten Gästezahlen von Gastgebenden, die in diesen Orten einmal lebten. Möglicherweise steht die Zahl der Gäste jedoch auch mit einer höheren Fortzugsrate in diesen Orten in Verbindung, die in dieser Komplexität nicht zum Untersuchungsbestandteil der Diplomarbeit gehörte.
6.2 Die Bedeutung sozialer Beziehungen bei der Reiseentscheidung
In diesem Teil der Auswertung sind die Ergebnisse dokumentiert, um die in Hypothese 6 und 8 geäußerte Vermutung zu überprüfen, bei der eine soziale Beziehung und der ihr inne liegendes soziale Kapital, die Reiseentscheidung nach Berlin insbesondere bei VFR-‐Reisenden dominiert, aber auch Reisende mit einem anderen Hauptzweck zu Gunsten dieser Stadt stark beeinflusst. Allgemein übt soziales Kapital eine Multiplikatorfunktion auf die Kapitalausstattung bzw. Standorteigenschaf-‐
ten Berlins aus und entscheidet darüber die Reise. In diesem Teil der Auswertung sind nur die Teilnehmenden einbezogen, die in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal einen Gast
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123 Andererseits erschweren die kleinere Ortsgröße und ihre homogenere Sozialstruktur vermutlich, Gleichgesinnte oder Gleichrangige zu finden. Die geringere Anonymität beeinflusst wahrscheinlich ebenso negativ die Möglichkeit, intime auf emotionale Verbundenheit basierende Freundschaften aufzubauen.
Kapitel 6 Ergebnisse 81
empfingen. Dadurch finden weniger Berliner und Brandenburger Berücksichtigung (zu je 76% und 75%), während die Anzahl der In-‐Migranten gegenüber dem ersten Teil der Auswertung fast unverändert bleibt (Abb. 15). Um die Hypothese zu bestätigen und auch weil vermutet wird, dass einzelne Entscheidungskriterien, mit wenigen Ausnahmen, stärker von den Hauptmotiven der Gäste abhängen als vom Migrationshintergrund der Gastgebenden, werden die Gäste gruppiert nach ihrem Hauptreisezweck verglichen. Zu den unterschiedlichen Reisendentypen der VFR-‐Touristen gehören hierbei VFR-‐Reisende, Urlaubsreisende, Eventreisende und Geschäftsreisende (siehe 2.1.2). Sie sind in Abb. 15 entsprechend den gastgebenden Gruppen aufgeschlüsselt, in denen auch Abweichungen in Abhängigkeit des Migrationshintergrunds der Gastgebenden dargestellt werden.
Abb. 15: Anteile der VFR-Touristen nach ihrem Hauptreisezweck, gruppiert nach gastgebenden Gruppen
Neben dem hohen Anteil von VFR-Reisenden bei Programmstudierenden und bei den HZB-‐In-‐ Migranten fällt allgemein der hohe Anteil von Urlaubsreisenden auf, wenn die Gastgebenden keinen deutschen Bildungsabschluss besitzen. Ihre Gäste kommen in diesen Fällen vorwiegend selbst aus dem Ausland. Weil jeder dritte Besucher bei den HZB-‐Berlinern ebenfalls nicht aus Deutschland anreist, ist auch hier der Anteil etwas höher. Ihre deutschen Gäste unterscheiden sich hinsichtlich der Hauptreisemotive allerdings nur geringfügig von den nicht-‐deutschen. Auch der hohe Anteil von Geschäftsreisenden bei den Berlinern ist nicht über einen deutschen oder nicht-‐deutschen Wohnsitz des Gastes zu erklären. Mit 15,3% ist der Anteil dieser Reisenden bei den Berlinern von allen Untersuchungsgruppen am höchsten. Eventreisenden sind auffällig häufig bei den HZB-‐ Brandenburgern vertreten. Jeder vierte Reisende fährt bei ihnen hauptsächlich wegen einer bestimmten Veranstaltung nach Berlin -‐ mehr als in jeder anderen Untersuchungsgruppe. Diese Reisenden kommen selbst aus Brandenburg und wohnen ausschließlich an dem Ort, an dem die Gastgebenden früher lebten. Die durchschnittlich geringere Reisedistanz erklärt einerseits die
Kapitel 6 Ergebnisse 82
Häufigkeit, eine Fahrt vornehmlich auf solche Veranstaltungen auszurichten. Berliner und Branden-‐ burger erreichen jedoch auch deshalb höhere Anteile bei den genannten Reisendentypen, weil ihre sozialen Netzwerke quantitativ wie qualitativ nicht die gleiche räumliche Ausdehnung annehmen wie bei den anderen gastgebenden Gruppen. Die geringere Zahl von VFR-‐Reisenden wirkt sich zu Gunsten der Anteile anderer Reisendentypen aus. VFR-‐Reisende stellen jedoch in jeder Gruppe eine deutlich absolute Mehrheit.
Abb. 16a+b: Anteil der Gäste, die ohne die Gastgebenden nicht nach Berlin gefahren wären
Inwiefern die sozialen Beziehungen zu den Gastgebenden die Entscheidung zu Gunsten der vier beschriebenen Reisendentypen für einen Trip nach Berlin beeinflusst, erläutern folgende Vergleiche ausführlicher. Trotz der mit Berlin verbundenen touristischen Attraktivität steht als erstes Ergebnis fest, dass die grundlegende Existenz einer sozialen Beziehung in dieser Stadt für die meisten VFR-‐ Touristen von enormer Bedeutung ist. Knapp die Hälfte aller VFR-‐ und Urlaubsreisenden hätte aus Sicht der Gastgebenden auf eine Reise nach Berlin verzichtet, wenn sie als Gastgebende hier nicht wohnen würden (Abb. 16a). Für VFR-‐Touristen, die sich vornehmlich als Geschäfts-‐ oder Eventrei-‐ sende in Berlin aufhalten, trifft diese Aussage weniger zu. Bei Eventreisenden ist es noch jeder dritte, bei Geschäftsreisenden nur jeder zehnte Gast.
Kapitel 6 Ergebnisse 83
Werden nur die VFR-‐Touristen berücksichtigt, die neben ihren Gastgebenden über keine weitere Beziehung in Berlin verfügen, ist die Bereitschaft gegenüber einer Reise nach Berlin bei VFR-‐ Reisenden und Urlaubsreisenden noch geringer ausgeprägt, während bei Event-‐ und Geschäftsrei-‐ sende keine deutlichen Veränderungen zu sehen sind (Abb. 16b). Eventreisende zeigen sogar eine etwas höhere Bereitschaft. Die Annahme, dass VFR-‐Touristen vornehmlich oder ausschließlich wegen Berlin diese Stadt als Reiseziel wählen, kann jedoch insbesondere für die beiden erst genannten Reisendentypen nicht bestätigt werden. Auch in der Unterscheidung von VFR-‐Reisenden
in VF-‐ und VR-‐Reisende zeigen sich keine Differenzen 124 . Sie sind deutlich von der Existenz einer sozialen Beziehung in Berlin abhängig.
Abb. 17: Gefühlte Verbundenheit der Gastgebenden mit ihren Gästen
Mit Ausnahme der Geschäftsreisenden steht für alle Reisendentypen diese Frage in einem positiven statistischen Zusammenhang mit der gefühlten Verbundenheit zu den Gastgebenden 125 . Die Teilnehmenden konnten sich zwischen sechs Kategorien der Verbundenheit entscheiden. Bei VFR-‐ Reisenden ist der statistische Zusammenhang am stärksten ausgeprägt, bei Urlaubsreisenden am geringsten. Für sie wird daher eine Reise nach Berlin im Unterschied zu VFR-‐Reisenden allein schon dadurch wahrscheinlicher, wenn überhaupt eine soziale Beziehung in Berlin lebt. Der Grund dafür ist in Abb. 17 abgebildet. Gastgebende fühlen sich mit den Urlaubsreisenden im Vergleich zu anderen Reisendentypen am wenigsten verbunden. Das bedeutet nicht, dass keine Verbundenheit
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124 Eine Unterscheidung zwischen Freunden und verwandtschaftlichen Beziehungen wird ausschließlich bei VFR-‐Reisenden unternommen. Die Anzahl zu untersuchender Fälle wäre bei einer Trennung in den anderen Gruppen von Reisendentypen zu
klein. Bei ihnen überwiegt auch der Anteil von Freunden, die eine soziale Beziehung in Berlin besuchen. Falls die Gäste in den letzten zwölf Monaten von Freunden und Verwandten besucht wurden, startete die Befragung zu einem Beziehungstyp per Zufallsauswahl, damit ein Beziehungstyp aufgrund der Erhebung wegen bestimmter Feiertage nicht dominiert.
125 Der Anteil von Geschäftsreisenden, auch ohne die Gastgebenden nach Berlin zu kommen, steigt mit der gefühlten Verbundenheit zu ihnen, während die Anteile in den anderen Reisendengruppen sinken.
Kapitel 6 Ergebnisse 84
besteht. Dennoch sind die Unterschiede zu VFR-‐Reisenden deutlich ausgebildet. Bei verwandt-‐ schaftlichen Beziehungen äußern sie sich deutlicher, als bei freundschaftlichen.
Um nun zu untersuchen, inwiefern diese Beziehungen die Reisen der verschiedenen Typen von VFR-‐ Touristen zu Gunsten Berlins konkret beeinflussen, werden die Teilnehmenden gebeten, etwa 25 einzelne Aussagen 126 als ‚(eher) relevant’ oder ‚(eher) nicht relevant’ hinsichtlich der Reiseentschei-‐ dung ihrer Gäste zu bewerten. Jede Aussage entspricht einem Entscheidungskriterium, das einer bestimmten Kapitalart zugeordnet ist (siehe Kap. 4). Die hohe Anzahl der vorgelegten Aussagen ermöglicht einen breit angelegten Vergleich zwischen ihnen, um ihre Bedeutung und die ihrer speziellen Ausprägungen bei der Reiseentscheidung bewerten zu können. Die Ergebnisse sind für die Reisendentypen in der im Anhang befindlichen Tab. 5 und 7 und für die Gäste nach ihren Gastgebenden gruppiert in Tab. 6 ausgewiesen 127 . Die wichtigsten Entscheidungskriterien werden anschließend zusammengefasst.
6.2.1 Von sozialem Kapital beeinflusste Entscheidungskriterien (nur kognitive Leistungen)
‚Wertschätzung des Zusammenseins’ gehören bei allen VFR-‐Touristen zu den bedeutendsten Entscheidungskriterien. Konkret wird mit der Aussage „die Person schätzt und mag den Aufenthalt in meiner Gesellschaft“ die Relevanz der Wertschätzung des gemeinsamen Zusammenseins als reiseentscheidende Leistung überprüft. Für VFR-‐Reisende sind sie bei einer Reise nach Berlin zu 94,1 % ausschlaggebend. Aber auch bei den anderen Reisendentypen überrascht die Dominanz. Bei Eventreisenden stehen sie mit 88% sogar vor dem eigentlichen Hauptgrund, dem Besuch eines Events 128 . Bei Urlaubsreisenden belegt dieses Kriterium mit 81,1% den zweiten Platz bei der Reiseentscheidung, Nur bei den Geschäftsreisenden ist die intrinsische Komponente sozialen Kapitals mit 75% und einem vierten Platz etwas unbedeutender. Allerdings schlafen sie von allen Reisenden am häufigsten bei anderen Freunden oder Verwandten und nicht direkt bei den Befrag-‐ ten.
Ausgehend von der zuvor beschriebenen Verbundenheit besteht zwischen diesem Merkmal und der ‚Wertschätzung des Zusammenseins’ kein eindeutiger statistischer Zusammenhang. Urlaubs-‐, Geschäfts-‐ und Eventreisenden ist die Wertschätzung des gemeinsamen Zusammenseins bei der Reiseentscheidung wichtiger, je eher sich die Gastgebenden mit ihnen verbunden fühlen. Bei VF-‐ Reisenden ist dieser statistische Zusammenhang nur noch sehr schwach ausgeprägt. Bei VR-‐
Reisenden ist es egal, ob sich die Gastgebenden mit ihnen verbunden fühlen oder nicht, in jedem Fall
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126 Je nach Filterung können es weniger als 25 Aussagen sein.
127 Die grobe Entscheidung zwischen „trifft (eher) zu“ und „trifft (eher) nicht zu“ ist ein Kompromiss, um die Abbrecherquote möglichst gering zu halten und gleichzeitig eine fundierte Auswertungsgrundlage zu garantieren. In den Tabellen ist nur die Häufigkeit der Merkmalsausprägung „trifft (eher) zu“ aufgeführt. Steht eines dieser Kriterien mit der sozialen Beziehung zum Gastgebenden in Verbindung, ist es als Ausprägung sozialen Kapitals zu betrachten, dass der Beziehung inne liegt. Unterschie-‐ den werden intrinsische Formen sozialen Kapitals, die kognitive Anreize zwischen Gastgebenden und ihren Gästen bieten und externe Formen, bei denen über die Beziehungen auf andere Kapitalarten und den entsprechenden Leistungen zurückgegriffen werden kann. Für diese Entscheidungskriterien wird neben der Auszeichnung ihrer originären Zugehörigkeit zu einer Kapital-‐ art auch auf die Verbindung zum sozialen Kapital hingewiesen (z.B. SK KK).
128 Es ist nicht auszuschließen, dass einige Teilnehmer, diesen Grund kein zweites Mal angegeben haben, da sie bereits beim Hauptreisegrund danach gefragt wurden.
Kapitel 6 Ergebnisse 85
halten mehr als 90% der befragten Teilnehmenden die ‚ Wertschätzung des Zusammenseins’ bei diesen Gästen für bedeutend. Es werden häufiger VR-‐Reisende empfangen, die den Gastgebenden wertschätzen auch wenn sich gleichzeitig die Gastgebenden mit diesen Reisenden weniger verbun-‐ den fühlen. Verwandtschaftliche Beziehungen sind weniger auf Reziprozität gerichtet und besitzen eine asymmetrische Qualität, die auch in die Reiseentscheidung einfließt. Unabhängig davon sind ‚Wertschätzung des Zusammenseins’ ein in der Relevanz überragendes Entscheidungskriterium bei
allen VFR-‐Touristen, die außer bei den VF-‐ und VR-‐, also VFR-‐Reisenden, jedoch von der Verbun-‐ denheit mit den Gastgebenden abhängen.
‚Private (familiäre oder freundschaftliche) Verpflichtungen’ erhalten ausschließlich bei VFR-‐ Reisenden eine reiseentscheidende Relevanz. Verwandte fühlen sich zu einer Reise nach Berlin mit 67,4% eher verpflichtet als Reisende zu Freunden (59,6%). Insgesamt gehören sie nur bei den VR-‐ Reisenden zu einen der drei wichtigsten Entscheidungskriterien. Bei den anderen Reisendentypen besitzen sie generell eine vergleichsweise geringe Bedeutung 129 . Im Vergleich der gastgebenden Migrantengruppen erlangt es unter den HZB-‐In-‐Migranten (63,1%) inklusive der HZB-‐ Brandenburger (62,5%) das höchste Niveau. Bei HZB-‐Brandenburgern sind jedoch weniger Kriterien noch reiseentscheidender.
Abb. 18: Private Verpflichtung als Entscheidungskriterium bei VF- und VR-Reisenden
Dieser Unterschied steht hauptsächlich mit einem deutschen Wohnsitz der Reisenden in Verbindung (Abb. 18). Er verweist bei diesen Gästen mutmaßlich auf eine besondere Qualität der sozialen Verflechtung mit dem Raum Berlin, die distanzabhängig ist und bei einem Übertritt nationalstaatli-‐ cher Grenzen noch deutlicher an Einfluss verliert. Je weniger soziale Beziehungen in einen Raum bestehen, desto wahrscheinlicher wird ein Freizeitcharakter der Reisen. Anders als in Punkt 2.1.3 bei den VFR-‐Reisenden vermutet, wird daher auch mit zunehmender Distanz aus eher freiwilligen
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129 Geschäftsreisende: 40%, Urlaubsreisende: 26,9%; Eventreisende 23,8%
Kapitel 6 Ergebnisse 86
und weniger verpflichtenden Motiven gereist. Weiterhin erklärt es den höheren Anteil von Urlaubs-‐ reisen insbesondere bei HZB-‐Immigranten, deren Gäste in der Regel die weitesten Reisedistanzen überwinden müssen.
Verpflichtende Motive beeinflussen quantitativ nicht das (konsumptive) Ausgabeverhalten bei Reisen nach Berlin. Der starke Einfluss dieser Motive bei VFR-‐Reisenden lässt allerdings ebenso auf den produktiven Charakter dieser Beziehungen hinweisen. Neben Hochzeiten und Geburtstagen ist einmal ebenso die Hilfe beim Umzug angegeben. Mögliche Leistungen, die von den Gästen erbracht werden, waren jedoch kein explizit gefragter Bestandteil der Erhebung, um eine verlässliche Aussage darüber zu treffen.
Die ‚Sicherheit durch die Gastgebenden’ erreicht nur bei den Eventreisenden keinen Rang unter den ersten zehn. „Die Person fühlt sich in meiner Gesellschaft sicher, also einfach mehr ‚wie zu Hause’“ beeinflussen vor allem VFR-‐Reisende (5. Platz: 65,2%). Sie nimmt mit der Verbundenheit zu den Gastgebenden deutlich zu. VR-‐Reisenden (67,1%) ist es etwas wichtiger als VF-‐Reisenden (63,2%). Der Abstand zu den anderen Reisendentypen fällt insgesamt gering aus 130 . Gruppiert nach den Gastgebenden erreicht das Merkmal eine untergeordnete, dennoch nicht zu unterschätzende Bedeutung, die bei den Gästen von Immigranten (71,4%) und überraschenderweise auch bei den Gästen der Brandenburger (66,7%) die höchsten Relevanzwerte erreicht und bei Letzteren aus einem Stadt-‐Land-‐Gegensatz resultiert. Ebenso wird das Sicherheitskriterium für VFR-‐Touristen einflussreicher eingeschätzt, wenn sie Berlin noch nie vorher besuchten (+25%) 131 . Das vermittelte Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit durch die Gastgebenden wie auch private Verpflichtungen beeinflussen Frauen etwa sieben bis zehn Prozentpunkte stärker als Männer 132 .
‚Erzählungen vom Leben der Gastgebenden in Berlin’ sind insbesondere Urlaubsreisenden (61,2%), aber auch VFR-‐Reisenden (51,2%) wichtig. Andere Reisendentypen beeinflussen sie weniger 133 . Im Vergleich reiseentscheidender Kriterien wirken sie allgemein eher nachgeordnet. Ihre Bedeutung steigt mit zunehmender Verbundenheit der Gastgebenden zu ihren Gästen. Informa-‐ tionen werden besser aufgenommen und eher bei der Entscheidung berücksichtigt. Bei Urlaubsrei-‐ senden erreicht der Einfluss eine Relevanz von bis zu 100%, wenn sie sich mit ihren Gastgebenden voll und ganz verbunden fühlen. Für VFR-‐Reisende ist ein ähnlicher Effekt schwächer ausgeprägt. Beide Reisendentypen werden jedoch auch besonders häufig als Gäste eingeladen 134 .
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130 Urlaubsreisende: 56,8%; Geschäftsreisende: 55%
131 Die Aussage bezieht sich gegenüber Gästen, die Berlin schon vor ihrer Reisen kennen. Nur bei den VFR-‐Reisenden von Programmstudierenden und Immigranten ist es umgekehrt. Dort wird der Sicherheitsaspekt für Reisende bedeutender, wenn sie Berlin vorher schon einmal besuchten.
132 Ansonsten sind Frauen nur preiswerte und vielfältige Shoppingmöglichkeiten etwas wichtiger als bei den Männern.
133 Eventreisende: 32%; Geschäftsreisende: 10%
134 Urlaubsreisende: 84,2%: VFR-‐Reisende: 80,6%; Eventreisende: 60%; Geschäftsreisende: 33,3%.
Kapitel 6 Ergebnisse 87
Abb. 19: Erzählungen über Berlin als reiseentscheidendes Kriterium in Abhängigkeit von der Wohndauer
Darüber hinaus hängt die Relevanz vom Migrationshintergrund und der Wohndauer der Gastgeben-‐ den ab. Für Gäste von HZB-‐Berlinern (16,7%) und HZB-‐Brandenburgern (25%) ist es wenig ausschlaggebend. Vermutlich weil sie selbst einmal in Berlin oder Berlin-‐Nähe wohnten 135 . Der Hauptgrund findet sich jedoch in der Wohndauer in Berlin, die am Beispiel der in der Wohndauer besonders gleichmäßig gestreuten HZB-‐In-‐Migranten überprüft wird. Die Relevanz von Erzählungen über Berlin nimmt deutlich ab (Abb. 19), je länger die Gastgebenden hier wohnen. Wahrscheinlich ist, dass sie die Stadt Berlin mit steigender Dauer zunehmend als ‚normalen’ Wohnstandort empfin-‐ den, der ihnen als Gesprächsthema unwichtiger wird und die Stadt Berlin aus diesem Grund bei Gesprächen zwischen ihnen und den potenziellen Gästen an Bedeutung verliert. Andererseits waren die Gäste aufgrund der Wohndauer mit einer höheren Wahrscheinlichkeit bereits in Berlin. Für Gäste von Programmstudierenden (65%) ist es neben Gästen von HZB-‐In-‐Migranten, die maximal ein Jahr in Berlin wohnen (74,2%), daher am relevantesten.
Den ‚Gruppeneffekt’ beurteilten nur Gastgebende, die beim befragten Reiseereignis gleichzeitig von mehreren Personen Besuch erhielten 136 . Sie bewerteten die Aussage „mich besuchten mehrere Verwandte, Freunde oder Bekannte, daher entschied die Person sich freiwillig, auch an dieser Reise teilzunehmen“ auf ihre Relevanz bei der Reiseentscheidung eines per Zufalls ausgewählten Gastes. Nach ihrer Aussage erfährt es nur bei zwei Gruppen von Gästen mit einem Wert von knapp 80% eine herausragende Bedeutung: Für Freunde von Brandenburger Gastgebern, die in Berlin-‐Nähe wohnen bzw. einmal wohnten und die am häufigsten von allen Gästen wegen eines Events nach Berlin reisen. Ebenso sieht es bei Verwandten aus, die Immigranten besuchen (75%). Ansonsten ist
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135 Mehr als 80% der HZB-‐Brandenburger lebten schon einmal mit ihrem Gast am selben Ort. Bei Gästen der Berliner liegt dieser Anteil knapp unter 50%.
136 Erhielten sie von mehreren Personen gleichzeitig Besuch, wurde eine Zufallsauswahl getroffen, bei der die Gastgebenden aus der Perspektive der Person antworteten, die zuletzt Geburtstag hatte. Für andere Teilnehmer blieb dieses Entscheidungskriterium über Filteranweisungen ausgeblendet.
Kapitel 6 Ergebnisse 88
der Effekt bei Verwandten (36,7%) einflussreicher als bei Freunden (26,3%). Aber nicht Frauen, sondern Männer lassen sich deutlich öfter durch einen Gruppeneffekt beeinflussen. Wahrscheinlich reisen Männer deshalb auch häufiger wegen eines Events nach Berlin.
6.2.2 Vom kulturellem Kapital abhängige Entscheidungskriterien
Bei den VFR-‐Touristen sind ‚vielfältige kulturellen Angeboten’ erwartungsgemäß stark zu Gunsten einer Reiseentscheidung nach Berlin beteiligt und stellen insgesamt das zweitbedeutendste Kriterium. Begründet aus der Hauptmotivation liegen sie bei Urlaubsreisenden mit 86,1% Relevanz vor allen anderen Entscheidungskriterien. Bei Eventreisenden sind es 80%. VFR-‐Reisende können zu 69,1% durch diese Eigenschaft Berlins positiv beeinflusst werden. Freunde und Bekannte als VF-‐ Reisende (73,8%) legen generell mehr Wert auf dieses Merkmal als VR-‐Reisende (VR: 64,6%). Geschäftsreisenden ist es nebensächlich (50%).
Bei Urlaubsreisenden, aber auch bei Event-‐ und VR-‐Reisenden steigt die Relevanz dieses Kriteriums, je eher sich die Gastgebenden mit ihnen verbunden fühlen. Der Effekt ist bei VF-‐Reisenden nicht zu beobachten. Wegen ähnlicher Interessen, die freundschaftliche Beziehungen häufig charakterisie-‐ ren, entwickelt sich vermutlich keine davon unabhängige emotionale Verbundenheit.
Ansonsten zeigt der Vergleich, dass andere Ausprägungen kulturellen Kapitals, die an die Stadt Berlin gebunden und nicht kurzfristig auf andere Destinationen übertragbar sind, keinen ähnlich herausragenden Anteil an der Reiseentscheidung einzelner Individuen nehmen. Einflussreiche Wirkung entfalten sie nur, wenn sie von den Gastgebenden abhängen, die bestimmte Leistungen bereitstellen.
Das Kriterium „die Person kannte Berlin schon, mochte die Stadt und kam deshalb wieder“ nimmt dabei eine Zwitterstellung ein. Einerseits ist es ein Merkmal, dass generell nicht auf andere Städte übertragen werden kann. Anderseits steigt die Relevanz des Kriteriums, wenn die Gäste noch weitere soziale Beziehungen in Berlin besitzen. Weil Gäste ohne deutschen Wohnsitz mit einer geringeren Häufigkeit über ein ähnliches Beziehungsnetz in dieser Stadt verfügen wie Gäste mit deutschem Wohnsitz. Sie besuchten die Stadt auch öfter 137 . Jedoch wirkt die Anzahl der Besuche je nach Reisedistanz unterschiedlich. Insbesondere bei Gästen von Programmstudierenden nimmt die Relevanz des Kriteriums mit der Anzahl von Besuchen zu, während sie bei HZB-‐In-‐Migranten stabil bleibt und bei Besuchern von HZB-‐Brandenburger an Bedeutung verliert (Abb. 20). So senkt die zunehmende Berlin-‐Nähe des Wohnsitzes der Reisenden wahrscheinlich den Einfluss dieses Kriteriums.
An Relevanz gewinnt das Entscheidungskriterium, je eher sich die Gäste mit ihren Gastgebenden verbunden fühlen. Außerdem ist es eines der wenigen Kriterien, die von der Kontakthäufigkeit zwischen Gast und Gastgebenden beeinflusst wird. Besteht ein Kontakt 1x pro Woche ist der :::::::::::::::::::
137 Bei den HZB-‐In-‐Migranten, HZB-‐Brandenburgern und HZB-‐Berlinern ist nur jeder neunte Gast bisher nicht in Berlin gewesen, bei Programmstudierenden und HZB-‐Immigranten ist es etwa jeder Zweite.
Kapitel 6 Ergebnisse 89
Einfluss am höchsten 138 , davon abweichend sinkt die Bedeutung, je häufiger oder seltener miteinan-‐ der kommuniziert wird.
Unter den verschiedenen Reisendentypen wirkt dieses Merkmal insbesondere bei Event-‐ und Urlaubsreisende. Hat es ihnen einmal gefallen, kehren Reisende dieser beiden Reisetypen haupt- sächlich aus diesem Grund wieder. Unabhängig von der Anzahl weiterer Reisen liegt die Relevanz bei fast immer 100%. VFR-‐Reisende entscheiden sich dagegen seltener für einen Ort, nur weil er ihnen außergewöhnlich gut gefällt. Wird dieses Ergebnis auf andere Orte übertragen, die nicht über ähnliche attraktiv bewertete Standorteigenschaften wie Berlin verfügen, ist auch das ein Grund, warum sie eher von VFR-‐Reisenden als von Urlaubs-‐ oder Eventreisenden frequentiert werden.
Abb. 20: Vorherige Besuche als reiseentscheidendes Kriterium
Weil ‚Ortskenntnisse der Gastgebenden’ nicht kurzfristig zu übertragen sind, stellen sie ausschließ-‐ lich eine Ausprägung individuellen kulturellen Kapitals der Gastgebenden dar. Für die Reisenden besteht die Möglichkeit über ihre soziale Beziehung zu den Gastgebenden darüber zu verfügen, statt ihr ökonomisches Kapital einzusetzen, um für sie relevante Informationen über den Reiseort zu erhalten -‐ sofern dies überhaupt möglich wäre. Befreundete oder verwandte Gastgebende ordnen
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138 Eine Ausnahme stellen Gäste von HZB-‐Immigranten dar, dort ist die Relevanz am höchsten, wenn nur zweimal pro Monat telefoniert oder anderweitig ein Kontakt zueinander aufgebaut wird.
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vermutlich besser als professionelle und unpersönlichere Informationssysteme die Interessenlage ihrer Gäste ein, um sie über Möglichkeiten und die Lage entsprechender Lokalitäten in Kenntnis zu setzen (siehe 2.3.3). Allerdings sinkt ihre Bedeutung, je öfter eine Person Berlin besucht und je eher sie über weitere soziale Beziehungen in Berlin verfügt. Für Gäste von Programmstudierenden sind die Ortskenntnisse mit 78,7% Relevanz daher das zweitwichtigste Entscheidungskriterium nach der ‚Wertschätzung des Zusammenseins’, für Gäste von HZB-‐Berlinern mit 27,8% fast bedeutungslos. Bei Gästen von Immigranten liegt die Relevanz bei 81,3%, wenn sie über keine weitere soziale Beziehung in Berlin verfügen. Ansonsten fällt sie auf 41,7%.
Ortskenntnisse ihrer Gastgebenden sind für Urlaubsreisende (73%) im Vergleich der Reisendenty-‐ pen am wichtigsten. Dort belegen sie den dritten Platz, wenn die Entscheidung zu Gunsten Berlins
ausfällt. Auch für Eventreisende sind sie mit 68% ‚(eher) relevant’. In beiden Gruppen ist sie fast unabhängig davon, ob sie noch andere Personen in Berlin kennen, während bei VFR-‐Reisenden diese Differenz auftritt 139 .
‚Bequeme Übernachtungsmöglichkeiten’ gehören dagegen in den Kreis reiseentscheidender Kriterien, wenn die Gäste häufiger nach Berlin kommen. Etwa neun von zehn VFR-‐Touristen übernachten bei einem Berlin-‐Besuch in einer private Unterkunft (Abb. 21). Sie wird nicht nur aus Kostengründen, sondern ebenso aus Gründen des Komforts bevorzugt (Abb. 21). Allein Hotels der Luxuskategorie überzeugen stärker im Hinblick auf die Bequemlichkeit gegenüber Privatquartieren, sind jedoch nicht annähernd so günstig. Aus diesem Grund ist das Entscheidungskriterium ‚bequeme Übernachtungsmöglichkeiten’ eng mit den sozialen Beziehungen in Berlin verbunden und auch als Ausprägung sozialen Kapitals zu begreifen 140 .
Abb. 21: Bewertung verschiedener Unterkunftstypen nach Preis und Komfort
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139 Ohne weitere soziale Beziehung in Berlin: 69,5%; mit weiterer sozialer Beziehung in Berlin: 46,2%
140 Mehr über die Wahl der Unterkunft findet sich im Abschnitt „Ökonomisches Kapital“ unter „preiswerte Übernachtungsmöglich-‐ keit“.
Kapitel 6 Ergebnisse 91
Besonders Gäste der Brandenburger schätzen diese Übernachtungsform. Ihre Gastgebenden ordnen
sie mit 70,8% als relevantes Entscheidungskriterium ein (Rang 3). Bei Gästen der Berliner belegt es den vierten Rang (63,9%). Unbedeutender wird es für Gäste, die nicht aus Deutschland kommen und Nicht-‐Deutsche besuchen 141 . Geschäftsreisende (70%) legen etwas mehr Wert auf die Bequemlich-‐ keit ihrer Unterkunft als Gäste der anderen Reisendentypen.
‚Gute Transportverbindungen nach Berlin’ stellen neben der ‚Vielfalt kultureller Angebote’ allgemein das zweitwichtigste Entscheidungskriterium für die Reisenden dar, das unter kulturellem Kapital eingeordnet aber nicht durch eine soziale Beziehung in Berlin beeinflusst wird 142 . Als Ausdruck von Agglomerationsvorteilen werden sie als (kollektives) kulturelles Kapital des Stand-‐ orts Berlin aufgefasst. Der Vergleich gastgebender Gruppen verdeutlicht auch hier die Distanzab-‐ hängigkeit zwischen Berlin und dem Wohnsitz der Reisenden. Bei einem deutschen Wohnsitz erreichen ‚gute Transportverbindungen nach Berlin’ nur zu 48,3% einen relevanten Einfluss, bei einem nicht-‐deutschen steigt sie auf 64,7%, die bei Gästen von HZB-‐Immigranten auf Grund der Reisedistanz am höchsten ausgeprägt ist (67,9%). Unter den verschiedenen Reisendentypen finden sie als Entscheidungskriterium vor allem für Urlaubsreisende Relevanz (67,6%). Für VFR-‐Reisende (56,5%) und Eventreisende (52%) ist es weniger wichtig, bei Geschäftsreisenden mit 30% überra-‐ schenderweise am unbedeutendsten.
Mit dem Merkmal ‚einfache Verpflegungsmöglichkeiten’ wird die Infrastruktur der Verpflegung an einer bestimmten Destination erfasst. ‚Einfach’ bezieht sich in diesem Sinne auf die Verfügbarkeit, der von den Reisenden bevorzugten Verpflegung. Durch den hohen Übernachtungsanteil in Privat-‐ unterkünften, hängen sie teilweise von den Gastgebenden ab. Außer für Geschäftsreisende (65%), unter denen sich viele Berliner Exilanten befinden und die vermutlich bei ihren Eltern nächtigen, besitzt es als Entscheidungskriterium nur geringen Einfluss.
Weil es möglicherweise nur einen Teilaspekt der Reise darstellt, wird die Bedeutung ‚vielfältiger Shoppingmöglichkeiten’ bei der Reiseentscheidung ebenfalls als niedrig eingeschätzt und erreicht
in keiner Gruppe eine höhere Relevanz als 45%. Am wichtigsten ist es für Eventreisende und für Freunden unter den VFR-‐Reisenden. Die ‚Sprachkenntnisse der Gastgebenden’ 143 finden selbst bei den Gästen von Programmstudierenden (38%) und Immigranten (50%) keinen fundamentalen
Ausschlag für eine Reise nach Berlin. Für in Deutschland wohnende Gäste ist es aus Sicht ihrer Gastgebenden irrelevant.
Die Entscheidungskriterien ‚Wetter’ und ‚naturräumliche Gegebenheiten’ sind nur in die Erhebung aufgenommen worden, um einerseits die Aufmerksamkeit der Teilnehmer während der Befragung
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141 Bei Programmstudierenden liegt die Bedeutung bei 56,5%, bei Gästen von Immigranten mit 57,1% nur etwas höher.
142 Sofern die Gastgebenden nicht den Transport der Reisenden organisieren oder an ihrem Transport beteiligt sind.
143 Sie stellen ein individuelles kulturelles Kapital der Gastgebenden dar, über die ihre Gäste durch einen Besuch bei ihnen potenziell verfügen können.
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aufrechtzuerhalten, andererseits um mit ihrer für Städtereisen belegten Bedeutungslosigkeit 144 , die mit dieser Erhebung soweit bestätigt werden können, die Anhaltspunkte für die Validität der Untersuchung zu stützen.
6.2.3 Vom symbolischen Kapital abhängige Entscheidungskriterien
Das ‚Berlin-Image’ besitzt bei einer deutlichen Mehrheit der Reisenden einen erheblichen Einfluss auf die Reiseentscheidung. Es stellt das wichtigste Entscheidungskriterium dar, das fast unabhängig vom sozialen Bezug zum Berlin wirkt - selbst unter den VFR-‐Reisenden besetzen sie mit 76% Relevanz den zweiten Platz und sind von der Verbundenheit zu den Gastgebenden kaum beeinträch-‐ tigt 145 .
Das ‚Berlin-‐Image’ führt verschiedene Eigenschaften der Stadt zusammen, die bei potenziellen Reisenden Anerkennung findet, auch wenn sie mit der realen Kapitalausstattung der Stadt nicht übereinstimmen müssen. Potenzielle Reisende reflektieren im ‚Berlin-‐Image’ nur bestimmte Teilaspekte der Stadt in reduzierter und verallgemeinerter Form. Aus diesem Grund wirkt dieses Entscheidungskriterium auch weniger bei Reisenden, die Berlin bereits als Wohnsitz kennen lernten. Der Mechanismus wäre eingeschränkt mit der Bildung von Stereotypen gleichzusetzen, wenngleich die Teilnehmenden mit der Aussage „die Person verbindet positive Aspekte mit einer Reise nach Berlin“ ausschließlich positiv besetzte Eigenschaften auf ihre Relevanz für ihre Gäste bewerten. Für die Untersuchung ist nun nicht entscheidend, aus welchen konkreten Merkmalen sich dieses symbolische Kapital der Stadt Berlin bei den einzelnen Reisenden zusammensetzt, sondern inwieweit es allgemein ihre Reise nach Berlin beeinflusst.
Am geringsten fällt die Zustimmung bei den Gästen der Brandenburger Gruppe mit 62,5% aus. Mehr als 80% dieser Reisenden lebten bereits einmal mit der gastgebenden Person am gleichen Wohnort. Die Nähe ihres Wohnsitzes zu Berlin prägt sie insofern, als dass sich eine reduzierte Imagebildung bei ihnen nicht ausbilden kann oder weniger positiv ausfällt. Am relevantestes ist das ‚Berlin-‐Image für Gäste von In-‐Migranten (81,6%), der Gruppe mit den meisten Gästen, die über einen deutschen Wohnsitz verfügen. Wohnen die Besucher nicht in Deutschland erreicht es immer noch ein Niveau von etwa 70%.
6.2.4 Vom ökonomischem Kapital abhängige Entscheidungskriterien
Das von den Ausprägungen ökonomischen Kapitals bedeutendste Merkmal bei der Reiseentschei-‐ dung ist aus Sicht der Gastgebenden eine ‚günstige Übernachtungsmöglichkeit’, die ihre Gäste in Berlin finden. Bei Geschäftsreisenden ist es neben ihrer Hauptmotivation und dem ‚Berlin-‐Image’ sogar das wichtigste Entscheidungskriterium (80%), ebenso relevant finden es Eventreisende. Für
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144 Ausnahmen bilden z.B. Städte, die über Zugang zum Meer und Strände verfügen.
145 Bei Gästen von HZB-‐In-‐Migranten und Programmstudierenden besteht eine schwach ausgeprägte positive Abhängigkeit. Nur bei Reisenden zu HZB-‐Immigranten ist ein Zusammenhang deutlicher. Das ‚Berlin-‐Image’ wird bei ihnen wichtiger, je weniger sie sich mit ihren Gastgebenden verbunden fühlen.
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VFR-‐ und Urlaubsreisende stellt es mit knapp je 68% nur noch eines von weiteren bedeutenderen Kriterien dar. Bei den gastgebenden Gruppen ist es insbesondere für Gäste von HZB-‐ Brandenburgern relevant (2. Rang: 79,2%). Ähnliche Bedeutung besitzt es für Gäste von HZB-‐ Immigranten (78,6%). Bei Reisenden, die gastgebende HZB-‐Berliner besuchen, erfährt es mit 58,3% das geringste Interesse im Vergleich. Je weniger die Gastgebenden mit den VFR-‐Touristen emotional verbunden sind, desto wichtiger werden günstige Übernachtungsmöglichkeiten, um sich für eine Reise nach Berlin zu entscheiden.
Abb. 22: Wahl der Unterkunft bei VFR-Touristen nach Hauptzweck ihrer Reise und nach ihren gastgebenden Gruppen
Wie bereits erwähnt, übernachten etwa neun von zehn Gästen der befragten Teilnehmer in privaten Unterkünften. Statt dem ökonomischem setzen sie ihr soziales Kapital ein und entsprechen dabei
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den vom ‚Tourismusbarometer’ genannten „Sofatouristen“ (Abb. 22). Egal ob sie als VFR-‐Reisende, Urlaubsreisende, Geschäfts-‐ oder Eventreisende eine soziale Beziehung in Berlin besuchen, die Privatquartiere sind für alle VFR-‐Touristen erste Wahl. Eine Besonderheit zeigen die Gäste der HZB-‐ Berliner, die nur zur Hälfte bei ihren befragten Gastgebenden nächtigen 146 . Der hohe Anteil von ihnen, die noch bei ihren Eltern leben, ist dafür nicht verantwortlich. Höchstwahrscheinlich handelt
es sich bei ihren Gästen um Rückkehrbesucher, die schon einmal in Berlin lebten und nun selbst bei ihren Eltern übernachten. Aus diesem Grund erlangen ‚günstige Übernachtungsmöglichkeiten’ als Entscheidungskriterium eine geringere Bedeutung.
Deutliche Unterschiede weist auch der Vergleich zwischen Freunden und Verwandten der Gastge-‐ benden aus. Bei VFR-‐Reisenden schlafen doppelt so viele Verwandte (VR: 13,2%) als Freunde der befragten Studierenden in einer kommerziellen Unterkunft (Abb.22) 147 . Die Gastgebenden schätzen ihre Freunde und Bekannten auch bei fast allen anderen ökonomischen Entscheidungskriterien preissensibler als ihre Verwandten ein, was ihr Ausgabeverhalten bestätigt (siehe Punkt 6.3.2).
Bei den gastgebenden Studierenden überrascht diese Ungleichheit jedoch nicht. Der Altersdurch-‐ schnitt ihrer Freunde fällt wesentlich jünger als der ihrer Verwandten. Die daraus resultierenden Unterschiede im bisherigen Lebenszyklus wirken sich auf weitere sozioökonomische Merkmale wie den bisherigen Erwerbsstatus der VFR-‐Touristen aus und sind in Tab. 7, die sich im Anhang findet, noch einmal kurz dokumentiert 148 . Die Unterschiede lassen darauf schließen, dass mit steigendem Einkommen auch die Zahl der Reisenden zunimmt, die trotz eines Besuches bei Verwandten, Freunden oder Bekannten bereit sind, für eine Unterkunft zu zahlen. In keiner Untersuchungsgrup-‐ pe sind es jedoch mehr als 15%.
Übernachtet wird in Privatquartieren - wie bereits beschrieben -‐ nicht ausschließlich aus ökonomi-‐ schen Gründen. Vor allem VF-‐ und VR-‐Reisende bevorzugen eine Übernachtung bei den Gastgeben-‐ den auch weiterhin vermutlich deshalb, um während des Aufenthalts mit ihnen so oft wie möglich zusammen zu sein. Knapp die Hälfte aller VFR-‐Reisenden verbringen mindestens 75% der Zeit gemeinsam mit den Gastgebenden. Bei Event-‐ und Urlaubsreisenden ist es noch jeder Vierte (Abb. 23), während Geschäftsreisende die Privatunterkunft offensichtlich nur für eine Übernachtung nutzen und der ökonomische Nutzen dieser Möglichkeit dominiert. Weil die HZB-‐Berliner am häufigsten bei anderen Verwandten oder Freunden schlafen, verbringen sie im Vergleich aller Gastgebenden am wenigsten ihre Zeit gemeinsam mit ihrem Besuch 149
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146 Weil viele Geschäftsreisende HZB-‐Berliner besuchen, ist auch dort der Anteil höher.
147 Werden Urlaubsreisende, Eventreisende und Geschäftsreisende auf die gleiche Art miteinander verglichen, zeigen sich ebenfalls Unterschiede zwischen Verwandten und Freunden, wobei auch hier Freunde eine private Unterkunft eher bevorzugen. Aller-‐ dings ist die Anzahl der Fälle zu gering, um eine belastbares Ergebnis daraus zu ziehen.
148 Das Einkommen der Reisenden konnte nicht erfasst werden, dafür wurde nach dem Alter, dem Erwerbsstatus und der Berufsposition gefragt. Mit der vorliegenden Annahme wird unterstellt, dass mit einer höheren Berufsposition und (bedingt) mit höherem Alter auch die Höhe der Einkommen steigt.
149 76-‐100% ihrer Zeit verbringen 55,5% der Programmstudierenden, 42,9% der HZB-‐Immigranten, 41,1% der HZB-‐In-‐Migranten, 58,3% der HZB-‐Brandenburger und 29,2% der HZB-‐Berliner mit den Gästen während der Zeit ihres Besuches in Berlin. Wegen der Vermutung, dass die Gäste der HZB-‐Berliner Rückkehrbesucher sind, besteht auch generell die Annahme, dass sie über
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Abb. 23: Gemeinsam verbrachte Zeit der Gastgebenden mit ihrem Gast
‚Günstige Verpflegungsmöglichkeiten’ erreichen bei allen Reisendentypen wie auch im Vergleich der gastgebenden Gruppen generell die zweithöchste Bedeutung eines Kriteriums, das in direkter Beziehung zum ökonomischen Kapital steht. Wegen der Übernachtung in Privatunterkünften können Gastgebende wahrscheinlich preiswertere Verpflegungsmöglichkeiten bieten. Es bleibt mit einem Niveau von allgemein etwa 50% unter den weniger bedeutenden Einflussgrößen. Gleiches gilt für ‚preiswerte kulturelle Angebote’, die Gastgebende vermutlich nicht oder nur über bereitgestell-‐ te Informationen beeinflussen. In Abhängigkeit von der Reisedistanz steigt die Relevanz insbeson-‐ dere für Gäste mit einem nicht-‐deutschen Wohnsitz (etwa 40%). Gäste der HZB-‐Brandenburger interessieren sich am wenigsten dafür (20,8%).
Ein ‚preiswerter Transport nach Berlin’, ‚günstige Transportmöglichkeiten in Berlin’ und ‚preiswerte Shoppingmöglichkeiten’ besitzen unter den Kriterien, die den Einsatz und die Nutzung ökonomischen Kapitals betreffen, die geringste Bedeutung. Mit wenigen Ausnahmen besteht die Vermutung, dass über bestehendes soziales Kapital kaum Möglichkeiten existieren, den Transport oder Shoppingtouren preiswerter zu gestalten. Am bedeutendsten für alle Reisendentypen ist der ‚preiswerte Transport nach Berlin’ für Urlaubsreisende (54,1%) und je eher die Gäste aus dem Ausland anreisen und längere Distanzen zurücklegen. Bei Programmstudierenden erreicht es eine entscheidende Relevanz von immerhin 69,2%. Bei den Besuchern von HZB-‐Brandenburgern ist es nur jeder dritte. Längere Distanzen erhöhen die Preissensibilität, die bei entsprechenden Angeboten auch eine Reise nach Berlin ermöglichen. Gäste von HZB-‐Brandenburgern und (oder als) Eventrei-‐
mehrere soziale Kontakte in Berlin verfügen und seltener nur einer Person ihre Zeit widmen können. Ein Zusammenhang zu Geschäftsreisenden besteht nicht. Auch wenn sich ein wesentlicher Anteil unter den HZB-‐Berlinern befindet, Geschäftsreisende verbringen im Vergleich noch deutlich weniger Zeit als HZB-‐Berliner mit ihren Gästen.
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sende interessieren sich dafür vor allem für ‚günstige Transportmöglichkeiten in Berlin’ (etwa 40%) und ‚preiswerte Shoppingmöglichkeiten’ (25-‐30%).
6.3 Potenziale und Effekte der Reiseereignisse für die Stadt Berlin
Im letzten Teil der Untersuchung werden Potenziale und Auswirkungen dieser Reiseereignisse analysiert. Schwerpunkt bei den Auswirkungen bilden direkte ökonomische Effekte, die unmittelbar mit den Reisen für den Raum Berlin in Verbindung stehen.
Wie im vorangegangen Abschnitt werden die Ergebnisse der Reisenden bei den gastgebenden Gruppen sowie der Reisendentypen miteinander verglichen. Die Gegenüberstellung dient aus-‐ schließlich dazu, migrationsrelevante Abhängigkeiten, also Merkmale wie räumliche Distanz, Wohndauer oder die Existenz weiterer sozialer Beziehungen in Berlin, sowie dem Hauptreisezweck mit den Gruppenkonstruktionen idealtypisch herauszuarbeiten, auf ihren Einflüsse zu prüfen und ihre Bedeutung für den Tourismusstandort Berlin herauszustellen. Ausgewählte sozioökonomische Merkmalsausprägungen werden in der Übersicht der Ergebnisse erwähnt, sind jedoch kein Bestand-‐ teil der Analyse. Auch geht es nicht darum, bestimmte Gruppen wertvoller als andere darzustellen. Unterschiede zwischen Besuchen von Verwandten und Freunden finden eine explizitere Erwäh-‐ nung, die sich aus bereits genannten Gründen im Ausgabeverhalten besonders stark zeigen. Ausgewertet werden die Merkmale Reisedauer, Reiseausgaben, Reisezeit, die Zufriedenheit der Reisenden mit ihrem Aufenthalt in Berlin sowie ihre Wiederkehrwahrscheinlichkeit. Die Ergebnisse
sind u.a. in den im Anhang ausgewiesenen Tab. 8 und 9 dargestellt. Um einzelne Resultate besser im Gesamtkontext zu begreifen, wird an mehreren Stellen der Ergebnisinterpretation zusätzlich auf Erhebungen des Amts für Statistik Berlin-‐Brandenburg und einer BTM-‐Gästebefragung Berlin aus dem Jahr 2001/02 verwiesen 150 .
6.3.1 Reisedauer
Nach Darstellung des Berlin-‐Brandenburger Statistikamts verweilen inländische Besucher, die in einer Berliner Beherbergungsstätte nächtigen, durchschnittlich 2,1 Tage in Berlin, ausländische Gäste bleiben in der Regel mit 2,6 Tage etwas länger 151 . Der Bezug auf die Beherbergungsstätten deutet daraufhin, dass diese Gäste nur in einer Minderheit über soziale Beziehungen verfügen, die sie in Berlin besuchen. :::::::::::::::::::
150 Sie basieren auf anderen Erhebungsmethoden und beziehen Touristen des gesamten Berliner Raums ein. Die Erhebung wurde vom Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Institut für Fremdenverkehr e.V. an der Universität München (dwif) im Auftrag der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) durchgeführt. Befragt wurden 2014 Personen im Zeitraum von April 2001 bis April 2002 in persönlichen Interviews an touristischen Standorten (Sehenswürdigkeiten, Shopping-‐Locations und Hotels) an Hand eines standardisierten Fragenbogens. In die Erhebung wurden nur Personen einbezogen, die weder in Berlin wohnen, arbeiten noch routinemäßig nach Berlin kommen. Die Befragung schließt Tagesgäste mit ein. Sie stellen 12,1% aller befragten Teilnehmer dar. Besucher bei Verwandten und Bekannten machen einen Anteil von 24,3% der Teilnehmenden aus. (BTM 2002).
151 Die angegebene Reisedauer entspricht dem arithm. Mittel für das Jahr 2006. Bei den Gästen schwankt das arithm. Mittel der Reisedauer monatlich: Bei den inländischen Gäste zwischen 2,0 und 2,2 Tagen. Bei den ausländischen Gästen sind die monatli-‐ chen Schwankungen mit einer Spanne zwischen 2,5 und 2,6 Tage noch geringer ausgeprägt. (Statistisches Landesamt Berlin 2006a-‐l) Am 8.1.2007 ist das Statistische Landesamt Berlin mit dem Landesbetrieb für Datenverarbeitung und Statistik Bran-‐ denburg fusioniert und arbeitet seither unter dem Namen Amt für Statistik Berlin Brandenburg.
Kapitel 6 Ergebnisse 97
Die in dieser Untersuchung erfassten inländischen 152 VFR-‐Touristen verweilen dagegen vier Tage in der Hauptstadt 153 . Interessanterweise sinkt ihre Reisedauer nicht, wenn sie eine kommerzielle Unterkunft wählen. Bei VFR-‐Touristen mit einem ausländischen Wohnsitz liegt der arithmetische Mittelwert bei etwa 6,4 Tagen und verkürzt sich bei einer kommerziellen Unterkunft um zwei Tage. Die Abhängigkeit der Reisedauer von einem deutschen oder nicht-‐deutschem Wohnsitz ist signifi-‐ kant 154 .
In Vergleich der Reisenden nach ihrem Hauptreisezweck halten sich Geschäftsreisende mit durch-‐ schnittlich 7,5 Tagen am längsten in Berlin auf. Der Wert ihrer Varianz ist jedoch deutlich höher als bei jedem anderen Reisendentyp 155 . Ihnen folgen Urlaubsreisende und VFR-‐Reisende, die sich kaum voneinander unterscheiden (5 Tage). Eventreisende fahren bereits nach 3,3 Tagen wieder ab. Mit Ausnahme der Eventreisenden besuchen Freunde und Bekannte ihre Gastgebenden in dieser Stadt durchschnittlich ein bis zwei Tage länger als ihre Verwandten. Ausgehend von einem t-‐Test können die Differenzen jedoch zufällige Abweichungen darstellen 156 . Ein weiterer Unterschied besteht in Abhängigkeit der gemeinsam verbrachten Zeit. Insbesondere für VFR-‐Reisende gilt, je mehr Zeit die Gastgebenden mit ihnen verbringen, desto länger bleiben sie 157 .
Insgesamt kann ein Zusammenhang zwischen der Reisedauer und der Existenz von Gastgebenden statistische nicht sicher dargestellt werden, jedoch erlauben die Ergebnisse, wie auch eine Gegen-‐ überstellung mit den Zahlen des Statistikamtes Berlin-‐Brandenburg, die Annahme, dass sich ihre Anwesenheit positiv auf die Aufenthaltsdauer in Berlin auswirkt. Dieser Effekt ist sehr wahrschein-‐ lich nicht von der Unterkunftsart abhängig. Nur bei ausländischen Gästen würde eine private Unterkunft zusätzlich zur Existenz eines Gastgebenden die Reisedauer signifikant verlängern 158 . Die in Hypothese 10 getroffenen Aussagen können auf Basis dieser Daten nicht widerlegt werden.
6.3.2 Reiseausgaben
Gäste geben mehr für ihren Aufenthalt in Berlin aus, wenn sie nicht in Deutschland wohnen. Insbesondere die Reisenden von HZB-‐Immigranten heben sich dabei nach Schätzung ihrer Gastge-‐ benden hervor 159 . Ein Grund erklärt sich mit ihrer längeren Aufenthaltsdauer, aber auch pro Tag
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152 Unter inländische Gäste werden Gäste mit deutschem Wohnsitz subsummiert, ausländische Gäste sind Gäste ohne deutschen Wohnsitz.
153 Inländische Gäste, die bei den Befragten nächtigten, blieben im arithm. Mittel 3,97 Tage (n=143), in einer Unterkunft bei anderen Freunden oder Verwandten sind es 4,13 Tage (n=37), in einer kommerziellen Unterkunft genau 4,0 Tage (n=18).
154 t = -‐3,58, Sig. (zweiseitig) = 0,000
155 Varianz =114,14. Die Hälfte aller Reisen endet in der Regel nach vier Tagen. Ein Viertel dieser Reisen dauert dagegen mehr als 12,8 Tage. Darunter ein Gast eines HZB-‐Brandenburger, der 30 Tage in Berlin weilte. Ansonsten ist das arith. Mittel bei HZB-‐ Berlinern (6,2 Tage) und HZB-‐In-‐Migranten (5,3 Tage) am höchsten.
156 Urlaubsreisende: t = -‐1,7, Sig. (zweiseitig) = 0,099; VFR-‐Reisende: t = -‐1,2, Sig. (zweiseitig) = 0,238; Geschäftsreisende: t = -‐0,2, Sig. (zweiseitig) = 0,839; Eventreisende: t = 0,6, Sig. (zweiseitig) = 0,954
157 Nur bei Gästen von Programmstudierenden und HZB-‐Berlinern sinkt die Aufenthaltsdauer etwas, wenn sie mehr als 75% der Zeit mit ihnen verbringen.
158 Ist die Reisedauer abhängig von einer privaten oder kommerziellen Unterkunft? Gäste mit deutschem Wohnsitz: t = -‐0,34, Sig. (zweiseitig) = 0,973; Gäste ohne deutschen Wohnsitz: t = 2,67, Sig. (zweiseitig) = 0,009
159 Gesamtausgaben/Ausgaben pro Tag: Gäste von Programmstudierenden (n=99): 316 EUR/68 EUR , HZB-‐Immigranten (n=27): 530 EUR/105 EUR, HZB-‐In-‐Migranten (n=139): 170 EUR/49 EUR, HZB-‐Brandenburger (n=22): 140 EUR/59 EUR, HZB-‐Berliner (n=69): 199 EUR/50 EUR.
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liegen sie bei Programmstudierenden und HZB-‐Immigranten deutlich über denen der Gäste anderer gastgebenden Gruppen. Weil die Transportkosten nach Berlin nicht berücksichtigt sind, scheint die Bereitschaft für höhere Ausgaben mit zunehmender Distanz zu steigen. Dafür reisen Gäste von HZB-‐ Immigranten und Programmstudierenden auf Grund der sozialen 160 und räumlichen Distanz seltener nach Berlin als Personen, die HZB-‐In-‐Migranten besuchen und selbst vornehmlich in Deutschland wohnen. Über die Wiederkehrwahrscheinlichkeit finden sich im Abschnitt 6.3.4 weitere Informationen.
Eine für die Hypothese 9 wesentliche Beobachtung ist, dass sich die einzelnen Reisendentypen unabhängig von ihrem Hauptzweck auch in Berlin nur schwach bei den Gesamtausgaben voneinan-‐ der unterscheiden. Pro Tag betrachtet sind die Ausgaben bei Eventreisenden am höchsten (75 EUR). Bei VFR-‐Reisenden sind es 58 EUR und Urlaubsreisenden 55 EUR. Ans Ende setzen sich Geschäfts-‐ reisende (43 EUR). Die unterschiedliche Aufenthaltsdauer relativiert diese Differenzen. Geschäfts-‐ reisende dieser Untersuchung bleiben wesentlich länger als beispielsweise Eventreisende. Mit Ausnahme der VFR-‐Reisenden zeigen sich weiterhin deutliche Unterschiede zwischen Freunden und Verwandten der Gastgebenden, die jedoch statistisch nicht signifikant ausgeprägt sind 161 . Im Vergleich mit den Zahlen der BTM ergeben sich keine deutlich abweichenden Unterschiede zu anderen Berlin-‐Besuchern 162 .
Interessant ist dabei ein weiterer Aspekt. Ebenfalls nicht signifikant, aber im arithmetischen Mittel deutlich, sinken die Ausgaben für Gäste, je mehr Zeit sie mit den Gastgebenden verbringen. Im Gegenzug steigen die Ausgaben der Gastgebenden. Bei VFR-‐Reisenden sind sie am höchsten und betragen im arithmetischen Mittel 46 EUR für Freunde und 32 EUR für Verwandte. Werden die Kosten berücksichtigt, liegen VFR-‐Reisende über den Ausgaben anderer Reisendentypen 163 . Dass diese Transferprozesse im Sinne der Sozialkapital-‐Theorie reziprok stattfinden, veranschaulichen die Antworten auf die Frage nach Geschenken für die Gastgebenden 164 . Gastgebende von VFR-‐ Reisenden erhalten am häufigsten Geschenke (ca. 55%). Ihnen folgen Gastgebende von Urlaubsrei-‐ senden (50%) und Eventreisende (45%). Bei Geschäftsreisenden ist es nur jeder Dritte. Auch dieses Ergebnis bestätigt, dass der Einfluss sozialer Beziehungen bei den VFR-‐ und Urlaubsreisenden am höchsten ist.
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160 Soziale Distanz bezieht sich hier ausschließlich auf die Anzahl weiterer sozialer Beziehungen neben der Gastgeberin oder dem Gastgeber, über die sie in Berlin verfügen.
161 t = 2,39, Sig. (zweiseitig) = 0,029.
162 Berlin-‐Besucher, die in einer gewerblichen Unterkunft nächtigen, weisen tägliche Ausgaben von 178 EUR aus. Werden die Daten der vorliegenden Untersuchung nach diesem Vorbild unterschieden, so entstehen Gästen in kommerziellen Unterkünften
Kosten von 133 EUR pro Tag, dafür bleiben sie jedoch länger in Berlin. Die vom DWIF bezeichneten „Verwandten-‐ und Bekann-‐ tenbesucher“ (VBB-‐Reisende), welche ausschließlich bei sozialen Beziehungen nächtigen, stehen Ausgaben von etwa 39 EUR pro Tag gegenüber (BTM 2005: 10f.). In dieser Untersuchung sind es für die Reisende in einer privaten Unterkunft etwa 52 EUR.
163 In dem vorliegenden Vergleich erreichen die VFR-‐Reisenden durch die Integration dieser Kosten in die Gesamtausgaben allgemein die höchsten Werte pro Reise (ca. 280 EUR).
164 Mit der Frage nach Geschenken geht es lediglich darum, die Existenz der Norm der Reziprozität als Voraussetzung für Transferprozesse im Sinne der Sozialkapital-‐Theorie zu belegen. Der Wert dieser Geschenke ist nicht ermittelt worden, er muss auch nicht dem ökonomischen Wert der Ausgaben entsprechen, um als reziprok zu gelten. Zudem muss auch kein zeitlicher Zusammenhang bestehen.
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Von den Ausgaben der Reisenden und ihren Gastgebenden profitieren besonders alle mit der Verpflegung dieser Personen verbundenen Einrichtungen in Berlin. Dazu gehören Restaurants und Imbisseinrichtungen genauso wie Einzelhandelseinrichtungen, die Lebensmittel anbieten. Etwa jeder dritte Euro der Reiseausgaben wechselt in diesem Bereich den Besitzer. Bei Geschäftsreisen-‐ den ist es etwas mehr (40% aller Reiseausgaben). Der zweitgrößte Anteil fließt an die restlichen Segmente des Einzelhandels. Einkäufe, die im Bereich Shopping subsumiert sind, bilden etwa 27% der während der Reise getätigten Ausgaben von VFR-‐Reisenden 165 . Bei Reisen mit einem anderen Hauptzweck ist es von etwas geringerer Bedeutung (18-‐22%).
Bei Eventreisenden sind 21-‐26% für Dienstleistungen im Entertainmentsegment vorgesehen, ihnen folgen Urlaubsreisende (ca. 20%), im Mittel aller Reisen werden 15% aller Ausgaben in diesem Bereich getätigt. Ähnlich hoch fallen, unabhängig vom Reisendentyp und den gastgebenden Grup-‐ pen, die Ausgaben für Dienstleistungen im Transportgewerbe innerhalb Berlins aus (etwa 15%) 166 . Wegen des hohen Anteils von Reisenden, die bei den Gastgebenden übernachten, zahlen nur die Wenigsten eine Unterkunft. Die höchsten Anteile finden sich in diesen Fällen bei mit den Gastgeben-‐ den verwandten Geschäftsreisenden (9,7%) und Urlaubsreisenden (9,4%). Mit den Gastgebenden befreundete Urlaubsreisende geben am wenigsten für eine Unterkunft aus (0%). VFR-‐Reisende liegen dazwischen (Verwandte: 4,5%, Freunde: 2%).
Der absolute Bruttoumsatz aller Reisen pro Jahr, die durch Studierende der Humboldt-‐Universität als Gastgebende beeinflusst werden, sind geschätzt in Abb. 24 dargestellt und stellt nur eine sehr grobe Orientierung dar, in welchen Größenordnungen, ein Zufluss ökonomischen Kapitals durch hier lebende Studierende ermöglicht wird. Die Schätzung basiert auf dem Produkt der Tagesausga-‐ ben der einzelnen Reisenden, der Zahl aller empfangenen Besuche bei den einzelnen Teilnehmen-‐ den in den gastgebenden Gruppen und der Anzahl der damit verbundenen Übernachtungen pro Jahr, die mit der Grundgesamtheit der Studierenden in den entsprechenden Gruppen multipliziert werden. Unberücksichtigt bleiben Unkosten, die den Gastgebenden entstehen. Angenommen wird, dass die Gastgebenden ohne einen Studienplatz an der HU oder einer anderen Universität nicht in dieser Stadt studiert hätten und daher auch als Gastgebende in Berlin ausfielen 167 .
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165 Bei den mit den HZB-‐Berlinern verwandten Reisenden sind es 37,5%.
166 Nur mit den Gastgebenden verwandte Geschäftsreisende heben sich in diesem Vergleich hervor (28,5%).
167 Die Aussage gilt eingeschränkt auch für HZB-‐Berliner. Allerdings wird auch dort der Anteil hoch eingeschätzt, die sich bei fehlenden Studienplätzen einen anderen Ort suchen, um ein Studium aufnehmen zu können.
Kapitel 6 Ergebnisse 100 168 Abb. 24: Geschätzter Bruttoumsatz der durch die HU-Studierenden beeinflussten Reisen
Insgesamt erreichen diese Reisen einen Gesamtbruttoumsatz von 47,3 Mio. EUR pro Jahr. Werden alle Reisenden herausgerechnet, die auch unabhängig von diesen Studierenden nach Berlin gefahren wären, verbleiben 30,5 Mio. EUR. Sind nur die Personen in die Kalkulation einbezogen, die ohne die gastgebenden Studierenden in jedem Fall nicht nach Berlin gereist wären, würden auf dieser Basis dem Berliner Wirtschaftskreislauf jährlich mindestens 21 Mio. EUR fehlen 169 . Dies entspricht in etwa 10% der Zuschüsse des Landes Berlin an die Humboldt-‐Universität zu Berlin 170 . Unberücksichtigt sind alle symbolischen, sozialen und kulturellen, sowie indirekten, mittel-‐ und langfristigen ökono-‐ mischen Effekte.
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168 In der Tabelle ist die Zahl der Studierenden angegeben, die an der HU im Sommersemester 2006 immatrikuliert gewesen sind und einer der untersuchten gastgebenden Gruppen zugeordnet werden kann. Alle den Gruppen nicht zuzuordnenden Studie-‐ renden im Aufbau-‐, Ergänzungs-‐, Erweiterungs-‐, Zusatz-‐ oder Promotionsstudium bleiben unberücksichtigt. Ebenso fehlen beurlaubte Studierende. Die Zahlen beziehen sich auf ein Jahr, das ausgehend vom Erhebungszeitpunkt bei den Programmstu-‐ dierenden den Zeitraum von August 2005 bis Juli 2006 umfasst und wegen der Querschnittserhebung nicht die Programmstu-‐ dierenden einschließt, die ausschließlich im Wintersemester 2006 an der HU studierten. Im Falle der Studierenden in grund-‐ ständigen Studiengängen beziehen sich die Zahlen auf den Zeitraum zwischen September 2005 und August 2006. Hier muss beachtet werden, dass die Zahl von Studierenden im Sommersemester i.d.R. leicht unter denen des Wintersemesters liegen (HU Berlin (Hrsg.) 2006b). Die Schätzung ist getrennt vorgenommen, ausgehend von den Werten, die sich für jede einzelne gastge-‐ bende Gruppe unterscheidet.
169 Dieser Anteil schließt alle ‚weiß nicht’-‐Antworten auf die Frage aus, ob die Reisenden auch ohne die Gastgebenden reisen würden.
170 Im Jahr 2005 beträgt der Landeszuschuss an die HU Berlin 219,5 Mio. EUR (HU Berlin 2007).
Kapitel 6 Ergebnisse 101 6.3.3 Zufriedenheit
Die Zufriedenheit der Reisenden mit ihrem Berlin-‐Aufenthalt beeinflusst ihre Wiederkehrwahr-‐ scheinlichkeit. Gefragt wurde, wie gut den Reisenden der Aufenthalt in Berlin gefiel. In der Auswer-‐
tung zeigt sich, dass sie ihn durchweg sehr gut benoten. Auf einer Skala von 1 (sehr schlecht) bis 10 (sehr gut) wird im arithmetischen Mittel eine Zufriedenheit von 8,46 angegeben 171 , der Median liegt bei 9 Punkten. Sie erreicht bei Freunden der Gäste leicht höhere Werte als bei den Verwandten der Gastgebenden 172 . Gäste, die im Ausland wohnen, sind etwas zufriedener als Gäste aus dem Inland 173 .
Abb. 25: Zufriedenheit des Gastes mit dem Aufenthalt in Berlin
Einen starken Einfluss besitzt wieder die mit den Gastgebenden zusammen verbrachte Zeit. Unabhängig vom Hauptzweck gefällt den Reisenden der Aufenthalt in Berlin tendenziell besser, je mehr Zeit sie mit ihnen verbringen (Abb. 25). Ein t-‐Test bestätigt den in Hypothese 10 vermuteten positiven statistischen Einfluss der Gastgebenden auf die Zufriedenheit 174 . Bei einer gemeinsam verbrachten Zeit, die mehr als 75% der gesamten Aufenthaltszeit einnimmt, sinkt die Zufriedenheit bei den Gästen mit deutschem Wohnsitz wieder etwas, so zumindest das Fazit ihrer Gastgebenden. Der positive Einfluss der Gastgebenden zeigt sich auch im Vergleich mit denen der BTM-‐Befragung aus dem Jahr 2001/02. Hier äußerten die Teilnehmenden auf dieselbe Frage eine Zufriedenheit von
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171 Der Wert ergibt sich aus dem arithm. Mittel. Auch die Werte bei der Standardabweichung (1,5) und Varianz (2,3) sind sehr gering ausgeprägt.
172 Eine Ausnahme sind Gäste von Berlinern und Eventreisende, dort ist es umgekehrt.
173 Gäste von Immigranten bilden eine Ausnahme. Die Freunde der Gastgebenden sind mit ihrem Aufenthalt in Berlin zufriedener als Gäste jeder anderen Migrantengruppe (9,11), ihre Verwandten jedoch am unzufriedensten (7,8).
174 Signifikanz der unterschiedlichen Zufriedenheit der Gäste in Abhängigkeit der gemeinsam verbrachten Zeit von ‚0%-‐25%’ vs. ‚76%-‐100% mit den Gastgebenden: t = -‐2,96, Sig. (2seitig) = 0,004.
Kapitel 6 Ergebnisse 102
7,8 Punkten 175 . Dieses Ergebnis ähnelt den Werten von Gästen, die nur ein Viertel ihrer Zeit oder weniger mit ihnen bekannten Gastgebenden verbringen.
6.3.4 Wiederkehrwahrscheinlichkeit
Im Vergleich zwischen den gastgebenden Gruppen können aus den unterschiedlichen Migrations-‐ hintergründen der Gastgebenden Abhängigkeiten abgelesen werden. Dazu gehört zunächst die relative Distanz 176 zwischen Gastgebenden und Gästen, die die Reiseentscheidung ihrer Gäste prägen. Bei den Programmstudierenden bewirkt zusätzlich ihre baldige Rückkehr an ihren Her-‐ kunftsort eine geringere Wiederkehrwahrscheinlichkeit ihrer Gäste nach Berlin (Abb. 26).
177 Abb. 26: Wiederkehrwahrscheinlichkeit von VFR-Touristen nach gastgebenden Gruppen
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175 Für den Vergleich wurde die Frage „Wie würden Sie auf einer Skala von 1 bis 10 Ihren Aufenthalt in Berlin insgesamt beurteilen?“ in die Erhebung der Diplomarbeit inhaltlich übernommen. Besucher bei Verwandten und Bekannten machen in der BTM-‐ Befragung einen Anteil von 24,3% aus.
176 Die relative Distanz bezieht sich auf die Zeit-‐Distanz oder Kosten-‐Distanz. Sie wurden in der Untersuchung nicht differenziert berücksichtigt. Abler, Adams und Gould integrieren in einem Relativraummodell (1971: 76) jedoch auch den sozialen Raum über die Kontakthäufigkeit und damit Ansätze der Netzwerkforschung in ihr Relativraummodell, um Distanzen darzustellen. Eine Abhängigkeit von der Kontakthäufigkeit kann bestätigt werden. Je häufiger ein Kontakt zwischen Gast und Gastgebenden besteht, desto höher ist auch die Wiederkehrfrequenz - wenn andere Merkmale, wie bei den Programmstudierenden der begrenzte Studienaufenthalt, nicht dominieren.
177 Programmstudierende wurden nicht gefragt, ob ihre Gäste innerhalb der nächsten zwei Jahre nach Berlin ziehen würden.
Kapitel 6 Ergebnisse 103
Allein die Tatsache einer weiteren sozialen Beziehung des Gastes lässt sie jedoch um 20 Prozent-‐ punkte steigen. In den anderen gastgebenden Gruppen ist dieser Unterschied ebenfalls sichtbar, jedoch weniger darüber ob, sondern wie häufig ihre Gäste wiederkommen. Insgesamt steigt die Wiederkehrwahrscheinlichkeit bei den Gästen, je eher sie erstens über Gastgebende und zweitens über weitere soziale Beziehungen in Berlin verfügen und drittens je kürzer die zu überwindende Reisedistanz ist. Diese Gründe erklären zunächst die erheblichen Unterschiede zwischen den Gruppen, bei denen Gäste von In-‐Migranten am häufigsten und die der Programmstudierenden am seltensten innerhalb der nächsten zwei Jahre zurückkehren würden.
Weitere Reiseereignisse bleiben von der Existenz eines Gastgebenden statistisch abhängig und bestätigen die in ebenfalls in Hypothese 10 geäußerte Vermutung. ‚Private Verpflichtungen’ und ‚Wertschätzung des Zusammenseins’ werden wichtiger. Je häufiger Gast und Gastgebende in Kontakt
sind, sich verbunden fühlen und je länger sie sich kennen, desto häufiger reisen sie nach Berlin. Aber auch die Stadt zu mögen, gewinnt bei der Reiseentscheidung an Relevanz. Andere die Stadt betref-‐ fenden Faktoren verlieren bis auf die ‚Vielfalt kultureller Angebote’ nicht an Einfluss. Wie standort-‐ bedingte Kriterien VFR-‐Touristen beeinflussen, wäre in einem Städtevergleich jedoch besser herauszuarbeiten.
6.3.5 Potenzial weiterer VFR-Reiseereignisse
Trotz der bereits hohen Anzahl von Besuchen, die eine vorhergehende Migration der Gastgebenden auslöst, sind es tendenziell Migranten, die sich (noch) mehr Besuche von Freunden und Verwandten vorstellen können - vorausgesetzt ihr Aufenthalt ist nicht von ähnlich begrenzter Dauer, wie sie bei den Programmstudierenden zu finden sind und ihr Herkunftsort liegt nicht in der Nähe Berlins.
Mehr Besuche wünschen sich vor allem die HZB-‐Immigranten (46,6% siehe Abb. 27). Möglicherwei-‐ se ist die Distanzschwelle für ihre potenziellen Gäste höher als in den anderen Gruppen. Vor allem höhere Kosten wirken vermutlich bremsend auf die Reisebereitschaft. Inwieweit andere vom Migrationshintergrund abhängige Merkmale diesen Wunsch positiv beeinflussen, kann jedoch nicht erläutert werden.
Ihnen folgen mit etwas Abstand die HZB-‐In-‐Migranten (35,9%). In den anderen gastgebenden Gruppen ist noch knapp jeder dritte bis vierte Teilnehmende für mehr Gäste zu begeistern, wobei sich, wegen der vielen Besuche innerhalb eines sehr begrenzten Zeitraums, die Programmstudie-‐ renden am häufigsten auch über weniger Besuche freuen würden.
Teilnehmende, die in den letzten zwölf Monaten keinen Gast empfingen, wünschen sich in allen Gruppen deutlich mehr Besuche als Teilnehmende, die besucht wurden. Nur bei den Berlinern ist es umgekehrt. 81% der HZB-‐Berliner ohne Gäste empfindet diese Situation als „gerade richtig“.
Über ihre Gäste am wenigsten gefreut haben sich die HZB-‐Brandenburger (84,4% gefreut). Wenig deshalb, weil der Anteil bei allen anderen Gastgebenden mit etwa 95%. noch höher ausfällt. Am
Kapitel 6 Ergebnisse 104
liebsten sind den Gastgebenden Eventreisende und VFR-‐Reisende. Knapp 85% von ihnen gefällt es jedoch auch, wenn sie Besuch von Urlaubs-‐ und Geschäftsreisenden erhalten. Insgesamt besteht ein Potenzial weiterer VFR-‐Reisen, das bisher nicht genügend ausgeschöpft scheint. Der Wunsch nach mehr Gästen ist in der Regel bei fast jedem dritten Gastgebenden vorhanden.
Abb. 27: Mehr oder weniger VFR-Touristen als erwünscht?
6.4 Fazit
Gastgebende mit einem zurückliegenden Migrationsereignis erhalten signifikant und deutlich mehr Besuche gegenüber Personen, die nicht migrierten. Mit zunehmender Wohndauer sinkt die Zahl
ihrer Gäste. Jedoch fällt auch nach mehr als zehn Jahren das Niveau nicht auf das von Gastgebenden ohne Migrationshintergrund. Die Gäste reisen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit aus einer Region an, in der ihre Gastgebenden bereits lebten. Ist die Herkunftsregion der Gastgebenden bekannt, können daher mit hoher Wahrscheinlichkeit zutreffende Aussagen über die Herkunftsregion ihrer Gäste getroffen werden.
Das zwischen den Gästen und Gastgebenden inne liegende soziale Kapital ihrer Beziehung beein-‐ flusst die Reiseentscheidung der Gäste überraschend deutlich und mehrfacher Hinsicht. Mit wenigen Abweichungen ist die Wertschätzung der Gastgebenden verbunden mit der Aussicht, einen Teil des Aufenthalts mit ihnen zusammen zu verbringen, für alle VFR-‐Touristen das wichtigste Entschei-‐ dungskriterium. Die für VFR-‐Touristen entscheidendsten Faktoren, die die Standortausstattung Berlins repräsentieren, sind vielfältige kulturelle Angebote und das Image der Stadt.
Doch inwiefern wirken die Standortausstattung Berlins und die Existenz von Gastgebenden zusammen auf die Reiseentscheidung potenzieller Gäste? Ein Gastgeber schreibt, „als ich noch in
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Nürnberg studierte, besuchte mich meine Mutter erst nach zwei Jahren, nachdem ich hierher zog schon nach zwei Monaten“. Interessanterweise besuchte die Mutter zum ersten Mal Berlin und hätte sich ohne den hier wohnenden Sohn gegen eine Reise in diese Stadt entschieden. Daher ist anzu-‐ nehmen, dass soziales Kapital in der Beziehung zwischen Gast und Gastgebenden als Multiplikator auf andere Kapitalarten wirkt (siehe Punkt 3.1.3.4). VFR-‐Reisen sind vornehmlich auf soziale Beziehungen gerichtet. Je attraktiver eine Destination für den Gast neben der sozialen Beziehung wahrgenommen wird, desto schneller, häufiger oder in kürzeren Abständen werden jedoch die Gastgebenden besucht. Vermutlich vermitteln sie besser die Qualitäten Berlins oder können mit ihnen gemeinsam besser genossen werden. So erreicht auch die Relevanz des Kriteriums‚ die Person kannte Berlin schon, mochte die Stadt und kam deshalb wieder’ eine besonders hohe Relevanz, wenn sie mindestens schon einmal in Berlin gewesen sind und sich mit den Gastgebenden beson-‐ ders verbunden fühlen. 178 Die Bereitstellung einer preiswerten und bequem empfundenen Unter-‐ kunft begünstigt die Reiseentscheidung ebenso wie andere Leistungen, welche die Gastgebenden teilweise stellen. Besteht keine soziale Beziehung, sinkt daher nicht die Frequenz, sondern die Wahrscheinlichkeit, überhaupt an diese Destination zu reisen, bei der insbesondere für Erstbesu-‐ cher die sehr wichtigen ‚Ortskenntnisse der Gastgebenden’, ihre ‚Erzählungen über Berlin’ und die ‚Sicherheit’ vermittelnde Beziehung als Anstoß ausbleiben. Insbesondere VFR-‐ und Urlaubsreisende würden in diesen Fällen mehrheitlich auf eine Fahrt nach Berlin verzichten. Die beiden Reisenden-‐ typen beeinflussen potenzielle Gastgebende am stärksten. Sie werden von ihnen auch am häufigsten eingeladen.
Während für VFR-‐Reisende eine Fahrt mit zunehmender Verbundenheit zu einer sozialen Beziehung und der Anzahl von Beziehungen noch wahrscheinlicher wird, reicht Urlaubsreisenden schon die Existenz einer sozialen Beziehung als Voraussetzung für einen Besuch in Berlin. Die Reiseentschei-‐ dung von VFR-‐Reisenden ist etwas weniger von den Standorteigenschaften Berlins abhängig, dafür gewinnen emotionale und kognitive Leistungen sowie verpflichtende Motive innerhalb dieser Beziehung an Bedeutung. Bei Urlaubsreisenden ist dagegen die instrumentelle Nutzung ihres sozialen Kapitals stärker gewichtet, auch die Standorteigenschaften Berlins erfahren bei ihnen eine etwas höhere Relevanz. Die Entscheidungen der Eventreisenden und insbesondere Geschäftsreisen-‐
den hängen dagegen weniger von einer sozialen Beziehung in Berlin ab, aber auch ihnen sind die kognitiven, emotionalen und vor allem instrumentellen Leistungen sozialen Kapitals wichtig. Die bedeutendsten von den Gastgebenden unbeeinflussten Kriterien stellen das ‚Berlin-‐Image’ sowie gute und günstige Transportverbindungen für Gäste dar. Ihre Bedeutung steigt mit zunehmender Distanz zwischen ihrem Wohnort und dem Reiseziel Berlin. Die Transportverbindungen schätzen insbesondere die Reisenden, die nicht in Deutschland wohnen.
VFR-‐Touristen unterscheiden sich nicht in Abhängigkeit von ihrem Hauptreisezweck in ihrem Ausgabeverhalten, wenn sie eine soziale Beziehung besuchen. Im Vergleich zu Nicht-‐VFR-‐Reisenden :::::::::::::::::::
178 Außer die Gäste wohnen in der Nähe Berlins oder haben schon einmal für lange Zeit in Berlin gewohnt.
Kapitel 6 Ergebnisse 106
geben sie weniger aus. Sie bleiben jedoch deutlich länger als andere Berlin-‐Besucher, die über keine Gastgebenden verfügen - und kehren häufiger wieder. Daher besteht die Annahme, dass sie sich in ihrem ökonomischen Potenzial nicht von anderen Reisenden deutlich abheben, auch wenn ein direkter Vergleich mit Nicht-‐VFR-‐Reisenden innerhalb dieser Erhebung ausbleiben muss.
Der Bruttoumsatz der von den HU-‐Studierenden beeinflussten Reisen liegt bei etwa 47 Mio. EUR pro Jahr. Berücksichtigt man nur die Gäste, die ohne ihre hier wohnhaften Gastgebenden nicht nach Berlin gereist wären, verbleibt ein Bruttoumsatz von etwa 21 Mio. EUR, der ausschließlich von Gastgebenden und ihrem Studienplatz in Berlin abhängt 179 . Besonders profitieren alle mit der Verpflegung von Reisenden verbundenen Einrichtungen des Einzelhandels und der Gastronomie.
Jeder dritte Euro geht an sie. Jeder vierte Euro ist für den Bereich „Shopping“ und jeder sechste jeweils für Unterhaltungsangebote und das Transportgewerbe in Berlin bestimmt. Die Hotellerie profitiert am wenigsten direkt von dieser Reisegruppe. Wegen des Informationspotenzial zwischen den sozialen Beziehungen ist jedoch zu erwarten, dass über die Gastgebenden wie den VFR-‐ Touristen, die bereits Berlin besuchten, weitere Reiseereignisse initiiert werden, bei denen die Gäste nicht über Gastgebende in Berlin verfügen und häufiger in kommerziellen Einrichtungen übernach-‐ ten.
Allgemein zeichnen sich VFR-‐Touristen jedoch auch dadurch aus, dass sie häufiger wiederkommen, insbesondere je mehr sie über soziale Beziehungen in Berlin verfügen. Gäste aller Reisendentypen bewerten in Abhängigkeit der gemeinsam verbrachten Zeit mit den Gastgebenden auch ihren Aufenthalt positiver. Sie stellen daher ein nicht zu unterschätzendes Potenzial für den Tourismus-‐ standort Berlin dar.
:::::::::::::::::::
179 Unter der Annahme, dass die Gastgebenden ohne den Studienplatz nicht in Berlin wohnen würden.
Kapitel 7 Schlussbetrachtung 107 7 Schlussbetrachtung
Mit der Diplomarbeit wurde versucht, die Bedeutung von Migrationsereignissen für einen mit am häufigsten im System des Tourismus verkehrenden Reisendentypen, den VFR-‐Reisenden, darzustel-‐ len und ebenso ihren Einfluss auf andere Reisendentypen hervorzuheben. Unter zu Hilfenahme der Theorie der Praxis konnten verschiedene Kriterien der Reiseentscheidung operationalisiert und untersucht werden, die über ausschließlich ökonomische Grundlagen eines Entscheidungsprozesses hinausgingen. Die Ergebnisse dokumentieren den herausragenden Einfluss von am Reiseziel ansässiger Freundschaften und Verwandtschaften auf das Ergebnis dieses Prozesses. Eine Potenzia-‐ lanalyse zeigte bei den direkten ökonomischen Auswirkungen ihres Konsumverhaltens, ihrer hohen Wiederkehrwahrscheinlichkeit und dem Wunsch der Gastgebenden nach mehr Besuchen, dass es sich um einen Reisendentyp handelt, der wesentlich mehr Beachtung verdient als ihn nur statistisch zu erfassen und ihn in seiner Bedeutung auf den Nutzen oder Nicht-‐Nutzen für den kommerziellen Beherbergungsmarkt zu reduzieren.
Weitere Potenziale konnten nur angedeutet werden und empfehlen sich für weitere Forschungen. Dazu gehört die Frage, inwiefern VFR-‐Reisen für von Abwanderung betroffene Regionen wie auch für bisher touristisch weniger attraktive Gebiete ein Potenzial darstellen. Für einzelne dieser Räume ist ein außerordentlich hoher Anteil von VFR-‐Reisen am Gesamtreiseaufkommen dokumentiert. Gemessen am Beherbergungsmarkt erreichen sie bis zu 90%(!) (OSGV 2003).
Offen bleibt, wie stark Standortqualitäten über die Wiederkehrfrequenz von VFR-‐Reisen entschei-‐ den. Sie wurden in der Diplomarbeit untersucht, könnten in einem entsprechenden Standortver-‐ gleich jedoch besser herausgestellt werden, wenn potenzielle Reisende an zwei verschiedenen Orten ähnliche soziale Beziehungen besitzen und ihre Reisefrequenz miteinander verglichen wird. Eine weitere Frage bezieht sich darauf, welchen Einfluss VFR-‐Reisen auf zukünftige Migrations-‐ und Remigrationsereignisse ausüben. Auch der produktive Charakter dieser Reisen stellt einen interes-‐ santen Ausgangspunkt für zukünftige Fragestellungen dar.
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Arbeit zitieren:
Carsten Foertsch, 2007, VFR-Tourismus in Berlin, München, GRIN Verlag GmbH
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