Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Hauptseminar Deutsche Syntax SoSe 2002
Valenz deutscher Verben
Uta Ziegler
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung 3
2. Valenzbegriff 4
2.1 Ursprung und Definition 4
2.2 Valenzbegriff bei Tesnière 5
3. Ebenen der Valenz 6
4. Anzahl der Ergänzungen 9
4.1 Einteilung bei Eisenberg 9
4.2 Einteilung bei Helbig/Buscha 10
5. Arten von Ergänzungen 11
6. Grad der Notwendigkeit von Ergänzungen 12
6.1 Obligatorische und fakultative Ergänzungen/Aktanten 12
6.1.1 Weglaßprobe / Eliminierungstest 14
6.2 Alternative Valenz mit Bedeutungsunterschied 15
6.3 Freie Angaben 16
6.3.1 Trennung von Ergänzungen und Angaben 17
7. Bedeutung der Satzglieder für die Valenz 19
8. Schlussbetrachtungen 23
9. Literaturverzeichnis 25
2
1. Einleitung
Seit dem Ende der 50er Jahre wurde die Valenztheorie durch die bahnbrechenden Arbeiten des französischen Linguisten Lucien Tesnière in der germanistischen Linguistik bekannt. Ausgehend von der Beobachtung, daß lexikalische Einheiten die Eigenschaft besitzen, Leerstellen für eine bestimmte Art und Anzahl von Aktanten zu eröffnen, hat sich in der Nachfolge Tesnières eine umfangreiche Forschung entwickelt. Im Unterschied zur traditionellen Grammatik gibt die Valenzgrammatik das traditionelle Subjekt-Prädikat-Schema auf und zentriert die Satzstruktur auf das Verb.
Die Tatsache, daß die Valenz zuerst am Verb beobachtet wurde, möchte ich aufgreifen und die Valenz oder Wertigkeit als Eigenschaft von Verben in der folgenden Hausarbeit thematisieren. Ich beschränke mich dabei in meinen Ausführungen auf die deutschen Vollverben. Vom Verb ausgehend wurde der Valenzbegriff auch auf andere Wortarten angewandt, insbesondere auf Adjektive und Substantive. Doch darauf möchte ich in dieser Hausarbeit nicht eingehen.
Neben der Anzahl der Ergänzungen, wurde später auch die Art der Ergänzungen und der Grad der Notwendigkeit dieser Ergänzungen von der Valenzforschung näher untersucht. Damit wurden Kategorien geschaffen, um die Valenz eines Verbs näher zu bestimmen. Ausgehend von Ursprung und Definition des Valenzbegriffes möchte ich die Verbvalenz anhand dieser Kategorien detailliert darstellen. Es soll gezeigt werden, daß für die Definition des Valenzbegriffes die Frage nach den unterschiedlichen Ebenen der Sprache von entscheidender Bedeutung ist. Die wichtigen theoretischen Überlegungen sollen dabei anhand von Beispielen verdeutlicht werden.
Darüber hinaus möchte ich Einblicke in den Stand der Forschungsdiskussion geben. Aufgrund der sehr umfangreichen und in vielen Punkten kontroversen Forschungsdiskussion ist es im Rahmen einer Hauptseminararbeit nicht möglich, einen Gesamtüberblick über die unterschiedlichen Ansätze der Valenzforschung zu geben und einzelne Positionen und Ansätze ausführlich darzustellen. Ich beschränke mich deshalb auf grundlegende Besonderheiten einzelner Ansätze, um daran die Vielschichtigkeit der Thematik zu zeigen. Ziel dieser Hausarbeit ist, die wichtigsten Grundlagen der
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Valenztheorie darzustellen und in diesem Rahmen einzelne Probleme und Grenzen der Forschung zu zeigen.
2. Der Valenzbegriff
2.1 Ursprung und Definition
Der Begriff der Valenz, von dem lateinischen Verb „valere“ (wert sein) abgeleitet, ist ursprünglich ein wissenschaftlicher Terminus aus der Elementenlehre der Chemie. Er bezeichnet die Eigenschaft von Elementen, sich mit anderen Elementen zu Molekülen zu verbinden. So hat zum Beispiel das Sauerstoffatom die Wertigkeit „zwei“ und kann mit zwei Wasserstoffatomen, die jeweils einwertig sind, ein Wassermolekül (H 2 O) bilden. In der Chemie dient der Begriff der Valenz damit der Klassifikation der Elemente (in einwertige, zweiwertige Elemente... etc.). Anhand dieser Klassifikation können Prognosen gestellt werden über die Art und Anzahl der chemischen Verbindungen, die Elemente miteinander eingehen können. Diese Einteilung der Elemente nach ihrer Valenz ist empirisch untermauert und experimentell überprüfbar. Sie hat sich in der Chemie für die Erklärung und Prognose chemischer Bindungsphänomene bewährt. 1
Der französische Sprachwissenschaftler Lucien Tesnière (1893-1954) hat in seinem posthum veröffentlichten Werk „Elements de syntaxe structurale“ (hg.1959) die Idee der Valenzbindung aus der Chemie auf die strukturellen Verhältnisse im Satz übertragen. Allerdings wurde die Valenzmethapher vorher auch schon von anderen Autoren z.B. Bühler verwendet. Tesnière hat in seiner Abhängigkeitsgrammatik als erster eine umfassende syntaktische Klassifikation der Verben vorgeschlagen. Diese Klassifikation der Verben nach der Stellenzahl und der Art der Ausdrücke, die die einzelnen Stellen besetzen, bildet bis heute die entscheidende Grundlage jeder Valenzgrammatik. 2
Unter dem Begriff der Valenz versteht die Sprachwissenschaft die Eigenschaft von Verben und anderen Prädikatsausdrücken eine bestimmte Zahl von Ergänzungen zu fordern, um einen syntaktisch und inhaltlich vollständigen Satz zu bilden. Verben besitzen damit die Fähigkeit, im Satz bestimmte Leerstellen zu eröffnen, die besetzt werden müssen bzw. besetzt werden können. 3 Da alle deutschen Verben das Vorkommen oder Nichtvorkommen
1 Vgl. Storrer, (1992) S.25
2 Vgl. Eisenberg, (1994) S.74
3 Vgl. Helbig/Buscha, (1994) S.620
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solcher Ergänzungen fordern, ist es möglich, sie hinsichtlich ihrer Valenz einzuteilen. Im Gegensatz zur Valenzzahl eines Elementes in einer chemischen Verbindung, die relativ einfach durch Gewichtsmessungen ermittelt werden kann, muß in der sprachlichen Valenzbindung für jedes Komplement erst entschieden werden, ob zwischen dem Verb und dem entsprechenden Komplement eine Valenzbeziehung vorliegt oder nicht. 4 Damit ist die Valenz in der Sprachwissenschaft ein sehr komplexes und vielschichtiges Phänomen.
In der Nachfolge Tesnières haben Brinkmann und Erben den Valenzbegriff als erste für die deutsche Grammatik nutzbar gemacht. Für Erben war dabei Bühler mit seiner Sprachtheorie von 1934 der wichtigste Anreger.
2.2 Der Valenzbegriff bei Tesnière
Tesnière geht im Rahmen seiner Abhängigkeitsgrammatik bei der strukturellen Satzanalyse vom Verb aus und vergleicht es mit einem Atom:
„Man kann so das Verb mit einem Atom vergleichen, an dem Häkchen angebracht sind, so daß es - je nach der Anzahl der Häkchen - eine wechselnde Zahl von „actants“ an sich ziehen und in Abhängigkeit halten kann. Die Anzahl der Häkchen, die ein Verb aufweist, und dementsprechend die Anzahl der Aktanten, die es regieren kann, ergibt das, was man die Valenz des Verbs nennt.“ 5
Tesnière definiert die Valenz damit als Fähigkeit der Verben, eine bestimmte Zahl von „actants“ zu regieren und unterteilt die Verben entsprechend in vier Kategorien: Verben ohne Aktanten (avalente Verben), Verben mit einem Aktanten (monovalente Verben), Verben mit zwei Aktanten (divalente Verben) und Verben mit drei Aktanten (trivalente Verben). Diese Unterteilung der Verben spielt bei Tesnière in zwei verschiedenen Zusammenhängen eine wichtige Rolle. Er untersucht die systematischen Strukturveränderungen in Einzelsprachen und die strukturellen Veränderungen, die bei der Übersetzung von einer Sprache in die andere auftreten.
Tesnière unterscheidet in seiner strukturellen Satzanalyse Aktanten („actants“), als Akteure des Geschehens, von Angaben („circonstants“), als den Umständen des Geschehens. Aktanten wie Angaben sind dabei unmittelbare Dependentien des Verbs. Im Gegensatz zu den Aktanten, deren Zahl durch das Verb begrenzt und determiniert ist, ist die Anzahl der Angaben im Satz nicht begrenzt. Aktanten sind laut Tesnière immer Substantive oder
4 Vgl. Storrer, (1992) S.56
5 Tesniere, (1980) S.161
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Äquivalente von Substantiven. Angaben hingegen sind Adverbien oder Äquivalente von Adverbien. 6 Damit beschränkt Tesnière die Valenz bei den Satzgliedern auf Subjekte und Objekte.
In der Nachfolge Tesnières wurde vielfach Kritik an seiner Valenztheorie laut. Das betraf insbesondere die problematischen Fragen nach der Rolle der Satzglieder und nach den Ebenen der Valenz. Diese Themen werden bis heute von den Valenzforschern mit sehr unterschiedlichen Ansätzen dargestellt.
Tesnière folgt der traditionellen Satzgliedlehre, indem er zwischen Objekten und Adverbialbestimmungen einen grundsätzlichen syntaktischen Unterschied macht. Ausgeschlossen aus den Valenzbeziehungen sind damit die Präpositionalgruppen (d.h. Präpositionalobjekte und Adverbialbestimmungen) und die Prädikativa. 7 Außerdem findet in Tesnières Untersuchungen der Grad der Notwendigkeit der Aktanten keine Beachtung, es wird entsprechend nicht deutlich, ob ein Aktant im Satz obligatorisch ist bzw. auch fakultativ sein kann. Auch in der Frage nach den verschiedenen Ebenen der Valenz bleiben bei Tesnière viele Probleme offen.
So stellt Storrer in ihrer vergleichenden Untersuchung zur Verbvalenz (1992) fest, daß der Valenzbegriff von Tesnière nicht präzise genug in die Linguistik eingeführt wurde. Sie macht deutlich, daß er zwar die strukturelle und semantische Ebene der Valenz unterscheidet, das Verhältnis der Ebenen zueinander aber nur oberflächlich untersucht hat. 8 . Auf die unterschiedlichen Ebenen der Valenz möchte ich im folgenden näher eingehen.
3. Ebenen der Valenz
Schon seit langem sind sich die Sprachwissenschaftler darüber einig, daß Valenz auf unterschiedlichen Ebenen der Sprache existiert. Der Begriff der sprachlichen Ebenen wird von Welke wie folgt definiert:
„Ebenen sind Strukturaspekte des Satzes, die als relativ selbständig angesehen werden und für die deshalb eigene Elemente und eigenständige Beziehungen zwischen den Elementen angesetzt werden. z.B. syntaktische und semantische Ebenen und Beziehungen.“ 9
6 Vgl. Tesniere, (1980) S.93
7 Vgl. Helbig (1971) S.32
8 Vgl. Storrer, (1992) S.28
9 Welke (1988) S.97
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M.A. Uta Ziegler, 2002, Valenz deutscher Verben, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Ingerfeld
Bewertung.
DieseHausarbeit ist logisch aufgebaut und besonders anschaulich durch entsprechende Beispiele.
Leider wurde es versäumt, den jüngeren Forschungsstand aus dem HSK-Band Dependenz zu konsultieren.
Die fakultativen und obligatorischen Ergänzungen sind zwar richtig definiert, aber leider genau verkehrt mit dem falschen Beispiel versehen(S. 13). Ebenso stellen sich kleine Ungereimtheiten und Flüchtigkeitsfehler ein, die (z.B. S. 8, wo es im Wortlaut syntaktische Valenz unabhängig von...." zu Unklarheiten und Verwirrung führen, was angesichts des zu bezahlenden Preises eher negativ in die Waagschale zu werfen ist!
on Tuesday, April 05, 2005-
Hannah Schelter
I.O..
Soweit schön strukturiert und übersichtlich, sprachlich auch sehr schön, abgesehen von einigen sprachlichen unklarheiten.
ärgerlich sind kleine bis grobe flüchtigkeitsfehler, wie die verwechslung von fakultativ und obligatorisch, und die behauptung "ich" in "ich wasche mich" sei semantisch leer. solche korrekturen wurden durch die dozentin sicherlich vorgenommen und hätten korrigiert werden können/sollen(müssen...
on Thursday, October 06, 2005-