die Heimführung der Zukünftigen in den eigenen Herrschaftsbereich, abgewichen sein soll. Weicker hingegen schließt Kleve als Ort der Feierlichkeiten nicht vollständig aus, denn in besonderen Fällen sei ein Abweichung der Heiratstradition üblich, wenn eine Machtdemonstration im Territorium der Braut nötig schien. Weiter merkt sie an, dass die Möglichkeit einer Hochzeitsfeier im Hause der Braut mit anschließender Heimführung zu jener Zeit durchaus bestand und im 13. Jahrhundert sogar langsam die Regel wurde. Es bleibt somit der Ort einer Eheschließung, wie eine genaue Datierung, im Dunkeln. Bastert und Weicker schließen den lange Zeit als Dieb des Romanmanuskripts vermuteten Heinrich Raspe aus, da die Quellen und Urkunden von keinerlei Differenz zwischen den beiden Brüdern zeugen. Für Bastert kommt nur Heinrich I. von Schwarzburg als Dieb infrage, der lange Zeit mit Ludwig in Thüringen in Fehde lag und beruft sich auf folgende Stellen in der Mehrzahl der überlieferten Handschriften des Romans: „des wart die grâvinne gram dem grâven heinrîch von swartzburg der ez nam“ und weitere Verse berichten, dass der Dieb das Buch „dannen sande ze Doringen heim ze lande“. Der „Buchraub“ war ein zu dieser Zeit durchaus übliches Mittel der Fehdeführung, merkt Bastert an. Weicker widerspricht der Auffassung, dass Heinrich I. von Schwarzburg der Dieb gewesen sein soll. Sie hält eine erst viel spätere Interpolation der Ereignisse für wahrscheinlich, als in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Thüringer Grafenfehde das politische Geschehen der Region bestimmte, in der sich die Schwarzburger besonders hervortaten. Somit bleibt auch die Frage nach dem Manuskriptdieb vorerst offen.
Die Vollendung des Romans fand laut Bastert neun Jahre später statt, nachdem Heinrich 1184 gestorben war und das Manuskript vermutlich durch die Vermittlung von Heinrichs Bruder Günther von Schwarzburg wieder in Veldekes Hände gelangte. Nach Weicker könnte die Vollendung des Werks aus der Verbindung zwischen Veldeke und dem Pfalzgrafen Hermann (vermittelt durch die Gräfin von Kleve) resultieren, welcher das literarische Mäzenatentum unterhielt. Zeitlich wurde das Werk vielleicht zwischen 1184 und 1186 abgeschlossen.
Wakefield unternimmt eine völlig andere Sicht auf die Ereignisse. Unreflektiert übernimmt er „that the wedding takes place in Cleve in 1174...Ludwig's brother, Count Heinrich, is the thief who returns to Thurngia in 1174 with the purloined manuscript“ und merkt weiter an „but this is not the most interesting part of his [Veldekes] story“. Die eindeutige Zuordnung Veldekes zu einem „archetype“ scheint im nationalen Zeitalter an Bedeutung gewonnen zu haben: Geboren ist Henric van Veldeken in Limburg, Belgien, später kam er nach Thüringen. Im wissenschaftlichen Diskurs galt es deshalb der Beantwortung der Frage
nachzugehen, ob Veldeke „as a Middle Dutch author“ anzusehen sei. Bis heute repräsentiert Veldeke vor allem den „Thuringian archetype“, wie ihn erstmals Ettmüller 1852 skizzierte. Dazu bleibt anzumerken: „the element of language nationalism is still with us - both German and Dutch national histories of literature continue their claims to Veldeke.“
Kragl versucht mit einem analytischen und interpretativen Vergleich des Eneasromans Heinrich von Veldekes und dem Iwein Hartmann von Aues zu erötern, wie es mit Widersprüchen zwischen zeitlich und räumlich nahen Texten steht und welche Aussagen sich zum Verhältnis Literatur - Wirklichkeit treffen lassen. Dabei untersucht er den Konflikt zwischen Turnus und Eneas unter Berücksichtigung der jeweiligen Vorlagen. Die namenlose Königin will ihr Reich und ihre Tochter vor der Gefahr des Eneas schützen und spricht sich für Turnus aus, da er der stärkste ist und sich als würdiger König bewährt, da er tapfer, schön, höfisch und dem Land wohlgesonnen ist. Eneas hingegen gilt ihr als feige und fremd, er fürchtet sich oft (v.a. In der Unterwelt) und ohne die Hilfe seiner Mutter Venus wäre er wohl im Zweikampf gegen Turnus kläglich gescheitert - „Turnûs het anders in erslagen“ (12634). Kragl sieht vor allem in der Szene nach dem unrühmlichen Mord von Eneas an Turnus eine überdeutliche Parteinahme für Turnus seitens des Erzählers: „kûne unde mahtich, wîse und bedahtich, getrouwe unde wârhaft, milde unde êrhaft...ein lewe sînes mûtes, ein ekkestein der êren, ein spiegel der hêren“ (12615-12622). Auf der anderen Seite sagen etliche Verse aus, dass Eneas ein würdiger Träger der Rüstung sei„der hêre, dem her wart gesant, der was es vile wole wert“ (5724-5). Veldekes inkonsistente Gestaltung löst damit zu Recht Irritationen beim Rezipienten aus. Kartschoke weist darauf hin, dass Turnus eine solche Tapferkeit und Kampfkraft zugeschrieben wurde, dass er über Eneas hätte siegen müssen, wäre das Verhängnis nicht gegen ihn gewesen - denn der Ruhm des Siegers im Kampf wird gemessen an der Größe des Gegners. Turnus ist ein idealtypischer Held, obwohl er zweifellos den „strukturellen Bösewicht“ des Romans darstellt. Durch die Art der Modifikation und die Umformung des Stoffes über die Einbringung höfischer Elemente, erhöht Veldeke im gleichen Zug Turnus zu einem höfischen Helden, stellt ihn schließlich sogar über Eneas. Dass hier der Roman einen Teil seiner inneren Folgerichtigkeit verliert scheint offensichtlich. Letztendlich sieht Kragl gerade in den Reibungen zwischen Literatur und Realität den Reiz der Texte verborgen und merkt abschließend an: „Wir haben rationale Kausalität verlangt, wo vielleicht gerade die Akzeptanz des Nichtkausalen konstitutiv sein könnte“.
Liebertz-Grün sucht eine Antwort auf die zahlreichen kontrovers behandelten Fragen nach der Sinngebung des Eneasromans darin aufzuzeigen, dass es sich um offene Texte
Arbeit zitieren:
Stud. phil. Jan Schultheiß, 2008, Die schwierige Überlieferung und Entstehungsgeschichte des Eneasromans Heinrichs von Veldeke, München, GRIN Verlag GmbH
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