Inhaltsverzeichnis
1. Entstehungsgeschichtlicher Hintergrund 2
2. Antonín Dvorák: Biblische Lieder op.99 4
2.1.1. Bedeutung der Psalmen 5
2.1.2. Der Zyklus 7
2.1.3. Analyse 12
A) Nr.3: „Gott o höre, hör’ auf mein Gebet“ 15
B) Nr.4: „Gott der Herr ist Hirte mir“ 19
A) Nr.8: „Blicke mich an und
erbarme Dich meiner, mein Herr“ 21
3. Resümee 23
4. Bibliographie 25
1
1. Entstehungsgeschichtlicher Hintergrund
Entstanden sind die „Biblischen Lieder“ 1894 während Dvoráks Amerikaaufenthaltes von 1892-1895 in New York, wo er am National Conservatory of Music künstlerischer Direktor und Professor für Komposition war. Die hohen Erwartungen, die mit dieser Stelle verbunden waren, drückt Dvorák in einem Brief an Josef Hlávka aus: „Die Amerikaner erwarten große Dinge von mir, vor allem soll ich ihnen den Weg ins gelobte Land und in das Reich der neuen, selbständigen Kunst weisen, kurz, eine nationale Musik schaffen!“. 1 Die Präsidentin des New Yorker Conservatory of Music, Jeanette Thurber, hatte bereits im Jahre 1886 den Wunsch nach der Nationalisierung der amerikanischen Kunst und besonders nach einer eigenständigen nationalen Kunstmusik geäußert.
Die Zeit in Amerika verlief für den tschechischen Komponisten zunächst erfolgreich. Inspiriert von Indianermelodien, Negrospirituals und Plantagenlieder aus dem Süden der Vereinigten Staaten, ließ Dvorák stilistische Elemente wie etwa Pentatonik, den erniedrigten Leitton, plagale Wendungen, rhythmisches Ostinato, Bordunbegleitung und stark synkopierte Rhythmen mit dem Spezialfall der „scotch snap“ in seine Kompositionen einfließen, die sowohl von Europa als auch vom amerikanischen Publikum als typisch amerikanisch rezipiert wurden. So verwendet Dvorák beispielsweise den Spiritual „Swing low, sweet chariot“ als Vorbild für das Schlussgruppenthema des ersten Satzes seiner 9. Symphonie „Aus der Neuen Welt“ op.95. Weitere Werke mit folkloristischen Anklängen sind das Streichquartett F-Dur op.96, das Streichquintett Es-Dur op.97, die Sonatine in G-Dur op.100 und die A-Dur Suite op.98. Überraschenderweise finden sich derartige Elemente nicht in den „Biblischen Liedern“, sie stehen in einem eigentümlichen Gegensatz zu den „amerikanischen“ Werken und sind „[...] in ihrem Ausdruck und ihrer Geisteshaltung durch und durch tschechisch, indem sie aus dem Herzen eines tschechischen Menschen und aus dem Geist seiner echten Frömmigkeit emporwachsen“. 2 In der Musikforschung werden die „Biblischen Lieder“ als Gipfel von Dvoráks Liedschaffen angesehen, der Komponist selbst schreibt an seinen Verleger Simrock: „[...] dass [er] in den Liedern das Beste geschrieben, was [er] bis jetzt auf diesem Gebiet geleistet habe“. 3 Warum Dvorák im März des Jahres 1894 in New York seine
1 Brief an Josef Hlávka vom 27. 11. 1892, Briefe und Erinnerungen, S. 165.
2 Sourek: Dvorák. Leben und Werk, S. 126.
3 Zitiert nach: Sourek, S. 125.
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Lieder und nicht wie geplant eine neue Symphonie komponiert, darüber lassen sich nur Mutmaßungen anstellen.
Das Jahr 1893 war in Amerika gezeichnet von starken wirtschaftlichen Einbußen auf dem Weltmarkt, panikartigen Bankanstürmen der Bevölkerung und dem stetig wachsenden Verlust der staatlichen Goldreserven, was im April 1893 eine schwere Wirtschaftskrise in den USA auslöste. Die Folge waren hohe Arbeitslosigkeit, Firmenzusammenbrüche und Verarmung. Dies blieb auch nicht ohne Auswirkungen auf die Präsidentin des New Yorker Conservatory of Music, im November des gleichen Jahres musste sogar der Bankrott des Konservatoriumsprojekts befürchtet werden. Es ist nicht verwunderlich, dass Jeanette Thurber schon bald nicht mehr die finanziellen Mittel besaß, um Dvorák zu bezahlen, der jedoch seine Familie mit sechs Kindern ernähren musste. 4 Seine finanzielle Not und Bedrängnis wurde schließlich so groß, dass der Komponist am 5. April 1894 an Thurber folgende Zeilen schreibt: „Ich habe bis jetzt gewartet, nun aber tut es mir äußerst leid, dass die Umstände mich zwingen, Ihnen zu schreiben: Ich muss Sie davon in Kenntnis setzen, dass ich nicht länger warten kann. Ich liebe das amerikanische Volk sehr und es war meine Sehnsucht gewesen, der Kunst in den Vereinigten Staaten zu helfen, aber die Notwendigkeiten des Lebens gehen Hand in Hand mit der Kunst, und obwohl ich persönlich mich sehr wenig um die weltlichen Dinge kümmere, so kann ich doch meine Frau und meine Kinder nicht in Sorge sehen. Wenn die Umstände so sind, dass ich mein Gehalt entsprechend dem Vertrag nicht bekommen kann, dann werde ich den Fall der „Board of Trustees“ unterbreiten [...]. Ohne mit irgendeinem anderen Gefühl als dem des tiefen Bedauerns bitte ich Sie, dieser Angelegenheit Ihre sofortige Aufmerksamkeit zu widmen, denn es ist für mich vollkommen unmöglich,
noch länger zu warten [...]“. 5
Auch aus Europa kommen traurige Nachrichten, innerhalb eines Vierteljahres sterben zwei enge Freunde Dvoráks: Tschaikowski am 6. November 1893 und Hans von Bülow am 12. Januar 1894. Auch Gounod, ein bedeutender Zeitgenosse stirbt am 18. Oktober 1893. Dessen nicht genug, erreicht Dvorák die Kunde aus der Heimat über den gefährdeten Zustand seines bereits achtzigjährigen Vaters, der dann auch am 28. März 1894, zwei Tage nach der Fertigstellung der „Biblischen Lieder“, aus dem Leben scheidet.
4 Vgl. Döge, S. 279f.
5 Brief an Jeanette Thurber vom 5. 04. 1894, Korrespondenz und Dokumente III, S. 256.
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Im Mai 1894 kehrt Dvorák in seine Heimat nach Böhmen zurück, um dort seine Ferien in Vysoká zu verbringen. Der erneute Aufbruch nach New York muss ihm nicht leicht gefallen sein. Die Gedanken an die Heimat jenseits des Ozeans lassen den Komponisten nicht los und Heimweh macht sich breit: „Könnte ich so sorglos arbeiten, wie in Vysoká, wäre ich schon längst fertig [gemeint ist das Violoncellokonzert op.105]. Aber hier geht es nicht -[...] kurz, ich kann meiner Arbeit nicht soviel Zeit widmen - und wenn ich wieder könnte - habe ich keine Lust - usw. Kurz, das beste wäre, in Vysoká zu sein - dort lebe ich wieder auf, ruhe aus - und
bin glücklich. Wäre ich doch wieder dort!“ 6
Sicherlich haben die äußeren schwierigen Umstände der finanziellen Notlage Dvorák dazu bewogen, sich mit der Komposition der insgesamt zehn „Biblischen Lieder“ auseinander zu setzen, jedoch war es viel mehr der durch Heimweh gezeichnete seelische Zustand des Komponisten, der durch die zwangsläufige
Auseinandersetzung mit Tod und Leben Zuflucht und Trost in den Psalmen der Bibel suchte.
In der folgenden Arbeit werden Dvoráks „Biblische Lieder“ op.99 als Ganzes in ihrer Anordnung im Zyklus betrachtet, wobei etwa die Tonartendisposition und die Auswahl der vertonten Texte genauer hinterfragt werden. Dabei werden die Lieder, die für den Zyklus eine Schlüsselposition einnehmen und eine gliedernde Wirkung erzielen, näher analysiert.
2. Antonín Dvorák: Biblische Lieder op.99
Der Zyklus der „Biblischen Lieder“ besteht aus zehn Gesängen für tiefe Solostimme, also Bariton oder Alt, mit Klavierbegleitung. Das Werk erschien 1895 bei Dvoráks Freund und Verleger Simrock in zwei separaten Bänden, die jeweils die Lieder 1-5 und 6-10 enthalten. Die ersten fünf Lieder hat Dvorák für kleines Orchester instrumentiert und diese Orchesterfassung 1896 in Prag selbst dirigiert. Die übrigen fünf Lieder wurden von dem damaligen Dirigenten der Tschechischen Philharmonie,
Dr. Zemánek, für Orchester gesetzt und 1914 als gesamter Zyklus uraufgeführt. 7 Die Texte hat der Komponist selbst aus der tschechischen Bibelübersetzung ausgewählt, die seit dem 16. Jh. in Böhmen gebräuchlich war. Dass Dvorák für die Lieder seine Muttersprache, und nicht wie bei seinen Kompositionen der musica
6 Brief an Josef Boleska vom 15. 01. 1895, Briefe und Erinnerungen, S. 197.
7 Vgl. Sourek/Stefan, S. 193.
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sacra, wie beim Stabat mater 1876 oder dem Requiem 1890 die lateinische Sprache wählt, zeigt die tiefe persönliche Verbindung des Komponisten zu seinem Werk. Die Vertonung der Psalmtexte hält sich so eng an den tschechischen Text, dass die Übersetzung ins Deutsche, Englische und Französische auf einem zweiten System über dem Original abgedruckt wurde.
Somit sind die „Biblischen Lieder“ ein ganz besonderes Zeugnis eines großen Komponisten, der sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere, umgeben von Weltruhm, auf seine tschechischen Wurzeln besinnt und den tiefsten Gefühlen seines Herzens Ausdruck verleiht. In ihrer Komplexität und intensiven Wortausdeutung sind die Gesänge wohl nur in Verbindung mit der tschechischen Sprache vollkommen erfahrbar.
Die „Biblischen Lieder“ erinnern unwillkürlich an Johannes Brahms’ „Vier ernste Gesänge“ op.121 von 1896. Zwar vertonen beide Komponisten Texte aus der Bibel, doch wählt Dvorák ausschließlich Psalmstellen, während Brahms über alttestamentliche Textpassagen einen Bogen ins Neue Testament zu Paulus’ Korinther-Brief spannt, die oftmals von Skepsis durchzogen sind. Das Werk Dvoráks hingegen gründet auf unerschütterlichem Glauben und tiefem Vertrauen in Gott, das wie ein Dogma über allen Textpassagen steht.
Die Gesangslinie passt sich dem Text an, sie wirkt oftmals schlicht, entfaltet aber durch ihre naturhafte Deklamation den Sinn und Wortgehalt des Textes. Auch die Klavierbegleitung steht ganz im Dienste des Wortes: sie stützt die Gesangslinie mit Tonsätzen und gliedert den Zyklus durch melodische und rhythmische Elemente. 2.1. Bedeutung der Psalmen
Das Buch der Psalmen ist im hebräischen Original mit dem Ausdruck für „Hymnus“ überschrieben. Die griechische Übersetzung bedeutet so viel wie „Lied mit musikalischer Begleitung“. Trotz der prosaischen Struktur sind die Psalmen also Lieder, die ursprünglich von Schlag- oder Saiteninstrumenten begleitet wurden. Sie sind feierliche Gesänge, die in den Kreisen der Priester für den Gottesdienst in Jerusalem verfasst wurden und Ausdruck der inneren Ergriffenheit und Beteiligung der Menschen am gottesdienstlichen Geschehen.
Dabei werden die Psalmen zum Ausdruck unmittelbaren Empfindens und Abbilder der eigenen Seelenlage und nicht Kunstgebilde. Die beiden Grundelemente des Psalters sind Lob und Klage, die sich auch durch die Psalmsequenzen ziehen, die
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Dvorák seinem Werk zugrunde legt. Sie sind durch ihre poetisch-lyrische Sprache wie nur wenige Worte dazu geeignet, der Trauer, der Hoffnung und auch dem Lob Ausdruck zu verleihen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Dvorák in der damaligen Situation Zuflucht in den Psalmen der Bibel sucht und findet. Nach dem Grundsatz „lex credendi est lex orandi“ umfassen die Psalmen die Glaubenshaltung des alten Israel. Dvorák selbst hat über seine „Biblischen Lieder“ zu
einem Schüler gesagt: „Nicht nur singen, beten muss man diese Lieder“. 8 Sie werden somit zum persönlichen Ausdruck einer tiefen Frömmigkeit des Komponisten, der es versteht, durch meisterhafte Schlichtheit in den Vertonungen, den Ernst und die Tiefgründigkeit der Prosa hervorzuheben, um die Gebete seines Herzens durch die Musik zu Gott emporzuheben.
Nicht nur inhaltlich lassen sich Parallelen zu Dvoráks Leben ziehen. Die Juden nannten die Psalmen den „Pentateuch“ Davids, was mit „Fünfbuch“ übersetzt werden kann. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Dvorák seine Lieder in zwei mal fünf Gesänge gegliedert hat. Die Zahl „fünf“ gilt als die Zahl des Menschen, der unter der Herrschaft Gottes auf seine Verantwortung erprobt wird. Die Zahl „zehn“ ist eng mit der Zahl „fünf“ verwandt. Finger und Zehen des Menschen sind in zwei mal fünf unterteilt und zeigen in ihrer Bedeutung die Fähigkeit des Menschen zum Handeln und die Befähigung zu einem aufrichtigen, gottesfürchtigen Leben. Freie Entscheidungen des Menschen können Belohnung aber auch das Gericht nach sich ziehen, wie etwa die Bestrafung Ägyptens durch die zehn Plagen. Doch auch das von Gott bestimmte und im Alten Testament gültige Gesetz, die zehn Gebote, wurde auf zwei Tafeln geschrieben, es ist das Zeugnis über das Maß der Verantwortung des Menschen, das von Gott aus beurteilt wird.
Es ist sicherlich fraglich, in wie weit Dvorák die Einteilung des Psalters in fünf Bücher und die alttestamentliche Bedeutung der Zahlen „fünf“ und „zehn“ geläufig war, so wird hier doch der Zusammenhang zwischen der Verantwortung des Menschen gegenüber seinem Schöpfer deutlich. Materialistisch betrachtet stand Dvorák in der Verantwortung, seine Familie mit sechs Kindern zu ernähren, gleichzeitig aber seinen Vertrag am New Yorker Conservatory of Music zu erfüllen, obwohl er aufgrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den USA nicht bezahlt werden konnte und kurz vor dem finanziellen Bankrott stand. Als pflichtbewusstem Menschen war es Dvorák bestimmt nicht leicht gefallen, am 5. 04 1894 den oben zitierten Brief an Jeanette
8 Ludikar, S. 368.
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Arbeit zitieren:
M.A. Maria Liebhardt, geb. Peter, 2006, Antonín Dvorák: "Biblische Lieder" op. 99 – eine Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
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