Abstract
In meiner Zulassungsarbeit, welche den Titel „Geschlechterdifferenzen auf dem Arbeitsmarkt und ihre Konsequenzen für den Schulunterricht“ trägt, beschäftige ich mich mit der Frage in welcher Form Geschlechterdifferenzen auf dem Arbeitsmarkt auftreten und in welchen weiteren Institutionen sie verortet sind. Die Betrachtung stereotyper Frauen- und Männerberufe ist hierbei von zentraler Bedeutung. Die Einflussnahme dieser bestehenden Stereotypen auf das Berufswahlverhalten junger Menschen soll aufgezeigt werden. Desweiteren wird die Frage nach Ursachen für eine mögliche Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt aufgeworfen.
Eine Betrachtung der Dimension „Gender in der Schule“ soll Erkenntnisse über Geschlechterverhältnisse in unserem Bildungssystem bringen und mögliche Maßnahmen für einen geschlechtergerechten Unterricht aufzeigen. Die Wichtigkeit und Kriterien eines geschlechtergerechten Unterrichts werden hierbei verdeutlicht.
2
Inhaltsverzeichnis
Seite
Tabellenverzeichnis 6
Abbildungsverzeichnis 7
Abk ürzungsverzeichnis 8
1. Einleitung 9
2. Geschlechterdifferenzen auf dem Arbeitsmarkt. 10
2.1 Der Arbeitsmarkt 10
2.2 Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Arbeitsmarkts 13
2.3 Freie Berufswahl versus geschlechterdominierte Berufsordnungen 14
2.4 Geschlechterverhältnisse auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt 17
2.5 Geschlechterverhältnisse an den Hochschulen 21
2.6 Geschlechterverhältnisse im Wissenschaftsbetrieb 25
2.7 Die Erwerbssituation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt 28
2.7.1 Entwicklung der Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland 28
2.7.2 Institutionelle Voraussetzungen zur Teilnahme von Frauen
am Arbeitsmarkt 31
2.7.3 Frauenerwerbstätigkeit in Industrienationen 33
3
2.8 Geschlechterspezifische Arbeitsmarktsegregation……………………. …..35
2.8.1 Der Begriff Segregation……………………………………………………..35
2.8.2 Geschlechtersegregation auf dem Arbeitsmarkt: Theoretische Ansätze.36
2.8.2.1 Arbeitsangebotsseitige Theorien der Berufswahl……………….....…..37
2.8.3 Vertikale Segregation………………………………………………………….39
2.8.4 Horizontale Segregation……………………………………………………….40
2.8.5 Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern……………………………41
3. Die Dimension Gender in der Schule…………………..………43
3.1 Notwendigkeit der Förderung eines gendersensiblen
Berufswahlverhaltens in der Schule……………………………..……43
3.2 Der Ist-Zustand an deutschen Schulen ………………………………..……45
3.2.1 Geschlechterverhältnisse von Lehrkräften……………………………..…..45
3.2.2 Geschlechterverhältnisse in den verschiedenen Schultypen………..…..46
3.2.3 Schulleistungen der Schülerinnen und deren Auswirkungen auf
die Berufswahl………………………………………………………….…….48
3.2.4 Begabung und Schulerfolg von Mädchen und Jungen……………….…...50
3.2.5 Mögliche Ursachen für Leistungsdifferenzen
zwischen den Geschlechtern………………………………………………..54
3.2.6 Einfluss von Gender auf die Bewertung von Schulleistungen……………57
4
4. Genderbewusste Strategien für den Schulunterricht. 60
4.1 Notwendigkeit der Entwicklung von Genderbewusstsein im
Schulunterricht 60
4.2 Kriterien eines geschlechtergerechten Unterrichts 60
4.3 Dimensionen eines geschlechtergerechten Unterrichts 62
4.4 Rituale in schulischen Geschlechterverhältnissen 63
4.4.1 Schulische Missachtungsrituale 63
4.4.2 Schulische Anerkennungsrituale 65
4.4.3 Selbstreflexion der pädagogischen Fachkraft 65
4.4.4 Sensibilität für eine gleichberechtigte Sprache 66
4.5 Girls´ Day 67
5. Schluss 68
Quellenverzeichnis 71
5
Tabelle 1: Weiblich dominierte Berufsordnungen…………………………………..15
Tabelle 2: Männlich dominierte Berufsordnungen…………………………………..15
Tabelle 3: Frauenanteile in den einzelnen Studienfächern an Universitäten im
Zeitraum von 1993 bis 2004………………………………………………22
Tabelle 4: Frauenanteile in den einzelnen Studienfächern an Fachhochschulen
im Zeitraum von 1993 bis 2004…………………………………….…….22
Tabelle 5: Erwerbsbeteiligung der 15- bis 64-jährigen zwischen 1991
und 2004……………………………………………………………………30
Tabelle 6: Selected Population and Labor Force Characteristics of Women in
The United States 1994………...…………………………………………34
Tabelle 7: Anzahl der weiblichen und männlichen Lehrkräfte in Vollzeit und
Teilzeit……………………………………………………………………….46
Tabelle 8: Geschlechterverteilung an niedersächsischen allgemeinbildenden
Abbildung 1: Top 10 der am stärksten nachgefragten Ausbildungsberufe von
Frauen 2008………………………………………………………….20
Abbildung 2: Top 10 der am stärksten nachgefragten Ausbildungsberufe von
Männern 2008……………………………………………….……….20
Abbildung 3: Promotionen im Jahr 2000………………………………………….24
Abbildung 4: Anteil der Lehrerinnen und Lehrer an allen hauptberuflichen
Lehrkräften im Schuljahr 2001/ 2002……………………………….47
Abbildung 5: Zentrale Rubriken eines geschlechtergerechten Unterrichts….....60
7
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung
Art. Artikel
ca. lat. Circa
et al. lat. et alii
GG Grundgesetz
GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung
S. Seite
Tab. Tabelle
u.a. unter anderem
vgl. vergleiche
WWW engl. World Wide Web
z.B. zum Beispiel
8
1. Einleitung
Als für mich der Zeitpunkt meiner wissenschaftlichen Hausarbeit näher rückte, habe ich mir Gedanken gemacht, welchen Situationen ich mich in meinem späteren Berufsalltag als Lehrer gegenüber sehen werde. Speziell als Studierender des Faches Wirtschaftslehre sehe ich es als meine Aufgabe, die Lernenden nicht nur auf ihre Zukunft im Erwerbsleben möglichst gut
vorzubereiten, sondern ihnen auch vielfältige Möglichkeiten aufzuzeigen, welche die Arbeitswelt bietet. In meinen bisherigen Praktika hatte ich den Eindruck, dass viele Schülerinnen und Schüler schon eine recht genaue Vorstellung ihres Wunschberufes hatten. Hierbei wurden oftmals gängige Stereotypen 1 für die Zuordnung bzw. Wahl eines Berufes durch das jeweilige Geschlecht bestätigt. Schülerinnen gaben als Wunschberuf oftmals Berufsordnungen an die allgemeinhin als weiblich dominiert gelten. Schüler gaben meist vermeintlich männlich dominierte Berufsordnungen an.
Die vorliegende Arbeit hat das Ziel, Formen von Geschlechterdifferenzen auf dem Arbeitsmarkt aufzuzeigen und Konsequenzen aus diesen zu ziehen, um einer möglichen Benachteiligung eines Geschlechts vorzubeugen.
Meine Arbeit ist in zwei große Segmente aufgeteilt. Der erste Teil beschäftigt sich mit „Geschlechterdifferenzen auf dem Arbeitsmarkt“. Hier versuche ich den Arbeitsmarkt unter geschlechterspezifischen Gesichtspunkten zu beleuchten und die Situation von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt darzustellen. Sowohl die Geschlechterverhältnisse auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt als auch die Erwerbssituation von Frauen werden an dieser Stelle thematisiert. Ein weiterer wichtiger Punkt in diesem Segment ist das Geschlechterverhältnis an Hochschulen und im Wissenschaftsbetrieb.
Das zweite Segment beschäftigt sich mit der Dimension „Gender“ in der Schule und soll einerseits die Ist-Situation an deutschen Schulen darstellen und
1 Der Begriff Stereotyp bezeichnet etwas Feststehendes, Unveränderliches und starre, festgelegte Vorstellungen in Bezug auf soziale Objekte. Unter sozialen Objekten sind u.a. Einzelpersonen und Personengruppen zu verstehen (Vgl.: Köck, Peter (Hg.) (2008): Wörterbuch für Erziehung und Unterricht, Augsburg: Brigg Pädagogik Verlag GmbH, S. 480).
9
andererseits die Notwendigkeit eines geschlechtergerechten Schulunterrichts aufzeigen. Der Teil, welcher sich mit dem geschlechtergerechten Schulunterricht beschäftigt ist besonders interessant für mich, da mir das erworbene Wissen in meiner späteren Tätigkeit sicherlich sehr dienlich sein wird. In der Schule werde ich in meiner späteren Laufbahn als Lehrer auf heterogene Lerngruppen treffen, welche sich nicht nur durch Leistungsfähigkeit, Alter, Nationalität sondern auch durch das Geschlecht unterscheiden. Folglich ist der Erwerb einer Sensibilität im Umgang mit dem jeweiligen Geschlecht für eine pädagogische Fachkraft unabdingbar.
2. Geschlechterdifferenzen auf dem Arbeitsmarkt
2.1 Der Arbeitsmarkt
In der Ökonomie wird der Arbeitsmarkt als ein Teil des Wirtschaftssystems definiert, in dem Verfügungsrechte über die Arbeitskraft des Arbeitnehmers bzw. der Arbeitnehmerin gegen ein Arbeitsentgelt 2 des Arbeitgebers bzw. der Arbeitgeberin getauscht werden. 3
Grundsätzlich ist der Markt der ökonomische Ort des Tausches, an dem sich durch Angebot und Nachfrage die Preisbildung vollzieht. 4 Die Begriffe Angebot und Nachfrage beziehen sich hierbei auf das Verhalten der Menschen bei ihrem Zusammenspiel auf den Märkten. Der Markt besteht folglich aus Gruppen potenzieller Käuferinnen und Käufern und Verkäuferinnen und Verkäufer einer
2 Unter dem Begriff Arbeitsentgelt sind alle laufenden oder einmaligen Einnahmen aus einer Beschäftigung zu verstehen. Vgl.: Haufe- WirtschaftsLexikon kompakt: alle wichtigen Begriffe aus Wirtschaft, Steuern, Recht. 3. Aufl., Freiburg i. Br.: Haufe, S. 21.
3 Vgl.: Dressel, Kathrin/ Susanne Wanger (2008): Erwerbsarbeit: Zur Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt. In: Becker, Ruth/ Beate Kortendiek (Hrsg.): Handbuch der Frauen- und Geschlechterforschung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwisenschaften, S. 481.
4 Vgl.: Wirtschafts-Lexikon (1967): 7. Auflage, Wiesbaden: Verlag Dr. Th. Gabler, S. 217.
10
bestimmten Ware bzw. Dienstleistung. 5 Was den Arbeitsmarkt vom Gütermarkt unterscheidet ist, dass nicht ein Gut, sondern Arbeitskraft nachgefragt, angeboten und getauscht wird. Menschen verkaufen hier gegen Arbeitsentgelt ihre Arbeitskraft zur Verrichtung konkreter Tätigkeiten an einen Arbeitgeber, für die sie bestimmte Produkte herstellen oder Dienstleistungen ausführen. Die notwendigen Rohstoffe und Arbeitsmittel werden dem Arbeitnehmer 6 vom Arbeitgeber 7 überlassen. 8
Beim Arbeitsmarkt handelt es sich zudem um einen unvollkommenen Markt. 9 Dies ist durch die Inhomogenität der Arbeitsleistungen zu begründen, da der Arbeitsleistung z.T. durchaus eine mangelnde Mobilität zugesprochen wird. 10 Das Angebot von Arbeit hängt von weiteren Faktoren, wie beispielsweise der Bevölkerungsgröße, Altersstruktur der Bevölkerung, Höhe des Arbeitslohnes und den Preisen wichtiger Güter ab. Demgegenüber steht die Nachfrage nach Arbeit, welche ebenso vom Lohn, von den Preisen substitutiver Produktionsfaktoren und der Güternachfrage abhängt. 11
Der Arbeitsmarkt ist jedoch kein Markt wie jeder andere. Der Marktmechanismus koordiniert zwar auch Angebot und Nachfrage, allerdings existieren zusätzliche Regulationsmechanismen, wie beispielsweise die Arbeitsmarktpolitik. 12 Tauschobjekt des Arbeitsmarktes ist die Arbeit, welche völlig anders geartet ist als die Tauschobjekte auf anderen Märkten. Auf dem Arbeitsmarkt werden nicht Arbeitskräfte angeboten bzw. nachgefragt, sondern
5 Vgl.: Mankiw, Gregory (2004): Grundzüge der Volswirtschaftslehre, 3., überarbeitete Auflage, Stuttgart: Schaeffer-Poeschel, S. 67.
6 Arbeitnehmer ist nach dem Arbeitsrecht, eine Person, welche aufgrund eines privatrechtlichen Vertrages oder eines ihm gleichgestellten Rechtsverhältnisses im Dienst eines anderen zur Arbeit verpflichtet ist. (Vgl.: Haufe- WirtschaftsLexikon kompakt: alle wichtigen Begriffe aus Wirtschaft, Steuern, Recht. 3. Aufl., Freiburg i. Br.: Haufe, S. 19.)
7 Arbeitgeber ist, wer mindestens einen Arbeitnehmer beschäftigt. Die Rechtsform des Arbeitgebers ist unerheblich. Er ist Gläubiger des Anspruchs auf Arbeitsleistung und zugleich Schuldner des Arbeitsentgelts gegenüber dem Arbeitnehmer. (Vgl.: Haufe- WirtschaftsLexikon kompakt,a.a.O., S. 18.)
8 Vgl.: Arbeitsagentur (2009): Arbeitsmarkt. Online (12.04.2009): http://www.arbeitsagentur.net/Arbeitsmarkt/arbeitsmarkt.html.
9 Vgl.: Gablers Wirtschafts-Lexikon (1967),a.a.O., S.242.
10 Vgl.: Gablers Wirtschafts-Lexikon , a.a.O., S.242.
11 Vgl.: Gablers Wirtschafts-Lexikon, a.a.O., S.242.
12 Vgl.: Schmid, Alfons (2005): Arbeitsmarktpolitik. In: May, Hermann (Hg.): Handbuch zur ökonomischen Bildung, München: Oldenbourg Verlag, S. 203
11
menschliche Arbeitsleistung, welche logischerweise untrennbar mit ihrem Besitzer verbunden ist. 13
Eine Unterscheidung findet zwischen dem Arbeitsmarkt und dem staatlich geförderten Arbeitsmarkt statt. Der Arbeitsmarkt führt den betriebswirtschaftlich begründeten Bedarf nach Arbeitskräften von Unternehmen mit einer Nachfrage geeigneter freier Arbeitskräfte zusammen. 14 Der staatlich geförderte Arbeitsmarkt hingegen schafft es, über arbeitsmarktpolitische Maßnahmen, zusätzliche Anreize für die Arbeitgeber zu schaffen. Dies bedeutet in der Praxis nichts anderes als ein Angebot von Arbeitsplätzen, welche einen Marktausgleich von Angebot und Nachfrage herbeiführen. 15 Die in der öffentlichen Diskussion wichtigste Kennzahl des Arbeitsmarktes ist die Arbeitslosenquote 16 . Natürlich gibt es weitere Kennzahlen nach denen der Arbeitsmarkt analysiert werden kann, wie zum Beispiel:
- nach den Produkten und Dienstleistungen (Wirtschaftszweige),
- nach dem Arbeitsinhalt (Berufe, Tätigkeiten),
- nach der Stellung im Arbeits- und Verwertungsprozess (Eigentümer = Unternehmer oder nur Kapitalgeber, Manager=Entscheider, aber nicht Eigentümer, Beschäftigter=Ausführender),
- nach dem Technisierungsniveau der Arbeit,
- nach dem Alter der Beteiligten,
- nach dem Geschlecht der Beteiligten 17 .
13 Vgl.: Schmid, a.a.O., S. 203
14 Vgl.: Arbeitsagentur (2009), a.a.O.
15 Vgl.: Arbeitsagentur (2009), a.a.O.
16 Die Arbeitslosenquote wird in der Bundesrepublik durch das Meldeverfahren ermittelt. Zu den Arbeitslosen in der Statistik der Bundesagentur zählen alle Personen, die das 15., aber noch nicht das 65. Lebensjahr vollendet haben, die beschäftigungslos sind oder nur eine kurzzeitige Beschäftigung ausüben und ein versicherungspflichtiges, mindestens 15 Stunden wöchentlich umfassendes Beschäftigungsverhältnis von mehr als 7 Kalendertagen suchen. Sie müssen sich persönlich beim zuständigen Arbeitsamt gemeldet haben, der Arbeitsvermittlung zur Verfügung stehen und dürfen nicht arbeitsunfähig erkrankt sein (May, Hermann (2008): Lexikon der ökonomischen Bildung, München: Oldenbourg Verlag, S. 184).
17 Vgl.: Arbeitsagentur (2009), a.a.O.
12
Meine Arbeit wird sich im Folgenden besonders mit der Dimension Geschlecht und deren Determinanten auf dem Arbeitsmarkt beschäftigen.
Unter soziologischen Gesichtspunkten geschieht auf dem Arbeitsmarkt indes mehr. Der Arbeitsmarkt ist hier die zentrale Instanz zur Zuteilung von sozialen Positionen, gesellschaftlichem Status und Lebenschancen 18 . Folglich hat eine Nichtteilnahme an diesem Arbeitsmarkt sowohl einen Verlust von gesellschaftlichem Status als auch niedrigere Lebenschancen zur Folge. Martin Abraham und Thomas Hinz gehen in ihrem Werk „Theorien des Arbeitsmarktes“, aus dem Jahre 2005, sogar soweit, den Arbeitsmarkt als eine „Maschine der Ungleichheitsproduktion“ zu bezeichnen 19 .
2.2 Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Arbeitsmarktes
Um den Arbeitsmarkt und dessen statistische Erfassung verständlich zu machen, sind an dieser Stelle noch elementare Begriffe zu klären. Grundsätzlich unterscheidet die volkswirtschaftliche Statistik der
Bundesrepublik zwischen so genannten Erwerbspersonen und Arbeitnehmern als Dienstleistungserbringer. Erwerbspersonen sind erwerbstätige Personen die eine Arbeit ausüben oder suchen. Zu dieser Gruppe zählen auch die Selbständigen. Der Arbeitnehmer als Dienstleistungserbringer zeichnet sich besonders dadurch aus, dass er fast kein eigenes Sachkapital, sondern lediglich seine Fähigkeiten und Fertigkeiten einbringt. Das notwendige Sachkapital wird vom Unternehmer gestellt. 20
Laut statistischem Bundesamt hat die Bundesrepublik im ersten Quartal 2009 82 Millionen Einwohner, davon sind 39 858 000 Erwerbstätige. Diese unterteilen sich nochmals in Arbeitnehmer (35 435 000) und Selbstständige (4
18 Vgl.: Dressel, Kathrin/ Susanne Wanger (2008), a.a.O., S. 481.
19 Vgl.: Dressel, Kathrin/ Susanne Wanger (2008), a.a.O., S. 481.
20 Vgl.: Arbeitsagentur (2009), a.a.O.
13
423 000). Als Erwerbslose werden im ersten Quartal des Jahres 3 378 000 Menschen erfasst. 21
2.3 Freie Berufswahl (Dreistufentheorie) versus
geschlechterdominierte Berufsordnungen
Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gewährleistet in Art. 12 Abs. 1GG „allen Deutschen das Recht, den Beruf und die Ausbildungsstätte frei zu wählen“. 22 Der Staat darf keine zwangsweise Berufslenkung vornehmen, er kann lediglich Hilfen in Form von Empfehlungen (z.B. Berufsberatungsstellen) zur Verfügung stellen. Allerdings kann nach Art. 12 Abs. 1 S. 2 GG die Berufsausübung durch das Gesetz geregelt werden. Hierbei muss vom Gesetzgeber jedoch diejenige Form des Eingriffs gewählt werden, welche das beschränkt. 23 Grundrecht am wenigsten Hierzu hat das
Bundesverfassungsgericht eine Dreistufentheorie entwickelt, welche auf der ersten Stufe Regelungen enthält, die rein die Berufsausübung beschreiben. Dieser Stufe sind beispielsweise Anordnungen über die Sauberkeit in Lebensmittelläden oder über den Feuerschutz in Kinos und Theatern zuzuordnen. 24 Stufe Zwei setzt sich mit Regelungen auseinander, welche die Berufsausübung von subjektiven Zulassungsvoraussetzungen abhängig macht. Hierzu zählen Hochschulabschlüsse, beispielsweise muss ein Anwalt zwei bestandene Staatsexamina nachweisen, um seinen Beruf ausüben zu können. Die dritte Stufe beinhaltet Regelungen, welche die Berufsausübung von objektiven Zulassungsvoraussetzungen abhängig macht. An dieser Stelle ist der zentrale Begriff die Bedürfnisprüfung. Hierbei wird die Prüfung der Frage
21 Vgl.: Statistisches Bundesamt (2009): Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen. Online (12.04.2009) http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Zeitreihen /WirtschaftAktuell/VolkswirtschaftlicheGesamtrechnungen/Content100/vgr910a,templateId=renderPrin t.psml.
22 Juristischer Informationsdienst (2009): Grundgesetz. Art. 12.1 GG. Online (15.05.2009): dejure.org/gesetze/GG/12.html.
23 Vgl.: Rüßmann, Helmut (2009): Freie Berufswahl. Online (12.04.2009): http://ruessmann.jura.uni-sb.de/rw20/wiwieinf/wvic4d.htm#10.
24 Vgl.: Rüßmann, a.a.O.
14
verstanden, ob für die Zulassung eines weiteren Berufsanwärters ein gesellschaftliches Bedürfnis vorhanden ist oder nicht. 25
Hier stellt sich nun die Frage, ob es Berufsordnungen gibt, die männlich dominiert sind und diesen gegenüber weitere Berufsordnungen, die weiblich dominiert sind? 26 Nachdem die gesetzliche Seite beleuchtet wurde, welche uns aufgezeigt hat, dass der Gesetzgeber jedem Bundesbürger die freie Wahl des Berufes zuspricht, soll ein Blick auf die „zehn am stärksten weiblich bzw. männlich dominierten Berufsordnungen“ einen besseren Überblick schaffen.
Tab. 1: Weiblich dominierte Berufsordnungen
Tab. 2: Männlich dominierte Berufsordnungen
25 Vgl.: Rüßmann, a.a.O.
15
Quelle: Binder (2007: S. 153) nach Berechnungen des SOEP (2003)
Die tabellarische Auflistung zeigt, dass es trotz der Möglichkeit der freien Berufswahl durchaus männlich wie auch weiblich dominierte Berufsordnungen gibt.
Die Tabelle macht deutlich, dass sich Männer- und Frauenberufe 27 zumeist deutlich in ihrer Tätigkeit unterscheiden. 28 Haushaltsnahe Tätigkeiten, soziale Berufe, Berufe in denen von feinmotorisch ausgeprägten Fähigkeiten profitiert wird und solche, die eine helfende bzw. assistierende Funktion haben, werden häufig von Frauen ausgeübt. 29
In allen Gesellschaften findet sich die Verteilung von Aufgaben und Berufen in dem binären Gegensatz von weiblicher und männlicher Domäne. 30 Allerdings wird dies erst seit Beginn der 1980er Jahre hinterfragt. 31
27 „Ein Beruf ist dann ein Frauen- bzw. Männerberuf, wenn das in dem Beruf vorherrschende Frauen-Männer-Verhältnis größer ist, als das Frauen-Männer-Verhältnis auf dem gesamten Arbeitsmarkt“ (Wiepcke, Claudia (2009): Berufsorientierung aus der Geschlechterperspektive. In: Seeber, Günther (Hg.): Ökonomische Bildung und gesellschaftliche Teilhabe, Schwalbach/Ts., S. 3).
28 Vgl.: Binder, Nicole (2007): Zwischen Selbstselektion und Diskriminierung. Eine empirische Analyse von Frauenbenachteiligungen am deutschen Arbeitsmarkt anhand alternativer Indikatoren unter besonderer Berücksichtigung der Berufswahl, Dissertation, Berlin: Duncker & Humblot, S. 154
29 Vgl.: Binder, a.a.O., S. 154.
30 Vgl.: Cacoualt, Marlaine (2001): Einführung: Variationen über Frauen- und Männerberufe. In: Krais, Beate/ Margaret Maruani (Hg.): Frauenarbeit-Männerarbeit, Frankfurt.: Campus Verlag, S. 29.
31 Vgl.: Cacoualt, a.a.O., S.29.
16
Arbeit zitieren:
Marc Bläse, 2009, Geschlechterdifferenzen auf dem Arbeitsmarkt und ihre Konsequenzen für den Schulunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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