kritisierte. GELLERTS brieftheoretische Überlegungen, die er durch Briefwechsel sowie in Vorlesungen verbreitete, bezogen sich insbesondere auf den personalen und interaktionsnahen Briefaustausch. GELLERT berief sich in seiner Lehre nicht etwa auf prosaische, sondern auf alltägliche Briefe, die mit Emotionen in Verbindung gebracht werden konnten (Bsp.: Trauer, Anteilnahme, Freundschaft, Liebe). Diese Briefe vermochten nach Ansicht GELLERTS die Grenzen der traditionellen Rhetorik am besten auszudrücken. Er gab in seinen brieftheoretischen Schriften praktische Beispiele, die entweder Vorbildcharakter hatten oder nicht nachahmenswerte Negativexempel darstellten. Durch diese Art der Gegenüberstellung verdeutlichte GELLERT den Briefschreibern seiner Zeit das anzustrebende Briefideal. GELLERTS Ziel war es nicht, Regelpoetiken aufzustellen. Er sah seine Brieflehre eben nicht als verbindliches und richtiges Regelwerk, sondern beabsichtigte, den Briefschreibern eine brauchbare Orientierung zu geben: „[…] aber es lässt sich doch mit einer unvollkommnen Karte besser reisen, als mit gar keiner […].“ (s. GELLERT 1751: „Briefe, nebst einer Praktischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen“ in: EBRECHT et al. 1990, S. 60). Aus diesem Grund handelt es sich bei der Brieflehre GELLERTS auch weniger um eine theoretische als um eine praktische Abhandlung.
Der Aspekt der Natürlichkeit in der Brieflehre Gellerts
In seiner Brieflehre plädierte CHRISTIAN FÜRCHTEGOTT GELLERT für eine gänzlich neue, revolutionäre Art des Briefeschreibens und stellte hohe Ansprüche an einen guten Brief (vgl. STEPHAN, S. 236 f.). Natürlichkeit war dabei der zentrale Begriff in GELLERTS Abhandlung, der sich wie ein roter Faden durch seine Brieflehre zog. Sein primäres Ziel war, das natürliche Schreiben von Briefen zu lehren. GELLERT forderte daher „natürliche, freundschaftliche und affektreiche Briefe ohne offensichtliche Kunst und Ordnung, in denen das Herz mehr redet als der Verstand“ (s. GELLERT 1751: „Briefe, nebst einer Praktischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen“ in: EBRECHT et al. 1990, S. 57). GELLERT kritisierte mit der Publikation seiner Brieflehre die vorherrschende Briefkultur und die Regeln der einfachen Briefsteller. Indem er Briefsteller seinem Ideal der Natürlichkeit, Einfachheit, Leichtigkeit, Geschicklichkeit und Lebhaftigkeit gegenüberstellte, wurde seine Intention deutlich:
2
Ziel sollte es sein, durch Lernen des natürlichen Stils in Form von Nachahmung Briefe „lebhafter, bestimmter, und eben dadurch brauchbarer“ zu machen (s. ebd., S. 58).
Der Briefschreiber sollte versuchen, sich von den strikten Regeln des Kanzleistils und des galanten Briefs abzuwenden und sich eher an den von GELLERT gegebenen Beispielbriefen zu orientieren, die auf dem Ideal der schönen Natürlichkeit und Lebhaftigkeit beruhten: „Wenn man sich endlich gute Beyspiele vorlegt, untersucht, warum sie schön sind, und sich bemüht, das Schöne davon recht zu empfinden: so wird man nicht alleine seine Regeln vollständiger, sondern auch seinen Geschmack im Schreiben gewisser machen.“ (s. ebd., S. 61). GELLERT sah durch die Vergleichsmöglichkeit mit seinen Beispielbriefen nebst Anmerkungen mehr Vermittlungspotential als durch Aufstellen von Normen und Regeln (vgl. ebd., S. 65). Da Briefschreiber im Sinne GELLERTS zu jeder Zeit den Aspekt der Natürlichkeit berücksichtigen sollten, musste in Briefen auch eine Deutlichkeit des Ausdrucks vorliegen. Der Inhalt sollte leicht und klar zur Sprache gebracht werden und nicht von leeren Gedanken gefüllt sein, was einer zu natürlichen Schreibart entsprechen würde (vgl. ebd., S. 64). Briefe sollten nach GELLERT zwar mühsam durchdacht sein, das Mühsame durfte in Briefen aber nicht nach außen dringen: Der Brief hatte „sinnreich zu seyn“ und gleichzeitig dem Leser zu gefallen, „weil es keine Mühe gekostet zu haben scheint“ (vgl. ebd., S. 65). Im Idealfall sollten Briefe aus einer tatsächlich gefühlten Emotion bzw. Stimmung heraus geschrieben werden. Auf diese Weise wurden nach GELLERT Briefe am natürlichsten formuliert (s. VELLUSIG, S. 94 f.). Neben der inhaltlichen Klarheit sollte zudem auch die formale Ordnung des Briefes entsprechend der natürlichen Reihenfolge und der Richtigkeit der Gedanken ausgerichtet sein. GELLERT verdeutlichte, dass Deutlichkeit und Richtigkeit zwar anzustreben seien, aber auf keinen Fall ausreichen würden, um schön und natürlich zu sein (s. GELLERT 1751: „Briefe, nebst einer Praktischen Abhandlung von dem guten Geschmacke in Briefen“ in: EBRECHT et al. 1990, S. 61 und S. 71). Der Begriff der Natürlichkeit schloss nach Meinung GELLERTS darum ein hohes Maßwerk an rhetorischer Konstruktion mit ein, die geschickt antike rhetorische Elemente nutzte und damit ein entfremdetes kulturelles Gut wieder aufnahm. Um Briefe natürlich zu verfassen, war es notwendig, sich an einer gewissen Ordnung zu halten. Es sollte aber vermieden werden, einem gekünstelten und zu sehr ausgeschmückten
3
Schreibstil nachzueifern. Briefschreiber sollten daher Wiederholungen und Beiwörter umgehen und Sätze nicht unnötig in die Länge ziehen. Zudem sollte der Verfasser eines natürlichen Briefes von Formeln und Floskeln absehen und sich generell von einem niederen Stil abwenden (vgl. ebd., S. 62 ff. und S. 74). Dadurch, dass beim Verfassen des Briefes mehr Zeit gegeben war als bei der mündlichen Kommunikationsform, konnte man beim Brief auch von einer zerdehnten Kommunikationssituation sprechen. Formulierungen wurden durchdacht, das Gemeine wurde durch richtige Verwendung, Stellung und Formulierung entzogen und somit dem natürlichen Stil angepasst. Natürlichkeit im Brief war nach Auffassung GELLERTS also auch eine Form von Konstruktion und war vergleichbar mit der Sprache einer wohlredenden Person (vgl. ebd., S. 62 f.). Ohnehin sollte der natürliche und gute Briefschreiber versuchen, ein Gespräch frei nachzuahmen. Bereits in den „Gedancken von einem guten deutschen Briefe, an den Herrn F. H. v. W.“ von 1742 befand GELLERT, dass der Brief Gesprächscharakter haben sollte. In der Darstellung des Briefes als Gespräch bezog GELLERT sich auf die Vorstellungen der Antike, in der das Briefeschreiben als Teil der Redekunst eingeübt wurde: „Das erste, was uns bey einem Briefe einfällt, ist dieses, daß er die Stelle eines Gesprächs vertritt […] und deswegen muß er sich in der Art zu denken und zu reden, die in Gesprächen herrscht, mehr nähern als einer sorgfältigen geputzten Schreibart. Er ist eine freye Nachahmung des guten Gesprächs.“ (s. ebd., S. 61). GELLERT sah hierbei einen Mittelweg zwischen dem ordentlichen Gespräch, das er als Umgangssprache definierte, und der zu sorgfältig und geputzten Schreibart wie etwa im galanten Brief oder Kanzleistil (vgl. ebd.).
Im Hinblick auf das Ideal der Natürlichkeit war GELLERT wichtig, dass der Brief ein einheitliches Gebilde mit einem Zusammenhang in der Schreibart darstellen musste (vgl. ebd., S. 62 f. und S. 69). Daher war auch eine weitere Bedingung für einen natürlichen und guten Brief, „daß sich die Vorstellungen genau zur Sache, und die Worte genau zu den Vorstellungen schicken müssen“, denn „[man] muß endlich das Natürliche nicht bloß in Worten und in den einzelnen Gedanken eines Briefs, sondern in dem Ganzen, in dem Zusammenhange der Gedanken unter einander, suchen.“ (s. ebd., S. 69).
Voraussetzung für das Schreiben eines guten Briefes war ein gesunder und gelehrter Verstand, der künstliche Ordnungen wie beispielsweise die Chrie, eine in der Antike
4
Arbeit zitieren:
Katharina von Lehmden, 2009, Der Aspekt der Natürlichkeit in der Brieflehre Christian Fürchtegott Gellerts, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Beschwerdemanagement bei Dienstleistungen
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Seminararbeit, 21 Seiten
Der Markt des Mobilitätsdienstleisters - dargestellt am Beispiel der S...
Mit besonderer Betrachtung de...
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Hausarbeit, 17 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen: neuer Titel erschienen: Der Aspekt der Natürlichkeit in der Brieflehre Christian Fürchtegott Gellerts
Katharina von Lehmden hat einen neuen Text hochgeladen
Gellert und die empfindsame Aufklärung
Vermittlungs-, Austausch- und ...
Sibylle Schönborn, Vera Viehöver
Der ,Moral-Sense' bei Gellert, Lessing und Wieland
Zur Rezeption von Shaftesbury ...
Jan Engbers
A Ambuhl
Interdisziplinäre Aspekte des Übersetzens und Dolmetschens. Interdisci...
Judith Muráth, Agnes Oláh-Hubai
Ethische Aspekte der Forschung und Verwendung menschlicher Stammzellen
Der Text von der Stellungnahme
. Europäische Gruppe für Ethik der Naturwissenschaften und der Neuen Technologien, Europäische Kommission
Realitätstreue, Natürlichkeit, Plausibilität
Perzeptive Beurteilungen in de...
Clemens Kuhn-Rahloff
Aspekte der Studienvorbereitung und Studienbegleitung
Beiträge zur chinesisch-deutsc...
Jacqueline Gutjahr, Xuemei Yu
0 Kommentare