Die Flugschriftenautorin Argula von Grumbach
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 4
2 FORSCHUNGSSTAND - ARGULA VON GRUMBACH IM SPIEGEL DER
LITERATUR 5
3 LAIENFLUGSCHRIFTEN DER FRÜHEN REFORMATION 9
4 FRAUEN IN DER REFORMATION 10
4.1 Die Bedeutung der Reformation für Frauen 10
4.2 Publizierende Frauen der Reformationszeit 12
4.2.1 Katharina Zell 14
4.2.2 Ursula Weida 15
5 ARGULA VON GRUMBACH 16
5.1 Biographie 16
5.2 Die Flugschriften 20
5.2.1 „Wie eyn Christliche / fraw des adels “ 20
5.2.2 „Ein Christennliche schrifft / einer erbarn frawen vom Adel “ 22
5.2.3 „An ein Ersamen / Weysen Radt der stat / Ingolstat / ain sandt / brieff “ 24
5.2.4 „Ermanung an den / Durchleuchtigen hochge / bornen fürsten und hern /
herren Johannsen “ 25
5.2.5 „Dem Durchleuchtigisten / Hochgebornen Fursten und her / ren / Herrn
Friederichen “ 25
5.2.6 „An den Edlen / vnd gestrengen her / ren / Adam von Thering “ 26
5.2.7 „Ein Sendbrieff / An die / von Regenßburg“ 28
5.2.8 „Eyn Antwort in / Gedichtßweiß“ 29
5.3 Die Theologie Argula von Grumbachs 30
5.3.1 Bibelzitate 30
5.3.2 Sola Scriptura 31
5.3.3 Katholische Kirche 32
2
Die Flugschriftenautorin Argula von Grumbach
5.3.4 Martin Luther 32
5.3.5 Laienautoren 33
5.3.6 Propheten 33
5.3.7 Endzeiterwartung 34
5.3.8 Leidensbereitschaft 34
5.3.9 Gegenüber Gott - Mensch 35
5.3.10 Zusammenfassung 35
6 QUELLEN 37
7 BIBLIOGRAPHIE 38
3
1 Einleitung
Argula von Grumbach (1492-ca. 1568), geborene von Stauff, war die erste Frau, die sich mit Flugschriften für die Reformation an die Öffentlichkeit wandte. Was sie als Flugschriftenautorin von anderen Autoren der Reformation abhebt, ist ihre Herkunft: Sie war eine Frau des Laienstandes von adeliger Abstammung. Sie setzte sich für die causa Lutheri ein und vertrat wie Luther das ‚Sola Scriptura’-Prinzip. Damit stand für sie ausser Frage, dass auch Laien (und Frauen) berechtigt waren, sich öffentlich für die Reformation einzusetzen. Argula von Grumbach war bereit, ihr persönliches Glück zurückzustellen und liess sich auch durch hartnäckigen Widerstand nicht von ihrem Eintreten für das Bekenntnis abbringen. Ihre acht Flugschriften erreichten grosse Auflagen, und sie mag ihren Teil dazu beigetragen haben, dass zahlreiche Laien, besonders Frauen, den Weg zur reformatorischen Erkenntnis gefunden haben. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Literatur immer wieder mit ihr auseinandergesetzt. Entweder wurde von ihr ein der Abschreckung dienendes negatives Bild gezeichnet, oder man stellte sie als grosses Vorbild dar. 1 Engelhardt schreibt 1860 über sie: „Sie gehört zu den edlen Seelen, welche hienieden unter Thränen, aber mit starkem Muthe und getrostem Aufblicke zum Herrn Samen der Ewigkeit gesäet haben. Ihnen gilt die Verheissung, dass sie dort mit Freuden ernten werden.“ 2 Schon reformatorische Zeitgenossen waren von ihrem Engagement angetan. So schreibt z.B. Johann Eberlin von Günzburg 1523 in einem Brief, es sei „eine wunderbarliche schickung Gottes, [...] das viel weybsbild sich so fast bemuehen mit lesen heyliger schrifft, und [...] sich begeben in grosse gfar, ehe sie wolten Gottes wort leugnen oder schwygen“ Zu „eym ehrlichenn werckzeug“ habe Gott „die Edle frawen Argula von Grumbach“ erwählt. 3
In der vorliegenden Seminararbeit widme ich mich vor allem den Flugschriften Argula von Grumbachs und ihrem Reformationsverständnis, werde aber auch kurz auf ihr Leben und die Bedeutung der Reformation für die Frauen der damaligen Zeit, sowie publizierende Frauen in der Reformation im allgemeinen eingehen.
1 vgl. HALBACH, SILKE, Argula von Grumbach als Verfasserin reformatischer Flugschriften, Frankfurt
1992, S. 13
2 ENGELHARDT, EDUARD, Argula von Grumbach, die Bayerische Tabea, Nürnberg 1860, S. 134
3 vgl. HALBACH, Argula, S. 9
4
2 Forschungsstand - Argula von Grumbach im Spiegel der Literatur
Nicht nur reformatorische Zeitgenossen wie Günzburg, Hubmaier, Lotzer, Osi-ander 4 und natürlich Luther selbst 5 äusserten sich wohlwollend über Argula, auch in historischen Werken fand sie im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Beachtung. Doch es waren vorerst fast ausschliesslich Pietisten, welche sich ihrer erinnerten. Im 1572 erschienenen ‚Historien der Martyrer’ 6 wird Argula von Grumbach viel Platz eingeräumt. Dadurch, dass sie mit ihren Publikationen ihr Leben riskiert habe, gebühre ihr ein Platz unter Gottes Zeugen und Märtyrern, vor allem auch aufgrund ihres Trostes und der Ermutigung für das weibliche Geschlecht. 7 So auch 1688 bei Seckendorff 8 und 1730 bei Salig, welcher sie als grosse Liebhaberin der Wahrheit und der Lehre Luthers bezeichnet und von ihrem tiefen Glauben beeindruckt ist. 9
Galt es, ihr Tun zu verurteilen, wurde sie als abschreckendes Beispiel einer untugendhaften, unbescheidenen Frau dargestellt, wie in dem leider verlorengegangenen Lustspiel „Argula von Grumbach“ Anton Nagels, welches gegen 1700 erschienen sein soll. 10
Die erste Biographie erscheint 1737, geschrieben von dem Württembergischen Prediger Georg Rieger. 11 Er preist sie als ‚Bayerische Deborah’ und sieht ihre Frömmigkeit als Vorbild für die damaligen Frauen. Dieses Werk ist das erste in einer Reihe romantischer, unkritischer Biographien, welche wenig zum historischen Wissen über Argula von Grumbach beitragen. 12 Die bekannteste darunter ist wohl die 1860 erschienene von Engelhardt. 13 Eine unvollständige Edition Argulas Schriften erscheint 1845. 14
4 MATHESON, PETER, Argula von Grumbach : A woman’s voice in the reformation, Edinburgh 1995, S.
47
5 Es gibt allerdings keinen Beweis, dass Luther je eine Flugschrift Argulas gelesen hat.
6 RABUS, LUDOVICUS, Historien der Martyrer. Ander Theil, Strassburg 1572, S. 348-383
7 ebd. S. 375, vgl. auch MATHESON, Argula, S. 47
8 SECKENDORFF, VEIT LUDWIG VON, Commentarius historicus et apologeticus de Lutheranismo, Frankfurt/Leipzig 1688, S. 320
9 SALIG, CHRISTIAN, Historie der Augspurgischen Confession, Halle 1730, S. 263
10 HALBACH, SILKE, Argula von Grumbach als Verfasserin reformatischer Flugschriften, Frankfurt 1992, S. 9
11 RIEGER, GEORG, Das Leben Argulae von Grumbach, gebohrner von Stauffen, Als Einer Jüngerin Jesu, Zeugin der Wahrheit, und Freundin Lutheri, Stuttgart 1737
12 MATHESON, Argula, S. 49
13 ENGELHARDT, Argula
14 PISTORIUS, HERMANN ALEXANDER, Frau Argula von Grumbach geborene von Stauffen und ihr Kampf mit der Universtät zu Ingolstadt, Magdeburg 1845
5
Die moderne Forschung basiert hauptsächlich auf drei Aufsätzen von Kolde von
1905 15 , welche sich sehr stark an Argula von Grumbachs Flugschriften orientie-
ren. Während des Dritten Reiches pries Maria Heinsius Argulas Mut, sich gegen
die damaligen Geschlechterverhältnisse zu wehren in ihrem Aufsatz ‚Das Be-kenntnis der Frau Argula von Grumbach’ 16 und später auch in ihrem Buch über
Frauen der Reformationszeit. 17 Wichtig sind auch zwei Aufsätze von Robert
Stupperich 18 , in welchen er auch auf die (Überbewertung der) Bedeutung der
Reformation für die Frau eingeht und - für den englischsprachigen Raum - das
Werk über Frauen der Reformation von Roland Bainton, 19 welches Matheson
allerdings als „a hurried piece of work, full of inaccuracies“ bezeichnet. 20
In den letzten Jahren erschienen gleich mehrere Aufsätze und Monographien,
welche sich mit Argula von Grumbach beschäftigen. So zum Beispiel Kurt Erich
Schöndorfs ‚Argula von Grumbach, eine Verfasserin von Flugschriften in der
Reformationszeit’ 21 , zwei Aufsätze von Irmgard Bizzel 22 , eine bisher nicht publi-
zierte Dissertation von Karin Wolff mit dem Titel ‚Argula von Grumbach und ihre
reformatorischen Flugschriften’ 23 und Merry Wiesners‚ ‚Women’s Response to
the Reformation’ 24 . 1992 erschien eine umfangreiche Monographie von Silke
Halbach, welche eine tiefe Auseinandersetzung mit sowohl Argula von Grum-
bachs Leben und Werk, als auch mit der über sie erschienen Literatur bietet 25 .
Leider enthält sie keine vollständige Edition von Argulas Flugschriften. Dies holt
15
KOLDE, THEODOR, Arcasius Seehofer und Argula von Grumbach, in: Beiträge zur bayerischen Kir-
chengeschichte 11, S. 49-77, 97-124, 149-188
16 HEINSIUS, MARIA, Das Bekenntnis der Frau Argula von Grumbach, in: Christliche Wehrkraft 34, München 1936
17 „Die Reformationszeit trägt ein ausgesprochen männliches Gepräge. So hart ist das Ringen um die
letzten Glaubensfragen, dass nur Frauen von starker geistiger Selbständigkeit und tapferem Mut es wagen durften ein Wort mit in die Wagschale zu werfen, - Frauen von der Art der Argula von Grumbach.“ HEINSIUS, MARIA, Das unüberwindliche Wort. Frauen der Reformationszeit, München 1951, S. 134
18 STUPPERICH, ROBERT, Die Frau in der Publizistik der Reformation, in: Archiv für Kulturgeschichte 37,
1955, S. 204-233 und ders., Eine Frau kämpft für die Reformation. Das Leben der Argula von Grumbach, in: Zeitwende: Die Neue Furche 27, 1956, S. 576-681
19 BAINTON, ROLAND, Women of the Reformation in Germany and Italy, Minneapolis, 1972, S. 97-109,
siehe auch ders., Frauen der Reformation. Von Katharina von Bora bis Anna Zwingli, Gütersloh 1995, S.
103-119
20 MATHESON, Argula, S. 51
21 In: Osloer Beiträge zur Germanistik 8, 1983, S. 182-202
22 BIZZEL, IRMGARD, Argula von Grumbach und Johannes Landshut. Zu einer Kontroverse des Jahres
1524, und Der Sendbrief Argula von Grumbachs an die Universität Ingolstadt (1523) in zwei redaktionellen Bearbeitungen. In: Gutenberg Jahrbuch 61, 1986, S. 201-207 und 62, 1987, S. 169-173
23 vgl. MATHESON, Argula, S. 51
24 In: PO-CHIA HSIA, RONNIE (HG.), The German people and the Reformation, London 1988, S. 148-171
25 HALBACH, Argula
6
Peter Matheson 1995 teilweise nach: Argulas Werk ist in seiner Monographie jedoch nur in englischer Übersetzung verfügbar 26 .
1999 erschien noch ein Aufsatz von Silke Halbach mit dem Titel ‚Publizistisches Engagement von Frauen in der Frühzeit der Reformation’ 27 , 2000 der Aufsatz ‚Legitimiert durch das Notmandat. Frauen als Verfasserinnen frühreformatorischer Flugschriften’, ebenfalls von Silke Halbach 28 und 2002 der Band „Nonnen, Prophetinnen, Kirchenmütter“ von Martin H. Jung 29 , in welchem unter anderem das Selbstverständnis von Flugschriftenautorinnen am Beispiel Argula von Grumbachs erläutert wird.
Es ist bezeichnend, dass es bis heute keine gedruckte Edition sämtlicher Flugschriften von Argula von Grumbach in deutscher Sprache gibt (ausschliesslich ihr zweites Werk 30 ist verfügbar 31 ), so muss immer wieder auf die Microfichen von Köhler zurückgegriffen werden 32 .
Die Forschung ist sich heute darüber einig, dass Argula von Grumbach einen grossen Beitrag zur Flugschriftenliteratur der Frühreformation geleistet hat. Ihre Schaffenszeit fällt zwar in den Höhepunkt der Flugschriftenwelle der frühen 1520er Jahre, sie war jedoch einer der ersten Laienautoren und vor allem die erste Frau, welche sich in dieser Form in die theologische Diskussion einmischte. Allein ihre Schrift zum Fall Seehofer erreichte 14 Auflagen und wurde fast 30' 000 mal verkauft - wesentlich mehr als andere Laienflugschriften oder sogar Schriften reformatorischer Theologen dieser Zeit. 33 Dies hängt wohl in erster Linie mit dem Populären Fall Seehofer zusammen, kann jedoch nicht allein damit abgetan werden, da auch keine andere Flugschrift, welche sich mit dem gleichen Fall auseinandersetzte, auf solche Resonanz stiess. 34 Vielmehr wird heute davon ausgegangen, dass der Erfolg ihres ersten Briefes vor allem darauf zurückzuführen ist, dass ein Laie aus dem Adelstand, dazu noch eine Frau,
26 MATHESON, Argula
27 In: CONRAD, ANNE (HG.), „In Christo ist weder man noch weyb“. Frauen in der Zeit der Reformation und der katholischen Reform, Münster 1999
28 In: Zeitschrift für Historische Forschung, 27/2000, S. 365-387
29 JUNG, MARTIN H., Nonnen, Prophetinnen, Kirchenmütter. Kirchen- und frömmigkeitsgeschichtliche Studien zu Frauen der Reformationszeit, Leipzig 2002, S. 168-221
30 „Ein Christennliche schrifft / einer erbarn frawen vom Adel...“
31 LAUBE, ADOLF (HG.), Flugschriften der frühen Reformationsbewegung 1518-1524, Vaduz 1983
32 KÖHLER, HANS-JOACHIM (HG.), Flugschriften des frühen 16. Jahrhunderts, Microfiche Serie 1979
33 So wurden z.B. die Schriften des Schusters Georg Schönichen und der Theologen Eberlin von Günzburg und Balthasar Hubmaier, welche dem Leserpublikum bereits bekannt waren und zu den erfolgreichsten Flugschriftenautoren des Jahres 1523 gehörten, nur drei- bis sechsmal aufgelegt.
7
sich in religionspolitische Angelegenheiten mischte und es wagte, Gelehrte zu einer Disputation herauszufordern. 35 Ein weiterer Grund für das grosse Interesse mag der Umstand gewesen sein, dass Osiander ihre erste Schrift herausbrachte und auch mit einer Vorrede versah. Diese einleitenden Worte vermittelten den Lesern, dass ihnen mit dieser Schrift etwas ganz besonderes, noch nie dagewesenes begegne. Auch das mit einem Titelholzschnitt versehene Deckblatt dürfte aufgrund der dargestellten Szene Interesse geweckt haben. Einig ist die Forschung auch, dass Argula von Grumbach sich vor allem durch den Laienautor Georg Schöningen, welcher bereits im Juni 1523 an die Universität Leipzig geschrieben hatte, und durch Luthers Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation: von des christlichen Standes besserung“ 36 von 1520 angehalten fühlte, sich in den Streit einzumischen.
Warum diese Pionierin nicht eine Flut weiblicher Flugschriftenautorinnen nach sich zog, sondern nur einige wenige Nachfolgerinnen fand (siehe 4.2 Publizierende Frauen der Reformationszeit), bleibt eine offene Frage, welche auch in dieser Arbeit nicht beantwortet werden kann. Spekulationen, die den Grund im allgemeinen Rückgang der Flugschriftenproduktion oder im 1524 ausbrechenden Streit unter den verschiedenen Reformatoren suchen, liefern keine befriedigenden Erklärungen.
Diskussionspunkte sind heute eher inhaltlicher Natur: Wie gut kannte und verstand Argula die Schrift? Hatte sie schon Luthers ‚Septembertestament’ zur Hand? Welche Schriften Luthers hatte sie gelesen? Gab sie in ihren Publikationen nur Luthers Worte wieder? Was für ein Reformationsverständnis hatte sie? Was waren ihre Hauptanliegen?
Diesen Fragen soll vor allem in Kapitel 5.3 (Die Theologie Argula von Grumbachs) der vorliegenden Seminararbeit, nachgegangen werden.
34 Sogar die Lutherschrift „Wider das blind und toll Verdammniss…”, welche 1524 anlässlich des Verfahrens gegen Seehofer erschien, wurde nur viermal verlegt.
35 vgl. HALBACH, Argula, S. 190f
36 In dieser Schrift hatte Luther den Adel aufgefordert, sich für die Reform der Kirche einzusetzen. Auffällige Ähnlichkeiten zwischen Luthers Adelsschrift und Argulas Erstlingswerk bestehen schon in der Form (Brief an eine Regierende Persönlichkeit), Adressatengruppe (christliche Stände, Obrigkeit) und Titel („Wie eyn Christliche fraw des adels...“).
8
Quote paper:
Henning Radermacher, 2003, Die Flugschriftenautorin Argula von Grumbach, Munich, GRIN Publishing GmbH
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