Inhalt:
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1. Einleitung
Nachdem die lateinamerikanischen Kolonien nach langwierigen und komplizierten Sezessionskriegen mit ihren iberischen Mutterländern formal ihre politische Unabhängigkeit besiegelt hatten, waren die Erwartungen der seit dem Ende der Kolonialzeit politisch aufsteigenden kreolischen Eliten groß: Der Auflösung der kolonialen Herrschafts- und Verwaltungsstrukturen sollte bald die Bildung neuer staatlicher Institutionen folgen, die ihre Macht über die gesamten Territorien der jeweiligen neu entstanden Ländern behaupten und so die Souveränität der nach außen hin unabhängigen Staaten auch intern konsolidieren sollten. So - hofften die kreolischen Eliten - würden sich die Staaten durch politische Einheit und wirtschaftliche Prosperität bald in das Konzert der modernen Staaten einreihen und sich gegenüber den Großmächten Europas und dem aufsteigenden Riesen Nordamerika behaupten. Doch diese großen Erwartungen machten bald allgemeiner Ernüchterung Platz, da sich die liberale Verfassungstradition, die die Staaten Europas kennzeichnete und an der sich die Oligarchie Lateinamerikas bei dem Entwurf staatlicher Organe und politischer Institutionen orientierte, nur schwer auf die soziopolitischen Rahmenbedingungen Lateinamerikas übertragen ließ. So stehen in nahezu allen Staaten Lateinamerikas den Eckpfeilern der Souveränität moderner Staaten - nämlich eine zentrale Regierung, die ihre Macht über ein einheitliches Staatsvolk und ein fest umgrenztes Territorium entfaltet - gegenläufige Strukturen und Prozesse gegenüber, die bis heute die Möglichkeiten politischer und ökonomischer Modernisierung einschränken. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine vergleichende Analyse der Staatenbildungsprozesse in Kolumbien und Venezuela, bei denen die skizierten Probleme deutlich zum Tragen kommen. Obwohl Kolumbien und Venezuela im Rahmen der Integration ihrer Territorien im Vizekönigreich Nueva Granada auf eine gemeinsame Kolonialgeschichte zurück blicken, weisen die beiden Fälle der Staatenbildungsprozesse nach der Desintegration der kolonialen Verwaltungseinheiten sehr unterschiedliche Charakteristika und Probleme auf. Die Arbeit wird zeigen, dass generalisierende historische Analysen der Staatenformierungsprozesse wie sie Peter Waldmann in seinem Werk Der anomische Staat 1 vornimmt, der Interpretation aktueller Herausforderung bei der Zentralisierung der physischen Gewaltmittel und Probleme der politisch-konstitutionellen Ordnung zwar dienlich sein können, bei der Forschung an konkreten Fällen wegen der tatsächlichen Heterogenität historischer Vorgänge schnell an ihre Grenzen stoßen. Dies zeigen auch die beiden hier behandelten Fälle, die zwar für Lateinamerika allgemein typische defizitäre Entwicklungen in der Staatsbildung in Lateinamerika aufweisen, sich aber in ihren konkreten historischen Vorgängen deutlich unterscheiden. So entstanden nach der Auflösung der Einheit des Vizekönigreichs in Kolumbien bald zwei Parteien (der Partido Liberal und der Partido Conservador), welche, sich auf die von lokalen caudillos aufgebauten Klientelbeziehungen stützend und in ständigen Konflikten unter ihnen sowie mit der Zentralmacht Bogotá, die Staatsbildungsprozesse regionalisierten. Dagegen blieb in Venezuela die Gründung starker Parteien fast während des ganzen 19. Jahrhunderts aus, weshalb
Vgl. Waldmann, Peter (2002): Der anomische Staat, Hemsbach: Leske und Buderich.
die zentralen Akteure der Staatsbildungsprozesse vor allem regionale caudillos waren, die durch den Unterhalt von privaten Prätorianerheeren die Zentralisierung des Gewaltmonopols erfolgreich verhinderten. Erst gegen Ende des Jahrhunderts wurde der Prozess von einer zunehmend professionalisierten und zentralisierten Armee getragen.
Dieser Argumentation folgend wird die These vertreten, dass die unterschiedlichen Prozesse der Staatsbildung bis heute in der soziopolitischen Realität der beiden Länder deutlich nachwirken und Muster zu erkennen sind, die auf die Unvollständigkeit und Kontinuität des Staatenbildungsprozesses schließen lassen. Auch wenn der Bogen zunächst zu weit gespannt scheint, liefert die vorliegende Arbeit einen historischen Erklärungsansatz, weshalb Kolumbien und Venezuela, trotz ihrer kulturellen Gemeinsamkeiten und historischen Verbundenheit, wegen verschiedener Formen der Staatsbildung sich heute langfristig mit unterschiedlichen Problemen politischer und sozialer Natur konfrontiert sehen. In diesem Sinne stellt die Frage nach den zentralen politischen Vorgängen der beiden Ländern im 19. Jahrhundert, welche die heute sehr unterschiedlichen politischen Traditionen und das Aufkommen sich opponierender politischer Projekte unter Álvaro Uribe in Kolumbien und Hugo Chávez in Venezuela erklären könnten, den Leitfaden der Arbeit dar. Ausgehend von der Desintegration des Großstaates Nueva Granada, wird aufgezeigt, wie sich die soziopolitischen Gegensätze, welche diese bedingten, im Verlauf des 19. Jahrhunderts noch weiter vertieften. Die in der Arbeit dargelegten Interpretationsansätze über die Strukturen und Prozesse der Staatsbildung im 19. Jahrhundert stützen sich auf eine reiche Forschungsliteratur, sowohl hinsichtlich allgemeiner Probleme des Entstehens der Staaten in Lateinamerika als auch spezifischer Analysen der Prozesse in Venezuela und Kolumbien. 2 Die auf die historischen Interpretationen aufbauenden Reflexionen über die heutigen Konsequenzen defizitärer und unvollständiger Staatenbildungsprozesse in Venezuela und Kolumbien orientieren sich vor allem an Essays, die sich mit der Beziehung zwischen Strukturen mangelhafter staatlicher Institutionen und Demokratie beschäftigen. 3
Was allgemeine Reflexionen über die Staatenbildungsprozesse in Lateinamerika angeht, bietet der Soziologe Peter Waldmann in seinem Werk über die Anomie des lateinamerikanischen Staates eine ausführliche Einführung über defizitäre Vorgänge der Staatenbildung im Lateinamerika des 19. Jahrhunderts; Vgl. Waldmann, Peter (2002): Der anomische Staat, Hemsbach Verlag. So auch der einführende Teil des Werkes von Fernando López Alves, das im Rahmen einer komparativen Analyse der Staatsformierung eine Reihe südamerikanischer Länder einbezieht, unter anderem auch die Fälle Kolumbiens und Venezuelas ; Vgl. López Alves, Fernando (2003): La formación del Estado y la democracia en América Latina, Bogotá: Editorial Norma. Was spezifische Vorgänge in Venezuela angeht, stützt sich die Arbeit auf die Reflexionen des Historikers Hans-Joachim Königs und einiger weiterer Essays z. B. von Jaime Jaramillo Uribe und Germán Carrera Damas; Vgl. König, Hans-Joachim (1994): En el camino hacia la nación, Bogotá: Banco de la República; Jaramillo Uribe, Jaime (1984): „Nación y región en los orígenes del Estado nacional en Colombia“ und Carrera Damas, Germán (1984): „Estructura de poder interna y proyecto nacional inmediatament después de la Indepedencia: el caso de Venezuela“, in Buisson, Inge (Hrsg. u.a.): Problemas de la formación del Estado y de la nación en Hispanoamérica, Köln: Böhlau Verlag GmbH.
3 Zum Beispiel Offe, Klaus (2009): „Las democracias liberales: características generales y deficiencias actuales de calidad“, in: Márquez Restrepo, Martha Lucía (Hrsg. u.a.): Democracia y ciudanía. Problemas, promesas y experiencias en la Región Andina, Bogotá: Editorial Javeriana, p. 21-41.
2. Probleme der Staatenbildung in Lateinamerika
Ohne sich auf eine eurozentrische Perspektive zu versteifen, stellt die historische Evolution der Staaten Europas für die Analyse der Dynamiken der Staatenformierung in Lateinamerika einen wichtigen Referenzrahmen dar. Dies nicht nur, weil der moderne liberale Staat seinen Ursprung in Europa hat und sich bis heute als politisches Modell der Integration und Machtausübung beinahe über den gesamten Globus verbreitet hat, sondern auch, weil sich die kreolischen Eliten Lateinamerikas nach den Unabhängigkeitskriegen bei dem Entwurf politischer Institutionen bewusst an der europäischen Staatsverfassungstradition orientierten. 4 Nachdem die absolutistischen Regime Europas ihre politischen Ressourcen auf die Zentralisierung der Verwaltungsvorgänge und die Errichtung eines Gewaltmonopols über ein klar abgegrenztes Territorium konzentriert hatten, war das Zeitalter der feudalen Ordnung des mittelalterlichen Europas beendet, das politisch durch ein unübersichtliches System von überlappenden Machtansprüchen und Konflikten zwischen weltlichen Herrschern wie Fürsten, Königen und Kaisern einerseits und der geistlichen Macht andererseits geprägt war. Mit dieser Umgestaltung der politischen Ordnung durch Zentralisierung- und Monopolisierung der Macht war vor allem auch eine Umorientierung kollektiver Identitäten verbunden, da politische Macht nun nicht mehr auf die Integration der europäischen Bevölkerung innerhalb der Vorstellung einer universellen Christenheit basierte, sondern absolutistischen Monarchen ihre Herrschaft mit der Konstruktion eines kollektiven Schicksals eines einheitlichen Staatsvolkes mit gemeinsamen ethnischen, linguistischen und religiösen Eigenschaften legitimierten. Diese diskursiven Dynamiken legten den Grundstein für das moderne Konzept des Nationalstaates. Außerdem ging mit der schrittweisen Zentralisierung der politischen, militärischen und bürokratischen Macht über ein einheitliches Staatsvolk und ein klar umgrenztes Territorium auch die Entwicklung eines politischen und philosophischen Diskurses über Souveränität einher. 5 Zunächst gingen Theoretiker wie Hobbes und Bodin Mitte des 16. Jahrhunderts davon aus, dass die sozialen und religiösen Spannungen der Reformationszeit am besten durch ein Herrschaftssystem, in dem die ungeteilte und absolute Souveränität sich in einer Person konzentriert, zu kanalisieren und zu lösen seien. Doch mit dem Aufkommen liberaler politischer Ideen setzte sich zunehmend die Idee der Volkssouveränität durch. Autoren wie John Locke traten ab dem Ende des 18. Jahrhunderts für die Einschränkung der monarchischen Willkür durch die Herstellung konstitutioneller Prinzipien ein, die auf einem vertikalen und horizontalen Konsens zwischen den herrschenden Eliten und Untertanen und zwischen letzteren beruhen sollten, den staatlichen Handlungsspielraum einen festen locus zuweisen
4 Vgl. “Capítulo 2. La emergencia de la sobernía y el Estado moderno”, in: Held, David (1997): La democracia y el orden global, p. 53.
5 Vgl. Ibid., p. 60.
und letzteren klar definierten Regeln und institutionalisierten Vorgehensweisen unterwerfen sollten. 6 Auf dieser Evolution der Staatstheorien aufbauend, definiert der Diskurs des demokratischen Liberalismus den Staat als eine Ansammlung von Institutionen, die das Zusammenspiel zwischen dem Staatsvolk und der Regierung reguliert und letzterer als unpersönliche und neutrale Plattform für den Entwurf und der Umsetzung von Gesetzen zur Verfügung steht. Aus dieser Perspektive wird heute der Staat - trotz des Fortbestehens polemisch geführter Debatten über die Form und Reichweite staatlichen Handelns - als eine sowohl vom Volk als auch von der Exekutivgewalt unabhängige abstrakte Größe betrachtet, auf der sich beide artikulieren, wodurch der Staat zu dem genuinen „Ort“ der Politik und zur juristischen Repräsentation der Nation wird. 7
In Lateinamerika dagegen formierte sich der Staat nicht parallel zur Entwicklung einer eigenständigen philosophischen oder poltischen Debatte über den „Ort“ oder die Reichweite des Staates und nach einer schrittweisen Zentralisierung und Disziplinierung aller administrativen, militärischen und politischen Ressourcen. Im Gegenteil, der Demontage der kolonialen Unterwerfungs- und Verwaltungsorgane folgte der Aufbau neuer staatlicher Institutionen nach dem Vorbild des europäischen Staatsmodells in Verbindung mit repräsentativer Demokratie. Obwohl eine oberflächliche Beobachtung der politischen Prozesse und Strukturen einen direkten Vergleich mit Europa zunächst sinnvoll erscheinen lässt - auch in Lateinamerika wird Politik seit der Unabhängigkeit von Prinzipien und Ideen wie liberaler Demokratie, Rechts- und Wohlfahrtsstaat geprägt -, bietet eine genauere Analyse der tatsächlichen historischen Prozesse und heutigen soziopolitischen Herausforderung Einblick in eine von dem europäischen Staatsmodell abweichende Realität. Auch wenn die kreolischen Eliten sich auf eine Verfassungsform einigten, die beinahe alle europäischen und nordamerikanischen Prinzipien und Normen kopierte, zeigte sich schon früh im 19. Jahrhundert, dass die Ansprüche, diese Normen in die politische Kultur und damit in eine neue soziale Realität zu übersetzen, zu hoch angesetzt waren und an einer Vielzahl spezifischer Rahmenbedingungen der soziopolitischen Strukturen, aber auch des internationalen Kontexts scheiterten. Der Soziologe Peter Waldmann geht daher von einer dualen Verfasstheit der lateinamerikanischen Staaten aus und begründet seine These mit Aspekten der politischen Kultur, vor allem klientelistischer und partikularistischer Orientierungsmuster, welche der Umsetzung der umfangreichen Regulierungsansprüche des Staates über soziale und ökonomische Prozesse im Weg
6 David Held hebt die Diskussion über den geeigneten locus, d.h. den Ort und die Quelle der Staatsmacht, und die Formen und Einschränkungen der staatlichen Machtausübung als die zentralen Besorgnisse der Staatstheorien hervor. Mit dem diskursiven und praktischen Übergang von der Staatssouveränität zur Volkssouveränität wird der locus schrittweise auf das Volk übertragen und die legislative und exekutive Macht seiner Repräsentanten wird durch ein konstitutionelles Normen- und Regelwerk eingeschränkt. Vgl. Ibid., p. 61. Der chilenische Politologe Fernando Mires definiert in Anlehnung an Max Weber den Staat einerseits als eine Struktur der Macht, die andererseits ein Vakuum der Macht beinhaltet, innerhalb dessen der demokratische Konkurrenzkampf zwischen politischen Akteuren ausgetragen wird: „El Estado es así un organismo de poder, pero es a la vez la institución que en su interior cobija aquel „vacío de poder“ del que habla Claude Lefort, vacío fundamental para la dinámica política ya que, si no existiera, la política tanto lucha por el poder no tendría ningún sentido.“; Mires, Fernando (2007): „Estado y política. La lucha por la democracia en América Latina”, in: Nueva Sociedad No. 210, p. 144.
Arbeit zitieren:
Christian Wimberger, 2010, Probleme der Staatenbildung in Kolumbien und Venezuela, München, GRIN Verlag GmbH
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