Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis II
Abk ürzungsverzeichnis IV
1 Problemstellung. 1
2 Grundlagen der Analyse. 2
2.1 Definition und Abgrenzung grundlegender Begriffe 2
2.1.1 Immaterielle Werte 2
2.1.2 Humankapital 4
2.2 Zielsetzung und Grundsätze der Rechnungslegung nach IFRS 6
3 Bilanzierung von Humankapital nach IFRS 7
3.1 Bilanzierung von Humankapital als immaterieller Vermögenswert 7
3.1.1 Ansatzkonzeption und Zugangsarten immaterieller Vermögenswerte 7
3.1.2 Anwendung der Ansatzkonzeption auf Humankapital 8
3.1.2.1 Abstrakte Bilanzierungsfähigkeit von Humankapital. 8
3.1.2.2 Konkrete Bilanzierungsfähigkeit von Humankapital 13
3.1.3 Bilanzierung von Humankapital in Abhängigkeit der Zugangsart 14
3.1.3.1 Zugang von Humankapital durch Einzelerwerb 14
3.1.3.2 Zugang von Humankapital durch Selbsterstellung 16
3.1.3.3 Zugang von Humankapital im Rahmen eines Unternehmens-
erwerbs. 18
3.1.4 Exkurs: Bilanzierung von Spielervermögen im Profisport 20
3.2 Humankapital als Bestandteil der Anschaffungs- oder Herstellungskosten
aktivierungsf ähiger Vermögenswerte 22
3.3 Berichterstattungspflichten über Humankapital 23
4 Kritische Würdigung der Bilanzierung von Humankapital vor dem
Hintergrund der Primärgrundsätze der IFRS 25
4.1 Relevanz 25
4.2 Verlässlichkeit 30
4.3 Vergleichbarkeit 32
4.4 Zusammenfassende Würdigung 33
5 Möglichkeiten und Grenzen einer erweiterten bilanziellen und
au ßerbilanziellen Abbildung von Humankapital 34
5.1 Erweiterte bilanzielle Abbildung von Humankapital 34
5.2 Erweiterte Berichterstattung in außerbilanziellen Informationsinstrumenten 38
6 Zusammenfassung und Ausblick 39
Literaturverzeichnis 41
Abkürzungsverzeichnis
a.F. alte Fassung Abzgl. abzüglich AK/HK Anschaffungs- und Herstellungskosten amend. Änderung Aufl. Auflage BB Betriebs Berater (Zeitschrift) BFuP Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis (Zeitschrift) BGB Bürgerliches Gesetzbuch BilReG Bilanzrechtsreformgesetz bspw. Beispielsweise bzw. beziehungsweise c.p. ceteris paribus d.h. das heißt DB Der Betrieb (Zeitschrift) DRS Deutsche Rechnungslegungsstandards DStR Deutsches Steuerrecht (Zeitschrift) e.V. eingetragener Verein ED Exposure Draft et al. et alii (und andere) F&E Forschung und Entwicklung f. folgende F. Framework FB Finanz-Betrieb (Zeitschrift) Gem. gemäß GewO Gewerbeordnung ggf. gegebenenfalls GoF Geschäfts- oder Firmenwerte grds. grundsätzlich GuV Gewinn- und Verlustrechnung HGB Handelsgesetzbuch hrsg. v. herausgegeben
i.S.d. im Sinne des i.V.m. in Verbindung mit IAS International Accounting Standards IASB International Accounting Standards Board IASCF International Accounting Standards Committee Foundation IFRS International Financial Reporting Standards insb. Insbesondere IRZ Zeitschrift für Internationale Rechnungslegung (Zeitschrift) Kap. Kapitel KapG. Kapitalgesellschaft KoR Zeitschrift für internationale und kapitalmarktorientierte Rechnungslegung (Zeitschrift) Nr. Nummer o.g. oben genannt PiR Praxis der internationalen Rechnungslegung (Zeitschrift) rev. revised (überarbeitet) RIW Recht der Internationalen Wirtschaft (Zeitschrift) Rn. Randnummer S. Seite StuB Steuern und Bilanzen (Zeitschrift) u.a. unter anderem US United States US-GAAP United States Generally Accepted Accounting Principles v. von, vom VFE-Lage Vermögens-, Finanz- und Ertragslage Vgl. vergleiche WiSu Das Wirtschaftsstudium (Zeitschrift) WPg Die Wirtschaftsprüfung (Zeitschrift) ZfB Zeitschrift für Betriebswirtschaft (Zeitschrift) ZfCM Zeitschrift für Controlling & Management (Zeitschrift) ZGE Zahlungsmittelgenerierende Einheiten ZWF Zeitschrift für wirtschaftlichen Fabrikbetrieb (Zeitschrift)
- 1 - 1 Problemstellung
Der durch die multiplen Veränderungen im Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschehen bedingte Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft geht mit einer erhöhten Bedeutung immaterieller Werte für den Leistungsprozess von Unternehmen einher. 1 Immaterielle Werte wie Kundenbeziehungen, Marken und Humankapital stellen für eine wachsende Zahl an Unternehmen zentrale Erfolgsdeterminanten dar 2 und beeinflussen als Werttreiber maßgeblich die Höhe des Unternehmenswertes, so dass sich dieser zunehmend weniger durch materielle und finanzielle Vermögenswerte bestimmt. 3 Daher beziehen nicht zuletzt potentielle Investoren, die ihre Investitionsentscheidung regelmäßig am Wert eines Unternehmens ausrichten, immaterielle Werte verstärkt in ihr Entscheidungskalkül ein. 4
Da es als einziger immaterieller Wert unmittelbar an den im Unternehmen beschäftigten Mitarbeitern gebunden ist, nimmt Humankapital innerhalb der immateriellen Werte eine exponierte Stellung ein. 5 Obschon die Belegschaft eines Unternehmens vielfach in der Öffentlichkeit u.a. in Folge der medialen Berichterstattung über betriebliche Restrukturierungs- oder Rationalisierungsmaßnahmen lediglich als reiner Kostenfaktor für Unternehmen wahrgenommen wird, 6 zeigen die in den letzten Jahren stetig gestiegenen betrieblichen Investitionen in die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern, dass Unternehmen im mitarbeiterbezogenen Humankapital zunehmend einen wesentlichen Wettbewerbsfaktor sehen. 7 Dieser Bedeutungsgewinn von Humankapital wird durch empirische Studien bestätigt, die Humankapital als bedeutendste Komponente der immateriellen Werte einstufen 8 und ihm dadurch den stärksten Einfluss auf den langfristigen Unternehmenserfolg beimessen. 9
1 Vgl. HALLER, A., Immaterielle Vermögenswerte, S. 562; MARX, J., Anlagewerte, S. 2379.
2 Vgl. ESSER, M./HACKENBERGER, J., IFRS und US-GAAP, S. 402; HALLER, A., Immaterielle Ver-
mögenswerte, S. 562; Ähnlich KEITZ, I. V., Ansatz von immateriellen Gütern, S. 2.
3 Vgl. STOI, R., Immaterielle Werttreiber, S. 175; SCHMIDBAUER, R., Vermögenswerte, S. 1442.
4 Vgl. DAWO, S./HEIDEN, M., Berichterstattung, S. 1716.
5 Vgl. PERSCH, P.-R., Humankapital, S. 37 f.
6 Vgl. SCHÜTTE, M., Vorschlag zur Begriffsklärung, S. 241.
7 Vgl. DÜRNDORFER, M./NINK, M./WOOD, G., Human-Capital-Management, S. 24-26; MERTINS,
K./ALWERT, K., Wissensbewertung, S. 578.
8 Befragt wurden jeweils Unternehmen sowie externe Adressatengruppen. Vgl. FISCHER, T. M./
BECKER, S., Wissensorientierte Berichterstattung, S. 45 f.; PWC ET AL., Markenbewertung, S. 11.
Ähnlich auch WAGNER, M., Finanzanalyse, S. 22 f., der hierzu einen Branchenüberblick aufzeigt.
9 Vgl. GÜNTHER, T. W./BEYER, D./MENNINGER J., Information on Intangibles, S. 10 f.
- 2 - DenRechnungslegungssystemen wird im Rahmen dieser Entwicklung vielfach vor-gehalten, dass sie immaterielle Werte im Allgemeinen und Humankapital im Speziel-len ungeachtet ihres gestiegenen Stellenwertes nur unzureichend bilanziell abbil-den. 10 Verfechter dieser Ansicht verweisen hierbei auf die bei Unternehmen regelmä-ßig beobachtbare enorme Divergenz zwischen der Marktkapitalisierung und dem Buchwert des Eigenkapitals. 11 Wenngleich diese Marktwert-Buchwert-Lücke partiell auf börsenpsychologische Effekte und stille Reserven aktivierungsfähiger Vermö-genswerte zurückzuführen ist, 12 resultiert ein nicht unwesentlicher Anteil dieser Wertlücke aus bilanziell unberücksichtigten immateriellen Werten des Humankapi-tals. 13 Dies wirft die Frage auf, inwiefern die Bilanzierungsvorschriften tatsächlich die Ursache für die bilanzielle Nichtberücksichtigung bilden.
Ziel dieser Arbeit ist es, die Bilanzierung von Humankapital nach den Rechnungsle-gungsvorschriften der IFRS 14 vorzustellen und diese vor der Zielsetzung und den Grundsätzen der IFRS kritisch zu analysieren. Darauf aufbauend werden Reformansätze entwickelt, welche weiterführende Möglichkeiten der Abbildung von Humankapital im Jahresabschluss aufzeigen.
2 Grundlagen der Analyse 2.1 Definition und Abgrenzung grundlegender Begriffe 2.1.1 Immaterielle Werte
Für den Analysegegenstand „Humankapital“ existiert weder im angloamerikanischen noch im deutschen Rechnungslegungsschrifttum ein terminologisch und inhaltlich einheitlich abgegrenzter und allgemein anerkannter Oberbegriff. Zum Beispiel werden einerseits englischsprachige Begriffe wie „Intellectual Capital“ 15 und
10 Vgl. BAYER, K., Humanvermögen, S. 2.
11 Vgl. KIVIKAS, M./WULF, I., Wissensbilanzierung, S. 42.
12 Vgl. Vgl. HALLER, A., Immaterielle Vermögenswerte, S. 562; PICOT, A/SCHEUBLE, S., Rolle des
Wissensmanagements, S. 22; Ähnlich HAAKER, A., Reform des IAS 38, S. 258.
13 Vgl. MAUL, K.-H./MENNINGER, J., Intellectual Property, S. 529.
14 Dieser Arbeit zugrundegelegt werden deutsche kapitalmarktorientierte Unternehmen i.S.d.
§ 290 I HGB, die gem. § 315a I HGB verpflichtend einen IFRS-Konzernabschluss aufzustellen
haben und darüber hinaus einen Konzernlageberichtes nach § 315 HGB erstellen müssen.
15 Vgl. u.a. EDVINSSON, L./MALONE, M. S., Intellectual Capital, S. 22.
- 3 - „IntellectualProperty“ 16 sowie „Intangibles“ 17 und „Intangible Assets“ 18 als Obergrif-fe verwendet. Andererseits dienen aber auch deutsche Termini wie „Immaterielle Güter“ 19 und „Immaterielle Ressourcen“ 20 als Oberbegriff. 21 Da den genannten Be-griffen nicht abgrenzungsfreie, teils widersprüchliche Definitionen zugrunde liegen, 22 wird nachfolgend der Oberbegriff „immaterielle Werte“ verwendet, da dieser auf-grund seiner allgemeinen Formulierung die anderen Begriffe und der damit verbun-denen Inhalte zu subsumieren vermag.
Immaterielle Werte sind definiert als nicht-monetäre Werte ohne (wesentliche) physische Substanz, die unabhängig von ihrer individuellen Bilanzierungsfähigkeit Erfolgspotentiale für ein Unternehmen darstellen. 23 Die Problematik der „Stofflosigkeit“ 24 dieser Werte, die sich in der dargelegten negativen definitorischen Abgrenzung gegenüber materiellen und finanziellen Werten widerspiegelt, führt im Schrifttum zu einer Vielfalt an Kategorisierungsansätzen, die sich zwar teils erheblich in ihren Detaillierungsgraden und in der Terminologie unterscheiden, jedoch eine weitgehend einheitliche Grundstruktur aufweisen und dem Humankapital jeweils eine eigenständige Kategorie zuweisen. 25 Grundlegend für diese Arbeit ist die Systematisierung des Arbeitskreises „Immaterielle Werte im Rechnungswesen“ der Schmalen- bach-Gesellschaft,welche immaterielle Werte in Humankapital, Kundenkapital, Lieferantenkapital, Prozesskapital, Innovationskapital, Standortkapital und Investorenkapital unterteilt. 26 Diese Komponenten zeigen die den immateriellen Werten eines Unternehmens innewohnenden wirtschaftlichen Vorteile auf, die sich einerseits aus Beziehungen zu wesentlichen internen und externen Stakeholdern (Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Kapitalgeber) ergeben und andererseits aus unternehmensinternen,
16 Vgl. u.a. MAUL, K.-H./MENNINGER, J., Intellectual Property, S. 529.
17 Vgl. LEV, B., Intangibles, S. 5; KÜTING, K./DÜRR, U., Intangibles in der Bilanzierungspraxis, S. 1.
18 Vgl. u.a. DAUM, J. H., Intangible Assets, S. 17.
19 Vgl. DAWO, S., Immaterielle Güter, S. 5 f.; LUTZ-INGOLD, M., Externe Rechnungslegung, S. 6-8.
20 Vgl. u.a. KAHRE, B./SCHWETJE, J.-N., Immaterielle Ressourcen, S. 123 f.
21 Für einen Überblick über die Terminologie im Schrifttum vgl. KAUFMANN, L./SCHNEIDER, Y.,
Intangible Unternehmenswerte, S. 28-32.
22 Vgl. SCHÜTTE, M., Vorschlag zur Begriffsklärung, S. 240.
23 Vgl. HALLER, A., Immaterielle Vermögenswerte, S. 562 und 564.
24 Vgl. KÜTING, K./ULRICH, A., Abbildung von Vermögensgegenständen, S. 953.
25 Vgl. SCHÄFER, H./LINDENMAYER, P., Bewertung von Humankapital, S. 11-13.
26 Vgl. ARBEITSKREIS „IMMATERIELLE WERTE IM RECHNUNGSWESEN“ DER SCHMALENBACH-
GESELLSCHAFT FÜR BETRIEBSWIRTSCHAFT E.V., Kategorisierung immaterieller Werte, S. 990 f.
- 4 - strukturellenFaktoren (Betriebsprozesse, Innovationskraft, Standortmerkmale) resul-tieren. 27 Obschon der hohe Detaillierungsgrad des Ansatzes für eine Vielzahl imma-terieller Werte eine differenzierte Kategorienzuordnung ermöglicht, können einzelne Werte aufgrund bestehender Interdependenzen zwischen den Kategorien nicht ein-deutig einer Kategorie zuordnet werden. 28 So beeinflusst bspw. ein effizientes Ver-triebssystem sowohl den Wert des Prozesskapitals als auch den Wert des Standortka-pitals. 29 Diese etwaig nicht gegebene Überschneidungsfreiheit der Kategorien kann für die Humankapitalbilanzierung daher ein beeinträchtigendes Merkmal darstellen.
2.1.2 Humankapital
Das Humankapital eines Unternehmens verkörpert die im Mitarbeiterstamm inhärenten immateriellen Werte. 30 Hiernach ist dem Humankapital insb. die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit (Wissen, Fachkompetenzen und Fertigkeiten) aber auch die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter für den Einsatz und zur Weiterentwicklung dieser Fähigkeiten zuzurechnen. 31 Diese Komponenten des Humankapitals werden ferner positiv oder negativ durch unternehmensspezifische Prozesse der Zusammenarbeit (wie Kommunikations- und Führungskultur, Betriebsklima) sowie durch im Unternehmen verankerte Systeme und Strukturen (wie Unternehmens-grundsätze, Ausbildungs- und Vergütungssysteme) wertbeeinflusst. 32
Obwohl sich der Begriff Humankapital weitgehend gegenüber alternativen Termini (Humanvermögen, Human Resources, Human Assets) 33 durchgesetzt hat, wird insbesondere die mit der gewählten Terminologie suggerierte Kapitaleigenschaft vielfach kritisiert, da der Mitarbeiterschaft als Kapitalgeber so eine Finanzierungsaufgabe beigemessen wird. 34 Befürworter des Kapitalbegriffes halten dieser Kritik entgegen, dass Mitarbeiter in ihrer Humankapitalgeberrolle dem Unternehmen ihre Kenntnisse
27 Vgl. HALLER, A./DIETRICH, R., Intellectual Capital Bericht, S. 1046.
28 Vgl. BRODA, B. M., Messung des intellektuellen Kapitals, S. 731.
29 Vgl. ARBEITSKREIS „IMMATERIELLE WERTE IM RECHNUNGSWESEN“ DER SCHMALENBACH-
GESELLSCHAFT FÜR BETRIEBSWIRTSCHAFT E.V., Kategorisierung immaterieller Werte, S. 991.
30 Vgl. ARBEITSKREIS „IMMATERIELLE WERTE IM RECHNUNGSWESEN“ DER SCHMALENBACH-
GESELLSCHAFT FÜR BETRIEBSWIRTSCHAFT E.V., Kategorisierung immaterieller Werte, S. 990.
31 Vgl. HEINZEL, W., Verträge bei Investitionen in Humankapital, S. 25 f.
32 Vgl. SCHÜTTE, M., Humankapital und Berichterstattung, S. 1793.
33 Vgl. GEBAUER, M./WALL, F., Human Resource Accounting, S. 685.
34 Vgl. PREIßING, D., Human Capital Management, S. 168.
- 5 - undFähigkeiten zu produktiven Zwecken zur Verfügung stellen und sie hierfür ihnen zustehende Lohn- und Gehaltsansprüche geltend machen, so dass eine Analogie zu Finanzkapitalgebern eines Unternehmens feststellbar sei. 35 Aufgrund des gegenwärti-gen und zukünftigen Leistungs- und Nutzenpotentials der Mitarbeiter besitzen die personalen Ressourcen als immaterielle Werte eines Unternehmens vielmehr einen Vermögenscharakter. 36 Diese Einschätzung wird nachfolgend zu Grunde gelegt.
Während das betriebliche Humankapital in der oben skizzierten Form eine in der Vergangenheit gebildete und zum Betrachtungszeitpunkt gegebene Bestandsgröße darstellt, zeigen unternehmerisch getätigte (Des-) Investitionen in das Humankapital die korrespondierende Stromgröße auf. 37 Humankapitalinvestitionen sind charakterisiert durch mit Ausgaben verbundene personalwirtschaftliche Maßnahmen mit dem Ziel der Vergrößerung oder Erneuerung des Humankapitalstocks wie bspw. die Rekrutierung 38 und Einarbeitung neuer Mitarbeiter (Humankapitalbeschaffung) oder interne und externe Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen (Humankapitalentwicklung). 39 Für die Nutzung des mitarbeiterbezogenen Humankapitals im betrieblichen Leistungsprozess erbringen Unternehmen eine Gegenleistung in Form von Entgeltzahlungen an die Mitarbeiter. 40 Diese Zahlungen sind lediglich dann als humankapitalinvestiv zu klassifizieren, wenn sie in einem direkten Zusammenhang mit den o.g. humankapitalsteigernden Maßnahmen stehen. Beispielhaft trifft dies auf Entgeltzahlungen zu, die der Personalabteilung für die Akquise neuer Mitarbeiter zugeordnet werden können. Humankapitalinvestiv sind ferner solche Arbeitsentgelte, welche Mitarbeitern auch für die Dauer von Weiterbildungsmaßnahmen gezahlt werden, obwohl diese während dieses Zeitraums keine produktive Arbeitsleistung erbringen. 41
Für die Diskussion der Bilanzierung von Humankapital sind geeignete Beurteilungskriterien erforderlich. Da für die Humankapitalbilanzierung kein individueller Rech-
35 Vgl.SCHÄFER, H./LINDENMAYER, P., Bewertung von Humankapital, S. 14 f.
36 Vgl. BECKER, M./LABUCAY, I./RIEGER, C., Erfassung von Humankapital, S. 38.
37 Vgl. RISSIEK, J., Investitionen in Humankapital, S. 26.
38 Die Mitarbeiterrekrutierung umfasst die Suche, Auswahl und Einstellung neuer Mitarbeiter.
39 Vgl. BAYER, K., Humanvermögen, S. 36-38 sowie PERSCH, P.-R., Humankapital, S. 144 f.
40 PERSCH sieht darin eine „mietähnliche Transaktion für die Leistungserstellung im Unternehmen“.
Vgl. PERSCH, P.-R., Humankapital, S. 51.
41 Vgl. BAYER, K., Humanvermögen, S. 38 f.
- 6 - nungslegungsstandardinnerhalb der IFRS existiert, 42 sind für die Bilanzierung unter-schiedliche Standards zu interpretieren. Die im Framework kodifizierten Grundsätze der Rechnungslegung nach IFRS sowie deren Zielsetzung dienen insb. als Interpreta-tionshilfe für die Auslegung bestehender Rechnungslegungsstandards 43 und werden daher als Beurteilungskriterien herangezogen. Diese werden nachfolgend vorgestellt.
2.2 Zielsetzung und Grundsätze der Rechnungslegung nach IFRS
Das zentrale Ziel eines nach den Vorschriften der IFRS aufgestellten Abschlusses liegt in der Vermittlung von entscheidungsnützlichen Informationen (decision usefulness) über die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage (VFE-Lage) eines Unternehmens sowie deren Veränderung im Zeitverlauf. 44 Der Abschluss hat dabei die wirtschaftliche Lage entsprechend den tatsächlichen Verhältnissen darzustellen (fair presentation). 45 Ein weit gefasster Adressatenkreis soll mittels dieser Informationen in der Lage sein, 46 zur Fundierung seiner Entscheidungen zukünftig zu erwartende Zahlungsströme zu prognostizieren. 47 Zur Sicherstellung dieser Entscheidungsnützlichkeit haben die im Jahresabschluss ausgewiesen Informationen den Primärgrundsätzen Verständlichkeit, Relevanz, Verlässlichkeit und Vergleichbarkeit zu genügen. 48
Der Grundsatz der Verständlichkeit ist erfüllt, wenn die Abschlussinformationen für einen fachkundigen Leser zugänglich und nachvollziehbar sind. 49 Eine Vergleichbarkeit von Abschlussinformationen ist vorliegend, wenn diese interperiodisch sowie zwischenbetrieblich vergleichbar sind (F. 39-42). Nach dem Grundsatz der Relevanz hat der Abschluss nur solche Informationen zu beinhalten, die durch ihre Art - unter Beachtung des Kriteriums der Wesentlichkeit - ein Urteil über die vergangene, derzeitige und insb. künftige Lage eines Unternehmens ermöglichen und so für Adressa-
42 Vgl.SCHÄFER, H./LINDENMAYER, P., Bewertung von Humankapital, S. 28; FISCHER, T. M./
BECKER, S., Externe Berichterstattung, S. 33.
43 Vgl. F. 1 (g).
44 Vgl. F. 12 i.V.m. IAS 1.7. Dem Abschluss kommt folglich eine Informationsfunktion zu.
45 Vgl. F. 46, IAS 1.13 und BAETGE, J./ROß, H.-P., fair presentation, S. 32-35.
46 Vgl. F. 9. Indes stellt F. 10 explizit auf die Informationsbedürfnisse der Investoren als Maßstab für
die Informationsbedürfnisse aller Adressaten ab. Vgl. DOHRN, M., Entscheidungsrelevanz, S. 96.
47 Vgl. F. 15 sowie BALLWIESER, W./KÜTING, K./SCHILDBACH, T., Fair value, S. 529.
48 Vgl. F. 24. Für eine Übersicht des Frameworks vgl. FEDERMANN, R./IASCF, IFRS-stud., S. 23.
49 Vgl. F. 25. Dem Grundsatz der Verständlichkeit ist lediglich eine untergeordnete Bedeutung bei-
zumessen. Dieser wird hier zur Vollständigkeit aufgeführt. Nachfolgend bleibt dieser unbeachtet.
- 7 - tenentscheidungserheblich sind (Kontroll- und Prognosezweck). 50 Den Abschlussan-gaben ist Verlässlichkeit zu testieren, wenn die vermittelten Informationen frei von wesentlichen Fehlern und Verzerrungen sind und der Adressat im Hinblick auf seine wirtschaftlichen Entscheidungen auf die Richtigkeit des Abschlusses vertrauen kann (F. 31). Abschlussinformationen sind dazu einerseits glaubhaft, neutral und in den Grenzen von Wesentlichkeit und Kosten 51 vollständig darzustellen. 52 Ferner sind Ge-schäftsvorfälle primär nach ihrem wirtschaftlichen Gehalt und nicht nach ihrer recht-lichen Gestaltung abzubilden. 53 Überdies wird ein sachgerechtes Maß an Sorgfalt bei der Ermessensausübung gefordert (Vorsicht). 54 Da entscheidungsrelevante und zeit-nah bereitgestellte Informationen nicht zwingend verlässlich bestimmbar sind, be-steht ein Spannungsverhältnis zwischen den zentralen Primärgrundsätzen Relevanz und Verlässlichkeit. 55
3 Bilanzierung von Humankapital nach IFRS 3.1 Bilanzierung von Humankapital als immaterieller Vermögenswert 3.1.1 Ansatzkonzeption und Zugangsarten immaterieller Vermögenswerte
Dem Humankapital ist - wie oben dargelegt - trotz konträrer Terminologie als immaterieller Wert eines Unternehmens ein Vermögenscharakter beigemessen. Ob die Rechnungslegungsvorschriften nach IFRS eine isolierte Aktivierung von Humankapital bzw. zugehöriger investiver Ausgaben als immaterieller Vermögenswert ermöglichen, gilt es nachfolgend zu erarbeiten. Hierzu werden zunächst allgemein die Ansatzkonzeption und Zugangsarten immaterieller Vermögenswerte dargestellt.
Die bilanzielle Behandlung von immateriellen Vermögenswerten nach IFRS fällt mit Ausnahme der Goodwillbilanzierung in IFRS 3 überwiegend in den Anwendungsbe-
50 Vgl.F. 26-30. Zum Subkriterium der Wesentlichkeit vgl. WAGENHOFER, A., IAS/IFRS, S. 128 f.
51 Gem. F. 44 hat der Informationsnutzen höher zu sein als die Kosten der Informationsbereitstellung.
52 Vgl. F. 33, 34, 36 und 38 und BRÜGGEMANN, B., IFRS-Abschluss, S. 22 f.
53 Vgl. F. 35 und BAETGE, J./KIRSCH, H.-J./THIELE, S., Bilanzen, S. 145 f.
54 Vgl. F. 37 und PELLENS, B. ET AL., Internationale Rechnungslegung, S. 116 f.
55 Auf diesen Zielkonflikt weist F. 32 und 43 hin. Vgl. NAUMANN, K.-P., Spannungsverhältnis, S. 47 f.
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Dipl. Kfm. Stephan Schwitte, 2009, Eine kritische Analyse der Bilanzierung von Humankapital nach IFRS, München, GRIN Verlag GmbH
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