4. Methodisch-didaktischer Kommentar
Die heutige Stunde weist einen synchronen Ansatz auf und folgt dem Verfahren der interaktionalen Bibelauslegung, die dem Text sowie dem Leser mittels der Spannung von Nähe und Distanz gerecht wird 6 und drei Phasen aufweist:
1. „Erste Annäherung“, 2. „Erarbeitung“, 3. „Gestaltwerdung/ Verleiblichung“ 7 . Zum Einstieg fungiert der Satz „Ein Vater ist …“ als stummer Impuls, den die SchülerInnen vervollständigen sollen. Das Brainstorming stimmt sie auf die Stunde ein und fördert die Motivation, da die SchülerInnen auch persönliche Erfahrungen mit ihren eigenen Vätern einfließen lassen können, was zugleich dem biographischen Lernen 8 entspricht. Die Äußerungen erfolgen in einer Redekette, die nach Mattes zu einer entspannten und mitbestimmten Atmosphäre beiträgt. 9 Da die Assoziationen später noch einmal aufgegriffen werden, notiert sie die Referendarin auf der Folie. In der Hinführungsphase liest die Lehrperson das Gleichnis im Sinne eines verzögerten Lesens bis zur Heimkehr des jüngeren Sohnes (Lk 15,20a) vor, sodass eine Spannung bezüglich des Fortgangs der Geschichte aufgebaut wird, zu dem die SchülerInnen Hypothesen aufstellen. Obwohl das Gleichnis in der Unterstufe nicht behandelt wurde, ist es dennoch möglich, dass manche Lerner es kennen. Die SchülerInnen lesen den Text zu Ende und formulieren anschließend Fragen an dessen Figuren, wobei sie auch Unverständliches (z.B. die Reaktion des Vaters) problematisieren können. Gemäß Hilger entspricht diese Hinführung dem ersten Schritt der interaktionalen Bibelarbeit, bei dem es darum geht, sich dem Text spontan zu nähern. 10
Während der Erarbeitung I agieren die Lernenden in selbst gewählten Gruppen. Als Vorbereitung auf die Standbilder, die sich besonders zur Darstellung von Beziehungskonstellationen und Konfliktsituationen eignen 11 , charakterisieren die SchülerInnen die Figuren des Gleichnisses, was laut Berg der zweiten Phase der interaktionalen Auslegung zuzuordnen ist. 12 Zur ganzheitlichen Wahrnehmung dient die dritte Phase der interaktionalen Bibelarbeit, bei der die Gruppen das Gleichnis in Form von Standbildern darstellen, 13 sodass sie sich handlungs- und produktionsorientiert mit dem Text auseinandersetzen und zu einem vertieften Verständnis der Figuren gelangen. Eine Schwierigkeit
6 Vgl. Horst Klaus Berg, Ein Wort wie Feuer. Wege lebendiger Bibelauslegung (Handbuch des biblischen Unterrichts: Band1) München
8 2004, 193.
7 Berg, Ein Wort wie Feuer ( 8 2004) 460.
8 Vgl. Ziebertz, Hans-Georg, „Biographisches Lernen“, in: Hilger, Georg/ Leimgruber, Stephan/ Ziebertz, Hans-Georg, Religionsdidaktik. Ein
4 Leitfaden für Studium, Ausbildung und Beruf, München 2007, S. 349-360, hier: 360.
9 Vgl. Mattes, Wolfgang, Methoden für den Unterricht. 75 kompakte Übersichten für Lehrende und Lernende, Braunschweig/ Paderborn/
11 Darmstadt 2007, 22.
10 Vgl. Hilger, Georg, „Wie Religionsunterricht gestalten? Methodenfrage und ihre Implikationen“, in: Hilger, Georg/ Leimgruber, Stephan/
4
Ziebertz, Hans-Georg,
Religionsdidaktik. Ein Leitfaden für Studium, Ausbildung und Beruf,
München
11 Vgl. Greving, Johannes/ Paradies, Liane, Unterrichts-Einstiege. Ein Studien- und Praxisbuch, Berlin
12 Vgl. Berg, Ein Wort wie Feuer ( 8
13 Vgl. Hilger, „Wie Religionsunterricht gestalten? Methodenfrage und ihre Implikationen“ (
besteht darin, während der Bauphase nicht zu sprechen und sich als "Statue" passiv zu verhalten 14 (die Methode wurde bereits einmal mit den SchülerInnen durchgeführt). Zur Sicherung und Würdigung der Schülerergebnisse fotografieren die Bildhauer ihre Standbilder, die in einer Zusammenschau in der nächsten Stunde ausgehändigt werden.
Bei der Präsentation und Evaluation der Standbilder beschreiben die SchülerInnen zunächst, was sie sehen, um zu schlussfolgern, wer welche Figur darstellt und welche Handlung des Gleichnisses zu sehen ist. Des Weiteren erläutern sie die dargestellten Gefühle und Beziehungskonstellationen. Danach bewerten die SchülerInnen das Standbild, wobei sie auch die Möglichkeit haben, Verbesserungsvorschläge anzubringen. Abschließend äußern sich die präsentierenden Lerner zu ihrem Standbild und dem Feedback ihrer MitschülerInnen. 15
Im Anschluss folgt auf der Metaebene eine Methodenreflexion, bei der die Lerngruppe kritisch zur Methode Standbilder Stellung nimmt.
In der Erarbeitungsphase II deuten die SchülerInnen anknüpfend an ihre Assoziationen zum Begriff Vater das Gleichnis in Bezug zu ihrer heutigen Lebenswelt, was dem Prinzip der Korrelation 16 entspricht. Ihre Ergebnisse notieren sie auf das Arbeitsblatt Jesu Aussagen über das Reich Gottes, das bereits in den vorherigen Stunden als Sicherung der Gleichnisdeutungen diente, sodass eine Übersicht über exemplarische Reich-Gottes-Aussagen entsteht.
Zur Sicherung stellen die Lernenden ihre Ergebnisse vor, die die Lehrperson auf die Folie Jesu Aussagen über das Reich Gottes schreibt.
In der Eventualphase kommentieren die SchülerInnen das Ende der Erzählung, indem sie auf die offene Gestaltung und ein mögliches weiteres Verhalten des älteren Sohnes eingehen. Als Hausaufgabe verfremden die SchülerInnen das Gleichnis, indem sie das Geschehen in einen aktuellen Kontext situieren. 17 Dadurch setzt sich die Lerngruppe unter Einbezug der Deutung des Gleichnisses in einem produktionsorientierten Verfahren erneut mit dem Text auseinander und stellt es in Beziehung zur heutigen Lebenswelt.
5. Kompetenzen
In dieser Stunde möchte ich folgende Kompetenz schwerpunktmäßig fördern: Gestaltungskompetenz (Darstellung des Gleichnisses in Form von Standbildern) Deutungskompetenz (Auslegung des Gleichnisses)
6. Lernziele
Stundenziel
Die SchülerInnen sollen ausgehend von ihren Assoziationen zum Satz „Ein Vater ist …“ mit Hilfe eines handlungs- und produktionsorientierten Verfahrens das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32)
14 Vgl. http://www.bpb.de/files/KGE30N.pdf (Zugriff am: 26.10.09)
15 Vgl. ebd.
16 Vgl. Hilger, Georg, „Korrelieren lernen“, in: Hilger, Georg/ Leimgruber, Stephan/ Ziebertz, Hans-Georg, Religionsdidaktik. Ein Leitfaden für
Studium, Ausbildung und Beruf,
München
17 Vgl. Berg, Ein Wort wie Feuer ( 8
deuten und zu einem vertieften Verständnis der Hauptfiguren (dem Vater und seinen zwei Söhnen) gelangen, indem sie diese im Rahmen der interaktionalen Textauslegung charakterisieren und in Form eines Standbildes darstellen.
Teilziele
Die Schüler und Schülerinnen sollen:
a) Kognitives Lernen
üben, Hypothesen zu bilden, indem sie Vorschläge formulieren, wie das Gleichnis weitergehen könnte. (T1)
lernen, biblische Figuren zu analysieren, indem sie die charakterlichen Merkmale des Vaters und
seiner Söhne herausschreiben. (T2)
Standbilder deuten üben, indem sie sowohl die Mimik und Gestik der "Statuen" als auch die
dargestellte Personenkonstellation beschreiben, interpretieren und mit dem biblischen Text in Beziehung setzen. (T3)
lernen, sich mit einer Erzählung über den Text hinaus auseinanderzusetzen, indem sie das Ende
des Gleichnisses erläutern und Hypothesen bezüglich des weiteren Verhaltens des älteren Sohnes aufstellen. (T4)
b) Affektives Lernen, soziokulturelle Themen und Inhalte
ihre Erfahrungen zu einem (ihrem) Vater mitteilen, indem sie den Satz „Ein Vater ist …“ mündlich vervollständigen. (T5)
ihre Empathiefähigkeit schulen, indem sie die Position einer der drei Figuren einnehmen und anschließend zur Umsetzung Stellung nehmen. (T6)
c) Methoden des selbstständigen und kooperativen Arbeitens
mittels Gruppenarbeit in der Erarbeitungsphase ihre Kooperationsfähigkeit weiter ausbauen. (T7)
ihre Fähigkeit zur konstruktiven Kritik schulen, indem sie die Standbilder bewerten und ggf.
Alternativen vorschlagen. (T8)
sich als autonome Lerner wahrnehmen, indem sie die Methode der Standbilder kritisch reflektieren. (T9)
d) Umgang mit Texten und Medien
lernen, sich spontan zu einem Text zu äußern, indem sie Fragen an die Figuren des Gleichnisses stellen. (T10)
ihre Fähigkeit der biblischen Textdeutung schulen, indem sie die Aussage des Gleichnisses
herausschreiben und auf ihre Lebenswelt übertragen. (T11)
üben, ihre Erfahrungen mit dem biblischen Text in Beziehung zu setzen, indem sie das Gleichnis
verfremden und in einen heutigen Kontext einordnen. (T12)
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Arbeit zitieren:
Christine Schaffrath, 2009, Das Gleichnis vom verlorenen Sohn als Thema einer Unterrichtsstunde in der 8. Klassenstufe, München, GRIN Verlag GmbH
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