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1. Vorüberlegungen
Geschichtsvermittlung in der Schule sollte nicht ausschließlich bedeuten, Schülern die Ergebnisse der historischen Forschung zu präsentieren, sondern sollte vor allem versuchen, Einblicke in den Erkenntnisprozess zu ermöglichen. Geschichte darf nicht als absolut und statisch verstanden werden, denn auch historische Wahrheit ist subjektiv und mitunter einem Wandel unterworfen. Geschichte erfährt ihre Interpretation häufig in Einklang mit politischen Interessen und Erwägungen. Ein Thema wie das Kriegsende 1945 in Deutschland und die sich anschließende Besatzungsherrschaft der alliierten Mächte sowie die daraus resultierenden Konflikte, eignet sich hervorragend, die dabei entstehenden Konfliktfelder augenscheinlich zu machen.
Die Anfangszeit der Besetzung des vom Nazi-Regime befreiten Deutschlands war geprägt von Umbruchserfahrungen und die Menschen verbanden verschiedene Erwartungshorizonte, die sich aus differenzierenden Feinbildern und Perspektiven zusammensetzten, mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen von Befreiung oder dem Untergang Deutschlands. Das bedeutet, dass der Geschichtsunterricht mit kontroversen Perspektiven, die in den verschiedenen Erinnerungskulturen und -milieus in Ost und West entstanden sind, operieren muss. Daraus ergibt sich die geschichtspolitische Kontroverse, ob es sich bei Kriegsende um eine Befreiung oder eine Katastrophe für das deutsche Volk handelte und wie diese Gedenkkulturen durch Propaganda und Feindbilder, Presse oder durch politische oder kulturelle Teilmilieus geprägt wurden. Es bieten sich für den Unterricht verschiedene Inhalte an: neben dem Einblick in den Alltag und die Lebenssituation der Bevölkerung sind ebenso politische Aspekte sowie gesellschaftliche Auseinanderentwicklung der westlichen Zone von der Sowjetischen Besatzungszone und die wirtschaftliche Weichenstellungen in beiden Teilen Deutschlands zu betrachten. Innerhalb der hier vorliegenden Konzeption soll primär die Lage der Bevölkerung vorzugsweise im Osten Deutschlands während der letzten Tage des Kriegsgeschehens bzw. der Besatzungszeit in der Sowjetischen Zone in den Blick genommen werden. Die außenpolitischen Interessengegensätze und wachsende Konfrontation der alliierten Militärregierungen sind in diesem Unterrichtsentwurf nicht berücksichtigt. Anhand repräsentativer Quellen und mittels Zeitzeugenberichten, die geprägt sind von den Erfahrungen des Kriegsendes und der Besatzungszeit können Schüler sich des Problems der Subjektivität von Geschichte bewusst werden und außerdem eine gesunde Skepsis gegenüber des geschriebenen und gesprochenen Wortes zueigen machen.
Aus didaktischen Überlegungen heraus sollten Konflikte und Widersprüche, die sich aus den Quellen und Aussagen der Zeitzeugen ablesen lassen nicht vom Lehrer, sondern
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von den Schülern selbst herausgelöst werden. Ein besonderes Augenmerk wird auf das Problem des Aussterbens einer Erlebnisgeneration gelenkt und den Schülern soll deutlich werden, dass dadurch ein Wandel in der Erinnerungskultur der Gegenwart stattfindet. Zum Begreifen der jeweiligen Lebenswelten zu Kriegsende und in der Besatzungszeit ist ein multiperspektivischer Zugriff von großem Nutzen, denn das Unterrichtsthema kann so aus verschiedenen, z.T. auch in Widerspruch zueinander stehenden Perspektiven aufgearbeitet werden.
Unsere Konzeption sieht deshalb sechzig Jahre nach den Ereignissen eine fiktive Zusammenkunft mit historischen Aussagen und Zeitzeugen vor, in Form ausgewählter zeitgenössischer und rezeptionsgeschichtlicher Dokumente, mit der Absicht zu einem neuen Verständnis der historischen Wahrheit zu gelangen. Die Schüler werden durch die Auswahl der Quellen zunächst indirekt auf eine bestimmte Deutungsvariante der Fremd- und Selbstwahrnehmung hin orientiert, nur um diese später durch kritische Auseinandersetzung wieder in Frage zu stellen. Hierbei soll nicht die Frage nach den umstrittenen Fakten beantwortet werden, sondern vielmehr soll induktiv ein kritischeres Geschichtsbewusstsein erzeugt werden.
Die Bearbeitung eines solch komplexen Themas sollte erst in der Sekundarstufe II erfolgen. Zwar wäre es denkbar, die Problematik auch in der zehnten Klassenstufe mit in den Unterricht einfließen zu lassen, dann allerdings in etwas vereinfachter Art und Weise. In der zwölften Klassenstufe sind die interpretativen Kompetenzen durch den Deutschunterricht stärker geschult. Als zeitlichen Rahmen für die Bearbeitung schlagen wir zwei Doppelstunden á 90 Minuten vor.
2. Didaktische Analyse
2.1 Sachanalyse
Der Zweite Weltkrieg erreichte Deutschland im Jahr 1944 mit den strategischen Bombenangriffen der Westalliierten, welche die Zerstörung der deutschen militärischen, industriellen und wirtschaftlichen Kapazitäten und somit einer Schwächung der Fähigkeit zum bewaffneten Widerstand hatten. Die Folge war, dass die Bevölkerung in Deutschland von nun an unmittelbar in den „totalen Krieg“ einbezogen war und die Grenzen zwischen „Front“ und „Heimat“ fließend geworden waren. Die Angriffe auf Flugzeug-, Motorenfabriken, Ölraffinerien und Verkehrswege führte innerhalb weniger Monate bis zum Herbst 1944 zum vollständigen Erliegen der deutschen Kriegswirtschaft. Der Einsturz der deutschen Fronten in Ost und West, der vor allem durch die zahlreichen Offensiven der Roten Armee zwischen
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Sommer 1943 und dem Frühjahr 1944 bewirkt wurde, bedeutete für Hunderttausende deutscher Soldaten eine jahrelange Kriegsgefangenschaft. Die meisten von ihnen kehrten erst 1955 nach Hause zurück, viele überlebten die unmenschlichen Bedingungen nicht. Der Sturm auf das Deutsche Reich bedeutete auch nach der bedingungslosen Kapitulation im Mai 1945 vor allem für die Bewohner in Ost- und Westpreußen eine Tragödie. Tausende von Flüchtlingstrecks setzten sich in Bewegung, die Menschen waren den Willkürakten sowohl der sowjetischen als auch der deutschen Armee ausgesetzt. Der Flucht- und Vertreibungskomplex der mehr als 15 Millionen Menschen aus den Gebieten der Baltischen Staaten, Ostpreußens, Schlesiens, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien und Danzig, sowie das Martyrium der
Kriegsgefangenschaft erhält vor allem in den letzten Jahren zunehmende Brisanz, nicht zuletzt durch den Diskurs um die Beneš-Dekrete und Revisionsbestrebungen der Vertriebenenverbände angesichts der europäischen Erweiterungsverhandlungen. Waren die Alliierten nun tatsächlich „Befreier“? Festzuhalten ist, dass der Mai 1945 eine Ambivalenz der Erleichterung über das Kriegsende und der Sorge um die Zukunft offenbarte. Die Zivilbevölkerung hatte unter den Maßnahmen der Besatzungsmächte zu leiden, Millionen Menschen mussten den Verlust ihrer Heimat verkraften, die Sorge um Wiederaufbau und Versorgung angesichts der Industriedemontagen und Forderungen nach Reparationszahlungen der Siegermächte sorgten für ein Gefühl der Niederlage. Deutsche Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft und die deutsche Bevölkerung fühlte sich in den ersten Jahren nach dem Krieg eher besiegt als befreit. Der allgemeine Eindruck war der des Zusammenbruchs. Für die Häftlinge in den Lagern der SS und die Zwangsarbeiter bedeutete der Einmarsch der Siegermächte die Befreiung von Leid und Elend. Doch Geschichtsbilder ändern sich. Die Installation der 4 Besatzungszonen durch die Alliierten war begleitet vom Scheitern der einheitlichen Umsetzung der auf der Potsdamer Konferenz beschlossenen alliierten Nachkriegspolitik. Die militärischen Oberbefehlshaber handelten meist selbständig in ihren jeweiligen Besatzungszonen und der Alliierte Kontrollrat erwies sich als entscheidungsunfähig. Vor allem die sowjetische Führung handelte ohne Absprache mit den britischen, amerikanischen und französischen Siegermächten. So hatte die Staatenbildung 1949 und Gleichschaltung der DDR mit der politischen Ausrichtung Moskaus, bzw. ideologische Durchdringung, eine Veränderung und Verdrängung der Geschichtsbilder des Zweiten Weltkriegs zur Folge. In der Erinnerungskultur und -politik wurde die Idee der „Befreiung“ mittels Staatsdoktrin durchgesetzt. Das Leid der Vertriebenen und die Kriegsverbrechen durch die sowjetische Armee erschienen weder in den Geschichtsbildern noch im öffentlichen Diskurs. Im Gegensatz dazu konnten sich in der BRD sehr schnell Vertriebenenverbände etablieren und gewannen an politischen Einfluss. Mit der Rede Richard Weizsäckers anlässlich des vierzigsten Jahrestages des Kriegsendes,
Arbeit zitieren:
Doreen Bärwolf, 2006, Übersicht über eine mögliche Unterrichtssequenz zum Thema „Kriegsende, Befreiung, Besetzung? Zum 8. Mai 1945. Ereignis und Rezeption.“ , München, GRIN Verlag GmbH
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