Der Mythos und die zwei Weltperioden in Platons Politikos I
Der I
Inhalt
1 Einleitung. 1
1.1 Aufgabenstellung. 1
1.2 Zielsetzung der Arbeit 1
1.3 Vorgehensweise. 2
2 Der Mythos 2
2.1 Funktion des Mythos 2
2.2 Genealogie des Mythos 3
3 Die zwei Zeitalter 5
3.1 Das Leben unter Kronos 5
3.2 Das Zeitalter des Zeus 6
4 Konklusion des Mythos 8
4.1 Das neue Bild des Staatsmannes 8
4.2 Die Fehler des Mythos. 8
5 Das menschliche Leben unter Glück und Erkenntnis 9
5.1 Erkenntnisfähigkeit. 9
5.2 Die Suche nach Glück 10
6 Geschichtlicher Kontext 13
6.1 Gegenüberstellung von anderen Erzählungen 13
6.2 Historische Zeugnisse. 14
7 Fazit. 16
Literatur. II
Literatur. II
Literatur. II
1 Einleitung
1.1 Aufgabenstellung
Die Suche nach dem wahren Staatsmann, nach der wahren Staatskunst, das ist die Hauptaufgabe, welche die Dialogpartner in Platons Politikos zu lösen suchen. Der Fremde und Sokrates der Jüngere schneiden sich ihren Staatsmann mittels Dihairese zurecht, finden mögliche fünf Einteilungen der Staatsform und entwerfen so das Bild eines Herrschers. Bei ihrem ersten Versuch den Politikos zu bestimmen, scheitern sie jedoch. Die Stringenz des Dialoges wird unterbrochen von einem Einschub, einer Erzählung zweier Weltperioden, die
der Fremde lediglich als „Scherz“ 1 bezeichnet und später sogar eingesteht, dass die Erzählung zu lang geraten sei. 2 Der Inhalt des Mythos ist dennoch höchst interessant und wird den Gegenstand dieser Hausarbeit bilden, weil er nicht nur zur Findung des Staatsmannes einen unerlässlichen Einschnitt darstellt, sondern auch in einer spielerischen Weise mit den größten Fragen der Menschen überhaupt umgeht: Dem Erkenntnisstreben, der Herkunft der Welt, der Entstehung von Gemeinwesen. Und so ist der Mythos zweier Weltzeitalter doch ein
notwendiger Schritt des Dialogs. 3
1.2 Zielsetzung der Arbeit
Die Hausarbeit wird die Geschichte des Mythos herausgreifen und die sagenhaft verklärten Erzählungen als Metaphern für tatsächlich geschichtliche Umbrüche und Einschnitte der Menschheitsgeschichte untersuchen. Es wird gezeigt wie sich die zwei Weltperioden unterscheiden, welche Auswirkung sie auf die Menschen hatten und warum der Mensch letztlich ein zoon politikon mit einem Staatsmann an der Spitze ist. Auch soll ein Abriss davon gegeben werden, wie die zwei Zeitalter sich bezüglich Glück und Erkenntnis unterscheiden.
1 Platon: Politikos, in: Grassi, E. (Hrsg): Platon, Sämtliche Werke 5, Hamburg 1959, nach Übersetzung von Schleiermacher, F. und Müller H., es wird die Stephanus-Nummerierung verwendet: 268 d8
2 ebd., 277 b7
3 vgl. Ricken, F.: Platon Politikos, Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2008, S. 109
1.3 Vorgehensweise
Zunächst wird im zweiten Kapitel die Funktion und Entstehung des Mythos innerhalb des Politikos genauer untersucht. Eine genauere Betrachtung der zwei Weltzeitalter wird in Kapitel 3 dargelegt. Darauf folgend werden die Ergebnisse für den Staatsmann herausgestellt, um diese weiterführend auf einer Metaebene bezüglich Erkenntnis und Glück über das Werk hinaus zu beurteilen. Das Verhältnis zu anderen Erzählungen sowie historischen Ereignissen wird im letzten Kapitel thematisiert. Die Arbeit schließt mit einem Fazit.
2 Der Mythos
2.1 Funktion des Mythos
Die Suche nach dem Staatsmann ist das Hauptthema des Politikos. Der Fremde und Sokrates der Jüngere bedienen sich der Methode der Dihairese, um den Staatsmann „zurechtzuschneiden“. Diese Dihairese scheitert jedoch und der gefundene Begriff des Politikers ist nicht zufriedenstellend. Im ersten Versuch wurde der Staatsmann als „Hüter der
Menschherde“ 4 beschrieben. Daran stören sich die Dialogpartner und versuchen den Fehler aufzuspüren. Als Hirte wäre der Herrscher vollumfänglich für die Staatsbürger verantwortlich und würde sich um alle Belange kümmern, wie dies ein Hirte für seine Herde ausübt, weil er nicht nur ihr Hüter ist, sondern auch ihr Ernährer, ihr Arzt, ihre Hebamme. Weiterhin ist der Hirte einer Herde auch nicht im Mindesten mit ihnen zu vergleichen; er ist kein Schaf, sondern Mensch. Der Herrscher ist aber Mensch unter Menschen. Was beabsichtigt Platon mit dieser inhaltlichen Sackgasse und wie kann nun die Ausweglosigkeit beendet werden?
Es folgt die Erzählung eines Mythos, der gewiss eine große Zäsur darstellt und den Dialog in seinem linearen Fortschreiten unterbricht. Der Fehler der Dihairese zuvor wird aufgedeckt und mit dem neuerworbenen Wissen wird der Dialog anschließend wieder aufgenommen. Den Mythos lediglich als Hebamme dafür zu sehen ist eine Lesart dieser langen Apposition. Doch darüber hinaus liefert uns der Mythos Anhaltspunkte für weitere, fundamentalere Fragen.
4 Platon: Politikos, a.a.O., 268 c1f
So lässt sich die Gretchen-Frage nach der Erkenntnis aus dem Mythos extrahieren. Das Erkenntnisstreben des Menschen, das Vorwärtsgehen, das Streben: Ist es ein Fluch oder ein Segen oder ist es einfach evolutionäre Notwendigkeit? Wäre Freude ohne Erkenntnis überhaupt möglich? Platon verknüpft die Fragen in seiner Konstruktion und führt sie zu dem Gedanken des Politikers hin. Und nicht zuletzt werfen die fundamentalen Themen auch die Frage auf, warum es überhaupt eines Politikers bedarf. Diese Fragen sind so fundamental, dass dieser Mythos nicht die einzige Geschichte ist, die sich damit befasst. Gibt es gar realhistorische Tatsachen, die eine Engführung mit der erzählten Geschichte erlauben?
2.2 Genealogie des Mythos
Platon konstruiert den Mythos aus drei Geschichten, die bereits getrennt voneinander in der griechischen Mythologe existierten. Der Begriff des ‚Konstrukts‘ ist passend, es handelt sich weder um wahre Begebenheiten noch um eine Geschichte mit inhaltlich logisch stringentem Geschehen. Es werden sich einige Ungereimtheiten offenbaren, die durch die Synthese der Geschichten entstanden sind. Der Fremde im Dialog betont, dass es sich bei der Geschichte ursprünglich um drei Mythen handelt, die jedoch demselben Ereignis entspringen sollen.
Die erste Geschichte beschäftigt sich mit einer Erzählung ursprünglich stammend von
Euripides. 5 Darin kehrt Zeus den Lauf der Gestirne um und Westen wird Osten und Osten wird Westen. Die zweite Geschichte handelt von einem Zeitalter vor Zeus, in dem die Welt unter der Herrschaft des Kronos stand. Diese Erzählung stammt von Hesiod und die darin
beschriebene Ära wird auch das ‚Goldene Zeitalter‘ der Menschheit genannt. 6 Drittens wird noch ein weiterer Mythos mit den genannten verquickt werden, welcher von einem Zeitalter berichtet, als die Menschen nicht auf natürliche Weise geboren wurden, sondern aus der Erde
erzeugt worden sind. Es ist ein Mythos von den Erdgeborenen, überliefert von Herodot. 7
Der Fremde im Dialog erklärt, dass diese drei von demselben Umstande entspringen würden 8 und unterteilt die Geschichte zunächst in zwei Zeitalter: Das Zeitalter des Kronos, und das jetzige Zeitalter des Zeus.
5 vgl. Euripides: Orestes 982 - 1012, in: Ricken, F.: a.a.O., S. 111
6 vgl. Hesiod: Werke und Tage 109 - 119, in: Ricken, F.: a.a.O., S. 111
7 vgl. Herodot, in: Ricken, F.: S. 111
8 vgl. Platon: Politikos, a.a.O., 269 b4
Die Erdgeborenen werden dem Zeitalter des Kronos zugeteilt und die Umkehr der Gestirne wird als Grund dafür angegeben, dass das Zeitalter des Kronos endete und die Menschen sich nun unter Zeus wieder finden. Augenscheinlich wird hier bereits der erste Widerspruch zu dem Ursprungsmythos, dass Zeus den Weltenlauf umgedreht habe. Dies scheint nicht möglich zu sein, weil seine Herrschaft erst durch die Beendigung der Herrschaft des Kronos beginnt. Es bedarf also eines übergeordneten Gottes, der die Welt lenkt. Und dieser Gott, wird im Dialog schlicht als theos bezeichnet. Gemeint sein könnte wohl der Demiurg, der Weltbaumeister, der den Kosmos zusammenhält.
Der Zusammenhalt funktioniert nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt, danach bahnt sich ein Wechsel des Sternenlaufes an. Wie kann diese ‚Verschleißerscheinung‘ der Welt zukommen? Es scheint kein immerwährendes Vorwärts möglich zu sein. Kosmos und Welt haben nicht den Status einer unveränderlichen Idee, immerhin sind sie etwas Körperliches. Und dies kann
nicht eine rein unveränderliche Idee sein, welche den höchsten ontologischen Status genießt. 9 Der göttliche Beweger, der Weltbaumeister, nimmt eine Materie und formt damit den Kosmos. Er ist der Konstrukteur, steht jedoch selbst mit den unveränderlichen Ideen nicht auf einer Stufe. Er formt lediglich - erschafft nichts. Er formt die Ideen und die chora zu einer Einheit, dem Kosmos. Gleichwohl ist er nicht Schöpfer, der eine creatio ex nihilo erzeugt hat. Somit unterliegt auch Gott der Veränderung und der Veränderungen gibt es viele, wie die Kriege zwischen Göttern in der griechischen Mythologie beweisen. Das Weltall selbst hat einen Körper, hat Materie und deshalb den niedrigsten ontologischen Status. Es kann nicht bis
in alle Ewigkeit unveränderlich weiterlaufen. 10
Die Welt bedarf also der Führung eines theos, damit sie im Gleichgewicht ist und viele Weltenumläufe absolvieren kann. Dennoch gibt es Verschleißerscheinungen und irgendwann muss der Kosmos von Gott losgelassen werden. Es ist kein plötzlich auftretender Mangel, sondern ein Faktum im Wesen Gottes selbst. Es steht genauso fest, dass er die Welt loslassen muss, wie auch, dass er sie wieder einfangen wird.
Denn nun, von Gott verlassen, hat die Welt eine Umkehr vollzogen. Nicht sofort, noch konnte sie weiterlaufen in gewohnten Zyklen, doch das Körperliche des Kosmos hatte sich allzu bald dem ‚Gelernten‘ der Gottheit entgegengesetzt und den Lauf der Gestirne verändert.
9 vgl. Ricken, F.: a.a.O., S. 112
10 vgl. ebd.
Ost und West sind vertauscht, große Veränderungen haben statt gefunden, die Welt lief rückwärts und viel Leid kam über die Menschen. Eine Bewegung, immer noch innerhalb der
Achse des Vorgegebenen, aber in umgekehrter Richtung. 11
Im Timaios wird der Kosmos als Lebewesen dargestellt, dem der Demiurg eine Seele und
Vernunft gegeben hat. 12 Der Kosmos dreht sich selbst, der Demiurg muss ihn aber stützen. Im Politikos kann der Kosmos mechanistischer betrachtet werden. Ein Mechanismus, der von Gott aufgezogen in eine Richtung immer weiter läuft. Das ist das Zeitalter, in dem Gott bei den Menschen ist und sie als Erdgeborene entstehen. Aber wie bei jedem Uhrwerk, darf die Feder nicht überspannt werden. Der Widerstand wird immer größer und der Demiurg kann mit der Zeit den Mechanismus nicht mehr weiter aufdrehen. Dann fährt die Mechanik in die entgegengesetzte Richtung. Je stärker sie aufgezogen ist, desto schneller tut sie dies.
Auch im Politikos wird der Wandel zwischen den zwei Weltzeitaltern als die „größte und
vollständigste“ 13 beschrieben. Natur und Menschen ertragen diese Veränderungen nur schwer, viele von ihnen sterben. 14 Die Welt wird in ihren Grundfesten erschüttert, der entgegengesetzte Weltenlauf beendet das goldene Zeitalter der Menschen. 15
3 Die zwei Zeitalter
3.1 Das Leben unter Kronos
Vor der Umkehrung der Gestirne herrschte Kronos auf Erden, so erzählt uns der Fremde in seinem Mythos. Es ist das goldene Zeitalter. Platon kann voraussetzen, dass der Begriff
seinen Lesern bekannt war, er ist fester Bestandteil griechischer Mythologie. 16 In diesem Zeitalter leben Götter und Menschen zusammen und nicht nur Kronos regiert die Welt, sondern weitere Götter sind direkt in der Welt und lenken die Geschicke der Menschen -
gleich Hirten. 17
11 vgl., ebd., S. 116
12 vgl. Platon: Timaios, in: Grassi, E. (Hrsg): Platon, Sämtliche Werke 5, Hamburg 1959, nach Übersetzung von Schleiermacher, F. und Müller H., es wird die Stephanus-Nummerierung verwendet: 30 b
13 Platon: Politikos, a.a.O., 270 c1
14 vgl. ebd., 270 c10
15 vgl. ebd., 270 cd
16 vgl. Ricken, F.: a.a.O., S. 121
17 vgl. Platon: Politikos, a.a.O., 271 e7
Es ist eine Zeit des Friedens zwischen den Göttern, noch vor dem großen Krieg von Kronos und den anderen Titanen gegen die späteren Götter des Olymp. Zeus ist der letztgeborene
Sohn des Kronos, der einer Weissagung entsprechend seinen Vater entmachten wird. 18
Von dem Leben unter Kronos folgt nun eine sehr detaillierte Beschreibung des Lebens der damaligen Menschen. Es waren Erdgeborene und natürliche Geburt war unbekannt. Das Leben lief rückwärts nach unseren heutigen Maßstäben und die Geborenen Menschen waren
keine Kinder, sondern als Greise, die mit Ablauf der Zeit jünger wurden. 19 Das Zusammenleben war sehr friedlich, es gab weder Krieg noch Zwiespalt zwischen den
Menschen oder gar zwischen Göttern und Menschen. 20 „Gott selbst hütete sie [die Menschen]“ 21 , was uns thematisch bereits eng an den Hirtengedanke des Herrschers hinführt, den vorrangingen Grund der Apposition. Hier scheint ein Begriff des ‚Hirten‘ tatsächlich gerechtfertigt zu sein. Ein Gott, der die menschliche Herde beschützt und behütet in einem umfänglichen Sinne, was der Staatsmann, den der Fremde zu umfassen versucht, nicht leisten konnte. Weiterhin: Ein Gott ist nicht Mensch unter Menschen, sondern gleicht dem Verhältnis Hirte zu Herde.
Das Leben im goldenen Zeitalter wird beschrieben als wonniger Zustand eines prästabilierten
universalen Versorgungszusammenhangs. 22 Ein Zeitalter ohne Leid, Furcht, Unvorhersehbarkeit und Schmerz.
„Früchte aber hatten sie reichlich von Bäumen und vielen anderen Gewächsen, nicht durch Ackerbau gezogene, sondern welche die Erde ihnen von selbst gab. Auch unbekleidet und ohne Lagerdecken weideten sie größtenteils im Freien; denn die Witterung war beschwerdelos für sie eingerichtet, und weich war ihr Lager genug, weil reichliches Gras aus der Erde hervorwuchs.“ 23
3.2 Das Zeitalter des Zeus
Die Harmonie endet. Der Steuermann lässt das Ruder los, bleibt gleichwohl auf dem Schiff. 24 Sicher sind mehrere Interpretationen möglich, warum das Zeitalter endete. Bereits thematisiert wurde, dass eine Verschleißerscheinung das Fortdauern unmöglich machte.
18 vgl. Vernant, J.-P.: Götter und Menschen, Paris 1999, S. 32f
19 vgl. Platon: Politikos, a.a.O., 271 b
20 vgl. ebd., 271 e2
21 ebd., 271 e6
22 vgl. Oesterle, H.-J.: Platons Staatsphilosophie im Dialog Politikos, Frankfurt 1978, S. 27
23 Platon: Politikos: a.a.O., 272 a2f
24 vgl. ebd., 272 e4f
Ausdrücklich wird gesagt, dass die Umkehr erfolgen musste, da auch das aus der Erde
gekommene Geschlecht ganz aufgerieben war. 25 Es ist ein Zeitpunkt, in dem weiterhin keine Toten sich aus der Erde erheben können, ein Zeitpunkt, indem alle Seelen reinkarniert wurden
und den Ausstieg aus dem Reinkarnationsprozess geschafft haben. 26
Einerseits wird eine notwendige Umkehr durch die ‚Aufreibung‘ geschildert, auf der anderen Seite könnte der ausbrechende Krieg der Titanen gegen die olympischen Götter das Ende des friedlichen Zeitalters andeuten oder eines das andere bedingen. Bemerkenswert bleibt, dass in beidem Fällen nicht die Menschen für die Umkehr verantwortlich sind, sondern passiv bleiben und die folgenden Veränderungen erleiden müssen. Da sich der Umkehrprozess ebenfalls auf die biologischen Abläufe auswirkt, werden die Menschen wieder älter und sterben. Es gibt Geburt, Entwicklung, aber andererseits auch Mängel. Unter Kronos hatte es den Menschen nie an etwas gemangelt, nun ist die Menschheit auf sich allein gestellt und
muss selbst für ihr Überleben sorgen. 27 Unterstützend bekamen sie von den Göttern noch ein letztes Geschenk: Sie unterrichteten sie in den Künsten; in der des Feuermachens, der des
Staates und allem, was zur Lebensführung notwendig war. 28
Die Menschen waren von nun an sich selbst überantwortet. 29 Aber so konnte sich das Geschlecht der Menschen von den Göttern emanzipieren. Nun ist er für sein Leben vollumfänglich verantwortlich. Er muss vorsorgen, Risiken eingehen und sich entwickeln. Hierfür bedarf es der Freiheit, Entscheidungen zu treffen und die Kenntnis, Zusammenhänge
zu verstehen und zu erforschen. 30 Die Erkenntnisfähigkeit des Menschen baut sich notwendig aus; sein Forscherdrang und sein Gedächtnis entwickeln sich. Dies ist für die Suche nach dem
Staatsmann von großem Belang sowie für weiterreichende Interpretationen. 31
25 ebd. 272 e1f
26 vgl. Ricken, F.: a.a.O., S. 119
27 vgl. Platon: Politikos: 274 c5
28 vgl. ebd., 274 c7f
29 vgl. Ricken, F.: a.a.O., S. 130
30 vgl. Oesterle, H.-J.: a.a.O., S. 30
31 vgl. Ricken, F.: a.a.O., S. 131
4 Konklusion des Mythos
4.1 Das neue Bild des Staatsmannes
Der König ist nicht allein für das Wohl der Herde verantwortlich. Es bedarf anderer Helfer. Die bisherige Definition des Staatsmannes bezog sich während der Dihairese auf das Zeitalter des Kronos. Darin lag der Fehler. Im Dialog sind der Fremde und Sokrates der Jüngere unbeabsichtigt davon ausgegangen, dass der Herrscher gottgleich sich um alle Belange der Herde kümmert. Dies ist jedoch nur für das Zeitalter des Kronos eine zutreffende Definition. Die Menschen im Jetzt leben unter Zeus: Menschliche Bedürfnisse müssen mannigfaltig
befriedigt werden, was vorher in der Dihairese gar nicht angegeben worden war. 32 Der Staatsmann ist kein Gott, er ist auch ein Schaf innerhalb der Herde.
Es wird zudem deutlich, dass der Begriff der ‚Herdenzucht‘ nicht stimmig war. Es wäre
richtiger, eine ‚Pflegekunst‘ anzusetzen. 33 Ein übergeordneter Begriff, der den Staatsmann in dieser und vergangenen Perioden umfasst, birgt jedoch ein Dilemma in sich: Entweder der Begriff der Fürsorge wird durch den Mythos beschrieben, dann trifft er aber auf den jetzigen
Staatsmann nicht zu, oder es entsteht eine Beschreibung ohne Inhalt. 34
4.2 Die Fehler des Mythos
Der Mythos selbst kann nicht die exakte Beschreibung des Staatsmannes leisten. Es werden Fehler aufgedeckt, indes aber die Lösung nicht gleichfalls mitgeliefert. Zudem lässt er die richtigen Proportionen vermissen. In Bildern gesprochen ist er einer Statue gleich überladen und manches ist zu groß geraten. Oder der Mythos gleicht einem Bild, dem die Umrisse
gegeben sind, aber die Farben fehlen. 35
Andererseits bedarf es zur Erklärung oftmals Beispiele, Metaphern, die keine exakte Beschreibung liefern können. Es soll lediglich ein Sachverhalt besser verständlich gemacht
werden. Zudem bedarf es für große Themen auch große, umfangreiche Beispiele. 36
32 vgl. ebd., S. 136f
33 vgl. ebd., S. 138
34 vgl. ebd., S. 139
35 vgl. ebd., S. 139f
36 vgl. Platon: Politikos: a.a.O., 277 b4
Eine einfache Übertragung aus dem Alltag wäre einem Staatsmann unangemessen und so können nur Mythen aus der Götterwelt herangezogen werden. Diese sind per se ungenau. Trotz der Ausführlichkeit des Mythos wird gegen Ende die Übergabe der Künste an die Menschen nur kurz und ungenau beschrieben. Ging der Dialog hier doch mit zu großer Eile
vor? 37 Warum wurde nicht weiter ausgeführt, wie die Kunst der Politik den Menschen von den Göttern übergeben wurde? Oder blieb es indes bei der Übergabe der bloßen Fähigkeit zur Kunst des Staatsmannes und die Menschen erarbeiteten sich das Wissen um ihn darauf hin selbst? Zumindest ist unter Zeus nun Erkenntnisgewinn als Grundstein von Entwicklung möglich.
5 Das menschliche Leben unter Glück und Erkenntnis
5.1 Erkenntnisfähigkeit
Im Zeitalter des Kronos wurden die Menschen von göttlicher Hand umsorgt. Sie waren frei von Überlegungen, wie sie ihr Leben zu führen hatten. Sie waren frei davon, Konflikte zu kennen oder Gemeinschaft und Verwandtschaft, da die Menschen nicht geboren wurden, sondern aus der Erde entstanden. Dies hatte Folgen auch für soziales Leben, das unter Kronos quasi nicht ausgeprägt war. Erst mit der Notwendigkeit, das Leben selbst zu entwerfen, besteht nun überhaupt die Veranlassung Gemeinden und Interessensgemeinschaften zu bilden, Schutz in der Gruppe gegenüber äußeren negativen Einflüssen zu suchen, die vor dem Zeitenwechsel noch überhaupt nicht entstanden waren. Ein Politiker war unter Kronos undenkbar. Er wurde nicht benötigt und konnte sich evolutionär nicht herausbilden. Erst durch äußere Notwendigkeit mussten die Menschen Fähigkeiten erwerben, die ein Politiker besitzen muss.
Der Mensch ist unter Kronos ein behütetes Herdentier und unterscheidet sich darin und darüber hinaus nicht von anderen Herdentieren. Die Existenz unbefriedigter Bedürfnisse ist gleichfalls undenkbar: So gibt es keinen Hunger, kein Streben, keinen Krieg. Indes gleicht das menschliche Leben in seiner rudimentären Art gleichwohl einem tierischen. Denn ohne Erkenntnis, ohne Forschungsdrang, ohne Erinnerungsvermögen, ohne soziales Gemeinwesen, hat der Mensch den Tieren nichts mehr voraus.
37 vgl. Ricken, F.: a.a.O., S. 140
Und es zeichnet sich eine Dichotomie ab. Das goldene Zeitalter als Idealzustand? Ja: Es gibt kein Leid und keine unbefriedigten Bedürfnisse. Nein: Unbefriedigte Bedürfnisse stellen einen Antrieb für die Menschen dar etwas über sich hinaus zu schaffen, sich zu entwickeln.
5.2 Die Suche nach Glück
Es ist nun die entscheidende Frage, die im Politikos aufgeworfen wird. Es ist die Frage, die mit der Erkenntnisfähigkeit des Menschen eng verwoben ist. Und es ist eine Frage, auf die uns Platon keine Antwort zu geben scheint: In welchem Zeitalter waren die Menschen glücklicher?
Wir haben die Beschreibungen der beiden Perioden vor Augen. Der idealtypische Garten Eden, ohne Leiden, ohne Hunger, ohne Mühen, ohne Krieg. Dem gegenüber das jetzige Leben mit harter Arbeit, Hunger, Tod, Leid und Zwiespalt. Im platonischen Mythos waren die Menschen von Kronos umsorgt. Es war die Lust am Leben vorhanden, aber keine Einsicht. Es herrscht kein Geschichtsbewusstsein, keine Verwandtschaft. Der Mensch als Tier; weil auch nur funktionierend, weil nicht überlegend, weil nicht deliberierend.
In einem anderen Werk Platons wird die Lust der Einsicht noch konkreter gegenüber gestellt. Es ist im Philebos. Darin entscheidet sich der Dialogpartner Protarchos, von Sokrates vor die Wahl zwischen einem Leben in Lust, aber frei von Erkenntnis und einem Leben der Erkenntnis gestellt, für das Leben in Lust. Das bloße Vergnügen würde ihm immer zu teil werden. Dann, so Protarchos, bräuchte er weder Einsehen, noch Wissen oder Erwägung.
Dafür wäre er aber frei von Vernunft und Erinnerung. 38 Dies sind Eigenschaften, die sich direkt auf die Erdgeborenen unter Kronos übertragen lassen. Im Philebos zeigt Sokrates Protarchos nun auf, wie das Leben der Lust sich wohl anfühlen müsste.
Ohne Einsicht würde die Urteilsfähigkeit darüber verloren gehen, dass man Lust empfindet. Und ohne Gedächtnis würde man sich vergangener Lust nicht erinnern können, ohne Erwägung wäre die Zukunft dunkel und den Menschen wäre nicht klar, dass ihnen Vergnügen
bevorsteht. Das ist kein menschliches Leben, sondern das Leben „irgendeines Polypen“ 39 .
38 vgl. Platon: Philebos, in: Grassi, E. (Hrsg): Platon, Sämtliche Werke 5, Hamburg 1959, nach Übersetzung von Schleiermacher, F. und Müller H., es wird die Stephanus-Nummerierung verwendet: 21 b
39 ebd., 21 c9
Uns wird im Philebos eine eindeutige Stellungnahme offenbar, welches Leben
erstrebenswerter ist. Obgleich das Leben der Vernunft das Gute an sich nicht umfasst 40 , so ist es doch notwendige Bedingung, wenn auch nicht hinreichend, um ein gutes Leben führen zu können. Im Politikos äußert sich der Fremde weniger deutlich, was die Beurteilung der Lebensqualität der Erdgeborenen anlangt:
„Doch lassen wir das jetzt, bis einer kommt, der uns gründlich berichte, auf welche von beiden Seiten sich die Lust jenes Geschlechtes neigte in Beziehung auf Erkenntnis und Gebrauch der Rede.“ 41
Warum also hält Platon sich so bedeckt, warum betreibt er ‚Verschweigung‘? 42 Die Verschweigung ist sicherlich ein rhetorisches Mittel von Platon, dessen er sich oft bedient, zumal die Antwort doch offensichtlich scheint.
Eine scheinbar deutlichere Wahrheit wird im Dialog verfolgt: Wenn den Erdgeborenen zu ihrem beschwerdefreien Leben zusätzlich noch Erkenntnis gegeben worden wäre, wie könnte ein Leben besser sein? Ein Leben, dass noch viel mehr nach Erkenntnis streben könnte als ein Leben unter Zeus, wo für Lebensunterhalt und -erhalt gesorgt werden muss und geringe Zeit für Muße übrig bleibt. Frei von Ängsten und frei von Zukunftssorgen ließe sich die ganze Lebenszeit für ein philosophisches Leben verwenden, gleich einem dauernden Lustwandeln in einem philosophischen Garten - das ist ein Überlegungsstrang. Doch ist er evident? Mit welchen Themen sollte sich Philosophie im goldenen Zeitalter beschäftigen? Was könnten dort die treibenden Fragen der Menschen gewesen sein? Philosophie ist Bemühen und Streben. Philosophie ist das Entdecken von Neuem, das Erschließen von Verdecktem unter Fehlern, Verirrungen, Anstrengung und Arbeit. Aber es gibt keine Mühe, es gibt kein Streben im Zeitalter des Kronos, weil die Vollkommenheit schon erreicht ist. Wo bleibt das
thaumazein? Wo bleiben Dialektik und Streitgespräch? 43 Wo bleibt der agonale Moment des Kampfes um Meinung und Richtung? Es gibt faktisch keine Möglichkeit des Philosophierens unter Kronos. Es fehlen Ziele, es fehlt ein Misstrauen gegenüber den herrschenden Verhältnissen, was notwendigerweise zur Philosophie gehört.
40 vgl. ebd., 21 e, 22 a
41 Platon: Politikos, a.a.O., 272 d2f
42 vgl. Oesterle, H.-J.: a.a.O., S. 32
43 vgl. ebd., S. 33
Eine theoretische Erkenntnistheorie ohne Erkenntnis wäre inkohärent, einer Geschichtsphilosophie mangelt es an Berechtigung, da die Geschichte revers läuft und das Offenheitsmoment fehlt. Es fehlt an praktischer Philosophie, da es keine Gemeinschaften gibt, die sich Regeln geben müssten und die Notwendigkeit eines Lebensentwurfs fehlt, weil das Leben bereits vollständig entworfen ist.
Weiterhin: Der ständige Zustand in Lusteuphorie, das Leben ohne Beschwerden, es ist ebenfalls Abnutzungserscheinungen unterlegen. Wie der Kosmos sich nicht ständig in eine Richtung bewegen kann ohne dass Spannungen auftreten, so ist ein menschliches Leben, welches nur aus Lust besteht, zum Scheitern verurteilt. Glück muss erobert werden. Und der Mensch verspürt während der Eroberung des Glückes diesen begehrenswerten Rauschzustand, den er wieder erhalten möchte. Beim Erobern von Glück mehr Lust zu empfinden, als beim Verwalten von Glück, ist evolutionstechnisch evident. Nur das Streben brachte den Fortschritt, der Entwicklung mit sich bringt. Ein Verweilen kann nichts Neues gebären.
Auch deshalb waren die Menschen unter Kronos frei von Erkenntnis. Sie hatten alles und dadurch keinen Drang etwas anderes zu wollen. Die Zeus-Menschen haben Erkenntnis, weil sie nach vorne schreiten mussten, weil sie sonst untergangen wären, da sich selbst überantwortet. Das Streben nach Erkenntnis ist evolutionär bedingt und in diesem Sinne weder gut noch schlecht. - Es ist.
Und dennoch sollte die Frage nach Glück erlaubt sein. Gleichwohl die Erdgeborenen über alles verfügten, waren sie nicht notwendigerweise glücklicher als die Menschen unter Zeus. Nicht nur aufgrund des fehlenden Vermögens von Erkenntnis. Auch weil das beständige Paradies mehr einer Hölle gleicht als einem Garten Eden. Von purer Freude umgeben, ist eine Entzug von Freude gar nicht möglich. Die Menschen könnten sich nicht in einen relativ schlechteren Zustand versetzen, um von dort aus wieder Glück erobern zu können. Die Kronos-Menschen verfügten demnach doch nicht über alles, nämlich nicht über die Fähigkeit sich in einen niedrigeren Glückszustand zu versetzen. Sie hungerten nicht, wie könnten sie das Essen schätzen? Sie litten nie Durst, wie könnten sie das Trinken schätzen? Glück muss fließen, es bedarf Unterschiede in Glückszuständen, um Glück wahrnehmbar zu machen. Eine absolute Gleichverteilung des Glücks über alles und alle Zeit hinweg, wäre ohne jeglichen Inhalt, weil Glück sich abgrenzen muss zu anderem Glück hin.
In unserer heutigen Gesellschaft ist durchaus das Problem bekannt, quasi alles Wichtige zu besitzen und nichts Weiteres erobern zu können. So ist es nicht verwunderlich, dass wir
eventuell sogar einer „Anleitung zum Unglücklichsein“ 44 bedürfen, wie ein Buchtitel anpreist.
6 Geschichtlicher Kontext
6.1 Gegenüberstellung von anderen Erzählungen
Der Mythos beschreibt eine der wichtigsten Stationen der Menschheit und versucht, diese zu erklären. Wir fühlen uns durch den Mythos an bekannte Geschichten erinnert, weil das Thema in fast allen Kulturen in ähnlicher Weise zu finden ist. In der abendländischen Kultur besonders in Form der biblischen Geschichte des ‚Garten Eden‘. Die Beschreibung eines paradiesischen Zustandes unter der Leitidee ‚Es fehlte ihnen an nichts‘.
Wie die Menschen im Goldenen Zeitalter bezogen auch Adam und Eva ihre Nahrung von den
Bäumen des Gartens. 45 Das Klima war angenehm für sie gemacht, die Menschen waren unbekleidet. 46 Desgleichen lässt sich das Motiv der Erdgeburt finden, da Gott den Menschen aus Erde erschuf 47 und es kein natürlich geborenes Geschlecht gab. Die Geburt wurde der Frau erst nach dem Sündenfall, also nach dem großen Bruch, unter Schmerzen auferlegt. 48 Und nicht zuletzt lebten Adam und Eva auch mit Gott zusammen, wie die Kronos-Menschen
auch mit den Göttern zusammenlebten. 49
Ein wichtiger Unterschied ist allerdings, dass im biblischen Mythos das Erkenntnisstreben als dem Menschen innewohnend bezeichnet wird. Denn es ist hier der Mensch, der, zwar verführt aber dennoch aus eigener Entscheidung, vom Baum der Erkenntnis isst. Im Mythos vom Goldenen Zeitalter sind die Menschen in einer passiven Rolle und müssen die Umkehr der Gestirne passiv erdulden. Diese ‚Vertreibung‘ aus dem goldenen Paradies ist eine äußere Ursache. Das Erkenntnisstreben, das sich daraufhin entwickelt, lediglich eine Folge davon.
44 vgl. Watzlawick, P.: Anleitung zum Unglücklichsein, München 1983
45 „Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen…“ Bibel, 1. Buch Mose, 3,2
46 vgl. Bibel, 1. Buch Mose, 2,25
47 „Da formte Gott […] den Menschen aus Erde…“ 1. Buch Mose, 2,7
48 vgl. Bibel, 1. Buch Mose 3,16
49 vgl. Meyer, E.: Hesiods Erga und das Gedicht von fünf Menschengeschlechtern, in: Heitsch, E.: Hesiod, Darmstadt 1966, S. 491
Im biblischen Mythos ist das Erkenntnisstreben die Ursache der Vertreibung, ein intrinsischer Grund für den Bruch in zwei Weltzeitalter. Diese Deutung nimmt wohlgleich keinen Bezug dazu, ob das Streben nach Erkenntnis dem Menschen nicht schon immer innewohnte und sich durch fortschreitende Entwicklung zu einem gewissen Zeitpunkt in Erscheinung brachte.
Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass der christliche Mythos davon ausgeht, die Vertreibung aus dem Paradies und die darauffolgende Verbannung seien einer linearen Entwicklung unterworfen. Den Garten Eden gab es nur einmal und wird sich nicht in einer zyklischen Wiederkehr wiederholen. Im Mythos der zwei Weltzeitalter liegt, in griechischer Tradition, das Verständnis einer sich wiederholenden, nichtlinearen Entwicklung vor. Es ist ein Kreisgeschehen zwischen Kronos und Zeus. Und so versucht Hesiod eine Antwort auf die Frage zu finden, im wievielten Umlauf sich die Welt nunmehr befindet. Er nennt das jetzige Zeitalter das eiserne, das erste war das goldene. Dazwischen lagen das silberne, das eherne
und das Heroenzeitalter. 50 Hesiod sieht eine Verfallsgeschichte der Menschen, die immer schlechter werden. 51 Zwar erkenntnisreicher, doch auch listiger. Das Wissen um bonum et malum muss eben nicht dazu führen, dass der Mensch sich für das bonum entscheidet.
6.2 Historische Zeugnisse
Eine in vielen Kulturen verankerte Erzählung könnte über einen Kern Wahrheit verfügen. Warum werden das Erkennen und das Wissen der Lust gegenüber gestellt und warum scheint in der Menschheitsgeschichte eine große Zäsur stattgefunden zu haben, die diese scharfe Trennung verursachte?
Das menschliche Leben wird unter evolutionären Bedingungen weiterentwickelt. Es handelt sich um einen Prozess, der nicht linear verläuft, sondern teils einschneidenden Ereignissen unterliegt. Betrachtet man die Trennung zweier Weltzeitalter, so muss dieser Bruch den Erzählungen nach etwas damit zu tun haben, dass vor genannter Zäsur den Menschen Früchte
zur Verfügung standen, sie im Freien lagerten und es keinen Ackerbau gab. 52 Nach dem Einschnitt gab es Ackerbau, Gemeinschaft und Sesshaftwerdung. Es lassen sich deutliche Parallelen zur neolithischen Revolution erkennen.
50 vgl. ebd., S. 497f
51 vgl. Oesterle, H.-J.: a.a.O., S. 24
52 Genanntes trifft sowohl auf die Bibel als auch auf den Politikos zu.
Viehzuchthaltung und Ackerbau, Sesshaftigkeit des Menschen, dadurch: Bildung von größeren Gemeinschaften, von Dörfern und später auch Staaten. Zu diesem neuen Leben bedarf es völlig anderer Fähigkeiten, neuer Künste, wie der Kunst des Staatswesens, als es zuvor der Fall war. Das ist die Beschreibung der neolithischen Revolution. Die
Veränderungen haben sich zudem zunächst im östlichen Mittelmeerraum vollzogen 53 , dem Ursprung der meisten dieser Epen. Der Einschnitt muss tatsächlich sehr prägend gewesen sein. Dass Reflexionen dieses Ereignisses Eingang in den Gilgamesch-Epos und die Vertreibung aus dem Paradies gefunden haben, bestätigen Archäologen und
Paläoanthropologen. 54
Bleibt die Frage, warum eine Weiterentwicklung als Sündenfall bezeichnet wird. Warum wird wehmütig von vergangenen goldenen Zeiten berichtet und warum hat dieser Prozess stattgefunden? Die Neolithisierung im Vordereren Orient hat vor rund 10.000 Jahren ihren
Anfang genommen. 55 Diese Periode fällt mit dem Ende der letzten großen Eiszeit, der Würm-Eiszeit, zusammen. 56 Das Klima wurde insgesamt wesentlich trockener. Pflanzen starben ab und Jagdtiere zogen sich weiter in den Norden zurück. Die ‚Verknappungstheorie‘ besagt, dass durch den Nahrungsmangel neue Wege der Ernährung gefunden werden mussten, die
nun im Ackerbau und der Viehzucht lagen. 57 Zudem würde die Erschütterung des Klimas zu den ‚großen Veränderungen‘ passen, die im platonischen Mythos beschrieben wurden und viele Menschen das Leben kosteten.
Die Anpassung war evolutionär bedingt richtig. Ein enormer Wissenssprung wurde der Menschheit zu Teil und führte zuletzt zu einem Menschen als zoon politikon. Doch mit den neuen Erkenntnissen rief man neue Geister. Hesiod beschreibt die Entwicklung als Verfallsgeschichte. Das goldene Zeitalter, ein sehnsüchtiger Blick zurück in die süße Unwissenheit um bonum et malum. Offenbar ein Grund dafür, warum der Erkenntnisdrang als Sündenfall bezeichnet wird. Doch wir wissen: Eine Rückkehr à la Protarchos in das Leben der Lust ohne Erkenntnis ist nicht möglich. Das Leben schritt bereits weiter fort und überholte all diejenigen, die im goldenen Zeitalter bleiben wollten. Ist die Erkenntnis erst einmal geboren, lässt sie sich nicht durch Ignoranz aus der Welt räumen.
53 vgl. Uerpmann, H.-P.: Probleme der Neolithisierung des Mittelmeerraums, Wiesbaden 1979, S. 44
54 vgl. ebd., S. 1
55 vgl. ebd., S. 43
56 vgl. ebd., S. 50
57 vgl. ebd., S. 51
7 Fazit
Der Mythos von zwei Weltzeitaltern dient im platonischen Politikos als Korrektiv für die Findung des Staatsmannes. Durch die Erzählung wird indes die Genealogie des Politikers plausibel. Das Konstrukt zweier Weltperioden, das mit seinen Widersprüchlichkeiten nicht realer erscheint als der Atlantis-Mythos, ist jedoch mehr als nur ein Spiel. Es ist ein Modell, das die wichtigste Frage der Menschheit berührt: Das Streben nach Erkenntnis, ist es ein Fluch oder ein Segen? Ist mit dem Wissensdrang unter Zeus die naive Lebensfreude unter Kronos nicht mehr zu initiieren?
In der Nomoi thematisiert Platon nochmals Glück und Überfluss. Allerdings nicht als Ergebnis von göttlicher Gnade, sondern als Frucht der friedlichen Zusammenarbeit der Menschen. Das Paradies auf Erden - von Menschen erschaffen durch Gerechtigkeit und Redlichkeit, ist in der Nomoi ein politisches Ideal, ein erstrebenswerter Zustand.
Die Geschichte der zwei Weltzeitalter soll uns hingegen verdeutlichen, dass eine Rückkehr zum ursprünglichen Paradies nicht mehr möglich ist. Stattdessen Annahme der Entwicklung, Vorwärtsschreiten ohne Zurückzublicken und das Leben in Erkenntnis zum guten Leben machen.
Eritis sicut deus, scientes bonum et malum.
Literatur
• Bibel, Einheitsübersetzung
• Heitsch, E.: Hesiod, Darmstadt 1966
• Platon: Philebos, in: Grassi, E. (Hrsg): Platon, Sämtliche Werke 5, Hamburg 1959
• Platon: Politikos, in: Grassi, E. (Hrsg): Platon, Sämtliche Werke 5, Hamburg 1959
• Platon: Timaios, in: Grassi, E. (Hrsg): Platon, Sämtliche Werke 5, Hamburg 1959
• Oesterle, H.-J.: Platons Staatsphilosophie im Dialog Politikos, Frankfurt 1978
• Ricken, F.: Platon Politikos, Übersetzung und Kommentar, Göttingen 2008
• Uerpmann, H.-P.: Probleme der Neolithisierung des Mittelmeerraums, Wiesbaden 1979
• Vernant, J.-P.: Götter und Menschen, Paris 1999
• Watzlawick, P.: Anleitung zum Unglücklichsein, München 1983
Arbeit zitieren:
Diplom Betriebswirt (FH) Frank Merkel, 2009, Politikos - Der Mythos und die zwei Weltperioden in Platons Politikos, München, GRIN Verlag GmbH
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