Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung Seite 3
2. Der Forschungsstand Seite 3
3. Begriffsdefinition Reeducation Seite 4
4. Begriffsdefinition Besatzungszeit Seite 5
5. Zensur und Laienlinguistik Seite 6
6. Sprachregelung beim Rundfunk Seite 7
7. Sprachkritische Sendungen Seite 9
8. Linguistische Untersuchung zweier historischer Aufnahmen Seite 10
8.1. Eckdaten Seite 11
8.2. Wortwahl Seite 11
8.3. Syntax Seite 13
8.4. Sprechtempo und Artikulation Seite 14
8.5. Auswertung der Ergebnisse Seite 15
9. Fazit Seite 16
10. Literatur- und Quellenangaben Seite 17
11. Anhang Seite 18
Transkript der Reportage von 1947
Transkript der Reportage von 1957
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1. Einleitung
Zwölf Jahre Nazidiktatur haben in Deutschland Spuren hinterlassen. Als die ersten alliierten Soldaten deutschen Boden betraten, mussten sie feststellen, dass dies unter anderem auch auf die deutsche Sprache zu trifft. Ein Ziel des alliierten Reeducation-Programmes musste daher die Entnazifizierung der Sprache sein. Wie die Westalliierten zu diesem Zwecke vorgingen und welche Auswirkungen ihre Vorgehensweise auf die heutige deutsche Sprache hat, soll in der vorliegenden Hausarbeit am Beispiel des Rundfunks erörtert werden. Die Beeinflussung anderer Medien, wie Zeitungen oder Fernsehen, kann nicht erörtert werden. Auch die Methoden der Sowjetischen Besatzungszone, soweit sie nicht mit der Vorgehensweise der Westalliierten übereinstimmt, muss außen vor gelassen werden. Im Folgenden wird überwiegend von der Amerikanischen Besatzungszone die Rede sein. Dies liegt darin begründet, dass die sprachregelnden Direktiven der Amerikaner, die von der britischen und der französischen Militärregierung weitestgehend übernommen wurden, den größten Einfluss auf Deutschland ausübten.
Nach einem kurzen Überblick über den Forschungsstand wird zunächst eine genaue Definition des Begriffes Reeducation vorgenommen. In einem weiteren Kapitel wird der Begriff der Besatzungszeit, der dieser Arbeit zu Grunde liegt, bestimmt. Als nächstes wird auf die Zensur in den Besatzungszonen eingegangen. Dabei werden die linguistischen Vorkenntnisse der Besatzungsoffiziere, die Sprachregelungen zu einem großen Teil selbst treffen konnten, eine große Rolle spielen. Im sechsten Kapitel werden konkrete Sprachregelungen für den Rundfunk thematisiert. Versuche auch die Sprache der breiten Masse der deutschen Bevölkerung zu beeinflussen werden im Kapitel „Sprachkritische Sendungen im Rundfunk“ aufgezeigt. Im achten Kapitel werden zwei Reportagen aus den Jahren 1947 und 1957 auf linguistische Unterschiede untersucht. In einem abschließenden Fazit werden die Ergebnisse der Hausarbeit zusammengefasst.
2. Der Forschungsstand
Die deutsche Sprachgeschichtsforschung widmete der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bisher nur wenig Aufmerksamkeit. Eine der wenigen Sprachgeschichten, die sich mit dem
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Thema auseinandersetzt, ist der dritte Band der Sprachgeschichte von Peter von Polenz 1 Neben einigen Aufsätzen mit verschiedenen Schwerpunkten sind auch diverse sprachwissenschaftliche Arbeiten erschienen. Unter anderem hat sich Horst Schlosser in mit der Frage „Gab es 1945 sprachlich eine Stunde Null?“ 2 auseinandergesetzt. Die wichtigste Grundlage für die vorliegende Arbeit ist die Dissertation von Dirk Deissler 3 . Seine Studie basiert unter anderem auf den oben genannten Publikationen und stellt damit das neueste sprachhistorische Werk zur Besatzungszeit dar. In „Die entnazifizierte Sprache“ arbeitet Deissler den Organisationsaufbau alliierter Sprachpolitik heraus und thematisiert verschiedene Ansätze alliierter Bildungs- und Kulturpolitik. In einem sehr umfangreichen Kapitel untersucht der Autor die Auswirkungen alliierter Sprachkritik und Sprachregeln auf den Bereich der Medien.
3. Begriffsdefinition Reeducation
Der Begriff der Reeducation (engl. Umerziehung) stammt aus der Sozialpsychiatrie. Seit Beginn der vierziger Jahre wurde er auf die damalige politische Situation in Deutschland angewandt. 4 In der neueren Forschung hat man sich auf eine allgemein gefasste Definition geeinigt, nach der Reeducation in erster Linie auf die Medien abzielte. Boehling fasst diese Definition wie folgt zusammen: „Zur reeducation gehörten die Indoktrination, Lizenzierung und Zensur der Massenkommunikationsmittel sowie Maßnahmen zur Demokratisierung des deutschen Bildungssystems und zur Umorientierung des kulturellen Lebens in Deutschland.“ 5 Unter Reeducation versteht man heute also die bewusste Beeinflussung deutscher Kultur-, Bildungs- und Medienpolitik durch die Alliierten in den Jahren 1945 bis 1949. Als wichtigste Vermittler der Reeducation nennt Deissler die Education and Religious Affairs Branch sowie die Information Control Division in der amerikanischen Zone, deren Medienpolitik heute als wichtigster „Bestandteil der Reeducation“ 6 gilt. Da es aber keine klare Begriffsbestimmung von Reeducation gab, blieb „den Offizieren der amerikanischen
1 Polenz, P. v.: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Bd. III 19. und 20. Jh. Berlin
1999.
2 Schlosser, H.: Gab es 1945 sprachlich eine Stunde Null? In: Hoberg, Rudolf (Hrsg.): Muttersprache 105
Wiesbaden 1995.
3 Deissler, D.: Die entnazifizierte Sprache. Frankfurt am Main 2004.
4 Vgl. ebd. Seite 19.
5 Rebecca Boehling zitiert nach Deissler, D.: Die entnazifizierte Sprache. Frankfurt am Main 2004, Seite 20.
6 Deissler, D.: Die entnazifizierte Sprache. Frankfurt am Main 2004, Seite 20.
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Militärregierung viel Spielraum für eigene Interpretationen“ 7 bezüglich der Direktiven, die sie den Medien auferlegten.
Unter dem Begriff der Reeducation vereinten sich mehrere Aufgaben der Alliierten. Zunächst galt es die negative Beeinflussung durch die Nationalsozialisten rückgängig zu machen. Dem schloss sich die Aufgabe an Deutschland bei der Demokratisierung des Staates zu unterstützen. Mit dem Begriff Reeducation sind damit zwei Perspektiven verbunden. Der Blick auf Vergangenes wird im Allgemeinen als Entnazifizierung bezeichnet. Mit Demokratisierung ist der auf die Zukunft gerichtete Blick gemeint. 8 Entnazifizierung und Demokratisierung der Deutschen waren folglich die Ziele der Reeducation.
4. Begriffsdefinition Besatzungszeit
Beginn und Ende der Besatzungszeit sind regional unterschiedlich festzulegen. Die Besetzung aller deutscher Gebiete durch alliierte Truppen begann ab September bzw. Oktober 1944. Offiziell wird der Beginn der Besatzungszeit jedoch auf den 8. Mai 1945, den Tag der deutschen Kapitulation, datiert. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1949 endete die Besatzungszeit. 9
Es existieren einige Dokumente, die belegen, dass sich die Alliierten schon lange vor der Kapitulation Deutschlands mit der Planung der Reeducation beschäftigten. So begannen die Amerikaner beispielsweise schon 1943 mit der Durchsicht deutscher Schulbücher. 10 Die eigentliche Reeducation beschränkt sich jedoch auf die Jahre 1945 bis 1949. Der Historiker Hartenian teilt die Besatzungszeit in drei Phasen ein. Die Zeit von Mai 1944 bis Anfang 1946 bezeichnet er als Period of austerity, die von dem Konzept der Kollektivschuld geprägt ist. Die Period of effective decentralization umfasst das Jahr 1946. In dieser Zeit sollten sich die „demokratischen Kräfte in der amerikanischen Zone [...] relativ frei publizistisch“ 11 betätigen. Die letzte Phase nennt Hartenian Period of anti-communism. Sie begann Anfang 1947 und reichte bis in die Zeit der Hochkommissariate.
7 Ebd. Seite 22.
8 Vgl. ebd. Seite 22.
9 Vgl. ebd. Seite 23.
10 Vgl. ebd. Seite 96.
11 Ebd. Seite 24.
5
5. Zensur und Laienlinguistik
Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive kann Zensur als Überprüfung und Kontrolle der Sprache unter Androhung von Bestrafung definiert werden. Geht man von dem zweiseitigen Zeichenmodell aus, so können sowohl die Ausdrucksseite, als auch die Inhaltsseite eines sprachlichen Zeichens zensiert werden. Die Ausdrucksseite eines sprachlichen Zeichens kann verboten werden, ohne dessen Inhaltsseite zu berücksichtigen. Ein Beispiel hierfür sind Komposita mit -führer, wie das Morphem Lokomotivführer. Richtet sich die Zensur auf die Inhaltsseite eines Zeichens, wird die durch die Nationalsozialisten veränderte Bedeutung eines Lexems abgelehnt, so beispielsweise das Lexem Ausrichtung. 12 Im Allgemeinen ist zwischen der Vorzensur und der Nachzensur zu unterscheiden. Bei der Vorzensur, die lange Zeit in der französischen Besatzungszone ausgeübt wurde 13 , musste ein Text vor dem Druck beziehungsweise der Sendung zensiert und überarbeitet werden. Diese Vorgehensweise ermöglichte den Zensoren eine stärkere Einflussnahme auf die sprachliche Gestaltung von Zeitungsartikeln und Radiobeiträgen, die in allen Besatzungszonen der Vorzensur unterlagen. 14 Im Gegensatz zur Vorzensur wurden bei der Nachzensur Texte zensiert, die schon gedruckt und veröffentlicht worden waren. Diese Methode ermöglichte somit keine direkte Beeinflussung der Sprache der Journalisten. Die Zensur in den Besatzungszonen beschreibt Deissler als „laien-linguistische Auseinandersetzung mit Sprache“ 15 . Der Autor spricht in diesem Zusammenhang von Laienlinguistik als „außerwissenschaftliche Beschäftigung mit Sprache und
Kommunikation.“ 16 Die sprachregelnden Bemühungen der Besatzungsoffiziere waren stark praxisorientiert und sind als populärwissenschaftliche Reflexion von Sprache zu verstehen. Die alliierten Offiziere konnten in der Regel keine sprachwissenschaftliche Ausbildung vorweisen. Detaillierte, linguistische Begründungen für die Zensur von Texten lieferten die Besatzungsoffiziere daher eher selten. Oftmals finden sich nur knappe Kommentare, denen die laientheoretische Unterscheidung von Form oder Ton und Inhalt zugrunde liegt. 17 Mit der Laienlinguistik teilt die Zensur der Besatzungsmächte auch ihre Normativität. Die Alliierten verstanden sich als Normsetzer und Normüberwacher. Verstöße gegen die von der Zensur gesetzten Normen wurden bestraft. Die Zensur unterscheidet sich folglich von
12 Vgl. ebd. Seite 16.
13 Vgl. ebd. Seite 198.
14 Vgl. ebd. Seite 217.
15 Ebd. Seite 17.
16 Ebd. Seite 17.
17 Vgl. ebd. Seite 16.
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Arbeit zitieren:
Tamara Bauer, 2006, Entnazifizierung der deutschen Sprache im Rundfunk der Besatzungszeit, München, GRIN Verlag GmbH
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