1 Einleitung
In jeder Gemeinschaft also geschieht Erziehung. Die erzieherischen Wirkkräfte mancher Gemeinschaften mag man sich selbst überlassen. In einer soldatischen Gemeinschaft jedoch geht es um die Schlagkraft der Truppe, die nicht von Ausbildung und Ausrüstung allein abhängt, sondern wesentlich mitbestimmt wird von der bewusst gestalteten Erziehung, von der Menschenführung, der Inneren Führung. Innere Führung also bedeutet nichts anderes als Menschenführung, und damit Erziehung im 1
Auf die Vermittlung der Werte und Normen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung müssen wir noch stärker als bisher Wert legen. Denn leider können wir 2
Die oben angeführte Aussage des Bundesministers der Verteidigung, Dr. Franz Josef Jung, macht den zwischenzeitlichen Wandel unserer Gesellschaft und der Bedeutung besagter Werte und Normen deutlich. Weiterhin grenzen neuere wissenschaftliche Erkenntnisse die Prägung des Menschen in Bezug auf Werte und Normen, die Sozialisation, weitestgehend ab vom oben genannten Begriff der Erziehung. 3 Ebenso werden dem Prozess der Sozialisation Lebensphasen, Strukturen und gesellschaftliche Kräftefelder als Sozialisationsagenten zugeordnet, welche in unterschiedlicher Gewichtung auf den Menschen wirken. 4
Wie also beeinflusst die Innere Führung und speziell die Politische Bildung in den Streitkräften die Soldaten? In welchem Umfang können diese Unterrichtungen die in der Familie, der Schule und dem privaten Umfeld aufgenommenen Sozialisationsfaktoren beeinflussen, bestärken oder korrigieren?
Diesen Fragen wird die vorliegende Arbeit nachgehen und versuchen, einen Lösungsansatz für die Bedeutung und Wirkung der Politischen Bildung im Rahmen des Konzeptes der Inneren Führung aufzuzeigen.
Zu Anfang ist eine Operationalisierung der zu untersuchenden Begriffe notwendig. Dazu werden die Begrifflichkeiten der Sozialisation und politischen Sozialisation im
1 Birk 2007a, S. 5
2 Birk 2007b, S.5
3 vgl. Claußen/Geißler 1996, Pawelka 1977, Veith 2008, Zimmermann 2006
4 vgl. Claußen/Geißler 1996, Hurrelmann/Ulich 1991, Pawelka 1977, Veith 2008, Zimmermann 2006
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wissenschaftlichen Sinne erörtert und anschließend die theoretischen Grundlagen der Sozialisationsprozesse aufgezeigt. Der Hauptteil wird in drei einzelnen Abschnitten nacheinander die Aspekte der Sozialisation durch die Familie, die schulische Ausbildung und das Konzept der Inneren Führung in den Streitkräften untersuchen. Den Schwerpunkt hierbei wird die gegenseitige Beeinflussung der verschiedenen Sozialisationsagenten, sowie die Untersuchung aktueller Probleme in der Politischen Bildung der Streitkräfte bilden. Die abschließende Betrachtung wird den Versuch beinhalten, die zu Anfang aufgeworfene Frage nach der Bedeutung der Politischen Bildung in den Streitkräften zu klären.
2 Begriffsbestimmungen und theoretische Grundlagen
Zum Verständnis und zur Untersuchung der eingangs gestellten Fragen müssen zunächst die
als theoretische Konstrukte operationalisiert, eingegrenzt und ihre theoretischen Grundlagen untersucht werden.
2.1 Sozialisation
ner Formulierung für die Zeit der
Industrialisierung, geprägt durch die Entwicklung neuer Arbeitstechniken und Gesellschaftsformen, den Prozess der Anpassung an diese neuen Arbeits- und Lebensbedingungen, sowie die Entwicklung des gesellschaftlichen Interesses zur Sicherung der individuellen Existenzgrundlagen. 5
Im wissenschaftlichen Sinne wurde der Begriff der Sozialisation grundlegend geprägt durch den französischen Soziologen und Erziehungswissenschaftler Emile Durkheim (1858-1917), welcher als Sozialis
6 im Sozialisationsprozess ... soziale Normen und
kulturelle Wissensbestände übertragen, angeeignet und verinnerlicht 7 sieht. Demnach basieren Sozialisationsprozesse auf dem Zusammenwirken von unterschiedlichen Faktoren
5 vgl. Veith 2008, S. 12
6 vgl. Veith 2008, S. 14
7 Veith 2008, S. 14
3
aus konstitutioneller, genetischer, physiologischer, psychischer, ökologischer, sozialer und kultureller Sicht und sind immer in historisch vermittelte, kultur- und sprachgemeinschaftliche Kontexte eingebettet. 8 Zur deutlicheren Definition ist der Begriff der Sozialisation nach Zimmermann abzugrenzen von anderen Begrifflichkeiten, wie
Denn der Ansatz der menschlichen Entwicklung in Phasen oder die als Interaktionsgeschehen eine bewusste und geplante Einflussnahme 9 auf den
Menschen darstellt, sind nicht als inhaltsgleich mit Sozialisation, wohl aber als sich gegenseitig teilweise bedingend und wechselseitig auf Sozialisationsprozesse Einfluss ein Prozess der
Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt 10 mit dem Ziel der Einbindung in eine Gesellschaft zu begreifen. 11
bis heute ... keine allgemein akzeptierte Theorie, dafür aber eine Vielzahl von einzelnen Erklärungsansätzen [gibt 12 und der Begriff der Sozialisation in einer scheinbar grenzenlosen Fülle einzelner Erklärungen betrachtet wird, ist eine umfassendere Definition mit allen Zugängen im Kontext dieser Arbeit nicht möglich.
2.2 Politische Sozialisation
ch Claußen
individuellen Persönlichkeitsmerkmale[n], welche die Menschen als staatsbürgerliche Wesen im Raume der Regelung öffentlicher Angelegenheiten im engeren und weiteren Sinne konstituieren sowie vermittels häufigen Vorkommens und/oder Verdichtung in 13 beschäftigt. Zur
weiterführenden Definition wird das Konstrukt der politischen Sozialisation nach Pawelka als
8 vgl. Veith 2008, S. 14-16
9 Zimmermann 2006, S. 15
10 Zimmermann 2006, S. 15
11 vgl. Zimmermann 2006, S. 12-18
12 Veith 2008, S. 16
13 Claußen/Geißler 1996, S. 15
4
14 und
der demnach die politische Kultur der Gesellschaft erhält, transformiert und bildet, also in der wechselseitigen Beeinflussung des Sozialisanden und des politischen Systems seinen Ausdruck findet. 15 Dies macht bereits die vielfältigen Zugänge zum Begriff der politischen Sozialisation deutlich. Diese allumfassend und erschöpfend zu behandeln ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich. Jedoch kann man nach Studium der umfassenden Fachliteratur zwei wesentliche Schwerpunkte der politischen Sozialisation ausmachen, welche für die weitere Betrachtung der Problemstellung in der vorliegenden Untersuchung den Anschlusspunkt für mögliche Lösungsansätze darstellen:
Zum ersten die Bedeutung der politischen Sozialisation für die Herausbildung der Teilhabe im politischen Geistesleben, deren Folge aus der innerlichen Teilhabe an politischen Fragestellungen besteht und somit in Zustimmung oder Entfremdung, in Loyalität oder Protest gegenüber dem politischen System als Ergebnis resultiert: Nach Almond ist
ein
Ergebnis ist eine Gruppe von Einstellungen, Wahrnehmungen, Wertestandarts und Gefühlen im Hinblick auf das politische System. (...) Zu diesem Ergebnis gehören auch solche Erkenntnisse und Gefühle, die sich auf Ansprüche und Forderungen an das politische System (die Seite des Inputs) wie auch auf seine maßgeblichen Leistungen (Output- 16
Demnach ist die Herausbildung der politischen Identität mit dem Erreichen der politischen Teilhabe - nicht zwangsläufig in aktiver Beteiligung, aber sehr wohl in der geistigen Auseinandersetzung - zu einem bestimmten Zeitpunkt erreicht.
Dem gegenüber steht aber der Ansatz, politische Sozialisation als einen lebenslangen Lernprozess zu verstehen. 17 Diese verschiedenartigen Ansätze schließen sich gegenseitig jedoch nicht aus, vielmehr ergeben sie gemeinsam erst ein, für die weitere Untersuchung notwendiges, verständliches Bild von der Begrifflichkeit der politischen Sozialisation.
14 Pawelka 1977, S. 12
15 vgl. Pawelka 1977, S. 12-13
16 Kulke 1982, S. 746
17 vgl. Pawelka 1977, Veith 2008
5
3 Sozialisationsphasen und -agenten
Eine Vielzahl von Sozialisationsagenten wirkt bewusst (als manifeste Sozialisation) oder unbeabsichtigt (als latente Sozialisation) im lebenslangen Sozialisationsprozess auf den Sozialisanden. 18 Dabei unterscheidet die Sozialisationsforschung drei Phasen:
Die Primär-, die Sekundär- und die Tertiärsozialisation 19 , wobei in der Primärphase, welche die ersten Lebensjahre umfasst, die Grundpersönlichkeit unter maßgeblichem Einfluss des Elternhauses herausgebildet wird. Diese wird in der Phase der Sekundärsozialisation modifiziert, teilweise transformiert und stabilisiert. Die Zeitspanne der sekundären Sozialisationsphase wird nach Zimmermann der Adoleszenz zugeschrieben. 20 Diese grenzt er ein zwischen dem vierzehnten und fünfundzwanzigsten Lebensjahr und bezeichnet Adoleszenz als reckte, über die Pubertät hinausgehende Phase des 21 . In der anschließenden Phase der Tertiärsozialisation im Erwachsenenalter wird die in der Adoleszenz gefestigte Persönlichkeitsstruktur nicht mehr grundlegend geändert, denn obwohl diese tertiäre Phase im Prozess der lebenslangen Sozialisation die längste darstellt, ist die Persönlichkeitsentwicklung weitestgehend abgeschlossen. 22 Jedoch befindet sich der Sozialisand in dieser Phase in einem ständigen Anpassungsprozess an seine soziale Umwelt und modifiziert somit fortlaufend seine Identität. 23 Aus der großen Anzahl der Sozialisationsagenten wie Familie, Schule, Gleichaltrigen, Vereinen und sozialen Gruppen, beruflichem Umfeld, politischem System und Medien 24 wird sich der Fokus im weiteren Verlauf dieser Arbeit auf den Einfluss von Familie und Schule im Vergleich zur politischen Bildung in den Streitkräften als beruflichem Umfeld im engeren Sinne richten.
18 vgl. Claußen/Geißler 1996, Pawelka 1977, Veith 2008, Zimmermann 2006
19 vgl. Weiß 1981, S. 48-49
20 vgl. Zimmermann 2006, S. 156-157 21 Zimmermann 2006, S. 157
22 vgl. Pawelka 1977, Veith 2008, Zimmermann 2006
23 vgl. Weiß, 1981, S.51
24 vgl. Pawelka 1977, Veith 2008, Zimmermann 2006
6
3.1 Sozialisation in der Familie
Zur Definition des Sozialisationsagenten Familie beschreibt Veith die Familie in der heutigen
Eltern-Kind- 25 . Dabei stellt die biologische Verwandschaft kein ausschlaggebendes Kriterium dar, vielmehr ist entscheidend, dass die in der Elternrolle agierenden Personen Verantwortung für die Erziehung und Versorgung der Kinder tragen. Ebenso unterscheidet Zimmermann eine Vielzahl möglicher Variationen für das Konstrukt Familie, wie traditionelle Konstellationen mit Vater-Mutter-Kind(ern), Familien mit erwerbstätigen Müttern, Einzelkindfamilien, Scheidungs- und Ein-Eltern-Familien, sowie arme Familien. 26
Überdies ist die Grundlage des Strukturwandels von der Bedeutung der Familiengründung als Sicherung der Versorgung im Alter zur persönlichen Sinnerfüllung im Leben Erwachsener zu berücksichtigen. 27 Gemeinsam ist den meisten Ansätzen jedoch, dass in allen Familienformen starke persönliche Bindungen und ein nach außen abschließendes Wir-Gefühl entstehen (können). Unter diesen Voraussetzungen findet gegenseitige Sozialisation zum einen durch die unterschiedlichen Erfahrungen der einzelnen Familienmitglieder statt, welche in die intrafamiliäre Kommunikation eingespeist werden, und zum anderen durch äußere Umstände, wie die soziale Lage, Einflussmöglichkeiten, Sozialprestige und Bildung der Eltern. Unter diesen Einflüssen übernehmen die Kinder die Verhaltensweisen und Orientierungen ihrer Eltern. 28 Eltern-Kind-
Interaktion lernen die Heranwachsenden im Umgang mit den für sie wichtigen Bezugspersonen die Welt, in der sie leben, kennen. Ihre eigene Tätigkeit erschließt sich ihnen dabei als Bestandteil einer gesellschaftlich vorinterpretierten sozialen 29
Doch die Rolle der Eltern geht über die Vorbildfunktion hinaus: So repräsentieren sie nicht nur kulturgemeinschaftlich akzeptierte Wertevorstellungen und Umgangsformen, sondern ermöglichen ihren Kindern auch erste außerfamiliäre Sozialkontakte und nehmen bewusst maßgeblichen Einfluss auf den Bildungsweg der Kinder. Aus psychoanalytischer Sicht sieht
25 Veith 2008, S. 33
26 vgl. Zimmermann S. 99-116
27 vgl. Zimmermann 2006, S. 99-101
28 vgl. Veith 2008, S. 35-36 29 Veith 2008, S. 36
7
Arbeit zitieren:
Enrico Harling, 2008, Beeinflusst der Unterricht im Bereich der Politischen Bildung in den Streitkräften die politische Sozialisation von Soldaten?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
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DOI
Zu: Die neuen Kriege von Herfried Münkler, 2002
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