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Abkürzungsverzeichnis
BESD = Beurteilung von Schmerzen bei Demenz
BQS = Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung
HFH = Hamburger Fern-‐Hochschule
ISO = International Organization for Standardization
KTQ = Kooperation für Transparenz und Qualität im Gesundheitswesen
VA = Verfahrensanweisung
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1 Einleitende Darstellung des Themenfelds
Über Jahrhunderte galt ein Patient als eine Person, die durch zwei Merkmale gekennzeichnet war: An einer Krankheit zu leiden, und diese bzw. deren Behand-‐ lung zu erdulden 1 . Die Sichtweise hat sich verändert -‐ das Leiden rückt vom be-‐ gleitenden Umstand in den Fokus der Behandlung; es ist nicht gottgewollt und lässt sich vermeiden oder lindern (vgl. Zenz 2007: 2). Versuche, alternative Begrif-‐ fe für Patient wie Kunde oder Klient einzuführen, reflektieren das veränderte (Selbst)Verständnis des Patienten 2 . Der moderne Mensch prüft, wählt und ent-‐ scheidet sich für oder gegen Behandlungsangebote. Vor diesem Hintergrund ge-‐ winnen Qualitätsfragen eine überragende Bedeutung.
Am Phänomen Schmerz lässt sich dieser Wandel besonders deutlich nachvollzie-‐ hen: Wurden Schmerzen traditionell als zum Kranksein gehörend hingenommen oder gar als Beitrag zur „… Erlösung der Seele …“ (Berufsfachschule für Kranken-‐ pflege am Bezirksklinikum Gabersee 2006: 650) überhöht, wird eine adäquate Schmerzbehandlung zunehmend zum Qualitätskriterium.
Nicht nur aus Qualitätsgesichtspunkten, sondern allein schon aus der ethischen Perspektive ist eine Behandlung in Form eines systematischen, professionellen Schmerzmanagements zwingend geboten.
Entgegen der daraus resultierenden Anforderungen an die Schmerzbehandlung „… leiden in Deutschland 17% der Bevölkerung an chronischen Schmerzen ..., in Folge von Operationen erleiden 90% der Patienten akute Schmerzustände [!]…“ (Bohnet-‐Joschko et al. 2008: 5). „Auch scheinbar einfache und selbstverständlich erscheinende Aufgaben der Schmerzbehandlung weisen erhebliche Defizite auf, so z.B. die Beseitigung des postoperativen Schmerzes … Die Behandlung von Schmerzen ist immer noch unzureichend, obwohl sehr effiziente Mittel und Me-‐ thoden zur Verfügung stehen …“ (Zenz 2007: 2).
1 Vgl. die etymologische Herkunft des Wortes aus „… duldend, leidend …“ (Kluge, Seebold 2002: 686).
2 Dass beide Alternativen ebenso wie der Begriff des Pflegebedürftigen nicht die Lösung bringen können, wird nachgewiesen in Kunstmann 2001.
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Die Pflege, eine Hauptakteurin im Schmerzmanagement (vgl. Kapitel 1.3), befin-‐ det sich derweil unter den Bedingungen einer zunehmenden Ökonomisierung der Kliniken (vgl. Schmidt, Riehle 2005) in einem Spannungsfeld zwischen Kollaps (vgl. Simon 2008) und Entfaltung. Sie wird sich auf Kernkompetenzen konzentrie-‐ ren und sich im Geflecht der Professionen und Hilfsberufe neu positionieren müssen (vgl. Knüppel 2006). Als eines ihrer Kompetenzgebiete erschließt sie sich seit einigen Jahren das Schmerzmanagement.
1.1 Fragestellung und Zielsetzung der Arbeit
Will die Pflege sich im skizzierten Prozess behaupten, muss sie ihre Leistungen und Qualitäten gegenüber der klinikinternen wie -externen Öffentlichkeit nach-‐ weisen. Noch verfügt die Pflege in der Wahrnehmung der Gesellschaft nicht über ein im Verhältnis zur Medizin eigenständiges Qualitätsprofil, das beispielsweise im Kontext von Klinikvergleichen relevant wäre. So führt die Bundesgeschäfts-‐ stelle Qualitätssicherung BQS neben 25 medizinischen nur einen pflegerischen Qualitätsindikator für die öffentliche Darstellung von Krankenhäusern auf (vgl. Veit et al. 2007: 179).
Für den Bereich des Schmerzmanagements sollen nachfolgend Indikatoren zur Messung der Pflegequalität untersucht werden. Für das vorhandene Forschungs-‐ feld (vgl. Kap. 2.3) bieten sich zunächst zwei Forschungsfragen an, die die Kern-‐ aktivitäten der Pflege im Schmerzmanagement (vgl. Osterbrink 2003: 657 f.) fo-‐ kussieren und den Implementierungsprozess des Projekts Qualifizierte Schmerz-‐ therapie (vgl. Kap. 2.2; 2.3) in geeigneter Weise flankieren können: 1) Wie durchgängig werden im betreffenden Krankenhaus Schmerzen er-‐ fasst? a) routinemäßig über die Schichten des Tages b) zur Kontrolle nach Überschreiten der Interventionsschwelle 2) Wie konsequent wird in dem Krankenhaus die Interventionsschwelle zur Schmerzbehandlung beachtet?
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Aus diesen Forschungsfragen lassen sich drei Indikatoren ableiten, die sich auf die Prozessqualität (vgl. Kap. 1.2) beziehen: P1 Durchgängigkeit der Schmerzerfassung über die Schichten des Tages P2 Beachtung der Interventionsschwelle zur Schmerzbehandlung P3 Durchgängigkeit der Schmerzerfassung nach Überschreiten der Interven-‐ tionsschwelle
Anhand der Einzelindikatoren soll durch Indexbildung eine Gesamtkennzahl er-‐ stellt werden (vgl. Kap. 4.2). Da P1 - P3 für die Qualität des Schmerzmanage-‐ ments gleichermaßen bedeutend sind, ohne dass „… bestimmte Mindestausprä-‐ gungen auf allen Indikatorvariablen …“ (Bortz, Döring 2006: 145) unerlässlich sind 3 , kommt hier nur ein ungewichteter additiver Index in Frage. Mit der Konstruktion der Indikatoren sowie der Erhebung und (internen) Veröf-‐ fentlichung der entsprechenden Daten als Qualitätskennzahlen soll ein Beitrag zum Qualitätsbewusstsein und zur kontinuierlichen Qualitätsentwicklung in der
Pflege geleistet werden. Darüber hinaus soll die Basis für ein (hier zunächst in-‐ ternes) Benchmarking sowie für eine systematische Darstellung der Pflegequali-‐ tät nach außen gelegt werden (vgl. Reutlinger 2001: 93; Joint Commission on Accreditation of Healthcare Organizations 2003: 2).
1.2 Qualität und Qualitätsindikatoren in der Pflege
Da Qualität keine absolute Größe darstellt, sondern durch die jeweiligen Anfor-‐ derungen bestimmt wird 4 , ist es für die beteiligten Akteure von entscheidender Bedeutung, die inhaltliche Füllung des Begriffs möglichst stark zu beeinflussen. „… Heute sind Definitionen der Pflegequalität geprägt von den Erwartungen der Kostenträger und der Patientinnen und Patienten … Die Pflege ist aufgefordert,
3 Das heißt, im Extremfall könnte z.B. P3 = 0 und trotzdem die Bewertung der Gesamtqualität > 0 sein; damit scheidet ein multiplikativer Index aus.
4 Vgl. die ISO-‐Definition von Qualität: „… Grad, in dem ein Satz inhärenter Merkmale Anforderun-‐ gen erfüllt.“ (Hallensleben, Hansen 2002: 24)
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in die öffentlich geführte Diskussion rund um die Pflegequalität ihre Perspektive einzubringen …“ (Reutlinger 2001: 86).
Die unumstrittene Basis für Überlegungen zur Pflegequalität ist das durch die Kategorien Struktur, Prozess und Ergebnis vorgegebene analytische Raster (vgl. Donabedian 2005: 713), auf das Indikatoren bezogen werden können. „… Quali-‐ tätsindikatoren sind .. Maße, deren Ausprägungen eine Unterscheidung zwi-‐ schen guter und schlechter Qualität von Strukturen, Prozessen und/oder Ergeb-‐ nissen der Versorgung ermöglichen sollen …“ (Jäckel 2009: 2). Die in der vorlieg-‐ enden Arbeit interessierende Ausprägung als Prozessindikator „… assesses an important and discrete activity that is carried out, either to directly care for the patient … or to support patient care …” (Joint Commission on Accreditation of Healthcare Organizations 1990: 10).
Für den Krankenhausbereich gibt es, abgesehen vom erwähnten BQS-‐Indikator zur Dekubitusinzidenz, keine einheitlichen, offiziellen Qualitätsindikatoren. Für die stationäre und ambulante Pflege haben die Kostenträger und die Leistungs-‐ erbringer Qualitätskriterien mit vorläufigem Charakter vereinbart (vgl. GKV-‐ Spitzenverband et al. 2008: 3; 2009: 3). Zum Thema Schmerz sind für die Pflege-‐ heime drei (Prozess-‐)Indikatoren enthalten:
„Erhalten Bewohner mit chronischen Schmerzen die verordneten Medi-‐ •
kamente? …“ (GKV-‐Spitzenverband et al. 2008a: 3). „Die Beurteilung die-‐ ses Kriteriums erfolgt anhand der Pflegedokumentation …“ (GKV-‐ Spitzenverband et al. 2008b: 7).
„Erfolgt eine systematische Schmerzeinschätzung? …“ (GKV-‐ •
Spitzenverband et al. 2008a: 4). „Die systematische Schmerzeinschätzung erfolgt in einer Befragung der Bewohner zu folgenden Inhalten: -‐ Schmerzlokalisation -‐ Schmerzintensität -‐ Zeitliche Dimension (z.B. erstes Auftreten, Verlauf, Rhythmus) -‐ Verstärkende und lindernde Faktoren
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-‐ ggf. Auswirkungen auf das Alltagsleben. Bei Bewohnern mit eingeschränkten Kommunikationsfähigkeiten erfolgt eine systematische Schmerzeinschätzung mittels Beobachtung.“ (GKV-‐ Spitzenverband et al. 2008b: 8)
„Kooperiert das Pflegeheim bei Schmerzpatienten eng mit dem behan-‐ •
delnden Arzt?“ (GKV-‐Spitzenverband et al. 2008a: 4) Die im Krankenhausbereich strukturell zwingend angelegte Kooperation zwi-‐ schen Pflege-‐ und ärztlichem Dienst hat zur Folge, dass die systematische Schmerzeinschätzung nicht ausschließlich der Pflege zugeordnet werden kann. Dennoch lässt sich auch hier ein eindeutiger pflegerischer Kompetenzbereich herausarbeiten.
1.3 Schmerz als pflegerischer Kompetenzbereich
Pflegefachkräfte haben im Rahmen des Schmerzmanagements vielfältige und komplexe Aufgaben, deren Charakterisierung sich allerdings häufig in einer Auf-‐ zählung von Assistenz-‐ und Beistandstätigkeiten erschöpft (vgl. Bohnet-‐Joschko et al. 2008: 6). Generell wird auf die Nähe und die Häufigkeit der Interaktionen zwischen Pflegenden und Betroffenen verwiesen. Darüber hinaus werden plane-‐ rische und evaluierende Aspekte genannt. „… Pflegende müssen erkennen, ob eine Schmerzlinderung eingeleitet werden muss, ob es notwendig ist, die Me-‐ thoden zur Schmerzlinderung zu ändern, und sie bewerten auch die Auswirkun-‐ gen der Schmerzlinderung zusammen mit dem Patienten und besprechen diese mit dem multidisziplinären Team.“ (Wagener-‐Floer 2001: 45) Allerdings reicht der Kompetenzbereich der Pflege weit über praktisch-‐ organisatorische Dienstleistungen hinaus -‐ „… pain management means to help by coaching the patient to a point where he/she can feel control over the pain …” (Boström 2003: 49). Hierzu setzen Pflegende ihr Wissen über nichtmedika-‐ mentöse Maßnahmen der Schmerzbehandlung und ihre Beratungs-‐ und Schu-‐ lungskompetenzen ein (vgl. Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der
Pflege 2005: 25) und leisten so einen spezifischen Beitrag, integriert in die alltäg-‐
Arbeit zitieren:
Martin Braun, 2009, Schmerzmanagement als Qualitätsindikator der Pflege im Krankenhaus:, München, GRIN Verlag GmbH
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