Schweden steht immer noch vor dem Problem, welches bereits Beth Hennings, Autorin einer der umfassendsten Biografien von Gustav III., in den 1960er Jahren konstatierte: Zitat „das Quellenmaterial über diesen König zu erschließen, sei eine von der schwedischen Geschichtsforschung noch immer nicht gelöste Aufgabe.“ Zitatende Zwar liegen viele Details seines Handelns und seiner Einstellung noch im Dunkeln, gerade in Bezug auf seine Sichtweise hinsichtlich des schwedischen Adels, die er mit französischen Freundinnen sowie französischen Aufklärern in Briefen erörterte. Doch genau hier bietet sich ein Ansatzpunkt für weitergehende Forschungen, indem Reaktionen der hier erwähnten Brieffreunde an Dritte beleuchtet werden, um ein möglichst umfassendes wie transparentes Bild dieses Herrschers zeichnen zu können. Die Geschichte vom vermeintlichen Heldenkönig Gustav III. bietet ungemein viele Möglichkeiten, um sich seiner Biografie und damit einhergehend auch der Geschichte des aufgeklärten Absolutismus in Skandinavien zu nähern.
Doch lassen Sie sich von mir nun in das Schweden des 18. Jahrhunderts entführen, indem wir uns gedanklich kurz in dieses malerische Land im Norden Europas begeben und sehen, dass in dieser Zeit ein enormer Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen ist. Waren es um 1720 ca. 1,5 Millionen Einwohner, so belegen Bevölkerungsstatistiken für das Jahr 1790 bereits fast 2,5 Millionen Menschen. Diese lebten vornehmlich im ländlichen Bereich in Schweden, welches sich aus dem auch heute bekannten Kernland zusammensetzte, allerdings gehörten ebenso Finnland und weiteren Provinzen, u.a. in Pommern und das von Oldenburg nicht allzu entfernte Verden mit zur schwedischen Krone. Die größte Stadt zu jener Zeit war neben dem südlich gelegenen Göteborg und Malmö die Hauptstadt Stockholm als politisches und kulturelles Zentrum des Landes mit fast 70.000 Einwohnern. Aufgrund der stetig wachsenden Bevölkerung und der sich dadurch ergebenden Notwendigkeit, die Versorgung der Einwohner zu gewährleisten bzw. zu verbessern, waren entscheidende Impulse seitens der königlichen Herrscher notwendig, sodass z.B. ein großflächiger Kartoffelanbau betrieben wurde, um dem Problem der Hungersnot zu begegnen. Machtpolitisch spielte Schweden seit dem Großen Nordischen Krieg (1700-1721) mit Russland, Dänemark-Norwegen und Sachsen, bei dem es um die Hegemonialstellung im Ostseeraum mit den damit zusammenhängenden Vorteilen des Seehandels ging, im europäischen Kontext nicht mehr die Rolle, die ihm Vorgänger wie der berühmte Gustav II. Adolf in großen Schlachten hundert Jahre zuvor, wie z.B. in Lützen oder Breitenfeld, gesichert hatten. Mit dem Ende des Großen Nordischen Krieges 1721 wurde Schweden aus dem Konzert der Großmächte
Absolutismus in Schweden, indem vor allem der Ratsadel die politische Szene beherrschte und das Land die sogenannte „Freiheitszeit“ überführte.
Es gab zu jenem Zeitpunkt zwar noch einen König, Frederik I., doch er besaß nur eine recht beschränkte Macht, war er doch bei Entscheidungen der Anhörung des Reichsrats unterworfen. Die fast 55 Jahre andauernde „Freiheitszeit“ markierte den Übergang der rein absolutistischen Herrschaft eines Gustav II. Adolf und seiner Nachfolger hin zum Wirken Gustav III, der im Jahre 1746 in Stockholm das Licht der Welt erblickte. Seit mehr als 50 Jahren war Gustav III somit der erste Thronfolger, der in seinem Land und nicht an einem fernen, mit dem Herrscherhaus verwandten Hof geboren wurde. Seine Eltern, König Adolf Frederik und seine Frau, Louisa Ulrika, konnten unterschiedlicher nicht sein. Adolf Frederik, der von seinen Zeitgenossen als unpolitischer Mensch ohne große Ambitionen beschrieben wurde, trat neben Gustavs Mutter gänzlich in den Hintergrund. Er ist den Schweden heute noch als der König im Gedächtnis, der aufgrund seines ungezügelten Verlangens nach Hummer, Kaviar, geräucherten Heringen und fast 14 Portionen seines Lieblingsnachtisches an den Folgen eines Schlaganfalls verstarb.
Ganz anders hingegen seine Frau. Louisa Ulrika war Preußin, Tochter des „Soldatenkönigs“ Friedrich Wilhelm I und damit Schwester Friedrichs des Großen. Genau wie ihr Bruder war sie durch und durch der französischen Kultur zugetan, was sich in ihrer Bewunderung für Voltaire zeigte, den sie mehrmals am Hof ihres Vaters traf und sich als Schülerin wie Freundin des Franzosen sah. Sie war, wenn man der Beschreibung ihres Bruders Friedrich Glauben schenken mag, eine „jähzornige, hochmütige und intrigante“ Person, die zudem machtbesessen und ehrgeizig war. Das aus ihrer Sicht so rückständige Schweden und insbesondere der schwedische Hof waren ihr aufgrund der politischen Einengung durch den Reichsrat zutiefst zuwider, war sie aus Preußen doch einen gänzlich anderen, vollkommen absolutistisch anmutenden Umgangston gewohnt. Ihre persönlichen Ambitionen projizierte sie daher auf ihren Sohn, Gustav III., der die Ideale seiner ehrgeizigen Mutter komplett erfüllte. Gustav III. war von hoher Auffassungsgabe und mit einem scharfen Verstand gesegnet, der schon früh seinen später so berüchtigten Charme entwickelte. Er lernte schnell und was an dieser Stelle besonders betont werden muss: er lernte es zügig, die Rolle zu spielen, die von ihm verlangt wurde. Ein Talent, das ihn in seinen späteren Jahren noch ungemein viele Situationen erfolgreich bestehen ließ.
Wanderungen bei langem Tempo und Ausritte auch bei widriger Witterung. Seine Willensstärke, die er beim Lernen und beim Sport an den Tag legte, beeindruckte die Mutter derart, dass sie ihn bestimmt mit dem Prädikat „preußisch“ versehen hätte. Die Erziehung des jungen Thronfolgers wurde in die Hände eines erfahrenen wie weltgewandten Mannes gelegt, Carl Gustav Tessin. Dieser Graf hatte Schweden jahrelang als Botschafter in Frankreich vertreten und dabei die Kultur des Gastlandes begeistert in sich aufgenommen und war damit geradezu prädestiniert für die sittliche, politische und ganz besonders die kulturelle Erziehung Gustavs. Frankreich und seine vielfältigen Ideale hinsichtlich Herrschaft, Kultur und Gesellschaft wirkten bereits zu diesem frühen Zeitpunkt auf die Entwicklung des jungen Monarchen. Doch die Aufgabe der Erziehung Gustavs III. war für den Grafen schwieriger als gedacht, denn in der Königsfamilie wurde hauptsächlich deutsch gesprochen und nicht wie man annehmen könnte, schwedisch. Dies lag daran, dass beide Elternteile aus Deutschland stammten und neben dem Deutschen fehlerfrei in Französisch, der Sprache der unangefochtenen und führenden Kulturnation jener Zeit, parlierten. Schwedisch spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle und wurde von beiden nur mehr als dürftig gesprochen. Neben dem Schwedischen erlernte Gustav III also simultan Französisch, was den Grundstein für seine späteren frankophilen Neigungen legte. Durch den Unterricht bei seinem Lehrer Tessin kam der junge Gustav auch mit der Geschichte seines Landes in Berührung. Er lauschte aufgeregt den Schilderungen über Karl XI, der ähnlich wie der Sonnenkönig Ludwig XIV. den Absolutismus lebte. Er war begeistert von Karl X., der in seiner kurzen Regentschaft mit halb Europa Krieg führte und den Erzfeind Dänemark bezwang. Doch über allen stand Gustav II. Adolf, jener Vorgänger, dessen Namen er tragen durfte. Dieser große Herrscher, der aufgrund seiner Teilnahme am Dreißigjährigen Krieg als das „Bollwerk des Protestantismus“ stilisiert wurde und nacheinander Dänemark, Polen und Russland niedergekämpft hat, war der personifizierte hjältekung, der Heldenkönig. Und genauso wollte Gustav III. sein, doch diesem ehrgeizigen Ziel stand die aktuelle royalistische Situation in Schweden gegenüber. Dieses Bild hatte nur wenig mit dem von Gustav III. anvisierten Zeitalter einer erneuten schwedischen Großmachtstellung gemein. Zu begrenzt waren die Möglichkeiten, sich als König aktiv in die Politik des Landes einzumischen und es womöglich wieder zu alter Stärke zu führen. Seit der Kapitulation von 1718, bei der sich Schweden aus dem Mächtekonzert verabschiedet hatte, konnte von einem auch innerlich starken Schweden kaum die Rede sein. Der Reichstag mit seinen Ständen war das ausschlaggebende und bestimmende Medium der Zeit, und der König hatte eher repräsentative anstatt autoritärer Macht inne.
Arbeit zitieren:
Roman Behrens, 2010, Der aufgeklärte Monarch: Gustav III. von Schweden, München, GRIN Verlag GmbH
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