1. Didaktische Grundlegung anhand von Forschungsliteratur
Seine eigene Meinung glaubhaft begründen zu können, ist eine Fähigkeit, die die Gesellschaft von ihren Mitmenschen erwartet. Werden diese Gedankengänge nicht nur mündlich dargelegt, sondern verschriftlicht, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass über ihre Berechtigung intensiver nachgedacht wird. 1 Wird man vor die Aufgabe gesetzt, einen Text zu verfassen, der die eigene Meinung bzw. Forderung glaubhaft begründet oder rechtfertigt, wird man sich jedoch mit größeren Problemen konfrontiert sehen als in der mündlichen Kommunikation.
Die schriftliche Kommunikation ist weniger bedürfnisorientiert als die mündliche, dafür aber zweck- und zielgerichteter. Es herrscht eine zerdehnte Kommunikationssituation, d.h. Schreiber und Adressat sitzen sich nicht gegenüber. Somit kann der Schreiber die Reaktionen des Adressaten nicht sehen und sich daran orientieren. Er muss die Bedürfnisse und Reaktionen vorausahnen und seine sprachlichen Mittel effektiver setzen, um sein Kommunikationsziel zu erreichen.
Der Schüler sollte im speziellen Fall der Argumentation verstehen, dass diese Fähigkeit zwei Gesichtspunkte beinhaltet: Im ersten Schritt geht es um eine Behauptung bzw. Forderung, die in einem zweiten Schritt begründet bzw.
1 Fritzsche, Joachim (1994): Zur Didaktik und Methodik des Deutschunterrichtes. Band 2. Stuttgart:
S.112
2 http://www.teachsam.de/deutsch/d_rhetorik/argu/arg_mod_toul_6.htm (16.08.09; 18:11 Uhr)
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gerechtfertigt werden muss. Damit der zweite Schritt notwendig wird, muss davon ausgegangen werden, dass das Thema der Sprachhandlung ein strittiges Thema ist. 3 Die Tätigkeit des Argumentierens ist wie alle anderen im Unterricht behandelten Tätigkeiten an gesellschaftliche Normen und Erwartungen geknüpft. Über die Verwendung von Sprache und die Einhaltung gesellschaftlicher Regeln gliedert der Schüler sich in die Gesellschaft ein, während der Lehrer eine unterstützende Position in diesem Prozess bezieht.
Die gesellschaftlich normierten Regeln im Falle einer Argumentation hat der englische Philosoph St. Toulmin in einem Modell zusammengefasst.
Dieses Modell stellt die allgemeine Struktur einer Argumentation dar. Toulmin definiert sechs Kategorien nach logisch- semantischen Gesichtspunkten. These (C) und Argument (D) bilden die Grundlage des argumentativen Textes, wobei die These das Textthema repräsentiert und die Argumente (oft auch Daten) diese These begründen sollen. Hier setzt ein weiteres implizites Glied der Argumentationskette an, die Schlussregel (W), eine allgemeine hypothetische Aussage. Sie überprüft, ob das angeführte Argument auch wirklich die These stützt. Die allgemeine Schlussregel kann jedoch nur aufgrund einer bestimmten Stützung (B) ihre Gültigkeit behalten. Dies sind inhaltliche Standards wie Werte, Gesetze und Normen, auf die sich eine Schlussregel immer in einer Form beziehen muss, sei es direkt oder indirekt. Desweiteren muss in einer Argumentation auch noch auf den Operator bzw. Geltungsgrad (Q) sowie auf mögliche Ausnahmen (R) eingegangen werden, um die Argumentation abzurunden. 4
So erfordert das Argumentieren komplexe Fertigkeiten und Kenntnisse vom Schüler, die deshalb bereits in den unteren Jahrgangstufen angebahnt werden sollten. Das Thema „Texte verfassen“ zieht sich durch die gesamte Schullaufbahn. Es beginnt traditionellerweise in der Grundschule mit der Tätigkeit des Erzählens, führt über das Berichten und Beschreiben in den Klassen 6 bis 8 zum eigentlichen Argumentieren, welches als eigenständiges Thema erst ab der Klasse 9 angesprochen wird.
Die Beobachtung des natürlichen Sprachgebrauchs zeigt jedoch, dass auch Kinder recht früh beginnen, etwas zu behaupten, bestreiten oder begründen, das Thema
3 Fritzsche, Joachim (1994): Zur Didaktik und Methodik des Deutschunterrichtes. Band 2. Stuttgart:
S.112
4 Brinker, Klaus (2005): Linguistische Textanalyse. Berlin: Schmidt. S. 80f
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„Argumentieren“ also Alltagsrelevanz besitzt. Deshalb ist es sinnvoll, die Grundsteine des Argumentierens bereits in der Grundschule zu legen. 5 Sie bilden den in der Grundschule vorherrschenden didaktischen Rahmen: In den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz 2005 finden sich im Kompetenzfeld „Texte verfassen“ des Kompetenzbereichs „Schreiben“ zwei Perspektiven, welche beide auch besondere Beachtung bei der Behandlung des Unterrichtsgegenstandes (Tätigkeit des begründeten Schreibens) erfordern. Die erste Perspektive meint die Teilkomponenten des Schreibprozesses (Planen, Formulieren, Überarbeiten). Den Schülern und Schülerinnen sollen durch sequentierten Unterricht zu diesen Teilleistungen befähigt werden, um dann am Ende der Unterrichtssequenz über diese Prozesskompetenzen zu verfügen. Die zweite Perspektive des Kompetenzfeldes „Texte verfassen“ beschäftigt sich mit dem Schreibprodukt selbst. Laut den Bildungsstandards soll das Schreibprodukt „verständlich, strukturiert, adressaten- und funktionsgerecht“ [KMK 2005, S.10f] sein; eine hohe Kompetenzerwartung, da die Antizipation eines konkreten Lesers mit dessen individuellem Vorwissen und speziellen Bedürfnissen von einem Grundschüler nur bedingt erreicht werden kann. So müssen die Kompetenzerwartungen an ein für Grundschüler angemessenes Niveau angepasst werden. Wichtig bei der Betrachtung des Schreibobjekts ist es, dass Viertklässler die Einsicht gewinnen, dass Texte überhaupt Leser haben (und damit Kommunikationsmedium zwischen Leser und Autor sein können). Dies sollte verbunden werden mit der Erkenntnis, dass Texte, je nach Leser und Formulierung, anders bzw. missverstanden werden können und der Textverfasser den Verstehensprozess und die Wirkungsweise eines von ihm verfassten Textes maßgeblich beeinflussen kann. 6
In den Bildungsstandards werden keine speziellen Texttypen genannt, die die Schüler beherrschen sollen, stattdessen verweist man auf spezielle Schreibanlässe. Einer dieser Schreibanlässe ist die Argumentation in Briefform, die zum begründeten Schreiben gehört. Die dominante Textfunktion dieses Schreibanlasses ist nach dem Organon- Modell von Bühler die Appellfunktion.
Es ist zu begrüßen, dass die Bildungsstandards für alle grundlegende Textfunktionen (Ausdrucks-, Darstellungs- und Appellfunktion) Schreibanlässe vorsehen, da die
5 Fritzsche, Joachim (1994): Zur Didaktik und Methodik des Deutschunterrichtes. Band 2. Stuttgart:
S.113f
6 Baurmann, J./ Pohl, T.: Schreiben- Texte verfassen. S.75ff In: Behrens, U./ Bremerich-Vos, A./
Granzer, G./ Köller, O.(2009): Bildungsstandards für die Grundschule: Deutsch konkret. Berlin:
Cornelsen Scriptor.
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Arbeit zitieren:
Sarah Weihrauch, 2009, Bezug zwischen These und Argument - "Argumentieren" im Fach Deutsch für die 4. Jahrgangsstufe, München, GRIN Verlag GmbH
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