Inhaltsverzeichnis:
1. Die totale Erreichbarkeit 3
2. Eine kurze Geschichte der Adresse 4
3. Adresse und Adressierbarkeit im Internet-Zeitalter 7
4. Folgen der neuen Adressierbarkeit 10
5. Flash Mobs als Kinder der neuen Adressabilität 14
6. Literatur 16
2
1. Die totale Erreichbarkeit
Konzept, Funktion und Implikationen von Adresse und Adressabilität eines Individuums verändern sich im Laufe der Geschichte grundlegend. In funktional ausdifferenzierten Gesellschaften bedeutet Adresse etwas gänzlich anderes als in stratifizierten, vormodernen Gesellschaften. Eine jüngste, besonders rasante Veränderung durch die elektronischen Medien, vor allem aber durch das Internet ist zu beobachten, in ungeahntem Tempo und mit weitreichenden Folgen.
Diese Entwicklung geht, vereinfacht ausgedrückt, von der statischen, determinierenden Adresse, die ein Individuum ein Leben lang zu Eigen war, zu einem Sammelsurium an je nach Kontext, Lebensphase und Lebensumständen variierenden Adressen, die im Zuge eines Identitätsmanagements und erfolgreicher Kommunikation in diversen Subsystemen verwaltet werden wollen. Dabei wird die durch elektronische Medien (und der ihnen zu Grunde liegende Informations- und Kommunikationstechnologie) gesteigerte Adressabilität, also die unproblematische präzise Adressierung jedes Individuums, zum Motor und Katalysator einer „Weltgesellschaft“ wie von Rudolf Stichweh postuliert 1 . Sie scheint überhaupt erst mittels dieser polykontexturalen, globalisierten Adressen möglich 2 . So soll auch kurz auf die eher technischen Hintergründe der heutigen Adressen und Adressierungsschemata eingegangen werden. Weitere Folgen dieser Entwicklung sollen in dieser Arbeit vor allem hinsichtlich gewisser Potenziale für Inklusionen in Netzwerke bzw. Gruppenbildung im Sinne einer hierarchischen Abfolge von Kommunikation, Koordination und Kollaboration untersucht werden. Nicht außer Acht gelassen werden dabei weniger positive bzw. negative Folgen dieser ständigen Adressabilität.
Flash Mobs bieten ein interessantes Beispiel, in dem sich mehrere dieser Implikationen neuer Adressabilität manifestieren und sollen die Arbeit in einem Fazit abrunden.
1 Vgl. Stichweh 2000
2 Vgl. Meckel 2002: 127 ff.
3
2. Eine kurze Geschichte der Adresse
Peter Fuchs stellt paradigmatisch und zugespitzt fest: „Die soziale Adresse ist eine Frage des Überlebens.“ 3 Dies schließt er nicht nur aus empirischen (mittelalterlichen) Experimenten, bei denen Kleinkinder sozial isoliert, also ihrer Adresse beraubt wurden. Er sieht vielmehr das Bewusstsein angewiesen auf eine Differenzierung zur Umwelt via Adresse. Diese Autopoieses bedient sich der Adresse als Technik der Differenzierung von der Umwelt. Fuchs knüpft „die Autogenese des Bewusstseins an den Kontakt mit Kommunikation“. Die Kommunikation muss also das Bewusstsein als adressabel behandeln, das Individuum muss „als Abstoßpunkt für Adressenbildung in Frage“ kommen.
Grundlegendes Schema ist das der Inklusion/Exklusion, wie von Luhmann und Stichweh eingeführt. 4 Ein Ereignis oder eine Person kann entweder als adressabel (inkludiert) oder nicht adressabel (exkludiert) betrachtet werden. Dabei unterscheidet sich die Adressabilität auf vielerlei qualitative Arten, und eine gewisse Anzahl von Kontexten, in die eine Person per Adressabilität inkludiert ist, impliziert immer auch das Gegenteil: eine bestimmte Anzahl von Exklusionen. Eine Adresse ist nach Fuchs also „das Positiv vor dem Negativ der Exklusion“ 5 , also die Summe unserer Inklusionen vor dem Hintergrund unserer Exklusionen.
Die Herstellung eigener Adressabilität stellt, nach einer Säuglingsphase ohne (systemtheoretisch gedachtes) Bewusstsein, in der durch eine einseitige Kommunikation voller Augmentation, Redundanz und Amplifikation die selfulfilling prohphecy der Adressbildung beim Kleinkind realisiert wird, eine der wichtigsten Motivationen sozialen Verhaltens dar. Das Problem der (fehlenden) Anerkennung wird oft explizit und deutet auf dieses existenzielle Bedürfnis des Menschen hin, anerkannt zu werden. Ein kurzer historischer Abriss: In stratifiziert differenzierten Gesellschaften identifiziert Fuchs eine „dichte“, also eine mit hohem Orientierungswert für das Individuum gekennzeichnete, lokal konstruierte Adresse, die individuelle Biographiepotenziale weitgehend determiniert und Verstöße gegen ihr immanente Restriktionen mit
3 Fuchs 1997: 88.
4 Vgl. Luhmann 1994 bzw. Vgl. Stichweh 1988
5 Fuchs 1997: 89
4
Exklusion (aus einer Schicht, Familie, Stand), Totalexklusion (Verbannung aus der Gesellschaft bzw. Todesstrafe) bzw. transzendenter Exklusion (Exkommunikation) ahndet. Mit der Ausdifferenzierung autonomer Funktionssysteme wird die kommunikative Adresse disloziert, sie nimmt, je nach Funktionskontext, andere Ausprägungen an. Ein Beispiel ist die Adresse im wissenschaftlichen Kontext, die eine speziell formalisierte, reduzierte Selbstreferenz (Akademischer Titel bzw. Hierarchiegrad wie z.B. Prof. Dr.) mit hoher Fremdreferenz („zitiert von/in“) mischt. Im Funktionssystem Kunst mag die Zugehörigkeit zu einer stilistischen Strömung („Der Impressionist Monet“) oder die Verortung an einer berühmten Hochschule („Schüler von..., am Mozarteum“) diese Kontextualisierung aufzeigen, ein möglichst merkwürdiger Künstlername eine dem Künstler zu gewisser Reputation gereichende Kreativität kommunizieren. Dementsprechend sind auch die spezifischen Inklusionsbzw. Exklusionsmodi verschieden und nicht selten inkompatibel. Diese „polykontexturale“ Adressen sind heterarchisch geordnet und werden von einem Individuum „nebeneinanderher“ verwaltet. Dies verlangt im Vergleich zu dichten Adresse eine höhere kognitive Leistung sowie die Anstrengung, relative Konsistenz herzustellen. Mit Freud gesprochen wäre psychische Gesundheit auch als die Fähigkeit eines Individuums zu verstehen, alle seine (bewussten wie unbewussten) Adressen zu verwalten.
Die existenziell wichtige Rolle, die Adresse und Adressabilität des Individuums für seine (theoretisch mögliche) Zugehörigkeit zu einer wie auch immer gearteten sozialen Gruppe spielt, soll im Folgenden kurz skizziert werden. Stichweh spricht im Übergang von vormoderner zu moderner Gesellschaft von einem Wandel der Bekanntschaftsnetzwerke und damit auch der Rolle der Adresse 6 . Die Unterscheidung zwischen „Freunden und Feinden“ wandelt sich zu einer Unterscheidung in „Freunde und Bekannte und Fremde“. Diese Bekanntschaften müssen nicht wirklich persönlich bekannt sein, sondern nur adressierbar. Fremde werden in dem Moment zu Bekannten, in dem sie erstmalig adressierbar sind bzw. mindestens einmal erfolgreich adressiert werden. Dieser Möglichkeitenraum sozialer Beziehungen ist das von Stichweh erwähnte komplexe „set von Adressen, ein Netzwerk
6 Vgl. Stichweh 2000: 224.
5
Arbeit zitieren:
Friedemann Karig, 2010, Adressierung und Adressabilität in Zeiten vernetzter Medien, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Kulturwissenschaft: neuer Titel erschienen: Adressierung und Adressabilität in Zeiten vernetzter Medien
Friedemann Karig hat einen neuen Text hochgeladen
Wired/Wireless Internet Communications
4th International Conference, ...
Thomas Braun, Georg Carle, Sonia Fahmy, Yevgeni Koucheryavy
Wireless Systems and Network Architectures in Next Generation Internet
Second International Workshop ...
Matteo Cesana, Luigi Fratta
Autorschaft als Werkherrschaft in digitaler Zeit
15. Juli 2009 Symposium Frankf...
Roland Reuß, Volker Rieble
Was sind und was sollen Medien, Netze und Vernetzungen?
Vernetzung als Medium zur Welt...
Horst Hischer
0 Kommentare