Meines Wissens gibt es keine Übersicht über Entspannungsverfahren, die so genau auf die einzelnen Krankheitsaspekte des M. Parkinsons eingeht. Hier gilt genauso wie in der medikamentösen Behandlung: Individuelle Therapie ist immer der Therapie nach Schema vorzuziehen.
Natürlich spielen heutzutage auch zusätzlich weitere Aspekte wie Verfügbarkeit und Kosten eine Rolle. So sind die Hinweise auf ganz oder fast kostenlose Verfahren sehr zu begrüßen.
Herr Stiewe hat aus seiner profunden Kenntnis heraus und aus langjähriger Erfahrung einen Überblick geschaffen, an dem sich Parkinsonpatienten, aber auch Angehörige und Therapeuten orientieren können.
Dr. Anja Bilsing (eh. Chefärztin der Parkinson-Fachklinik Helgoland, jetzt Chefärztin der Neurologie des
Ambulanten Rehazentrums Hunsrück)
Vorbemerkung
Bitte führen Sie Entspannungsverfahren nur dann durch, wenn Sie einen entsprechenden Ort und eine passende Zeit dafür gefunden haben. Beim Autofahren ist dies nicht der Fall!
Wenn Ihnen bei einer Übung unwohl ist oder Sie haben das Gefühl, dass ich die Übung nicht ausreichend erklärt habe, so versuchen Sie eine andere. Nur in Absprache mit Ihrem Arzt oder Therapeuten sollten Sie üben, wenn Sie an einer schwerwiegenden Erkrankung wie z.B. einer Psychose leiden. Wie bei allen medizinischen Anwendungen gibt es keine Garantie auf Wirksamkeit. Ob diese Übungen bei Ihnen zu unerwünschten Nebenwirkungen führen, kann man ebenfalls nicht voraussehen. Die Nebenwirkungen könnten z.B. sein: Müdigkeit, Konzentrationsmangel, niedriger Muskeltonus, Blutdrucksenkung.
Über die Erkrankung
Der M. Parkinson ist eine eher häufige neurologische Erkrankung. In Deutschland sind ungefähr 250000 Patienten davon betroffen. Der Altersgipfel der Erkrankung liegt
um die 60, manche erkranken aber schon in sehr viel jüngeren Jahren. Früher wurde die Erkrankung unter den Bewegungsstörungen abgehandelt, heute weiß man, dass sie zusätzlich zu den Bewegungsstörungen, die für sich allein schon behindernd genug sein können, auch noch eine Vielzahl von anderen nicht-motorischen Symptomen mit sich bringt und den Kranken in seiner ganzen Person beeinträchtigt. Das in der Allgemeinbevölkerung verbreitete Bild der „Zitterkrankheit“ ist also viel zu einseitig.
Aus neurologischer Sicht spricht man vom Parkinson-Syndrom, wenn mehrere Symptome zusammenkommen. Vorhanden sein muss die sog. „Akinese“, d.h. Unbeweglichkeit verbunden mit der Schwierigkeit, Bewegungen zu starten. Hinzukommen muss mindestens noch ein weiteres Symptom, z.B. der „Rigor“, d.h. die Muskelsteifigkeit, der „Tremor“, d.h. das Zittern oder die sog. „posturale Instabilität“, d.h. Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten. In den letzten Jahren legt die Forschung, aber zunehmend auch die Therapie besonderen Wert auf weitere Symptome und Krankheitserscheinungen.
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Viele Patienten berichten z.B., dass ihr Riechvermögen nachgelassen habe. Dies kann man häufig auch durch Riechtests bestätigen.
Fragt man genauer nach, so schildert doch auch eine Reihe von Patienten Symptome einer Depression. Diese kann durchaus auch Jahre zurückliegen. Es finden sich häufig Schlafstörungen wie lautes Sprechen im Schlaf, Alpträume oder auch Bewegungen im Schlaf, die manchmal so heftig sein können, dass der Partner aus dem Schlafzimmer auszieht. Häufig hat der Patient dann geträumt, dass er angegriffen wurde und sich verteidigen musste.
Auch das vegetative Nervensystem, das die automatisierten Vorgänge des Körpers steuert, kann betroffen sein, häufig kommt es zu einem sog. „imperativen Harndrang“, d.h. der Patient muss, sobald er den Harndrang spürt, auch sofort zur Toilette und kann den Urin nicht länger halten. Eine ausgeprägte Neigung zur Verstopfung kann auftreten. Hinzu kann ein vermehrter Speichelfluss kommen, der durch eine verminderte Schluckfrequenz entsteht. Auch der Schluckvorgang selbst kann beeinträchtigt sein. Die Augen können durch eine verminderte Lidschlaghäufigkeit trocken werden. Vermehrtes Schwitzen kann auftreten.
Auch Gedächtnisstörungen können auftreten bis hin zu einer dementiellen Entwicklung.
Beeinträchtigungen besonders im sozialen Umfeld treten auch auf durch die verminderte Ausdrucksfähigkeit des Gesichts, die sog. Hypomimie, die dazu führt, dass der Gesprächspartner nur schwer die Emotionen des Patienten am Gesicht ablesen kann. Hinzu kann eine leise, heisere Sprache kommen.
Depressive Entwicklungen sind ebenfalls nicht selten, entweder als - wie schon erwähnt- Teil der Erkrankung, aber auch als Reaktion auf die vielfältigen Schwierigkeiten, mit denen manche besser zurechtkommen als andere. Aus der Behandlung des M. Parkinsons heraus, aus den Nebenwirkungen der Medikamente, entstehen häufig zusätzliche Probleme wie z.B. Halluzinationen oder ein Verfolgungswahn. Auch Symptome wie Glücksspielsucht, sexuelle
Funktionsstörungen oder auch ein übermäßiges sexuelles Verlangen können vorkommen.
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Natürlich können Entspannungsverfahren nicht alle Probleme lösen, aber sie tragen doch dazu bei, zu einem harmonischeren Umgang mit sich selbst, seinem Körper und seiner Umgebung zu kommen.
Naturgemäß ist nicht nur der Patient von der Krankheit betroffen, sondern auch sein Lebenspartner, seine Familie, seine Freunde. Manche sagen dann auch gleich nicht „ich habe Parkinson“, sondern „wir haben Parkinson“.
Warum kann Entspannung hilfreich sein für Patienten, die an der Parkinsonschen Erkrankung leiden?
„Wenn ich mich aufrege, wird alles viel schlimmer, aber es fällt mir so schwer, ruhig zu bleiben!“
Parkinsonpatienten leiden in vielen Situationen an Stress. Häufig berichten sie z.B.: „Wenn ich beim Bezahlen an der Kasse das Geld aus der Geldbörse nehmen möchte, gelingt mir dies nicht mehr so schnell wie früher. Die Leute in der Schlange hinter mir müssen warten und werden ungeduldig. Ich fühle mich unter Druck und werde nervös. Meine Beweglichkeit wird noch schlechter. Das Ende vom Lied? Ich reiche meine Geldbörse der Kassiererin, damit sie das Geld herausnimmt. Ich fühle mich schlecht, weil ich wieder merke, dass ich nicht mehr so kann wie früher, dass ich mir wieder bei einfachen Dingen von anderen helfen lassen muss und wieder ein Stück meiner Selbstkompetenz verloren habe.“
Stress kann, wenn er chronisch einwirkt, zu vielfältigen gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen, angefangen vom hohen Blutdruck, Muskelverspannungen bis hin zu Herzbeschwerden oder Schlafstörungen. Stress kann aber auch die Parkinsonsymptome wie z.B. das Zittern verschlimmern. Entspannung kann hier vorbeugend wirken. Entspannung kann aber auch dann, wenn sie durchgeführt wird, angenehm sein - im Sinne einer kleinen Auszeit, eines Miniurlaubs für einige Minuten am Tag. Denn auch das Genießen, sich selbst etwas gönnen, haben viele Patienten der so genannten „älteren Generation“ nicht gelernt, weil ihnen häufig in Schule und Familie beigebracht wurde, dass das Leben aus Mühe, Anstrengung und Arbeit besteht. Was natürlich stimmt, aber nicht hundertprozentig, sondern nur zum Teil. Vielen fällt es auch schwer, nach dem Arbeitsleben eine neue Rolle zu finden und sich selbst über andere Dinge als das Geldverdienen zu definieren, besonders auch, wenn sie frühberentet werde. Gerade Männer leiden besonders unter dem Gefühl, nichts mehr wert zu sein, wenn sie nicht mehr den Unterhalt der Familie verdienen. Auch diese Rollenveränderung macht häufig Stress.
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Manche behaupten, Entspannung könne - wenn sie regelmäßig durchgeführt werdesogar heilen oder zur Heilung mancher Erkrankungen oder Befindlichkeitsstörungen beitragen.
Wie auch immer Sie Entspannung einsetzen möchten, hier finden Sie einige Verfahren dargestellt, die Sie mit wenig Aufwand erlernen und durchführen können. Übung macht auch hier den Meister. Seien Sie nicht enttäuscht, wenn Sie nicht gleich beim ersten Üben in eine tiefe Entspannung geraten. Manchmal entspannt der Körper schon, wenn der Geist, das Bewusstsein, es noch gar nicht registriert. Regelmäßiges Üben erleichtert, so sind Sie vorbereitet, falls einmal Stress auf Sie zukommen sollte.
Hilfreich kann es sein, ein kleines Tagebuch zu führen, in dem Sie ihre Fortschritte beim Üben notieren können. Falls wieder erwarten einmal Schwierigkeiten auftauchen, können Sie sie, wenn Sie sie notiert haben, sie zwischendurch einmal mit einem Therapeuten besprechen.
Ganz allgemein ist der Ausgangspunkt für die Stressbewältigung die Alltagsbelastung. Das Ziel ist ein besseres Leben mit der Parkinson-Erkrankung Dieses Ziel ist erreichbar, wenn Sie im Kleinen, im alltäglichen Leben, schrittweise Veränderungen herbeiführen. Zur Verbesserung der Stressbewältigung bieten sich vor allem drei Wege an: Entspannung, gedankliche Veränderung, Aktivitätsplanung
Jede dieser Maßnahmen kann für sich, sie können aber auch kombiniert angewendet werden.
Durch die Entspannung werden die körperlichen Stressreaktionen beruhigt, mit der körperlichen Entspannung stellt sich auch ein seelischer Ruhezustand ein und dadurch verbessert die Entspannung den Umgang mit den motorischen Symptomen.
Durch Veränderungen im Denken, d.h. insbesondere auch in der gedanklichen Bewertung von Situationen und Befindlichkeiten können Sie ebenfalls zu einer Entspannung beitragen, denn unsere Gedanken und Vorstellungen in Stresssituationen erhöhen häufig den Stress. Ungünstige Gedankenabläufe lassen sich tatsächlich verändern, auch wenn sie zunächst wie automatisch auftauchen. Hierzu beobachten wir im ersten Schritt, welche Gedanken uns durch den Kopf schießen und uns das Leben schwer machen, danach erarbeiten und erproben wir ein günstigeres Denkmuster.
Auch viele unserer Verhaltensweisen erhöhen den Stress (z.B. unnötiges hektisches Verhalten). Die Belastung wird vermindert, wenn wir uns anders verhalten. Man kann außerdem lernen, angenehme Aktivitäten bewusst auszuführen, um sein Wohlbefinden zu fördern. Schließlich ist es hilfreich, Aktivitäten zu planen, um Überforderung zu verhindern.
Ein Wort an die Angehörigen…
Praktisch alle diese Übungen sind auch für Angehörige geeignet. Manchmal haben Angehörige Entspannung nötiger als die Betroffenen selbst. Auch zur Vorbeugung sind die Übungen geeignet. Gerne, so wissen viele Parkinson-Patienten und deren Angehörige zu berichten, drängelt sich der „Parkinson“ irgendwie dazwischen, quengelt und will auch beachtet werden, manchmal wie ein kleines Kind. Trotzdem findet man aber auch während einer gemeinsamen Aktivität Gelegenheit, den „Parki“ für einige Zeit zu vergessen. Gemeinsame Entspannungsübungen können so eine Zeit bieten. Genauso wichtig ist für Angehörige aber auch die Zeit, dies sie ganz für sich haben, wenn es vielleicht auch nur der Einkaufsbummel einmal in der Woche ist. Vielleicht fangen Sie als Angehöriger aber auch einmal damit an, ein Entspannungsverfahren zu lernen.
Welches Verfahren ist das richtige?
Ich weiß nicht, welches das richtige Verfahren für Sie ist, aber Sie werden es schnell herausfinden, wenn Sie Mehreres ausprobieren, wenn Sie sich verschiedenen Möglichkeiten offen halten und wenn Sie darauf achten und nachspüren, was Ihnen gut tut. Kleine Hinweise habe ich versucht, in den kleinen Abschnitten mit der
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Arbeit zitieren:
Günter Stiewe, 2010, Entspannung bei M. Parkinson, München, GRIN Verlag GmbH
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