1. Einleitung
In einem Kommentar zu seinem Werk, bezeichnet Stevenson „The Strange Case of Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ als gelungene „bogey story“. Auch wenn er damit wohl recht behält, so vermag diese Erklärung alleine nicht ausreichen um den weltweiten Erfolg der Geschichte zu erklären. Die anhaltende Beliebtheit der fesselnden Novelle, die in immer neue Versionen und Varianten mündet, lässt solch eine simple Rechtfertigung nicht zu. Und so liegt die Vermutung nahe, dass die Geschichte mehr als eine zweckorientierte Genreproduktion ist. Deshalb existieren bereits eine Reihe von Interpretationsansätzen, die der Geschichte eine tiefere Deutung nahe legen. Vladimir Nabokov beispielsweise, verweist auf die Möglichkeit einer unterdrückten Homosexualität - eine Lesart die bei vielen Kritikern Anklang fand und weiter untersucht wurde. Den meisten Deutungsmustern ist jedoch gemein, dass es sich um den Gegensatz zweier Pole handelt. Henry Jekyll eine positive, kontrollierende Kraft und Mr. Hyde eine unterdrückte, und wie schon der Name vermuten lässt, versteckte negative Kraft.
In dieser Arbeit soll nun ein Interpretationsansatz entwickelt werden, welcher ein, die schon existierenden Deutungen übergreifendes Verständnis ermöglicht, und so versucht den Gegensatz in seiner Ursprünglichkeit zu erfassen. Die Prämisse einer solchen Untersuchung, ist die Annahme, dass es sich hier um einen Gegensatz von allgemeiner Gültigkeit handelt. Entsprechend muss sich in diesem Fall ein kulturphilosophisches Weltbild äußern, welches der Geschichte unterliegt. Aus diesem Grund möchte ich zunächst einige Thesen und Gedanken aus Nietzsches Geburt der Tragödie, sowie Bachtins Schrift „Der groteske Leib“ ausführen. Ebenfalls von Bedeutung erscheint mir der historische Kontext der Novelle, weshalb ich auch diesen kurz erläutern werde. Auf diese Art soll nun solch ein kongruentes „Weltbild“ entstehen, welches in der darauf folgenden Analyse der Novelle inhaltlich und erzähltheoretisch bestätigt wird.
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Ziel ist zu zeigen, dass der Mensch, gleich der Erkenntnis Jekylls, „not truly one, but truly two“ ist
2.Theorie
2.1 Nietzsche 1
Zwei „verschiedene Triebe“ so Nietzsche, konstituieren die menschliche Existenz. Als die „Duplizität des Apollinischen und des Dionysischen“(GdT: 19) bezeichnet Nietzsche diese Theorie und entleiht die Begrifflichkeit den Namen zweier Götter des griechischen Olymp: Apollon und Dionysos.
Die beiden Götter stehen sich in ihrer Bedeutung diametral gegenüber und formen so die beiden Pole einer Dialektik:
An ihre beiden Kunstgottheiten, Apollo und Dionysos, knüpft sich unsere Erkenntnis, dass in der griechischen Welt ein ungeheurer Gegensatz, nach Ursprung und Zielen, zwischen der Kunst des Bildners, der apollinischen, und der unbildlichen Kunst der Musik, als der des Dionysos, besteht. Beide so verschiedne Triebe gehen nebeneinander her, zumeist im offnen Zwiespalt miteinander und sich gegenseitig zu immer neuen kräftigeren Geburten reizend, um in ihnen den Kampf jenes Gegensatzes zu perpetuieren, den das gemeinsame Wort „Kunst“ nur scheinbar überbrückt; bis sie endlich, durch einen metaphysischen Wunderakt des hellenischen „Willens“, miteinander gepaart erscheinen und in dieser Paarung zuletzt das ebenso dionysische als apollinische Kunstwerk der attischen Tragödie erzeugen. (GdT: 19)
Es muss jedoch auf die Kunstgottheiten im einzelnen eingegangen werden, um zu erkennen, dass diese Betrachtungen? nicht nur der griechische Tragödie, sondern ebenfalls einem, und für diese Arbeit bedeutenden, kulturphilosophischen Kontext innewohnen.
Apollon, der „Bildner“, steht für das klassische ideal, die abbildende Kunst, er ist der Gott des Lichts und so auch des Scheins. Das Apollinische ist nach Nietzsche das
1 Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie. Stuttgart: Phillip Reclam jun. GmbH & Co, 2007: 19
(im Folgenden abgekürzt mit GdT)
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„Traumhafte“, das die Wirklichkeit abbildet und auf diese Weise auch verdeckt. Diese „Traumbilder“ erschaffen nun eine Klarheit, die dem Menschen ermöglicht das Leben zu deuten und zu verstehen. Das menschliche Dasein wird durch die Struktur und Ordnung, welche die apollinische Natur ausmachen, „möglich und lebenswerth“ (GdT: 20).
In diesem Verständnis ist das Apollinische die Logik, auf deren Schultern sich die Wissenschaft auch und gerade seit dem Beginn der Aufklärung ihren Weg in die Gesellschaft bahnt. Nicht zuletzt ist ihre englische Bezeichnung „Enlightenment“ - ein Verweis auf die Erleuchtung, das Licht, das im Zeichen des Apollon steht. Deshalb spricht Nietzsche von einer „Sokratischen Cultur“ (GdT: 114), einer Kultur der Wissenschaft, wenn er von unserer modernen Kultur spricht. Der Drang des Menschen das Leben durch die Erkenntnis der Wissenschaft zu erfassen und zu erklären, ist eine Seite der Zwei Naturen die dem Menschen innewohnen.
Dem gegenüber befindet sich nun das Dionysische. Dionysos, der Gott des Weines und der Ekstase, steht für die „rauschhafte Wirklichkeit“ (GdT: 24). Das Dionysische ist nach Nietzsches Verständnis das Naturhafte, welches sich gegen das apollinische Ideal stellt und mit der Bewegung des Lebens gegenübertritt. Sowohl die Geburt, als auch der Tod stehen im Zeichen des Dionysischen, der Ursprung und das Ende. Der Rausch, spiegelt sich im Emotionalen, rein Expressionistischen, kann demnach als das Triebhafte, Ungesteuerte und Zufällige angesehen werden, welches die apollinischen Harmonie zersetzt.
Nietzsche sieht das Dionysische in den „ursprünglichen Menschen und Völkern“ (GdT: 22). In diesem Zusammenhang erkennt Nietzsche eine andere Art der Kultur: [...]„deren wichtigstes Merkmal ist, dass an die Stelle der Wissenschaft als höchstes Ziel die Weisheit gerückt wird, die sich, ungetäuscht durch die verführerischen Ablenkungen der Wissenschaften, mit unbewegtem Blicke dem Gesamtbilde der Welt zuwendet und in diesem das ewige Leiden sympathischer Liebesempfindung als das eigne Leiden zu ergreifen sucht. Diese „Kultur der Weisheit“ begreift das Leben nicht durch die individuelle Betrachtung der einzelnen Komponenten, sondern erfasst dessen Bedeutung in seiner Gesamtheit, mit einem universalen Verständnis. Aus diesem Grund ist für eine solche Kultur der Mythos die erklärende Instanz.
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Wichtig ist bei dieser Dialektik, dass beide Naturen gleichberechtigt sind. Die Triebe stehen im Dialog und bedingen sich gegenseitig. Das dionysische ist das unfassbare Wirkliche, das Plötzliche, welches durch die apollinische, strukturgebende Antwort bis zu seinem nächsten Ausbruch ausgeglichen wird.
Hier wird auch deutlich, das die apollinische Seite immer nur bedingt fähig ist dem dionysischen zu antworten. Aus dieser Erkenntnis folgert Nietzsche, ist „[der]Anspruch der Wissenschaft auf universale Geltung und universale Zwecke entscheidend zu leugnen: bei welchem Nachweise zum ersten Male jene Wahnvorstellung als solche erkannt wurde, welche, an der Hand der Causalitaet, sich anmaasst, das innerste Wesen der Dinge ergründen zu können.“(GdT: 112/113)
Mit dieser, für meine Arbeit entscheidenden Erkenntnis, möchte ich mich nun einer weiteren Theorie zuwenden, die uns das dionysische in Bezug auf die Erscheinung des menschlichen Körpers näher erläutern soll.
2.2 Bachtin 2
Bachtins Schrift „die Groteske Gestalt des Leibes“, ergründet das Wesen und die Beschaffenheit des grotesken, des dionysischen Körpers. Die Grundlage der Ausführungen, ist die Betrachtung der körperlichen Einheit und deren Verhältnis zur Umwelt und anderen Körpern. So führt Bachtin an:
„Die Grenzen zwischen Leib und Welt und Leib und Leib verlaufen in der grotesken Kunst ganz anders als in der klassischen oder naturalistischen“ (Bachtin: 195) In dieser Aussage wird die Parallele zu Nietsches GdT ersichtlich: Die Differenz zwischen dem „klassischen oder naturalistischen“ und dem „grotesken“ Körper fügt sich der „Duplizität des Apollinischen und des Dionysischen.“ Bachtin findet eine der ursprünglichsten Auswüchse des Grotesken in der „Vermengung menschlicher und tierischer Züge“ - eine Erscheinung die schon in der Antike, man denke hier z.B. an die Zentauren, die „Pferdemenschen“, Bestandteil der griechi-
2 Bachtin,Michail: Die Groteske des Leibes. Aus: Bachtin Michail: Literatur und Karneval. Zur Ro-
mantheorie und Lachkultur. Aus dem Russischen übersetzt und mit einem Nachwort von Alexander
Kaempfe. München: Hanser 1969 S. 15-23 ( = Reihe Hanser 31)
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schen Mythologie waren. Auch hier tritt das Animalische, das Triebhafte des Dionysischen ans Licht und reiht sich ein in Nietzsches Vorstellung vom ursprünglichen, naturhaften Menschen, dessen Leben durch den Instinkt geführt und den Mythos begriffen wird.
Dieser Körper ist grundsätzlich deformiert oder entstellt. Von Bedeutung sind vor allem „Auswüchse und Abzweigungen [...], die den Leib außerhalb des Leibes fortsetzen“(Bachtin: 196). Hier gibt sich der groteske Leib zu erkennen und zeigt sein Wesen:
„All diese hervorstehenden oder offenstehenden Körperteile werden dadurch bestimmt, dass in ihnen die Grenzen zwischen Leib und Leib und Leib und Welt im Zuge des Austausches und einer gegenseitigen Orientierung überwunden werden.“ (Bachtin: 196/197) Die Durchlässigkeit des grotesken Leibes ist somit das wesentliche Merkmal seiner Erscheinung. Auf diese Weise werden auch die wichtigsten grotesken Körperteile, sowie die damit verbundenen Ereignisse dieses Körpers bestimmt. So sind neben Bauch und Geschlechtsorganen, der Mund und der After die entsprechenden Körperteile (vgl. Bachtin: 196/197). Daraus ergeben sich die „Akte des Körper-Dramas“ (Bachtin: 197):
„[...]Essen, Trinken, Ausscheidungen, Begattung Schwangerschaft, Niederkunft, Körperwuchs, Altern, Krankheiten, Tod, Zerfetzung, Verschlingung durch den anderen Leib - [...] in allen diesen Vorgängen des Körper-Dramas sind Lebensanfang und Lebensende untrennbar miteinander verbunden.“(Bachtin: 197).
In der Bewegung dieser Ereignisse liegt auch die Einsicht das der groteske Körper ein „werdender Leib“ (Bachtin: 197) ist, der „niemals fertig, niemals abgeschlossen“ (Bachtin: 197) ist. Die Gleichzeitigkeit von Zeugung und Tod, die Rastlosigkeit dieses Körpers verleiht ihm den „kosmischen und universalen“ Charakter, den das dionysische auszeichnet. In der Sprache findet sich der groteske Leib fast ausschließlich im emotionalen oder intimen Ausdruck wie dem Fluchen oder Lachen, welche auf die, sich selbst vergessen lassende, dionysische Kraft der Emotionen Hass, Furcht oder auch Freude rekurriert.
Dem grotesken steht der apollinische , nicht groteske Körper gegenüber:
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Der nicht grotesken Gestalt des Leibes liegt die individuelle, streng abgegrenzte Masse des Leibes zugrunde, seine massive und taube Fassade. Die taube Fläche, die Ebene des Leibes gewinnt entscheidend Bedeutung als Grenze der in sich geschlossenen, gegen andere Leiber und die Welt abgeschirmten Individualität. Alle Merkmale der Nichtabgeschlossenheit, der Unfertigkeit des Leibes werden sorgfältig beseitigt [...] ( Bachtin: 199)
Beide Seiten des Körpers sind relevant für die anschließende Analyse der Charaktere in Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Zuvor möchte ich jedoch eine weitere theoretische Ab-handlung, die Einbettung der Novelle in ihren historischen Kontext, vornehmen. Bei dieser Darstellung sollen jedoch schon Erkenntnisse der vorangegangen Kapitel eingeflochten werden.
2.3 Die Viktorianische Epoche
Die Krönung Queen Victorias (1837) und ihr Tod (1901) markieren den offiziellen Rahmen des viktorianischen Zeitalters, der sich jedoch
Das 19. Jahrhundert ist in vielerlei Hinsicht die Zeit einer „Metamorphose“ der Gesellschaft, der Wahrnehmung und Denkweise des Einzelnen, vom „alten“ hin zum „modernen“ Menschen. Mit der Industriellen Revolution und dem Vormarsch der klassischen Naturwissenschaften, allen voran Darwin, aber auch durch die Errungenschaften in Medizin und Physik, entstehen und verschieben sich Werte der Bevölkerung hin zu neuen, nie gekannten Formen. Die „Verwissenschaftlichung“ ist eine sehr deutliches Merkmal jener, der Moderne zugewandten, Gesellschaft. Erfindungen wie die Telegraphie oder der Aufbau des Eisenbahnnetzes ebenen den Weg in ein neues Zeitalter. Eine gelungene Demonstration dieser Errungenschaften war sicherlich die „Great Exhibition.“ 3 Sie wurde 1851 in London eröffnet und beherbergte die Exponate neuer industrieller Maschinen und Entwicklungen. Interessant ist hierbei vor allem das Gebäude in dem die Ausstellung stattfand:
[...] Dort errichtete Joseph Paxton eigens für die Veranstaltung den Crystal Palace, einen Palast aus Eisen und Glas. Die aus vorgefertigten Eisen- und Glaselementen in nur 17 Wochen
3 „Weltausstellung London 1851“. Ruprecht-Karls-Universitaet Heidelberg
http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/fachinfo/www/kunst/digilit/weltausstellungen/1851_London.html
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Arbeit zitieren:
Matthias Stoltz, 2010, Dr. Jekyll and Mr. Hyde - Der Getriebene Mensch zwischen Apollon und Dionysos, München, GRIN Verlag GmbH
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