Inhaltsverzeichnis
1.Vorwort 3
2. Die Ursprünge Queequegs in der Weltliteratur und in der Biographie Melvil-
les 4
3. Queequeg in Moby-Dick 6
4.Schluss 20
5.Literaturverzeichnis 23
2
1.Vorwort
In der folgenden Arbeit möchte ich die Rolle des Edlen Wilden in Herman Melvilles Roman Moby-Dick 2 anhand der Figur Queequeg untersuchen. Dabei soll herausgearbeitet werden, inwieweit Melville durch Einbeziehung dieses Charakters Rassismus und Intoleranz in der christlichen Gesellschaft kritisiert. Er spricht durch den Erzähler des Romans, Ishmael, der sich auf eine Freundschaft mit Queequeg einlässt, ihn als gleichwertigen Menschen neben sich sieht und damit nicht der üblichen untergeordneten Position des Primitiven entspricht. In den Kapiteln 3,4,10,11,12,13 und 110 hat Queequeg eine zentrale Rolle inne, weswegen sich die Arbeit auf diese Abschnitte konzentrieren wird. Sobald die Pequod in See sticht, tritt er in den Hintergrund. Inhaltlich findet hier das erste Treffen zwischen Ishmael und Queequeg statt, bei dem aus anfänglichen Misstrauen seitens Ishmael dann eine innige Freundschaft entsteht, die dann zum Ende des Romans wieder abzuflauen scheint.
In der Literatur haben sich unter anderem Geoffrey Sanborn 3 , Klaus Lanziger 4 , Robert K. Martin 5 , Joseph Andriano 6 und Edward
1 D.H. Lawrence, Studies in Classic American Literature, in Edmund
Wilson (Hrsg.), The Shock of Recognition. New York, 1955. S. 1031, 1035.
2 Im Folgenden beziehe ich mich auf die folgende Ausgabe: Herman Mel-ville, Moby-Dick, Charles Child Walcutt (Hrsg.). New York 2003.
3 Geoffrey Sanborn: The Sign of the Cannibal: Melville and the Making
of a Postcolonial Reader. (Durham 1998).
4 Klaus Lanziger: Primitivismus und Naturalismus im Prosaschaffen Her-
man Melvilles. (Innsbruck 1959).
5 Robert K. Martin: Hero, Captain, Stranger: male friendship, social
critique and literary form in the sea novels of Herman Melville. (Chapel
Hill 1986).
6 Joseph Andriano: Brother to Dragons: Race and Evolution in Moby-
Dick, in: Herman Melville’s Moby-Dick: a sourcebook. (London 2004).
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S. Grejda 7 mit der Rolle des Edlen Wilden in Melvilles Romanen beschäftigt. Die Autoren setzen verschiedene Schwerpunkte, so geht Lanziger besonders auf den Ursprung des Edlen Wilden in der Biographie Melvilles ein, während Robert K. Martin und Geoffrey Sanborn eher die Funktion Queequegs als Kritik an Rassismus und Intoleranz betonen.
2. Die Ursprünge Queequegs in der Weltliteratur und in der Biographie Melvilles
Bereits in der Literatur der Antike finden sich bei Diodorus von Sizilien, Iambulos oder Plinius d.Ä. positive Beschreibungen von unberührten Naturvölkern, die nur aus unverdorbenen und ehrenhaften Instinkten heraus handeln. Im Mittelalter entsteht dann durch den Kontakt der Ritter mit den Mauren und die Kreuzzüge eine konkreter werdende Abgrenzung von den Andersgläubigen und Andersaussehenden, die sich durch die Überlegenheit des Christen gegenüber dem Heiden rechtfertigt. In der Literatur Wolfram von Eschenbachs (Parzvival Epos 1200/10) oder Boccaccios (Decamerone 1348-53) findet man nun auch vermehrt den edelmütigen und ursprünglichen Heiden. Durch die Entdeckung Amerikas wird die Gruppe der Wilden durch die Ein-geborenen erweitert. Neben der Verehrung ihrer Schönheit und Naivität fördert der Kannibalismus die leicht schaurige Faszination der Ureinwohner. 8 In den folgenden Jahrhunderten wird der Edle Wilde zu einem beliebten und häufig eingesetzten Motiv in der Literatur. Die Figur wird vielfältig ausgestaltet, so bekommt der Karibe Freitag in Daniel Defoes Robinson Crusoe (1719) einen satirischen Charakter. 9 Bis in die heutige Zeit ist der Edle Wilde eine oft eingesetzte Figur, so ist in der
7 Edward S. Grejda: The common continent of men. Racial equality in
the writings of Herman Melville., in: The Cambridge companion to Herman
Meville. (Cambridge 1998).
8 Elisabeth Frenzel: Motive der Weltliteratur. (Stuttgart 1999). S.
795-797.
9 Frenzel, S. 800.
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amerikanischen Science-Fiction-Serie „Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert“(1987-1994) ein Hauptcharakter der Klingone Worf, der die typischen primitiven Züge des Edlen Wilden aufweist.
In der Zeit Melvilles schriftstellerischer Aktivität gibt es hitzige politische Debatten über die Rechte der Schwarzen und Ansätze zur ethnologischen Rechtfertigung der Sklaverei, z.B. Louis Agassizs Artikel The Christian Examiner (1850). 10 Herman Melville ist von der Thematik fasziniert und verarbeitet sie unter Anderem in Typee (1846), White Jacket (1850) und Moby-Dick (1851). In seinem Roman Omoo (1847) ist wohl der Vorgänger Queequegs zu finden, der hier Marbonna heißt und viele Gemeinsamkeiten mit dem Harpunier in Moby-Dick aufweist. 11 Die Inspiration für die Freundschaft zwischen Queequeg und dem zivilisierten Ishmael mag Melville auch der Lektüre Richard Henry Dana Jrs. Two years before the mast (1840) entnommen haben, in dem sich der Erzähler auch auf eine innige Freundschaft mit einem Eingeborenen von Hawaii einlässt. 12 Melvilles persönliches Bild des Schwarzen ist zudem durch seine Erfahrungen auf See zwischen 1839 und 1844 geprägt, wo er mit verschiedenen Ureinwohnern in Berührung gekommen war. 13 So wurde er auch Zeuge der militärischen Unterwerfung und Ausbeutung der Urbevölkerung in Polynesien und Hawaii, was seine kritische Einstellung gegenüber der vermeintlich zivilisierten Welt und dem Christentum verstärkte und eine „geistige Krise“ in ihm auslöste. 14
10 Andriano, S.120.
11 Herman Melville: Moby-Dick. Luther S. Mansfield (Hrsg.). (New York
1962). S. 608.
12 Melville, (Mansfield-Ausgabe), S. 621.
13 Samuel Otter: Race in Typee and White Jacket, in: The Cambridge com-
panion to Herman Meville. (Cambridge 1998). S.12.
14 Lanziger, S. 27f.
5
3. Queequeg in Moby-Dick
Das erste Aufeinandertreffen von Ishmael und Queequeg findet im dritten Kapitel des Romans „The Spouter Inn“ statt und lässt nicht auf eine innige Freundschaft hoffen - Ishmael, der sich entschlossen hat, auf einem Walfänger anzuheuern, sucht in New Bedford in der Pension Peter Coffins, dem Spouter Inn, eine Unterkunft für die Nacht. Da alle Betten belegt sind, ist er gezwungen, sich das Bett mit einem unbekannten Harpunier zu teilen. Zum Zeitpunkt der Einwilligung ist sich Ishmael allerdings noch nicht bewusst, dass es sich bei seinem künftigen Zimmergenossen um einen wilden, kannibalistischen Südsee-Insulaner handelt. Trotzdem macht sich eine gewisse Beunruhigung bei ihm breit „I could not help it, but I began to feel suspicious of this "dark complexioned" harpooneer.” 15 Bei der Musterung der Kleidung des Fremden wird sein Unbehagen verstärkt “But could it be possible that any sober harpooneer would get into a door mat, and parade the streets of any Christian town in that sort of guise? 16 Aus seinen Äußerungen ist eine skeptische und keineswegs positive Haltung zu erkennen. Als sich Queequeg dem Zimmer dann nähert, entwickelt sich aus der Skepsis eine Panik „Lord, save me, thinks I, that must be the harpooneer“ 17 . Die Stimmung verschlimmert sich, sobald Ishmael das Gesicht von Queequeg erblickt: „Such a face!“ 18 Geht er bei den dunklen Schattierungen auf dem Gesicht des Zimmergenossen erst von Pflastern, dann von Tätowierungen aus, muss er schnell feststellen, dass der gesamte Körper die dunkle Farbe aufweist. Obwohl völlig in seiner Angst erstarrt, ist er sich der Ursache seiner Angst durchaus bewusst: „Ignorance is the parent of fear.“ 19 Er betrachtet Queequeg trotzdem weiterhin mit Schaudern - noch unentdeckt - beim Auskleiden und
15 Melville, S. 30.
16 Melville, S. 36.
17 Melville, S. 36.
18 Melville, S. 37.
19 Melville, S. 38.
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Arbeit zitieren:
Hanna Heller, 2007, Die Rolle des Edlen Wilden in Herman Melvilles "Moby-Dick", München, GRIN Verlag GmbH
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