der menschlichen Triebe 12
a) Die Unterscheidung zwischen tierischem und menschlichem Trieb bzw. Instinkt 13
b) Einige Kategorien menschlichen Verhaltens: Instinktreduktion, Instinktresiduum, Instinktentdifferenzierung 16
c) Die alltagssprachliche Analyse der menschlichen Triebe 17
2. Das Verhältnis der Antriebe zur Handlung 17
a) Die zwei Antriebsgesetze 18
a.1) Das erste Antriebsgesetz 18
a.2) Das zweite Antriebsgesetz 19
3. Die Weltoffenheit der Antriebe 21
a) Die Orientierbarkeit der Antriebe 22
b) Die Auskristallisierung der Antriebe 22
4. Die Anpassung des Antriebslebens 24
a) Die “höheren Interessen” oder Dauerinteressen 24
b) Wie der Mensch Entscheidungsprobleme löst 25
5. Der Antriebsüberschuss 27
a) Der Antriebsüberschuss als Zeichen der vollkommenen Übereinstimmung zwischen dem Wesen des Menschen und dem Wesen seiner Antriebe 27
b) Antriebsüberschuss und Erhaltung der Art - eine biologische Paradoxie 28
6. Der Willensbegriff 29
III. Schlussbemerkung 32
Literaturverzeichnis 35
2
Einleitung
Arnold Gehlen verfasste 1940 seine Anthropologie “Der Mensch”, die bis 1962 in verschiedenen überarbeiteten Fassungen erschienen ist. Seine Analyse des Menschen enthält eine Theorie zu den menschlichen Antrieben. Diese Theorie wird im Folgenden im Zusammenhang mit Gehlens in der Einführung von “Der Mensch” gegebenen theoretischen und methodologischen Grundannahmen erläutert. 1
Im ersten Teil sollen die wesentlichen Grundannahmen Gehlens, die ‘Mängelwesenthese’, die “anthropo-biologische” Fragestellung und die Bekenntnisse zur empirischen Methode dargestellt werden. Es wird gezeigt, dass Gehlen eine an Herders ‘Mängelwesenthese’ orientierte, ganzheitliche Betrachtungsperspektive auf den Menschen entwickelt hat, die diesen primär als handelndes Wesen versteht.
Dem folgt im zweiten Teil Gehlens Analyse der menschlichen Antriebe. Der menschliche Trieb wird von Gehlen in Abgrenzung zum tierischen Instinkt und zur Psychologie der Grundtriebe definiert. Hierbei wird die Rolle der Handlung für den Aufbau des menschlichen Trieblebens deutlich und in den Zusammenhang mit Gehlens Vorstellung von der Seele gebracht. Anschließend wird dargestellt, wie die typisch menschlichen Phänomene “Charakter”, “Dauerinteresse” und “Entscheidungsproblem” von Gehlen anhand seiner entwickelten Theorie der Antriebe erklärt werden können. Schließlich wird auf Gehlens Begriff des Willens eingegangen. Gehlens gesamte Analyse der menschlichen Antriebe wird dabei immer im Licht seiner grundlegenden Annahmen interpretiert. Diskussiosansätze aus dem Seminar “Das Werk Arnold Gehlens” werden in die Erörterung aufgenommen, insbesondere die biologische Paradoxie eines Antriebsüberschusses, die Ähnlichkeit zwischen Gehlens Willensbestimmung und der von Gilbert Ryle in dessen Buch “Der Begriff des Geistes” sowie die Bedeutung der teleologischen Formulierungen von Gehlens “anthropo-biologischer” Fragestellung.
Die im Seminar gestellte Frage, ob sich hinter Gehlens häufigen teleologischen Formulierungen eine Teleologie versteckt, wird im dritten Teil negativ beantwortet. Der Zweck des Überlebens, für den alle menschlichen Funktionen die Mittel bereitstellen müssen, taucht nur deshalb an zentraler Stelle auf, weil er den Zusammenhang aller höheren und niederen menschlichen Funktionen hervorhebt und daher einer ganzheitlichen Perspektive auf den Menschen entspricht. Mit dieser Perspektive kann ein analytisches Licht auf alle
1 Gehlen hat seine Antriebstheorie im Laufe der verschiedenen Fassungen verändert. Auf die zu findenden Variationen werde ich aus Platzgründen aber nicht eingehen können. Ich beziehe mich auf Gehlens letzte überarbeitete Fassung von “Der Mensch”: Arnold Gehlen, Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt (Wiesbaden 1997).
3
divergierenden Aspekte des menschlichen Wesens geworfen werden, die in einem allgemeinen, common sense ‘Vor-Verständnis’ des Menschen schon gegeben sind.
I. Gehlens ‘Mängelwesenthese’ und seine “anthropo-biologische” Betrachtung des Menschen
1. Die Bestimmung des Menschen als ‘Mängelwesen’
a) Die ‘Mängel’ des ‘Mängelwesens’
Gehlen versteht den Menschen im Gegensatz zum Tier als “Mängelwesen”, d.h., er ist in seinem Wesen durch die ‘Mängel’ der “Weltoffenheit”, der “morphologischen Unspezialisiertheit” und der “Instinktreduktion” bestimmt, wobei die Merkmale der “physischen und organischen Unspezialisiertheit” und der “zurückgebildeten Instinkte” als Bedingungen für ein “weltoffenes” Wesen zu betrachten sind. 2 In welchem Sinn sind diese menschlichen Merkmale aber ‘Mängel’? Indem Gehlen den Menschen durch den ‘Mangel’ der “Weltoffenheit” bestimmt, grenzt er sich von der durch Jakob von Uexküll entwickelten Vorstellung ab, dass der Mensch eine “Umwelt” hat, in die er organisch “eingepasst” ist. Uexküll hat Lebewesen nie isoliert, sondern nur im Zusammenhang mit ihrer Umwelt betrachtet. 3 Gehlen kritisiert an der uexküllschen Theorie zum einen, dass sie die Rolle, die die Instinkte für verschiedene Lebewesen spielen, unberücksichtigt läßt, und zum anderen, dass sie die Umwelteinpassung vom Tier auf den Menschen überträgt; - dabei scheint gerade die grundsätzliche Missachtung der Instinkte Grund für diese unvorsichtige Übertragung zu sein. 4 Dem Menschen ‘mangelt’ es Gehlen zufolge gerade an der harmonischen Einpassung in eine Umwelt, weil seine Instinkte - im Gegensatz zum Tier - “reduziert” sind. An seinen Organen und seiner Physis haftet auf Grund des Fehlens einer Umwelt der ‘Mangel’ der
2 Gehlen (1997): 33ff. Mit der Vorstellung, daß der Mensch “weltoffen” ist, bezieht sich Gehlen auf Max Scheler: “Ein “geistiges Wesen” ist also nicht mehr trieb- und umweltgebunden, sondern “umweltfrei” und wie wir es nennen wollen, “weltoffen” : Ein solches Wesen hat “Welt”.” Max Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosmos (Bonn 1998), 38f.
3 Uexküll hat die Zugeordnetheit von Organausstattung und Umwelt am Tier untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass jedes Tier entsprechend seiner Organausstattung seine eigene Umwelt hat, dass es mit seinen Sinnes- und Leistungsorganen in eine Umwelt “eingepasst” ist. Er hat diese Zugeordnetheit Organen und Umwelt später auf den Menschen übertragen. Vgl. Gehlen (1997): 79. Vgl. hierzu auch: Christian Thies, Gehlen zur Einführung (Hamburg 2000), 52ff.
4 “Zu den in die Umwelt eingepaßten Organspezialisierungen können ebenfalls die speziellen instinktiven Bewegungsfiguren gerechnet werden, die durchaus wie Organe betrachtet werden können, die man wie diese zur systematischen Klassifikation benutzen kann.” Gehlen (1997): 78. Vgl. auch: Ebenda: 79. Schon Scheler weist auf den Zusammenhang von Morphologie und Instinkt hin: “Der Instinkt ist also der Morphogenesis der Lebewesen selbst eingegliedert und im engsten Zusammenhang mit den gestaltenden physiologischen Funktionen tätig, welche die Strukturformen des Tierkörpers erst bilden.” Scheler: 21.
4
Unspezialisiertheit. Während bei den Tieren spezialisierter Organbau und Umwelt eine “funktionelle Einheit” 5 bilden, Tieren nur die Wahrnehmungen und Bewegungen gegeben sind, die sie zum Überleben in ihrer Umwelt brauchen, bedeutet die menschliche “Weltoffenheit” eine deutliche Nichteingegrenztheit des Wahrnehmbaren und der Bedingungen des biologischen Sichverhaltens. Reiz- und Eindrucksoffenheit stellen für ihn eine erhebliche Belastung dar, die er erst in spezifisch menschlichen Aktivitäten bewältigen muss. Alle menschlichen Fähigkeiten, von den elementarsten bis zu den höchsten, vom Wahrnehmen über die Motorik bis zum Denken, werden Gehlen zufolge erst in Auseinandersetzung mit der Welt eigentätig entwickelt. Deshalb erreicht der von der Natur nur ‘mangelhaft’ ausgestattete Mensch die wirkliche Lebensfähigkeit erst nach einer langen Jugendzeit.
b) Die Bewältigung der ‘Mängel’ durch das ‘Mängelwesen’
“Der Grundgedanke ist der, daß die sämtlichen “Mängel” der menschlichen Konstitution, welche unter natürlichen, sozusagen tierischen Bedingungen eine höchste Belastung seiner Lebensfähigkeit darstellen, vom Menschen selbsttätig handelnd gerade zu Mitteln seiner Existenz gemacht werden, worin die Bestimmung des Menschen zur Handlung und seine unvergleichliche Sonderstellung zuletzt beruhen.” 6
Das Zitat benennt eines der wichtigsten Seiten des von Gehlen eingeführten und allein für den Menschen geltenden “Entlastungsprinzips”: Der Mensch als ‘Mängelwesen’ muss sich selbsttätig von der Reizfülle “entlasten”, d.h. er muss die ‘Mängelbedingungen’ seiner Existenz eigentätig in Lebenschancen umarbeiten. Er ist deshalb ganz auf die Erfahrung der Welt hin gebaut, der er vor allem handelnd begegnen muss. Aus diesem Grund bestimmt Gehlen den Menschen primär als handlendes Wesen. 7 Der Mensch hat keine “Umwelt”, sondern schafft sich aktiv eine ins lebensdienliche umgewandelte “zweite Natur” 8 , die Kultur 9 . Für den Menschen ist die Bewältigung der belastenden Eindrucksfülle deshalb eine “Entlastung”, weil sie zu einer Herabsetzung des unmittelbaren Kontaktes mit der Welt führt: Aus den ‘Mängeln’ der “Unspezialisiertheit” und “Instinktreduktion”, also aus dem ‘Mangel’ der “Weltoffenheit” entwickelt der Mensch im Laufe seiner langen Kindheit auf der Basis
5 Scheler: 39.
6 Ebenda: 37.
7 Hierin unterscheidet sich Gehlen von Schelers Wesensbestimmung des Menschen durch den “Geist”.
8 Ebenda: 38.
9 Gehlen definiert Kultur folgendermaßen: “Kultur soll uns sein: der Inbegriff der vom Menschen tätig arbeitend bewältigten, veränderten und verwerteten Naturbedingungen, einschließlich der bedingteren, entlasteten Fertigkeiten und Künste, die auf jener Basis erst möglich werden.” Ebenda: 39.
5
kommunikativer Bewegungen und Wahrnehmungen eine kontrollierte komplexe Motorik und Sinnlichkeit, ein abstraktes Wahrnehmungsfeld, Sprache, Phantasie und Denken, so dass er schließlich frei von direkt Gegenwärtigem wird und sich in potentiellen Situationen mit aufgeschobenen Bedürfnissen in allen Richtungen der Zeit gedanklich und handlend bewegen kann. Er schafft sich so aus seinen - im Vergleich zum Tier verstandenen - ‘Mängeln’ mit eigenen Mitteln gute Überlebenschancen.
2. Gehlens Anknüpfung an Herders ‘Mängelwesenthese’ - die ganzheitliche Betrachtung des Menschen
Obwohl der Topos vom ‘Mängelwesen’ Mensch schon in der Antike zu finden ist 10 , bezieht sich Gehlen mit seiner Bezeichnung des Menschen als ‘Mängelwesen’ explizit auf Herders Unterscheidung von Tier und Mensch in dessen “Abhandlung über den Ursprung der Sprache”. 11 Herders Beschreibung der ‘Mängel’ des Menschen, so Gehlen, hat zum ersten Mal die Einpassung des Tieres in seine Umwelt ausgesprochen und hiervon den eigenen Charakter des Menschen unterschieden.
Gehlen interessiert an Herders Schrift allerdings weniger seine Theorie vom Menschen als ‘Mängelwesen’ 12 , als vielmehr der innere Zusammenhang, in dem Herder die “biologische Hilflosigkeit” des Menschen sieht: Gehlens Beschreibung nach leitet Herder aus der “Weltoffenheit” des Menschen und aus seinen “zerstreuten Begierden” Sprache und Vernunft ab, “aus der Mitte dieser Mängel” folgert er den spezifischen Charakter der Menschheit: “Man kann über das Verhältnis des Menschen zum Tier nichts Treffenderes sagen, als daß der Unterschied nicht “in Stufen, oder Zugabe von Kräften, sondern in einer ganz verschiedenartigen Richtung und Auswirkung aller Kräfte” liege, so daß also der Verstand des Menschen nicht seiner tierischen Organisation aufliegt, sondern: “Es ist die ganze Einrichtung aller menschlichen Kräfte; die ganze Haushaltung seiner sinnlichen und erkennenden, seiner erkennenden und wollenden Natur, [...] die bei den Menschen so Vernunft heißt, wie sie bei den Tieren Kunstfähigkeit wird: die bei ihm Freiheit heißt, und bei den Tieren Instinkt wird.” ” 13
10 Er findet sich u.a. schon bei Anaximander, Platon, Plutarch, Hobbes, Herder und Nietzsche.
11 Gehlen (1997): 82.
12 Gehlen betont den Stellenwert, den er dem Begriff ‘Mängelwesen’ gibt selbst: “Wenn der Mensch hier und in dieser Beziehung, im Vergleich zum Tier als “Mängelwesen” erscheint, so akzentuiert eine solche Bezeichnung eine Vergleichsbeziehung, hat also nur einen transitorischen Wert, ist kein “Substanzbegriff”.” Gehlen (1997): 20. Desweiteren schreibt Gehlen in einem Brief vom 14.07.1969, der Begriff des Mängelwesen solle “[...] keine strenge wissenschaftliche Bezeichnung sein [...], nur eine Denkhilfe für sehr komplexe Zusammenhänge [...]”. Zitiert nach Thies: 36.
13 Gehlen (1997): 94.
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Mit der Annahme Herders, dass beim Menschen die “ganze Haushaltung der Natur” eine neue Richtung einschlägt, ist für Gehlen das geleistet, “[...] was jede philosophische Anthropologie [...] zu leisten verpflichtet ist: die Intelligenz des Menschen im Zusammenhang seiner biologischen Situation, seiner Wahr-nehmungs-, Handlungs- und Bedürfnisstruktur zu sehen, d.h. “die gänzliche Bestimmung seiner denkenden Kräfte im Verhältnis seiner Sinnlichkeit und Triebe”.” 14
Gehlen bezieht sich gerade deshalb auf Herder, weil er wie dieser versucht, alle Funktionen des Menschen aneinander zu erklären. Nach Gehlen sollte eine Erklärung des Menschen den Zusammenhang von Leib und Seele nicht als Abstraktum setzten, sondern ihn als eine Verbindung zwischen konkreten niederen und höheren menschlichen Funktionen, zwischen Motorik, Wahrnehmung, Sprache, Denken, Phantasie und Antriebsleben aufzeigen können.
Gehlen macht seine Affinität zu Herder am Ende seiner Einführung in seine Anthropologie “Der Mensch” deutlich 15 und schließt damit einen Bogen zu seiner Kritik an verschiedenen anthropologischen Grundannahmen, mit der er seine Einführung beginnt. Diese Kritik richtet sich gegen zwei streitende Formeln zur Bestimmung des menschlichen Wesens, die beide behaupten, dass der Mensch nicht aus sich selbst heraus, sondern nur mit Kategorien des Aussermenschlichen beschrieben und gedeutet werden kann. Die eine Formel versucht die Ableitung des Menschen von Gott, die andere leitet ihn vom Tier ab, die eine setzt eine abstrakte Leib-Seele Einheit, ohne die Ganzheit des Menschen zu erkennen, die andere vertritt eine naturalistische Auffassung: Sie geht als Abstammungslehre vom Körperlichen aus und versucht “[…] das Innen allein von außen einzufangen[…]”, wodurch Gehlen zufolge alle Fragen nach Sprache, Wille, Erkenntnis, Phantasie und Moral vernachlässigt werden. 16
Beide anthropologischen Konzepte - egal ob sie den Menschen vom Körper oder vom Geist her verstehen - sind nach Gehlens Diagnose dem “Vorurteil des Stufenschemas der Natur” verhaftet 17 , das sich schon in Schelers “Die Stellung des Menschen im Kosmos” findet. 18 Folgt man der Ordnung des “Stufenschemas der Natur”, die sich bei Scheler in die Abschnitte “Gefühlsdrang”, “Instinkt”, “Gewohnheit”, “praktische Intelligenz” und “menschliche
14 Ebenda: 84.
15 “Die philosophische Anthropologie hat seit Herder keinen Schritt vorwärts getan, und es ist im Schema dieselbe Auffassung, die ich mit den Mitteln moderner Wissenschaft entwickeln will. Sie braucht auch keinen Schritt vorwärts zu tun, denn dies ist die Wahrheit.” Ebenda.
16 Ebenda: 13f.
17 Ebenda: 22.
18 Ebenda: 21.
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2001, Arnold Gehlens Theorie der Antriebe in "Der Mensch", München, GRIN Verlag GmbH
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