Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1: Der Bildbegriff in den Wissenschaften 3
2: Das Bildobjekt nach Lambert Wiesings 5
2.1 Wann wird ein Bild zum Zeichen? 5
2.2 Reine Sichtbarkeit und Artifizielle Präsenz 6
2.3 Das phänomenologische Als 8
2.4 Abgrenzung zur Sprachkritik 12
2.5 Die Frage nach dem Stil, zwei Antworten 14
2.6 Das Bildobjekt als Kohärenzbildung 18
3: Perspektiven der Modelle 21
4: Quellenverzeichnis 24
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1. Der Bildbegriff in den Wissenschaften
Die zunehmende Bedeutung des Bildbegriffs in den Kulturwissenschaften ist nicht erst seit Ausrufung eines ‚Iconic Turns‘ 1 ungleugbar geworden. Es scheint ein Übereinkommen über eine steigende pragmatische Notwendigkeit zu bestehen, sich über alle wissenschaftlichen Disziplinen hinweg mit Formen der Sinnerzeugung zu befassen, die nicht aus Texten hervorgeht, sondern visuellen Darstellungsformen zuzurechnen ist. Weniger univok fallen die Antworten auf das eher epistemologische Problem aus, welche disziplinären Rahmenbedingungen eine solche Bewältigung leisten könnten. Im Zentrum dieses Diskurses steht die Frage nach einer ‚allgemeinen Bildwissenschaft‘, die in Schnittstellen und Plateaus zwischen Medienwissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie, Semiotik, Phänomenologie, Soziologie und vielen weiteren Disziplinen beheimatet wäreohne sich in deren tradiertem methodischen Kanon zu erschöpfen. Der Chemnitzer Philosoph Klaus Sachs-Hombach betreibt das Projekt der Auslotung möglicher Konturen einer ‚allgemeinen Bildwissenschaft‘ seit vielen Jahren und hat in zahlreichen Publikationen die Fluchtlinien eines solchen Unterfangens anskizziert. Bemerkenswert ist sein expliziter Versuch, gerade keinen diskreten disziplinären Zugang zu bevorzugen. Besonders aufschlussreich ist dazu der Interview-Band Wege zur Bildwissenschaft, in dem Sachs-Hombach Gespräche mit sehr heterogenen Partnern führt, die nicht nur zu den einflussreichsten Stimmen der Bildforschung in Deutschland zählen, sondern teils auch diametral entgegengesetzte Positionen einnehmen. Liest man die 280 Seiten aufmerksam, springt eine Frontstellung besonders stark ins Auge: sie dominiert fast den gesamten Band in ihrer Persistenz: Die bekannte Frage, ob ein Bild ein Zeichen sei, ob visuelle Sinnerzeugung sich in zwei- oder mehrwertigen Codes fassen ließe; die Frage also nach der Semiotik. Ohne auf die - teils sehr heterogenen -Vorstellungen, welche (besonderen) Arten semiotischer Praxen sich im Umgang mit Bildern anführen lassen, eingehen zu wollen, lassen sich zwei Beobachtungen deutlich markieren: Die meisten der vertretenen Gesprächspartner erachten die Semiotik einerseits, und eher an der Erfahrung ausgerichtete Forschungsansätze andererseits, dezidiert nicht als einander ausschließende ‚Wege zur Bildwissenschaft‘. Bernhard Waldenfels etwa legt ausdrücklich Nachdruck darauf, man könne gar nicht oft genug betonen, dass eine „Frontstellung“ zwischen Semiotik und Phänomenologie ausgeschlossen sei 2 . Eine zweite Beobachtung aber bleibt, dass Lambert Wiesing, den der Band einer ‚philosophischen Bildwissenschaft‘ zurechnet, genau jede Demarkation nicht nur aufrecht erhält, sondern ausdrücklich akzentuiert. Seine Ausführungen lassen sich pointiert dahingehend zusammenfassen, dass ein Bild
1 Der Begriff wurde 1994 von Gottfried Boehm in Wiederkehr der Bilder geprägt und wird seither Mantra-artig perpetuiert. Vgl. Boehm, Gottfried: „Wiederkehr der Bilder“ in: Ders.: Was ist ein Bild? München: Fink Verlag, 1994.
2 Sachs-Hombach, Klaus: Wege zur Bildwissenschaft. Interviews. Köln: Herbert von Halem Verlag, 2004, S. 63.
niemals als Zeichen zu begreifen sei, da das Bildobjekt (das, was wir im Bild sehen) nicht in seinen physikalischen Beschreibungen zu fassen sei. Es manifestiere sich stattdessen in einer eigenen Art des Seins sui generis, die es in der Welt sonst nicht gebe: In einer ontologischen Setzung 3 wird die ‚reine Sichtbarkeit‘ des Bildobjekts genannt, eine Weise des Seins, die von physikalisch existierenden Dingen und Objekten ebenso unterschieden werden muss, wie vom physikalischen Trägermaterial, aus dem das Bildobjekt notwendigerweise hervorgeht. Die Verwendung jenes Bildobjektes als Signifikanten in einem Repräsentationsverhältnis ist nachgeordnet und kontingent. Zeichen würden generell erst in ihrer Verwendung als solche zu Zeichen - anders das Bild, das niemals aufhören könne, sichtbares Phänomen zu sein 4 . Da Wiesings Position, gerade vor dem Hintergrund der anderen Beiträge des Bandes, deutlich hervorsticht, lohnt es sich der Frage nachzugehen, was jenes ‚Bildobjekt‘ genau ist, das eine uneinholbare Bruchstelle zwischen den disziplinären Zugängen generiert - zumindest in Wiesings Lesung. Die Zielsetzung des folgenden Aufsatzes ist es also, anhand der Schriften von Lambert Wiesing die Spur des Bildobjekts und seinen Manifestationen nachzuzeichnen und gegebenenfalls dessen Grenzen (sowohl in ontologischer als auch in epistemologischer Hinsicht) aufzuzeigen. Die Frage, was ein Phänomen 5 zum Zeichen macht, wird dabei ebenso eine Rolle spielen, wie die Beschäftigung mit dem Problem, ob sich das phänomenologische ‚Als‘ - dass wir bestimmte Linien und Formen eben ‚als‘ ein Haus wahrnehmen - tatsächlich nicht semiotisch erfassen ließe. Es wird sich herausstellen, dass Wiesings Bildverständnis keineswegs homogen ist, sondern mit fortschreitender Publikationsgeschichte punktuelle aber folgenreiche Divergenzen aufzuweisen hat. Im Rückschluss sollen die resultierenden Konsequenzen für die bildwissenschaftliche Forschung angedacht werden.
3 Beispielhaft stellvertretend Wiesings Beschreibung abstrakter Fotografie: „Da man einen so aussehenden Gegenstand noch nicht kannte, hat man hier in einem gleichermaßen einfachen wie aber auch fundamentalen Sinn mittels einer Fotografie einen neuen Gegenstand sui generis geschaffen. Wenn man es pathetisch mag, kann man sagen: Die Welt wird in der Abstrakten Fotografie nicht reicher an Schein, sondern reicher an Sein.“ (Wiesing, Lambert: Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2005, S. 95).
4 Vgl. Sachs-Hombach: Wege, S. 161.
5 Unter einem Phänomen soll mit Wiesing verstanden werden: eine Sache in ihrer konkreten Erscheinungs- und Gegebenheitsweise für ein bestimmtes wahrnehmendes Subjekt. Ein Ding also, wie es „sich im Wechsel von Gegebenheits- und Intentionsweisen als dasselbe [sic!] erweist. (…) Jedes Phänomen ist für ihn [den Phänomenologen -L.W.] immer schon ein Etwas-als-etwas.“ (Wiesing, Lambert: Phänomene im Bild. München: Wilhelm Fink Verlag, 2000, S. 118.)
2. Das Bildobjekt nach Lambert Wiesing
2.1 Wann wird ein Bild zum Zeichen?
Die Frage, die eigentlich am Ende dieser Untersuchung stehen könnte, lässt sich methodisch begründet vorziehen: Wann nämlich ein Phänomen zum Zeichen wird, vor Allem aber: wann nicht? Wiesing beantwortet sie in einem prägnanten Aufsatz im Präsenz-Band mit aller wünschenswerten Deutlichkeit: in Form eines Gedankenganges, dessen klare Konturierung die weiteren Begrifflichkeiten, aber auch die zu füllenden Leerstellen auf der Suche nach dem Bildobjekt, vorgeben kann: Ein Gegenstand wird zum Zeichen alleine durch seine Verwendung als solches. Dieser Vorgang ist arbiträr und konventionell, wir können jeden Gegenstand als Zeichen für jede andere reale oder imaginäre Sache verwenden 6 . Die Substanzfrage ‚was ist ein Zeichen?‘ wird so zu der Funktionsfrage ‚wann ist etwas ein Zeichen?‘ transformiert. Die Antwort ist erfreulich eindeutig: Etwas ist dann ein Zeichen, wenn es als solches benutzt wird 7 . Selbstverständlich werden Bilder oft und häufig als Zeichen verwendet, es bietet sich ja geradezu an: Ein Foto von Peter ist prädestiniert dafür, als Zeichen für Peter verwendet zu werden, wie wir es z.B. aus einem Personalausweis kennen. Dies ist laut Wiesing aber eine kontingente und nicht notwendige Eigenschaft von Bildern: „außerhalb der Kunst verwendet man Bilder als Zeichen. Doch wenn man einen Gegenstand als Zeichen verwendet, dann macht man mit ihm etwas, was keineswegs notwendig ist und worauf in der Kunst gerade verzichtet wird“ 8 .
Es scheint zunächst, als ließe sich die Frage auf das Problem der Bezugnahme, der realweltlichen Denotation, reduzieren. Das bekannte Einhorn-Bild könnte demnach kein Zeichen sein, da es kein Einhorn gibt, auf das es verweisen kann. Sachs-Hombach wendet zu Recht ein, dass die Bezugnahme keinesfalls eine unumstritten notwendige Funktion der Semiotik ist und Wiesing einen sehr speziellen Zeichen-Begriff verwendet, um ihn dann verwerfen zu können. 9 Sein Vorschlag wäre, den Zeichen-Begriff weiter zu fassen und ihn nicht mehr an externe Referenz zu koppeln, sondern bereits das Erkennen eines Inhalts in einem Bild als semiotischen Prozess zu verstehen: Damit wir in einem Bild nicht nur die physikalisch vorhandenen Farben und Flächen ausmachen könnten, sondern eben einen Bildinhalt wahrnähmen, müssten wir einen mentalen Leseprozess bereits vollzogen haben. Wenn man
6 Ebenso zur Bezugnahme auf Eigenschaften, die der Signifikant auch selbst besitzt, etwa: Ein Musterstück im Möbelhaus als Referenz für die Qualität der Produkte. Nelson Goodman hat auf diese besondere, aber keineswegs selten genutzte Art der selbstbezüglichen Denotation hingewiesen und sie als „Exemplifikation“ bezeichnet, vgl. Goodman, Nelson: Sprachen der Kunst, S. 59 f. Da Exemplifikation allerdings nur ein Spezialfall der Denotation ist, spielt dies für die weitere Argumentation keine Rolle.
7 Wiesing: Präsenz, S. 37.
8 Wiesing: Phänomene, S. 112.
9 Sachs-Hombach: Wege, S. 156.
‚etwas‘ in einem Bild erkennen könne, wenn man ihm also einen Inhalt zuspräche, generiere er dann nicht bereits eine Referenz? Wiesing verneint dies explizit mit einem Hinweis, den er im Präsenz-Band klarer strukturieren wird: Ein Bild könne keinen ‚Inhalt‘ haben, es könne nur selbst ‚sein‘ 10 . Ein ‚Inhalt‘ (egal ob real oder fiktiv) wäre tatsächlich ein starkes Indiz dafür, dass wir hier von Zeichengebrauch sprechen müssten, da ein Inhalt stets etwas re-präsentiere, was es selbst nicht sei: Etwas Abwesendes werde be-deutet, gemeint, re-präsentiert oder bezeichnet: All dies wären semiotische Vorgänge. Im Gegensatz dazu präsentiere das Bild (z.B. von Peter) sich selbst, ohne je mit ‚Abwesendem‘ in Berührung zu kommen. Visuelle Darstellungen haben ebensowenig einen Inhalt, einen Sinn, oder eine Bedeutung wie mein Buttermesser (oder irgendein anderer Gegenstand) einen Inhalt, einen Sinn oder eine Bedeutung hat - es sei denn ich entscheide mich in kontingenter, nicht notwendiger Weise dafür, ihn als Zeichen zu verwenden und ihm eine Verwendungs-Regel zuzuschreiben 11 .
2.2 Reine Sichtbarkeit und artifizielle Präsenz
Es stellt sich die Frage, was denn genau als Zeichen fungiert, wenn wir ein Foto von Peter als Zeichen für Peter verwenden: Erst im Präsenz-Aufsatz schafft Wiesing die wünschenswerte Klarheit darüber, indem er die ontologische Existenz des immateriellen Bildobjekts zum Zeichenträger erklärt: Nicht die Farben, Linien, Flächen, Formen auf der Leinwand sind die Gegenstände, die wir (durch kontingenete Anwendung) als externe Referenz auf reale Gegenstände verwenden, sondern: der Signifikant ist das zwischen physischem Objekt und Zeichenprozess eingeschaltete immaterielle Bildobjekt unserer Wahrnehmung. Wann immer wir also von ‚Bildern‘ sprechen ist klar zu differenzieren, ob wir damit den physikalischen Bildträger meinen (Leinwand, Farbe, Monitor etc.) oder das immaterielle Bildobjekt unserer Wahrnehmung (z.B. der Dogen-Palast von Giotto) 12 . Beides steht natürlich in engem Zusammenhang: Das Bildobjekt ist auf den Bildträger angewiesen, doch nicht mit ihm identisch. Zwar nehmen beide den gleichen Ort im Raum ein, doch sind sie für jeden Betrachter leicht auseinander zu halten: Der Bildträger kann angefasst werden, gegebenenfalls gerochen, man kann um ihn herumgehen, ihn hochheben, er altert und ist der Physik unterworfen. Anders die Obstschale (eigtl: ‚das Bildobjekt einer Obstschale‘) im Stilleben, für die all das nicht gilt. Die einzige Eigenschaft einer realen Obstschale, die die imaginäre des Bildobjekts mit dieser teilt, ist ihre Sichtbarkeit. Bildobjekte sind somit Gegenstände und Objekte, die ebenso echt, anwesend und präsent sind wie reale Dinge, mit dem einzigen Unterschied dass ihre Existenz auf reine Sichtbarkeit beschränkt ist: Ihre Sichtbarkeit hängt
10 Vgl. ebd., S. 159 f.
11 Beispielsweise hätte ein Foto von Woody Allen eine andere Bedeutung auf seinem Reisepass, in einer Filmzeitschrift oder in einem Magazin für Herrenmode: Der Sinn des Bildes, der durch Regeln und Codes hergestellt wird, ist im ersten Beispiel die Person Woody Allen, im zweiten vielleicht eine fiktive Rolle, im dritten eventuell die Eleganz des Anzugs. Davon unberührt bleibt die Wahrnehmung des Bildobjekts ‚Woody Allen‘ vorgelagert. Vgl. Wiesing: Präsenz, S. 65 f.
12 Vgl. ebd., S. 48 f.
Arbeit zitieren:
Lukas Roland Wilde, 2010, An den Grenzen des Bildobjekts, München, GRIN Verlag GmbH
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