2. Vorwort
Im Rahmen des Gesamtthemas „Bedeutung“ und „Bedeutungsstruktur“ befasse ich mich mit semantischen Merkmalen, die den „Knackpunkt“ für die Entstehung, sowie die Beschreibung und Unterscheidung von Bedeutung darstellen, näher. Semantische Merkmale haben verschiedene Eigenschaften und Funktionen, auf die ich im ersten Teil eingehen werde.
Im zweiten Teil befasse ich mich damit, auf welchen Gebieten semantische Merkmale wichtig werden, sowie mit der Entstehung der Gesamtbedeutung mittels der Komponentenanalyse.
Der dritte Teil gibt eine kritische Reflexion des Themas.
2
3. Eigenschaften und Funktionen von semantischen Merkmalen
3.1 Bedeutung als Kombination von Merkmalen
Unter einem semantischen Merkmal versteht man Teilbedeutungen einer Bedeutung, in die jedes Wort zerlegt werden kann. Grundlage ist eine, wie Schwarz/Chur schreiben „in
1 der linguistischen Semantik weit verbreitete Hypothese: die Merkmalshypothese.“
Dieser Hypothese liegt die Vorstellung zugrunde, daß Bedeutungen keine ganzheitlichen, nicht weiter zu analysierenden Einheiten sind, sondern sich aus elementaren Inhaltselementen, den semantischen Merkmalen (auch:
2 Seme oder Komponenten) zusammensetzen.
3 Dazu zwei Beispiele:
1. Die Bedeutung des Wortes „Frau“ läßt sich in folgende Teilbedeutungen zerlegen: ( LEBENDIG, MENSCHLICH, WEIBLICH, ERWACHSEN)
2. Die Bedeutung des Wortes „Stuhl“ enthält folgende Teilbedeutungen: ( MÖBELSTÜCK, ZUM SITZEN, AUF FÜSSEN, FÜR EINE PERSON, MIT RÜCKENLEHNE)
Die Annahme ist also, daß sich die Gesamtbedeutung von Wörtern aus einer Vielzahl von Teilbedeutungen, die man semantische Merkmale nennt , zusammensetzt. Merkmale sind vergleichbar mit Konnotationen, die jemand mit einem Wort in Verbindung bringt. Diese zum Teil rein subjektiven Konnotationen können sowohl positiv als auch negativ sein.
Daß aber dennoch nicht alle Teilbedeutungen auch automatisch semantische Merkmale
4 deutlich: sind, wird anhand des nächsten Beispiels von Schwarz/Chur
Das Wort „Tante“ soll in seine Teilbedeutungen zerlegt werden.
Eine Tante ist ein weiblicher Mensch, der in einer bestimmten verwandtschaftlichen Beziehung zu einem anderen Menschen steht (als Schwester vom Vater oder der Mutter des Sprechers). Diese Angaben bezeichnen Schwarz/Chur als „sprachlich relevante
5 , d.h. als wichtige Teilbedeutungen, die zusammen die Gebrauchsbedingungen“ Bedeutung des Wortes ergeben.
Weitere Konnotationen, die bei „Tante“ mitschwingen, können z.B. sein, daß eine Tante meist erwachsen ist, daß sie Geschenke mitbringt oder daß sie sehr nett oder sehr streng ist. Da diese Angaben aber nicht dazu dienen, die Bedeutung des Wortes eindeutig zu bestimmen (es gibt ja auch Tanten, die zickig sind und keine Geschenke mitbringen), sind sie irrelevant und können nicht als semantische Merkmale bezeichnet werden. Sie gehören zum Weltwissen (enzyklopädisches Wissen) eines Sprechers.
Zusammenfassend läßt sich also sagen, daß als semantische Merkmale nur sprachlich relevante Komponenten bezeichnet werden können:
1 Schwarz,M./Chur,J. Semantik. Ein Arbeitsbuch.Tübingen, 1993 S.37
2 ebd.
3 Vgl.ebd. S.37/38
4 Vgl.ebd. S.39/4O
5 ebd. S.4O
3
„Semantische Merkmale kommen einem Wort notwendig zu, und Merkmale sichern die
6 Unterscheidbarkeit von Wortbedeutungen.“
3.2 Die distinktive Funktion von Merkmalen
Merkmale haben eine distinktive (=bedeutungsabgrenzende) Funktion. Sie ergeben sich im Vergleich zu anderen Bedeutungen. Es besteht also der Anspruch, daß in einer Merkmalsmenge genügend Angaben gegeben sind, die eine Bedeutung von einer anderen eindeutig abgrenzen.
Dazu nehme ich noch einmal die Beispiele „Frau“ und „Stuhl“.
Die Merkmale von „Frau“ sind (LEBENDIG, MENSCHLICH, WEIBLICH, ERWACHSEN). Das Merkmal (LEBENDIG) grenzt diese Wortbedeutung von allem ab, was nicht lebendig ist. Durch das Merkmal (MENSCHLICH) grenzt sie sich von „Tier“ ab. Die Merkmale (WEIBLICH) und (ERWACHSEN) sind Abgrenzungen von „Mann“, „Junge“, „Kind“, „Greis“, „Mädchen“ etc.
Merkmale der Bedeutung des Wortes „Stuhl“ sind (MÖBELSTÜCK, ZUM SITZEN, AUF FÜSSEN, FÜR EINE PERSON, MIT RÜCKENLEHNE, OHNE ARMLEHNEN). Zur
7 : Abgrenzung von anderen Bedeutungen schreiben Schwarz/Chur
Mit dieser Merkmalmenge sind genügend Angaben gegeben, die die Bedeutung von Stuhl definieren und gleichzeitig eindeutig abgrenzen von anderen Bedeutungen: Von dem Möbelstück Tisch oder Bett durch das Merkmal (ZUM SITZEN), vom Hocker durch das Merkmal ( MIT RÜCKENLEHNE), vom Sessel durch das Merkmal ( OHNE ARMLEHNEN), vom Sofa durch das Merkmal ( FÜR 1 PERSON).
8 Ein weiteres Beispiel:
Es sollen die Wortbedeutungen folgender Wörter voneinander abgegrenzt werden: schwimmen, kraulen, paddeln, tauchen
Alle Verben bezeichnen eine Tätigkeit im Wasser. „Tauchen“ grenzt sich durch das Merkmal (UNTER WASSER) von den übrigen drei Verben ab. Das Verb „schwimmen“ beinhaltet die beiden Schwimmarten „kraulen“ und „paddeln“ (Hyperonym), kann jedoch durch die Merkmale (ARME UNTER WASSER) und (GRÄTSCHSCHWUNG DER BEINE) von „kraulen“ und „paddeln“ abgegrenzt werden. „Kraulen“ und „paddeln“ unterscheiden sich u.a. durch das Merkmal (SCHNELLIGKEIT).
Abrenzung einer Bedeutung zur anderen bedeutet also, daß man versucht, herauszufinden, was die Bedeutung eines Lexems vom anderen unterscheidet. Dazu ist es nötig, alle Konnotationen, die man mit einem Begriff verbindet, mit einzubeziehen. Wenn diese helfen, die Bedeutungsunterscheidung zu sichern, hat sich in diesem Vergleich ein semantisches Merkmal ergeben.
6 Schwarz,M./Chur,J. Semantik. Ein Arbeitsbuch. Tübingen, 1993 S.4O
7 ebd. S 38
8 vgl.ebd. S.44
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Arbeit zitieren:
Stephanie Behnke, 1998, Semantische Merkmale, München, GRIN Verlag GmbH
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