Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
Die Entwicklung der Arbeitszeit bis 1848 4
Kinderarbeit 7
Die Gründung der Gewerkschaften 8
Die Arbeitszeitregelung nach 1848. 12
Die Streik- und Gewerkschaftsbewegungen in der Endphase der Industrialisierung. 16
Gr ündungskrise und gewerkschaftliche Geschlossenheit 18
Zusammenfassung. 20
Bibliographie 23
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Einleitung
Die industrielle Revolution in Deutschland hatte ausgesprochen weitreichende Konsequenzen für die deutschen Beschäftigten in sämtlichen Wirtschafts- und Lebensbereichen. Ein neues ökonomie- und kapitalorientiertes Denken veränderte das traditionelle Arbeitsgefüge in Gewerbe, Industrie und Handel und beherrschte fortan sämtliche Entwicklungen im Hinblick auf Produktionsweisen, Arbeitsprozesse und dem Verhältnis zwischen Unternehmer und Lohnarbeiter. Ungeahnte Möglichkeiten für die effizientere Ausbeutung von Bodenschätzen und ein größerer Ausstattungskomfort für Handwerksbetriebe ergaben sich aus den vielen Stationen der Mechanisierung und einer ganzen Reihe von Erfindungen wie der Dampfmaschine (1765), der Spinnmaschine (1769), dem mechanischen Webstuhl (1786) und der Lokomotive (1803/04 bzw. 1814). Durch den Einsatz von Fabriktechnologien und maschineller Produktverarbeitung entstanden jedoch gleichzeitig immer deutlichere Differenzen zwischen dem Ökonomie- und Wettbewerbsambitionen der Fabrikinhaber und den Arbeitsbedingungen der weitestgehend unmündigen Angestellten, die später durch Verbände und Gewerkschaften vertreten wurden und deren vorrangiges Ziel eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes in Hinsicht auf Lohnniveau und Arbeitszeiten betrafen. Wo sich für die deutsche Wirtschaft vielfältige Chancen zur Kapitalvermehrung und internationalen Wettbewerbsfähigkeit ergaben, veränderte sich auch das politische und soziale Bewusstsein des Arbeiters im Rahmen seines beruflichen Umfeldes. In dem Augenblick, wo die Arbeiterschaft den Gegensatz von Kapital und Arbeit nicht nur als theoretischen Prozess, sondern auch als einen persönlichen Erfahrungswert wahrnahm, entstanden vor allem um die Revolution von 1848/49 herum einige Bewegungen aus dem Arbeitermilieu heraus, die zwar noch nicht in sich geschlossen und einheitlich waren, aber schon bald nicht mehr ignoriert werden konnten. Ziele wie bessere Arbeitsbedingungen, Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen waren damals genauso regulärer Bestandteil von Forderungskatalogen zahlreicher Interessenverbände und Verbindungen von Fabrikarbeiter, Lehrlinge und Gesellen wie noch heute. Dass zu Zeiten der Industrialisierung in Deutschland Vokabeln wie „40-Stunden-Woche“, „Kündigungsschutz“ und „Weihnachtsgeld“ freilich keine Rolle spielten, sondern diese vielmehr einer großen gesellschaftlichen Macht der Gewerkschaften und einer flexibleren Berufsgestaltung heutiger Arbeitnehmer im 21.
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Jahrhundert Ausdruck verleihen, wird schon anhand der intensiveren Betrachtung der Arbeitszeitregelung und ihrer Geschichte deutlich.
In dieser Arbeit soll letzteres thematisiert werden und überblicksweise veranschaulicht werden. Hierbei soll vor allem die Frage im Vordergrund stehen, inwieweit sich zu Zeiten der industriellen Revolution in Deutschland die Arbeitszeiten in den unterschiedlichen Berufsfeldern verändert und entwickelt haben, wie der Kampf der Gewerkschaften um Arbeitszeitverkürzung konkret aussah und welche Forderungen schließlich durchgesetzt werden konnten. Gerade aufgrund der breiten Themenspektrums soll es hierbei weniger um Ausführlichkeit als vielmehr um einen möglichst informativen Einblick gehen.
Die Entwicklung der Arbeitszeit bis 1848
Mit der Entstehung des sogenannten „modernen Industriekapitalismus“ 1 bildete sich auch ein städtisches Proletariat heraus, das sich aus verschiedenen Schichtungen rekrutierte. Darunter fielen sowohl Bauern, die seit den Stein-/Hardenberg-Reformen nicht mehr der Leibeigenschaft unterstellt waren, ihre Güter an Großgrundbesitzer verloren hatten und daraufhin in die Städte ziehen mussten, als auch Lehrlinge und Gesellen, die vom Zunftzwang gelöst und nun als freie Arbeitskräfte „auf dem Markt“ waren. Das Überangebot an Arbeitskräften und die damit rapide ansteigende Konkurrenz untereinander war damit ein nicht unwesentlicher Faktor für den schnellen Anstieg der Arbeitslosenzahlen bis Ende des 19. Jahrhunderts. Der Einsatz von Maschinen und die fortschreitende Technologie ersetzten darüber hinaus viele bis dato unentbehrlichen Arbeitsbereiche (z. B. durch den Einsatz von Dampfkraft in der Spinnerei oder Textilbranche), förderte das Leistungsprinzip innerhalb der Betriebe im Rahmen eines zunehmenden Markt-Wettbewerbs und erhöhte so zusätzlich den Druck auf die Arbeiterschaft. Die Angst um Stellenverlust und Erwerbslosigkeit ließ nur wenig Spielraum für etwaige Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen zu, zumal die Aufhebung des Zunftzwanges nicht automatisch zu Solidarisierung und Gemeinschaftssinn innerhalb der noch weitestgehend heterogenen Arbeiterschaft führte. Für die „Fabrikherren“ war diese Situation eine entsprechend günstige: Die ri-gorose Ausbeutung der Arbeiterschaft hatte sowohl die Senkung der Bruttoreallöhne
1 Georg Fülberth, „Die Entwicklung der deutschen Gewerkschaftsbewegung von den Anfängen bis
1873“, in: Frank Deppe, Georg Fülberth, Jürgen Harrer (Hrsg.): Geschichte der deutschen Gewerk-
schaftsbewegung, Köln 1989, S. 22.
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als auch eine Anhebung der täglichen Arbeitszeit auf bis zu 13 Stunden und mehr zur Folge. Die ohnehin schlechten Lebens- und Wohnbedingungen für die Arbeiter und deren Familienangehörigen verschärften die angespannte Lage in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts - „die Arbeiterschaft (…) sah sich den katastrophalen sozialen Begleiterscheinungen des industriellen Kapitalismus weitestgehend schutzlos ausgeliefert.“ 2
Schon während der französischen Besatzung wurde die Gewerbefreiheit in den linksrheinischen Gebieten bis 1795 eingeführt, in den darauffolgenden Jahren auch in anderen Ländern. Nachdem in Preußen durch das Hardenbergsche Gewerbesteueredikt vom 2. November 1810 die Gründung eines eigenen Gewerbes ermöglicht wurde und damit die Macht der Zünfte endgültig aufgehoben war, war ein immenser Zuwachs an Beschäftigten in den Fabriken (+ 848 %) und im Bergbau (+ 680 %) festzustellen. In der Folge dieser Entwicklung kam es auch zu neuen Regelungen bezüglich der Arbeitsordnungen, die nun „durch die Idee der Vertragsfreiheit“ 3 abgelöst wurden. Die Preußische Gewerbeordnung von 1845 sah vor, dass diese Arbeitsordnungen zugunsten einer sogenannten „freien Übereinkunft“, also auf Grundlage von Leistung und Gegenleistung ersetzt werden sollten. Gerade jener Umstand sollte auch unmittelbare Auswirkungen für die Arbeitnehmer haben, die sich nun teilweise einer Form der Willkür ausgesetzt sahen. So modern Preußen in der Schaffung marktwirtschaftlicher Grundlagen auch zunächst zu sein schien, waren jedoch die Folgen für die Arbeiterschaft (und damit auch für die entsprechenden Arbeitszeitregelungen) in einigen Punkten verheerend.
Die genauesten Belege für die kontinuierliche Verlängerung der Arbeitszeit sind für die Textilfabriken zu finden. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrug hier die durchschnittliche Arbeitsdauer zwischen 11 und 14 Stunden, bis 1850 wurde die Arbeitszeit auf 14 bis 16 Stunden erhöht. Dies ergab eine wöchentliche Stundenzahl von 75 bis 90 Stunden. Durch die räumliche Trennung von Haushalt und Arbeitsplatz eröffneten sich darüber hinaus den Arbeitgebern auch neue Möglichkeiten einer produktiveren Nutzung der Gesamtarbeitszeit, welche nun auch die Gestaltung von Essenspausen und Disziplinierungsmaßnahmen einschlossen. Die Bemühungen um
2 Michael Schneider: Kleine Geschichte der Gewerkschaften. Ihre Entwicklung in Deutschland von den
Anfängen bis heute, Bonn 2000, S. 23.
3 Erich Wiegand, Wolfgang Zapf (Hrsg.): Wandel der Lebensbedingungen in Deutschland. Wohlfahrts-
entwicklung seit der Industrialisierung, Frankfurt am Main/New York 1982, S. 21.
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Ökonomisierung und zeitliche Effizienz gingen zu Lasten der Erholung des Arbeiters, dessen Frühstücks- und Mittagspause teilweise so kurz war, dass selbst eine zeitgerechte Zubereitung der Mahlzeiten kaum noch möglich war. Zuwiderhandlungen gegen das strikte Reglement in den Fabriken wie willkürliche Verlängerung der Pausen oder Unpünktlichkeit wurden mit drakonischen Strafen belegt. Nicht anders erging es den Beschäftigten im Buchdruck bzw. den Buchsetzereien. Die verbesserten Absatzmöglichkeiten durch den Einsatz von innovativen Schnellpressen oder Handgießmaschinen, die einen deutlichen Produktionszuwachs mit sich brachten, hatten unmittelbare Auswirkungen auf die Arbeitszeitbedingungen. So wurde nun auch im Buchdruckgewerbe und in den Setzereien Mitte des 19. Jahrhunderts eine tägliche Arbeitszeit von 14 bis 16 Stunden zur Regel. Sowohl Sonntagsals auch Nachtarbeit war in jener Branche keine Seltenheit. Auch in den Handwerksbetrieben sah die Situation um 1850 sehr problematisch aus. Quellen über die Arbeitsbedingungen von den noch zunftgebundenen Hamburger Handwerkern 4 belegen eine durchschnittliche tägliche Arbeitszeit von 14 Stunden (in der Regel von 5 bzw. 6 Uhr morgens bis 19 Uhr abends). Auch hier wurden die Pausenzeiten radikal eingeschränkt (von drei auf zwei Stunden), was zu einer Netto-Arbeitszeit von 12 Stunden führte. Sowohl in Berlin als auch Nürnberg, wo ähnlich genaue Daten vorliegen, waren Arbeitszeiten zwischen 12 und 14 Stunden die Regel. Im Unterschied zu Hamburg hatte sich hier die Zunftfreiheit bereits durchgesetzt. „Arbeitszeitverlängerungen, Verbote des blauen Montags, Verkürzungen der Essenspausen und die weitgehende Ausschaltung anderer Betätigungen aus der Gesamtarbeitszeit, dies alles signalisiert die Durchsetzung der Logik linearer Zeit auch im handwerklichen Produktionsbereich.“ 5
Für Gesellen, Gehilfen und Lehrlinge war die tägliche Dauer ihrer Tätigkeit auch jahreszeitbedingt zu betrachten. Insbesondere für Maurer, Zimmerer und Dachdecker am Beispiel von Auswertungen für den Berliner Raum ergaben sich deutliche Unterschiede von Sommer (13 Stunden) und Winter (8 - 10 Stunden) 6 . Oftmals wurde in den Wintermonaten gemäß des Tageslichts gearbeitet, sodass in vielen Handwerksbranchen zu jener Zeit das Privatleben nur noch „im Dunkeln“ stattfand.
4 Vgl. dazu: Günter Scharf: Geschichte der Arbeitszeitverkürzung. Der Kampf der deutschen Gewerk-
schaften um die Verkürzung der täglichen und wöchentlichen Arbeitszeit, Köln 1987, S. 82.
5 Scharf, S. 85.
6 Siehe ebd., Tabelle S. 85.
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Arbeit zitieren:
Jan-Matthias Schultze, 2006, Die Gründung der Gewerkschaften und der Kampf um Arbeitszeitverkürzung in der Zeit der deutschen Industrialisierung, München, GRIN Verlag GmbH
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