1. Einleitung
Man weiß seit alters her, daß es für den Menschen gefährlich ist, wenn es ihm zu gut
geht, wenn er allzu erfolgreich in seinem natürlichen Bestreben ist, Lust zu gewinnen
und Unlust zu vermeiden. Wir haben allzugut gelernt, unlustbetonten Situationen aus
dem Weg zu gehen. Technik und Pharmakologie helfen uns dabei. Wir
Zivilisationsmenschen werden immer unfähiger, Schmerz und Leid zu ertragen. Dieser
Grad unserer Angst vor Unlust und die Methoden, diese zu vermeiden, grenzen an
Laster.
Die alte Maxime aus Goethes Schatzgräber „Saure Wochen, frohe Feste“ besagt, daß
wahre Freude durch wehleidige Unlustmeidung unerreichbar gemacht wird. Die
zunehmende Unlust-Toleranz des zivilisierten Menschen verwandelt die
naturgewollten Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens in eine langweilige,
künstlich eingeebnete Fläche von einförmigen Grau, ohne Kontrast von Licht und
Schatten. Kurz, sie erzeugt Langeweile und ist damit die Ursache für das große
Unterhaltungsbedürfnis vieler Menschen. Konrad Lorenz (in: Der Abbau des Menschlichen) 1
Viele Menschen leiden heutzutage an Beschwerden und Erkrankungen wie Nervosität, Unruhe, Schlafstörungen, Ängste und Panikattacken. 2 Meist sind diese ein Ausdruck von Überbelastung und/ oder Problemen im Alltag, die sich nicht mühelos klären lassen. 3 „Viele menschliche Kulturen haben daher Mittel und Wege gefunden, um auf das normale Bewusstsein einzuwirken und somit u. a. Harmonie, Lockerung bis hin zum Verlust der Selbstkontrolle, veränderte Emotionen und verändertes Denken zu bewirken. 4 So bieten beispielsweise Meditationen, Trancezustände oder Träume die Möglichkeit den Bewusstseinszustand zu beeinflussen. Eine der gefährlichsten Möglichkeiten stellt dabei wohl der Konsum von Drogen dar.
„Die Neigung, sich durch substanzartige Mittel in einen Rausch zu versetzen, um Probleme und Krisensituationen zu verdrängen oder das Lebensgefühl zu steigern, scheint einem tiefen menschlichen Bedürfnis zu entsprechen.“ 5 Die Auswirkungen auf das Bewusstsein sind je nach Substanz recht unterschiedlich. 6 Nikotin und Koffein wirken beispielsweise sehr gering, Kokain und Heroin hingegen in erheblichem Maße. Die Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Drogen, die aufgrund der unterschiedlichen sozialen Einbettung und Verbreitung getroffen wurde 7 , erweckt dabei den Eindruck, als seien die legalen Stoffe, wie Alkohol und Medikamente, weniger gefährlich. Dabei rangieren Alkohol und Medikamente auf den ersten
1 Schneider: Die Suchtfibel, S. 76.
2 Vgl. DHS: Medikamente: Zu viel, zu oft, die Falschen?, S. 2.
3 Vgl. DHS: Immer mit der Ruhe..., S. 1.
4 Vgl. Schneider: Die Suchtfibel, S. 18f.
5 Gehl: Alter und Sucht, S. 13.
6 Vgl. Schneider: Die Suchtfibel, S. 18.
7 Vgl. Ebd., S. 14.
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beiden Plätzen der Suchtkrankheiten in der Bundesrepublik. 8 Problematisch ist dabei vor allem, dass beide Stoffe für jeden frei zugänglich und der Konsum somit nur schwer kontrollierbar ist. Die besondere Gefahr bei Medikamenten besteht in der bewussten Einnahme, um Krankheiten zu heilen oder zu lindern. Werden bestimmte Pillen dann zu lange oder in zu großen Mengen eingenommen, machen sie krank. Oft verläuft der Übergang von einem medizinisch verantwortbaren Gebrauch, bis hin zum Missbrauch oder zur Abhängigkeit völlig unbemerkt. 9 Das ursprünglich zur Heilung eingesetzte Medikament wird lautlos zu einer schwerwiegenden Erkrankung, die häufig nicht wahrgenommen und erkannt wird. Die Gefahr, die in der dauerhaften Einnahme von Tabletten liegt, ist nicht zu unterschätzen. Den wenigsten Menschen ist dieses jedoch bekannt. Verschiedene Studien (z. B. die Studie der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zur Medikamentenabhängigkeit von 2006) und Einrichtungen (z. B. die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) leisten in den letzten Jahren daher intensive Aufklärungsarbeit.
Gerade weil der Übergang in den Missbrauch bzw. in die Abhängigkeit so schleichend ist und viele Menschen in Medikamenten lediglich die heilende Wirkung sehen, ist eine Thematisierung in der Öffentlichkeit notwendig. In dieser Arbeit wird die Medikamentenabhängigkeit zunächst anhand wissenschaftlicher Literatur dargestellt. Im Anschluss werden schließlich Anwendungsmöglichkeiten für den LER-Unterricht und den Schulalltag vorgeschlagen, um einem Missbrauch/ einer Abhängigkeit bereits im Kindes-/ Jugendalter präventiv entgegenzuwirken.
2. Unterscheidung Abhängigkeit, Sucht, Missbrauch
„Medikamentenabusus [auch Missbrauch oder schädlicher Gebrauch] und -abhängigkeit können nicht losgelöst von Alkoholismus und Drogensucht gesehen werden. Die Mechanismen von Entstehung und Verlauf sind ähnlich, manchmal identisch.“ 10 Die Grenze kann zudem nicht eindeutig gezogen werden, da manche Stoffe beiden Zwecken dienen und viele Betroffene mehrere Substanzen nebeneinander konsumieren. 11
Daher ist es zunächst hilfreich die Begriffe Abhängigkeit, Sucht und Missbrauch allgemein zu betrachten und voneinander abzugrenzen.
8 Vgl. Mitteldeutscher Rundfunk: Die stille Sucht - Medikamentenabhängigkeit.
9 Vgl. P.-Sorge: Leid durch Medikamente.
10 Poser und Poser: Medikamente - Missbrauch und Abhängigkeit, S. 1.
11 Vgl. Tölle, Windgassen: Psychatrie, S. 159.
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2.1 Abhängigkeit und Sucht
Beim Lesen verschiedener Literatur fällt auf, dass die Begriffe Sucht und Abhängigkeit heute häufig synonym verwendet werden. Geht man der Herkunft des Begriffes Sucht nach, so zeigt sich, dass es von dem mittel- bzw. althochdeutschen Wort suht (ablautende Bildung zu siechen) abgeleitet wird, das soviel wie Krankheit bedeutet. 12 Erst nachdem der Begriff Sucht äußerst vielseitig angewendet wurde (z. B. Sehnsucht, Eifersucht), hat ihn die Weltgesundheitsorganisation (WHO) durch Abhängigkeit ersetzt. 13 Auch wenn beide Begriffe gleichermaßen Verwendung finden, stellt Abhängigkeit die Einnahme einer Substanz in den Vordergrund, Sucht meint hingegen Verhaltensweisen, sie störend oder unnormal wirken. 14 Da eine suchtähnliche Entwicklung bei fast allen menschlichen Aktivitäten erfolgen kann (kein menschliches Bedürfnis ist instinktartig begrenzt), liegt es nahe, alle ‚Abhängigkeiten’ gleichermaßen zu betrachten. 15 Dieses ist jedoch nicht sinnvoll, da auf diesem Wege bestimmte Abhängigkeiten (z. B. Alkoholabhängigkeit, Drogenabhängigkeit) verharmlost werden könnten. 16 Besonders stoffgebundene Abhängigkeiten können durch die direkte Einwirkung auf das zentrale Nervensystem nicht mit Tätigkeitssüchten verglichen werden. 17 Allgemein meint Abhängigkeit das Angewiesensein auf bestimmte Stoffe oder Verhaltensweisen. 18 Man unterscheidet dabei die psychische (seelische) und die physische (körperliche) Abhängigkeit, die gemeinsam oder auch einzeln auftreten können: Die physische Abhängigkeit entsteht durch die wiederholte Anwendung eines Suchtstoffes. 19 Dabei ist vor allem eine Toleranzentwicklung zu beobachten, da sich der Körper zunehmend an die zugeführten Stoffe anpasst. 20 Das normale Körpergefühl ist erst vorhanden, wenn das Suchtmittel eingenommen wurde. 21 Ohne diesen Stoff fühlt sich der Betroffene unwohl. Wird das Suchtmittel abgesetzt oder nicht rechtzeitig zugeführt, zeigen sich Entzugserscheinungen (z. B. Zittern, Schwitzen, Erbrechen, Unruhe). Diese variieren je nach Substanz sehr stark. Häufig erfolgt die Einnahme des Stoffes nur noch, um diese Entzugserscheinungen zu lindern oder zu vermeiden. „Eine körperliche Abhängigkeit entwickelt sich nicht bei allen Suchtstoffen.“ 22
12 Vgl. Dudenverlag: Das Herkunftswörterbuch.
13 Vgl. Wehner: Sucht - Abhängigkeit.
14 Vgl. Gehl: Alter und Sucht, S. 15.
15 Vgl. Vgl. Schneider: Die Suchtfibel, S. 12f.
16 Vgl. Ebd., S. 12f.
17 Vgl. Ebd., S. 13.
18 Vgl. Wehner: Sucht - Abhängigkeit.
19 Vgl. Poser und Poser: Medikamente - Missbrauch und Abhängigkeit, S. 20.
20 Vgl. P.-Sorge: Leid durch Medikamente.
21 Vgl. Schneider: Die Suchtfibel, S. 93.
22 Poser und Poser: Medikamente - Missbrauch und Abhängigkeit, S. 20.
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„Psychische Abhängigkeit [...] ist das Verlangen, den bekannten Effekt des Suchtstoffs erneut zu erfahren [z. B. Harmonie, verändertes Problemempfinden] und den Konsum fortzusetzen.“ 23 Beginn und Ende der Einnahme sind für den Betroffenen nur schwer kontrollierbar. Weiterhin werden sämtliche Alltagsaktivitäten auf die Beschaffung und den Konsum des Stoffes ausgerichtet. Obwohl bereits schädliche Folgen zu vermerken sind, wird der Substanzgebrauch fortgesetzt. Zudem werden soziale, familiäre und berufliche Interessen zugunsten des Konsums vernachlässigt. Betroffene verstoßen gegen gesellschaftliche Normen, um ihrer Abhängigkeit nachzugehen.
2.2 Abhängigkeit und Missbrauch
Bei Abhängigkeit und Missbrauch (auch schädlicher Gebrauch oder Abusus) handelt es sich um zwei verschiedene Krankheiten, die durch die Einnahme von Substanzen entstehen können. 24 Bei Missbrauch handelt es sich um eine eigenständige Störung, die der Abhängigkeit weder ähnlich ist, noch zwangsläufig in diese übergehen muss. 25 Dennoch ist es in der Praxis oft schwer, beide Krankheitsbilder voneinander abzugrenzen. 26 Nach dem derzeitigen Diagnosesystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird Abhängigkeit wie folgt definiert:
Eine Gruppe von Verhaltens-, kognitiven und körperlichen Phänomenen, die sich nach
wiederholtem Substanzgebrauch entwickeln. Typischerweise besteht ein starker
Wunsch, die Substanz einzunehmen, Schwierigkeiten, den Konsum zu kontrollieren,
und anhaltender Substanzgebrauch trotz schädlicher Folgen. Dem Substanzgebrauch
wird Vorrang vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen gegeben. Es entwickelt
sich eine Toleranzerhöhung und manchmal ein körperliches Entzugssyndrom.
Das Abhängigkeitssyndrom kann sich auf einen einzelnen Stoff beziehen (z.B. Tabak,
Alkohol oder Diazepam), auf eine Substanzgruppe (z.B. opiatähnliche Substanzen),
oder auch auf ein weites Spektrum pharmakologisch unterschiedlicher Substanzen. 27 Nach den Kriterien für Abhängigkeit und Missbrauch des DSM-IV & DSM-IV-TR 28 liegt eine Abhängigkeit vor, wenn mindestens drei der folgenden Kriterien innerhalb von 12 Monaten erfüllt werden:
1. Toleranzentwicklung: Erhöhung der Dosis, um die gleiche Wirkung zu erzielen und
Wirkungsverlust bei gleichbleibender Dosis.
2. Entzugserscheinungen treten auf und die Substanz muss zugeführt werden, um diese
Entzugserscheinungen zu mindern oder zu vermeiden.
23 Vgl. Ebd., S. 19.
24 Vgl. Ebd., S. 31.
25 Vgl. Schuhler: Schädlicher Gebrauch von Alkohol und Medikamenten, S. 13.
26 Vgl. Ebd., S. 13.
27 WHO: Internationale Statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme.
28 DSM-IV & DSM-IV-TR: criteria for substance dependence.
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3. Die Substanz wird in höheren Mengen oder über einen längeren Zeitraum
eingenommen.
4. Es besteht der andauernde Wunsch oder mindestens ein erfolgloser Versuch, die
Menge der Substanz bei der Einnahme zu vermindern oder zu kontrollieren. 5. Es wird viel Zeit benötigt, um die Substanz zu beschaffen, sie einzunehmen oder sich
von der Wirkung zu erholen.
6. Wichtige soziale, berufliche oder private Aktivitäten werden zugunsten des
Substanzgebrauches vermindert oder aufgegeben.
7. Der Substanzgebrauch wird trotz der Kenntnis über die physische oder psychische
Schädigung, die durch den Gebrauch verursacht oder verschlimmert wird, fortgesetzt. Abhängigkeit erfordert eine lebenslange Abstinenz, da das neue Verhalten die eingetretenen Mechanismen nicht reversibel machen kann. 29
Der Missbrauch von Suchtstoffen wird von der WHO folgendermaßen bestimmt:
[Unter Missbrauch versteht man den] Konsum psychotroper Substanzen, der zu
Gesundheitsschädigung führt. Diese kann als körperliche Störung auftreten, etwa in
Form einer Hepatitis nach Selbstinjektion der Substanz oder als psychische Störung
z.B. als depressive Episode durch massiven Alkoholkonsum. 30
Missbrauch von Suchtstoffen liegt gemäß DSM-IV & DSM-IV-TR 31 vor, wenn:
A. Mindestens eine der folgenden Verhaltensstörungen durch den Gebrauch von
Suchtstoffen innerhalb der letzten 12 Monate aufgetreten ist:
B. Die Kriterien für eine Abhängigkeit waren niemals erfüllt.
Im Gegensatz zur Abhängigkeit erfordert Missbrauch keine absolute, lebenslange Abstinenz, sondern lediglich den unschädlichen Umgang mit der suchtpotenten Substanz. 32
29 Vgl. Schuhler: Schädlicher Gebrauch von Alkohol und Medikamenten, S. 30.
30 WHO: Internationale Statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme.
31 DSM-IV & DSM-IV-TR: : criteria for substance abuse.
32 Vgl. Schuhler: Schädlicher Gebrauch von Alkohol und Medikamenten, S. 31.
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Arbeit zitieren:
Isa K., 2009, Die leise Sucht - wenn Medikamente abhängig machen, München, GRIN Verlag GmbH
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