Inhaltsverzeichnis
Deckblatt I
Eidesstattliche Erklärung II
Inhaltsverzeichnis III
1. Einleitung 1
2. Das historische Vorbild: Johannes Bückler 2
2.1. Die Herkunft Johannes Bücklers 2
2.2. Erste Verbrechen: Kleinkriminalität und ein erster Mord 3
2.3. Die Hochphase des Schinderhannes und seiner Bande 4
2.4. Das Blatt wendet sich 5
3. Was macht den Mythos? 7
4. Verbreitung des Schinderhannesmythos 9
5. Hauptmotive des Schinderhannesmythos 10
5.1. Schinderhannes als edler Held oder Sozialrebell 11
5.2. Schinderhannes als politischer Rebell für die Nation 13
5.3. Schinderhannes als Antisemit 14
6. Schluss 16
Literaturverzeichnis 17
1. Einleitung
Der Mythos Schinderhannes lebt: Bänkelsänger und Bühnenautoren, Journalisten, Juristen und Politiker, vor allem aber die Erzählung des einfachen Volkes, haben zum Bild beigetragen, dass noch heute wirkt. Seit über zweihundert Jahren ist die auf dem historischen Vorbild des Räubers Johannes Bückler aus dem Hunsrück beruhende Figur damit bereits präsent und kann als eine der wichtigsten Gestalten der deutschsprachigen Volkserzählung gelten. Zwar müssen wir davon ausgehen, dass seit der Gründung der Bundesrepublik mit veränderten Feindbildern innerhalb der Gesellschaft auch der Schinderhannes mehr und mehr verblasst. Doch kann gerade seine Rezeptionsgeschichte zeigen, dass der Mythos immer dann neu erblühte, wenn es zur Wiederbelebung der in ihm enthaltenen Feindbilder kam, auch wenn er einige Jahrzehnte im Winterschlaf verbracht hatte.
Die vorliegende Arbeit soll die zugrunde liegende reale Person Johannes Bücklers auf den mythischen Gehalt untersuchen, der ihr als Schinderhannes zugesprochen wurde. Zunächst soll also versucht werden, das, was sich vom Leben des Johannes Bückler zweifelsfrei darstellen lässt, herauszuarbeiten.
Danach soll es darum gehen, warum der Mythos Schinderhannes überhaupt entworfen werden konnte. Hierfür soll zunächst ein theoretisches Modell dargestellt werden, dass den Ursprung von Sagen und Mythen erklären kann und von Dorothee Meigen erarbeitet wurde. Wenn dies bewerkstelligt ist, sollen der Mythos Schinderhannes, seine Verbreitung und die in ihm zum Ausdruck kommenden Motive, näher untersucht werden.
Auf die problematische Quellenlage zu Bücklers tatsächlichem Schaffen ist verschiedentlich hingewiesen worden. 1 Zwar liegen uns mit den sechs Bände umfassenden Mainzer Voruntersuchungsakten 2 zum Prozess gegen Bückler und Komplizen sowie mit der Actenmäßigen Geschichte der Räuberbanden an den beyden Ufern des Rheins 3 des an den Ermittlungen beteiligten Johannes Nicolaus Becker zwei authentische Werke vor, die im Vergleich mit anderen Räuberbanden einen guten Einblick in Organisation und Tätigkeit der so genannten Schinderhannesbande gewähren. Allerdings beruhen auch diese beiden Quellen
1 Ausführlich hierzu: FLECK, Udo: „Diebe - Räuber - Mörder“. Studie zur kollektiven Delinquenz rheinischer Räuberbanden an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, Trier 2003 (Dissertation), S. 15-23. Online unter: http://ubt.opus.hbz-nrw.de/volltexte/2007/399/pdf/Raeuber_01_Text.pdf (eingesehen am 07.03.2009)
2 Diese konnten im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht eingesehen werden, finden sich aber Fleck zufolge in vollständiger Form in den Pariser Archives Nationales sowie in der Stadtbibliothek Trier, unvollständig bzw. gekürzt in der Stadtbibliothek Mainz und in der Hofbibliothek Aschaffenburg, vgl. FLECK, Udo: Kollektive Delinquenz, S. 18.
3 Neu abgedruckt in:
im wesentlichen auf den Aussagen Bücklers und seiner Gefolgsleute und unterliegen zudem zwei Sprachfiltern: vom Hunsrücker Dialekt ins Schriftdeutsch, von diesem ins Französische. Zumindest für Bückler lässt sich zudem annehmen, dass er aus Eitelkeit und strategischem Kalkül vieles bewusst verfälscht hat. 4 Außerdem sind aber gerade zur Figur Schinderhannes schon zu Lebzeiten und darüber hinaus zahlreiche, größtenteils fiktionale, biographische Skizzen und literarische Auseinandersetzungen erschienen, die neben der Volkserzählung der Rheinlande 5 ihren Mythos geprägt haben. Um die von ihnen geprägten Vorstellungen wird es in der vorliegenden Untersuchung zuvorderst gehen. Neben den populären Erzählungen um den Schinderhannes hat es aber auch in der Forschung Kontroversen um die Interpretation der kollektiven Delinquenz der Schinderhannesbande und um die Motivation des Johannes Bückler gegeben. Diese hat auf den Mythos Schinderhannes zurückgewirkt und soll deswegen ebenfalls, der gebotenen Kürze entsprechend allerdings nur in Ansätzen, dargestellt werden. Im Verlauf der Untersuchung wird sich zeigen, dass der reale Johannes Bückler in kaum einer Hinsicht dem mythischen Schinderhannes gerecht wird, dieser aber seine eigene Wahrheit besitzt.
2. Das historische Vorbild: Johannes Bückler
2.1. Die Herkunft Johannes Bücklers
Dem Mythos Schinderhannes liegt der Räuber Johannes Bückler zugrunde, der etwa zwischen 1794 und 1803 an zahlreichen Verbrechen, teilweise führend, beteiligt war. Aus einer im „unehrlichen“ Gewerbe der Abdecker und Scharfrichter tätigen Familie stammend und schon in früher Kindheit unter ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, 6 lag im ausgehenden 18. Jahrhundert der Weg in die kocheme 7 Gesellschaft, die Subkultur der Vaganten, Bettler und Kriminellen, nah. Auch die Mutter Bücklers, Anna Maria Schmitt, hatte aus Armut gestohlen und die Familie hatte deswegen den Heimatort Miehlen im Hunsrück heimlich verlassen müssen. Der Vater, ebenfalls Johannes Bückler heißend, schloss sich wenig später dem
4 Vgl. LUTZ, Dagmar: „Ein Mann, wie er im Buche steht.“ - Versuch einer Lebensbeschreibung des Johannes Bückler, genannt Schinderhannes, in: Siebenmorgen, Harald (Hg.): Schurke oder Held? Historische Räuber und Räuberbanden, Sigmaringen 1995, S. 81.
5 Vgl. hierzu ZENDER, Matthias: Schinderhannes und andere Räubergestalten in der Volkserzählung der Rheinlande, in: Meisen, Karl/ Schier, Bruno (Hg.): Rheinisch-Westfälische Zeitschrift für Volkskunde, Bonn/Münster 1954, S. 84-94.
6 FRANKE, Manfred: Schinderhannes. Das kurze, wilde Leben des Johannes Bückler, neu erzählt nach alten Protokollen, Briefen und Zeitungsberichten, 2. Aufl., Hildesheim 1993, S. 20 ff.
7 „kochem“ bedeutet auf Rotwelsch, dem mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Soziolekt der untersten vagierenden Gesellschaftsschichten, so viel wie „eingeweiht“.
kaiserlich-österreichischen Heer bei Olmütz an, wo die Familie die folgenden drei Jahre bis zu seiner Desertion in Umgebung von einfachen Soldaten verbrachte. Nach der anschließenden Flucht lebte die Familie wieder, unter raschen Wohnortwechseln, im Hunsrück. 8
2.2. Erste Verbrechen: Kleinkriminalität und ein erster Mord
Nachdem Bückler schon in sehr jungen Jahren mehrere „kleine […] Bubenstückchen“ 9 durchgeführt hatte, betrog er im Alter von „15 und ½ Jahren“ 10 einen Wirt, für den er Brandwein hatte kaufen sollen, um einen Louisdor und verließ darum das Haus seiner Eltern aus Angst vor Strafe. Um sich über Wasser zu halten beging er dann seinen ersten Pferdediebstahl. 11 Vermutlich weil er sich noch nicht zutraute, seinen Lebensunterhalt allein mit kriminellen Tätigkeiten zu finanzieren, 12 trat er in die Dienste des Scharfrichters und Abdeckers Johann Niklas Nagel in Bärenbach. 13 Seinem Meister stahl Bückler aber bereits nach einem halben Jahr mehrere Häute, außerdem beging er an unterschiedlichen Stellen im Hunsrück Viehdiebstähle, nun auch häufig in Tatgemeinschaft mit Komplizen. 14 Dieser Abschnitt im Leben Bücklers endete mit seiner ersten Haft in Kirn, der er aber bald entkommen konnte. 15 Es folgte ein Leben ohne festen Wohnsitz und zahlreiche weitere, inzwischen in der Schwere angewachsene Verbrechen. Den ersten Tötungsdelikt beging Bückler gemeinsam mit mehreren Komplizen und Komplizinnen an dem ebenfalls der kochemen Gesellschaft angehörigen Niklas Rauschenberger, „Plackenklos“ genannt. Der „Plackenklos“ hatte ein junges Mädchen, auf das neben ihm und Bückler auch viele andere Vaganten der näheren Umgebung ein Auge geworfen hatte, belästigt und ihre Kleidung gestohlen. Gemeinsam mit einigen anderen Angehörigen der kochemen Gesellschaft begab man sich nun auf einen Feldzug, um die Kleidung wieder zu beschaffen und Rache zu nehmen. Ob die Tötung dabei beabsichtigt war und wer sie letztlich vollzogen hat ist unklar,
8 LUTZ, Dagmar: Lebensbeschreibung, S. 82 f.
9 Procedure instruite par le Tribunal Criminel special ètabli a Mayence pour le Departement du Mont-Tonnérre ..., Mayence ohne Jahr, I, 1, S. 175, zitiert nach LUTZ, Dagmar: Lebensbeschreibung, S. 83.
10 Becker, Johannes Nicolaus: Actenmäßigen Geschichte der Räuberbanden an den beyden Ufern des Rheins,XXX. (Reprint der Originalausgabe Cöln/Keil
11 FRANKE, Manfred: Schinderhannes, S. 28.
12 Vgl. ebd.
13 FLECK, Udo: Kollektive Delinquenz, S. 53.
14 Vgl. FLECK, Udo: Kollektive Delinquenz, S. 53 f., sowie FRANKE, Manfred: Schinderhannes, S. 29 f. und LUTZ, Dagmar: Lebensbeschreibung, S. 83.
15 LUTZ, Dagmar: Lebensbeschreibung, S. 83.
jedenfalls befand sich Bückler von hier an auf der permanenten Flucht vor den Behörden. 16
2.3. Die Hochphase des Schinderhannes und seiner Bande
Kurze Zeit später, zu Beginn des Jahres 1798 beging Bückler dann seinen ersten Raubüberfall, weitere folgten. Bisher überwogen aber noch die zahlreichen, ohne Gewalt an Personen verübten Vieh- und Warendiebstähle. 17 Mit der Ermordung des Juden Simon Seligmann liegt jedoch auch mindestens ein weiteres brutales Gewaltverbrechen vor, bis Bückler Anfang 1799 in Schneppenbach verhaftet und im Simmerner Turmgefängnis eingesperrt wurde. 18 Sein spektakulärer Ausbruch am 20.08.1799 läutete die Hochphase der Schinderhannesbande ein, nach der Genesung von einer auf der Flucht zugezogenen Beinverletzung überwiegen unter den Taten Bücklers und seiner Bagage nun gemeinschaftlich verübte Verbrechen unter Anwendung oder zumindest Androhung von Gewalt. 19 Die Opfer waren nun meist Juden, die als Händler tätig waren und denen die Zeitgenossen feindlich begegneten, häufig sogar die Hilfe verweigerten, wenn sie durch Räuber bedrängt wurden. 20 Als bei einem Einbruch ein Mann ermordet wurde und sich der Fahndungsdruck auf ihn erhöhte, wechselte Bückler auf die rechte, nicht unter französischer Herrschaft befindliche Rheinseite über, wo er sich von Januar bis März 1800 aufhielt, dann kehrte er zurück und setzte seine Tätigkeit als Räuber fort. 21 Auf einer Tanzveranstaltung lernte Bückler Ostern 1800 Juliana Blasius kennen, die bis zu seinem Ende seine Lebensgefährtin bleiben sollte. Bei den in den nächsten Jahren begangenen Verbrechen stand ihm sein „Julchen“ stets zur Seite. 22 Wenig später griff Bückler zu einer neuen Methode der Geldbeschaffung: da er sich inzwischen einen Ruf als gewalttätiger Räuber erworben hatte, konnte er diesen nun zur Schutzgelderpressung nutzen. Die Erpresserbriefe unterzeichnete Bückler mit dem Pseudonym „Johannes durch den Wald“, sie waren teils in mysteriöser Sprache verfasst und spielten auf diese Weise mit dem herrschenden Aberglauben, der Räubern und Vaganten übernatürliche Kräfte zuschrieb. Nachdem einer der Erpressten, Ferdinand Stumm, eine
16 Vgl. FRANKE, Manfred: Schinderhannes, S. 64-75.
17 FLECK, Udo: Kollektive Delinquenz, S. 58.
18 FLECK, Udo: Kollektive Delinquenz, S. 60-64.
19 FLECK, Udo: Kollektive Delinquenz, S 65 f.
20 Vgl. KASPER-HOLTKOTTE, Cilli: „Jud, gib dein Geld her oder du bist des Todes“. Die Banditengruppe des Schinderhannes und die Juden, in: Battenberg, Friedrich/Wenninger, Markus J.: Aschkenas. Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden, Wien/Köln/Weimar, Heft 1/1993, S. 113-188. Kasper-Holtkotte bemängelt die Einengung der bisherigen Forschung auf die Perspektive der Täter und verlangt eine Auseinandersetzung mit der der Opfer, denen ihr Umfeld oftmals lebenswichtige Hilfe verweigerte.
21 LUTZ, Dagmar: Lebensbeschreibung, S. 85.
22 FRANKE, Manfred: Schinderhannes, S. 164-169.
Arbeit zitieren:
Markus Dierson, 2009, Der Schinderhannes, München, GRIN Verlag GmbH
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