1. Allgemeines zu dieser Oper
Franz Schreker, der auch Klaviermusik, Orchesterwerke und Kammermusik komponiert, schrieb ebenfalls das Libretto seiner Opern Die Gezeichneten selbst. Sie wurde am 25. April 1918 in Frankfurt am Main uraufgeführt und zu einem grandiosen Erfolg. Chronologisch und auch aufgrund ihrer inhaltlichen Merkmale ordnet man diese Oper in die Frühe Moderne ein (1890-1930)
2. Thematische Schwerpunkte bei der Librettoanalyse der Oper
Die Frühe Moderne (ca. 1890 - ca. 1930) ist, wie jede Literaturepoche durch verschiedene charakteristische Merkmale gekennzeichnet, durch die sie sich klar vom ihr voraus gegangenem Realismus abgrenzt. So steht beispielsweise in der Epoche der Frühen Moderne die Individualpsychologie besonders im Vordergrund, oft im Zusammenhang mit einem Selbstfindungsprozess, der sich während der Dramenhandlung vollzieht. Des Weiteren gewinnt der Tod eine völlig neue Bedeutung. Ist er im Realismus ein Endpunkt wird er nun vielmehr als neue Chance gesehen.
Doch viel deutlicher ist der Unterschied im Bereich der Liebe, Erotik und Sexualität zu erkennen, der in dieser Epoche relativ häufig Themenschwerpunkt wird. Es kommt in diesem Zusammenhang zu einer Neukonzeption der Erotik und einer damit verbundenen radikalen Transformation des bestehenden Werte- und Normensystems. Bewiesen wird dies beispielsweise bei dem Thema Ehebruch. Dieser wird nun nicht mehr in jedem Fall sanktioniert, wie es in Realismus traditionell der Fall war. Außerdem werden Liebeskonzeptionen wie die einer ausschließlichen, bedingungslosen, individuellen und leidenschaftlicher Liebe, genauso wie perverse Verhaltensweisen erstmals legitim, solang sie als Katalysator dienen um ein emphatisches Leben zu erreichen.. Hier soll nun untersucht werden inwieweit in Schrekers Die Gezeichneten der Bruch der bestehenden Normen und die Neukonzeption der Erotik und damit verbunden die veränderte Sicht auf die Liebe zusammen hängen. Erzwingt das dargestellte neue Werte- und Normensystem der Frühen Moderne automatisch einen veränderten Blick auf Sexualität?
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Welche Veränderungen der Darstellung der Erotik und Liebe, auch bezüglich der Sicht auf die Frau, gibt es im Vergleich zum Realismus und wie werden sie deutlich?
3. Kurzer Handlungsüberlick (Histoire)
Das Libretto erzählt die Geschichte des verkrüppelten Edelmannes Alviano Salvago, der in Genua (Italien) lebt. Die Handlung spielt im 16. Jahrhundert -eine Zeit in der sich „das reale“ Italien in der Hochphase der Renaissance befindet. Alviano ist Besitzer und Erschaffer der Insel „Elysium“, die vor den Toren der Stadt liegt. Das Libretto beginnt als er seinen Freunden - ebenfalls genuesische Edle - offenbart, dass er seine Insel an die Bürger der Stadt verschenken möchte:
„Morgen Abend, nach Einbruch der Dämm’rung, im Beisein des hohen Senates und des Podestá, mit
großem Gepräng geb‘ ich’s preis allem Volk.“ (S. 10)
Diese sind damit nicht einverstanden, da die Insel der Raum für ihre sexuelle Entfaltung mit Damen aus der Stadt ist:
„So hör‘ doch! Wir sind in Gefahr. Er liefert uns aus - diesen lumpigen Bürgern! Der Eingang zum
unterirdischen Saal! Wir müssen’s hindern -! (S. 18)
Sie lassen Frauen entführen und halten sie in einer Liebesgrotte auf der Insel fest um sich an ihnen zu vergehen. Dann verliebt sich die junge Tochter des Podestá Carlotta in den Edelmann Alviano. Diese wird allerdings gleichzeitig von seinem Kumpanen Tamare heiß begehrt und umworben.
Die Edelmänner versuchen derweil die Schenkung der Insel zu verhindern, was ihnen allerdings letztlich nicht geling. So gelangen die Bürger Genuas auf die Liebesinsel und geben sich dort ihrem Staunen, aber auch teilweise ihren Trieben hin. Als Carlotta die Insel betritt verfällt sie den körperlichen Reizen Tamares und ihre Liebe zu Alviano sieht sie als vergangen. Alviano tötet aus Rache seinen Widersacher Tamare und Carlotta stirbt - aufgrund ihres Herzleidens - an den Folgen des Liebesaktes mit Tamare. Auch die Ritter finden auf der Insel ihre gerechte Strafe.
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4. Konfrontation zweier oppositioneller Liebeskonzepte
In Die Gezeichneten tritt die neue Vorstellung der Erotik sehr deutlich in den Vordergrund. Bereits auf den ersten Blick, fällt die Perversität der Idee auf, eine Insel entstehen zu lassen, auf die Frauen gegen ihren Willen, zum Ausleben männlicher, sexueller Phantasien verschleppt werden. Noch dazu wurde diese Insel von einem Mann geschaffen, der aufgrund seiner eigenen Minderwertigkeitsgefühle nicht einmal selbst am Treiben dort teilnehmen will, sondern durch deren Erschaffung nur seine Gier nach Schönheit stillen wollte, sich aber ansonsten von dem sexuellen Geschehen dort stark distanziert:
„Vergesst mich, - den Krüppel- Käm der zu den Festen, so wie Ihr begehrt - er vergällte sie Euch - und
statt der Luft zög das Grausen ein! […] Scheut Ihr der Entdeckung Gefahr - so meidet ihn künftig;
[…]“ (S. 8ff.)
Alviano begreift sich also als Störfaktor in seiner eigens geschaffenen Kunstwelt. Trotz allem wird deutlich wie sehr er sich nach Liebe, Anerkennung und der Befriedigung seiner sexuellen Wünsche sehnt. Besonders eindeutig wird dies im Zusammenhang mit Carlotta. Diese scheint er aufrichtig zu lieben. Er akzeptiert, dass ihm eine Auslebung seiner sexuellen Wünsche mit ihr verwehrt bleibt.
Der Text vermittelt der Text das Gefühl, dass der Durst nach sexueller Erfüllung nur in Zusammenhang mit Gewalt gestillt werden kann, denn „Die Schönheit sei Beute des Starken.“ (S. 6) Alviano ist - im Gegensatz zu Tamare nicht willens ist, sich Carlotta mit Gewalt zu holen, da dies weder seinem persönlichen Normenempfinden noch dem des „offiziellen“ bürgerlichen Wertesystems der Stadt entspricht. Er liegt ihr zu Füßen und würde alles für sie tun:
„Du Süße, Du Arme - Du Schönste -! Du gabst mir das Leben, den Glauben wieder an Gott und die
Menschheit. Ich will allesm was ich habe - Dir weih’n - ich will mich selbst breiten unter Deine Füße,
ich will - unendlich gut - und will - - (erstickt) zart - zu Dir sein - - - - - - -.“ (S. 49) Damit wird er zum extremsten Gegenpol Tamares. Bei diesem auf der anderen Seite scheinen Sexualität und Gewalt unumgänglich zueinander zu gehören. Bekommt er seine Wünsche nicht freiwillig erfüllt, setzt er sie mit Gewalt durch. Dies ist vergleichbar mit Johann Wolfgang von Goehtes Ballade Der Erlkönig (1782):
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„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt,
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!“ 1
Ob Schreker hier allerdings bewusst Parallelen zieht ist nicht bekannt, da sexuelle Gewalt in der Frühen Moderne öfter von verschiedensten Autoren thematisiert wird. Es gab um die Jahrhundertwende einen regelrechten „Boom“ an Literatur zu diesem Thema: Künstler, Philosophen, Mediziner, Psychologen, Biologen, Sozialreformer oder Politiker befassten sich alle mit der 'sexuellen Frage'.
4.1 Tamare als personifizierte Verkörperung der Neukonzeption der Erotik Tamare ist der Graf von Genua und damit dem wohlhabenden Bürgertum zuzuordnen. Er ist, nach Alviano und Carlotta der dritte wichtige Protagonist dieses Librettos. Dargestellt als Inbegriff männlicher Kraft, fungiert als Verkörperung der neuen Ansichten zu Erotik und Sexualität. Manchmal nimmt diese Darstellung sogar animalische Züge an, die schon 1901 psychologisch begründet werden können. „In der grobsinnlichen Liebe, in dem wollüstigen Drang, den Naturtrieb zu befriedigen; steht der Mensch auf gleicher Stufe mit dem Thier […]“ 2 Der als Frauenheld bekannte genuesische Edelmann macht in der Begegnung mit Carlotta zum ersten Mal eine Erfahrung, bei der er nicht mehr der genießende, stolze Überlegene sein kann. (S.31,33)
Das Zeitalter der Aufklärung (ca. 17. Und 18. Jahrhundert), welches sich mit der Literaturepoche der Frühen Moderne teilweise überschneidet, war von Religionskritik geprägt. Diese verlangte dann in ihrer Folge nach einer Neudefintion von Geschlecht und Sexualität. 1859 veröffentlichte Darwin dann sein Hauptwerk zu evolutionären Entwicklung On the Origin of Species in dem er nachwies, dass der Mensch vom Affen abstammt, jeder also etwas Animalisches in sich trägt. Zudem werden 1905 Freuds Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie publiziert, in denen er die Trieblehre erklärt. Ziel des Menschen ist demnach die Befriedigung eben dieses naturgegebenen Sexualtriebs. Dies alles spielt eine Rolle für das 1911 erschienene Werk Die Gezeichneten, denn durch Tamare wird genau dieser Drang des Menschen personifiziert. Er tobt sich rücksichtslos an den Damen der Stadt aus. Besonders deutlich schlägt sich seine Brutalität und Rücksichtslosigkeit im Umgang und seinem Denken über Frauen aus. Diese sind für ihn eher Objekt oder eine Art Ware, über die er zwar zunächst nicht frei verfügen kann, weil auch er den Anschein wahren muss, ein Vertreter des dortigen
1 Goethe 1966.
2 Krafft-Ebing 1991: 1.
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Arbeit zitieren:
Stefanie Groß, 2010, Schrekers Oper "Die Gezeichneten" - Librettoanalyse, München, GRIN Verlag GmbH
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