Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S. 1
2. Die Entstehungsgeschichte des Orakels von Delphi S. 3
3. Die Befragung des Orakel S. 4
a. Der Ort der Befragung S. 4
b. Die Voraussetzungen für die Befragung S. 5
c. Das Los-Orakel S. 7
d. Die Prozedur der Befragung S. 7
e. Die Pythia S. 10
i. Die Erdspalte S. 11
ii. Der Dreifuß S. 12
iii. Der Gebrauch des Lorbeer S. 12
4. Die Rolle Delphis in der griechischen Kolonisation S. 13
5. Gründungsorakel S. 16
a. Strukturmerkmale der delphischen Orakel S. 16
b. Die Frage nach der Authentizität der Orakelsprüche S. 18
6. Fazit S. 19
7. Literaturverzeichnis S. 20
1. Einleitung
Die vorliegende Hauptseminararbeit soll einen Einblick in die Struktur,
Wesenszüge und die Bedeutung des Apollon-Orakels von Delphi, vor allem für die
griechische Kolonisation, geben.
Nachdem zunächst der Ursprung des Orakels von Delphi, insofern er überhaupt
darstellbar ist, besprochen wurde, wird danach näher auf die Geschehnisse
während der Konsultation des Orakels Befragung eingegangen werden. Dabei wird
ein besonderes Augenmerk auf den Ort der Befragung, die Voraussetzungen für die
Befragung und die Prozedur der Befragung gelegt. Insbesondere sollen dabei auch
die Rolle der Pythia, also des delphischen Mediums, sowie die Gründe für den
Trancezustand dieses Mediums herausgestellt werden. Als Literaturgrundlage dient
hierfür George Rouxs „Delphi: Orakel und Kultstätten“.
Im nächsten Abschnitt wird die Rolle Delphis in der griechischen Kolonisation
diskutiert. Besonders wird dabei auf die Gründungsorakel Delphis und welche
Auswirkungen diese auf die griechische Kolonisation hatten eingegangen. Auch die
Strukturmerkmale delphischer Orakel werden in diesem Zusammenhang beschrieben.
Des Weiteren soll zum Abschluss auf die Frage nach der Authentizität der
Gründungsorakel eingegangen werden. Als Literaturgrundlage dienen hierfür “The
Delphic Oracle” von Joseph Fontenrose, in welchem die erhaltenen Orakelsprüche
übersichtlich zusammengestellt sind und das Standardwerk über die Orakelsprüche
von Delphi: “The Delphic Oracle” erschienen in zwei Bänden von H. W. Parke und
D. E. Wormell.
Dadurch dass die epigraphischen Quellen im Zusammenhang mit dem Orakel von
Delphi nicht sehr hilfreich sind, da die meisten Orakelantworten praktisch nur
durch antike Autoren, unter anderem Herodot, Strabon und Plutarch, überliefert
sind, stützt sich diese Arbeit vor allem auf literarische Quellen. Die
archäologischen Quellen finden nur bei der Besprechung des Ursprungs des
delphischen Orakel und des Adytons Anwendung.
2. Die Entstehungsgeschichte des Orakels von Delphi
Die Gründung des Orakels von Delphi wird in drei antiken Werke beschrieben: im
Homerischen Hymnus an Apollon, im Prolog der Eumeniden von
Aischylos, und in Iphigenie im Trauerlande von Euripides1. Alle drei
Quellen greifen auf einen Mythos zurück, den jedoch jede in einer anderen
Version wiedergibt. So beschreibt der homerische Hymnus wie Apollon sich auf die
Suche nach einer geeigneten Stelle für ein Orakel macht und diesen in Delphi
findet, wo jedoch ein Unheil bringende weibliche Schlange2 wohnt, der Hera
befohlen hatte Typhon, den schrecklichsten aller Gegner des Zeus aufzuziehen.
Apollon tötet diese Schlange kurzerhand.3 In der späteren Überlieferung ist
diese Schlange männlich und hat eine andere Bedeutung, so wie in Euripides‘
Iphigenie im Trauerlande. Laut Euripides handelte es sich bei der Schlange
um Python, die heilige Schlange der Erdgöttin Gaia, der das Orakel von Delphi
vor Apollon gehörte.4 Eine dritte Version stammt wie schon erwähnt von
Aischylos. Dieser beschreibt im Prolog seiner Eumeniden, dass Apollon in
vierter Generation zur Übernahme des Orakels von Delphi berechtigt war. Er
erhielt es von seiner Großmutter Phoebe, die es von der Tochter Gaias, Themis,
bekommen hatte, die es wiederum von ihrer Mutter Gaia5 erhalten hatte. Es fällt
auf, dass Aischylos die Geschichte um die Schlange Python gänzlich außer Acht
lässt, um Apollon nicht als den Eroberer, der das Orakel mit Gewalt an sich
gerissen hat, darzustellen.6
Licht in die Frage nach dem Ursprung des delphischen Orakels kann mit Hilfe der
Archäologie gebracht werden. Ausgrabungen haben zu Tage gebracht, dass sich auf
dem Gelände des späteren delphischen Orakels eine Siedlung aus der späteren
helladischen Periode befand. Nach den Funden zu urteilen wurde die Gegend schon
um 1500 v.Chr. zahlreich bewohnt, da sich dort höchstwahrscheinlich ein
bedeutender lokaler Kultort befand, an dem vermutlich die Erdgöttin Gaia, eine
Hauptgöttin der Minoer, verehrt wurde.7 Delphi war also höchstwahrscheinlich
ursprünglich der Erdgöttin Gaia geweiht. Erst mit dem Auftreten Apollons, der
laut Parke und Wormell als der Eindringling gesehen werden muss, als den ihn die
Homerischen Hymnen beschreiben, wird der Kult der Gaia in Delphi
abgelöst.8
Wie das primitive Orakel der Gaia befragt wurde ist kaum bekannt und auch über
die Befragung des apollonischen Orakels weiß man nur wenig. Im Folgenden soll
vorgestellt werden, was über den Ablauf der Konsultationen des delphischen
Orakels bekannt ist.
3. Die Befragung des Orakels
a. Der Ort der Befragung
Der Ort der Befragung war der Apollontempel. Die heute noch sichtbaren Überreste
des Tempels, der auf den Grundmauern des Tempels der Alkmeoniden erbaut wurde,
stammen aus dem vierten Jahrhundert vor Christus. Der Hauptgrundriss des Tempels
ging aber höchstwahrscheinlich auf einen noch älteren Tempel zurück. Die ist
darauf zurückzuführen, dass die Tradition des ursprünglich heiligen Bezirks
gewahrt und der Plan des ursprünglichen Tempels beibehalten werden musste.9
Die Befragung des Orakels fand im westlichen am weitesten entfernten Teil des
Apollontempels, im sogenannten Adyton, das auch Manteion oder Chresterion
genannt wird, statt10. Bei diesem handelte es sich um eine „Bodensenke, eine Art
Grube, oder genauer noch (…) eine Aussparung im Steinpflaster, die dazu bestimmt
war, einen antiken heiligen Ort auf seinem ursprünglichen Niveau den Blicken
freizuhalten.“11 Den Höhenunterschied zwischen dem Boden des Megaron und dem
Adyton bestätigen auch zahlreiche Quellen, die beschreiben, dass das Adyton
durch ein „Hinabsteigen“ begangen werden musste.12 Der Höhenunterschied zwischen
dem Megaron und dem Adyton kann allerdings nicht sehr hoch gewesen sein, denn
wie sonst hätte die Pythia dem lakedaimonischen Gesetzgeber Lykurgos sein Orakel
künden können, sobald er den Tempel betrat: sie muss ihn von ihrem Sitz auf dem
Dreifuss gesehen haben können.13
b. Voraussetzungen für die Befragung
Die Befragung des Orakels von Delphi fand zunächst nur einmal im Jahr, am
siebten Tag des Monats Bysios14 statt.15 Dieser Tag galt als Jahrestag der
Geburt des Apollon und wurde dadurch als besonders feierlich und geeignet für
die Orakelbefragung angesehen. Später, zur Zeit der höchsten Blüte des Orakels,
weissagte die Pythia an jedem siebten Tag eines Monats, außer in den drei
Wintermonaten, in denen Apollon sich laut griechischer Vorstellung bei den
Hyperboreern aufhielt.16 Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Orakel auch
außerhalb der monatlichen, ordentlichen Befragungen an fast allen Tagen in einer
außergewöhnlichen Sitzung befragt werden konnte. Allerdings mussten die Befrager
in einem solchen Fall meist mit dem Los-Orakel vorlieb nehmen.17 Ein weiterer
Unterschied lag auch darin, dass eine gewöhnliche Befragung von der Stadt Delphi
offiziell organisiert wurde: im Namen der Stadt boten sie dem Apollon im Namen
aller Befrager ein Tieropfer dar und ermöglichten so allen Befragern den Zugang
zum Orakel.18 Bei einer außerordentlichen Befragung musste der Befrager für das
vorige Opfer selbst aufkommen.19
Am Tag der Befragung begab sich die Pythia kurz nach Sonnenaufgang zur Kastalia,
um sich durch rituelle Waschungen zu reinigen.20 Danach verbrannte sie zur
weiteren Reinigung etwas Gerstenmehl, ihren persönlichen Pelanos, und einige
Lorbeerblätter in den Flammen des Fichtenholzes beim Altar der Hestia.21 Danach
wurde die Pythia in die heilige Stätte vorgelassen, jedoch nicht ohne vorher
festzustellen, ob Apollon an dem Tag geneigt war, sich der Pythia zu offenbaren.
Zu diesem Zweck wurde ein Opfertier, meist eine Ziege, mit Wasser besprenkelt,
um zu sehen, ob es zitterte; denn dies galt als das richtige Omen, um den Tag
als günstig für die Befragung des Orakels zu deklarieren.22 Wenn sich das
Zeichen einstellte, wurde das Tier geopfert, wahrscheinlich auf dem großen, den
Einwohnern Chios‘ geweihten Altar östlich des Tempels, um den Befragern
anzuzeigen, dass der Tag für die Konsultation des Orakels geeignet war. Nun
begab sich die Pythia in den Tempel und setzte sich auf den Dreifuß. In der
Zwischenzeit haben sich die Hosoi23 und der Prophet ebenfalls einer Reinigung in
der Kastalia-Quelle unterzogen. Auch die Befrager des Orakels mussten sich mit
dem heiligen Wasser der Quelle reinigen, bevor sie sich in den Tempel begeben
konnten.
Nun musste noch festgelegt werden, in welcher Abfolge die Befrager zur Pythia
vorgelassen werden sollten. Dabei galt es eine bestimmte Reihenfolge zu
beachten. So hatten die Bewohner Delphis vor allen anderen das Recht die Pythia
zu befragen, nach ihnen kamen die die übrigen elf Mitgliedervölker der
Amphiktionie24 und zum Schluss die Nicht-Griechen.25 Diese Abfolge der Befrager
konnte jedoch durch ein bestimmtes Vorrecht, die Promantie, geändert
werden. Es konnte durch die Stadt Delphi an Privatpersonen, Gemeinschaften,
Städte oder Völker vergeben werden und berechtigte diese das Orakel vorzugsweise
befragen zu dürfen, allerdings hatten die Bewohner Delphis trotz der
Promantie einiger anderer immer das Recht das Orakel als Erste zu
befragen.26
[...]
1 Herbert W. Parke, Donald E.W. Wormell, The Delphic Oracle Volume I: The
History, Oxford 1956, S.3.
2 Manche Quellen sprechen auch von einem Drachen.
3 Hugh Loyd-Jones, “The Delphic Oracle”, in: Greece and Rome Bd. 23, Nr. 1,
1976, S. 60-73, hier S. 61.
4 Ebd. S. 61.
5 Ebd. S. 61.
6 George Roux, Delphi: Orakel und Kultstätten, München 1971, S. 48.
7 Parke; Wormell, Delphic Oracle, S.5.
8 Parke; Wormell, Delphic Oracle, S.5.
9 Roux, Delphi, S. 91.
10 Parke; Wormell, Delphic Oracle, S.5.
11 Roux, Delphi, S. 104.
12 Ebd. S. 100. So stieg nach Pindar Battos, der künftige Gründer Kyrenes, der
das Orakel befragen wollte, „in den Tempel des Gottes hinab“ und nach Plutarch
stieg der korinthische Feldherr Timoleon „in das Manteion“ hinab.
13 Roux, Delphi, S. 99.
14 Der Monat Bysios entspricht der letzten Hälfte des Monats Februar und der
ersten Hälfte des Monats März.
15 Herbert W. Parke, “The Days for Consulting the Delphic Oracle”, in: The
Classical Quarterly Bd. 37, Nr.1/2, 1943, S. 19-22, hier S. 19.
16 Veit Rosenberger, Griechische Orakel: Eine Kulturgeschichte, Stuttgart 2001,
S. 49.
17 Loyd-Jones, The Delphic Oracle, S. 66.
18 Kai Trampedach , Politische Mantik. Studien zur Kommunikation über
Götterzeichen und Orakel im klassischen Griechenland, Konstanz 2003, S. 137.
19 Roux, Delphi, S.74.
20 Parke; Wormell, Delphic Oracle, S.31.
21 Roux, Delphi, S. 135.
22 Parke; Wormell, Delphic Oracle, S. 31.
23 Die Hosoi sind Mitglieder eines Priesterclans, der sich sowohl dem Kult des
Dyonisus als auch des Apollon gewidmet haben.
24 Die Amphiktyonie war ein Bund von zwölf mittel- und nordgriechischen Stämmen
und Staaten, die es sich u.a. zur Aufgabe gemacht hatten, das Orakel zu
schützen.
25 Roux, Delphi, S. 75.
26 Ebd. S. 76.
Arbeit zitieren:
Julia Linnarz, 2008, Die Rolle Delphis in der griechischen Kolonisation, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 22 Seiten
Die Vesuvbriefe des jüngeren Plinius
Inszenierungen im Rahmen einer...
Klassische Philologie - Latinistik - Literatur
Hausarbeit, 19 Seiten
Der Vesuvausbruch des Jahres 79 n. Chr. Die literarische Verarbeitung ...
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hauptseminararbeit, 15 Seiten
Plinius der Jüngere während des Vesuvausbruches 79 n. Chr. (epist. 6,2...
Klassische Philologie - Latinistik - Literatur
Hauptseminararbeit, 27 Seiten
Die Gründungsorakel in den Historien Herodots in ihrem Kontext - Zent...
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 20 Seiten
Die Bedeutung und Funktion von Bildern im Geschichtsunterricht
Seminararbeit, 19 Seiten
Zwischen Fiktion und Rekonstruktion - Können Historienbilder einen Bei...
Seminararbeit, 33 Seiten
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike: Die Rolle Delphis in der griechischen Kolonisation ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Jose E. Gonzalez Modecir gefällt Die Rolle Delphis in der griechischen Kolonisation
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike: neuer Titel erschienen: Die Rolle Delphis in der griechischen Kolonisation
Assimil. Griechisch ohne Mühe. Lehrbuch
Die Methode für jeden Tag - Ni...
Katerine Kedra-Blayo, Jean-Loup Chérel, Vasili Bachtsevanidis
PONS Kompaktwörterbuch Griechisch. Griechisch-Deutsch /Deutsch-Griechi...
Dimitrios Karajannakis
Die griechisch-römische Antike, Die griechische Polis, Alexander der G...
Fachbereich: Alte Geschichte
Hartwin Brandt, Ralf Behrwald, Martin Zimmermann
Griechische Texte von Herodot,...
Viktor Streicher, Martin Schöffberger
Griechisch- Deutsches Schul- und Handwörterbuch. Neubearbeitung
Wilhelm Gemoll, Karl Vretska, Renate Oswald
0 Kommentare