WWU Münster/WS 2001/2002
Institut für Ägyptologie und Koptologie
Übung: Kunst und Kultur der Amarnazeit
Die Nachfolge des Echnaton
Christian E. Schulz
I. Einleitung
Innerhalb der mehr als dreitausendjährigen Geschichte Ägyptens nimmt die mit ca. 17 Jahren vergleichsweise kurze Zeit der Herrschaft Amenhoteps IV., bekannter unter dem Namen Echnaton, zweifelsohne eine Sonderstellung ein. Diese Epoche, die von Umbrüchen auf religiösem und vielerlei anderen Gebieten geprägt war, zog gerade durch ihre Andersartigkeit großes Interesse von fachlicher wie auch von öffentlicher Seite auf sich. Vieles jedoch, was man über die Amarnazeit zu wissen glaubt, beruht auf Spekulationen und man stößt auf eine Vielzahl von sich widersprechenden Aussagen. Dies trifft insbesondere für die Frage nach den Ereignissen am Ende der Amarnazeit und dem unmittelbar darauf folgenden Zeitraum zu. Viele Mißverständnisse konnten durch den stetig wachsenden Stand der Forschung berichtigt werden, aber auch die Betrachtung der selben Quellen kann zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Schwierig ist es in diesem Kontext auch, die Frage zu beantworten, wer direkt auf Echnaton folgend vor der Herrschaft des Tutanchamun den ägyptischen Thron innehatte. Es sollen hier nun im Folgenden die vorliegenden Ansätze zum Problem der Nachfolge des Echnaton anhand der wichtigsten zu jedem Standpunkt herangezogenen Belege diskutiert und der Versuch unternommen werden, Fragen zu klären, die in diesem Zusammenhang wichtig sind, um den wahrscheinlichsten Hergang der Ereignisse nach Echnatons Tod rekonstruieren zu können. Grundsätzlich lassen sich zwei Arten von Ansätzen unterscheiden, bei denen der eine von einem männlichen Nachfolger Echnatons ausgeht, während der andere voraussetzt, daß nach Echnatons Tod eine Frau den Thron bestieg. 1 Im Rahmen dieser beiden Möglichkeiten werden eine Reihe von Personen in Betracht gezogen. Zunächst jedoch sollen die Namensformen, die man Echnatons Nachfolger im Allgemeinen zuschreibt, untersucht werden, da gerade sie Anlaß zu Verwirrung geben können, denn es ist nicht gesichert, ob die vorliegenden Namen einem oder mehreren Herrschern zuzuordnen sind.
1 Allen, GM 141, S. 7-9.
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II. Namen
Es lassen sich grundsätzlich vier Namensformen herausstellen, die einem oder mehreren Nachfolgern Echnatons zugeordnet werden können und entweder allein stehen oder mit verschiedenen, zum Teil auf Echnaton anspielenden, Epitheta versehen sind. 2
a) @MWgWOQVgQ@V: tritt entweder allein auf oder aber zusammen mit einem von fünf Epitheta in einer Kartusche:
1) @MWgWOQVgQ@V LQX MEQgWOQVgQ@V (Geliebter des Nefer-cheperu-re). Bei
2) @MWgWOQVgQ@VLQXV@gMgQ@V (Geliebter des Waenre).
3) @MWgWOQVgQ@VLQXISM(Geliebter des Aton). 4) @MWgWOQVgQ@VO"")L"WSgISMM(der Diener von Achetaton). 4
b) @MWSgWOQVgQ@VLQXSSV@gMgQ@VVGeliebte des Waenre 5 : ist nur in dieser Form belegt.
c) MEQgMEQVgISM: diese Namensform gibt es entweder zusammen mit dem Namen Nofretetes in einer Kartusche oder aber mit einem von drei Epitheta: MEQgMEQVgISMLQX"WgMgISMM(Geliebter des Echnaton). 2) MEQgMEQVgISMMLQXV@gMgQ@VV(Geliebter des Waenre). 3) MEQgMEQVgISMM)N""(Herrscher). 6 4) MEQgMEQVgISM"WSSMGIR(nützlich für ihren Gatten). 7
d) RLMWgJ"gQ@VV%RQgWOQVV(heilig an Erscheinungen) 8 : tritt nur ohne Epitheta auf.
2 Allen, GM 141, S. 9f; Gabolde, D`Akhenaton, S. 147f; Krauss, Amarnazeit, S. 30-36 u. 84-90; Samson, GM
32, S. 53-56.
3 Gabolde, D`Akhenaton, S. 148; Krauss, Amarnazeit, S. 30-33; Murnane, Coregencies, S. 176f; Samson, GM
32, S. 53-56.
4 Allen, GM 141, S. 9; Beckerath, Königsnamen, S. 200f; Gabolde, D`Akhenaton, S. 148f; Murnane,
Coregencies, S. 176f; Samson, GM 32, S. 53-56.
5 Allen, GM 141, S. 9; Gabolde, D`Akhenaton, S. 148; Murnane, Coregencies, S. 176f; Samson, GM 32, S. 53-
56.
6 Allen, GM 141, S. 9; Beckerath, Königsnamen, S. 200f; Gabolde, D`Akhenaton, S. 148-151; Murnane,
Coregencies, S. 176f; Samson, GM 32, S. 53-56.
7 Beckerath, Königsnamen, S. 200f; Eaton-Krauss/Krauss, BiOr 58, Sp. 94; Gabolde, D`Akhenaton, S. 153-157;
Murnane, OLZ 96, Sp. 16.
8 Allen, GM 141, S. 9; Gabolde, D`Akhenaton, S. 217; Murnane, Coregencies, S. 176f; Samson, GM 32, S. 53-
56.
2
Diese Namen können in verschiedenen Kombinationen miteinander auftreten, doch es lassen sich auch hier Regeln fassen, nach denen sie benutzt werden. So kann der Name @MWgWOQVg Q@V ohne Epitheta allein stehen, aber auch mit dem der Meritaten kombiniert sein. Diese Form jedoch begegnet einem auch zusammen mit dem Name RLMWgJ"gQ@VV %RQgWOQV Mit einem der oben herausgestellten Epitheta steht @MWgWOQVgQ@V entweder allein oder mit MEQg MEQVgISM. Die feminine Form @MWSgWOQVgQ@V ist nicht in Verbindung mit anderen Namen belegt. 9
/EQgMEQVgISM hingegen ist in zwei unterschiedlichen Gebrauchsweisen bekannt. Zum einen gibt es diese Form in Kombination mit Nofretetes Namen, zum anderen verknüpft mit @MWg WOQVgQ@V + Epitheta, wie oben bereits angemerkt. eLMWgJ"gQ@VV %RQgWOQV kann allein stehen, aber auch mit @MWgWOQVgQ@V ohne Epitheta verbunden sein. 10
Ausgehend von den obenstehenden Beobachtungen lassen sich drei Kombinationen der Namen aufzeigen 11 :
1) Die Kartusche der Nofretete mit den Formen MEQgMEQVgISMMMEQSISI. 2) Das sogenannte Nefer-neferu-aton Set, bestehend aus @MWgWOQVgQ@V + Epitheton, MEQg MEQVgISM + Epitheton.
3) Das sogenannte Semenchkare Set, bestehend aus @MWgWOQVgQ@V ohne Epitheton, RLMWgJ"gQ@VV%RQgWOQV
Da, wie wir gesehen haben, die Form @MWgWOQVgQ@V + Epitheton nur mit MEQgMEQVgISM + Epitheton auftritt, können die Belege, auf denen sie allein steht, ebenfalls dem Nefer-neferuaton Set zugeordnet werden. Steht @MWgWOQVgQ@V allein, wird die Form generell dem Semenchkare Set zugesprochen. 12 Wem nun die verschiedenen Namen zuzuordnen sind, werden wir im Folgenden betrachten.
III. Männlicher Nachfolger Echnatons
Als einziger möglicher männlicher Nachfolger Echnatons wird im Allgemeinen sein Schwiegersohn Semenchkare angenommen. Ein König dieses Namens ist mit einigen Belegen
9 Allen, GM 141, S. 10; Krauss, Amarnazeit, S. 30-36 u. 84-90; Samson, GM 32, S. 53-56.
10 Allen, GM 141, S. 10; Krauss, Amarnazeit, S. 30-36 u. 84-90; Samson, GM 32, S. 53-56.
11 Allen, GM 141, S. 10; Gabolde, D`Akhenaton, S. 148; Krauss, Amarnazeit, S. 30-36 u. 84-90.
12 Allen, GM141, S. 10.
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vertreten. So gibt es verschiedene Weinkruginschriften 13 aus Amarna, auf denen das Gut des RLMWgJ"gQ@VV%RQgWOQV im Jahr 1 belegt ist. Der darauf auftretende Winzertitel eines )QIgA@), der von Echnaton in seinem 13. Regierungsjahr eingeführt und von Tutanchamun wieder in )QIgJ"gLV geändert worden war, weist auf einen König, der zwischen den beiden vorhin genannten herrschte, hin. Weitere Zeugnisse nennen diesen König bis in sein drittes Jahr. 14 Aus Amarna liegen einige Statuenköpfe vor, die ebenfalls Semenchkare zugeordnet werden. 15 Zudem gibt es aus Grab 55 im Tal der Könige die Mumie eines Mannes, bei dem ein Alter von etwa 20 bis 26 Jahre zum Zeitpunkt des Todes sowie eine enge Verwandtschaft mit Tutanchamun nachgewiesen werden konnte. Aufgrund des festgestellten Alters und verschiedener anatomischer Gesichtspunkte verbietet sich eine Gleichsetzung dieses Leichnams mit dem des Echnaton. 16 Die fragliche Mumie nun befand sich in einem Sarg, der ursprünglich für eine Frau angefertigt worden war, bei der es sich höchstwahrscheinlich um Kija, eine Nebenfrau Echnatons, handelt. Der Sarg wurde so umgearbeitet, daß er einen männlichen König aufnehmen konnte. Dies wird vor allem an den Texten deutlich, in denen Kijas Name durch Titel eines Königs sowie dessen Namen, der in allen Fällen wieder getilgt wurde, ersetzt wurde. 17 Bei dieser Mumie könnte es sich um die sterblichen Überreste des Königs Semenchkare handeln.
Als weitere Namen Semenchkares werden generell die Namenskombinationen, die aus dem Nefer-neferu-aton Set und dem Semenchkare Set bekannt sind, angesehen. Die Form @MWg WOQVgQ@V ist dabei der Thronname, während RLMWgJ"gQ@V + Epitheta sowieMEQgMEQVgISM als zwei unterschiedliche Geburtsnamen gelten. @MWgWOQVgQ@V ist aber auch in der femininen Form @MWSgWOQVgQ@V belegt, was als Verschreibung interpretiert wurde. Die Zuweisung dieser Form zu einem männlichen König sollte man jedoch mit Vorsicht behandeln. MEQgMEQVg ISM ist, wie wir wissen, auch als einer der Namen Nofretetes bekannt. 18
Probleme wirft aber nun auch die Frage nach der Identität Semenchkares auf, denn Belege, die über seine Herkunft Aufschluß geben, sind nicht auf uns gekommen und so ist wiederum der Spekulation Raum gegeben. So wurde Semenchkare von Krauss 19 für einen Sohn Echnatons mit einer Nebenfrau gehalten, während andere als seinen Vater Amenhotep III.
13 Krauss, MDOG 129, S. 243, Abb. 5; Pendlebury, CoA III, pl. LXXXVI, 35.
14 Helck, OLZ 60, Sp. 561; ders., LÄ V, Sp. 837; Krauss, Amarnazeit, S. 6 u. S. 90f.
15 Roeder, ZÄS 83, S. 46f u. Taf. IV.
16 Allen, GM 141, S. 7f; ders., JARCE 25, S. 121f; Roeder, ZÄS 83, S. 67f.
17 Allen, GM 141, S. 8; ders., JARCE 25, S. 122; Hanke, Amarna-Reliefs, S. 171-174; Roeder, ZÄS 83, S. 67.
18 Harris, Acta Orientalia 36, S. 12ff; Krauss, Amarnazeit, 32-34 u. 84-90; Samson, GM 32, S. 53-56.
19 Krauss, Amarnazeit, S. 79f.
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oder auch Eje ansahen 20 . Zuletzt wurde von Gabolde 21 die Ansicht, Semenchkare sei in Wirklichkeit der Hethiterprinz Zananza, in die Diskussion eingebracht. Alle Aussagen zur Identität Semenchkares jedoch beruhen auf Vermutungen und nach derzeitigem Kenntnisstand kann keine eindeutige Antwort gefunden werden. Mit Sicherheit kann nur gesagt werden, daß Semenchkare Meritatens Gatte war und erst durch seine Heirat mit ihr die Berechtigung zur Thronfolge erhielt. 22
Akzeptiert man nun Semenchkare als König nach Echnaton, verbleiben drei mögliche Szenarien der Nachfolgeregelung: Semenchkare kann schon zu Lebzeiten seines Vorgänger im Rahmen einer Koregenz mit diesem gemeinsam regiert haben. Vorstellbar ist aber auch, daß Semenchkare erst nach Echnatons Tod die Regierungsgeschäfte übernahm. Zuletzt nun kommt Gaboldes Hypothese zum Tragen, nach der Meritaten als Witwe Echnaton, die lediglich „kommissarisch“ regierte, beim hethitischen König einen Nachfolger „anforderte“.
a) Koregenz Echnatons mit Semenchkare
Mit dem Begriff der Koregenz ist allgemein der Umstand gemeint, daß zwei Könige, gewöhnlich ein älterer und ein jüngerer, gleichzeitig die Regierungsgeschäfte führen. Beide tragen dabei die üblichen Titulaturen und fünf Königsnamen, ebenso gibt es eine doppelte Jahreszählung. 23
Gängige Lehrmeinung war lange Zeit, daß Echnaton in seinen letzten Jahren die Herrschaft mit Semenchkare zusammen ausübte. Nachdem schon Petrie 24 1894 eine dahingehende Vermutung geäußert hatte, publizierte 1928 Newberry 25 einen Artikel, in dem er für eine gemeinsame Regentschaft der beiden Könige plädierte. Schlüssige Argumente gegen diese Koregenz konnte erst 1973 Harris 26 vorlegen.
Als erster sicherer Beleg für eine Koregenz Echnatons mit Semenchkare wurde ein Kasten aus dem Grabe des Tutanchamun angesehen, der mit den Namen Echnatons, Semenchkares und
20 Helck, LÄ V, Sp. 837-841; ders., OLZ 60, Sp. 560f; Roeder, ZÄS 83, S. 44f.
21 Gabolde, D`Akhenaton, S. 186-223; ders., Amarnazeit, S. 30-38.
22 Helck, LÄ V, Sp. 839; Murnane, OLZ 96, Sp. 20.
23 Helck, LÄ IV, Sp. 155-161.
24 Petrie, Amarna, S. 42f.
25 Newberry, JEA 14, S. 3-9.
26 Harris, Acta Orientalia 35; ders., Acta Orientalia 36.
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Arbeit zitieren:
Magister Artium Christian E. Schulz, 2002, Die Nachfolge des Echnaton, München, GRIN Verlag GmbH
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