I. Einleitung
„Herr Heinrich saß am Vogelherd recht froh und wohlgemut
aus tausend Perlen blinkt und blitzt der Morgenröte Glut […]
Da schwenken sie die Fähnlein bunt und jauchzen: Unsern Herrn! Hoch lebe Kaiser Heinrich, hoch des Sachsenlandes Stern Sich neigend knien sie vor ihm hin und huldigen ihm still und rufen, als er staunend fragt: ´s ist deutschen Reiches Will´ Da blickt Herr Heinrich tief bewegt hinauf zum Himmelszelt: Du gabst mir einen guten Fang Herr Gott, wie dir´s gefällt!“ 1
Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte nicht nur dieses Volkslied zum Allgemeingut, sondern auch die in selbigem anschaulich beschriebene Rezeption des Sachsen: Der „Finkler“, der sich eigentlich seiner Leidenschaft, dem Vogelfang, widmen wollte, dann aber von „den deutschen Stämmen“ gerufen wurde um die nationale Einheit herzustellen erfreut(e) sich enormer Beliebtheit unter den modernen Deutschen. Sein Ruf als „Gründer des deutschen Reiches“ bot die ideale Plattform für nostalgische Sehnsüchte der in Herzogtümer, Besatzungszonen oder weltanschauliche Blöcke aufgeteilten Kulturnation in der Mitte Europas.
Vor allem im klassischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts und hier besonders im Vorfeld der Gründung des Deutschen Reiches im Januar 1871 war das mittelalterliche regnum teutonicorum bevorzugter ideeller Bezugspunkt. Die zeitgenössische deutsche Frage wurde, insbesondere in der Phase zwischen 1848 und 1866/71, maßgeblich auf dem Gebiet der Geschichtswissenschaft diskutiert. Der Deutung des Vergangenen kam in dieser Zeit ein funktionaler Auftrag für die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft zu. Die modernen Historiker waren im geschichtsbewussten Klima der zeitgenössischen Deutschen 2 gleichsam Initiator und Resultat dieses Zeitgeistes. Breite bürgerliche, liberale, demokratische, teilweise auch konservative Kreise hatten sich dem Ziel einer neuerlichen Vereinigung „der deutschen
1 Zit. n. dem elektronischen „Volkliederarchiv“ von Herrn Michael Zachcial, Langemarckstrasse 319, 28199 Bremen, http://www.volksliederarchiv.de/text2685.html, letzter Aufruf 28.04.2010. Zachcial zitiert hier aus: Bohl, Josef (1910): Schulgesangbuch für höhere Lehranstalten, Trier.
2 Vgl. ausführlich: Nordalm, Jens (Hrsg., 2006): Historismus im 19. Jahrhundert. Geschichtsschreibung von Niebuhr bis Meinecke, Stuttgart.
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Stämme“ nach dem vermeintlichen mittelalterlichen Vorbild verschrieben. Dabei hofften die Akteure nicht nur ein Vorbild des Gelingens einer Reichseinigung aufzuzeigen bzw. aufgezeigt zu bekommen, sondern auch die Fehler, die von der damaligen Einheit zur zeitgenössischen Zersplitterung geführt hatten, zu erkennen und dementsprechend vor deren Wiederholung gefeit zu sein. Im Zentrum der kritischen Rezeption und Kontroverse standen die hochmittelalterlichen Könige der Luidolfinger (Ottonen), Salier und Hohenstaufen.
Diese Arbeit im Rahmen des Hauptseminars „Das Reich unter König Heinrich I.“ des Sommersemesters 2009 an der Universität Duisburg-Essen versucht den Spagat zwischen zwei offenkundig so verschiedenen, weil fast ein Jahrtausend auseinanderreichenden Perioden. Sie will in zünächst das Werk des ersten König der Luidolfinger, eben jenes Heinrich, nach dem derzeitigen Forschungsstand - der naturgemäß ein gegenüber der Mitte des vorletzten Jahrhunderts fortgeschrittener ist - darstellen. Anschließend sollen die grob umrissenen Entwicklungen der Reichsgeschichte von Heinrichs Tod bis zu dem des Reiches uns zur neuzeitlichen deutschen Frage führen. Die beiden großen Lager der deutschen Frage des 19. Jahrhunderts, die borussisch-kleindeutschen Vertreter und die kaiserlich-großdeutsche Partei mitsamt ihren ideellen und materiellen Bezugspunkten Preußen und Österreich sollen erfasst und die entscheidende Jahre vor der einstweiligen Beantwortung der deutschen Frage zwischen der Revolution von 1848 und der „Revolution von oben“ von 1866 bzw. 1870/71 in ihrer wegweisenden Bedeutung für den weiteren Verlauf der europäischen Geschichte dargestellt werden.
Die anschließend zu leistende Untersuchung setzt in jenem als „Entscheidungsjahre“ definierten Zeitfenster an. Gegenstand ist eine Auswahl als repräsentativ für die verschiedenen Lager erachteter geschichtswissenschaftlicher und -politischer Schriften. Unsere Fragestellung lautet: Inwiefern hat der Rückblick auf Heinrich I. den Diskurs in der deutschen Frage beeinflusst? Welche Rolle spielte die Zugehörigkeit zu einem der Lager für die Bewertung seiner Regentschaft? Auf einer abstrakteren Ebene soll uns dies Rückschlüsse auf die Funktion von Historie in politischen Prozessen geben. Die Rolle König Heinrichs als nationale Integrationsfigur soll dabei zu seinen Anfängen verfolgt und mit dem derzeitigen Forschungsstand über Heinrichs Regentschaft verglichen werden.
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II. Das Reich unter Heinrich I.
a.) Voraussetzungen
In den Jahrzehnten nach der Herrschaft Karls des Großen (768/71 - 814) kam es im Frankenreich zu fundamentalen strukturellen Umbrüchen. Diese führten sukzessive nicht nur zum Ende der karolingischen Herrschaft, sondern auch zum Ende der fränkischen Einheit. Zwischen 843 und 911 verstetigte sich die Teilung in ein Westfränkisches und ein Ostfränkisches Reich. 3 Ab Ende des 9. Jahrhunderts veränderte sich zudem der Charakter des zunehmend Eigenidentität annehmenden Ostreiches derart grundlegend, dass durchaus von einer „Neugründung“ gesprochen werden kann. Neben dem Wiedererstarken der einst durch Karl den Großen auf Vasallenfunktionen reduzierten Herzöge 4 intendierte der durch die Herrschaft des minderjährigen Königs Ludwig des Kindes (900-911) nötig gewordene Regentschaftsrat unter Führung des Mainzer Erzbischofs Hatto Mitspracherechte weiterer geistlicher und weltlicher Gewalten. Diese Mittelgewalten führten das karolingische Erbrecht 5 ad absurdum, da die Installation von dynastieinternen Teilherrschern angesichts der Aufteilung des Reiches unter den Stammesherzögen immer schwerer zu realisieren war. Nicht nur deswegen 6 wurde der natürliche Herrschaftsanspruch der karolingischen Sippe zunehmend in Zweifel gezogen. Der unter anderem im Regentschaftsrat Ludwigs des Kindes vertretenen fränkischen Dynastie der Konradiner gelang es 911, ihren Protagonisten Konrad als König durchzusetzen und damit die karolingische Führung auch faktisch zu beenden. Doch Konrad wurde weder der inneren Auflösungserscheinungen noch der äußeren Gefahren
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Vgl. hierzu meine Ausführungen in der Arbeit: Barth, Arno (2009): „Der Einfluss der
4 Sukzessive gelangten regionale Führer (Duces) zur Herrschaft über ganze zeitgenössische Gentes, welche lange Zeit mit Stämme ( Stammesherzogtümer) übersetzt wurden. Heute geht man für die karolingische Zeit eher von Völkern aus. Wer es zum Anführer eines dieser Völker schaffte, war aus dem Machtgefüge des Reiches nicht mehr zu verdrängen. Insbesondere in Sachsen, Alemannien und Baiern entwickelten bzw. restaurierten sich solche Gewalten, auch in Franken kam es zu ähnlichen Entwicklungen. Vgl. zur Ethnogenese der Völker: Fried, Johannes (1994): Der Weg in die Geschichte. Die Ursprünge Deutschlands bis 1024, Frankfurt am Main und Berlin, S.73-80 sowie zu den „Neueren Stammesherzogtümern“ S.452 ff.
5 Jenes besagte, dass der Besitz unter allen legitimen Söhnen aufgeteilt wurde, was in der Regel Reichsteilungen zur Folge hatte. Mitunter wurden auch zu Lebzeiten Söhne als Mitregenten für ein Teilreich eingesetzt.
6 Im späten 9. Jahrhundert wird, etwa von Eduard Hlawitschka, unter der körperlichen und persönlichen Schwäche mancher Regenten der Beginn einer gedanklichen Abstrahierung des Reiches angesetzt. Der „Staat“ galt zunehmend als eigene ideelle Größe, die nicht mehr mit den Karolingern oder einer sonstigen Herrscherfamilie gleichgesetzt wurde. Vgl. Hlawitschka, Eduard (1986): Vom Frankenreich zur Formierung der europäischen Staaten- und Völkergemeinschaft. Ein Studienbuch zur Zeit der späten Karolinger, der Ottonen und der frühen Salier in der Geschichte Mitteleuropas, Darmstadt, S.92/93 sowie S.97.
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durch Normannen und Ungarn 7 Herr. Beides verstärkte einander, denn Konrads Tatenlosigkeit gegen die äußere Gefahr zwang jeden Herzog einer bedrohten Region zu eigener Initiative. Konrad leistete damit der Desintegration Vorschub, ebenso wie umgekehrt der gemeinsame Kampf zur Ungarnabwehr unter Heinrich zum Faktor der (Re-)Integration werden sollte. 8 Letztlich hinterließ Konrad das Reich in der Alternative des endgültigen Zerfalls in die einzelnen Stammesherzogtümer oder eines epochalen Neuanfangs. Es sollte Letzteres geschehen und der folgende König Heinrich hierbei eine wichtige Rolle spielen.
b.) Herrschaftskonsolidierung
Nach dem, was die spärliche Quellenlage 9 dokumentiert, betrieb Heinrich eine „Politik der kleinen Schritte“ stetiger Machtvergrößerung. Angesichts des oben skizzierten desolaten Zustandes der Reichseinheit und seiner der Tradition des einstigen Karlsreiches widersprechenden sächsischen Herkunft war dies wohl auch der einzig gangbare Weg für ihn. Die dramatischen Beschreibungen der sächsischen Chronisten einer Designation Heinrichs durch seinen Vorgänger Konrad 10 werden von der neueren Forschung bezweifelt und die Frage nach dem Übergang der Königswürde auf die Sachsen als „eine der großen
7 Ende des 9. Jahrhunderts war das aus dem Ural stammende Reiternomadenvolk der Magyaren aus Asien in das Karpatenbecken vorgerückt und fiel von dort immer wieder in das Frankenreich ein.
8 Siehe unten, S. 9 ff.
9 Als direkte Quellen von Heinricus rex stehen nur 41 Urkunden (so genannten Diplome) zwischen 920 und 936 zur Verfügung, was mit im Schnitt etwa 2 ½ Dokumenten pro Jahr ungewöhnlich wenig ist. Die überlieferten königlichen Gerichtsurteile enden unter Heinrichs Vorgänger Konrad und beginnen scheinbar erst unter seinem Nachfolger Otto wieder, von Heinrich sind keine überliefert. Neben der Möglichkeit der Interpretationen aus Synodalprotokollen stehen der Forschung hauptsächlich die erst einige Jahrzehnte später verfassten Aufzeichnungen von Chronisten zur Verfügung, deren bekannteste Protagonisten Widukind von Corvey und Liudprand von Cremona sind. Beide standen in enger Beziehung zum sächsischen Königshaus, weswegen ihren Beschreibungen der Regentschaft Heinrichs eine Tendenz zu parteiischer Darstellung attestiert wird. Zudem waren sie auf orale Überlieferung angewiesen, die ihrerseits Verfälschungen Vorschub leisten kann. Desweiteren sind aus den Darstellungen des westfränkischen Chronisten Flodoard von Reims Erkenntnisse gezogen worden, insbesondere über die Westpolitik Heinrichs. Vgl. zur „Quellenproblematik“ Giese, Wolfgang (2008): Heinrich I. Begründer der ottonischen Herrschaft, Darmstadt S.11 ff. sowie Fried 1994, S.462 f.
10 Widukind berichtet von einem Dialog Konrads mit seinem Bruder Eberhard auf dem Sterbebett: „Sunt nobis, frater, copia exercitus congregandi atque ducendi, sunt urbes et arma cum regalibus insigniis et omne quod decus regium desposcit preter fortunam atque mores. Fortuna, frater, cum nobilissimis moribus Heinrico cedit, rerum publicarum secus Saxones summa est.“ [Wir können, Bruder, Truppen und Heere aufbieten und anführen, wir haben Burgen und Waffen nebst den königlichen Insignien und alles, was die königliche Würde erheischt; nur kein Glück und keine Eignung. Das Glück, mein Bruder, samt der herrlichsten Befähigung ist Heinrich zuteil geworden, die Entscheidung über das Gemeinwesen liegt in der Sachsen Hand.] Anschließend habe Konrad seinen Bruder aufgefordert, Heinrich die Königsinsignien auszuliefern und Frieden mit ihm zu schließen. Von einer Desiggnation berichtet auch Liudprand. Vgl. Buchner/Schmale (Hrsg., 1977): Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, Freiherr vom Stein Gedächtnisausgabe, Band VIII: Quellen zur Geschichte der sächsischen Kaiserzeit, darin: Widukindi res gestae Saxonicae I [Widukinds Sachsengeschichte, Band I], Abschnitt 25, S.56/57 sowie Liudprandi antapodosis II, Abschnitt 20, S.315. Quellenangabe im Folgenden: Autor, Band, Abschnitt, Seitenzahl im Buchner/Schmale - Quellenband.
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Rätselfragen […] der Geschichtswissenschaft“ 11 diskutiert. Sicher ist: Der Tod Konrads Ende 918, bezeichnenderweise im Kampf mit regionalen Machthabern, hatte ein Vakuum hinterlassen und seine Erfolglosigkeit die Konradiner in Person seines Bruders Eberhard für ein erneutes Reklamieren der Königswürde diskreditiert. Nun begann Heinrich „offenbar als König in Sachsen und schob sein Königtum allmählich in einen nach Konrad I. Tod königsfreien Raum vor“ 12 . Zentrales Instrument der sukzessiven Herrschaftsausweitung Heinrichs waren zeitgenössisch amicitia genannte Freundschaftsverträge. Diese Bündnisse beinhalteten einerseits die Unterwerfung unter bzw. Anerkennung von Heinrichs Königsherrschaft, anderseits hatten sie großzügiges Entgegenkommen gegenüber den eigenen Zielen der Herzöge zum Inhalt. Mit Hilfe dieser Strategie sicherte sich der Sachse sukzessive die Herrschaft über Franken, Alemannien, Baiern 13 und Lotharingien 14 , die Anerkennung durch die im Westen weiterhin herrschenden Karolinger sowie die zeitgenössischer Ansicht nach „Nägel vom Kreuze Christi enthalte[nde]“ 15 Heilige Lanze, „die in der Folgezeit zur wichtigsten siegbringenden Reliquie der ottonischen Dynastie“ 16 werden sollte. Die Vereinigung Sachsens mit Franken samt amicitia Heinrichs mit Eberhard stand dabei am Anfang und erkennbar der süddeutschen Herrschaft vorgelagert, was zwei interessante Aspekte beinhaltet: Zum einen die durch die in Quellen auch, aber nicht nur in unserem Zusammenhang 17 belegte Konstruktion eines fränkisch-sächsischen Staatsvolkes als Ersatz bzw. Ausweitung des vormaligen fränkischen Staatsvolkes - eine aus Sicht des sächsischen Hofes nachgerade notwendige Erweiterung, um den eigenen Herrschaftsanspruch auch ideell zu legitimieren; zum anderen das auf Eigenständigkeit, eventuell sogar auf Führung des Reiches pochende Herzogtum Baiern. 18 So waren es tatsächlich Franken und Sachsen, die Heinrich im fränkischen Fritzlar zum König erklärten, wahrscheinlich im Mai 919 und somit
11 Fried 1994, S.460, der weiter (S.462) dazu ausführt: „Der sterbende König könnte seinen Verwandten Heinrichs Wahl empfohlen haben, gewiß oder sehr wahrscheinlich ist es nicht, und es verpflichtete, wäre es geschehen, weder diese noch das übrige Volk.“
12 Fried 1994, S.462.
13 Die Änderung der Schreibweise in „Bayern“ geht auf das 19. Jahrhundert zurück. In dieser Arbeit wird daher für den Zeitraum des Mittelalters die alte Schreibweise verwendet, für den modernen Zeitraum die neue.
14 Mitunter wird auch für diesen frühen Zeitraum schon die hieraus resultierende Bezeichnung Lothringen verwendet. Zur besseren Unterscheidung von der modernen Region bleiben wir hier bei der alten Bezeichnung.
15 Althoff, Gerd (2005): Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat, Stuttgart u.a., S.52.
16 Ebd.
17 Zur Königswahl: Widukind I, 26 (S.58/59), zu anderen Anlässen Widukind I, 16 (S.44/45), Widukind II, 1 (S.84/85) sowie Widukind III, 63 (S.166/167). Auch die Prümer Analen sowie Diplome von Heinrichs Nachfolger Otto I. weisen derartige Formulierungen auf. Vgl. auch Giese 2008, S.133 ff.
18 Liudprand berichtet von „Bayern und Ostfranken“, die im Frühjahr 919 auf den Baiernherzog Arnulf eingeredet hätten „ihr König zu werden“ In den Salzburger Annalen gibt es einen Eintrag des Jahres 920, in dem Arnulf, sonst ausschließlich als dux bezeichnet, Herrscher des regnum Teutonicorum genannt wird, wobei mittlerweile Konsens ist, Teutonicorum als nachträglich (es ist nur eine Handschrift des 12. Jahrhunderts überliefert) verfälschte Bezeichnung anzusehen. Zit. n. Giese 2008, S.73 (vgl. auch Gieses Ausführungen dazu im Folgenden).
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mehrere, mutmaßlich vom Kampf um die Königswürde geprägte Monate nach Konrads Tod. 19 Bei dieser Königserhebung kam es anscheinend zu einem ausdrücklichen Verzicht Heinrichs auf die königliche Salbung durch Erzbischof Herriger von Mainz, was Widukind als Bescheidenheitsakt inszeniert 20 , kleindeutsche Geschichtsschreibung als Befreiung von klerikalem Joch deklariert 21 , aktuelle Forschung jedoch eher unter taktischen Gesichtspunkten analysiert. 22 Mit in seinem Grundschema fast identischem Ablauf von militärischer Drohung bzw. Belagerung, Unterwerfung und Freundschaftsbund samt Beibehaltung der Herrschaft des vormaligen Rivalen in „seinem“ regnum stellte der neue König in den folgenden Monaten und Jahren die Reichshoheit über Alemannien und Baiern wieder her. 23 Unterschiedlich wird dabei die Stärke des Stammesherzogs und in dessen logischer Folge das Maß an Privilegien, die Heinrich demjenigen zugestand, eingeschätzt - Arnulf von Baiern war Burchard von Schwaben überlegen, was ihn nach dem gescheiterten Unabhängigkeitskurs zum wichtigsten Bündnispartner Heinrichs werden ließ.
c.) Westpolitik
Alsbald gelangte Heinrich auch zur Konsolidierung seiner Herrschaft gegenüber dem Westfränkischen Reich und zum Gewinn Lotharingens. Er reagierte dabei auf die Rivalitäten zwischen dem lotharingischen Adel und den im Westfranken weiterhin herrschenden Karolingern. Deren westfränkischer König Karl III. hatte „im gesamten Westfrankenreich […] einen denkbar schwachen Rückhalt“ 24 , in besonderem Maße galt dies für Lotharingen. Der dortige Adel beliebte zwischen West und Ost zu optieren, um die eigenen Interessen am besten durchzusetzen. Zuletzt hatte man sich 911 dem Westen angeschlossen. Mit zunehmender Konsolidierung König Heinrichs stieg indes dessen Attraktivität, so dass der lothringische dux Giselbert ihn im Streit mit Karl III. um die Besetzung des Bistums Lüttich offenbar als Bündnispartner gewann, was Karl wiederum zum militärischen Vormarsch gegen das Ostreich bei Worms animierte. Heinrich machte aus der bedrohlichen Lage einen Erfolg, indem er von Giselbert abfiel und wiederum mit Karl ein Bündnis schloss. Diese durch den
19 Heinrichs Königurkunden, deren erste von April 920 stammt, datieren seine Herrschaftsbeginn auf Mai 919. Erst ab 922 urkundete Heinrich mit königlichem Siegel. Vgl. Scheidmüller, Bernd: Heinrich I. (919-936), in: Scheidmüller/Weinfurter (Hrsg., 2003): Die deutschen Herrscher des Mittelalters. Historische Portraits von Heinrich I. bis Maximilian I. (919-1519), München, sowie Fried 1994, S.462.
20 Vgl. Widukind I, 26 (S.58/59).
21 Siehe unten, S. 37.
22 Vgl. etwa Giese 2008, S.63 ff.
23 Vgl. Widukind I, 27 (S.58/59) sowie Giese 2008, S.70-81.
24 Giese 2008, S.81.
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westfränkischen Chronisten Flodoard von Reims überlieferte amicitia von 921, in der Literatur „Vertrag von Bonn“ genannt, war für den Sachsen ein epochaler Durchbruch. Die Karolinger gestanden damit einem Nicht-Franken offiziell die Herrschaft östlich des Rheines zu, was das bei Bonn in der Mitte des Flusses verankerte Schiff, auf dem der Bund geschlossen wurde, ebenso demonstrierte wie Flodoards Bezeichnung Heinrichs als rex Francorum orientalium. 25 Wenig später hatten sich die Machtverhältnisse weiter zuungunsten Karl III. entwickelt und Heinrich verbündete sich erneut mit Giselbert, der sich nun der Herrschaft Heinrichs unterstellte und dessen Amtsherzog in Lotharingien werden sollte. 923 gelangte zunächst Ost-Lotharingien unter Heinrichs Kontrolle, 925 war ganz „Lothringen […] in das ostfränkische Reich integriert und dies auf Dauer. Das werdende deutsche Reich hatte zum Westen seine Grenze erhalten, die es mehr oder weniger das ganze Mittelalter behalten sollte.“ 26 Das Reich hatte dadurch nicht nur neben Sachsen, Franken, Baiern und Alemannien ein weiteres Herzogtum gewonnen, sondern erhielt durch das „Kernland der Karolinger mit den fränkischen Erinnerungsorten Aachen, Metz und Trier“ 27 eine enorme Aufwertung. 28
d.) Ostpolitik
Anders als die der kulturellen Unterschiede beiderseits des Rheines zum Trotz innerfränkische Westgrenze des Ostreiches war die fränkische Ostgrenze zwischen Christen und Heiden einerseits sowie zwischen germanischen und slawischen Völkern anderseits stets auch Kulturscheide. Statt festen Grenzlinien prägten Grenzsäume und ein Markensystem hier die Szenerie. Zu karolingischen Hochzeiten war es zu offensivem Vorgehen und Kolonisierungen gekommen 29 ; unter den ostfränkischen Spätkarolingern häuften sich die
25 Vgl. Hlawitschka 1986, S.106 f.
26 Giese 2008, S.88.
27 Scheidmüller 2003, S.24.
28
Johannes Fried verweist in diesem Zusammenhang auf
„Reste römischer Stadtkultur“,
auf
„ihre Bedeutung für Königtum, Adel und Kirche, für Herrschaft, Wirtschaft und geistiges Leben“
sowie die
„
29 Insbesondere im Südosten mit der Ostmark und Mark Kärnten, während im Nordosten zunächst die Sachsen selbst noch Objekt der Unterwerfung und Christianisierung waren, Wechselhaft war es in den Regionen Böhmen
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Arno Barth, 2010, Von Heinrich lernen heißt siegen lernen? , München, GRIN Verlag GmbH
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