1.Einleitung
Deutschland hat sich im vergangenen halben Jahrhundert allmählich von einem Gastar-beiterland zu einem der wichtigsten Einwanderungsländer der modernen Welt entwickelt. 1
Im Bildungswesen zeigt sich dieser Wandel in der Anzahl der Kinder und Jugendliche mit Migrationshintegrund. Unter den 15-jährigen Schülerinnen und Schülern war es 2006 jede bzw. jeder fünfte, unter den Viertklässlern bereits jede bzw. jeder vierte und bei den Kindern unter fünf Jahren schon jedes dritte Kind. 2
So wird es aktuell über die Miseren und Notwendigkeit der Integration von Migranten 3 , die Gewalt von ausländischen Jugendlichen, sowie über die Entstehung mehrerer Parallelgesellschaften heftig debattiert. Am häufigsten wird zurzeit über ungleichen Bildungschancen diskutiert.
Die Pisa- Studien haben gezeigt, dass Bildungschancen in hohem Maße von der sozialen Herkunft der Kinder abhängen. Der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und der Bildungsbeteiligung von Personen, hat sich zwar im Zuge der Bildungsexpansion reduziert, setzt sich aber nach wie vor fort. So stehen die Chancen, das Gymnasium zu besuchen für die Kinder aus der „ oberen Dienstklasse“ um das Sechsfache höher als für die Kinder aus Facharbeiterfamilien. 4
Allerdings hat sich die Zusammensetzung der Gruppe der Kinder, die im Bildungssystem benachteiligt ist, geändert. In den 1960er Jahren war es noch die „„katholische Arbeitertochter vom Lande““, die zu der Gruppe der Benachteiligten gehörte, heute ist der „„ Migrantensohn““, der die Bildungsbenachteiligung repräsentiert. 5
1 Vgl. Hamburger 2009, S.44.
2 Vgl. Statistisches Bundesamt, Bevölkerung und Migrationshintergrund 2008, S.60.
3 Diese Arbeit verwendet den Ausdruck „Migrant“ als Synonym für Personen mit Migrationshinter-
grund. Zur besseren Lesbarkeit werden Umschreibungen wie „ mit türkischem Migrationshintergrund“
Türkischstämmig“, „ türkischer Herkunft“, „ türkischer Migrant“.
4 Vgl. Baumert/Schümer Pisa 2001; Pisa 2006.
5 Vgl. Geissler 2005, S.71-83.
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Obwohl auch Kinder mit Migrationshintergrund häufiger an höherer Bildung teilhaben als früher, erhalten sie bei gleicher Lesekompetenz und gleicher sozialer Herkunft weniger Lehrerempfehlungen für die weiterführenden Schulen als die deutschen Kinder. Die durchgeführten Pisa- Studien zeigen, dass Migrantenkinder in fast allen Einwanderungsländern der OECD( Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) mehr oder weniger große Leistungsdefizite im Lesen, in Mathematik und in der Naturwissenschaft gegenüber den Einheimischen aufweisen. Allerdings sind diese Defizite in Deutschland am größten.
Offensichtlich gelingt es in Deutschland nicht, das Leistungspotenzial von jungen Menschen mit Migrationshintergrund richtig zu fördern und zu entwickeln. 6 Die Kenntnisse der Unterrichts- und Verkehrssprache Deutsch spielen eine Schlüsselrolle bei Kompetenzerwerb und Bildungserfolg der mehrsprachigen Migrantenkinder und damit haben viele Kinder Probleme. 7
Die Probleme der Kinder mit Migrationshintergrund beginnen bereits im vorschulischen Bereich. 2007 besuchten in Deutschland 90 Prozent aller Drei- bis Fünfjährigen eine Kindertageseinrichtung, aber nur 64 Prozent der Migrantenkinder. Dabei ist belegt, dass gerade Kinder aus bildungsfernen und zugewanderten Familien von einem möglichst frühen Kindergartenbesuch profitieren: Sie werden seltener bei der Einschulung zurückgestellt, und ihre Chancen, später Gymnasium zu besuchen, verdoppeln sich. 8
So wird die Sprachförderung in der aktuellen bildungspolitischen Diskussion zu einem wichtigsten Bildungs- und Förderbereiche der Frühpädagogik mit dem Ziel nicht nur mehrsprachige Kinder mit Migrationshintergrund zu fördern und zu unterstützen, sondern auch die einsprachige Kinder. 9
Jedoch sind nicht alle Nachteile der Migranten Kinder ausschließlich Folgen von Deutschdefiziten. Welche weiteren Ursachen eine Rolle spielen, ist nur unzureichend geklärt. In Frage kommen sowohl schulische Faktoren, wie unzureichende Förderung in den Familien, aber auch die familiale Faktoren wie Einreisealter, Verweildauer von
6 Vgl. Becker/ Biedinger 2008, S.276.
7 Vgl. Thiersch 2007, S.9.
8 Vgl. Becker/Tremel 2006, S. 414.
9 Vgl. Braun/ Overmann /Güleryüz 2004, S.1.
2
Kindern und Eltern, Rückkehrabsichten, Offenheit bzw. Abschottung gegenüber der deutschen Kultur und Gesellschaft. 10
Außerdem wusste bis vor kurzem noch niemand, wie viele Menschen mit Migrations-hintergrund in Deutschland überhaupt leben und wie und vor allem wie gut oder weniger gut sie in der Gesellschaft integriert sind. Denn die offizielle Statistik differenziert nur noch nach der Staatsbürgerschaft, das bedeutet, dass die Menschen mit Migrations-hintergrund, die sich eingebürgert oder die deutsche Staatsbürgerschaft mit der Geburt erhalten haben, nicht berücksichtigt werden.
Auch die bisherigen Studien beschäftigten sich mit der Gruppe der Ausländer, die nicht eingebürgert sind. Inzwischen verfügt eine gleich große Gruppe der Menschen mit Mig-rationshintergrund über die Deutsche Staatsbürgershaft, ohne dass dadurch ihre Integration problemfrei verläuft.
Außerdem dominierte bisher in der deutschen Migrantenforschung (…), eine Defizit- Perspektive),in der man die Migranten bemitleidete oder als Opfer darstellte. Deshalb war bislang eine Diskussion über die Menschen mit Migrationshintergrund ohne Vorurteile kaum möglich. 11
Dabei stellt sich bereits die Bezeichnung „ Migrant“- aus Sicht der Menschen mit Mig-rationshintergrund als eine „(…)“; „pauschalisierende, stigmatisierende und diskriminierende“ „(…)“, Kategorie dar. Es transportiert die Botschaft, es handele sich um eine homogene Gruppe mit ähnlichen Werten Interessen und Lebensstilen. 12
Wichtig ist zu verstehen, dass „ …“, „Migrant ist nicht gleich Migrant“ Denn jeder Migrant verfügt über einen unterschiedlichen Bildungsstand und bringt bei der Ankunft in Deutschland unterschiedliche Voraussetzungen mit und hat demzufolge unterschiedliche Startchancen. Ein z.B. iranischer Akademiker verfügt über ein anderes kulturelles
10 Vgl. Stanat 2006, S.189-195.
11 Vgl. Institut für Bevölkerung und Entwicklung 2009, S.4-5; Wippermann/ Flaig 2009, S.3-4; Becker/
Tremel 2006, S.414.
12 Vgl. Braun/ Frech 2007, S. 27.
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Kapital und befindet sich in einer anderen sozialen Lage als ein Arbeiter aus dem Tschad oder Ostanatolien. 13
Im Folgenden werden zunächst die Begriffe der Integration, des Migrationshintergrundes und der sozialen Lage erläutert.
Anschließend werden wichtigste Ergebnisse der Berliner Studie „ Ungenutzte Potenzia- le,Zur Lage der Integration in Deutschland“ skizziert. Anhand von Befunden aus der Studie werden aus acht Migranten Gruppen die vier größten Gruppen vorgestellt. Außerdem soll versucht werden die Stärken und Schwächen der einzelnen Herkunftsgruppen zu identifizieren. Gleichzeitig gehen wir der Hauptfrage der Untersuchung nach: Welche Gruppen von Migranten und auf welche Weise sind integriert? Ferner schauen wir die Gruppe der Aussiedler 14 und die Migranten mit Türkischen Mig-rationshintergrund gesondert an. Diese Gruppen von Migranten gelten in der heutigen Gesellschaft in sozialer, kultureller und/oder politischer Sicht als besonders „problematisch“. Mit Hilfe der Studie versuchen wir herauszufinden, ob diese öffentliche Vorstellung sich bestätigt.
2. Was verstehen wir unter Integration
Der Prozess der Integration in die Gesellschaft stellt eine zentrale Aufgabe im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung dar. So wurde in der sozialwissenschaftlichen Diskussion noch bis in die siebziger Jahre hinein die Integration als ein Prozess begriffen, in dem das Subjekt eher passiv in die Aufnahmegesellschaft mit ihrem Kulturkreis integriert.
Inzwischen wird Integration (sowie auch Sozialisation) als eine produktive Auseinandersetzung des Subjektes mit seiner Umwelt verstatanden. Das Subjekt nimmt seine Umgebung war, diese Wahrnehmungen werden von ihm verarbeitet, bewertet und interpretiert. Danach wirkt das Subjekt durch sein Handeln auf seine Umgebung zurück. Das
13 Vgl. Institut für Bevölkerung und Entwicklung 2009, S.4-5.
14 Als Aussiedler gelten deutsche oder deutschstämmige Minderheiten, die in Osteuropa gelebt haben,
bevor sie nach Deutschland gekommen sind. Sie haben einen Rechtsanspruch auf Einbürgerung. Vgl.
Institut für Bevölkerung und Entwicklung 2009, S. 91.
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Arbeit zitieren:
Larissa Schott, 2010, Mehrsprachigkeit als Aspekt der Lebenslage von Migranten, München, GRIN Verlag GmbH
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