Inhalt
I. Einleitung 3
II. Struktur, Thematik und Struktur als Thematik in El casamiento engañoso 4
1. Struktur des Erzählten 4
2. Tektonik der Täuschung 6
3. Eine poetologische Lesart 12
III. El casamiento engañoso im Zusammenspiel mit El coloquio de los perros 15
1. Strukturelle Einbindung 15
2. Sein und Schein als Thema beider Novellen 17
3. Die Selbstreflexion der Novelas ejemplares 19
IV. Schlussbetrachtung 22
Literaturverzeichnis 23
2
I. Einleitung
Der vorletzte Text in Cervantes’ Novellensammlung Novelas ejemplares wird häufig als Einleitung der letzten Novelle, El coloquio de los perros, angesehen. Bereits der Schlusssatz von El casamiento engañoso legt eine solche Interpretation nahe, indem hier die folgende Novelle explizit in den Erzählrahmen eingeordnet wird. 1 Wie genau ist dieser offensichtliche Zusammenhang einzuschätzen? Was bedeutet es, die Novelle als Einleitung der folgenden Novelle zu lesen? Ist es möglich, die vorletzte Novelle der Sammlung anhand ihrer konstitutiven Charakteristika auf El coloquio de los perros zu beziehen und daraufhin beide Texte in ihrem Zusammenwirken auf die Novellensammlung als Ganzes?
Im ersten, ausführlicheren Teil dieser Arbeit soll eine intensive Textanalyse die Bearbeitung dieser Fragestellung ermöglichen. El casamiento engañoso wird so in Hinblick auf seine Erzählstruktur und dabei insbesondere auf die Organisation durch unterschiedliche Erzählerfiguren betrachtet. Als zentral fällt hierbei der thematische Aspekt der Täuschung ins Auge, dessen poetologische Bedeutungsdimension aufgezeigt werden soll. Indem so die strukturell und thematisch konstitutiven Eigenschaften der Novelle herausgearbeitet werden sollen, wird die Basis dafür geschaffen, die Novelle in einem zweiten Teil dieser Arbeit einerseits als Hinleitung auf die Folgenovelle verstehen zu können und anderseits das Zusammenspiel beider Texte in seiner funktionalen, nicht nur formalen Dimension zu erschließen.
1 “Recostóse el alférez, abrió el licenciado el cartapacio, y en el principio vio que estaba puesto este título:”(“Der Fähnrich lehnte sich zurück, der Gelehrte öffnete das Schreibheft und sah, dass an dessen Anfang folgender Titel gesetzt war:”) (537) - alle Zahlen in Klammer bezeichnen eine Seite in: Cervantes Saavedra, Miguel de: Novelas ejemplares, ed., prólogo y notas de Jorge García López, con un estudio preliminar de Javier Blasco, Barcelona: Crítica 2001 (Biblioteca clásica 49).
3
II. Struktur, Thematik und Struktur als Thematik in El casamiento engañoso
1. Struktur des Erzählten
Die Erzählstruktur das Casamiento ist geprägt durch den hohen Stellenwert, der dem Bericht Campuzanos zukommt. In diesem Sinn findet sich eine relativ lange Textpassage 2 , in der Campuzano, als Erzähler seiner eigenen Geschichte, schildert, wie er Estefanía kennenlernt, wie er um sie wirbt, wie schließlich die Hochzeit und letzten Endes die Aufdeckung des Umstandes erfolgt, von Estefanía betrogen worden zu sein. Diese Textpassage, die aus einem reinen Monolog Campuzanos besteht, geht über in einen Teil, in welchem Peralta, der Zuhörer und Gesprächspartner Campuzanos, diesen immer wieder unterbricht. 3 Hierbei findet eine Reflexion der erzählten Ereignisse statt, indem der Betrug selbst zum Thema gemacht wird und in dessen Bestandteile des Betrügens und Betrogen Werdens aufgeschlüsselt wird. Des Weiteren schildert Campuzano den Grund für seinen Krankenhausaufenthalt, der damit als Pointe seiner Binnenerzählung aufgefasst werden kann.
Die damit in aller Kürze paraphrasierte Erzählung Campuzanos ist eingerahmt von einer Erzählebene, auf welcher die Begegnung Campuzanos mit Peralta verhandelt wird. Vor dem längeren Monolog Campuzanos wird dieser Rahmen gestaltet, indem die Novelle mit dem Szenario einsetzt, dass ein Soldat aus dem Krankenhaus kommt und auf seinen Freund trifft. Darauf folgt ein Dialog zwischen Campuzano und Peralta auf der Straße, woraus eine Einladung zum Essen hervorgeht. Campuzano nimmt diese an, doch zuerst gehen die beiden in die Kirche. Am Ende der Novelle wird dieser Rahmen geschlossen, indem nach dem geschilderten Monolog Campuzanos und der Reflexion seiner Erlebnisse durch die Einschübe Campuzanos erneut ein Dialog beider Figuren steht, der sich von der Binnenerzählung abgrenzt. Es erfolgt dort eine Ankündigung des Gesprächs zwischen den Hunden Cipión und Berganza, also der Verweis auf einen von Campuzano selbst geschriebenen Text.
Den dargestellten Elementen der Handlungsstruktur entspricht die topische Strukturierung des Textes, insbesondere in der Binnenerzählung Campuzanos, indem klar definierte Schauplätze den jeweiligen Geschehnissen zugeordnet sind: „la posada de la Solana”, “el fingido domicilio”, “la casa du una amiga”, “el hospital”. Als topische Konstante, welche die Binnenerzählung mit der Rahmensituation, also dem
2 Vgl. (524ff)
3 Vgl. (532ff)
4
Treffen Campuzanos und Peraltas, verbindet, kann die Kirche „San Llorente“ angesehen werden.
Auf der Basis dieser Grundstruktur lässt sich nun ein Blick auf den Erzähler des Textes richten, wobei eher von unterschiedlichen Erzählerfiguren gesprochen werden muss. Zu Beginn der Novelle und an deren Ende findet sich ein beschreibender und kommentierender Erzähler, dessen Vorkommen den einrahmenden Textpassagen entspricht. In diesem Sinn kann hier von einem auktorialen Erzähler 4 gesprochen werden. Bezüglich der Perspektive liegt eine Außenperspektive vor. Dies wird besonders deutlich, indem zu Beginn die beiden Figuren nicht mit Namen genannt werden. Erst als sich die beiden begrüßen wird jeweils im Modus der direkten Rede zuerst der Name Campuzano und dann der Name Peralta eingeführt. 5 In dieser Erzählsituation ist von einem heterodiegetischen, extradiegetischen Erzähler auszugehen, der also nicht Teil des erzählten Universums ist. Entsprechend der Handlungsstruktur wechselt auch die Erzählerfigur mit den unterschiedlichen Erzählebenen. In der bereits paraphrasierten Binnenerzählung ist die Figur Campuzano als Erzählerfigur anzunehmen, womit ein Ich-Erzähler vorliegt, der als homodiegetischer Erzähler seine eigene Geschichte erzählt und als intradiegetischer Erzähler eine Geschichte in der Geschichte erzählt. Dabei weist die Erzählung Campuzanos besondere Eigenschaften auf, welche die Gesprächssituation der Rahmenhandlung in den Hintergrund treten lassen und der Binnerzählung eine gewisse Autonomie verleihen. 6
Campuzano lässt in seiner Erzählung selbst eine Erzählerfigur auftreten, und zwar Estefanía. Dieser Standpunkt lässt sich vertreten, indem in der Form direkter Rede diese weibliche Hauptfigur der Novelle innerhalb der direkten Rede Campuzanos ihrerseits zur vermittelnden Instanz wird. 7 In diesem Sinn entwirft Campuzano als erzählte Figur des auktorialen Erzählers selbst eine Erzählerfigur. Somit liegt in beschränktem Umfang ein metadiegetischer Erzähler vor.
Entsprechend der komplexen Vermittlungsstruktur der Novelle, welche anhand dieser schematischen Darstellung unterschiedlicher Erzählinstanzen in den Fokus gerückt wurde, ist zu fragen, welche rezeptionsästhetische Wirkung diese Darstellungsweise
4 Vgl. zu der hier verwendeten Terminologie: Stanzel, Franz K.: Typische Formen des Romans, Göttingen: Vandenhoeck &Ruprecht 1964.
5 Vgl. (522)
6 Insbesondere ist hier die häufig verwendete direkte Rede zu nennen, welche die Einbettung der Erzählung in den Dialog zwischen Campuzano und Peralta beinahe vergessen macht.
7 Vgl. insbesondere(529)
5
Cervantes` mit sich bringt. Wie viel weiß der Leser der Novelle, bzw. wie viel kann er wissen? Zum einen verfügt er über einen externen Blick auf die erzählte Welt durch die Vermittlungsinstanz des auktorialen Erzählers, zum anderen erfährt er die Handlungselemente der Geschehnisse um Estefanía und Campuzano nur durch die Worte des Letzteren. Somit ist die Frage nach der Zuverlässigkeit des Erzählers das zentrale Element bezüglich der rezeptionsästhetischen Komponente der dargestellten Erzählsituation. Insbesondere ist dies der Fall in Bezug auf das, was der Leser über Estefanía erfährt. Selbst wenn Estefanía in direkter Rede selbst zu Wort zu kommen scheint, ist nicht aus den Augen zu verlieren, dass der Erzähler dieser Worte kein Außenstehender ist, sondern seine eigene Geschichte erzählt. Der Leser weiß somit nicht, was Estefanía gesagt hat, sondern kann lediglich wissen, was Estfanía laut Campuzano gesagt hat. 8 Die Figuren scheinen ganz im Sinne eines dramatischen Vermittlungsmodus’ selbst zu Wort zu kommen, doch wendet sich dieser Eindruck in sein Gegenteil, indem die direkte Rede Teil der intradiegetischen Erzählung Campuzanos ist. Damit ist eine allgemeine rezeptionsästhetische Wirkung dieses Erzählers benannt. Diese pseudoautobiographische Verfahrensweise der
Binnenerzählung fordert bei der Rezeption der Geschehnisse dazu auf, die Möglichkeit eines unzuverlässigen Erzählers in Betracht zu ziehen. Diesem starken Effekt ist die Erzählsituation der Rahmenhandlung zur Seite gestellt, welche durch das Vorkommen des auktorialen Erzählers von dieser deutlich markierten Unzuverlässigkeitsvermutung abweicht. Dennoch wird so auch für die Novelle als Ganzen die Frage nach dem Verhältnis von Sein und Schein aufgeworfen, der nun zuerst in ihrer thematischen und sodann in ihrer poetologischen Dimension nachgegangen werden soll.
2. Tektonik der Täuschung 9
Die durch Erzählstruktur und Erzählperspektive ins Zentrum gerückte Frage nach dem Zusammenhang von Sein und Schein spiegelt sich auch inhaltlich in der Novelle wieder, indem die Täuschung selbst zum Thema gemacht wird. Das dabei für die Novelle durchgängig konstitutive Motiv des Täuschens und Getäuscht Werdens lässt
8 Dies ist z.B. der Fall, wenn Estefanía laut Campuzano äußert: „Con esta hacienda busco marido a quien entregarme y a quien tener obediencia (...)”(„ Mit diesem Vermögen suche ich nach einem Ehemann, um mich ihm ganz hinzugeben und mich ihm unterzuordnen (…)“) (525).
9 Der Ausdruck Tektonik der Täuschung soll hier Bezug nehmen auf die Struktur des Textes, also auf dessen Aufbau und die Bewegungen, welche die Thematik von Sein und Schein als System gegeneinander wirkender und wechselseitig voneinander abhängiger Kräfte und Verschiebungen gestalten.
6
Arbeit zitieren:
Andreas Schuster, 2008, "El casamiento engañoso" als Einleitung zu "El coloquio de los perros", München, GRIN Verlag GmbH
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